Nr. 401c
21. Dezember 1951

Stellungnahme der Rechtsanwaltskammer Frankfurt/Main


Frankfurt a. M., den 21. 12. 1951

Rechtsanwaltskammer
inFrankfurt a. M.

An den
Herrn Hess. Justizminister W i e s b a d e n

Betr.: Rechtsanwalt Dr. Rudolf Paul, Frankfurt am Main IIb P 97

In dieser Angelegenheit hat der Vorstand der Rechtsanwaltskammer, da er selbst über die Verhältnisse nicht genügend unterrichtet war, Herrn Prof. Böhm, hier, der früher in Jena war, 1 um Auskunft gebeten.
Diese Auskunft lautet dahin, dass Herr Kollege Paul im Sommer 1946 zum Honorar-Professor ernannt worden ist. In Jena bestand damals eine, nach Ansicht von Herrn Prof. Böhm, noch vollständig intakte Fakultät, der u. a. die Professoren Richard Lange (Strafrechtler), jetzt in Köln, 2 Preiser jetzt in Heidelberg, 3 Gutenberg, Ffm, 4 Blomeyer jr, jetzt in Berlin und Draht 5 angehörten. Dekan war Prof. Richard Lange. Herr Prof. Dr. Böhm, damals Kultusminister des Landes [ Hessen ], 6 war persönlich mit dem damaligen Ministerpräsidenten Prof. Dr. Geiler zu einem Staatsbesuch in Jena und hatte dabei Gelegenheit, auch mit der Fakultät und ihren Mitgliedern Fühlung zu nehmen. Nach seiner Kenntnis der Verhältnisse hat die Fakultät Herrn Dr. Paul damals zum Honorar-Professor ernannt, weil er sich wirklich um die Universität verdient gemacht und sie gefördert hätte. 7 Herr Prof. Böhm hält deshalb die Ernennung für ordnungsmässig. Ob und in welchem Umfange Herr Kollege Paul in Jena Vorlesungen gehalten hat, ist Herrn Prof. Böhm nicht bekannt. Er weiss aber, dass er mehrfach Vorträge vor der Studentenschaft gehalten hat.Normalerweise darf nach Ansicht des Herrn Prof. Böhm ein Honorar-Professor den Titel nur solange führen, als er an der Universität noch als solcher tätig ist, also nicht mehr, wenn er seinen Wohnsitz am Universitätsort aufgibt und sich dadurch ausserstande setzt, Vorlesungen dort zu halten. Das gilt aber nur, soweit die Aufgabe des Wohnsitzes aus freien Stücken erfolgt ist. Das war bei Dr. Paul nach Ansicht des Herrn Prof. Böhm nicht der Fall, vielmehr musste dieser seinen Wohnsitz in Jena aufgeben, weil er politisch verfolgt wurde. Herr Prof. Böhm ist der Ansicht, dass unter diesen Umständen Herr Prof. Paul das Recht zur Führung des Professor-Titels nicht verloren hat. 8 Die Frage war mehrfach Gegenstand von Fakultätsbesprechungen, insbesondere bei Emigration früherer Dozenten. In diesem Falle hat sich die Fakultät einhellig dafür entschieden, dass diese ehemaligen Professoren den Titel weiterführen dürfen. Auf Grund dieses Gutachtens ist der Vorstand der Rechtsanwaltskammer der Ansicht, dass Herrn Kollegen Prof. Dr. Paul das Recht zur Führung des Professor-Titels nicht bestritten werden kann und ein ehrengerichtliches Vorgehen gegen ihn 9 aus diesem Grunde nicht in Frage kommt.
[ Unterschrift ]
(Max. L. Cahn)stellvert. Vorsitzender

Quelle: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abt. 505, Nr. 1267, Bl. 74r, 74v (ms. Ausfertigung).

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