Nr. 392e
28. September 1948

Eidesstattliche Versicherung Rudolf Pauls


Eidesstattliche Versicherung.


Ich versichere an Eidesstatt, wobei mir bekannt ist, dass diese Urkunde gegenüber behördlichen Stellen Verwendung findet, die zur Entgegennahme eidesstattlicher Versicherungen legitimiert sind:

1. Im Januar 1920 heiratete ich Lilli geb. Biermann in Gera. Wir kannten uns aus der Tanzstunde, und jeder von uns heiratete die Liebe seiner Jugend. Meine Frau war Jüdin.

2. Seit dieser Zeit verfolgte mich, von Jahr zu Jahr zunehmend, eine Animosität der sogenannten völkischen Kreise.

3. Diese Stimmung gegen mich kam zum Teil in Hassnähe, als [ich] 1 in dem politisch unruhigen Jahre 1923 als politischer Staatsanwalt in schwere berufliche Kontroversen mit den beiden Radikalen jener Zeit: den Nazisten und den Kommunisten 2 kam.

4. Als im Jahre 1933 Hitler die Regierung übernahm, - seit Mitte 1924 unterhielt ich zusammen mit dem jüdischen Rechtsanwalt Dr. Hauptmann ein Anwaltsbüro – wurde mir über die Treppenstufen: Entzug des Notariats, Verbot der Annahme von Armensachen, Verbot des Zweibüros, Vertretungsverbot vorm Gericht, Entzug der Rechtsanwaltschaft meine Existenz zerschlagen.

5. Um der Verhaftung und dem Verbringen in ein Konzentrationslager zu entgegen, wurde ich flüchtig. 3

6. Durch Intervention des Reichspräsidenten von Hindenburg und des Prinzen Eitel-Friedrich, zurückgehend auf Verdienste von mir im ersten Weltkrieg, und des Reichsjustizministers Dr. Gürtner, der das Entzugsverfahren gegen mich als „Schweinerei“ bezeichnete, wurde mir in den ersten Monaten 1934 von Reichsstatthalter Sauckel eine ungefährdete Rückkehr nach Thüringen unter der Auflage erteilt, dass ich meine Stadtwohnung aufgeben und mich auf meinen Bauernhof nach Ulrichswalde zurückziehen müsse.
Von dieser Zeit datiert auch die Stellungnahme der Gestapo, dass ich für keinen Beruf tragbar sei.
7. Seit dem 1. März oder 1. April 1934 lebte ich zusammen mit meiner ersten Frau auf unserem Hofe.

8. Vom Tage dieses Einzugs an verfolgten mich, in ihrer Folge kaum abreissend, Strafverfahren, die eine nazistische Staatsanwaltschaft inscenierte. Diese Verfahren nahmen ausnahmslos ein klägliches Ende: durch Einstellung, Ablehnung der Eröffnung, Zurücknahme der haltlosen Anklage.

9. Daneben liefen Gestapoverfahren und waren meine erste Frau und ich Insulten ausgesetzt, die in ihrer Vielgestaltigkeit und fülle nicht wiederzugeben sind. Nur zwei seien aufgeführt: so wurde bisweilen der Verkauf von Nahrungsmitteln an uns mit der Begründung verweigert: „das Judenpack kann verrecken“; meiner Frau wurde die Benutzung einer öffentlichen Fernsprechstelle mit der Begründung verweigert, dass einem Deutschen n icht zugemutet werden könne, nach ihr die Sprechmuschel zu benutzen.
Wir lebten in dem nazistischsten Land Deutschlands, in Thüringen mit einem Beamtenkörper, der in manchen Sparten bis zu 98% der NSDAP angehörte.
10. Im Sommer 1938 wurden mein und meiner Frau gesamtes Vermögen im Wege der sogenannten Sicherstellung beschlagnahmt, da ich „fluchtverdächtig ins Ausland“ sei.
Zur Existenzlosigkeit und zum Fehlen jeglichen Berufseinkommens, unser Bauernhof war ein Zusatzobjekt, gesellte sich im radikalen Thüringen die Gefahr des Verlustes unseres gesamten Besitzes.
11. Meine Frau, ihr Bruder Herbert sowie sonstige Verwandte und ich kamen damals zu der Überzeugung, dass es zur Rettung unserer Lebensbasis das Richtige sei, unsere Ehe zu lösen, und dass meine Frau nach dem weniger radikalen Berlin ziehen solle, wo bereits Verwandte von ihr lebten.

12. Ich reichte Scheidungsklage ein. Das Gericht wollte abweisen, da ich es nicht hatte über mich bringen können, genügend schweres Geschütz im Sinne damaliger Auffassung aufzufahren. So erhob meine Frau, vertraulich aus Gerichtskreisen informiert, Widerklage.
Daraufhin schied die Kammer, erklärte beide Parteien für schuldig an der Zerrüttung und schrieb in den Gründen etwa: …“Selbst wenn man an dem Vorbringen der Parteien Zweifel haben kann, so vertritt die Kammer den Standpunkt, dass eine solche Ehe, in der ein deutscher Mann in den vierziger Lebensjahren stehend der Ehemann ist, geschieden werden muss…“. 4
13. Nach Rechtskraft der Scheidung erreichte ich die Freistellung des Vermögens, es lautete auf der Bank und in den Grundbüchern auf meinen Namen.“

14. An Barvermögen besassen wir rund 125 000.--- RM. Ich behielt davon 10 000.--- RM für mich, alles übrige gab ich meiner Frau. Sie konnte darüber, da es über meinen Namen gelaufen war, bis wenige Monate vor ihrem Abtransport nach Riga im Januar 1942 frei verfügen.

15. Bezüglich des Grundstückvermögens vereinbarten wir, dass ich meiner Frau als persönliche und nicht übertragbare Forderung die wertmässige Hälfte des von uns während der Ehe erworbenen Grundbesitzes einräumte.

16. Vom Tage der Scheidung ab habe ich meiner Frau in der zuvorigen Herzlichkeit und Fürsorge weiter zur Seite gestanden. Ich habe sie insbesondere auch laufend mit Lebensmitteln aus dem Hofe versorgt und neben regelmässigen Besuchen die persönlichen Festtage und fast alle [grösseren] 5 Feiertage zusammen mit ihr verbracht.
Ich wurde wegen solcher Zusammentreffen in Gestapoverfahren [verwickelt] 6 und stand u. a. am 2. oder 1. August und 10. Oktober 1940 als Angeklagter vorm Sondergericht: Meine geschiedene Frau wohnte Ende 1939 längere Zeit bei meiner Schwester. Dort besuchte ich sie fast täglich. Das beobachtete ein bei meiner Schwester einquartiertes Ehepaar aus dem Saargebiet und zeigte mich dieserhalb und wegen abfälliger Äusserungen gegen Hitler an. 7 In diesem Sondergerichts- - und in dem sich unmittelbar daran anschliessenden Gestapoverfahren wegen Vergehens gegen die Nürnberger Gesetze war meine erste Frau mit die entscheidenste Entlastung für mich. Sie stand so fest zu mir, wie ich es ihr gegenüber tat.
17. Ich habe mich auch in der Folgezeit in Berlin, wo ich mich wegen eines gegen mich bei der Gestapa in der Prinz-Albrecht-Strasse laufenden Verfahrens Monate hindurch ständig aufhalten musste, unbeschadet der mir drohenden Gefahr regelmässig mit ihr getroffen.

18. Zwei von mir für meine Frau in den Jahren 1939 und 1940 geebnete Wege, einen mit einem gesicherten Unterkommen bei einer Familie in Casablanca und einen zweiten über einen mir befreundeten Attaché der ägyptischen Botschaft ist sie leider nicht gegangen. Sie konnte sich von Deutschland nicht trennen.

19. Als sie sich 1941 mit einem jüdischen Mann, namens Moses, verlobte und ihn kurz darauf heiratete, habe ich meine Fürsorge auch auf ihn übertragen.“

20. Als im Januar 1942 dem Ehepaar Moses der Abtransport nach Riga drohte, das Barvermögen kurz zuvor beschlagnahmt worden war, glaubten beide, durch Zahlung einer Summe von 15 000,--RM an einen gewissen Wishaupt, nach Schweden ausweichen zu können und baten mich um Hilfe. Ich habe diese Hilfe gegeben und die von Wishaupt zunächst geforderte Anzahlung geleistet. Sie war umsonst gebracht.

21. Meine erste Frau und ihr Mann kamen nach Riga, ich kam in die Hände von Erpressern und musste, da mir der Bankkredit aufgesagt wurde, mein Gartengrundstück in Gera unter der Hälfte seines wahren Wertes verschleudern. 8

22. In Berlin zurückgebliebene ältere Verwandte meiner ersten Frau, Frau Backofen und Frau Katzenstein, wurden von mir auch weiterhin unterstützt.

23. In Riga kam der Ehemann Moses in ein Lager, in dem er nach den mir gewordenen Informationen einige Zeit später erschossen wurde, da er angeblich Tauschgeschäfte gemacht haben soll.
Frau Moses war zusammen mit anderen jüdischen Frauen in einer Gärtnerei beschäftigt, wobei ihr die Aufgabe oblag, das Essen zu kochen und für die Verpflegung zu sorgen.
24. Von hier aus erfolgte durch Vermittlung des deutschen Unterzoffiziers Zerche die erste Verbindungsaufnahme zwischen meiner ersten Frau und mir.
Um diese Verbindungsbrücke zu festigen, bot ich der Ehefrau Anita Zerche während der Dauer des Krieges unentgeldliche Unterkunft und Verpflegung auf meinem Hofe an.
25. Infolge der Räumung Rigas durch die Wehrmacht wurden alle Fäden zerschlagen. Meine erste Frau kam zusammen mit anderen jüdischen Frauen in ein Arbeitslager bei Sophienwalde in Westpreussen.

26. Dort stiess sie auf eine frühere Bekannte, Fräulein Ostertag aus Hannover.

27. Nach Fräulein Ostertag, die ich nach Erhalt der ersten Nachricht sofort von Hannover nach Weimar holen liess, ist meine erste Frau in diesem Lager etwa am 20. Dezember 1944 an einem Gefässleiden erkrankt. Während ihrer rund 36 Stunden dauernden Krankheit wurde sie von einer jüdischen Pflegerin, Frau Erna Weinreich, Gattin des Dr. med. Weinreich aus Libau, betreut.
Fräulein Ostertag, mit der meine Frau in Sophienwalde viel über mich sprach, hat mir überbracht, dass es deren grösster Wunsch gewesen sei, mich wieder zu sehen.
28. Mit dem Bruder Herbert, der Schwester und sonstigen Verwandten meiner ersten Frau stehe ich bis auf den heutigen Tag in herzlichster Verbindung.

Frankfurt, a. M. den 28. 9. 1948.
Rudolf Paul.

Quelle: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abt. 505, Nr. 1267 (PA Rudolf Paul), Bl. 20r-24r (ms. Ausfertigung mit hs. Korrekturen).

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