Nr. 384a3. Oktober 1947
Hermann Brill: Nachrichten zur Biographie von Dr. Rudolf Paul
Dr. H. L. Brill (3.10.1947)

Nachrichten zur Biographie von Dr. Rudolf Paul 1

1. Rudolf Paul stammt aus einer kleinbürgerlichen Familie Ostthüringens. Er studierte vor dem 1. Weltkriege in Jena Rechtswissenschaften. Sein Studium wurde durch den Krieg unterbrochen, so daß er erst im Sommer 1920 zu den damals geschaffenen erleichterten Bedingungen die Referendarprüfung ablegen konnte. Auch seine juristische Ausbildung war durch geringere Anforderungen, die an Kriegsteilnehmer gestellt wurden, eine mangelhafte. Ende 1922 bestand er unter denselben Verhältnissen die Assessorprüfung. Unmittelbar danach wurde er als Staatsanwaltschaftsrat beim Oberstaatsanwalt des Landgerichtsbezirkes Gera in den thüringischen Staatsdienst übernommen. Schon im März 1923 machte er von sich reden, weil er die Verhaftung einer größeren Anzahl von Personen, die des Nationalsozialismus verdächtig waren, verfügt hatte und sich einige Tage weigerte, diese Personen auf ein Ersuchen des Reichsministers des Innern hin frei zugeben. Als der thüringische Justizminister, Dr. Rittweger, ihm den dienstlichen Befehl zur Enthaftung dieser Personen erteilte, weil nach Lage der damaligen Gesetzgebung gegen sie strafrechtlich nicht vorgegangen werden konnte, führte Dr. Paul zwar diese Anordnung aus, hielt jedoch danach vor einer Versammlung von Betriebsräten eine Rede, die mit einer Protestentschließung gegen die Reichs- und Landesregierung abschloß. So beweist bereits sein erstes Auftreten seine Geltungssucht, seinen Egoismus und seine Unfähigkeit, sich im öffentlichen Leben einzuordnen. Vorfälle dieser Art wiederholten sich im Jahre 1923 mehrmals. Unter Berufung auf seine Zugehörigkeit zur Deutschen Demokratischen Partei fand er mit Mitteilungen über seinen angeblich selbständigen Kampf und über das angebliche Versagen seiner vorgesetzten Behörden öfter auch Zugang in die sogenannte bürgerliche Presse. In der sozialdemokratischen und kommunistischen Presse ließ er sich hingegen gern „der rote Staatsanwalt“ nennen. Auch dieser Vorgang ist für seine Persönlichkeit bezeichnend: Dr. Paul hat immer versucht, verschiedene Eisen in verschiedenen Feuern zu haben, um für alle Eventualitäten gerüstet zu sein. Als im Herbst 1923 die Kommunisten versuchten, eine „Arbeiter- und Bauernregierung“ auf die Beine zu stellen und sich dazu der Geraer Betriebsräte bedienten, war Dr. Paul sofort mit von der Partie. Er agitierte lebhaft gegen die sozialdemokratischen Fraktionsführer, die die Absichten der KPD, eine solche Regierung als Vorstufe zur Errichtung einer Diktatur ihrer Partei zu benutzen, bekämpften. Immer hat Dr. Paul in diesen Wochen seine nominelle Zugehörigkeit zur Deutschen Demokratischen Partei sozusagen als Schutzfarbe für seine politische Natur gebraucht. Jedoch nützten ihm diese Dinge im Frühjahr 1924 nichts, als die sozialdemokratische Regierung durch eine bürgerliche Rechtsregierung abgelöst wurde. Dr. Paul wurde zwar nicht entlassen, man bedeutete ihm aber, daß an ein Fortkommen bei der Art seines nach politischen Effekten haschenden Auftretens [nicht zu] 2 denken sei. Dr. Paul verstand diesen Wink, schied aus dem Staatsdienste aus und wurde Rechtsanwalt am Amts- und Landgerichte in Gera.
Während des 1. Weltkrieges war Dr. Paul zuletzt Fliegeroffizier und stand in engen kameradschaftlichen Beziehungen zu dem damaligen Hauptmann und Kommandeur des Kampfgeschwaders Richthofen, Hermann Göring. Er hat sich dieser Beziehungen oft gerühmt.
2. In den Jahren 1924 bis 1932 gehörte Dr. Paul zu den erfolgreichsten Anwälten Ostthüringens und Westsachsens. Die Art der Führung seiner Anwaltschaft zeigt abermals die politische Doppelnatur seines Wesens. Er heiratete die Tochter des Eigentümers des größten Geraer Kaufhauses, Biermann, das wegen der ersten Qualität seiner Stoffe und seiner geschmackvollen Modelle bekannt war. Die Biermanns gehörten dem mosaischen Bekenntnis an und zählten zu den reichsten Leuten in Gera. Durch diese Familienverbindung gelang es Dr. Paul, Industrieanwalt zu werden. 3 Sein Einkommen war seinen Verbindungen entsprechend. In den Jahren 1924 bis 1927 gab er trotz mehrmaliger Aufforderung des Finanzamtes keine Einkommensteuererklärung ab, ließ sich demgemäß vom Finanzamte einschätzen und bezahlte ohne Widerspruch die Einschätzungen, die sich 1924 auf 20 000 Rentenmark bzw. Reichsmark, 1925 auf 40 000 und 1926 auf 75 000 Reichsmark beliefen. Erst als das Finanzamt ihn 1927 mit 100 000 RM. Jahreseinkommen einschätzte, gab Dr. Paul eine Steuerklärung über 80 000 RM. ab. – Gleichzeitig aber betätigte sich Dr. Paul als sogenannter Proletenanwalt. 4 Zuerst übernahm er im Auftrage des Polizeibeamten-Verbandes die Verteidigung von Polizisten, die wegen ihrer Haltung gegen die Nazis von dem deutsch-nationalen Innenminister straf- und disziplinarrechtlich verfolgt wurden. Diese Verteidigungen waren jedoch sachlich so schlecht und bestanden so stark nur aus rhetorischen Gesten, daß der Polizeibeamten-Verband schon 1926 beschloß, Dr. Paul nicht mehr mit Verteidigungen zu betrauen. Er hat sich dann kleinen politischen Strafsachen, insbesondere sogenannten Landfriedensbruchprozessen, in denen er Reichsbannerleute genauso wie Rotfrontkämpfer vertrat, und Ehescheidungsprozessen aus der Arbeiterklasse gewidmet. Auf seine Zugehörigkeit zur Deutschen Demokratischen Partei legte er öffentlich keinen Wert mehr, hielt jedoch ab und zu juristische Referate, meist politischer Tendenz, vor den Betriebsräten. Sein bürgerlicher Wohlstand und sein Ansehen bei primitiv politisch denkenden Menschen steigerten sich im gleichen Maße: neben einer luxuriösen Wohnung in Gera besaß er im Landkreise Stadtroda ein Landgut mittlerer Größe. 5

3. Zu Beginn der nazistischen Diktatur schied Dr. Paul auf Grund des Druckes der Nazis freiwillig aus der Anwaltschaft aus. 6 Er ließ sich auch alsbald in einer Art und Weise, die den Abscheu aller zur politischen Elite gehörenden Menschen [in Gera und Umgebung] 7 erregte, von seiner jüdischen Frau scheiden, die 1935 nach England ging. 8 Dr. Paul hat dann unangefochten auf seinem Landgute gelebt. Am Anfang der Naziherrschaft versuchte er, seine alten kameradschaftlichen Beziehungen zu Göring auszunutzen. Weiter unten wird auf die Behauptung eingegangen werden, mit Hilfe Görings habe er versucht, seine Aufnahme in die NSDAP zu erreichen. Fest steht, daß seine Behauptung, er sei wegen Widerstandes gegen die nazistische Diktatur vor Gericht gestellt worden, erlogen ist. 9 Tatsächlich hatte er zwei Verfahren wegen Vergehens gegen das Kriegswirtschaftsrecht. 10 In Jena war Dr. Paul als ein sehr „leistungsfähiger“ Schwarzmarkthändler bekannt. Dr. Paul war weder jemals verurteilt, noch einen Tag im Konzentrationslager oder Gefängnis.

4. Während der Naziherrschaft war in Gera ein Kreis von etwa 30 politischen Persönlichkeiten zusammengeblieben, dem es gelang, ständig politisch zu arbeiten. Der Kreis bestand vorwiegend aus Sozialdemokraten, zu seinen geistigen Führern gehörte jedoch ein aus der KPD ausgeschiedener Mann namens Schöneburg; dadurch hatte dieser Kreis auch Verbindung zu den Kommunisten. Da die Sozialdemokraten schon vor 1933 zu der Politik ihres Parteivorstandes und ihrer Reichstagsfraktion in Opposition standen, war eine starke Annäherung zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten erfolgt. Das logische Ergebnis war die Bildung eines Antifa-Komitees, das nach der Befreiung der Stadt Gera von der Naziherrschaft durch die amerikanischen Truppen sofort hervortrat und Herrn Dr. Paul als Oberbürgermeister präsentierte. Dr. Paul hatte es abermals mit größtem Geschick verstanden, der amerikanischen Militärregierung gegenüber als Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei aufzutreten, daher wurde er auch ernannt. Seine wirkliche politische Persönlichkeit ergibt sich wohl am besten aus der Tatsache, daß er sich schon in der ersten Sitzung des Antifa-Komitees mit allen Mitgliedern dieses Komitees duzte. – Wieder hat Dr. Paul in dieser Zeit stark von sich reden gemacht. So hielt er bei der Eröffnung der ordentlichen Gerichte in Jena 11 eine Ansprache, in der er mit keinem Wort auf die neuen Aufgaben der Rechtsfindung einging, sondern sich lediglich mit der zusammengebrochenen Naziherrschaft beschäftigte. Die Maßlosigkeit der Ausdrücke, die er dabei gebrauchte, ist ein Beweis für die Haltlosigkeit seines Charakters.

5. Aber das Streben Dr. Pauls ging weiter. Er wollte Regierungschef in Thüringen werden. Als ersten Schritt dazu dachte er sich die Einrichtung einer Bezirksregierung für Ostthüringen und Westsachsen. Am 5. Juni 1945 erschien er mit dem Landrat des Landkreises Gera, dem Polizeipräsidenten der Stadt Gera und einigen Mitgliedern des Antifa-Komitees bei dem Präsidenten der thüringischen Landesregierung, Dr. Brill, in Weimar und forderte seine Ernennung zum Regierungspräsidenten für Ostthüringen und Westsachsen; im Zusammenhange damit verlangte er die Verleihung der Dienstbezeichnung „Staatsrat“. 12 Es kam zu einer erregten Auseinandersetzung. Dr. Brill lehnte die Forderung ab, da er nicht die Absicht hatte, eine staatlich-bürokratische Mittelinstanz für die Verwaltung des Landes Thüringen einzurichten, weil die Einrichtung einer Bezirksregierung in Thüringen die Bildung weiterer solcher Verwaltungsstellen in anderen Teilen des Landes nach sich gezogen hätte, insbesondere auch weil er befürchten mußte, daß Dr. Paul diese Bezirksregierung sofort zu einer Gegenregierung benutzen würde. Es kam jedoch ein Kompromiß zustande, indem sich Dr. Brill bereiterklärte, Dr. Paul mit Sonderaufträgen für die Verwaltung in Westsachsen zu betrauen. Dem ungeachtet hat Dr. Paul noch mehrere Male seine Ernennung zum Staatsrate gefordert und auch erreicht, daß das Antifa-Komitee gegen Dr. Brill wegen seiner Weigerung, dem Wunsche Dr. Pauls nachzukommen, eine Protestentschließung annahm. Noch vor dem Einrücken der Truppen der Roten Armee gelangten aus Zwickau, Greiz und Gera Nachrichten nach Weimar, daß die Absetzung von Dr. Brill eine bei der KPD beschlossene Sache sei und voraussichtlich Dr. Paul sein Nachfolger werden würde. Der Aufmerksamkeit der amerikanischen Militärregierung war es jedoch nicht entgangen, daß Dr. Paul unter dem Deckmantel seiner nominellen Zugehörigkeit zur Deutschen Demokratischen Partei in Gera eine rein kommunistische Politik betrieb. In der zweiten Junihälfte mußte er sich vor mehreren, zu diesem Zwecke eigens nach Gera entsandten Offizieren wegen offensichtlich kommunistischer Maßnahmen verantworten und suchte dabei die Hilfe und den Schutz von Dr. Brill. Das hinderte ihn nicht, wenige Tage vor dem Einrücken der Sowjettruppen in einer Versammlung des Antifa-Komitees die kommunistische These zu vertreten, daß die Sozialdemokratie mit dem Beginn des Jahres 1945 ihre Massenbasis verloren habe. Gleichzeitig entwickelte er im sogenannten „Thüringen-Ausschuß“ (einem aus allen politischen Parteien paritätisch gebildeten thüringischen Landesausschuß) ein ganzes Regierungsprogramm, was sich dieser Ausschuß nur stumm anhörte; lediglich der kommunistische Parteivertreter Eyermann stimmte Dr. Paul zu. 13

6. Beim Einrücken der Truppen der Roten Armee schuf Dr. Paul in organisatorisch glänzender Weise die Voraussetzungen für die Übernahme der Regierung Thüringens durch seine Person. Auf seinen Antrag hatte das Antifa-Komitee beschlossen, die Rote Armee festlich zu empfangen. Dr. Paul fuhr der Panzerspitze der Sowjettruppen im offenen Kraftwagen entgegen, verhandelte mit dem sowjetischen Panzergeneral über das Festprogramm und bereitete alles so großartig vor, als ob Adolf Hitler zum Parteitage erwartet würde. Die Betriebsbelegschaften waren spalierbildend aufmarschiert; als sich die sowjetischen Truppen der Stadt Gern näherten, heulten auf Kommando von Dr. Paul sämtliche Fabriksirenen; Frauen und Mädchen überschütteten die Russen mit Blumen; Dr. Paul feierte die Russen als die „wirklichen Befreier“ (was dahin verstanden wurde, daß die Russen Gera von den Amerikanern befreit hätten); Frau Luise Paul, eine Schauspielerin, die Dr. Paul kurz vor dem Ende des 2. Weltkrieges geheiratet hatte, überreichte dem sowjetischen General persönlich einen Rosenstrauß.

7. Zu den Verhandlungen über die Neubildung einer Landesregierung nach sowjetischem Muster wurde Dr. Paul trotzdem anfangs nicht zugezogen. Man bot die Präsidentschaft dem sozialdemokratischen Landesdirektor Dr. Appell an, der sie jedoch mit der Begründung, er sei als Mitarbeiter von Dr. Brill nach Weimar gekommen und werde diesem die Treue halten, ablehnte. Erst danach trat Dr. Paul in den Vordergrund. Er wurde am 16. Juli ernannt und übernahm am 17. Juli die Geschäfte. In der Bekanntmachung über die Bildung seiner Regierung bezeichnete er sich wahrheitswidrig als „Vorsitzenden der Demokratischen Partei Ostthüringens“. Eine solche Organisation hat es tatsächlich niemals gegeben. Wieder versuchte er, seine nominelle Zugehörigkeit zu dieser Partei auch praktisch nutzbar zu machen. Er berief als Wirtschaftsminister einen jüngeren Herrn namens Dr. Fischer, veranstaltete eine große Versammlung der Industrie- und Handelskammern und der Handwerkskammern und verkündete, daß nunmehr der Dekretinismus aufgehört habe und die liberale Freiheit der Wirtschaft wiederhergestellt sei. Selbstverständlich hatte er damit einen großartigen Anfangserfolg. Schon zwei Wochen später aber fühlte er sich von seiten seines Amtsvorgängers verfolgt und teilte ihm mit, daß „Zuflüsterungen seiner Umgebung zufolge“ Dr. Brill gegen ihn Opposition betreibe. 14 Selbstverständlich handelte es sich bei diesem Brief um eine politische Halluzination. Dr. Paul war nur darüber erschrocken, daß die von ihm totgeglaubte Sozialdemokratie wiederentstand und sich in einer überraschenden Weise, die KPD weit überflügelnd, entwickelte. – Dr. Paul hatte jedoch in der Person des Landesdirektors für Land- und Forstwirtschaft und Ernährung, Dr. Kolter, einem Mitgliede der CDU, einen erbitterten Gegner. Dr. Kolter besaß nach seiner Angabe Beweise dafür, daß die Behauptungen von Dr. Paul, er sei im Dritten Reich politisch verfolgt worden, erlogen sind, und daß Dr. Paul um die Aufnahme in die NSDAP nachgesucht habe. Im Spätsommer und Herbst 1945 kam es in den Sitzungen des Paulschen Regierungskollegiums zu erregten Auftritten, in denen Dr. Paul und Dr. Kolter sich gegenseitig anschrien und Dr. Kolter den Präsidenten vor allen Ministern einen Lügner und einen Schwindler nannte. Kurze Zeit darauf wurde Dr. Kolter wegen seines angeblichen Versagens bei der Durchführung der Bodenreform verhaftet, in ein Universitätskrankenhaus in Jena geschafft und solange unter der Bewachung von deutschen Polizeibeamten und Angehörigen des NKVD gehalten, bis er endlich gestorben war. 15 – Dr. Paul hatte einen Gegner weniger, neue Gegner entstanden. Diese waren zunächst die beiden juristischen Beamten der Präsidialkanzlei, Oberregierungsrat Dr. Hagenberg und Dr. Meisser. Auch diese beiden wurden im November 1945 verhaftet, selbstverständlich unter der Beschuldigung krimineller Vergehen und Verbrechen. Sie sind seit etwa einem Jahre wieder entlassen und haben unschuldig Unsägliches erdulden müssen. Ein vierter Gegner war der Geschäftsführer der Thüringischen Industrie- und Handelskammer, Dr. Dr. Ernst Heißmann. Dr. Heißmann hatte für Paul eine herrliche Wohnung in Weimar eingerichtet und die Familie Paul ständig versorgt, auch für die Empfänge des Herrn Präsidenten, bei denen an die Damen kostenlos Kleider- und Wäschestoffe, Strümpfe usw. verteilt wurden, die nötigen Waren herbeigeschafft. Er wurde, wie üblich, unter kriminellen Beschuldigungen Ende Dezember 1945 verhaftet und befand sich noch im Sommer dieses Jahres in Buchenwald. Denunziation und Verhaftung waren die normale Regierungsmethode für Paul. Wenn er mit einer Sache nicht fertig wurde, begann er zu brüllen wie ein Stier (die Amtssekretärinnen haben daher auch sämtlich ihren Posten verlassen) und drohte dem Betreffenden mit Verhaftung, die dann auch nach kürzerer oder längerer Zeit erfolgte. Dr. Paul hat auch nie etwas für die Leute übriggehabt, die von den Russen durch grundlose Verhaftung beseitigt wurden. So verschwand für längere Zeit einer der intimsten Freunde und Wegbereiter von Dr. Paul, der Geraer Polizeipräsident Schack, 16 in Buchenwald, ohne daß Dr. Paul etwas für den Mann unternahm. Beamte des Landeskriminalamtes wurden wegen dienstlicher Meinungsverschiedenheiten mit dem NKVD verhaftet. Dr. Paul ließ es zu, [daß] 17 Verhaftungen von Landräten und Bürgermeistern sowie Arbeitern wegen angeblicher Mißhandlung von Kriegsgefangenen vorgenommen wurden, ohne daß er sich dagegen regte. Einer der schimpflichsten Fälle in dieser Hinsicht ist der des Eisenacher Oberbürgermeisters Dr. Fresdorf, der Anfang August 1945 nur deshalb verhaftet wurde, weil Platz für einen Kommunisten geschaffen werden sollte. 18 Dr. Paul hat verschiedenen Personen versprochen, für Dr. Fresdorf einzutreten, und später geleugnet, daß er Dr. Fresdorf überhaupt dem Namen nach kenne. Als ein thüringischer Oberbürgermeister Ende 1946 Dr. Paul einmal wegen dieser Politik zur Rede stellen wollte, erwiderte ihm Frau Luise Paul: Was wollen Sie? Mein Mann macht nur, was die Russen wünschen. Dr. Paul hat in den anderthalb Jahren seiner Präsidententätigkeit eine rein machiavellistische Politik betrieben.

8. Es konnte nicht ausbleiben, daß er sich damit die Verachtung aller seiner Mitarbeiter erwarb. Nachdem er seinen Protegé Dr. Fischer 19 hatte fallen lassen müssen, versuchte er auch, sich von den kriminellen Elementen in seiner Umgebung zu reinigen. Sein erster Präsidialdirektor (Staatssekretär) war ein Berufsverbrecher aus Buchenwald namens Ewerth, der wegen Devisenverbrechen mehrere Male verurteilt worden ist. 20 Der Nachfolger dieses Mannes, ein früherer Zahlmeister namens Staas, 21 der der Kommunistischen Partei erst im Herbst 1945 beigetreten war, erwies sich als ein noch größeres kriminelles Element. Dr. Paul wußte sich schließlich nicht mehr anders zu helfen, als daß er Herrn Staas eine Erholungsreise in die Schweiz machen ließ, von der dieser nicht zurückkehrte. Die Art und Weise, wie solche Reisen getarnt werden, ist für die diktatorische Regierungsmethode bezeichnend. Frau Ricarda Huch, eine angesehene deutsche Schriftstellerin und Dichterin, die in Jena lebt, hatte schon seit langer Zeit um einen Paß in die Schweiz gebeten, wo die 83jährige Dame sich erholen wollte. Die Erteilung dieses Passes wurde mit nichtssagenden Gründen immer hinausgezögert. Im April dieses Jahres erhielt Frau Huch plötzlich die Mitteilung, daß ihr Paß bereitliege und Herr Präsidialdirektor Staas bereit sei, sie auf der Reise zu begleiten. Frau Huch fiel auf diesen Schwindel herein, reiste mit Staas, der als Naziverbrecher das Kriegsgericht zu fürchten hatte, nach der Schweiz und kehrte allein nach Deutschland zurück. 22 Dr. Paul hatte sein Ziel erreicht. Staas war in Sicherheit und konnte nicht mehr gegen ihn benutzt werden. Dr. Paul hat jedoch gefühlt, daß die politische Basis seiner Regierung zu schwach war. Er versuchte deshalb, sich durch eigene Maßnahmen eine breitere Grundlage zu schaffen. Bei der Wiedereröffnung der Universität Jena im Oktober 1945 ließ er unter Lorbeerbäumen sein Bild aufstellen und sich gleichzeitig zum Protektor der Universität ernennen. Später ließ er sich auch zum Honorarprofessor machen; daß man üblicherweise nur das eine oder das andere sein kann, das zu beurteilen, gehört nicht zum politischen Geschmack von Dr. Paul. Ebenso ließ er sich zum Protektor der Hochschule für Musik und der Hochschule für bildende Kunst sowie der Bauhochschule in Weimar machen. Den Titel Staatsrat, den er selbst vergeblich begehrt hatte, verlieh er an den Weimarer Kapellmeister Professor Abendroth, einen Pg. von 1937. An Künstler verteilte er freigebig den Titel Kammersänger und Kammerschauspieler, auch mit der Verleihung des Professortitels geizte er nicht.
Selbstverständlich konnten solche künstlichen Mittelchen ebensowenig zu seiner Popularität beitragen wie der Umstand, daß er sich selbstgefällig den „ersten Ackerknecht“ , den „Landesvater“ usw. nannte bzw. nennen ließ, wie daß seine Frau das Protektorat in allen möglichen künstlerischen und wohltätigen Organisationen übernahm. Bei der Gründung der SED unternahm Dr. Paul den Versuch, sie an die Spitze der Bewegung zu setzen. Das hatte seine guten Gründe. Die Liberal-Demokratische Partei war schon im Herbst 1945 von ihm abgerückt. Ihre führenden Mitglieder konnten es ihm nicht verzeihen, daß er sich [in lügnerischer Weise] 23 sogar als Vorsitzenden der Landesorganisation der Demokratischen Partei bezeichnet hatte. Anläßlich des 1. Landesparteitages der Demokraten ließ Dr. Paul durch allerlei Mittelsmänner dem gewählten Vorstande seinen Wunsch mitteilen, selbst zum Vorsitzenden oder wenigstens zum Vorstandsmitgliede gewählt zu werden. Der Liberal-Demokratische Parteitag lehnte das aber einmütig ab. Daraufhin erklärte der Präsident im Herbst 1945, daß er aus der Demokratischen Partei ausgetreten und nunmehr parteilos sei. Schon bei der „Kundgebung der 2000“ in Jena, die die Vereinigung von KPD und SPD zum Ziele hatte, begrüßte er die Versammlung und im April 1946 erklärte er auf dem Vereinigungsparteitage in Gotha, daß er als Mitglied Nr. 1 der SED beitrete. Leider passierte dabei das Versehen, daß vor ihm bereits der Oberbürgermeister von Gotha, Gottschalk, seinen Beitritt erklärt hatte. Da die ganze Szene auf Band für den Rundfunk aufgenommen worden war, wurde auf Befehl von Dr. Paul die Beitrittserklärung des Oberbürgermeisters von Gotha aus dem Bande herausgeschnitten.
9. Die Wahl des Landtages und die Bildung eines quasi-parlamentarischen Kabinetts im September 1946 brachten die Dinge zum Platzen. Zwar hatte Dr. Paul noch wenige Wochen vor der Landtagswahl durch Marschall Sokolowski persönlich Schloß und Rittergut Burgk an der oberen Saale als Geschenk für seine persönlichen Verdienste aus der Bodenreform erhalten 24 (Dr. Paul erhöhte sein Ministergehalt gleich nach Amtsübernahme um mehr als das Doppelte des Gehaltes seines Amtsvorgängers Dr. Brill und bezog selbstverständlich auch die Gratifikationen für Verwaltungsspezialisten, die etwa das Doppelte seines verdoppelten Gehaltes ausmachen). Zwar galt Dr. Paul auch als der präsumtive Ministerpräsident der Ostzone, aber als der Landtag zusammentrat und, dem System der sowjetischen Verfassung entsprechend, das Landtagspräsidium ein höheres Staatsorgan darstellte als das Kabinett, kam es zum Krach zwischen Dr. Paul und dem Präsidenten des Landtages, Frölich. August Frölich ist ein alter grundsatzloser rechtssozialistischer Opportunist; da er mehr als fünf Jahre Staatsminister in Thüringen gewesen ist, darunter etwa die Hälfte der Zeit Ministerpräsident, 25 kennt er die Regierungsgeschäfte wie kein anderer. Zusammenstöße mit dem Landtage und mit der Fraktion folgten. Dr. Paul wurde im Dezember 1946 krank; von drei Professoren unterzeichnete ärztliche Bulletins maskierten nur schlecht den politischen Charakter seiner Krankheit, sie hörten auch bald auf. In der Person des Herrn Werner Eggerath wurde ein besonderer Stellvertreter durch Gesetz bestellt. Dr. Paul legte sein Mandat als Landtagsabgeordneter nieder, Frau Luise Paul verzichtete auf den Vorsitz in der Volkssolidarität, im Deutsch-Russischen Klub, im Landeskulturrat usw. Deshalb herrschte in Weimar maßlose Überraschung, als kurz vor der Münchener Ministerpräsidenten-Konferenz Dr. Paul plötzlich zurückkehrte. Das Polit-Büro in Moskau hatte entschieden, daß er die Führung der Ministerpräsidenten aus der sowjetischen Besatzungszone in München übernehmen sollte. In Thüringen begegnete ihm vom ersten Tage seiner Rückkehr ab offene Feindschaft. Da die thüringische Bevölkerung, die die SED zu 90% ablehnt, der Münchener Ministerpräsidenten-Konferenz mit den größten Hoffnungen und Erwartungen entgegengesehen hatte, erweckte die Art und Weise, wie Dr. Paul den sowjetischen Befehl, es zum Bruch kommen zu lassen, [ausführte], 26 bei seiner Rückkehr nach Weimar geradezu Erbitterung. Er hatte das Gegenteil von dem erreicht, was er erträumt hatte: seine Stellung als thüringischer Ministerpräsident war durch seine Haltung in München restlos unmöglich geworden. Dr. Paul und Frau Luise Paul haben nach München auch keinen Versuch gemacht, wieder Fuß zu fassen.

10. Dr. Paul ist eine typische Erscheinung der Übergangszeit. Er konnte hochkommen, weil ein Mangel an intellektuellen Kräften bestand und man in Gera und Weimar froh war, ihn zu finden. Sein Ehrgeiz, seine Geltungssucht, seine moralische Skrupellosigkeit, seine Neigung zur Gewalttätigkeit ließen ihn leicht mit Leuten zusammenarbeiten, für deren Politik der Machiavellismus das oberste Gebot ist. Völlig ideenlos, war es ihm ein Leichtes, jede gegebene Anordnung prompt auszuführen. Da er selbst einen großen Hang zum Wohlleben hat (er ist ein sehr trinkfester Säufer) und es ihm immer ausgezeichnet gut ging, hat er auch die Substanz für ein solches Leben besessen. Er stand und steht zu keinem Menschen in einem wirklich kameradschaftlichen Verhältnis. Deshalb hat er auch niemals richtiges Vertrauen genossen, nur proletische Vertrauensseligkeit und proletistische Primitivität konnten ihn so in die Höhe tragen. Aber er besitzt heute nach vielen Erfahrungen sicher eine noch größere Geschicklichkeit als früher, simplizistische Gemüter zu täuschen.


Quelle: Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn-Bad Godesberg, 1/HBAJ (Nachlass Hermann Brill) 000009, n. fol. (ms. Ausfertigung).

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