Nr. 407
21. Oktober 1952

Schreiben Louise Pauls an Hermann Brill zu dessen Behauptungen über Rudolf Paul


E 25/10.52
Wird nicht beantwortet. Br . 1
Louise P a u l
Einschreiben! Frankfurt a.M., 21.10.1952.

Herrn
Prof. Dr. Hermann B r i l l ,W i e s b a d e n .

Sehr geehrter Herr Professor B r i l l ,

Wie Sie selbst aus unseren wiederholten Gesprächen am besten wissen, bin ich immer und immer wieder getragen von einem ganz besonderen Vertrauen an Sie herangetreten.
Angesichts der Hilfsstellung, die Ihnen mein Mann in der Ostzone leistete, als Sie einmal [durch] 2 die NKWD verhaftet hatte 3 und zum zweiten, als er verhinderte, dass man Sie ein zweites Mal verhaften wollte, konnte ich nicht glauben, dass Sie gegenüber einem solchen Mann und Menschen das Gefühl der Wohlanständigkeit nicht kennen.
Darum habe ich gegenüber Menschen, die der Meinung waren, dass Sie zu einer wahrhaft anständigen Einstellung meinem Manne gegenüber nicht fähig seien, immer und immer widersprochen. Und ich bin aus den Gesprächen, die ich mit Ihnen hatte, stets in dem Glauben davon gegangen, dass die Anderen im Unrecht seien, sie meinen Mann und Sie systematisch gegeneinander verhetzten, und dass darum die von mir Ihnen gegenüber eingenommene Haltung die richtige gewesen sei.

Nach der mir Jahre hindurch gewordenen Mitteilung Dritter sollen Sie stets behauptet haben, dass mein Mann Sie aus Ihrer Stellung in Weimar verdrängt habe, und dass er in diese Stellung nur hineingekommen sei, weil er sich besonders russenfreundliche gebärdet habe.
Demgegenüber weiss ich, dass am 12. April 1945, als die Amerikaner bei uns auf dem Gut in Ulrichswalde einfuhren, sie die Weisung mitbrachten, dass für die Sicherheit meines Mannes gesorgt werden müsse und dass darum von Anfang an Posten in unseren Hof gelegt wurden. Ich weiss des weiteren, dass mein [Mann zu] 4 wiederholten Malen zu den Amerikanern und zwar zu deren Spitzen geholt wurde, da die Truppe allem Anschein nach mit der Weisung kam, meinem Mann die Führung des Gebietes anzuvertrauen, in dem die betreffende Armee lag. Nur der Vollständigkeit halber bemerke ich, dass ich Unterlagen aus Amerika besitze, nach denen bereits lange Zeit vor der Besetzung West- und Mitteldeutschlands in einer Sitzung einer amerikanischen führenden Stelle mein Mann als der nominiert wurde, der die Verwaltungsgeschäfte in dem Gebiet übernehmen sollte, das die betreffende Armee besetze. 5
Ich las einen Brief von Ihnen selbst, in dem Sie meinem Mann zugeben, Sie hätten gewusst, dass mein Mann zur Zeit der amerikanischen Besatzung die Verwaltung Thüringens übernehmen sollte, – wobei Sie von den Amerikanern für einen ähnlichen Posten anderweit vorgesehen seien. –

Mein Mann hatte nie die Absicht, wie ich als seine Frau am besten wissen kann, überhaupt einen Posten der Verwaltung anzunehmen und hat schliesslich für den Posten des Oberbürgermeisters nur deshalb zugesagt, weil er daran dachte, später dort seinen alten Beruf wieder aufzunehmen, was er auch in Angriff nahm.

Ich schreibe das alles so ausführlich, weil ich endlich einmal mit der Legende aufräumen will, dass mein Mann sich jemals zu dem Posten eines Landespräsidenten gedrängt habe. –
Selbst kurz nach der russischen Besetzung, nachdem General-Oberst Tschuikow ihn im Auftrag des Marschall Shukow von seinem Schreibtisch weg zu einer nächtlichen Besprechung nach Jena gerufen und ihm dort die Präsidentschaft angeboten hatte, hat er gehofft, ihr noch zu entgehen. Er legte sich ins Bett und war rund 10 Tage lang krank. In solcher Situation bekam er den Besuch des Adjutanten des Marschalls, der ihm mitteilte, dass der Marschall bis zur Wiedergenesung meines Mannes die Präsidentschaftseinsetzung hinausschieben würde.
Als mein Mann in seiner Amtsstellung war, war er bestrebt, Ihnen ständig behilflich zu sein. Er hat sich zunächst, wobei ich selbst einmal in unserer Wohnung zugegen war, und zwar war es anlässlich des ersten Besuches des Generals Kolesnitschenko – wiederholt und wärmstens dafür verwendet, was Sie selbst meinem Mann zu verschiedenen Malen in Bitten äusserten, dass die SMA Ihnen, wie sie zunächst zugesagt hatte, die Zentralverwaltung für die Ostzone auf dem Gebiet der Kultur übertragen solle. 6 Ich weiss auch, dass dieserhalb mein Mann den General Tschuikow, der Ihnen gegenüber diese Zusage persönlich gegeben hatte, – wobei sie selbst, wie ich aus Gesprächen von Dritten weiss, um diese Stellung besonders baten – speziell energisch anmahnte.
Als diese Zusage nicht eingelöst wurde, weil angeblich Ihre eigene Partei Sie nicht wünschte, versuchte mein Mann Sie bei Ihrem Wunsch zu unterstützen, Kurator der Universität Jena zu werden. Die Tatsache, dass ein oder zwei Tage zuvor ein Professor Bense hierfür gewählt worden war, machte diesen Versuch zu einem Fehlschlag.
Mein Mann bot Ihnen dann wiederum auf Ihre Bitten den Vorsitz in einer grossen Gesellschaft an, in der bedeutende thüringische Unternehmen – ich weiss nicht aus welchem Grunde – zusammengefasst waren. 7
Dabei weiss ich aus Gesprächen des General[s] Kolesnitschenko, die dieser in unserer Wohnung führte, dass er meinem Mann zu wiederholten Malen Vorwürfe darüber machte, dass er Sie in eine solch wichtige Stellung berufen hätte. Neben Herrn General Kolesnitschenko war es ein Dolmetscher der Administration, m. W. war es ein Hauptmann Weil, 8 der dieselben Angriffe gegen Sie machte, weil Sie angeblich diese Stellung zu parteipolitischer Propaganda missbrauchten. Zur Ehre meines Mannes und Steuerung der Wahrheit muss ich sagen, dass er Sie dabei stets stark in Schutz genommen hat, wobei einmal dem General der Ausruf entrutschte: „Sie scheinen nicht zu wissen, Brill ist Ihr Feind !“,ein Ausspruch, den in ähnlicher Form ein sehr hoher Beamter einer anderen Besatzungsmacht gleichfalls gebrauchte.Damals hatte mein Mann – ganz wie in den Fällen, wo man Sie verhaftet hatte oder verhaften wollte – spontan etwa wie folgt erklärt: „es berührt mich nicht und ich weiss es auch nicht, ob Brill mich liebt oder hasst, für mich ist der Gedanke unerträglich, dass ein Mann, der unter dem Nazismus Jahre hindurch schwer gelitten hat, unter der neuen Demokratie genau so wieder leiden soll!“
Warum ich Ihnen das alles so ausführlich schreibe:
Vor mir liegt der Brief eines Mannes, der einen Teil eines Briefes von Ihnen über meinen Mann wörtlich zitiert: „……Ich bin im Besitze eines Handschreibens des Herrn Professor an der Universität Frankfurt Dr. Brill, der auch gleichzeitig Bundestagsabgeordneter ist, darin heisst es u.a.: „Ich kenne ihn (RA Dr. Rudolf Paul) seit dem März 1923 nur als Linksdemokraten. Allerdings hat er sich im April 1946 selbst zum Mitglied Nr. 1 der SED erklärt. Da er als Oberbürgermeister von Gera die sowjetischen Truppen mit festlichem Gepränge in allerdings fast monarchistischem Style empfing, hat mich das nicht überrascht.“ 9
Dieser Mann, an den Sie in solcher Weise geschrieben haben, ist wegen Verleumdung mit Freiheitsstrafen von über einem Jahr vorbestraft. Er ist sowohl von seiner eigenen Familie wie von der Familie seiner Frau verstossen und enterbt worden. Zur Zeit laufen, wie ich aus einem Gespräch mit einer massgeblichen Persönlichkeit weiss, dutzende von Anzeigen eben dieses Mannes gegen Richter, Rechtsanwälte und Staatsanwälte. An einem Landgericht hat er von rund 20 Richtern rund 17 abgelehnt, bezw. zur Anzeige gebracht.

Das von Ihnen an diesen Mann Geschriebene entspricht milde gesagt nicht der Wahrheit.
Es ist unwahr, dass mein Mann sich im April 1946 als Mitglied Nr. 1. der SED erklärt habe. Die Mitgliedskarte meines Mannes datiert aus dem Juli 1946 und trägt nicht die Nummer 1, sondern ist eine in den hohen Zigtausenden, dafür sind Zeugen zur Genüge vorhanden.Gute Bekannte von Ihnen könnten Ihnen auf Rückfrage bestätigen, wie keiner gegen die Mitgliedschaft meines Mannes so gewütet hat, wie der bekannte Oberst Tulpanow, der erkannte, wie aus dieser Mitgliedschaft heraus mein Mann den Kommunisten Schwierigkeiten machen konnte und nachweisbar gemacht hat.
Es ist weiter eine Unwahrheit, wenn Sie behaupten, dass mein Mann
„die sowjetischen Truppen mit festlichem Gepränge in allerdings fast monarchistischem Style empfing“ …
Wahr ist dagegen folgendes:
Mein Mann war in Thüringen der einzige, der einige Zeit vor dem Einmarsch der russischen Truppen Plakate an den Häusern der Stadt Gera mit etwa folgendem Wortlaut zum Anschlag bringen liess:
……dass er die Staatsanwaltschaft angewiesen habe, mit Freiheitsstrafen gegen die vorzugehen, welche das Gerücht verbreiten, dass die amerikanische Armee Thüringen räume und das Land der Roten Armee überlassen werde,

gez. Unterschrift Oberbürgermeister
Dr. Paul. 10 …….
Dieses Plakat klebte noch in hunderten von Exemplaren an den Häuserwänden der Stadt, als die Rote Armee einrückte, und es war eine der ersten Einwände, die mein Mann von den Russen zu hören bekam, dass er im Drucken eine unglückliche Hand gehabt habe.

Am Tage vor dem Einmarsch der Russen erschien im Rathaus ein Stabsoffizier der Roten Armee und erklärte in Ansehung dieser Plakate meinem Mann im Auftrag seines Generals, dass die Bevölkerung Geras genau so behandelt werde, wie die Truppen von ihr empfangen würden.
Zusammen mit anderen waren mein Mann und ich in diesen schweren Stunden über solche Drohung aufs höchste erschüttert. Uns war wie jedem bekannt, in welcher Weise die Russen – und das ist bekanntlich in Sachsen-Anhalt beim Einzug geschehen – die Frauen und Mädchen vergewaltigten.Mein Mann hat aus diesem Grunde sofort den Antifablock einberufen. Zu diesem Zeitpunkt sass in diesem Antifablock nicht ein einziger, der sich bis dahin zur KPD bekannt hätte. Er bestand mit einem geringen Uebergewicht aus bürgerlichen, sonst aus sozialdemokratischen Mitgliedern. Dieser Antifablock hat beschlossen, den Inhalt des Gesprächs des russischen Stabsoffiziers mit meinem Mann sofort zur Kenntnis der Bevölkerung zu bringen, und so wurde im Kriese des Antifablockes in Eile eine kurze Bekanntgabe an die Bevölkerung entworfen, die noch am Sonntag-Nachmittag durch Zusammenholen einiger Drucker zum Druck und zur Verteilung kam.
Wenn Sie nicht böswillig wären, wie Ihre umseitigen Zeilen beweisen, dann müssten Sie wissen, wie in diesen Tagen und Stunden vor dem Einmarsch der Roten Armee die Bevölkerung der Stadt sich in ihrer Verzweiflung an meinen Mann um Hilfe und Beistand geklammert hat.
Sie haben offensichtlich kein Gefühl dafür, in welch verzweifelter Stimmung mein Mann und ich in der dem Einmarsch der Russen vorangegangenen Nacht voller Sorgen bei einer bekannten Familie wach gelegen haben. In dieser Nacht wurde bei mir als Frau der Gedanke geboren, dass ich 11 den einrückenden russischen General persönlich anspreche, nicht, – wie bewusst oder unbewusst irregeführte Zeitungen berichteten, mit roten Rosen, – sondern genau mit den Worten: „Herr General, ich empfehle die Frauen und Mädchen Ihrem persönlichen Schutze an.“und wobei derselbe Stabsoffizier, der am Tage vorher meinen Mann aufgesucht hatte, der Dolmetscher war.Mein Mann, dem Sie monarchistisches Gepränge anhängen, hat an diesem Tage das getan, was er im Interesse und zum Schutze der Bevölkerung tun musste, er ist als Oberbürgermeister an die Stadtgrenze gefahren und hat sich dem russischen Kommandeur gestellt, das hat angesichts der vorgenannten Tatsachen mit monarchistischem Gepränge weiss Gott nichts zu tun. Die ganze Bevölkerung hat damals meinen Mann verstanden und es ihm in unzähligen Briefen gedankt, dass er 12 die Frauen und Mädchen davor bewahrt hat, in die menschliche Gosse getreten zu werden. Ich muss Ihnen sagen, wem reines Wollen nicht innewohnt, der wird es nie begreifen.
Angesichts der umseitig zitierten Zeilen, der Unwahrhaftigkeit, die aus ihnen spricht und der Gehässigkeit gegenüber meinem Mann, dem Sie in 2 Fällen Ihre Freiheit und vielleicht noch mehr verdanken, der selbst – ebenso wie Sie – 12 Jahre schwer vom Nazismus verfolgt war, bedauere ich, Ihnen das Recht absprechen zu müssen, in einer Versammlung wie der vom 19. ds. [Mts.], wie überhaupt – mag Ihre Rede äusserlich noch so gut gewesen sein, das Wort Humanität gebrauchen zu dürfen.

Louise Paul.


Quelle: Bundesarchiv Koblenz, N 1086, Nr. 63, n. fol. (ms. Ausfertigung); Ds in: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Nachlass Rudolf Paul, Nr. 13, Bl. 9r-14r.

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