Nr. 358b
5. September 1947
Kommentar:
„Der Landesvater“


Als die Russen Thüringen übernahmen, war er Bürgermeister von Gera. Er veranlaßte, daß die neue Besatzungsmacht mit Beflaggung empfangen wurde. Dann wurde er Landespräsident.
Er mußte sich mit den neuen Machthabern stellen, der Besatzungsmacht und der KPD, später der SED. Sein Verhältnis zu den Russen war nicht schlecht, aber es beruhte auf ständigem Nachgeben. Die KPD traute ihm nicht, hätte lieber einen der Ihren an seinem Platze gesehen. An Intelligenz und Wendigkeit war Paul den Leuten von ganz links überlegen, die stärkeren Ellenbogen waren auf der anderen Seite. So fuhr er bald vollkommen in ihrem Fahrwasser. Der Stil seines Lebens gefiel ihnen nicht. Er war froher Genießer, keineswegs übermäßig üppig, aber es paßte nicht ganz in die Zeit. Kulturellen Dingen gegenüber aufgeschlossen. Das Weimarer Theater ist gut. Als die Fusion von KPD und SPD kam, erklärte er seinen Beitritt zur neuen Partei. Die neuen Parteifreunde schienen keineswegs entzückt. Seine Stellung gegenüber den mächtigen Männern der SED, Busse und Eggerath, wurde nicht leichter. Er wurde krank, wahrscheinlich sogar echt, und man rechnete allgemein damit, daß er nicht wiederkehren würde. Gestützt auf das Vertrauen der Besatzungsmacht, kehrte er dennoch zurück. Dafür ging Busse nach Berlin. Aber es kriselte um Paul herum. Sein engster Mitarbeiter mußte nach peinlichen Enthüllungen gehen. Jetzt verschwand er selbst.
„Laßt wohlbeleibte Männer um mich sein, mit glatten Köpfen und die nachts gut schlafen“, sagt Shakespeares Cäsar. Paul hat anscheinend seit längerer Zeit nicht mehr gut geschlafen. Er wird sich wie ein kleiner Machiavelli vorgekommen sein. Aber zu einem Machiavelli gehört etwas mehr Charakter.


Quelle: Telegraf, 5.9.1947, Zeitungsausschnitt in: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 271/1, Bl. 5r.