Nr. 397a
(1948)

Fritz Löwenthal: „Landesvater Dr. Paul“


Rechtsstaat“ Thüringen
[…] 1
Landesvater Dr. Paul
In das bunte Bild des „Rechtsstaates“ Thüringen paßt die Krönung des Ganzen, der inzwischen entschwundene „Landesvater“ Dr. Paul. Als nach dem Abzug der amerikanischen Besatzung der sozialdemokratische Ministerpräsident Dr. Brill, unter Hitler Häftling in Buchenwald, sich veranlaßt sah, die Ostzone zu verlassen, tauchte als sein Nachfolger der frühere Rechtsanwalt Dr. Paul auf, der als Direktor der Traktorenwerke in Zeitz sich in russische Gunst gesetzt hatte. Anfangs parteilos, dann Mitglied der LDP, 2 trat er im April 1946 der eben zusammengeklitterten „Einheitspartei“ bei und erhielt von Wilhelm Pieck persönlich das Mitgliedsbuch Nr. 1 feierlich überreicht. Seine unzeitgemäße Freude an prunkvollem Auftreten wurde von seiner Frau, im Volksmund „Königin Luise“ genannt, stilvoll geteilt. Für gewöhnlich liebenswürdig, konnte Paul heftige Wutanfälle bekommen, wenn er auf Widerspruch stieß. Unter seiner Herrschaft wurde ein Kautschukgesetz erlassen, das „zum Schutze des Wiederaufbauwillens und des inneren Friedens“ unbequeme Kritiker mit Zuchthaus bis zu fünf Jahren bedroht. Seitens der „Untertanen“ ließ Paul nicht mit sich spaßen. Der Besatzungsmacht gegenüber half er sich damit, daß er krank spielte. Sich dem Stil der „Einheitspartei“ anpassend, sorgte Dr. Paul nicht zuletzt für sich selbst. An der Ausbeute aus den großen Unterschlagungen bei der Schokoladenfabrik A. Berger in Pößneck hatte sein Haushalt ebenso Anteil wie an den Fleischschiebungen der Thüringer Fleischwerke in Weimar und den Machenschaften mit den aus Hessen gelieferten 18 000 Flaschen Sekt für die Thüringer Kranken, von denen die Krankenhäuser nichts zu sehen bekamen. Als der Weimarer Oberbürgermeister Hempel das in der Villa des Professors Schultze (Naumburg) enteignete Mobiliar von der Stadtverwaltung um einen Spottpreis erwarb, forderte Paul von Hempel Übereignung des Mobiliars der von ihm bewohnten Villa. Durch seinen engsten Mitarbeiter Präsidialdirektor Staas, der die Verfügung über das Regierungsmagazin und das große Präsidialkontingent an Benzin hatte, hielt Dr. Paul die Regierungskreise in Atem. Leben und leben lassen, aber auf Gegenseitigkeit, war sein Grundsatz. Unter den Augen des Generals Kolesnitschenko 3 kam er Parteigängern des Hitlerregimes huldvoll entgegen. Den Dirigenten Abendroth, einen bewährten Pg., ernannte er zum Staatsrat, seinen Namensvetter Paul, einen braunen Tenor, zum Kammersänger. Andere Hakenkreuzler wie die Professoren Wahl, Lilienfein und Henselmann (Leiter der Weimarer Bauschule), konnten gleichfalls mit ihm zufrieden sein. Seine Chefdolmetscherin, Frau Bauer, war eine höhere BDM-Führerin, die Hausdame des deutsch-russischen Klubs, dessen Protektorin Frau Paul war, die Witwe eines SS-Führers. Auch an kriminellen Elementen war in Pauls Bereich kein Mangel. Kurz vor seiner Flucht aus Thüringen wurden zwei Beamte der Interzonenabteilung und ein Kraftfahrer aus dem Präsidialbüro wegen Einbruchdiebstahls verhaftet. Ein Polizist wurde dabei betroffen, wie er auf Nachtwache von dem Wagen des Landessenders die Reifen abmontierte. Da er den Polizeipräsidenten Wilms zum Schwager hatte, blieb er auf freiem Fuß. Dem Beispiel seines Freundes, Regierungsrat Neugebauer aus dem Justizministerium, folgend, verschwand der Filialleiter Halbe der Raiffeisengenossenschaft unter Mitnahme eines Eisenbahnwaggons und zweier Lastkraftwagen mit Lebensmitteln sowie eines seiner Dienststelle gehörigen Personenwagens.Nach dem Verschwinden Dr. Pauls gab der Thüringer Justizminister Dr. Külz dementierend bekannt, die russische Militärverwaltung habe in die ganze Angelegenheit beileibe nicht eingegriffen. Weimar sei nicht zeitweise von Polizei abgesperrt worden und man habe auch über Regierungsbeamte keinen Hausarrest verhängt. Alles in schönster volkdsdemokratischer Ordnung; wer’s nicht glaubt, komm’ selbst und seh’. Allerdings kann es ihm dann ergehen wie dem Schriftleiter Dr. Anspach 4 in Weimar. Dr. Erich Anspach, ein Mann von einwandfrei antifaschistischer Vergangenheit, wurde im Oktober 1947 verhaftet, nach zwei Tagen wieder auf freien Fuß gesetzt, dann wenige Stunden später erneut festgenommen wegen angeblicher Beleidigung zweier Polizeidirektoren im Schnellverfahren zu neun Monaten Gefängnis verurteilt – Oberstaatsanwalt Berger, ein früherer Pg, hatte ein Jahr beantragt – und sofort in die Strafanstalt Ichtershausen übergeführt. Das Gericht verweigerte die Hinzuziehung eines Verteidigers und lehnte den angebotenen Wahrheitsbeweis und die beantragte Vertagung ab. Nicht ohne Grund wurde im „Rechtsstaat“ Thüringen eine besonders „landeseigene“ Redaktion des Strafgesetzbuches in Kraft gesetzt. […]

Quelle: Löwenthal: Geist (1948/C), S. 34-48 („’Rechtsstaat’ Thüringen“), hier S. 41-43 (gedr.).

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