Nr. 411d
10. August 1954

Erklärung des früheren Wirtschaftsstab-Mitarbeiters Karl Heinicke


Karl Heinicke
Seligenstadt/Hess. 1

Erklärung!


Ich kenne Herrn Prof. Dr. P a u l seit den ersten Maitagen 1945. Ich wurde damals von der amerikanischen Besatzungsmacht ihm als persönlicher Dolmetscher beigegeben und war daneben stets in seinem Vorzimmer tätig, als er Oberbürgermeister der Stadt Gera war. So weiss ich infolgedessen genauestens, wie Dr. Paul, den die Amerikaner in das Amt geholt hatten, sich mit aller Kraft dafür einsetzte, der deutschen Bevölkerung in den ersten schweren Wochen nach dem Zusammenbruch mit allen Kräften zu helfen und ich habe dutzende und aberdutzende Verhandlungen miterlebt, bei denen er vom Stadtkommandanten der amerikanischen Besatzungsmacht zu Gunsten der Bevölkerung aussergewöhnliche Vorteile herausholte. Ich weiss auch, wie Prof. Paul als Oberbürgermeister jenes in der ganzen Ostzone bekannt gewordene Plakat zum Anschlag brachte, dass er die Staatsanwaltschaft angewiesen habe, mit Freiheitsstrafen gegen die Gerüchtemacher vorzugehen, die behaupteten, dass die amerikanische Armee Thüringen räumen und das Land den Sowjets überlassen würde.

Als dann in den letzten Junitagen die amerikanischen Truppen aus Thüringen abrückten, habe ich aus unmittelbarster Umgebung von Dr. Paul erlebt, wie dieser von grossen Sorgen um das Land und um die Bevölkerung getragen war und ich habe auch miterlebt, wie er mit sich gerungen hat, ob er zusammen mit den Amerikanern abrücken oder in seinem Amt bleiben sollte. Bei ihm haben damals die Liebe zu seiner Heimatstadt und das Pflichtbewusstsein die Oberhand behalten. Ich weiss, dass hierbei für ihn stark ins Gewicht fiel, wie aus allen Teilen der Bevölkerung förmliche Hilferufe an ihn herangetragen wurden, doch im Lande zu bleiben.

Als das russische Vorkommando in Gera eintraf und der Führer dieses Vorkommandos, ein russischer Stabsoffizier, in das Amtszimmer zu Prof. Paul kam, habe ich neben ihm gestanden und wurde von ihm, als ich abtreten wollte, da ich kein russischer sondern englischer Dolmetscher war, zurückgehalten. So erlebte ich, wie der Führer dieses Vorkommandos etwa wörtlich zu Dr. Paul sagt: „mein General lässt Ihnen sagen, dass morgen die Rote Armee in diese Stadt einrückt und dass die Truppe die Bevölkerung so behandeln wird, wie sie von der Bevölkerung empfanden wird“. Diese Worte, vor allem in der Art wie sie vorgetragen wurden, enthielten eine deutliche Drohung. Ich weiss auch noch, wie damals Dr. Paul den Antifa-Block der Stadt einberief und vom Antifa-Block eine Entscheidung herbeiführte, was inbezug auf den Empfang der Russen zu tun sei.

Als wenige Tage später Dr. Paul völlig unerwartet von Gera nach Weimar berufen wurde, um die Präsidentschaft des Landes zu übernehmen, liess er mich kurze Zeit später nach Weimar nachkommen. In Weimar hatte Dr. Paul, dessen Übernahme der Präsidentschaft von der Bevölkerung mit grösster Befriedigung aufgenommen wurde, einen Wirtschaftsstab gebildet. Dieser Wirtschaftsstab unterstand unmittelbar ihm und war [er] daher in den Verwaltungsapparat des Landes nicht eingebaut. Daher konnten weder die Russen noch kommunistische Zwischenträger diesen Wirtschaftsstab, der aus drei bürgerlichen Personen bestand, kontrollieren. Diesen Wirtschaftsstab, er hatte zuletzt zum Vorstand den jetzigen Ministerialdirektor im Bundeswirtschaftsministerium Dr. Seeliger, 2 setzte Dr. Paul an, um das Landesamt für Wirtschaft, das auf russische Anordnung hin nach einigen Monaten in kommunistische Hände kam, zu kontrollieren. Dieses Landesamt für Wirtschaft unterliess nämlich eine Kontrolle der vom Lande geleisteten Reparationen, wie es sich auch in keiner Weise um die Demontagen kümmerte. Ich weiss aus eigener Wahrnehmung, wie es über 1 Jahr hindurch wegen des Vorhandenseins dieses Wirtschaftsstabes, der sowohl von den Russen wie von der Kommune auf das schärfste angegriffen wurde, zwischen diesen beiden Stellen und Dr. Paul zu ständigen Auseinandersetzungen kam, bis endlich Anfang 1947, während einer längeren Abwesenheit von Dr. Paul aus dem Amt, dieser Wirtschaftsstab aufgrund eines russischen Befehls zur Auflösung kam.

Aus dieser Tätigkeit im Wirtschaftsstab, die mit zahlreichen Berichterstattungen von mir bei dem Präsidenten persönlich verbunden war, habe ich in zahllosen Fällen erlebt, wie Dr. Paul unmittelbar eingriff, sei es in Fällen der Sequestration, Demontage (insbesondere im Fall Carl Zeiss, Jena) und sich mit äusserstem Nachdruck einsetzte und ich weiss auch, dass er in sehr vielen Fällen Erfolg damit hatte. Besonders grosses Aufsehen hat damals erregt, als Dr. Paul mehrere hundert Betriebe in Thüringen aus der Sequestration herausnahm und sie ihren Eigentümern zurückgab. Wenn ich recht unterrichtet bin, war er vorübergehend in die Sequestration mit eingeschaltet worden, soviel ich weiss von Karlshorst her. Die Durchführung der Sequestration und die Bodenreform unterstanden sonst dem Innenminister Busse. 3

In meiner Eigenschaft als Mitglied des Wirtschaftsstabes war ich auch in verschiedenen deutschen Ländern des Westens (Bayern, Hessen, Bremen, Hannover und anderen) zwecks Anknüpfung handelswirtschaftlicher Beziehungen. Bei allen diesen Reisen, wie erst recht im Land Thüringen, konnte ich immer das vielgenannte Wort von der glücklichen Insel Thüringen hören. Jeder, der Thüringen und seine Verhältnisse näher kannte, hat damals gewusst, wie sehr der Präsident dieses Landes für die Wiederherstellung der Wirtschaft und für den Erhalt eines Rechtsstaates gekämpft hat. Das wurde besonders krass erkennbar, als Dr. Paul Thüringen verlassen hat, denn von diesem Augenblick an erkannte man, was bisher durch den Präsidenten vom Lande ferngehalten worden war. Förmlich mit einem Schlag sassen von heute auf morgen in den führenden Stellen, in denen Dr. Paul bevorzugt bürgerliche Elemente verwandt hatte, Kommunisten und die Bolschewisierung rannte förmlich den anderen Ländern der Ostzone hinterher, um diese einzuholen.

Ich selbst wurde von dem Weggang Dr. Pauls persönlich auch betroffen. Die NKWD holte mich oft im Dienstraum ab und unterzog mich stundenlangen Verhören. Bei diesen merkte ich erst, in welcher umfangreichen Weise Dr. Paul und die Personen, die mit ihm verkehrten, von der russischen geheimen Staatspolizei beschattet worden waren. So wurde mir, um nur ein Beispiel zu nennen, auf der NKWD vorgehalten, an welchem Tage und wo ich Dr. Paul zu einer Besprechung aufgesucht hatte. Ausserdem wusste ich und das blieb auch Dr. Paul nicht verborgen, wie er von deutschen Kommunisten laufend bespitzelt wurde, wobei die Russen diese Leute in seine Umgebung hinein brachten.

Wie sehr die Verwaltung des Landes Thüringen damals als in wirtschaftlicher und rechtlicher Beziehung besonders gut angesprochen wurde, beweist nach meiner Ansicht die Tatsache, dass führende Männer des Bürgertums in der gemässigten sozialistischen Demokratie: Lukaschek, Dr. Seeliger, Troeger, Külz, grosse Teile des Oberlandesgerichts Breslau und Kattowitz, wie auch sonst hohe Richter, Staatsanwälte, Verwaltungsbeamte, sich von auswärts her nach Thüringen drängten. So entsinne ich mich auch noch daran, dass die demokratische Partei Deutschlands in der Zeit, in der Dr. Paul Präsident von Thüringen war, ihre sämtlichen Reichsparteitage in Thüringen abgehalten hat.

Nach dem Weggang von Dr. Paul entsinne ich mich noch, wie deutlich erkennbar sofort die Reparationsforderungen der Russen anzogen, die vorher Dr. Paul durch seinen Wirtschaftsstab kontrolliert hatte und wobei damals in den eingeweihten Kreisen bekannt geworden war, dass der Administrationschef Kolesnitschenko mit Dr. Paul eine Auseinandersetzung hatte, bei der er ihm vorhielt, dass sich die Rote Armee nicht gefallen lasse, von ihm kontrolliert zu werden.

Vor allem möchte ich eins hervorheben, was damals für die in Weimar im Amt befindlichen und dem Präsidenten nahestehenden Personen eine bekannte Tatsache war: als Dr. Paul von Karlshorst 4 aus in den ersten Februartagen 1947 eine Rede an der Universität verboten wurde, legte er in einem Schreiben an den Landtagspräsidenten sein Amt als Präsident nieder, verliess Weimar und war rund 3 Monate nicht mehr im Amt. Ich weiss es noch genau, wie die Russen damals durch Veröffentlichung von ärztlichen Bulletins, die allwöchentlich ein oder zweimal erschienen, bekanntgaben, dass Dr. Paul schwer erkrankt sei. Ich selbst war während dieser Zeit in seiner Wohnung in Gera bei ihm des öfteren zu Unterhaltungen und ich weiss aus diesen Besuchen in Wahrheit, wie der Sachverhalt lag.

Bei all meinen Dienstreisen durch die russische Zone habe ich keinen Ministerpräsidenten noch höheren Beamten angetroffen, der so für die Interessen seines Heimatlandes gekämpft hat und es wagte, den Russen in dieser Form wie Prof. Dr. Paul die Stirn zu bieten.

Karl Heinicke

Frankfurt 10.8.1954.


Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Nachlass Rudolf Paul, Nr. 4, Bl. 36r-38r (ms. Ausfertigung).

1 2 3 4