Nr. 397b11. Oktober 1948
Schreiben Hermann Brills an Fritz Löwenthal zu diesen Aussagen


11. Okt. 1948.

Herrn
Abgeordneten Dr. Fritz LöwenthalParlamentarischer Rat, B o n n .
Werter Genosse Löwenthal !


In Ihrem Buche „der neue Geist von Potsdam“ schreiben Sie auf Seite 41:

Landesvater Dr. Paul.
„In das bunte Bild des „Rechtsstaates“ Thüringen paßt die Krönung des Ganzen, der ‚Landesvater’ Dr. Paul. Als nach dem Abzug der amerikanischen Besatzung der sozialdemokratische Ministerpräsident Dr. Brill, unter Hitler Häftling in Buchenswald, sich veranlaßt sah, die Ostzone zu verlassen, tauchte als sein Nachfolger der frühere Rechtsanwalt Dr. Paul auf, der als Direktor der Traktorenwerke in Zeitz sich in russische Gunst gesetzt hatte.“ 1
Gestatten Sie, daß ich zu diesen Ausführungen Stellung nehme. Da Sie erst im Jahre 1946 aus Moskau zurückgekehrt sind, können Sie das, was ich eben zitiert habe, ja nur vom Hören-Sagen kennen. Ich nehme aber an, daß es Sie im Interesse der historischen Wahrheit interessieren wird, die wirklichen Vorgänge zu wissen.

1.) Herr Dr. Paul war von Ende April bis zum 16. Juli 1945 der von der amerikanischen Militärregierung ernannte Oberbürgermeister der Stadt Gera. Als solcher, nicht als Direktor der Traktorenwerke in Zeitz, hat er sich durch einen pompösen Empfang der sowjetischen Truppen in russische Gunst gesetzt. Traktorenwerke, zu denen Herr Dr. Paul in Beziehung gestanden haben soll, gibt es nicht. Wohl aber hatte sich Herr Dr. Paul, wie der Volksmund sagt, in Zeitz die BRAWAG 2 „angelacht“, ein Werk zur Gewinnung von synthetischem Benzin. Aus diesem traktierte er sowohl die Amerikaner wie die Russen.
2.) Ich habe mich nicht veranlaßt gesehen, nach dem Abzug der amerikanischen Besatzung die Ostzone zu verlassen. Das Gegenteil ist richtig. Ich habe eine zweifache amerikanische Aufforderung, mit der Armee der Vereinigten Staaten mitzugehen, und entweder das Generalsekretariat des Länderrats, oder das Amt des Ministerpräsidenten in Hessen zu übernehmen, abgelehnt, und bin dageblieben. Die sowjetische Besatzung hat mich am 3. und am 11. Juli 1945 in meinem Amt als Ministerpräsident für Thüringen bestätigt. 3.) Herr Dr. Paul ist nicht als mein Nachfolger „aufgetaucht“. Ich habe mit ihm während meiner Regierungszeit heftige Auseinandersetzungen gehabt, weil ich die intriganten Ambitionen dieses Mannes als sachlich unbegründet ablehnen mußte. Er wünschte nämlich, Regierungspräsident von Ostthüringen zu werden und von mir den Titel eines Staatsrats zu erhalten. 3 Die Sowjets haben einen halben Monat zwischen dem jetzigen Wirtschaftsminister Dr. Appell, Dr. Paul und mir geschwankt und erst das Auftauchen von Walter Ulbricht in Thüringen, der alter politischer Feind von mir ist, hat die Entscheidung zu Gunsten von Dr. Paul herbeigeführt. Immerhin waren die Russen noch so höflich, mich zu dem Staatsakt der Ernennung von Dr. Paul zum Ministerpräsidenten durch Generaloberst Tschuikow persönlich einzuladen. In dem selben Staatsakte wurde ich zum Vicepräsidenten der Deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung in der sowjetischen Besatzungszone ernannt und gebeten, mich zum Dienstantritt in Berlin zu melden. 4 Das habe ich aus wohl erwogenen Gründen nicht getan. 4.) Von Ende Dezember 1945 bis Ende Juni 1946 war ich Chief Consultant in Manpower Division OMGUS in Berlin. Während dieser Zeit hat meine Familie noch in Weimar gewohnt, ich habe sie wiederholt in Weimar besucht, zuletzt Pfingsten 1946.5.) Wenn Ihnen daran liegt, den „Rechtsstaat“ Thüringen darzustellen, sollten Sie den Widerstand, den ich den Sowjets bei der sogenannten „Vereinigung“ geleistet habe, meine ständige Bedrohung mit Kriegstribunal, Erschießen, Deportation und vom NKWD durchgeführte Verhaftung und die Drohung, mich erneut nach Buchenwald zu schicken, nicht vergessen.
Mit sozialistischem Gruß !
Br.

Quelle: Bundesarchiv Koblenz, N 1086, Nr. 58a, n. fol. (ms. Ausfertigung).

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