Nr. 374
16. September 1947

Schriftlicher Bericht des SMATh-Verwaltungschefs Iwan S. Kolesnitschenko an den Obersten SMAD-Chef Wassili D. Sokolowski zur Flucht des Ministerpräsidenten Rudolf Paul


Geheim

16. September 1947
Nr. 0766
An den Obersten Chef der Sowjetischen
Militäradministration in DeutschlandMarschall der Sowjetunion [Genossen] Sokolowski

Das Verschwinden des Ministerpräsidenten des Landes Thüringen Dr. PAUL am 1. September 1947 rief verschiedene Kommentare sowohl in unserer als auch in den westlichen Besatzungszonen hervor. Dieses Verschwinden ist zwar noch immer für alle rätselhaft, es gibt aber in den Reaktionen der Bevölkerung und in den Reaktionen der westlichen Presse etwa folgende Mutmaßungen:
1. PAUL flüchtete, weil er die Politik der Besatzungsmächte nicht billigt und weil er die Schwierigkeiten des kommenden Winters fürchtet.2. PAUL flüchtete, weil er die Enthüllung seiner kriminellen Vergehen und die Konsequenzen für sich fürchtet. Einige Mitarbeiter unserer Organe, die mit der Untersuchung des Verschwindens Pauls befasst sind, äußern die Vermutung, dass er ein amerikanischer Agent war und jetzt in die amerikanische Zone flüchtete, von wo aus er angeblich schon in die Schweiz gebracht worden ist, wo sich sein früherer Kanzleichef STAAS 1 ärztlich behandeln lässt. Ich habe nicht die Möglichkeit, den einen oder anderen Grund des Verschwindens PAULs und seiner Begleiter zu beweisen, doch halte ich es für meine Pflicht, Ihnen die folgenden Umstände aus Pauls Leben zu schildern, die von unseren Untersuchungsorganen, die sich mit der Angelegenheit Paul beschäftigen, in Betracht gezogen werden müssten. PAUL war seinem Charakter nach ein großer Egoist, ehrgeizig, trug überall seine Person zur Schau und forderte von allen Deutschen widerspruchslose Unterordnung. Seine diktatorischen Allüren sind vielen auch in der Partei bekannt, aber jeder Versuch seitens der Parteiführung, 2 PAUL zur Ordnung zu rufen, stieß auf den Widerstand Pauls und auf seinen Rückhalt im Zentralsekretariat der SED. 3 Er brachte oft meinen oder Ihren Namen ins Spiel, wenn er seine Entscheidungsgewalt auf die eine oder andere Frage ausdehnte, die uns noch nicht einmal bekannt geworden war. Die Machtgier und der Ehrgeiz PAULs gingen so weit, dass er schon vom Posten eines Innen- oder Außenminister der deutschen Republik träumte, 4 worüber er mit mir offen sprach. Sein Größenwahn wuchs sich so sehr aus, dass es einer Absage an ihn als Redner vor Studenten der Jenaer Universität genügte, 5 um einen Infarkt auszulösen, sodass er 4 Monate wegen Krankheit im Urlaub war. Wobei er dermaßen ernsthaft erkrankte, dass die Ärzte nicht sicher waren, ob er überhaupt irgendwann an die Arbeit zurückkehren könne. Einen Tag nach seiner Erkrankung schickte er mir mit seiner Frau einen Brief sowie Briefe an den Präsidenten des Landtages und das Sekretariat der SED über seinen Abschied. Das geschah am Vorabend der Moskauer Außenministerkonferenz, und sein Rücktritt hätte möglicherweise in einem für uns ungünstigen Lichte ausgelegt werden können. Deshalb war ich gezwungen, ihn zu überzeugen, nicht zurückzutreten und Krankheitsurlaub zu nehmen, was auch geschah. Als Paul erfuhr, dass sein Stellvertreter in der Regierung, EGGERATH, seine Stellung zu festigen begann, um Ministerpräsident zu werden, verließ Paul seine Heilstätte, fuhr ins Zentralsekretariat, verlangte die Vorladung Eggeraths, Hoffmanns und anderer Parteiführer nach Berlin, und das Zentralsekretariat fällte seltsamerweise die Entscheidung: Paul kehrt auf den Posten des Ministerpräsidenten zurück, BUSSE und WOLF werden als Minister zurückgezogen, EGGERATH wird auf den Posten des Innenministers vorgeschlagen u.s.w.Diese Entscheidung festigte die Position PAULs und schwächte die Parteiführung, da der Parteivorsitzende EGGERATH ins Ministerium wechseln und aus der Parteiführung ausscheiden musste.Danach ignorierte PAUL die Parteiführung noch mehr, umso mehr, als er niemals ein überzeugter Sozialist war und werden konnte, obwohl er einen führenden Platz sogar in der Partei beanspruchte.Wer die Charakterzüge PAULs kennt, nämlich: das Streben, sich überall als die Hauptperson beliebiger Ereignisse herauszustellen, Machtstreben, Ehrgeiz, Liebe zur Selbstpopularisierung, das Streben, überall auf den ersten Plätzen zu sein, auch in ganz Deutschland, seine Unduldsamkeit gegenüber jederart Einwände seitens anderer Deutscher, sein Größenwahn, und, schließlich, seine Kenntnis deutscher Ordnung, Gepflogenheiten und Gesetze, der kann mit Gewissheit sagen, dass, wenn PAUL irgendwelche politischen Gründe für eine Flucht gehabt hätte, er nicht zwei Wochen irgendwo schweigend dagesessen hätte. Er wäre völlig ungehindert in den amerikanischen oder englischen Sektor Berlins gefahren, hätte eine Pressekonferenz verschiedener Journalisten einberufen und eine blumige Erklärung abgegeben (was er gut kann), darüber, warum er die Sowjetische Besatzungszone verließ. Die Engländer und Amerikaner hätten ihm die Möglichkeit geboten, im Radio (natürlich persönlich) aufzutreten, in Zeitungen zu schreiben u. s. w. Das alles ist nicht geschehen.Im Gegenteil, mit englischer und amerikanischer Lizenz erscheinende Zeitungen brandmarken PAUL, indem sie ihm verschiedene Vergehen zuschreiben, aber von Paul hört man keinen Laut. Das entspricht nicht seinem Charakter.Außerdem, nachdem PAUL so viel Lobreden jeder Art an unsere Adresse und negative an die amerikanische und englische Adresse gerichtet hat, besonders nach seinem Verhalten auf der Münchener Konferenz, ist er im Westen unpopulär geworden, und er wusste das. Offenkundig stimmte Paul im Bestreben, sein Prestige bei den Amerikanern einigermaßen anzuheben, zu, den Auftrag General CLAYs zur Bildung eines Obersten Gerichtes in Deutschland anzunehmen, wobei PAUL für sich den Posten eines Obersten Staatsanwaltes vorsah.Unbegründet sind auch die Vermutungen, dass PAUL amerikanischer Agent war und nun, die Enthüllung fürchtend, genötigt sei, sich zu verbergen. Für einen Agenten ist sein Charakter ungeeignet. Man kann ihm unmöglich trauen. Er ist sehr exaltiert, impulsiv, und wer würde es schon riskieren, so jemanden als Agenten anzuwerben. Und selbst wenn er Agent wäre, so würde sein Chef ihm doch niemals erlauben, einen solch verantwortungsvollen Posten zu verlassen. Und wirklich, wenn wir, beispielsweise, einen Agenten auf dem Posten des Ministerpräsidenten Bayerns oder Hannovers 6 hätten, würde es uns denn nützen, wenn er diesen Posten verließe? Ich bin den Vorwürfen verschiedener krimineller Vergehen PAULs nachgegangen. Sie sind alle so geringfügig, dass sie Paul in keiner Weise kompromittiert hätten, da er als Jurist immer in der Lage gewesen wäre, zu rechtfertigen, dass für seinen persönlichen Bedarf einige Tafeln Schokolade oder einige Zentner Dünger abgezweigt wurden.Was die politischen Unstimmigkeiten zwischen PAUL und der SMA anbetrifft, so traten diese nirgendwo und niemals in seinem Umgang mit der SMA oder bei seinen Gesprächen in seinem Umfeld oder in der Regierung besonders hervor. Er war unveränderlich liebenswürdig zu uns, bei seinen Anträgen kamen wir ihm entgegen, und wenn wir sie auch hin und wieder ablehnten, dann so begründet, dass er keinen Grund hatte, unzufrieden aus der SMATh zu gehen. Im Gegenteil. Er kam häufig, um sich über das schlechte Verhältnis der Parteiführung, besonders EGGERATHS, zu ihm zu beklagen, weil er auch an Verfolgungswahn litt. Ungefähr 10 Tage vor seinem Verschwinden beklagte sich PAUL darüber, dass Mitarbeiter des Oper[ativen] Sektors seine Kanzleimitarbeiter über ihn ausfragen, so dass die zu ihm kommen, alles erzählen und dann in die Westzone fliehen (er nannte dazu vier Namen). Aus diesem Anlass bat er mich, ihm ein Gespräch mit dem Leiter des Oper[ativen] Sektors Oberst MIROSCHNITSCHENKO zu ermöglichen. Dieser willigte schließlich ein und versicherte mir, dass seine Mitarbeiter in Bezug auf PAUL mit niemandem irgendwelche Verhöre durchgeführt hatten. Was das bislang unerklärliche Verschwinden PAULs entscheidend bedingt haben könnte, sind seine noch nicht restlos geklärten Familienangelegenheiten und seine Krankheit, von der viele nichts wissen. In den in der Anlage mitgeschickten Briefen des Arztes Professor DRECHSLER, der Paul behandelte, sind in sehr behutsamer Form dessen Beobachtungen Pauls dargelegt. Sie werfen einiges Licht auf sein 7 Verhalten. Aus mündlichen Befragungen Professor DRECHSLERs und der Hausangestellten Pauls, sowie aus Erzählungen der Dolmetscherin Pauls JAKUNINA, die mit ihm zusammen verschwand, entsteht folgendes Bild vom Verhalten Pauls am Vorabend seines Verschwindens. 8 Am 26. August 1947 fährt PAUL zusammen mit seiner Frau und der Dolmetscherin JAKUNINA nach Berlin. Im Zentralsekretariat der SED bringt er die Frage nach der Organisation eines deutschen Obersten Gerichtes vor. Sein Vorschlag wird kategorisch abgelehnt. Nach dem Sekretariat beabsichtigte er, sich um einen Empfang beim Obersten Chef 9 in der gleichen Frage zu bemühen, doch nachdem er die kategorische Ablehnung des Sekretariats erhalten hatte, die Organisation eines Oberstes Gerichtes überhaupt zu erörtern, lässt er den Gedanken fallen, zu einem Empfang beim Marschall 10 zu fahren. Er fährt zur Berliner Bürgermeisterin Luise SCHRÖDER, die ihn liebenswürdig empfängt und zu einer Tasse Kaffee einlädt. Danach fährt er zum Berliner Bürgermeister Doktor FRIEDENSBURG, 11 der ihn zum Abendessen einlädt. Pauls Frau und die Dolmetscherin übernachten bei der Frau des Dichters Johannes BECHER. 12 Paul selbst übernachtet in irgendeinem Berliner Hotel. Am 27. August 1947 früh fährt PAUL zur Wohnung Bechers. Seine Frau und die Dolmetscherin schlagen ihm vor, nach Weimar zu fahren, aber er verweilt noch in Erwartung einer Person. Nach einigen Minuten fährt ein Auto vor, aus dem ein früherer deutscher Gesandter in der UdSSR (den Namen weiß ich nicht), aussteigt. 13 Paul unterhält sich mit ihm 30-40 Minuten, danach fährt das Auto ab, und PAUL, seine Frau und die Übersetzerin kehren nach Weimar zurück. Abends, nach der Ankunft Pauls in Weimar, trug die Haushälterin das Essen auf. An den Tisch setzten sich Paul und die Frau Pauls. Die Dolmetscherin ging nach Hause. Vom Speiseraum her war ein Gespräch zu hören, worüber ist unbekannt, aber von den Speisen wurde nichts angerührt, und die Haushälterin räumte vollständig alles vom Tisch ab, was sie aufgetragen hatte. Paul und seine Frau verlangten jeder für sich nur Kaffee. Am 28. August 1947 fuhren Paul, seine Frau und die Dolmetscherin abends als Gäste zum Weimarer Landrat DREYKORN anlässlich dessen Geburtstags. 14 In der ersten Nachtstunde hörte die Haushälterin Türenschlagen in der Wohnung, doch sie schenkte dem keine Aufmerksamkeit und schlief ein. Um 4 Uhr morgens kam Paul und fragte die Haushälterin, wo seine Frau sei. Die antwortete, dass sie das nicht wissen könne, weil sie alle zusammen zu Besuch gefahren seien. Zu diesem Zeitpunkt erschien Pauls Frau, und Paul überfiel sie mit Fragen: „Wo warst du denn, bist du durch die Straßen gezogen?“ Seine Frau antwortete, dass sie vielmehr ihn gesucht habe, und dann wieder zu Dreykorn zurückgekehrt sei. Die Haushälterin ging nach oben und hörte von dort lautes Reden der Dolmetscherin JAKUNINA. Pauls Frau kam nach oben und nahm einen Koffer, aber als die Haushälterin in dieses Zimmer schauen wollte, wurde sie hinausgescheucht. Danach gab es unten eine heftige Auseinandersetzung, und die Dolmetscherin erlitt einen Nervenzusammenbruch. Sie kam nach oben, legte sich aufs Bett, bebte am ganzen Körper und schluchzte (zuvor hatte sie unten Geschirr zerschlagen), und lehnte alles ab. Sie rauchte nur pausenlos. Es wurde Professor DRECHSLER gerufen, der JAKUNINA Ruhe verordnete und ging. (Über seinen Besuch schreibt Drechsler im beigefügten Brief). Nachdem sich JAKUNINA beruhigt hatte, fuhr PAUL zum Dienst, und seine Frau fuhr auch irgendwo hin. Um 6 Uhr abends kam PAUL vom Dienst und ging in sein Schlafzimmer. Dorthin folgte ihm auch seine Frau. Um 8.30 Uhr kam Pauls Frau in die Küche, nahm Kaffee und trug ihn ins Zimmer, wo JAKUNINA lag, und befahl der Haushälterin, schlafen zu gehen. Im Zimmer JAKUNINAs tranken alle drei Kaffee.Am 30. August 1947 früh um 8 Uhr frühstückten PAUL und seine Frau. Pauls Frau trug selbst den Kaffee in das Schlafzimmer JAKUNINAs. Zu JAKUNINA kam noch einmal Professor Drechsler und riet ihr wieder zu 1-2 Tagen Bettruhe. Er fand sie in einem depressiven Zustand vor.Am Morgen war PAUL im Begriff, nach GERA zu fahren, verschob aber die Fahrt auf den nächsten Tag. Nach dem Mittagessen saßen PAUL und JAKUNINA auf dem Diwan, und auf dem anderen Diwan lag PAULs Frau. Nachts kam Pauls Frau in das Schlafzimmer der Haushälterin und schenkte ihr ein altes Kleid. Am 31. August 1947 fuhr PAULs Frau allein nach Gera. PAUL und JAKUNINA tranken Kaffee und die Haushälterin wurde beauftragt, den Chauffeur OBSCHATZ 15 zu rufen, um das Auto für die Fahrt nach Oberhof fahrbereit zu machen. In Oberhof empfing Paul Gäste aus der Westzone (Minister KOCH 16 und noch 4 seiner Mitarbeiter), mit denen er fröhlich zu Mittag speiste. Auf die Frage, wann er nach Leipzig zur Messe fährt, antwortete er, das werde davon abhängen, welche Antwort seine Frau aus Gera bringe. JAKUNINA war blass, aß nichts und sprach mit niemandem (obwohl sie sich gewöhnlich sehr laut bei solchen Essen aufführte). Am Abend kam PAULs Frau in Oberhof an. Am 1. September ungefähr um 10.30 Uhr kamen PAULs Frau und JAKUNINA aus Oberhof [in Weimar?] an. Der Chauffeur prahlte gegenüber der Haushälterin, dass es in Oberhof sehr schön war und dass sie jetzt nach Leipzig fahren, und PAUL sei schon dort, in Leipzig. Danach fragte der Chauffeur PAULs Frau, ob es nötig sei, den älteren Sohn JAKUNINAs wegzubringen, in dem Falle würde er gleich das Auto volltanken und sie könnten nach Leipzig fahren. Pauls Frau antwortete, dass es nicht nötig sei zu tanken. Der Chauffeur stimmte zu, bemerkte, dass das Benzin bis Leipzig reichen würde, worauf Pauls Frau ausrief: „Wieso nach Leipzig! Wir fahren nach Berlin!“ Dann sagte Pauls Frau der Haushälterin, dass sie die Wohnung nicht aufzuräumen brauche, denn sie zögen sowieso gleich in die andere Wohnung um (Pauls Wohnung 17 ist in einem restlos zur Umsiedlung vorgesehenen Gebiet gelegen, und deshalb ist für ihn eine andere Wohnung in der Stadt vorbereitet worden.). Sie hinterließ einen Zettel für die Firma „Staupendahl“ 18 mit dem Auftrag für einen Möbeltransport in die andere Wohnung. Danach setzten sich PAULs Frau, JAKUNINA und der Sohn JAKUNINAs in das Auto MAYBACH und fuhren weg. Paul fuhr Weimar nicht an. Sein Kanzleimitarbeiter 19 traf ihn auf der Autobahn bei der Ausfahrt Arnstadt und übergab ihm Talons auf 500 Liter Benzin. Fortan waren PAUL, seine Frau, die Dolmetscherin JAKUNINA und die beiden Chauffeure nicht mehr gesehen. Soweit die mehr oder weniger zutreffenden Fakten, die dem Verschwinden PAULs vorangingen. Zwei weitere Umstände. Am Samstag, dem 30. August 1947, rief mich JAKUNINA aus Pauls Wohnung mit kränklicher Stimme und rätselhaftem Gekicher an, dass sie erkrankt sei und nicht zum Unterricht 20 kommen könne und erst am Dienstag, dem 2. September 1947 kommen könne, weil sie am 1. September 1947 in Leipzig zur Messe sein werde. Ich antwortete, dass es bei mir am 2. September 1947 nicht gehe und sie möge am 4. September 1947 kommen. Am Samstag, dem 30. August 1947, aber fuhr sie mit einem von einem Polizei-Chauffeur gesteuerten Auto zur Wohnung des Leiters des Oper(ativen) Sektors Oberst MIROSCHNITSCHENKO und drängte sich in die Wohnung. Die Frau des Gen. MIROSCHNITSCHENKO ließ sie nicht ein und begründete das mit der Abwesenheit des Ehemanns. Doch sie versuchte beharrlich, in die Wohnung zu kommen, sprach, diese Wohnung sei für Paul vorgesehen und er habe sie beauftragt, sie zu besichtigen.Offenbar wollte sie Gen. MIROSCHNITSCHENKO etwas mitteilen, aber die Anwesenheit des Polizisten, der etwas Russisch konnte, hielt sie davon ab, und sie wollte in die Wohnung vordringen.Noch am 30. Juli hatte PAUL seinen Geburtstag gefeiert und JAKUNINA betrank sich und klagte einer anderen Dolmetscherin, dass sie nicht länger so leben wolle, dass sie entweder den Verstand verliere oder sich das Leben nehme, weil sie PAUL so heftig liebe u.s.w. Einige Tagen später ereignete sich im Hause PAULs in Gera ein heftiger Skandal zwischen Paul und seiner Frau im Beisein JAKUNINAs. Pauls Frau lief aus der Wohnung und durch die Stadt. Die sich bei Paul aufhaltenden Polizisten suchten lange nach ihr, aber sie befand sich im Auto. Danach fuhren alle nach Weimar zurück und Pauls Frau entschuldigte sich am folgenden Tag telefonisch bei JAKUNINA für ihr Aufbrausen, das sie mit ihrer Reizbarkeit erklärte. Über das Gespräch bei Paul nach der Rückkehr aus Berlin am 27. August 1947 erzählte JAKUNINA selbst ungefähr Folgendes: 21 „Paul und ich saßen im Salon und unterhielten uns, plötzlich erschien Pauls Frau und Paul verstummte aus irgendeinem Grunde. Pauls Frau überfiel ihn mit Vorwürfen, dass er erneut mit mir Süßholz raspele u.s.w. und verdrehte hysterisch die Augen. Paul beruhigte sie und schlug vor, die Lage zu besprechen. Wir setzten uns zu dritt an den Tisch und Paul sagte: ‚Du, Luisa, bist meine Frau und unsere Ehe ist unzerstörbar, doch ich sage ehrlich, dass ich Frau BAUER (so nennen die Deutschen Jakunina) liebe und ohne sie nicht leben kann.’ Pauls Frau begann erneut zu schimpfen. Ich versuchte, sie zu beruhigen und sagte: ‚Höre, Luisa, wir – Frauen – verstehen einander eher. Egal was Paul sagt, auch wenn er sich sehr um mich bemüht, werde ich nicht mit ihm ins Bett gehen, ich bin noch jung und für mich finden sich jüngere.’ Dieses Gespräch endete damit, dass Pauls Frau aufsprang und nach oben lief, PAUL schleuderte ihr ein Bierglas hinterher, traf sie aber nicht, sondern traf den Musikschrank.“Zuvor schon kam Paul mehrfach zu JAKUNINA in die Wohnung und einmal, als ein Schürzenjäger aus der Präsidialkanzlei sie anrief und sie ihm freundlich antwortete, entriss Paul JAKUNINA den Telefonhörer, legte ihn auf den Tisch und schrie „Solange ich lebe, dulde ich nicht, dass du mit jemand anderem als mir Liebenswürdigkeiten tauschst“ u.s.w.Die dargelegten Fakten und eine ganze Reihe anderer Beobachtungen aus PAULs persönlichem und politischem Leben vergleichend, kann man folgende Schlüsse ziehen:1. PAUL hasste innerlich sowohl die SED als auch die SMA, aber er musste mit ihnen rechnen, umso mehr, als er sich von ihnen Hilfe versprach bei der Verwirklichung seiner ehrgeizigen Pläne.Krankhaft selbstverliebt und an Größenwahn, aber auch an der Krankheit des Herzens und der Psyche leidend, fiel er in Extreme, und jede Meinungsverschiedenheit mit den Parteiführern und mit seiner Umgebung nahm ihn sehr mit. 2. Die entschlossene Absage des Zentralsekretariats der SED, die Idee der Organisation eines Obersten Gerichtshofes zu unterstützen, stieß Paul endgültig von der Partei ab und er bemühte sich um die Unterstützung der SPD (Luisa SCHRÖDER) und der CDU (Doktor FRIEDENSBURG), 22 die ihm aber nicht völlig vertrauen konnten, da sie seine bisherige politische Tätigkeit gegen sie kannten (insbesondere können sie ihm sein Verhalten in München nicht verzeihen). 3. Unbefriedigt in seinem politischen Ehrgeiz und keine großen Perspektiven zu dessen Befriedigung sehend, wandte sich Paul von seinen politischen Interessen ab und wich in die persönliche Sphäre jäh zurück, die zu dieser Zeit schon dermaßen verworren war, dass es ihm nötig schien, irgendwie einen sofortigen Ausweg aus der entstandenen Lage zu finden. Er verliebte sich in JAKUNINA (mit 54 Jahren ist das auch eine psychische Anomalie) und hatte gleichzeitig eine gierige und eitle Frau, die ihm Skandalszenen bereitete. So war er schon zum Gesprächsgegenstand eines bestimmten Personenkreises geworden. PAUL beschloss offensichtlich, seine familiären Probleme in Ordnung zu bringen, aber nicht vor den Augen Eingeweihter, sondern irgendwo im Geheimen. 4. In diesem Zusammenhang beschloss er, in den amerikanischen Sektor Berlins zu fahren und dort die Hilfe der Amerikaner für die Fahrt nach Wiesbaden zu seinem Freund Professor GEILER 23 in Anspruch zu nehmen, und weiter nach Südamerika, zu einem Freund, in dessen Haus er die ganze Zeit in Gera wohnte. 24 Er beschloss offensichtlich, sich von seiner Frau zu trennen und ihr sein gesamtes Vermögen oder einen Teil zu übertragen (nur das kann den Besuch von Pauls Frau in einem Berliner Notariat erklären) und sich selbst wieder seiner Anwaltstätigkeit zuzuwenden. Nebenbei gesagt, träumte er schon lange aus irgendeinem Grunde von der Anwaltstätigkeit und wollte bereits im Mai dieses Jahres sein Anwaltsbüro in Gera eröffnen, aber ich konnte ihm dieses Vorhaben ausreden. 5. Als er bei den Amerikanern in Berlin (oder bei den Engländern – das ist völlig gleich) erschien, stutzten diese sogleich. Irgendeine Provokation vermutend, trennten sie Paul und seine Begleiter für Einzelverhöre. Paul geriet in eine Falle, die er in seinem wahnwitzigen Plan, die politische Tätigkeit im Interesse der Lösung persönlicher Familienangelegenheiten und der Befriedigung seiner sinnlichen Bedürfnisse aufzugeben, nicht vorhersehen konnte.Wenn bei uns der Ministerpräsident einer beliebigen Provinz der Westzone in einer solchen Angelegenheit erschiene, würden wir vermutlich auch so handeln aus Angst vor jeglichen Provokationen.Als sich am 4. Tag des Verschwindens Pauls großer Lärm in den Zeitungen erhob, und zwar in einem für Paul ungünstigem Lichte (möglich ist, dass dieser Lärm von den Engländern und Amerikanern inspiriert wurde, die in ihrer Annahme enttäuscht waren, Paul könne für ihre Interessen genutzt werden), da bestand schon keine Notwendigkeit mehr zu offenbaren, wo Paul war und was mit ihm geschieht, weil er als politischer Akteur für die öffentliche Meinung bereits gestorben war.Der Bruch des Eides, der dem Landtag in Treue auf die Verfassung gegeben war, das Verlassen des Postens des Ministerpräsidenten ohne den Präsidenten des Landtages und die Regierung zu benachrichtigen – das sind ausreichende Gründe dafür, dass Paul jedes Vertrauen in Deutschland eingebüßt hat.6. Wenn die Amerikaner oder Engländer meinen, Paul in der einen oder anderen Weise gegen uns ausnutzen zu können, so ist das wegen der oben dargelegten Gründe weder heute noch künftig möglich.Auf jeden Fall müssen wir eine Reihe Materialien vorbereiten, die Paul politisch, kriminell und persönlich kompromittieren, um, wenn es erforderlich wird, Paul der Öffentlichkeit in unschönster Weise zu zeigen.In diese Richtung arbeiten teilweise schon (obwohl ungewollt) die Zeitungen der westlichen Zonen, aber wir müssen uns auf den schlimmsten Fall vorbereiten.Darüber, warum PAUL ausgerechnet mit Frau und Dolmetscherin nach Berlin fuhr und warum sich das Auto, in dem PAULs Frau, die Dolmetscherin JAKUNINA und der Sohn JAKUNINAs fuhren, plötzlich am Bahnhof in Potsdam befand, kann folgende Vermutung angestellt werden. Zwischen Paul, seiner Frau und JAKUNINA gab es schon eine Übereinkunft zur Übertragung von Teilen oder des ganzen Vermögens Pauls auf den Namen seiner Frau, mit der er die Beziehung wegen Jakunina abbrach. Sie mussten das alles beim Notar im amerikanischen Sektor Berlins regeln (zuvor war Pauls Frau beim Notar offensichtlich zur Konsultation gewesen). 25 Der Notar könnte die amerikanischen Behörden gewarnt haben, dass diese Übereinkunft bevorsteht und die amerikanische Aufklärung konnte PAUL in einer Falle erwartet haben. Das Auto „Maybach“, das Pauls Frau und Jakunina mit ihrem Sohn fuhr, konnte nur bis zum Potsdamer Bahnhof 26 kommen, weshalb die Passagiere das Auto verließen, sich in den Zug setzten und nach Berlin fuhren. Der Polizeichauffeur musste auf Anordnung von Pauls Frau auch das Auto verlassen, die Koffer tragen und alle nach Berlin begleiten. Möglich ist auch die Variante, dass die Amerikaner nach der Festnahme der Frau und der Dolmetscherin Pauls selbst das Auto nach Potsdam abschoben, weil, wenn man einer Notiz im „Telegraf“ vom 9. September 27 glaubt, Pauls Frau mit der Dolmetscherin und ihrem Sohn am 1. September gegen 13 Uhr in Wannsee am Hotel „Kasino“ waren, in dem Pauls Frau drei Zimmer bestellt hatte, aber wegen des Fehlens freier Zimmer zwei Zimmer nun für den 2. September 1947 umreservierte. Diese Variante ist weniger glaubwürdig, aber man sollte sie in Betracht ziehen.Jedenfalls scheint es so, dass sie alle zum Notar fuhren, um die Güterteilung zu regeln, aber in eine Falle gerieten und sie alle, darunter der Sohn der Dolmetscherin und die Polizisten, isoliert wurden. Schwerlich hatte JAKUNINA geplant, für lange oder für immer wegzufahren. Denn in diesem Fall hätte sie nicht ihren 7jährigen Sohn (den sie ganz leicht hätte mitnehmen können) zurückgelassen. Sie hätte wenigstens Wäsche und Kleidung mitgenommen, auch das wäre ohne jedes Aufsehen möglich gewesen.Das sind meine Überlegungen im Zusammenhang mit dem Verschwinden PAULs.Ich habe mich nicht mit allen Materialien der Untersuchung dieser Angelegenheit vertraut machen können, und ich kann nichts sicher behaupten. Ich wollte nur eine Seite der Frage beleuchten, auf die die Untersuchungsorgane ihre Aufmerksamkeit unbedingt richten sollten. Ohne Berücksichtigung dieser Seite (des Gesundheitszustands, der Psyche, der Lebensweise und des Verhaltens Pauls in den letzten Tagen), wird man schwerlich alle Gründe klären können, die Paul zu diesem Schritt veranlassten.Ich bitte um Ihre Anweisung, den hier vorgelegten Brief einschließlich Anlagen den Untersuchungsorganen, die mit dem Fall PAUL befasst sind, bekannt zu geben. Ich hoffe, dass sie dieses Material in gewissem Maße nutzen können.
Chef der Verwaltung der Sowjetischen
Militäradministration des Landes Thüringen[Garde] General-Major (Kolesnitschenko).Kolesnitschenko

Quelle: Gosjudarstwenny archiw Rossijskoj Federazii [Staatsarchiv der Russischen Föderation, Moskau], f. 7184, op. 1, d. 19 [Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, Z 47 F, Film Nr. 90177], Bl. 244r-254r (ms. Ausfertigung, russ.); abgedr. in: Petrow u.a.: SWAG [SMAD] (2006/D), Nr. 213, S.516-524 (russ.); übersetzt v. Jürgen John u. Elke Scherstjanoi (Berlin).

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