Nr. 373a
15. September 1947

Schreiben Rudolf Pauls an den Politischen Berater Robert Daniel Murphy


15. 9. 1947.
Prof. Dr. R. Paul Personal Political Adviser, U S Z o n e.
Da ich leider bis heute nicht persönlich die Gründe vortragen konnte, die mich dazu führten, aus Amt und Pflicht zu gehen, wähle ich diesen schriftlichen Weg.
Ich stand seit Mitte Juli 1945 als Präsident an der Spitze des Landes Thüringen. Während meiner Amtstätigkeit war ich im Interesse des Landes und seiner Bevölkerung bestrebt, in möglichst gutem Einvernehmen mit der sowjetischen Besatzungsmacht zu arbeiten. Ich habe zunächst an deren Wollen zur Schaffung einer Demokratie und eines einheitlichen Deutschlands geglaubt. In diesem Glauben wurde ich vor etwa einem Jahr zum ersten Mal nachhaltig erschüttert. Seit dieser Zeit war ich wiederholt bestrebt, durch Zur-Verfügungstellung meines Amtes als Ministerpräsident und durch monatelange Krankmeldung aus meiner Stellung heraus zu gehen. Es ist mir nicht gelungen, und ich weiss, dass jeder von mir darüber hinaus erzwungene Rücktritt mit Lebensgefahr verbunden gewesen wäre. Die Entwicklung der letzten Monate mit ihrem offenbar gewordenen Betrug und Verrat an der Bevölkerung haben mich in schwerste innere Konflikte gebracht, die es mir verboten, weiter im Amt zu bleiben, wenn ich nicht zu einem Quisling am eigenen Volk werden wollte. In persönlicher Hinsicht kommt noch hinzu, dass man kürzlich meine Unterschrift im Aufruf der Ostzone gegen den Marshall-Plan fälschte und mir in meinem Kampf für Sauberkeit in der Verwaltung gegen die kriminelle Unterwelt von allen Stellen der Besatzungsmacht und der Linkskommunisten stetig sichtbarer in den Arm fiel.Ich bin als Jurist förmlich zwischen Recht und Gesetz aufgewachsen. Ein Herausgehen aus Amt und Pflicht in Notzeiten des eigenen Landes trifft einen Mann des Rechts besonders schwer. Ich habe hinter mir mein gesamtes Vermögen zurückgelassen und habe, was am schwersten wiegt, die Heimat verloren.Ich bin seit 14 Tagen für die Öffentlichkeit mit dem Makel der Pflichtverletzung verschwunden und muss damit rechnen, dass über den Abwesenden und Stummen Fluten der Verleumdung und der Lüge ausgeschüttet werden. Ich habe mich unter Ihren Schutz gestellt, mir wurde Schutz gewährt, und ich sage Ihnen dafür von Herzen Dank.Es ist mir verständlich, dass meine Handlung angesichts der Londoner Konferenz nicht dazu Anlass bieten soll, der Sowjet-Union einen willkommenen Vorwand für das dort bereits beschlossene Scheitern derselben zu bieten. Auf der andern Seite bitte ich zu verstehen, dass es mir in meiner Lage ein Bedürfnis sein muss, mich mit Ihnen oder einer massgeblichen Persönlichkeit über den Sinn und Zweck meines Schrittes auszusprechen.
Mit der Versicherung besonderer Wertschätzung.

Dr. Rudolf Paul


Quelle: Bundesarchiv Koblenz, Z 45 F (OMGUS), POLAD, Box 817, Folder 2 (ms. Ausfertigung, deutsch).