Nr. 403c
14. August 1951

Einspruch Rudolf Pauls gegen den ablehnenden Bescheid der Betreuungsstelle


Frankfurt am Main, den 14. Aug. 1951
Prof. Dr. Rudolf Paul

An den
Herrn Regierungspräsidenten- Fachbehörde für Wiedergutmachung – W i e s b a d e n.

Hiermit lege ich gegen den Bescheid der Anmelde- und Vorprüfstelle (Betreuungsstelle) zur Durchführung des Entschädigungsgesetzes vom 2. 8. 1951, 1 zugegangen am 4. 8. 1951,

E i n s p r u c h

ein.
Ich beabsichtige, den Einspruch näher zu begründen und bitte aus diesem Grunde, mir eine Abschrift des Runderlasses Nr. 32 auf meine Kosten zugehen zu lassen. Für eine baldgefällige Erledigung dieser Bitte wäre ich verbunden.Durch den Bescheid der Betreuungsstelle fühle ich mich, wie ich zunächst nur provisorisch begründen möchte, aus folgendem beschwert:
1.
Im Jahre 1933 entzog mir die National-Soz. Regierung unter Rechtsbruch Rechtsanwaltschaft und Notariat.Ich hatte die größte Praxis des Landes Thüringen.
2.
Darüber hinaus war ich gehalten, wenn ich mich nicht wilden Verhaftungen aussetzen wollte, Thüringen für Monate zu verlassen.
3.
Die Verfolgung meiner Person und der mir gegenüber begangene Rechtsbruch war so eklatant, daß sich für mich u.a. einsetzten:Reichspräsident von HindenburgReichsjustizminister GürtnerMit dem Ergebnis, daß mir von dem mir persönlich verfeindeten Reichsstatthalter Sauckel die Rückkehr nach Thüringen mit der Maßgabe gestattet wurde, daß ichmeine Stadtwohnung in Gera aufgebe und für immer auf meinem Gut in Ulrichswalde Wohnsitz nehme.
4.
Zu dieser Vernichtung meiner Existenz und zu dieser Beschränkung meiner Person bezüglich Wohnsitznahme gesellte sich eine wohl auf Sauckel zurückgehende Anweisung an Parteistellen und Gestapo,jede Aufnahme eines irgendwie gearteten Berufes durch mich zu verhindern.
5.
So war ich, was beinahe ein Einzelfall in Deutschland sein dürfte, 12 Jahre ohne jeden Beruf. Ich hatte nach dem Willen der Nazisten auf meinem Gute zu leben, auf dem ich zusetzen mußte und wobei ich mich infolgedessen wirtschaftlich nach und nach selbst vernichtet haben würde.
6.
Daneben liefen:Eine ganze Anzahl Gestapo-Verfahren.
7.
In 2 Fällen wurde ich wegen Verstoßes gegen das Heimtückegesetz angeklagt und stand als Angeklagter am 1. August 1940 und 10. Oktober 1940 vorm Sondergericht für Thüringen.In einem Falle mußte Einstellung, im anderen Freispruch erfolgen.
8.
Am Tage nach dem Freispruch wurde ein neues Gestapo-Verfahren von Gera aus inszeniert, das mich vor die Gestapa Berlin, Prinz-Albrechtstraße, führte, und das auf Sauckel persönlich zurückging.Dieses Verfahren, in dem es bisweilen ums Leben ging, da ich mich beispielsweise in einem der vielen Fälle gegen die Lüge meiner Hofmeistersfrau zu verteidigen hatte, daß ich die beiden englischen Sekret-Service-Offiziere, die mit dem Attentat auf Hitler im Bürgerbräukeller in München (Herbst 1938) in Verbindung gebracht wurden, im Januar 1939 auf meinem Gute als Gäste gehabt hätte.
9.
Nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß zeitweise mein gesamtes Vermögen wegen angeblichen Fluchtverdachtes beschlagnahmt war, und ich meinen wertvollsten Grundbesitz in Gera, wenn ich wirtschaftlich nicht untergehen wollte, verschleudern mußte, um für wenige Jahre eine Atempause zu gewinnen.
Ich habe in den Jahren 1945 bis 1947 in Thüringen keinen Antrag auf Bescheinigung meines politischen Verfolgtseins und noch weniger einen auf Wiedergutmachung des an mir begangenen Unrechts gestellt. Die Amtsstelle, die ich damals bekleidete, hätte vermutlich eine eilfertige Erledigung solcher Antragstellung ausgelöst, was ich ebenso vermeiden wollte, wie ein Zusammensitzen mit denen, unter die sich im Osten leider in nur zu großem Ausmaße zweifelhafte Personen einschoben.
Noch weniger beabsichtigte ich, das Land Hessen für die Schäden in Anspruch zu nehmen, die mir in einem anderen Lande zugefügt wurden.Dagegen strebe ich mit diesem Verfahren an,eine Bescheinigung zu erhalten,auf Grund derer mir in meinem Steueraufkommen die Vergünstigungen zuteil werden, die Andere, auch fliegergeschädigte ehem. Nazisten auf steuerlichem Gebiete erhalten.Im Gegensatz zu verleumderischen Gerüchten bin ich so gut wie bargeldlos und ohne jedes Mobiliar am 1. September 1947 nach dem Westen gekommen und war trotz Alter und Krankheit, da ich fremde Hilfe nicht in Anspruch nehmen wollte, gehalten, von grundauf von vorn zu beginnen.
Mit vorzüglicher Hochachtung !
Rudolf Paul

Quelle: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abt. 518, Nr. 20349, Bd. 1, Bl. 2r-5r (ms. Ausfertigung).

1