Nr. 395a
16. Juli 1948

Antrag Rudolf Pauls auf Zulassung als Rechtsanwalt und Notar


Prof. Dr. Rudolf Paul.
Frankfurt, den 16. 7. 1948

An den
Herrn Staatsminister für Justiz W i e s b a d e n.

Sehr geehrter Herr Minister!

Mit dieser Eingabe bitte ich
um Zulassung als Rechtsanwalt am Amts- und Landgericht Frankfurt a. M.undum Bestellung zum Notar im Lande Hessen mit dem Amtssitz in Frankfurt a. M.Zur Begründung trage ich vor: Ich war bis 1933 Rechtsanwalt und Notar in Gera. Durch Rechtsbruch wurde mir von der nationalsozialistischen [Regierung] 1 Thüringens meine Existenz genommen und darüber hinaus 12 Jahre lang die Ergreifung jedes anderen Berufes von der Gestapo verhindert. Ich wurde mit zahlreichen Straf- und Gestapoverfahren überzogen und stand u.a. zweimal als Angeklagter vor dem Sondergericht. Das an mir in den Jahren 1933 folgende begangene Unrecht ist im Wege der Wiedergutmachung zu einem bescheidenen Teil behoben worden. Ich wurde am 30.7.1947 wieder als Rechtsanwalt und Notar zugelassen bezw. bestellt. Die darüber gefertigte Urkunde lautet in ihrem wesentlichen Inhalt: […] 2 Am 1. September 1947 habe ich die Ostzone verlassen, da ich ihre Bolschewisierung, das Hochspülen der Kriminellen durch die NKVD, die ständigen Eingriffe in die Rechtspflege, die Verelendung der Zone und ihre systematische Losspaltung vom übrigen Deutschland mit meinem Gewissen nicht vereinbaren konnte. Die nach meinem Weggang vom Osten über meine Person aufgestellten und zum Teil geschickt durch Kanäle in den Westen eingeflossenen Verleumdungen entbehren jeder Grundlage. Sie sind auf dem Boden freier Erfindungen gewachsen. Darüber, wie ich als Präsident in der Sowjetischen Zone um den Erhalt des Rechtsstaats bemüht war, enthält die von Prof. Bader, Freiburg, herausgegebene Fachzeitschrift (Dezember 1946 oder Januar 1947) 3 eine objektive und fachliche Würdigung. Ich bin weder gerichtlich noch ehrengerichtlich vorbestraft. Soweit ich noch bescheidenstes Vermögen besitze, unterliegt dieses nur den durch die Währungsreform auferlegten Beschränkungen. Ich bin mit keinem in Frankfurt tätigen Richter oder Staatsanwalt verwandt oder verschwägert. Gehalt oder Rente irgend welcher Art beziehe ich nicht. Nach erfolgter Zulassung beabsichtige ich, ausser der anwaltlichen Tätigkeit sonstige nicht auszuüben. Der vorliegende Zulassungsantrag ist der erste, den ich im Westen stelle. Einen Spruchkammerbescheid besitze ich noch nicht. 4 Bei der politischen Verfolgung meiner Person ist die politische Unbedenklichkeit für die Jahre 1933 folgende offenbar. Ich reiche ihn nach. Bei dem schweren Schicksalsweg, den ich seit 1933 nahezu ohne Unterbrechung bis heute gehe und an dessen Rand zur Zeit Verlust der Heimat und des gesamten Vermögens steht, darf ich bei Ihnen, sehr geehrter Herr Minister, eine verständnisvolle Würdigung meines Falles voraussetzen und eine baldige Erfüllung meiner eingangs gestellten Bitten erhoffen.
Mit der Versicherung besonderer Hochschätzung
bin ich Ihrsehr ergebener Rudolf Paul.

Quelle: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abt. 505, Nr. 1267 (PA Rudolf Paul), Bl. 8r-10r (ms. Ausfertigung).

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