Nr. 333d
1. Juli 1947

Die 12. Tagung des SED-Parteivorstandes zu dem Attentat


Stenographische Niederschrift
über die12. Tagung des Parteivorstandesder Sozialistischen Einheitspartei Deutschlandsam 1. bis 3. Juli 1947 im „Zentralhaus der Einheit“ zu Berlin
Erster Verhandlungstag
Dienstag, den 1. Juli 1947, 14 Uhr
Die Sitzung wird um 14 15 Uhr durch den Parteivorsitzenden, Gen. Wilhelm P i e c k, eröffnet.
Vors. P i e c k: Die Sitzung des Parteivorstandes ist eröffnet.Genossinnen und Genossen! Bevor wir in die Tagesordnung eintreten, haben wir einer traurigen Pflicht zu genügen.(Die Sitzungsteilnehmer erheben sich.) Wir gedenken des am 13. Juni verstorbenen Genossen Friedrichs, der als Ministerpräsident für Sachsen tätig war und zweifellos bei seinen Fähigkeiten berufen war, noch eine grosse Rolle bei der Neugestaltung Deutschlands zu spielen. Die Gefühle, die die Partei und den Parteivorstand bei der Nachricht vom Ableben des Gen. Friedrichs beseelten, hat Gen. Otto Grotewohl anlässlich der Beerdigung des Gen. Friedrichs zum Ausdruck gebracht. Ich stelle fest, dass sich der Parteivorstand zu Ehren des verstorbenen Genossen von den Plätzen erhoben hat, und danke Euch! Ausserdem haben wir vor wenigen Tagen die sehr erregende Nachricht von dem Attentat auf den Gen. August Frölich erhalten, durch das einer der faschistischen Banditen dem Leben des Gen. Frölich ein Ende zu machen versuchte. Wir beglückwünschen uns und den Gen. Frölich, dass dieses Attentat nicht gelungen ist. Aus den Aussagen des Banditen geht hervor, dass es sich um ein politisches Attentat handelt, durch das ein Vertreter des neuen Regimes getroffen werden sollte. Das Attentat zeigt, mit welcher Freiheit bereits diese Kerle wieder auftreten und wie notwendig es ist, den Kampf bis zu Ende durchzuführen und die faschistische Reaktion mit Stumpf und Stiel auszurotten. (Sehr wahr!) Es zeigt aber auch zugleich die Notwendigkeit, doch gewisse Sicherheitsmaßnahmen für die Genossen zu treffen, die an hervorragender Stelle als die Repräsentanten unserer Bewegung stehen. Wenn wir auch keine unbedingten Sicherheiten schaffen können, so dürfen wir die Genossen doch in dem Glauben, dass die faschistische Reaktion bereits geschlagen und nicht mehr fähig wäre, Attentate gegen die Träger unseres Regimes zu begehen, unsere Genossen nicht ohne Hilfe und Sicherheit lassen. Das mag für die betreffenden Genossen und auch für Partei manchmal unbequem sein. Aber wir dürften darauf keine Rücksicht nehmen. Wir tragen die Verantwortung für die Sicherheit und den Schutz des Lebens unserer Genossen. – Nunmehr wird Gen. Werner Eggerath noch Näheres über die Feststellungen berichten, die nach dem Attentat getroffen worden sind. Werner E g g e r a t h (Weimar): Genossinnen und Genossen!August Frölich gehört wohl zu den markantesten Persönlichkeiten der Thüringer Arbeiterbewegung und geniesst heute unumschränktes Vertrauen sowohl in der Sozialistischen Einheitspartei, aber auch in sämtlichen demokratischen Organisationen. Noch am vergangenen Sonntag hielt August Frölich auf der ersten Delegiertenkonferenz der Blockparteien und der Demokratischen Organisationen in Erfurt ein Referat über den kommenden Frieden. Dieser Tag war wiederum ein Ausdruck der Anerkennung und des uneingeschränkten Vertrauens für August Frölich. Alle Kreise des werktätigen Volkes lehnen es ab, auch nur im geringsten an der Ehrlichkeit und Offenheit des Gen. August Frölich zu zweifeln, und deshalb tragen wir doppelt schwer daran, dass dieses erste Attentat in Thüringen gerade auf ihn verübt wurde.Schon am Sonnabend Abend versuchte der Täter, in die Privatwohnung des Landtagspräsidenten einzudringen unter dem Vorwand, er habe einen wichtigen Brief einer Betriebsgruppe zu überbringen. Die Frau des Gen. Frölich schickte ihn dann weg mit dem Bemerken, er möge während der Dienststunden kommen. Am Montag Morgen kam Gen. Frölich gegen 9 Uhr in seine Amtsräume. Auf dem Flur trat ihm ein junger Mann entgegen und bat ihn um eine Unterredung, weil er einen wichtigen Brief zu überbringen habe. Gen. Frölich in seiner Hilfsbereitschaft lud ihn ein, in sein Arbeitszimmer zu kommen. Dort zog der Täter ein Messer und versuchte, Gen. Frölich in den Unterleib zu stechen. Dieser war aber trotz seines Alters – er nähert sich dem 70. Lebensjahr – geistesgegenwärtig genug, die Versuche mit dem Arm abzuwehren. Dabei trug er drei Verletzungen am Arm davon, und zwar einen Stich in die Hand, einen in den Unterarm und einen in den Oberarm. Die Verletzungen sind nicht lebensgefährlich, und es besteht keine Gefahr mehr.Der Täter ist 27jähriger junger Mann. Er ist Mitglied der LDP – er trug die Mitgliedskarte der LDP bei sich – und gehörte seit 1937 der Hitlerjugend an. Er ist, wie wir gestern Abend erfuhren, in einer Amtsstelle der Weimarer Stadtverwaltung beschäftigt. Wir waren zunächst der Meinung, er sei bei der Regierung beschäftigt. Die Tat hat er mit vollem Vorsatz ausgeführt, nach seiner Verhaftung erklärte er, er bedaure es ausserordentlich, dass der Anschlag nicht geglückt sei; zwangsläufig würden neue Männer kommen; denn der gegenwärtige Zustand müsse geändert werden, eine andere Zeit müsse eingeleitet werden.Die polizeilichen Untersuchungen haben sofort ihren Anfang genommen. Dabei wurde festgestellt, dass der Täter auch noch Komplicen hat. Er hat also nicht allein gehandelt, sondern es sind auch noch Leute im Hintergrund. Die Fäden konnten bisher noch nicht aufgelegt werden.Gestern fanden in Weimar und in den grössten Städten im Lande Thüringen Protestkundgebungen der Arbeiterschaft, veranstaltet von den Blockparteien, statt. Es ist nicht meine Aufgabe, hier die politische Bedeutung des Attentats zu untersuchen. Aber wir sind uns wohl alle darüber klar, dass diese Tat ein Signal ist, das uns darauf hinweist, dass die Reaktion jetzt zu neuen Methoden übergeht. Unsere Aufgabe ist es, die Massen zu mobilisieren und sie mit allen Kräften gegen die wachsende Reaktion zu führen. Wir müssen jetzt hart zugreifen, damit dieses Beispiel nicht Schule macht und damit wir zeigen, dass wir aus den Fehlern nach 1918 gelernt haben.
Vors. P i e c k: Genossen! Ich schlage vor, dem Genossen August Frölich folgendes Telegramm zu übermitteln:
„Lieber Genosse August Frölich!Mit tiefster Empörung hat der Parteivorstand Kenntnis erhalten von dem gegen Dich verübten schändlichen Attentat. Dieser Mordversuch gegen einen Mann, der ein Menschenleben für die Rechte und den Aufstieg des arbeitenden Volkes und für die Demokratie kämpfte, zeigt, zu welcher öffentlichen Gefahr reaktionäre, nazistische Umtriebe in unserem Lande geworden sind.Voll Abscheu weisen mit dem Parteivorstand alle ehrlich um den friedlichen Aufbau unseres Volkes ringenden Kräfte auf diesen Versuch hin, schon wieder durch feigen Mord einen der Besten, dessen Name weit über seine Thüringer Heimat hinaus guten Klang hat, an der Erfüllung seiner grossen politischen Aufgabe zu hindern, zu der ihn das Vertrauen des Volkes berufen hat.Wir beglückwünschen Dich und uns, dass dieser Mordversuch nicht gelungen ist. Du kannst Deine durch grosse Erfahrungen gereifte Schaffenskraft weiter zum Wohle unseres Volkes einsetzen. Aber die Tatsache, dass nach Zerschlagung des Nazismus schon wieder dunkle Elemente am Werke sind, mit ruchlosesten Terrormitteln das schwere Aufbauwerk unseres Vaterlandes zu stören, zeigt gebieterisch die Notwendigkeit des Zusammenschlusses aller aufbauwilligen Kräfte um die gemeinsame Aufgabe, diese zersetzenden Elemente unschädlich zu machen.Nur durch gemeinsame Arbeit wird es gelingen, den Weg aus der Not zu ebnen, in die unser Volk durch die verbrecherischen Elemente gestürzt wurde, die es jetzt nach berichtigten Vorbildern schon wieder wagen, die Hand gegen unsere Besten zu erheben.
Mit sozialistischem Grüssen!
Der Parteivorstand der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands
Ich darf wohl ohne besondere Abstimmung das Einverständnis des Parteivorstandes feststellen. –
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Quelle: Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR, Zentrales Parteiarchiv [der SED], DY 30, IV 2/1/22, Bl. 2r-5r (ms. Ausfertigung).

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