Nr. 403b
10. Juli 1951

Eidesstattliche Versicherung der ehemaligen Bürosekretärin Martha Basch


Eidesstattliche Versicherung .


Ich, die unterzeichnete Martha B a s c h geb. Fritzsche in Kassel, Schönfelderstr. 3, 1 versichere folgendes an Eidesstatt, wobei mir die Bedeutung einer eidestattlichen Versicherung und die Tatsache, dass diese vor Gericht Verwendung finden kann, bekannt ist:
Ich kenne Prof. Dr. Rudolf Paul seit Anfang 1923. Von 1924 an war ich bis zur Schliessung seines Rechtsanwaltsbüros durch die Nationalsozialisten in diesem in einer Vertrauensstellung tätig. Ich hatte die Kasse und bearbeitete die Angelegenheiten, welche meine Chefs, insbesondere Dr. Paul, persönlich betrafen. Daneben verkehrte ich im Hause Paul mit diesem und dessen Frau freundschaftlich, wie auch in den Häusern Erich und Herbert Biermann, den Schwägern von Dr. Paul. Aus meiner beruflichen Stellung, wie aus meinem ständigen Verkehr in diesen Häusern sind mir die Verhältnisse von Herrn Dr. Paul bestens bekannt. Aus jenen Jahren 1923 bis 1933 ist mir bekannt, daß Herr Dr. Paul aus dem nationalsozialistischen Lager stark angefeindet und z. T. in Zeitungsartikeln angegriffen wurde. Man warf ihm vor, daß er als Staatsanwalt gegen diese Kreise vorgegangen war; des weiteren, daß er mit einer Jüdin verheiratet und mit einem Juden soziiert war. Unter den Verfolgern zeichnete sich ein besonders radikaler Nationalsozialist aus, der damals Staatsanwalt bei der Staatsanwaltschaft Gera war und der nach 1933 mit der Bereinigung der thüringischen Justiz beauftragt wurde. 2 Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten setzten sofort die Verfolgungsmaßnahmen gegen Dr. Paul ein. Ich erinnere mich noch, daß zunächst verfügt wurde, daß er keine Armensachen mehr bekam, daß ihm sein Zweigbüro in Weida verboten wurde, daß man ihm das Notariat entzog, er als Rechtsanwalt Vertretungsverbot im Gericht erhielt und er schliesslich die Rechtsanwaltschaft entzogen bekam. Der Haß, mit dem er damals verfolgt wurde, wurde dadurch besonders offenbar, als seitens der Nationalsozialisten sogar verboten wurde, daß Dr. Paul das Büro einem anderen Anwalt übergeben wollte, der sich als einziges Entgelt dafür bereitgefunden hatte, einen Teil der Angestellten zu übernehmen. Mir ist bekannt, daß das Anwaltsbüro von Dr. Paul das größte des Landes Thüringen war. Für den Umfang des Büros mag dienen, daß er in Zivilsachen Terminstage hatte mit 60, 70 und 80 Sachen; in einem Falle weiß ich genau sogar mit über 100 Terminen, und daß das Büro mehrere Bürovorsteher besaß und bisweilen etwa 20 Angestellte. Der Entzug der Rechtsanwaltschaft und des Notariats hatte zur Folge, daß Dr. Paul von heute auf morgen ohne Beruf dastand. Am schlimmsten hat er damals und in der Folgezeit empfunden, daß ihm nicht nur die Ausübung der Rechtsanwaltschaft verboten wurde, sondern für viele Jahre hindurch [die Ausübung] 3 jeglichen Berufs. Ich weiß das auch noch aus Vernehmungen, denen ich im Jahre 1941 unterworfen wurde und auf die ich später zurückkomme. Ich habe heute noch in Erinnerung, dass das monatliche Einkommen Dr. Pauls aus der Anwaltschaft bei 4 – 5.000,-- RM lag. Ich weiß weiter, daß er in späteren Jahren, als er auf seinem Bauernhof in Ulrichswalde b. Stadtroda lebte, sich oft wirtschaftliche Sorgen gemacht hat und hat machen müssen. Dr. Paul wurde infolgedessen sowohl in seinem wirtschaftlichen Fortkommen, wie in seinem persönlichen Vermögen aufs schwerste geschädigt; ich möchte sogar sagen, entscheidend getroffen.Neben diesen schweren wirtschaftlichen Verlusten wurde Dr. Paul noch persönlich verfolgt. Ich weiß, daß er im Laufe des Jahres 1933 einige Monate sich außerhalb Thüringens, und zwar in Berlin und Mainz aufhielt, und daß er erst im Jahre 1934 auf sein Gut zurückkehrte. Aus der Korrespondenz des Jahres 1933 weiß ich, dass sich damals führende Männer Deutschlands, so der Reichspräsident v. Hindenburg, der Reichsjustizminister, Prinz Eitel Friedrich, der Ehrenvorsitzende des Nationalverbandes Deutscher Offiziere, u.a. für ihn einsetzten, ohne aber die nationalsozialistische Verfolgung, insbesondere auch die Wegnahme der Anwaltschaft wieder aus der Welt schaffen zu können.Ich weiß, daß im Jahre 1940 Dr. Paul vorm Sondergericht angeklagt war und daß gegen ihn Hauptverhandlungen stattfanden. Mir ist das deswegen noch genauestens in Erinnerung, weil ich davon an einem Tage erfuhr, der einer Reise von mir nach Elsaß-Lothringen vorausging.Im Jahre 1941 bin ich sowohl seitens der Gestapo, wie seitens eines aus Berlin gekommenen Kommissars – man sagte mir, er käme von der Gestapa – vernommen worden. Dr. Paul hat, wie ich weiß, in den Jahren 1933 ff. immer und immer wieder an höchsten Amtsstellen des Reiches gegen den Entzug der Anwaltschaft angekämpft. Die Vernehmungen, denen ich unterzogen wurde, dienten dem Zweck, um Material dahin zu sammeln, daß der Entzug der Rechtsanwaltschaft zu recht erfolgt wäre. Man versuchte damals, mich in meiner Aussage dahin zu bringen, daß Herr Dr. Paul einmal persönlich 10,-- RM der Roten Hilfe gegeben hätte, und, als ich das entschieden bestreiten mußte, suchten sie nach verschiedenen anderen Gründen, die mir heute im einzelnen nicht mehr bekannt sind und von denen ich damals erkannte, daß sie unwahr waren.Aus meiner genauen Kenntnis der Verhältnisse in Gera – ich wohnte rund 27 Jahre dort – war mir bekannt, wie nichtnationalsozialistische Teile der Bevölkerung das seinerzeitige Vorgehen der nazistischen Machthalter gegen Dr. Paul als unerhört bezeichneten und verurteilten. Dr. Paul war bis zum Jahre 1933 der Vorsitzende der Demokratischen und späteren Staatspartei in Gera und ist als solcher gegen die Nationalsozialisten aufgetreten. Auch darin dürfte ein Grund für die nationalsozialistische Verfolgung seiner Person liegen.
Kassel, den 10. Juli 1951
Martha Basch geb. Fritzsche

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Nachlass Rudolf Paul, Nr. 4, Bl. 5r-7r (ms. Ausfertigung); weitere Durch- und Abschriften in dieser Akte sowie in: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abt. 518, Nr. 20349, Bd. 1, Bl. 36r-38r, 68r-70r.

1 2 3