Nr. 319a
6. Juni 1947

Rundfunkerklärung über Radio Leipzig


Ich trete heute mit einem schweren Herzen an das Mikrofon. Gestern fuhr ich voller Hoffnungen nach München. Die Einheit Deutschlands schien auf dem Marsch zu sein. Und heute komme ich tief enttäuscht von dort zurück. Eine Rumpf-Konferenz tagt weiter. Das eigentliche Ziel der Konferenz ist schon jetzt gescheitert. Warum? Die herausgegebenen Münchener Verlautbarungen behaupten, die Ministerpräsidenten der Ostzone hätten mit ihrem Kommen das Ziel verfolgt, die Münchener Konferenz zu sprengen. Für solche Behauptungen gibt es im Schatz der deutschen Sprache nur ein Wort, das heißt „unwahr“. Seit meiner zweijährigen Amtszeit hatte meine Arbeit nur ein Ziel, die Einheit Deutschlands. Ich rede nicht von Gefühlssachen; aber wenn Heine von sich sagte: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um meinen Schlaf gebracht“, so kann ich diesen Satz für mich in Anspruch nehmen.
Die Vorbesprechungen für München haben schon von Anbeginn unter einem wenig günstigen Stern gestanden. Alle Vorschläge, aber auch alle, die der sächsische Ministerpräsident Dr. h.c. Friedrichs als Vertreter der Ostzone dem Einberufer der Konferenz, dem bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Ehard, in Hof über eine andere Ausgestaltung der Konferenz machte, 1 wurden samt und sonders abgelehnt. Wir haben diese restlose Ablehnung hingenommen. Manchen fiel es nicht ganz leicht; aber das persönliche Gefühl mußte gegenüber dem Ganzen und gegenüber der großen Idee zurücktreten, der Idee: „Es geht um Deutschland“. Ich sehe mich noch im Gespräch mit Herrn Ministerpräsidenten Dr. Hübener bei der Raststätte Rodaborn, wo wir gestern früh alle zur gemeinsamen Weiterfahrt nach Bayern zusammentrafen. Unser immer und immer wieder zum Ausdruck kommender Wille war, die Konferenz muß zu einem Ergebnis führen; denn zu viele Hoffnungen und Wünsche der Bevölkerung hängen an ihr. […] 2 Es nimmt in Zeiten wie den heutigen nicht wunder, daß sich sofort die Verleumdung in vielseitigster Form an unsere Sohlen heftet und die Ministerpräsidenten der Ostzone mit dem Makel behaftet sind, als wären wir darauf ausgegangen, die Konferenz zu sprengen. Das Gegenteil beweist unser Kommen und unsere Haltung auf der Konferenz. Wenn wir in München den Antrag stellten, die Konferenz der Ministerpräsidenten solle zum Ausdruck bringen, daß vor allem eine zentrale Verwaltung in Deutschland gebildet wird, so verfolgten wir dabei in allererster Linie ein wirtschaftliches Ziel, da die Not heute nur noch durch Zusammenfassung aller Kräfte gemildert wird.Ich sehe die traurigen Gesichter deutscher Menschen, die stumm meinen Wagen umstanden, als ich ergebnislos München verließ. Ehrlicher Wille zur Einheit war meine Parole.

Quelle: Grünewald: Ministerpräsidentenkonferenz (1971/F), S. 519-521 (Abdruck); u.a. überliefert in Bundesarchiv Koblenz, N 1011, Nr. 30, Bl. 31r-33r.

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