Nr. 316g
10. Juni 1947

„München im Zeichen des Föderalismus“. Bericht des „Abendpost“-Korrespondenten


München im Zeichen des Föderalismus
Ostzonen-Ministerpräsidenten verlassen Konferenz und spürbare Nervosität in der bayrischen Hauptstadt.

Unser zur Konferenz der Ministerpräsidenten anwesender Chefredakteur H. C. K r a m e r telegrafiert aus München:
Schon die Vorbereitungen der Konferenz ließen eindeutig darauf schließen, daß man in ein starkes oppositionelles Verhältnis zu den Ministerpräsidenten der sowjetischen Besatzungszone zu treten beabsichtigte. Es waren beispielsweise von 160 Anwesenden Pressevertretern des In- und Auslandes lediglich zwei Journalisten der SBZ zugelassen worden. Dagegen war aber jede kleine Tageszeitung der britischen und US-Zone durch Korrespondenten vertreten. Die Journalisten der Ostzone aber wurden am Betreten der Konferenzräume gehindert. Diese spannungsgeladene Atmosphäre fand ihren klaren Ausdruck in der mitternächtlichen Vorbesprechung der Ministerpräsidenten. Der dort von ihnen vorgebrachte rein formale Vorschlag zur Tagesordnung hätte bei einigermaßen gutem Willen der anderen Regierungschefs niemals zu einem solchen plötzlichen Abbrechen der Verhandlungen führen dürfen, wie dies durch die Versteifung auf ihre festgelegte Tagesordnung erfolgte. Wenig später hatte ich Gelegenheit mit den Ministerpräsidenten Prof. Dr. Paul, Prof. Hübener 1 und Dr. Steinhoff über die Gründe des Abbruchs der Verhandlungen zu sprechen. So äußerte sich Ministerpräsident Prof. Dr. Paul: „Uns blieb kein anderer Weg übrig, wenn wir uns nicht zu Statisten herabwürdigen lassen wollten. Mir wurde der Vorwurf der Schärfe gemacht. Ich legte aber meine Ansicht zum Standpunkt der französischen Vertreter in völlig realisierbarer Eindeutigkeit zugunsten der Vertreter der französischen Besatzungszone fest, bestand allerdings auf der durchaus möglichen Annahme des Vorschlages unserer Delegation. Mit dieser Tagung, die ich mit großen Erwartungen für unser deutsches Volk ersehnte, sind alle Hoffnungen für eine Zusammenarbeit der Zonen geschwunden. Von Bayern aus wird keine Einheit zu erwarten sein!“Ministerpräsident Dr. Steinhoff antwortete auf die gleiche Frage: „Der Beginn stand völlig im Zeichen des Föderalismus. Das Wort Einheit ist vom Westzonenstandpunkt nicht erwünscht.“Ministerpräsident Prof. Dr. Hübner sagte: „Es ist schon aus dem Auftakt zur Konferenz klar zu erkennen gewesen, daß sie die Zweiteilung Deutschlands herbeiführen würde.“
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Die Eigenart der „Münchener Luft“ dieser entscheidungsreichen Stunden und die Bestätigung der von mir empfundenen Anti-Ostzoneneinstellung zeigt ein Interview auf, daß ein amerikanischer Pressevertreter mit Ministerpräsident Prof. Dr. Paul morgens gegen vier Uhr hatte, und in dem er die bezeichnende Frage stellte, ob die „Sprengung“ dieser Konferenz in der Absicht des Ministerpräsidenten gelegen habe. Prof. Dr. Paul gab darauf die richtige Antwort. Er zeigte lächelnd den Inhalt seines Koffers her und meinte scherzhaft, ob er die verschiedenen Anzüge und Wäschestücke, die für die Münchener Besprechungen und Empfänge vorgesehen waren – zum Spaß oder aus „Sprengungs-“ Absichten mitgebracht habe. Dieses Wort „Sprengung der Konferenz“ ist typisch für die Nervosität der bayrischen Hauptstadt. Bedauerlich ist vor allem, daß nicht etwa von Journalisten dieser obszöne Begriff geprägt wurde, sondern aus der Überschrift des amtlichen Kommuniques der bayrischen Staatskanzlei stammt und daß diese sinnentstellende Behauptung von der westlichen Journaille begierig aufgegriffen wurde. Interessant ist in diesem Zusammenhang noch die ansieht eines Dena-Vertreters, daß man nicht von der evtl. möglichen Änderung einer Tagesordnung das Verbleiben der Vertreter von 20 Millionen Deutschen einfach abhängig machen könnte. Die Konferenz geht dennoch weiter. 2


Quelle: Abendpost, 10.6.1947; Abschrift in: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar , Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 271/27, Bl. 13r, 14r (ms. Ausfertigung mit hs. Korrekturen).

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