Nr. 396f
23. Oktober 1948

Stellungnahme des früheren Landrates und Ministerialbeamten, nun Frankfurter Oberlandesgerichtsrates Friedrich Quaas


Frankfurt/M. 23.10.1948.
OberlandesgerichtsratFriedrich Quaas

An den
Vorstand der Anwaltskammer, z. Hd. Herrn Rechtsanwalt C a h n, 1 F r a n k f u r t a.M. Betr. Prof. Dr. Rudolf Paul.
Sehr geehrter Herr Rechtsanwalt!
Ich komme auf die mit Ihnen über den früheren Ministerpräsidenten des Landes Thüringen, Herrn Professor Dr. Rudolf Paul geführte Unterhaltung zurück und möchte das Gesagte schriftlich festhalten.Herr Prof. Dr. Paul ist mir seit dem Jahre 1924 zunächst nur dem Namen nach, später auch persönlich bekannt geworden.Ich weiss, dass Herr Dr. Paul bis 1933 Rechtsanwalt in Thüringen war. Er stand in den Kreisen der Juristen und der Bevölkerung im Ruf eines besonders fähigen Rechtsanwalts und genoss beruflich und auch sonst grosses Ansehen. Ich Frühjahr 1945 wurde ich von der amerikanischen Besatzungsmacht zum Landrat des Kreises Altenburg ernannt. In der Folgezeit habe ich über zwei Jahre hindurch unter Herrn Dr. Paul, der zunächst Präsident des Landes, später dessen Ministerpräsident war, gearbeitet, zunächst als Landrat, dann als Ministerialrat beim Landesamt für Land- und Forstwirtschaft und schliesslich im Justizministerium. 2 Als ich im Herbst 1945 durch die KPD von Altenburg systematisch verfolgt wurde und diese die sowjetische NKWD gegen mich auf den Plan brachte, berief mich Herr Prof. Dr. Paul nach Weimar, da er mich dort schützen könne, dagegen nicht in dem entfernten Altenburg. Für mich steht es ausser Zweifel, dass ich ohne diesen Schutz damals und in der Folgezeit dem Hass der KPD und der Verfolgung der NKWD erlegen wäre.In meiner Dienststellung in Weimar kam ich als Vortragender mit dem Präsidenten unmittelbarst, sonst bei grösseren Dienstbesprechungen und Konferenzen der leitenden Justizbeamten mittelbar in Berührung. Ich erlebte ihn auch zu wiederholten Malen als Redner bei grossen Versammlungen.Durch die gesamte Tätigkeit des Präsidenten zog sich wie ein roter Faden dessen Auffassung: Thüringen ist ein Rechtsstaat. Dafür hat er gekämpft, nicht nur mit dem Wort, sondern auch mit der Tat. Er hat sich in einer grossen Anzahl von Fällen, die mir aus meiner Tätigkeit im Justizministerium bekannt sind, und die ich bei ihrer Fülle im einzelnen nicht aufzählen will, persönlich schützend vor von der KPD und NKWD unschuldig Verfolgte gestellt, wie er auch umgekehrt gegen Verbrecher vorging, welche von der KPd und NKWD geschützt werden sollten. Dabei hat er hohes Maß von Mut gezeigt.Sein Eintreten für den Rechtsstaat und seine Kampfansage an das Verbrechertum in der grossen Öffentlichkeit war von einprägsamer Deutlichkeit. Bei den Juristen, ob Staatsanwalt, Richter oder Rechtsanwalt, galt Dr. Paul als zuverlässiger Halt für den Rechtsstaat und erhielt auch wiederholt von diesen Zuschriften in solchem Sinn.Er hat in dieser Zielrichtung das Äusserste getan, was er tun konnte, und es hat im Lande nicht an der Frage gefehlt: wie lang kann er noch so eine Sprache bei den Russen führen?Sein Weggang wirkte wie ein Alarmsignal. Mit ihm brach ein entscheidender Halt für den Rechtsstaat weg, und die Bolschewisierung des Landes, das in der gesamten Zone als das politisch gemässigste galt, nahm dann ungehemmt seinen Lauf.
Hochachtungsvoll
Fr. Quaas

Quelle: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abt. 505, Nr. 1267, Bl. 40r-42r (ms. Ausfertigung); Abschriften in: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Nachlass Rudolf Paul, Nr. 5, Bl. 16-25.

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