Nr. 342
4. August 1947

Besprechung zwischen Ministerpräsident Rudolf Paul und dem SMATh-Stabschef Iwan W. Smirnow über Ablieferungs-, Erfassung- und Ernährungsfragen


B e r i c h t
über die Besprechung zwischen Herrn Generalmajor S m i r n o w und Herrn Ministerpräsidenten Prof. Dr. P a u lam 4. 8. 1947
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1. Betr.: Befehl Nr. 262 1

Herr Ministerpräsident Prof. Dr. Paul nahm gleich am Anfang dieser Besprechung Stellung zu dem Befehl Nr. 262, indem er auf die hauptsächlichsten Schwierigkeiten in der Landwirtschaft hinwies, die sich bezüglich der Milchwirtschaft ergeben. Als wesentlichstes Moment führte Herr Ministerpräsident Prof. Dr. Paul den Futtermangel an. Durch ungeheuere Trockenheit in diesem Sommer sind auf diesem Gebiete erhebliche Schwierigkeiten eingetreten. Ausserdem hat Herr Ministerpräsident feststellen müssen, dass die Moral der Abgabefreudigkeit bei den Bauern gesunken ist. Es sind auch Saboteure festgestellt worden und bei den Kontrollen wird man noch einige finden, jedoch dürften diese paar Fälle nicht ein paar Millionen Liter Defizit in der Milchablieferung ausmachen.
Als zweiten wichtigen Punkt nannte Herr Ministerpräsident die Bestimmung, dass die Kälber bis zu einem Gewicht bis zu 70 kg gefüttert werden müssen. Durch diese Bestimmung entsteht ein Verlust von Futter- und Milchmengen für unser Land, der auf der andren Seite als Gewinn nicht das Fleisch herausbringt. In Deutschland sind die Kälber bisher mit einem Gewicht von 50 kg geschlachtet worden. Herr Ministerpräsident bat Herrn General, Karlshorst zu informieren und zu bitten, von dieser Bestimmung, dass die Kälber erst mit 70 kg geschlachtet werden können, abzukommen und zu gestatten, dass die Kälber mit 50 kg geschlachtet werden dürfen. Wird das der Fall sein, so wird zum grossen Teil unser Defizit in der Milchablieferung behoben werden können.Herr Ministerpräsident Prof. Dr. Paul kam noch einmal auf die Moral der Abgabefreudigkeit zurück und berichtete davon, dass an sich Thüringen Zuschussgebiet war. Man dürfe Thüringen mit Mecklenburg in keiner Weise vergleichen, da Mecklenburg Heideland ist – Brandenburg ist eine arme Provinz, dagegen sei die Provinz Sachsen ein reiches Land. Die Gegend um Magdeburg ist die deutsche Ukraine. Unsere Bauern sehen nun, wie wir an Sachsen und Berlin Fleisch und Butter abliefern müssen. Unsere Bevölkerung bekommt anstatt Butter – Zucker oder Öl.Vor zwei Jahren, als mit den ersten Ablieferungen nach Sachsen begonnen wurde, war Sachsen zerstört, besonders in seinen östlichen Teilen in der Gegend von Görlitz. Sachsen wird beliefert von Mecklenburg, der Provinz Sachsen und Thüringen, ausserdem baut es aber selbst noch an. Es müsste doch jetzt einmal von Karlshorst aus überprüft werden, ob sich Sachsen in diesen zwei Jahren nicht etwas erholt hat und die Ablieferung auf dieser Höhe nicht mehr zu erfolgen braucht.Im allgemeinen ist es so, wenn man etwas abgibt, sodann vom Überschuss. Bei uns sieht es aber anders aus, wir liefern erst ab und der Rest verbleibt zur Versorgung unserer Bevölkerung. Die Bevölkerung erhält anstatt Butter – Zucker. Das ist den Bauern und der Bevölkerung im allgemeinen bekannt und trägt wesentlich dazu bei, die Ablieferungsfreudigkeit zu beeinträchtigen.Anschliessend zu diesen Ausführungen erklärte Herr Ministerpräsident Prof. Dr. Paul dem General, dass er durchaus verstehe, dass wir Berlin sowie Sachsen nicht verhungern lassen können.Herr Generalmajor Smirnow fragte Herrn Ministerpräsidenten, wie es zu erklären sei, dass das Ablieferungssoll von Schweinefleisch nicht erfüllt werde.Herr Ministerpräsident nahm zu dieser Frage Stellung und erklärte, dass den Bauern zu wenig Kartoffeln für die Schweine verblieben seien – ebenso Gerste. Jetzt werden die Schweine mit einem oder anderthalb Zentner geschlachtet, das sei ja der reinste Kindermord. Ein Schwein sei erst ein Schwein mit 2 ½ Zentner. Herr Ministerpräsident hatte vor einigen Monaten Karlshorst gebeten, Thüringen eine zweimonatige Pause zu geben, d.h. in dieser anstatt Schweinefleisch – Rindfleisch abzugeben. Nach dieser Pause hätte es bezüglich des Ablieferungssolls von Schweinefleisch keine Schwierigkeiten mehr gegeben, doch wurde diesem Vorschlag nicht stattgegeben.In Anbetracht dieser Futterknappheit schlägt Herr Ministerpräsident Herrn Generalmajor Smirnow vor, den Viehbestand in Thüringen zu verringern – und zwar so bald als möglich. Es wird schwer sein, die Bauern davon zu überzeugen, dass dies zum Nutzen der Gesamtheit ist. Herr Ministerpräsident bat Herrn General, Karlshorst von diesem Vorschlag zu informieren.Herr Generalmajor Smirnow sprach davon, dass eine Kommission aus Karlshorst hier in Thüringen gearbeitet hat. Aufgrund der Ergebnisse dieser Überprüfung von Seiten der Kommission, sah sich Generalmajor Kolesnitschenko veranlasst, den Befehl Nr. 262 herauszugeben mit der Hoffnung, Aktivität in die Arbeiten der Erfassung zu bringen. Generalmajor Kolesnitschenko sei in Urlaub gefahren, der Herr Ministerpräsident ist bereits aus dem Urlaub zurückgekehrt – also es ist schon einige Zeit seit der Herausgabe dieses Befehls vergangen und doch sei kein Fortschritt in der Arbeit zu verzeichnen. Aus diesem Grunde bittet Herr Generalmajor Smirnow Herrn Ministerpräsidenten, sich persönlich dieser Angelegenheit anzunehmen.Weiter führte Herr General aus, dass die SMAT über Nachrichten verfügt, dass Bauern lieber die Milch wegschütten als sie abzuliefern. Das ist Sabotage und die Betreffenden, die so etwas tun, müssen streng bestraft werden. Herr General führte als Beispiel einen Kreis an, wo dem Gericht einige Hundert solche oder ähnliche Fälle zur Bearbeitung übergeben wurden. Zum grössten Teil wurden die Angeklagten bis zu einer Woche, bis zu einem Monat Gefängnis, oder zu Geldstrafen verurteilt. Das ist nicht richtig und wirkt nicht abschreckend.Herr Ministerpräsident erklärte hierzu, dass er einige krasse Fälle herausgreifen und sich mit dem Generalstaatsanwalt in Verbindung setzen wird, der sich mit diesen Angelegenheiten persönlich befasst. Nicht die Berufsrichter fordern diese niedrigen Strafen, sondern die Laienrichter.Zum Abschluss versprach Herr Ministerpräsident Herrn Generalmajor Smirnow, die Landräte zusammenzurufen und sich mit ihnen über alle Fragen der Erfassung auseinanderzusetzen.[…]Weimar, den 5. 8. 1947

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar , Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 514, Bl. 44r-46r (ms. Ausfertigung).

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