Nr. 417a
6. März 1956

Schreiben Rudolf Pauls an Erich W. Gniffke zur Problematik des Urteils, zur medialen Resonanz und mit der Bitte um Unterstützung


Frankfurt am Main, den 6. März 1956
Prof. Dr. Rudolf Paul

Herrn
Erich W. G n i f f k e Trittscheid Kreis Daun/Eifel

Lieber Erich !

Ich habe mich gefreut, dass Du in meiner persönlichen Angelegenheit (C-Ausweis betreffend) mich von Dir aus angeschrieben hast 1 und damit noch ein gewisses Interesse für meine Person bekundet hast.

Ich hatte leider in der vergangenen Zeit das Gefühl, dass unsere alte Bekanntschaft aus mir nicht bekannten Gründen zerrissen sei.

Ich weiss nicht, welche Zeitungsnachricht Du gelesen hast. Ich weiss nur, dass die Zeitungs- und Rundfunknachrichten zum Teil derart falsch und böswillig waren, dass der Präsident des Verwaltungsgerichts von sich aus den Direktor des Verwaltungsgerichts angewiesen hat, zu meinen Gunsten durch Anschreiben verschiedener massgeblicher Zeitungen und auch des Hessischen Rundfunks Richtigstellungen herbeizuführen, da diese Zeitungsnachrichten, ganz wie solche aus der Vergangenheit, von Verleumdung und Infamie getragen waren.

Das Urteil, das der Vorsitzende des Verwaltungsgerichts verkündete, findest Du in der Anlage im Wortlaut. Aus diesem Urteil, das in der schriftlichen Begründung selbstverständlich noch Erweiterungen erfahren wird, erkennst Du, dass man mir Gerechtigkeit hat zuteil werden lassen bezüglich meiner Arbeit in der Ostzone, dass man dabei aber den logischen Fehler begeht, die Tatsache, dass ich kein „klapperndes Gebein“ war, sondern Mut hatte, dahin auszulegen, dass ich ausserhalb jeder Gefahr gestanden hätte.

Leider ist Plievier tot.

Er machte mir gegenüber einmal, als wir uns in der Westzone zum ersten Mal trafen, die Bemerkung, dass er an dem Tage, an dem er mich zum ersten Mal erlebte, und zwar in der sowjet. Militäradministration in Weimar, zu der Überzeugung gekommen sei, dass ich in gewissem Sinne mit nachtwandlerischer Sicherheit an Abgründen vorbeiwanderte, deren Tiefen und Gefahren ich nicht kenne. Er hörte rein zufällig mit an – ich kannte ihn damals noch nicht -, wie ich der Administration erklärte, dass ich die Universität Jena trotz eines auf Wandel Karlshorst 2 zurückgehenden Verbots, sie am Montag zu eröffnen, trotzdem eröffnen werde, und dass ich eine Decke mitbrächte, wenn man mich im Anschluss daran verhaften werde.

Damals hatte ich einen starken Fürsprecher in Gestalt eines Obersten Manujansk, 3 der Präsident einer der Sowjet. Republiken ist, und der der oberste Polizeioffizier des Landes Thüringen war, und kam mit seiner Unterstützung durch.

Ähnliche Vorfälle hat Plievier – so bezüglich der Anbringung des goldenen Kreuzes auf der Wartburg 4 und eines grossen von mir geplanten kulturellen Treffens auf der Wartburg 5 – noch in Karlshorst mit erlebt.

Nach ihm war ich ständig in grosser und grösster Gefahr. Diese Gefahr wäre in dem Augenblick glatt durchgebrochen, wenn man geglaubt hätte, sich meiner ohne Prestigeverlust entledigen zu können.

Unter anderem hat man es als Tatsache gebucht, dass ich nicht in Gefahr gewesen sei, dass ich bei der Diskussion über das Reichsgericht das Zentralsekretariat, in dem Ulbricht und Grotewohl voller Hassestöne gegen mich tobten, während Fechner und Maier, die vorher mir Unterstützung zugesagt hatten, schwiegen, mit lautem Krach verliess, um bei Frau Luise Schröder Kaffee zu trinken und um mich dann mit Reuter in der Wohnung Friedensburg zu treffen.

Wie sehr ich das Vorliegen von Gefahren annahm, ohne allerdings zum „Angstgebein“ zu werden, beweist die Tatsache, dass ich keine Stunde in der Zone ohne einen Revolver in der Tasche herumgegangen bin.

Inzwischen haben sich eine ganze Anzahl Leute, die früher dem Sicherheitsdienst oder der Polizei angehörten, und die ich persönlich gar nicht kenne, von sich aus, sei es beim Verwaltungsgericht, sei es bei mir, als Zeugen dafür gemeldet und zur Verfügung gestellt, wie sehr ich in Wahrheit gefährdet war, wobei ich tatsächlich von einer dieser Umstellungen nichts gewusst habe.

Du weisst aus eigener Wahrnehmung, welche laufenden und schweren Differenzen ich mit vielen Kommunisten in der SED-Führung gehabt habe, und dass der Krach und das Hetzen der SED-Spitze, vor allem auch der von Thüringen, gegen mich einfach nicht abriss. Einmal war es sogar so weit, dass die Herren glaubten, mich liquidieren zu können. Während die Liquidation in der betreffenden Zentralsekretariatssitzung Busse und Wolf betraf und man – ich glaube Pieck sprach, sonst war es Grotewohl – die Herren von Thüringen sehr deutlich ausrichtete. Es war an demselben Tag, an dem in der Konferenz ich laufend zu Sokolowski gerufen wurde, und ich dann weggehen musste.

Es hat mir ein Lächeln abgerungen, als ich u.a. las, dass ich Direktor der Geraer Elektrizitätswerke gewesen sei und dass ich nach Ulbricht, obwohl ich zweimal vor dem Sondergericht gestanden habe und während 9 Monaten vor dem Reichssicherheitshauptamt, Abtlg. IV unter General Müller, 6 von Untersuchungsverhandlung zu Untersuchungsverhandlung gejagt wurde, ein Nazist gewesen sein soll.

Es sind dieselben Lumpen, die nach dem Westen berichtet haben, dass ich ein hoher Offizier im Stabe von Himmler gewesen sei, wobei man diese Behauptung damit fundiert, dass ich wegen der Behauptung des Sauckel, die dieser zusammen mit Frick bei Himmler aufstellte, nämlich dass ich Jude sei und das bis dahin verschwiegen hätte, auf Veranlassung des Reichssicherheitshauptamtes mich in einem Institut stellen musste, das die hohen SS-Offiziere vom Gruppenführer aufwärts dahin überprüfte, ob sie arisch oder nicht arisch seien, da das Reichssicherheitshauptamt in diesem Punkt den Standpunkt vertrat, dass alle Standesamts- und Kirchenurkunden nicht zählen.

Es versteht sich für mich von selbst, dass ich den einmal eingeleiteten Gang weitergehen muss.

Ich muss ihn gehen, weil ich sonst als Verfolgter des Dritten Reiches, da ich am 1. 1. 1947 meinen Wohnsitz noch nicht im Westen hatte, für die durch die Naziverfolgung bei mir entstandenen Schäden auch nicht den geringsten bruchteilmässigen Ausgleich erhalte.

Falls Du a) dazu in der Lage und b) dazu bereit bist, mir Tatsachen bekannt zu geben, aus denen sich die Gefahr für meine Person ergibt, wäre ich Dir dafür sehr dankbar.

Als der davon Betroffene weiss man in der Regel davon weniger als der Aussenstehende, der das Weben und Umstricken aus der Distanz beobachtet hat. Das vor allem dann, wenn der Betreffende wie ich mit einem reichlichen Schuss Optimismus und Vertrauen auf das Können in der Weltgeschichte herumläuft.

Im häuslichen Kreis habe ich etwas Sorge. Ise 7 musste sich einer Operation unterziehen und lag über 14 Tage in der Klinik. Sie befindet sich jetzt zur Erholung auf unserem Hüttchen. 8

Dir und Lusch recht herzliche Grüsse

Dein
Rudolf Paul

PS: Anbei übersende ich Dir Fotokopie eines in der Frankfurter Rundschau erschienenen Artikels 9 zur Kenntnisnahme.

D.O.


Quelle: Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn-Bad Godesberg, 1/EGAC (Nachlass Erich Gniffke), Nr. 28, n. fol. (ms. Ausfertigung).

1 2 3 4 5 6 7 8 9