Nr. 330
[22./27. Juni 1947]

Presseinformation mit einem Interview zu Pariser Konferenz, Marshall- und Hoover-Plan


f[ür] Ministerpräs[ident] Dr. Paul 1
Presseinformation 27.6.47

1. Frage: Wie stellen sich die Deutschen zur Pariser Konferenz.

Vom deutschen Standpunkt ist die Pariser Konferenz 2 zu begrüssen. Durch die Teilnahme der Sowjet-Union ist gewährleistet, dass das Problem des europäischen Wiederaufbaues vom gesamteuropäischen Standpunkt behandelt wird. Es steht wohl ausser jedem Zweifel, dass eine Lösung dieses Problems viel besser, rascher und für alle vorteilhafter herbeigeführt werden kann, wenn sie auf eine gesamteuropäische Basis gestellt wird und wenn alle Kräfte Europas, vor allem Deutschlands, dafür planvoll und geschlossen verwendet werden. Im Mittelpunkt eines planvollen Einsatzes der wirtschaftlichen Kräfte Europas für den Wiederaufbau steht die deutsche Frage, die befriedigend gelöst werden muss. Dies kann aber einzig durch die wirtschaftliche Einheit Deutschlands geschehen, denn nur die wirtschaftliche Einheit Deutschlands schafft die Voraussetzung dafür, dass erst einmal die wirtschaftlichen Kräfte Deutschlands planmässig und sinnvoll eingesetzt werden können. So ist es unsere Hoffnung, dass die Frage der deutschen Einheit als das zentrale Problem unter dem Aspekt des europäischen Wiederaufbaues behandelt und geregelt wird. Unsere Wünsche, wie diese Frage zu lösen ist, sind eindeutig: Im positiven Sinne und auf schnellstem Wege.

2. Frage: Was müsste nach Meinung der Deutschen auf dieser Konferenz entschieden und beschlossen werden.

Das Wichtigste ist, dass sich die drei europäischen Grossmächte, die SU, 3 Grossbritannien und Frankreich, auf ein gemeinsames Vorgehen einigen. Es müssten die einzelnen Wünsche und Bestrebungen so aufeinander abgestimmt werden, dass sie von allen drei Grossmächten den USA gegenüber im gesamteuropäischen Interesse gemeinsam vertreten werden.
Wenn sich die Konferenz also darauf beschränken kann, auf der rein wirtschaftlichen Basis zu bleiben, und nur das gemeinsame Ziel des Wiederaufbaues der durch den Krieg verursachten Störungen behandelt, ist die Möglichkeit dieser Einigkeit gegeben. Dabei müsste der Weg gefunden werden, durch den vor allem die wirtschaftlichen Kräfte Deutschlands als Gesamtheit ihre Berücksichtigung finden. Jede andere Lösung, die nicht auf einer Zusammenarbeit der drei Grossmächte auf wirtschaftlichem Gebiete basiert, ist keine endgültige und wird immer zum Scheitern verurteilt bleiben.
3. Frage: Welche Stellung nehmen die breiten Volksmassen sowie die einzelnen Parteien und führenden Persönlichkeiten zum Marshall-Plan und zum Hoover-Plan.

Es ist leider so, dass die Nöte des Tages den breiten Volksmassen zum erheblichen Teil den Blick für so umfangreiche Konzeptionen, wie es die amerikanischen Pläne sind, trüben. Das Naheliegende für jeden einzelnen ist heute die Sorge um die Sicherung der Ernährung, der Beheizung und der Wohnung. Aber es ist auch hier der Gedanke der Solidarität, der durch ein gemeinsames Vorgehen der europäischen Staaten in der heutigen Notzeit zum Ausdruck kommt, Widerhall und Zustimmung findet. Ein Auseinandergehen der Pariser Konferenz würde dem Pessimismus neue Nahrung geben und die Kräfte des Aufbaues und Fortschrittes im Lande selbst lähmen.
Meine persönliche Stellungnahme: Der Hoover-Plan 4 bedeutet für Europa eine Gefahr, denn seine Durchführung würde die Einheit, als die Europa anzusprechen ist und auf deren Festigung wir hinarbeiten müssen, zerreissen. Dabei würde dieser Riss für uns Deutsche umso schmerzlicher sein, da er mitten durch Deutschland gehen würde. West-Europa einschliesslich West-Deutschland käme in die volle Abhängigkeit der USA und würde zu deren kolonialem Anhängsel herabsinken. Bei dem Marshall-Plan ist es anders, unter der Voraussetzung der Mitwirkung aller europäische[n] Nationen. Er könnte den Weg zu einer Gesundung Europas weisen. Gerade die Forderung eines Maximums europäischer Selbsthilfe und eines Minimums von Hilfe von aussen, macht die planvolle Zusammenfassung aller wirtschaftlichen Kräfte Europas zur unbedingten Voraussetzung.Damit ist man wieder bei der Frage der wirtschaftlichen Einheit Deutschlands, denn diese Frage ist wiederum die Voraussetzung für jeden Zusammenschluss der europäischen Wirtschaftskräfte.Es muss das Schwergewicht nicht so sehr auf die Hilfe von jenseits des Ozeans gelegt werden, sondern es muss durch einen Zusammenschluss der wirtschaftlichen Kräfte Europas erst das Ausmass der Möglichkeiten festgestellt werden, innerhalb deren die europäische Selbsthilfe möglich ist. Dadurch würde auch die Voraussetzung geschaffen werden, dass die Hilfe von aussen sich nie zu einem politischen Faktor auswachsen kann, dem der einzelne europäische Staat, wenn er die Hilfe in Anspruch nimmt, auf sich allein gestellt unterliegen würde. Die USA kommen nicht als uneigennützige Wohltäter. Sie sehen die Verarmung Europas unter dem Gesichtspunkt der im eigenen Land drohenden schweren Wirtschaftskrise und sie wissen, dass ein armes und zerstörtes Europa diese eigene Krise ausserordentlich verschärfen würde. Wenn also ihre Hilfe für Europa, die zugleich 5 eine vorbeugende Massnahme gegenüber eigenen wirtschaftlichen Schwierigkeiten ist, sich auf das rein Wirtschaftliche beschränkt, und ohne Bedingungen Europa in seiner Gesamtheit gewährt wird, so könnte in der Durchführung des Marshall-Planes der Anfang für den Wiederaufbau und die Gesundung Europas liegen.
22. VI. 47
[ Unterschrift ] 6

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar , Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 36, Bl. 292r-295r (ms. Ausfertigung).

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