Nr. 318a
6. Juni 1947

Aufzeichnung und telegrafische Übermittlung eines Gespräches Erhard Hübeners mit dem Leiter der SMA-Propagandaabteilung Sachsen-Anhalts
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Am 6. Juni kehrte Hübener aus München zurück. Am späten Abend hatte er in seiner Wohnung eine Unterredung mit dem Leiter der Propagandaabteilung Rodionow. Nachstehend eine gekürzte Aufzeichnung der Äußerungen Hübeners im Verlauf dieses Gesprächs. „Am Morgen des 4. Juni 1947 traf ich an der Grenze zu Bayern mit den anderen Ministerpräsidenten der sowjetischen Zone zusammen, wo wir unsere Position auf der Konferenz näher abstimmten. Ich war völlig damit einverstanden, daß wir uns auf der Konferenz für eine Erörterung der Frage der wirtschaftlichen und politischen Einheit Deutschlands und der Bildung einer Zentralregierung einsetzen werden. In München trafen wir um sieben Uhr abends ein; uns – den ‚sowjetischen’ Delegierten – wurden Zimmer in einem Hotel zur Verfügung gestellt. Hier wurden wir von zahlreichen Pressevertretern empfangen. Ich lehnte es ab, irgendwelche Auskünfte zu geben, meine Kollegen hingegen gaben die gewünschten Informationen; dabei fiel mir auf, daß meine Kollegen bei der Beantwortung der Fragen ein vorab vorbereitetes Dokument benutzten. Am Abend desselben Tages fand ein feierlicher Empfang statt, auf dem feierliche Reden gehalten wurden. Nach dem Empfang bat der bayerische Ministerpräsident, Hans Ehard, [uns und] die anderen Ministerpräsidenten zu einer kurzen Beratung. Die Beratung wurde von Herrn Ehard eröffnet, der in groben Zügen und in recht freundlicher Form das Ziel der Konferenz und deren Tagesordnung vorstellte. Man muß feststellen, daß die Konferenz besonders gründlich vorbereitet wurde – wie eine internationale Konferenz. Nach der Begrüßung durch Herrn Ehard ergriff der Ministerpräsident von Mecklenburg das Wort, der den Vorschlag unterbreitete, auf der Konferenz zunächst über die Bildung einer Zentralregierung für ein einheitliches Deutschland zu sprechen. Herr Ehard erklärte daraufhin, daß wir diese Frage nicht erörtern könnten, da wir dazu nicht berechtigt seien, und jeder Beschluß, den wir fassen würden, lediglich eine Deklaration bleiben müsse. Dann sprachen die Ministerpräsidenten aus dem Westen; auch sie lehnten in ihren Erklärungen unseren Vorschlag ab. Der Vertreter der französischen Zone erklärte, die französische Militäradministration habe ihnen generell untersagt, sich an der Erörterung irgendwelcher politischer Fragen zu beteiligen, anderenfalls würden sie abberufen werden. Als Vertreter der sowjetischen Zone sprach Herr Paul: zu Beginn seiner Rede war Herr Paul ruhig, gegen Ende wurde er jedoch etwas hitzig. Ich habe auch gesprochen. In meiner Rede betonte ich, daß Herr Ehard formal an die Sache herangehe, wenn er danach frage, ob wir berechtigt seien, die Frage der Einheit Deutschlands zu erörtern; ich hätte den politischen Kern der Angelegenheit im Auge, da keine Frage, die auf der Konferenz diskutiert werden, gelöst werden könne, solange die wichtigste politische Frage offen bleibe. Ich sagte, man müsse erreichen, daß sich Deutschland aus einem Objekt in ein Subjekt verwandele. In Anbetracht der Möglichkeit, daß eine Einigung nicht zustande käme, schlugen wir vor, eine Beratungspause einzulegen. Daraufhin unterbrach Herr Ehard die Besprechung. Uns wurde ein Raum zur Verfügung gestellte. In dieser Beratung schlugen die Ministerpräsidenten von Mecklenburg und Sachsen, Höcker und Fischer, vor, unseren Standpunkt noch einmal darzulegen und die Konferenz zu verlassen, falls es nicht gelänge, zu einer Übereinkunft zu kommen. Dann unterbreitete ich den Vorschlag, Herrn Ehard hinzuzuziehen und nochmals zu versuchen, eine Einigung zu erzielen. Ehard wurde gebeten, in unseren Beratungsraum zu kommen. Herr Ehard kam zu uns. Doch es war zu spüren, daß er sich stur stellte. Unsere Delegation zeigte ebenfalls wenig Neigung, zu einer Einigung zu gelangen. Dann betraten wir wieder den Konferenzsaal. Der mecklenburgische Ministerpräsident wiederholte den Standpunkt der Delegation der sowjetischen Zone. 2 Danach meldete sich Herr Paul zu Wort. Er sprach erregt, wurde ausfallend und – ohne dies zu wollen – objektiv beleidigend, so ist nun einmal seine Art. 3 In seiner Rede bekräftigte Herr Ehard in einem zurückhaltenden und freundlichen Ton seinen Standpunkt, sah sich jedoch zugleich wiederholt zu dem Eingeständnis genötigt, daß viele Fragen, die vor der Konferenz stünden, wie auch deren Lösung, von einer Klärung der wichtigsten politischen Frage abhinge; dies zeugte von der Wankelmütigkeit seiner Positionen und berechtigte zu der Hoffnung, daß es gelingen würde, seinen Standpunkt zu erschüttern, und unsere Linie durchzusetzen. Nachdem eine Einigung nicht zustande gekommen war, verließen wir die Beratung. Das war um drei Uhr nachts. Und wieder erwartete uns eine Meute von Pressevertretern. Ich weigerte mich erneut, irgendwelche Erklärungen abzugeben. Meine Kollegen taten dies.“ Herr Hübener gab folgende allgemeine Einschätzung der zurückliegenden Ereignisse: auf der Konferenz sei die große Abhängigkeit der Vertreter der amerikanischen und der französischen Zone von der jeweiligen Militärregierung deutlich geworden. Bei den Vertretern der englischen Zone sei diese Abhängigkeit weniger offenkundig zutage getreten. Man habe den starken Einfluß der Schumacher-Partei 4 gespürt. Was die Delegation unserer Zone anbelange, so habe in den wichtigsten politischen Fragen – Einheit Deutschlands und Bildung einer Zentralregierung – Einmütigkeit geherrscht: „Hinsichtlich der Taktik war ich jedoch anderer Meinung. Schließlich wurde mir dort bald klar, daß meine Kollegen von der SED mit dem Ziel angereist waren, die Konferenz bereits zu Beginn platzen zu lassen, und daß es ihnen gar nicht darum ging, sich mit der verfehlten Position der Vertreter des Westens auseinanderzusetzen und diese zu entlarven, wozu durchaus Gelegenheit gewesen wäre. Ich merkte bald, daß meine Kollegen durch einen Beschluß des Sekretariats der SED gebunden waren, von dem sie nicht abrücken durften. Dies erklärt vermutlich auch, warum ich, als ich am 6. Juni um neun Uhr zum Frühstück erschien, erfahren mußte, daß die Herren Höcker und Fischer bereits abgereist waren. Offenbar befürchteten sie, in neue Verhandlungen verwickelt zu werden, wenn sie länger geblieben wären. Insgesamt halte ich diesen Schritt und diese Taktik, die zur Katastrophe geführt haben, für zutiefst verfehlt. Das war eine Holzhammer-Taktik. Ich sagte zu Herrn Paul, wenn er gekommen sei, um die Konferenz platzen zu lassen, so habe er mit seiner Taktik recht behalten, wenn er aber gekommen sei, um zu kämpfen und zu entlarven, dann sei seine Taktik dumm gewesen. Falsch war auch die Linie, die Karlshorst 5 verfolgt hat, indem es lange keine Reisegenehmigung erteilte. Die Tagesordnung ist bereits vor unserer Ankunft, am Mittwoch, gründlich vorbereitet worden, als wir noch zu Hause saßen. Es war klar, daß es schwer, aber nicht unmöglich sein würde, die Tagesordnung im nachhinein aufzubrechen, nachdem sie bereits sozusagen zu einem Stück geronnen war. Die Tagesordnung umfasste 14 Fragen. Darunter waren folgende: 1. Über die Kriegsgefangenen; 2. Über die Bildung von Ausschüssen; 3. Über die wirtschaftlichen Schwierigkeiten; 4. Über die Umsiedler; 5. Aufruf an die Deutschen, die durch das Dritte Reich ihre Heimat verloren haben; 6. Über die Schwierigkeiten bei der Lebensmittelversorgung; 7. Über die Auswirkungen der Unterernährung auf die Volksgesundheit; 8. Über die Schaffung eines Besatzungsrechts; 9. Über die Entfernung von Nazis; 10. Über Finanzen und Steuern; 11. Über finanzielle Schwierigkeiten u.a. Die Kollegen aus dem Westen haben gerätselt, ob wir kommen werden. Wir sind gekommen. Dann haben sie sich gefragt, was diese Wilden aus dem Osten wohl sagen werden. Wir hatten alle Möglichkeiten, um zu kämpfen und zu entlarven. Wir hatten die Möglichkeit, von Angeklagten zu Anklägern zu werden und die westlichen Kollegen auf die Anklagebank zu bringen. Das Recht war auf unserer Seite. Wir hätten die gewaltigen Lügen, die im Westen über die sowjetische Zone verbreitet werden und denen leider auch einige Ministerpräsidenten glauben, umfassend entlarven zu können. Doch Dank der verfehlten Taktik meiner Kollegen sind wir abgereist und haben die Möglichkeit und einen weiteren Anlaß geliefert, die sowjetische Zone anzuklagen und zu verleumden. Man hat uns auch früher angegriffen, doch nun werden die gegen uns und die gesamte sowjetische Zone gerichteten Angriffe noch stärker werden. Darin erblicke ich eine ernste Gefahr und darin besteht der große taktische Fehler meiner Kollegen.“ Auf die Bemerkung, die Konferenz hätte zu keiner einzigen Frage einen Beschluß fassen können und dem Volk sei damit vor Augen geführt worden, daß die Delegation des Ostens recht hatte, antwortete Hübener, daß man dies schon auf dieser Konferenz hätte unter Beweis stellen können, man habe dies jedoch nicht getan, und das sei eine Katastrophe und ein großer Fehler. Hübener erklärte: „… ich sagte, daß man uns dort für Wilde aus dem Osten gehalten hat; das war nicht nur so dahin gesagt. Mein Fahrer erzählte mir, daß er [und die übrigen Fahrer aus dem Osten] lange von einer Münchener Menge gemustert worden seien, wobei diese Verwunderung darüber geäußert hätte, daß wir gute Autos haben, daß die Fahrer anständig gekleidet sind, daß sie Stiefel und Schuhe tragen und daß sie nicht um Almosen betteln. Ein Ministerpräsident aus dem Westen fragte mich, ob er in unsere Zone reisen könne. Ich antwortete, daß er natürlich kommen könne, wenn man ihm einen Passierschein für die Zone ausstelle. Mein Kollege sagte, daß er einen Passierschein bekommen würde; doch habe er Angst, verhaftet zu werden, sobald er die sowjetische Zone betrete. So groß sind die Lügen über unsere Zone, so gering ist die Bereitschaft, der tatsächlichen Lage der Dinge bei uns glauben zu schenken. Diese Verleumdungen werden jetzt weiter zunehmen, dabei hatten wir die Möglichkeit, all dies zu entlarven, die Wahrheit ans Tageslicht zu bringen und anhand der Moskauer Erklärung Molotows zu beweisen, daß unser Weg der einzig richtige ist. Dies ist jedoch leider nicht gelungen, und darin erblicke ich eine Katastrophe.“


Quelle: Laufer/Kynin: Die UdSSR (2004/D), Bd. 3, S. 675-677 (Abdruck in deutscher Übersetzung).

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