Nr. 340e
16. August 1947

Aus dem Protokoll der Besprechung zwischen Ministerpräsident Rudolf Paul und SMATh-Verwaltungschef Iwan S. Kolesnitschenko zu Ernte, Ernährungs- und Futterlage, Viehbestand und Lage im Thüringer Wald


A k t e n v e r m e r k
über die Besprechung mit Herrn Generalmajor Kolesnitschenko und Herrn Ministerpräsidenten Prof. Dr. Paul, gedolmetscht Frau Bauer, am 16. August 1947.

Das erste Treffen zwischen Herrn Ministerpräsidenten und Generalmajor Kolesnitschenko nach Rückkehr vom Urlaub von Generalmajor Kolesnitschenko 1 begann mit der so unerhört schwierigen Frage des Landes Thüringen, und zwar der Ernährung der Bevölkerung.
1. KartoffelnHerr Ministerpräsident erstattete Generalmajor Kolesnitschenko einen ausführlichen Bericht über die Ernte des Jahres 1947, wobei er betonte, daß die Ernte dieses Jahres eine gute Durchschnittsernte sei, daß jedoch die Kartoffelernte, wenn kein Regen kommt, unter großer Gefahr steht. Außerdem betonte Herr Ministerpräsident, es sei unzulässig, daß die Kartoffeln, die nach Vertrag aus Sachsen nach Thüringen geliefert werden müssen, seit einiger Zeit nach Berlin und Mecklenburg transportiert werden und die Bevölkerung Thüringens schon einige Wochen ohne Kartoffeln dasteht. Generalmajor Kolesnitschenko versprach, sich mit Berlin in Verbindung zu setzen und die Frage zu regeln. 2. Heu Mit einer Heuernte, die ausreichend für die Versorgung des Viehbestandes sein soll, kann nicht gerechnet werden. Es kann in Thüringen nur mit dem ersten Heuschnitt gerechnet werden, da fast in allen Kreisen der Regen ausblieb und das Gras zum zweiten Schnitt nicht gewachsen ist. Generalmajor Kolesnitschenko betonte, daß der Heuplan mindestens um 50 % herabgesetzt werden [muss] und das Heu nur für die Einheiten der Roten Armee genommen wird. Alles andere können die Bauern als Futter für ihr Vieh für den Winter verwenden.Im Zusammenhang mit der schwierigen Futterlage berührte Herr Ministerpräsident noch einmal die Frage des Viehbestandes und führte u.a. aus: „Der Viehbestand des Jahres 1947 gleicht dem Viehbestand des Jahres 1937. Im Jahre 1937 war der höchste Friedensbestand, den Thüringen aufzuweisen hat. Hieraus ist zu ersehen, daß das Land Thüringen gemäß der Futterlage einen zu hohen Viehbestand hat.“Herr Ministerpräsident überreichte Herrn Generalmajor Kolesnitschenko einen ausführlichen Bericht über den Viehbestand und bat um schnellste Regelung dieser Frage. Generalmajor Kolesnitschenko schlug vor, einen Teil Vieh zu schlachten und damit die Fleischablieferungen des Jahres 1948 schon zu decken. Weiter schlug Generalmajor Kolesnitschenko vor, einen Tausch mit Mecklenburg und Brandenburg vorzunehmen, und zwar Vieh gegen Futter. Da in Mecklenburg nach der Überschwemmung des Jahres 1947 mit einer guten Heuernte zu rechnen ist, kann das Land Mecklenburg mehr Vieh aufnehmen, jedoch auch dem Lande Thüringen mit Futter dienen. Den Bericht des Herrn Ministerpräsidenten versprach Herr Generalmajor Kolesnitschenko sofort nach Karlshorst zu schicken, um in kürzester Zeit eine Entscheidung dieser Frage herbeizuführen. 3. Molkereien Generalmajor Kolesnitschenko teilte mit, daß die Ablieferung von Milch vom 1. bis 10. August in allen Kreisen erheblich gesunken und er deshalb mit der Einführung eines verschärften Kontrollsystems vollkommen einverstanden ist, daß jedoch die Justiz viel energischer eingreifen muß und daß solche Fälle wie in Rudolstadt nicht mehr vorkommen dürfen. Der Landrat des Kreises Rudolstadt hatte 30 Personen zwecks Bestrafung dem Gericht übergeben. Das Gericht hat es jedoch für richtig befunden, weit über die Hälfte dieser Personen vollkommen freizusprechen. Generalmajor Kolesnitschenko bat um Klärung dieser Frage. 4. Schlachtgewicht der Kälber Weiterhin versprach Generalmajor Kolesnitschenko, das Gewicht der Kälber, die zur Fleischablieferung vorgesehen sind, von 70 kg auf 50 kg herabzusetzen, wodurch das Land Thüringen im Durchschnitt mindestens 12 Mill[ ionen ] 2 Liter Milch gewinnen und somit die Milchablieferung auch erhöht wird. […] 3 9. Thüringer Wald Herr Ministerpräsident berichtete über die ausführlichen Besprechungen mit Herrn General Malinowski (Vertreter aus Karlshorst für Forstwirtschaft in der Ostzone) und über die Besichtigung der Windbruchstellen sowie der Stellen des Thüringer Waldes, die vom Borkenkäfer befallen sind. Generalmajor Kolesnitschenko brachte kurz folgendes zum Ausdruck:„Das Forstamt beim Ministerium für Versorgung hat vollkommen versagt. Sie erhalten in den nächsten Tagen einen Befehl, der auf Grund des Berichtes von Malinowski ergeht. Ich möchte nur noch hinzufügen, daß der Borkenkäfer im Thüringer Wald meiner Meinung nach weniger Schaden anrichtet als die Borkenkäfer in den einzelnen Ämtern der Forstabteilung. Ich stehe auf dem Standpunkt, daß eine Reihe verantwortlicher Arbeiter dieses Amtes dem Gericht übergeben werden müssen. Es ist eine Unzulässigkeit und eine Verantwortungslosigkeit dem deutschen Volk gegenüber, daß die Beamten der Forstabteilung im Laufe eines Jahres in der Windbruchkatastrophe nichts getan haben. Jeder Fachmann weiß, daß man die vom Wind beschädigten Bäume nicht ein ganzes Jahr liegen lassen kann, sondern sofort an die Aufräumungsaktion im Wald zu gehen hat. Das Forstamt kümmerte sich jedoch darum gar nicht und wir sehen in diesem Jahr im Thüringer Wald dasselbe Bild wie es zwei Tage nach der Katastrophe war. Ich glaube, Herr Ministerpräsident, Sie haben sich selbst davon überzeugt. Sie waren vor einem Jahr an der Katastrophenstelle und haben sie dieses Jahr wieder gesehen. Herr Malinowski war auch im vorigen Jahr nach der Katastrophe im Wald. Er hat sogar Fotoaufnahmen gemacht und wenn man in diesem Jahr wieder Aufnahmen machen würde, könnte man nicht unterscheiden, ob dieses Jahr oder voriges Jahr die Katastrophe war. Ich bitte Sie, obgleich es gar nicht zu Ihrem Ressort gehört, Herr Ministerpräsident, die Ausführung des Befehls einzig und allein in die Hand zu nehmen und den Borkenkäfer in den Ämtern auszurotten, wo es nötig ist. […] 4
MB/A.


Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar , Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 514, Bl. 37r-43r (ms. Ausfertigung).

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