Nr. 393b
17.-24. Juni 1948

Schriftwechsel zum Schreiben einer Studentin


Frankfurt/Main 21.6.1948
Hessischer StädteverbandGeschäftsstelle

An den
Chef der Hessischen StaatskanzleiHerrn Prof. Dr. H. B r i l l(16) W i e s b a d e n

Sehr geehrter Herr Professor!
Wir gestatten uns, Ihnen beifolgende Abschrift eines an uns gerichteten Briefes einer Studentin zu übersenden und wären Ihnen sehr verbunden, wenn Sie uns die erbetene Auskunft erteilen könnten.
Mit vorzüglicher Hochachtung !
Schwalbach(Schwalbach)Direktor

Abschrift
Rottenburg, den 17.6.48.

Sehr geehrter Herr Stadtbürodirektor !

Sie werden sich wundern, von einer unbekannten Studentin Ihrer Zeit beraubt zu werden. Dennoch aber möchte ich Sie herzlich bitten, mir und meinen Sorgen fünf Minuten Zeit zu schenken.

Grund meines Schreibens ist folgender: Meine Heimatstadt ist Leipzig, wo ich total ausgebombt bin. Mein Vater kann aus politischen Gründen noch nicht in seinem Beruf arbeiten. Völlig auf mich allein angewiesen begann ich trotzdem in gläubigem Vertrauen auf das Schicksal im Herbst 1945 mein Studium der Philosophie und Literaturgeschichte in Jena. Und gar bald wurde mir das mir damals kaum fassbare Glück zuteil, dass ein gütiger Mensch, der selbst keine Kinder hatte, zwei mittellose Studenten suchte, denen er ihr ganzes Studium in Form einer Patenschaft zu finanzieren versprach. Einer von diesen beiden Glücklichen war ich – der gütige Mensch war der damalige Ministerpräsident von Thüringen, Dr. Rudolf P a u l. Unsagbar schön war diese sorglose Studienzeit, diese geborgene Sicherheit, waren die Stunden, die wir jeden Monat einmal in Weimar sein durften und war nicht zuletzt mein Aufenthalt auf seinem Gut in Ulrichswalde im September. In diese Tage fiel sein plötzliches Verschwinden! Ich wurde auf dem Gut eingehend verhört, wurde in Jena schief angesehen – ich zog es vor, auch das Weite zu suchen und fuhr von einer Universität zur anderen, bis ich hier in Tübingen am 18. September zugelassen wurde.

Vielleicht können Sie nun den Grund meines Schreibens erraten? Ich möchte ja nun gern wissen, wie es Herrn Dr. Paul und seiner Gemahlin geht und wo er ist. 1 Als ich neulich in Wiesbaden war – da ich wusste, dass ihn mit dieser Stadt freundschaftliche Beziehungen verbanden –, konnte man mir nichts anderes raten, als mich an Sie zu wenden. Es war Herr Minister Dr. H i l p e r t, der mir dies durch Herrn ORR W o l f f sagen liess.

Ich hoffe und bitte Sie, mich recht zu verstehen und danke Ihnen schon heute dafür. Mit freundlichem Gruss
gez. Eva Just.(cand.phil. Eva Just, Rottenburg/Neckar)
24. Juni 48
Dr. Paul 2 Dr. Br./Rs.

Fräulein
Eva J u s tRottenburg/Neckar

Sehr geehrtes Fräulein Just!

Die Geschäftsstelle des Hessischen Städteverbandes hat mir Ihr Schreiben vom 17. d. Mts. übersandt. Ich beehre mich, Ihnen mitzuteilen, daß Herr Dr. Paul und Frau Paul zur Zeit in Wiesbaden, Kapellenstraße 76 wohnen. Die Verhältnisse der Genannten sind schwierig.

Hochachtungsvoll!
Br.Dr. Hermann L. Brill

Quelle: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abt. 502, Nr. 3465, n. fol. (ms. Ausfertigungen).

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