Nr. 403g
20. Februar 1952

Schreiben des nach Israel emigrierten Schwagers Herbert Biermann an das Hessische Innenministerium


Herbert Biermann
Nathanija, Beth Har (Israel)20. II. 52.

Herrn Ministerial-Direktor Dr. Schuster,
Wiesbaden, Innenministerium.

Sehr geehrter Herr Ministerial-Direktor!
Von meinem Schwager, Herrn Prof. Dr. Paul – Frankfurt, der gerade zu Besuch bei mir weilt, höre ich, dass eine Ihnen untergeordnete Dienststelle den Standpunkt vertreten hat, Rudolf Paul sei unter den Nazis nicht verfolgt gewesen. – Ich versage es mir, diese Entscheidung als das zu charakterisieren, was sie ist – und stelle fest: Rudolf Paul ist der 3. (christl.) Deutsche, dem die Regierung des Staates Israel die Einreise gestattet hat. Sie hat es getan, nachdem sich zahlreiche Persönlichkeiten des Landes, darunter solche an oberster Stelle des öffentlichen und des kulturellen Lebens für seine Integrität und die Tatsache seines schweren Verfolgtseins verbürgt hatten. Im Gegensatz zum dortigen Sachbearbeiter des Falles Paul ist hier in Israel bekannt, dass er einer der ganz Wenigen war, die durch Taten dem Nazismus entgegenwirkten. Die ehemals thüringischen Juden wissen, dass er als Staatsanwalt im Jahre 1923 die hitlerschen Kuriere und im Anschluss daran Dutzende von Nazis verhaftete. 1 Sie wissen auch, wie er sich später als Rechtsanwalt schützend vor sie stellte, und dabei auch nicht vor Sauckel zurückwich, wiewohl er sich auf solche Weise den besonderen Hass der Nazis zuzog. – Als 1933 die Nazis zur Regierung kamen, wussten wir Juden, dass Rud. Paul mit unversöhnlichem Hass verfolgt werden würde. Ich habe erlebt, wie man ihm – gleichzeitig mit seinem jüd. Sozius – Notariat u. Rechtsanwaltschaft nahm –, er sich monatelang außerhalb verborgen halten musste –, ein Gestapo-Verfahren das andere ablöste –, man ihm sein gesamtes Vermögen beschlagnahmte! – Im K.Z. Buchenwald schrieen SS-Mannschaften meinem Bruder Erich und mir ins Gesicht: „Das Ihr Juden seid, ist schlimm, viel schlimmer aber ist, dass Ihr die Schwäger dieser Sau, dieses grössten Verbrechers seid.“ – um von dem Aufsichtsführenden weiter zu hören: „Die Sau wird bald liquidiert.“ – Aus Briefen meiner Schwester Lilli, die als Zeugin in den beiden Untersuchungsverfahren gegen Rud. Paul aufgerufen wurde, weiss ich, dass die Nazis ihm hierbei das Ende bereiten wollten. – Ich und meine gesamte Verwandtschaft sowie viele Juden Thüringens haben unter den Nazis um das Leben von Rudolf Paul gezittert! – Jetzt soll dieser Mann kein Verfolgter, sondern nur ein mit Sauckel persönlich Verfeindeter gewesen sein. Ich beschränke mich auf diesen Tatsachenbericht und muss, um lediglich der Sache Rudolf Pauls zu dienen, mein persönliches Urteil über diesen Entstellungsversuch unterdrücken. –Die Erklärungen dieses Briefes erfolgen an Eidesstatt!
Mit vorzüglicher Hochachtung
ergebenstHerbert Biermann

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Nachlass Rudolf Paul, Nr. 4, Bl. 18r, 19r (hs. Ausfertigung).

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