Nr. 363
6./7. September 1947

Erklärungen August Frölichs und Kurt Lässigs (Altenburg) zur „Affäre Paul“ auf der 2. Landesdelegiertenkonferenz Thüringen der SED


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Genosse August Frölich: 1 Genossinnen und Genossen! Werte Gäste! Ein kurzes Wort der Erklärung. Der bisherige Ministerpräsident des Landes Thüringen, Professor Dr. Paul, hat am 1. September unser Land mit unbekanntem Ziel verlassen.(Pfui-Rufe!)Der Wagen des Präsidenten wurde am Stadtbahnhof Potsdam aufgefunden.(Hört! Hört!)Die Untersuchung ist im Gange. Der Landesvorstand unserer Partei, der Präsident des Landtages und das Präsidium des Landtages und die Regierung des Landes werden die sich aus diesem Tatbestand ergebenden Maßnahmen von Fall zu Fall treffen, und, sobald der Zeitpunkt gegeben ist, wird die Öffentlichkeit von dem Notwendigen unterrichtet werden. Wir haben keine Zeit, über diesen Fall zu diskutieren.(Zurufe: Sehr richtig!)Unsere Aufgabe ist eine andere. Für uns gehört die Aera des Landespräsidenten und Ministerpräsidenten Dr. Paul der Vergangenheit an.(Lebhafter Beifall)Ein Mann, der innerlich nie zu uns gehört hat, ist überwunden.(Zurufe: Sehr richtig! – Lebhafter Beifall)Wir haben daraus die Schlußfolgerungen zu ziehen, die wir heute nicht beraten wollen. Aber eine kurze Schlußfolgerung: Alle die, die nicht von Jugend auf zu uns gehören, alle die, die aus einem andern Lager, zum Teil aus einem reaktionären Lager zu uns gekommen sind, die wollen wir überprüfen.(Zurufe: Sehr richtig! – Lebhafter Beifall)Wir wollen feststellen, ob sie noch länger in unseren Reihen bleiben können.(Bravo-Rufe! – Lebhafter Beifall)Und eines noch, Genossinnen und Genossen! Es war ein Übelstand in der sozialistischen Bewegung seit ihrem Bestehen, daß, wenn Menschen mit einem Titel kamen, wenn sie als Akademiker kamen, sie dann oftmals verdienten älteren Genossen, die die Arbeiterbewegung mit hochgebracht haben, vorgezogen wurden.(Beifall)Ich habe schon immer in meinem Leben – es ist erfreulicherweise nicht ganz kurz – gegen diesen Zustand angekämpft. Aber leider ist es heute in der sozialistischen Partei noch so, daß wenn die Wahl zwischen einem einfacher Arbeiter, der seinen Posten beziehen soll, und einem Akademiker oder einem, der Schule besucht hat, fallen soll, der letzter[e] oftmals den Vorzug bekommt, wenn er auch nur ganz kurze Zeit unserer Partei angehört.(Pfui-Rufe) Damit sollten wir ein Ende machen. 2 (Zurufe: Sehr richtig – Beifall)Wir sollten unsere ganze Kraft dafür einsetzen, daß unsere gesamte Mitgliedschaft davon überzeugt wird, daß wir nur so und nicht anders in der Zukunft zu handeln haben.(Zurufe: Sehr richtig!) Nun ist ein Mann über Bord gegangen. Wir haben keine Zeit dazu, über ihn zu diskutieren. Über die Schlußfolgerungen haben wir noch später zu diskutieren. 3 Wir gehen an die Arbeit. Wir marschieren weiter, um Deutschland aufzubauen, um die Einheit Deutschlands zu erzielen, um den Sozialismus zu verwirklichen. (Lebhafter Beifall)[…]
Genosse Lässig , Altenburg: 4
Genossinnen und Genossen! Einige der Begrüßungsredner, insbesondere der Genosse Kolesnitschenko, haben unsere Partei zur Selbstkritik, erhöhten Wachsamkeit und zu steter Kampfbereitschaft aufgerufen. Es wäre von uns ein großer Fehler, wenn wir die Bedeutung dieser wichtigen Fragen nicht kennen wollten. Wir dürfen nicht selbstgefällig über unsere bisherige Arbeit sprechen. Das Ausmaß der vor uns stehenden Kämpfe erfordert die nüchterne Feststellung unserer Mängel und Schwächen.Mit Recht wurde in dem politischen Bericht auf gewisse Unzulänglichkeiten der unteren Einheiten der Partei hingewiesen. Diese müssen wir mit allen Mitteln zu beheben versuchen. Der Genosse Hoffmann hat aber nur in geringem Maße auf die Waffe der Selbstkritik in bezug auf die Tätigkeit des Landesvorstandes und insbesondere des Sekretariats hingewiesen. Worin bestehen diese Mängel. Unsere Partei muß sich insbesondere auf die großen politischen Ereignisse schnell und richtig einstellen und entsprechend reagieren. An 2 Beispielen möchte ich zeigen, daß hier Versäumnisse begangen wurden. 1. als das Attentat auf den Genossen Frölich ausgeübt wurde, 5 trat eine unverzeihliche Schwäche unserer Partei an den Tag. (Zurufe: Sehr richtig! – Beifall)Diese Gelegenheit mußte ausgenutzt werden zur breiten Massenmobilisierung. Das mußte uns Anlaß geben zur Verschärfung unseres Kampfes gegen Reaktion und Faschismus.(Beifall)Dagegen haben wir gezögert, waren unsicher, nutzten weder unsere Presse, noch den Rundfunk aus, noch mobilisierten wir die Betriebe. Ich bin der Überzeugung, das ist ein ernster Fehler, den hier der Landesvorstand begangen hat. – Die 2. Frage, die Dr. Paul-Affäre, ist genau so. Wo blieb hier die Wachsamkeit unserer Partei?(Zurufe: Sehr richtig! – Beifall) Ich frage, wie leitete und kontrollierte die Partei die Regierung? Wie sorgte sie dafür, daß die gewählten Funktionäre im Regierungsapparat auch entsprechend den Anweisungen unserer Partei arbeiten? Wir müssen den Grundsatz vertreten, [daß] 6 die mit so wichtigen Ämtern bekleidet worden sind, sich unbedingt überall als Parteimitglieder fühlen und entsprechend handeln. Wenn sie die Beschlüsse der Partei nicht anerkennen wollen, wenn sie versuchen, sich der Kontrolle der Partei zu entziehen, dann dürfen wir sie in unsern Reihen nicht dulden. (Beifall)Der größte Teil unserer Funktionäre, einschließlich der Kreisvorsitzenden und Kreissekretäre, stand Prof. Dr. Paul immer mit Mißtrauen gegenüber.(Zurufe: Sehr richtig!)Es wäre gut gewesen, wenn sich auch unser Landesvorstand dieses begründete Mißtrauen zu eigen gemacht hätte. Nicht deswegen waren wir mißtrauisch, weil er aus dem Bürgertum kam. Davon haben wir noch andere Leute, sondern deswegen, weil er handelte wie ein Bürgerlicher.(Beifall)Ich bin der Auffassung, wir dürfen jetzt nicht mehr weiterwursteln. Jetzt muß mit der ganze Aera Paul aufgeräumt werden.(Beifall)[…]Nun zum Schluß: Ich verwahre mich von vornherein dagegen, als negativer Kritiker bezeichnet zu werden. Ich bin der Auffassung, wir haben keinen Grund, unser Licht unter einen Scheffel zu stellen, durchaus nicht. Wenn wir aber sehen, wie jetzt gegenwärtig die Reaktion überall ihre Kräfte ansetzt und geschlossen zum Angriff übergeht, ist es notwendig, die eigenen Reihen zu überprüfen, ob sie stark und kampffähig genug sind. Aus diesem Grunde möchte ich hervorheben, daß man mit zwei Methoden einem Angriff begegnen kann, die eine Methode ist die des Abwartens und der Verteidigung, die 2. Methode ist die des Gegenangriffs.(Zuruf: Sehr richtig!)[…]

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Bezirksparteiarchiv der SED Erfurt, IV/L/1-003 (ms. Protokoll), S. 23f., S. 58-60.

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