Nr. 413
13. März 1955

Schreiben des früheren Partners Max Carl Hauptmann an Rudolf Paul zur Entschädigungsfrage


Buenos Aires, den 13. Maerz 1955
Dr. Max Hauptmann

Herrn
Rechtsanwalt und NotarDr. Rudolf PaulFrankfurt am Main

Lieber Ping!
Nachdem ich kuerzlich gehoert habe, dass in den Wiedergutmachungssachen demnaechst fuer die Aelteren und fuer die mehr als 5% erwerbsbeschraenkten eine Vorausaktion starten soll, habe ich mich endlich aufgerafft in der Angelegenheit etwas zu unternehmen. Wenn ich auch nicht allzu optimistisch bin, springt vielleicht doch noch eine Europareise heraus und wir koennen dann nach alter Art und Weise Wiedersehn feiern.Vor Jahresfrist hatte ich schon einmal an Dich deshalb geschrieben und Du hast mir auch prompt am 16. Februar geantwortet. (Ueber unser frueheres Einkommen aus dem Buero).Wegen meiner Abgabe an die Golddiskontbank, der Zahlung der Reichsfluchtsteuer und der sonstigen Auswanderungskosten kann ich einige Belege nach eingehender Durchsuchung alter Papiere zusammenbringen. Dagegen fehlt mir jede Unterlage ueber die Entziehung des Notariats und der Rechtsanwaltschaft und ueber unser frueheres Einkommen. Ich hatte s. Zt. alle meine Unterlagen meinem Generalbevollmächtigten, meinem Schwager Loewenstein, uebergeben. Ich benoetige daher jetzt Zeugen bezw. eidesstattliche Versicherungen. Meine Eingabe wegen des Schadens im beruflichen und wirtschaftlichen Fortkommen lautet:Im April 1924 liess ich mich in Gera zusammen mit Herrn Dr. Rudolf Paul als Anwalt nieder. Nach ungefaehr 4 Jahren wurde ich zum Thueringischen Notar ernannt. Das Rechtsanwaltsbuero Dr. Paul und Dr. Hauptmann entwickelte sich zum umfangreichsten im Landgerichtsbezirk Gera. Im Jahre 1927 oder 1928 hatten wir an einem Tage am Amts- und Landgericht ueber 100 Termine. Wir beschaeftigten neben einen in der Justiz altgedienten Buerovorsteher staendig einen Gerichtsassessor als Hilfsarbeiter, fast immer einen Referendar und mehr als 10 Angestellte.Das Einkommen aus der Rechtsanwalts- und Notariatspraxis betrug seit dem Jahre 1927 jaehrlich mindestens 80-100 000.- Mark, sodass auf jeden Sozius, bezw. auf mich 40-50 000.- Reingewinn entfielen. Dabei ist zu erwaehnen, dass das Einkommen aus der Praxis bis 1932 im steten Anstieg begriffen war.Im April 1933 wurden meinem Sozius und mir – mein Sozius war juedisch verheiratet – ich bin Jude – zunaechst das Notariat entzogen und ein Verfahren gegen uns auf Entziehung der Rechtsanwaltschaft eingeleitet. Wir erhielten ein Vertretungsverbot vor Gericht; zur Abwicklung der schwebenden Sachen wurde ein Vertreter ministeriell bestellt, den wir bezahlen mussten. Schliesslich wurde uns im Sommer 1933 die Rechtsanwaltschaft auf Grund des 1933 erlassenen Gesetzes ueber die Zulassung der Rechtsanwaltschaft entzogen, obwohl von der Voraussetzung der gesetzlichen Bestimmungen keine Rede war. Mein Sozius gehoerte dem Ortsvorstand und ich als Mitglied der demokratischen Partei an.Ich besitze aus meiner frueheren Anwalts- und Notartaetigkeit keinerlei Unterlagen mehr und benenne daher fuer den Grund und die Hoehe des Schadens meinen frueheren Sozius und die Sekretaerin unseres Bueros, die von 1924 bis 1933 bei uns taetig war, als Zeugen.Ich bitte Dich nunmehr:
1) Eine eidesstattliche Versicherung abzufassen, aus der sich die Hoehe und der Grund des Anspruchs ergibt. Aendere bitte Zahlen und Daten, soweit ich mich geirrt haben sollte, ab. Ich nehme weiter an, dass Du auf Grund vorhandener Unterlagen die Darstellung verbessern kannst. Insbesondere bitte ich Dich, das in Frage kommende Gesetz anzufuehren. Ich hielt es nicht fuer notwendig, den alten Quatsch mit der Betaetigung im kommunistischen Sinne und den Schriftwechsel mit der Roten Hilfe im Reichstag anzufuehren.

2) Deine Unterschrift unter der eidesstattlichen Versicherung beglaubigen zu lassen. In Wiedergutmachungssachen ist die Beglaubigung wohl gebuehrenfrei, evtl. gib mir bitte Deine Unkosten auf.

3) Die beglaubigte Urkunde an meine Vertreterin nach Berlin maeglichst Einschreiben Luftpost zu senden. Die Anschrift lautet:
Frau R. MARCUSBerlin W. 15Lietzenburgerstr. 7.Nach einer Mitteilung meiner Vertreterin ist es ausserordentlich wichtig, dass die Unterlagen vor Ende Maerz in ihrem Besitz sind.
4) Mir gelegentlich einen Durchschlag Deiner Erklaerung zu schicken.
In der gleichen Angelegenheit habe ich heute auch an Frau Basch geschrieben. Ich waere Dir ausserordentlich dankbar, wenn Du die Sache als Eilsache behandeln wuerdest, damit meine Europareise recht bald starten kann.Von meiner Frau und mir gibt es sonst nicht viel Neues zu berichten. Wir waren in diesem Fruehjahr – d.h. hier im Dezember – zum ersten Mal im Sueden am Nahuel Huapi. (Argentinischer Nationalpark) Klimatisch, landschaftlich und im Pflanzenwuchs ist die Schweiz ein Nichts dagegen. Leider kann man dort kein Geld verdienen sondern nur ausgeben.In der Hoffnung, dass es Dir und Luise recht gut geht gruessen wir EuchVielmals
Dein Golle
Beglaubigt: Paul Rechtsanwalt

Quelle: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abt. 518, Nr. 20349, Bd. 1, Bl. 60r, 61r (ms. Ausfertigung, beglaubigte Fotokopie).