Nr. 403a
5. Juli 1951

Eidesstattliche Versicherung des ehemaligen Büroangestellten Arno Jäger


Eidesstattliche Versicherung


Ich, der unterzeichnete Justizinspektor und Rechtspfleger aD Arno J a e g e r aus Frankfurt/M.-Höchst, Königsteinerstr. 200, versichere hiermit in Kenntnis der Bedeutung einer eidesstattlichen Versicherung folgendes an Eides statt:
Ich war bis zum Jahre 1933 im Büro der Rechtsanwälte Dr. Paul u. Dr. Hauptmann tätig 1 und war Jahre hindurch der von Dr. Paul bevorzugt herangezogene Sekretär. Aus dieser Tätigkeit ist mir Herr Dr. Paul und sind mir die Verhältnisse und Ereignisse, die sich damals um ihn und sein Büro abspielten, bestens bekannt. Als Geraer war und ist mir bekannt, daß Dr. Paul wegen seiner früheren Tätigkeit als Staatsanwalt und dabei wegen seines Vorgehens gegen die Nationalsozialisten, wie wegen seiner jüdischen Heirat und seines jüdischen Soziusses besonders verfolgt wurde. Als die Nationalsozialisten im Jahre 1933 die Macht übernahmen, bestellten sie als Kommissar zur Bereinigung der Thüringer Justiz ausgerechnet einen früheren Staatsanwalt von Gera, 2 der wegen seiner verschiedenen Zusammenstöße mit Dr. Paul und den dabei begangenen Rechtsverletzungen von der Disziplinarkammer des Landes disziplinarisch bestraft und schließlich vom Justizministerium im Jahre 1931 oder 1932 als Staatsanwalt abberufen und ans Amtsgericht versetzt worden war. Dieser persönliche Feind Dr. Paul’s, der als besonders wilder Nationalsozialist galt, veranstaltete auf die verschiedenste Art und Weise ein Treiben gegen ihn, um ihn um seinen Beruf zu bringen. In einem dieser verschiedenen Verfahren wurde ich, da ich von Dr. Paul als Zeuge für das Verleumderische der Behauptungen des Sachbearbeiters benannt wurde, dreimal im Justizministerium des Landes, und zwar vom Justizminister selbst, gehört. Bei diesen Vernehmungen, bei denen ich der Wahrheit entsprechend die verschiedenen Behauptungen als verleumderisch darstellte, erkannte ich aus der Art der Verhandlungsführung durch den Justizminister, daß es ihm darum ging, Dr. Paul aus seiner Existenz herauszubringen. Diese Erkenntnis von mir fand dadurch seine Bestätigung, daß bei der 3. Vernehmung ins Zimmer ein Herr trat, der mir bis dahin unbekannt war, der die Vernehmung mit den Worten abschloß: Gehen Sie, aber sagen Sie Ihrem Herrn Dr. Paul, daß es um ihn geschehen ist. Im Vorzimmer stellte ich durch Rückfrage fest, daß der Herr, der diese Äußerung getan hatte, der Reichsstatthalter Sauckel war. Dieser Reichsstatthalter Sauckel war meiner Erinnerung nach deswegen gegen Dr. Paul besonders feindselig gestimmt, weil dieser in den Jahren vor der nationalsozialistischen Machtergreifung wiederholt gegen nationalsoz. Zeitungen mit Erfolg vorgegangen war. Ich weiß aus jenen Wochen und Monaten auch noch, daß die nationalsoz. Presse in übelster Form gegen Dr. Paul hetzte und dabei u.a. auch große Artikel gegen ihn wegen seiner Verhaftungen „alter Kämpfer“ im Jahre 1923 schrieb.Aus eigenem Erleben habe ich damals feststellen können, daß den Nationalsozialisten jedes Mittel recht war, Dr. Paul um Existenz und Ehre zu bringen, und daß es ihnen dann auch durch den Entzug der Anwaltschaft gelungen war, Dr. Paul sowohl in seinem wirtschaftlichen Fortkommen, wie in seinem persönlichen Vermögen auf das empfindlichste zu treffen.Aus meiner genauen Kenntnis der Verhältnisse im Büro und der Person von Dr. Paul weiß ich, was im übrigen damals ein offenes Geheimnis der Bevölkerung war, daß man ihm unter Bruch des Rechtes Rechtsanwaltschaft und Notariat nahm.Wie weit die Wut der Nationalsozialisten gegen Dr. Paul ging, dürfte die Tatsache beweisen, daß den Angestellten seines Büros größte Schwierigkeiten beim Erhalt neuer Stellungen gemacht wurde, u.a. auch ich arbeitslos gemacht wurde mit der Anweisung an das Arbeitsamt Gera, daß ich 1 Jahr lang als Arbeitsloser nicht registriert werden dürfe.Aus den Jahren 1934 ff. – ich hatte in Gera meinen Wohnsitz – weiß ich, daß die nationalsozialistischen Verfolgungen gegen Dr. Paul nicht abrissen und daß, wie ich aus meiner Tätigkeit als Justizinspektor beim Amtsgericht Gera in den Jahren 1946 ff. weiß, sich dort verschiedene Ladungen in Sondergerichtssachen gegen Dr. Paul befanden.
Frankfurt/M, den 5. Juli 1951
Arno Jäger

Quelle: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abt. 518, Nr. 20349, Bd. 1, Bl. 39r, 40r (ms. Ausfertigung).

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