Nr. 390b
29. Dezember 1947

„Die Neue Zeitung“ (München) mit der Meldung über Rudolf Pauls Erscheinen in München und mit dem Abdruck seiner Erklärung „Die Gründe des Weggangs“


Dr. Rudolf Paul in München
Thüringens ehemaliger Staatschef über seine Flucht
Von Robert E. Lembke
München (NZ). 1 – Dr. Rudolf Paul, der ehemalige Ministerpräsident von Thüringen, der am 1. September aus der Ostzone geflohen und seit dieser Zeit verschollen war, ist am 25. Dezember in Begleitung seiner Gattin in München eingetroffen. Er verweigert alle Angaben über seinen Aufenthaltsort seit dem Tage, an dem er Berlin verlassen hat, da er „niemand, der ihm in dieser schweren Zeit behilflich war, gefährden will“. Auch lehnt er es „aus naheliegenden Gründen“ ab, Angaben über seinen künftigen Aufenthaltsort zu machen. Er erklärte aber, daß er zunächst die Absicht habe, sich vom politischen Leben zurückzuziehen und nur einen Bericht über seine Erlebnisse als Ministerpräsident zu veröffentlichen. Eine erste für die „Neue Zeitung“ geschriebene Erklärung veröffentlichen wir nachstehend im Wortlaut. Der 54jährige, mittelgroße Dr. Paul hat gegenüber früher erheblich an Gewicht verloren, und seinem Gesicht sind die Aufregungen und Anstrengungen der letzten Monate anzumerken. Er wünschte, die Lügen, die über sein Gepäck verbreitet worden sind, wären Wahrheit. Tatsächlich habe er die Westzonen mit der primitivsten Flüchtlingsausrüstung erreicht. Seine Flucht aus Oberhof sei nur durch ein Zusammentreffen besonders günstiger Umstände möglich geworden. Einmal habe man gerade zu diesem Zeitpunkt westliche Minister erwartet. Weiter sei die Eröffnung der Leipziger Messe auf diesen Tag gefallen und zudem seien seine ständigen Beobachter dadurch etwas irritiert gewesen, daß ein schon länger geplanter Umzug gerade mit seinem Fluchttag zusammenfiel. Dr. Paul erzählt, daß er direkt von Oberhof nach Berlin gefahren sei. Im Wagen befand sich neben ihm nur noch sein Chauffeur, der in seine Pläne aber nicht eingeweiht war. Seine Gattin habe von Oberhof aus noch einen kurzen Abstecher nach Weimar gemacht und sei dann in Begleitung seiner Dolmetscherin und deren Sohn in einem Abstand von etwa zwei Stunden gefolgt. Von Berlin aus sei er dann nur mit seiner Gattin in die Westzone gegangen, wo er sich an verschiedenen Orten bis zum heutigen Tage aufgehalten habe. Seine Reise nach München sei mit der bestimmten Absicht erfolgt, von dieser Stadt aus das erstemal nach seiner Flucht an die Öffentlichkeit zu treten. Über die Gründe dieser Wahl gibt seine eigene Erklärung Aufschluß: […] 2

Quelle: Die Neue Zeitung, 29.12.1947, Zeitungsausschnitt in: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 227/1, Bl. 108r.

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