Nr. 390d
29./30. Dezember 1947

Die „Frankfurter Rundschau“ über Rudolf Pauls DENA-Interview zu den Gründen seiner Flucht


Interview mit Dr. Rudolf Paul


München, 29. Dezember (Dena)
Der ehemalige thüringische Ministerpräsident Dr. Rudolf Paul, der Anfang September dieses Jahres die sowjetische Besatzungszone mit unbekanntem Ziel verlassen hatte, ist, wie aus zuverlässiger Quelle verlautet, am Donnerstag in München eingetroffen. Am Sonntag gab Dr. Paul in einem fast zweistündigen Interview dem Leiter des hiesigen DENA-Büros zum ersten Male die Motive seiner Flucht aus der Ostzone und die Hintergründe für die Abreise der Ministerpräsidenten der Ostzone während der Münchener Ministerpräsidentenkonferenz im Juni bekannt und berichtete weiter über die politischen Methoden der SED sowie über die „Bolschewisierung“ der Wirtschaft in der Sowjetzone. 1 Er erklärte, daß er sich bereits seit dem 23. September in München aufhalte. Der Grund für seine damalige Flucht sei die Tatsache gewesen, daß ihm die SED seine Arbeit, besonders nach den Landtagswahlen, noch krasser aber nach dem Scheitern der Moskauer Konferenz, unerträglich gemacht habe. „Die SED hat ihre Maske fallen lassen und stellte ihre kommunistischen Tendenzen täglich stärker heraus“ sagte Dr. Paul und versicherte, es werde sich bald zeigen, daß sich die politische Lage in der Sowjetzone nach dem Zusammenbruch der Londoner Konferenz 2 noch mehr verschärfen werde. Paul weigerte sich, über seine Fluchtroute und seine Tätigkeit nach Ankunft in der US-Zone zu sprechen und erklärte, er werde eventuell „zu gegebener Zeit“ dazu Stellung nahmen. Seine Flucht nach Berlin sei nur dadurch möglich gewesen, daß zu diesem Zeitpunkt die Leipziger Messe stattfand und er gleichzeitig umzog. Zur Vorgeschichte der Münchener Konferenz im Blickpunkt der sowjetischen Zone sagte Paul, die Parteileitung der SED sei von vornherein darauf aus gewesen, die Konferenz „hochgehen“ zu lassen. Auf dem Wege des Parteibefehls sei es den Ministerpräsidenten der Sowjetzone zur Pflicht gemacht worden, die Konferenz sofort zu verlassen, wenn der von ihnen vorzulegende Antrag auf Schaffung einer deutschen Zentralverwaltung nicht angenommen werden sollte. Auf einer Tagung des Zentralsekretariats und der Landesvorsitzenden der SED mit den Landtags- und Ministerpräsidenten der Ostzone im Mai dieses Jahres in Schierke (Harz) sei bei Erörterung der Münchener Einladung die Grundstimmung der Versammelten für eine Annahme gewesen und schließlich beschlossen worden, dem bayrischen Ministerpräsidenten Dr. Ehard ein im wesentlichen zustimmendes Telegramm zu senden. Der mit der weiteren Bearbeitung der Angelegenheit beauftragte damalige, inzwischen verstorbene sächsische Ministerpräsident Dr. F r i e d r i c h s habe ihm (Paul) jedoch später erklärt, auf Anweisung Walter U l b r i c h t s vom Vorstand der SED sollte das Telegramm zunächst nicht abgeschickt, sondern eine Stellungnahme von Karlshorst, dem Sitz der SMA, abgewartet werden. Die Unterschriften unter ein zweites Telegramm, das in Inhalt und Form darauf hinausgelaufen sei, die Münchener Konferenz durch die Ministerpräsidenten der Ostzone zum Scheitern zu bringen, hätten er (Paul) und Ministerpräsident Dr. H ü b e n e r verweigert, 3 worauf es auch nicht abgeschickt worden sei. Nach einem Zusammentreffen Friedrichs mit Dr. Ehard in Hof habe man ein drittes Telegramm an Ehard formuliert, das in der Zahl der Abänderungsvorschläge (der von Ehard vorgeschlagenen Tagesordnung) „praktisch auf eine Ablehnung hinauslief“. Auf eine dem Zentralsekretariat der SED „äußerst unangenehme“ Antwort Ehards habe dann eine weitere Konferenz des Zentralsekretariats mit den Ministerpräsidenten stattgefunden, auf der erneut beschlossen worden sei, die Ministerpräsidenten nach München fahren zu lassen, wo diese jedoch „eine bestimmte Haltung einnehmen sollten“. Zu Beginn der Münchener Konferenz sollten sie die Schaffung einer Zentralverwaltung beantragen und, so sagte Paul, „auf dem Wege des Parteibefehls wurde den Ministerpräsidenten zur Pflicht gemacht, die Konferenz sofort zu verlassen, wenn der Antrag nicht angenommen werden sollte“. Es sei auch dann noch hinter den Kulissen versucht worden, die Fahrt zu hintertreiben, und die endgültige Erlaubnis sei erst am Abend vor München eingetroffen. Die Bekanntgabe weiterer Einzelheiten lehnt Dr. Paul ab, weil er damit heute noch in der Ostzone lebende Personen gefährden würde. Weiter erklärte Paul: „Ich wußte, daß die Londoner Konferenz scheitern wird. Dies war auch die Auffassung aller maßgeblichen Stellen der SED.“ Die Kommunistische Partei wünsche keine Einheit Deutschlands, sofern sie nicht aus Deutschland einen kommunistischen Staat machen könne. Die Bolschewisierung der Wirtschaft ist der sowjetischen Zone habe mit der Bankenreform ihren Anfang genommen und sei über die Zerschlagung des bisherigen Versicherungswesens bis zu den revolutionären Gesetzen der Ostzone weitergegangen. Aus den nach den umfangreichen Demontagen verbliebenen „Perlen“ der Industrie seien sowjetische Aktiengesellschaften gemacht worden.Die linksradikale Strömung in der SED habe höchstens zehn Prozent der Bevölkerung hinter sich. „Die radikalen Elemente“, fügte er hinzu, „haben allerdings sämtliche Schlüsselstellungen erhalten und terrorisieren die Bevölkerung“. Heute könne die SED als sehr verhaßt bezeichnet werden. Sie habe jedoch damals noch verstanden, sich zu tarnen, indem sie führende Politiker der früheren SPD sichtbar herausstellte.Paul bezeichnete Pressemeldungen, nach denen er sich um Aufnahme in die NSDAP beworben habe, als absurd, er würde überdies schon deshalb nicht aufgenommen worden sein, weil seine erste Frau eine Jüdin gewesen sei, von der er sich vereinbarungsgemäß im Jahre 1938 habe scheiden lassen. Vorher sei er bereits zweimal vor ein Sondergericht gestellt worden. Zu Behauptungen, seine jetzige Frau habe mit hundert Pariser Abendkleidern die Flucht ergriffen, erklärte er, sie habe während seiner Regierungszeit nur drei besessen. Er selbst sei praktisch mit einem Flüchtlingsgepäck geflohen und habe gegenwärtig nicht einmal eine Bettdecke. Ebenso unwahr sei die neuerliche Behauptung, daß er ungeheure Schulden hinterlassen habe. Abschließend versicherte Paul, er werde Deutschland nicht verlassen, sondern in Süddeutschland bleiben. Es sei auch noch nicht entschieden, wo er sich endgültig niederlassen werde.

Quelle: Frankfurter Rundschau, 30.12.1947, Abschrift in: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Thüringer Landtag, Nr. 584, Bl. 21r-23r.

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