Nr. 111d 218. März 1946 (2) Schreiben des Landesorganisationsleiters an den Landespräsidenten mit beigefügtem Beratungsprotokoll Liberal-Demokratische Partei Deutschlands Landesverband Thüringen Weimar, den 18. 3. 1946 An den Herrn Präsidenten des Landes Thüringen W e i m a r. Dr. E / Gr. Betr.: Stellungnahme zu dem Entwurf eines Gesetzes betreffend Schaffung eines neuen Schulaufbaues in Thüringen Die LDP hat in einem Ausschuss von Schulsachverständigen die Stellungnahme des Rektors der Friedrich-Schiller-Universität in Jena zu dem vorgenannten Gesetzentwurf behandelt. Sie schliesst sich in einem ausführlichen Protokoll über die stattgehabte Beratung den Ausführungen der Universität Jena vollinhaltlich an und macht sie sich zu eigen. Liberal-Demokratische Partei Landesverband Thüringen 27 Dr. Elster [ Anlage: Protokoll ] H. Moog 28 Liberal-Demokratische Partei W e i m a r Stellungnahme zu der Begutachtung der Universität Jena über den Entwurf für Schaffung eines neuen Schulaufbaues in ThüringenDie liberal-demokratische Partei kann zunächst feststellen, dass sie sich mit den Anschauungen des Rektors der Jenaer Universität in weitgehender Übereinstimmung befindet. Zu den einzelnen Punkten haben wir folgendes zu bemerken.Zu 1), die liberal-demokratische Partei kann feststellen, dass sie sich hinsichtlich des Einheitsprinzipes in dem Gesetzentwurf in vollständiger Uebereinstimmung mit der Universitätsvertretung befindet. Es ist ganz undenkbar, dass man die vom deutschen Volk einmütig geforderte und auch von den alliierten Mächten versprochene Einheit der Nation wahren will, ohne dass man in den verschiedenen Besatzungszonen die Schulgesetzgebung zueinander abstimmt. Eine Unterlassung dieser Forderung würde mehr und mehr in Zukunft den Protest des deutschen Volkes herausfordern.Zu 2), Auch in diesem Punkt können wir den Hinweis der Universitätsleitung unterstützen, dass nämlich die Entwicklung der Intelligenz und die Erwerbung von Kenntnissen gar zu bescheiden zurücktritt gegenüber den sozialen Forderungen, die an sich selbstverständlich sind.Die früher vorhandene Konkurrenzfähigkeit des deutschen Volkes auf allen Gebieten des Weltverkehrs fordert gebieterisch auch die Rückerwerbung dieser Stellung in dm demokratischen Staate.Zu 3) Die Stellung der Religion in der Schule bietet zweifellos das schwierigste Problem in jeder Schulgesetzgebung eines modernen Staates. In dem vorliegenden Gesetzentwurf ist der bestehende und bis jetzt nirgends gelöste Knoten der Aufgabe nicht gelöst, sondern nur durchhauen. Das bedeutet das Ausweichen gegenüber der Schwierigkeit der Aufgabe durch die staatliche Gesetzgebung.Die Demokratie würde eine Schwäche verraten und einen schweren politischen Fehler begehen, wenn sie die seelischen Kräfte des religiösen Lebens ignorieren und staatsfeindlichen Kräften zur Kultivierung überlassen wollte – denn auch Aberglaube und Fanatismus erhalten dann ein sicheres Sondergebiet für ihre Ausbreitung. Es ist in diesem Punkte zweierlei wohl zu unterscheiden, nämlich der konfessionelle Religionsunterricht im Interesse der Kirchen einerseits und die allgemeine religiöse Erziehung im Interesse des Staates andererseits.Der erstere hat immer das Ziel, den jugendlichen Menschen in einem bestimmten Glauben zu bannen. Der andere bemüht sich, die religiösen Grundkräfte im Zögling blosszulegen, zum Bewusstsein zu bringen und den Menschen auch ihnen gegenüber zur freien Beherrschung und richtigen Wertschätzung im modernen Staatsbürger zu bringen. Staatsgemeinschaft und Religionsgemeinschaft werden dabei ins Bewusstsein gehoben, nicht als feindliche, sondern als polarisch sich ergänzende Grundkräfte der modernen Kultur, die den Glaubenshass entwurzelt und die Toleranz des freien Menschengeistes aufrichtet gegenüber allen unduldsamen Neigungen und Parteiungen. Was dabei gelehrt wird, ist nichts anderes, als eine Art Kulturphilosophie, die erst den freien Menschen schafft und die ganze deutsche Kultur mit all ihren, auch heute noch lebendigen Schöpfungen, zum Verständnis bringt. Keine innerlich starke Partei braucht solche Unterweisung zu fürchten und auch der Kommunist ebenso wie der liberale Mann kann dabei die Entdeckung machen, dass das moralische Fundament seiner Anschauungen im Urchristentum wurzelt.So können wir unseren Standpunkt im Paragraph 3, Abs. 2 so zusammenfassen, dass dieser Satz richtig ist, wenn man den Religionsunterricht auffasst als eine Angelegenheit der Kirche und die Teilnahme daran Eltern, Lehrern und Schülern freistellt, dabei aber von Staats wegen wohlwollende Haltung in Gewährung von Lehrmitteln und Lehrkräften freigibt, soweit nicht andere Lehrfächer benachteiligt werden.Religiöse Erziehung in unserem Sinne ist dann freilich eine Aufgabe, die nicht nur in diesem Lehrfache, sondern auch im Geschichts- und Literaturunterricht und Kunstunterweisung eine Rolle zu spielen hat. Ihre Durchführung erfordert dabei nicht nur weiteste Kenntnis, sondern auch feinfühlige Behandlung der innersten seelischen Probleme. Es war eine Eigentümlichkeit der Thüringischen Gesetzgebung in der Zeit der Republik, 29 dass man dieses schwierige Problem im loyalen Zusammenwirken zwischen Schule und Kirche als Gemeinschaftsschule gelöst und dabei die gewaltige Mehrheit der Eltern hinter sich gehabt hat. [Zu 4)] [Die neue Schulgesetzgebung] 30 zu 4 der Stellungnahme der Universität betreffend § 3 des Gesetzentwurfes möchten wir folgendes hinzufügen. Die Tendenz des Gesetzentwurfes, Aufbau und Gliederung [der Schule] 31 möglichst zu vereinfachen, verdient zweifellos Anerkennung. Es tritt aber dabei ein Bestreben zutage, das Niveau der Gesamtheit der Schüler in geistiger und sozialer Hinrich möglichst hoch hinaufzurücken, dabei aber die bestehenden Möglichkeiten in der Auswirkung ausser Acht zu lassen. Wir können daher nur der Universität beipflichten, wenn sie davor warnt, eine gewaltsame Anhebung der Geister durchführen zu wollen auf Kosten der wirklich Begabten. Dabei kommt immer eine Herabdrückung der Intelligenz, aber keine Hebung der schwachen Elemente zustande, die ja überall in der Welt die grosse Mehrheit bilden; jeder fähige Lehrer wird zum Beispiel wissen, dass die Erlernung einer fremden Sprache nur für einen kleineren Teil der Volksschüler Gewinn bringt, während die Mehrheit der Schüler bis an das Ende der Volksschule sich müht, die Muttersprache wirklich zu beherrschen; die Forderung schon im fünften Schuljahr in Angriff zu nehmen, erscheint daher als eine Ueberspannung des Zieles in der Volksschule, die niemand Nutzen bringt. Eine Ausscheidung der Begabten für den fremdsprachlichen Unterricht von diesem Schuljahr an, sei es in besonderen Klassen oder in besonderen Kursen, wird daher nicht zu vermeiden sein. Die Bemessung der Aufbauschule auf 4 Jahre erscheint auch uns als ein allzu kurzes Verfahren, wenn man dieses Schülermaterial auf eine akademische Hochschule überführen will. Doch müssen wir der Universität überlassen, ihren Standpunkt selbst im Interesse des Universitätsbetriebes zu führen. Die hohe Wertschätzung der Universitätsleitung für die antike Bildung können wir durchaus verstehen, als allgemeine Grundlage des Schulwesens kann sie heute nicht mehr in Frage kommen. Die philologische Suprematie 32 dieser antiken Bildung im Schulwesen hatte im 19. Jahrhundert seine Begründung, aber nicht heute mehr. Sie hatte ihre Berechtigung in einer Ueberflusswirtschaft, die sich wohl auch einen Luxus gestatten konnte. Heute gilt es, das unbedingt Notwendige zuerst zu leisten zur Lösung der furchtbarsten Aufgaben im Notwendigen, in Wirtschaft, Technik, Weltverkehr. Die allgemeine Grundlage des höheren Schulwesens kann jetzt nur sein, Naturwissenschaft in all ihren Zweigen, Mathematik, soziales Verständnis, fremde Sprachen – alles, um den Wettbewerb in der Welt zu bestehen. Antikes Kulturgut kann nur der Gegenstand besonderer Behandlung in Oberklassen der höheren Schule sein. Zu 5) 33 der Kundgebung der Universitätsleitung können auch wir nur betonen, dass die Frage der Lehrerausbildung eine sehr schwere Aufgabe der Zukunft bedeutet. Man erweist ihrer Lösung keinen Dienst, wenn man sie einfach der Universität überweist, ohne den grossen Unterschied in der Aufgabe des Volksschullehrers und des Lehrerpersonals für die höheren Schulen gleichsetzt. 34 Die unterrichtliche Behandlung des Volksschülers 35 ist keine leichtere Sache als die des Studenten, aber sie ist nach dem Objekt ganz anders geartet. Die Inangriffnahme einer neuen Lehrerbildung zur Beschaffung von Lehrern a tout prix 36 ist ein kühnes Unternehmen, dessen Ergebnisse und Wirkungen, auch in sozialeer Beziehung noch gar nicht abzuschätzen sind. Auch hier können wir nur dem Standpunkt der Universität beitreten, dass das Interesse der Sache eine Hinausschiebung der Entscheidung und Durchführung wünschen lässt. Zu 7). 37 Der Zustimmung der Universität zu der von der Besatzungsmacht ausgesprochenen Stärkung der Stellung des Landespräsidenten gegenüber der Zentrale können wir uns nur anschliessen. Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 1746, Bl. 174r (Anschreiben), Bl. 171r-173r (Protokoll) (ms. Ausfertigungen).

27 Stempel. 28 Hs. Vermerk. 29 Weimarer Republik. 30 Offensichtlicher Protokollfehler; „zu 4)“ ergänzt. 31 Ergänzt. 32 Im Protokoll „S[u]premetie“. 33 Herausgerückt. 34 So im Protokoll; gemeint ist „zu beachten“. 35 So im Protokoll; gemeint ist „des künftigen Volksschullehrers“. 36 Um jeden Preis. 37 Herausgerückt.