Nr. 355e
4. September 1947

Vernehmung des Ersatzfahrers Wilhelm Köhler im Landeskriminalamt Weimar


Weimar, den 4. 9. 1947
Land ThüringenMinisterium des InnernLandespolizeiamt – LandeskriminalamtTgb. Nr. /47/ St/ He

Auf Vorladung erscheint der
Hauptwachtmeister Wilhelm K ö h l er , Weimargeb. am 8. Nov. 1911 zu Niederstreit Krs. Schweidlitz/Schl.wohnhaft in Weimar, Brucknerstrasse 19

welcher mit dem Gegenstand der Vernehmung vertraut gemacht und zur Wahrheit ermahnt wurde, erklärt folgendes:

Zur Person:

Am 8. 11. 1911 wurde ich als 2. Kind des Arbeiters Wilhelm Köhler in Niederstreit geboren. Ich habe in Gross-Rossen die Volksschule besucht, anschliessend 4 Jahre Berufsschule. Anschliessend an den Volksschulbesuch erlernte ich das Schmiedehandwerk. Nach meiner Lehrzeit arbeitete ich bis zum Jahre 1931 als Geselle. Im Jahre 1931 meldete ich mich freiwillig zur Wehrmacht, wo ich zum Reiter-Regiment 11 nach Neustadt/Oberschl. beordert wurde. Am Kriege nahm ich an verschiedenen Kampfabschnitten teil. Im Mai 1945 kam ich in russische Kriegsgefangenschaft. Aus derselben wurde ich im Nov. 1945 entlassen. Nach meiner Entlassung arbeitete ich bei der Fa. Mercedes in Weimar als Autoschlosser, bis zum 30.11.1945. Am 1.12.1945 trat ich zur Schutzpolizei Weimar ein, wo ich bis zum heutigen Tage meinen Dienst versehe. Der NSDAP. oder einer ihrer Gliederungen habe ich nicht angehört. Der SED gehöre ich seit ihrer Gründung an.

Zur Sache:

Ich, Hauptwachtmeister Köhler bin seit Juli 1946 als Fahrer beim Ministerpräsidenten Dr. Paul. Nach meinem Urlaub vom 24. August versah ich meinen Dienst bis zum heutigen Tage wieder. Am Sonntag, den 24. August bin ich mit Dr. Paul, seiner Frau und Frau Bauer nach Eisenach auf die Wartburg gefahren. Daselbst verblieb er bis abends 8 Uhr, dann fuhren wir wieder nach Weimar zurück. Auf der Wartburg besuchte Herr Ministerpräsident Paul den Burgwart der Wartburg. Selbige unterhielten sich im Beisein seiner Frau und Frau Bauer im Burgzimmer. Ich selbst habe an der Unterhaltung nicht teilgenommen, ich befand mich im Lokal der Wartburg. Gegen 20 Uhr fuhren wir in Richtung Weimar. Auf der Höhe von Gotha wurde unser Wagen von 2 russischen Soldaten versucht, anzuhalten. Ich hielt nicht und fuhr an denselben vorbei, hierauf sandte man 3 Schuss hinter uns her. Selbige gingen aber fehl. Ich setzte meine Fahrt bis nach Weimar zur Wohnung des Herrn Dr. Paul ungehindert fort.

Am Dienstag, den 26. August fuhr ich dann auftragsgemäss als Beifahrer mit dem Herrn Dr. Paul, seiner Frau und Frau Bauer sowie dem Fahrer Lt. Urbschatz nach Berlin. Wir fuhren dann am Morgen des genannten Tages um 7 Uhr in Weimar weg und gegen ½ 11 fuhren wir am Haus der SED in Berlin vor. Hierauf begab sich der Herr Ministerpräsident ins Haus der SED und Frau Bauer fuhr mit uns nach Karlshorst 1 zur russ. Kommandantur. Selbige erkundigte sich dort, wann Herr General Sokolowski zu sprechen sei. Nach wenigen Minuten kam selbige wieder aus dem Gebäude und erklärte zu Frau Minister Paul, dass der General sich z. Zt. in Hannover befände und heute nicht mehr zu sprechen wäre. Hierauf fuhren wir wieder zum Haus der SED, wo Frau Paul sowie die Dolmetscherin Frau Bauer den Herrn Dr. Paul erwarteten. Kurz vor 1 Uhr kam Herr Dr. Paul aus dem Haus. Von hier begaben wir uns im Beisein von Dr. Paul zum Rathaus, wo Herr Dr. Paul mit dem Bürgermeister Dr. Friedensburg eine Unterhaltung führen wollte. Er kam jedoch nach kurzer Zeit wieder zurück und erklärte seiner Frau, dass derselbe nicht anwesend sei und erst gegen Nachmittag wieder zu sprechen sei. Von hier fuhren wir zum Kurfürstendamm, wo Herr Dr. Paul und seine Frau und Frau Bauer ausstiegen und dort spazieren gingen. Wir begaben uns zur Maybach-Vertretung 2 und wollten Reparaturen vornehmen lassen. Kurz vor 3 Uhr holten wir die genannten Personen wieder ab an der Friedenskirche. Anschliessend fuhren wir zum Rathaus, wo der Herr Minister ausstieg und sich zu Herrn Dr. Friedensburg begab, wir begaben uns zum Haus der Kultur, wo sie sich mit einer Frau Becher trafen. Gegen 5 Uhr holten wir die genannten Damen ab und fuhren nach Neukölln 3 zum Kino. Während der Zwischenzeit begab ich mich nach Neukölln zu meiner Tante Lotte Schröter, Weigandufer 27, wo ich dann gegen 20 Uhr wieder zurück zum Kino mich begab und die Frauen wieder abholte. Vom Kino begaben wir uns zur Wohnung der Frau Becher, 4 wo die Frau Dr. Paul sowie Frau Bauer sich in die Wohnung begaben und dort übernachteten. Wir selbst erhielten den Auftrag, Dr. Paul gegen 23 Uhr von Herrn Friedensburg abzuholen, welches wir auch ausführten und gegen 23 Uhr begaben wir uns mit Herrn Dr. Paul zum Kasino-Hotel in Wannsee, wo wir übernachteten.


Am 28. August fand von mir aus keine Fahrt statt, da der Ministerpräsident im Ministerium beschäftigt war. Am selbigen Tag erhielt ich dann gegen Abend von Herrn Dr. Paul den Auftrag, dass ich am 29. August seine Frau nach Berlin fahren müsse.

Am 29. morgens gegen 7 Uhr begab ich mich zur Wohnung des Präsidenten Dr. Paul, um meine Fahrt nach Berlin auszuführen. An der Fahrt nahmen die Frau des Präsidenten sowie Frau Röska teil. Von hier begaben wir uns nach Berlin, wo wir gegen 11 Uhr eintrafen. In Berlin angekommen begaben wir uns zur Charlottenburgerstrasse Nr. 113. Nach meiner Vermutung wohnt im selbigen Haus ein Notar, den Frau Dr. Paul in Beisein von Frau Röska aufsuchte. Nach einer halben Stunde erschienen beide wieder, und wir fuhren mit Frau Röska zu ihrer Wohnung. Frau Dr. Paul begab sich wieder in das Haus zurück. Beim Verlassen von Frau Dr. Paul erklärte dieselbe zu Frau Röska, sie solle ihre Sachen erledigen, sie würde nachkommen. Ich fuhr mit Frau Röska zu einer gewissen Link, die Strasse kann ich nicht mehr angeben, da dieselbe mir unbekannt ist. Frau Röska stieg aus und erklärte zu mir, sie wolle erst einmal nachsehen, ob ihre Bekannte zu Hause sei. Nach kurzer Zeit erschien sie wieder am Auto und [ich] trug anschliessend 4 schwere Koffer in die Wohnung der Frau Link. 3 Koffer stellte ich auf den Korridor der Frau Link ab, einen Koffer trugen wir in die Küche. Aus demselben wurden ca. 15 Pfund Kartoffeln, 1 Glas Bohnen und 1 Glas Fleisch, Wurst und Speck entnommen, wovon für uns ein Mittag hergestellt wurde. Was sich in den anderen 3 Koffern befand, entzieht sich meiner Kenntnis. Besonders möchte ich erwähnen, dass der ehem. Mann der Frau Röska als amerikanischer Reporter beschäftigt ist und die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt. Wie mir noch bekannt ist, erklärte Frau Röska, dass sie ihren ehem. Mann sprechen wollte, welcher dann später vor dem Hause der Link erschien und Frau Röska sich nach unten begab. Sie ging hierauf mit ihrem ehem. Mann eine Stunde weg. Ich hielt mich in der Zwischenzeit in der Wohnung der Frau Link auf. Nach ungefähr 1 Stunde kam Frau Röska wieder zurück, und erklärte, dass sie von ihrem ehem. Mann 2 Pfund Bohnenkaffee, 1 Schachtel amerikanische Zigaretten und 1 Stück Butter erhalten habe. Ich hörte mir dies an und machte keinerlei Äusserungen, worauf sie mir eine Zigarette anbot. Ich befand mich in der Zwischenzeit mit Frau Link und Frau Röska im Wohnzimmer der Frau Link, wo wir gemeinsam unsere Mittagsmahlzeit einnahmen. Bei einer zwangsläufigen Unterhaltung erklärte Frau Röska, dass ihre Sache gut geklappt habe und sie heute nicht in Berlin übernachten brauche. Nach dem Essen begab ich mich zum Wagen, um zu tanken. Währenddessen ich mit dem Tanken beschäftigt war, kam mir Frau Dr. Paul schon angezogen entgegen mit Frau Röska. Auf dem Korridor befanden sich noch die 3 Koffer, welche ich nach unten schaffte. Beim Hochheben bemerkte ich, dass sie leer waren. Dieselben müssen während der Zeit entleert worden sein, während ich den Wagen tankte. Was sich in den Koffern befand, entzieht sich meiner Kenntnis. Auch habe ich danach nicht gefragt, weil ich keine Veranlassung dazu hatte. Hierauf fuhren wir nach Weimar und trafen nach 20 Uhr in Weimar ein. Auf ausdrückliches Befragen, ob ich während der Fahrt die Unterhaltung der beiden Frauen gehört habe, so erkläre ich, dass in dem Maybachwagen hinter dem Führersitz eine Glasscheibe angebracht ist und ich dadurch kein Gespräch mithören kann.

Am 30. 8. 1947 habe ich keine Fahrten mit dem Ministerpräsidenten durchgeführt, da derselbe im Amte beschäftigt war.

Am 31. ist der Ministerpräsident mit Lt. Urbschatz und Frau Bauer um 9 Uhr mit dem Wagen 00-1 (Maybach) nach Oberhof gefahren. Der Fahrer Belintzki ist mit dem Mercedeswagen 00-10 mit Frau Paul um 8 Uhr nach Gera gefahren und von da ebenfalls nach Oberhof. In Oberhof sind dieselben im Golfhotel abgestiegen, in welchem das Ministertreffen mit 3 Hessischen Ministern stattfand, die die Leipziger Messe besuchen wollten. Ich selbst bin Sonntag abend gegen 20 Uhr mit meinem Wagen zur Weimarhalle gefahren und habe vom Theater 2 Damen und 2 Herren nach Oberhof gefahren. Dieselben habe ich nachts gegen ½ 2 Uhr wieder nach Weimar zurückgefahren. Der Ministerpräsident sowie seine Gattin und Frau Bauer und beide Fahrer haben in Oberhof übernachtet.

Am 1. September kam ich gegen 10.30 Uhr in die Wohnung des Ministerpräsidenten und traf da den Lt. Urbschatz, welcher Frau Paul und Frau Bauer von Oberhof nach Weimar gebracht hatte. Er sagte mir, dass sie von Oberhof mit beiden Wagen gegen 9 Uhr abgefahren sind und der Ministerpräsident sich von ihm bei der Autobahn-Abfahrt nach Weimar getrennt hat. Der Ministerpräs. ist weitergefahren in Richtung Hermsdorfer-Kreuz. Der Fahrer Urbschatz ist, wie schon gesagt, in die Wohnung des Präsidenten gefahren, um die Gattin desselben und Frau Bauer dorthin zu bringen. Auf Befragen, wo sie hinfahren, erklärte mir der Fahrer, zur Leipziger Messe. Der Lt. Urbschatz ist mit Frau Paul, Frau Bauer und dem Sohn von Frau Bauer kurz nach 11 Uhr wieder von der Wohnung weggefahren. Ich nehme an, dass der Aufenthalt in der Wohnung nur dazu benützt wurde, um einiges zu holen. Als ich die Köchin frug, wann sie wieder zurückkommen, erklärte diese mir, dass sie bis Montag wegbleiben und erst nach Berlin gefahren sind und dann erst nach Leipzig, denn sie hatte gehört, wie der Lt. Urbschatz Frau Paul frug, ob er noch tanken müsse, denn er käme noch bis Leipzig. Daraufhin hatte Frau Paul ihm geantwortet, sie führen jetzt nicht nach Leipzig, sondern nach Berlin. Seit dieser Zeit habe ich niemanden mehr von den Abwesenden gesehen.

Dazu möchte ich noch bemerken, dass der Ministerpräsident mit Frau Paul und Frau Bauer am Donnerstag abend bei Herrn Ober-Reg.Rat Wunderlich zum Geburtstag waren. Nach Rückkehr vom Geburtstag kam es in der Wohnung der Frau Paul mit der Frau Bauer zum Streit, in welchen auch der Ministerpräsident verwickelt war und Frau Bauer einen Nervenzusammenbruch bekam. Darauf wurde der Professor Drechsler geholt und sie in Behandlung nahm. Die Mitteilung erhielt ich v. d. Köchin.

Sonst habe ich zu der Angelegenheit nichts mehr hinzuzufügen.
Ich erkläre, die reine Wahrheit gesagt zu haben. v.g.u. Pol. Hpm. W. Köhler
Geschlossen: Krim.Ob. [ Unterschrift ]


Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, NS-Archiv des MfS, Objekt 9 ZA, Nr. 988, Bl. 158r-161r (ms. Ausfertigung).

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