Nr. 153b
25. Mai 1946
Rede Rudolf Pauls zum Festakt 1

Als vor einigen Wochen Beethovens 9. Symphonie mit der Ode Schillers „An die Freude“ erklang, ausgeführt von unserem Bezirksorchester, fühlten wir alle, dass nach der langjährigen Verirrung durch Krieg und Rassenhasses endlich wieder wahre Menschenliebe und moralische Größe ihre Stimme erheben können. Und in diese Gedanken und Empfindungen, welche geweckt wurden, als die Chorklänge und das Singen und Schluchzen der Geigen dieser 9. Sinfonie erschallten, mischten sich Goethes Worte aus der Marienbader Trilogie:Da schwebt hervor Musik mit Engelsschwingen,Verpflicht zu Millionen Tön um Töne,Des Menschen Wesen durch und durch zu dringen, Zu überfüllen ihn mit ew’ger Schöne. 2 „Ew’ge Schöne – Engelsschwingen“ und die unmittelbare Umwelt in unseren Tagen – die zum Himmel aufragenden Ruinen, die Karawanen von Flüchtlingen in ihrem grenzenlosen Leid und voller Tränen, die Nöte und Schwierigkeiten in allen Lebenssituationen. Wir wollen und müssen alles überwinden!Das sagt uns der Verstand. Aber nur allein durch die Vernunft, allein durch den kühlen Verstand wurde niemals etwas Vernünftiges geschaffen. Es muss noch irgendetwas hinzukommen, irgendetwas mitklingen – das Blut, das eigene Ich, die Persönlichkeit. Das Gehirn allein macht nicht die Persönlichkeit aus, eine der wesentlichsten Ergänzungen – das ist das Gefühl. Der höchste – fast an das Übernatürliche grenzende Ausdruck des Gefühls scheint mir die Musik zu sein.Gestatten Sie mir, in diesem Zusammenhang einen Ausspruch des Titanen Beethoven zu zitieren: „Musik ist eine höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie.“ 3 Ausgehend von diesem Gesichtspunkt tritt die Bedeutung des heutigen Tages besonders hervor. Thüringen hat heute Morgen, als erstes Land der Sowjetischen Besatzungszone, die Staatliche Hochschule für Musik zu Weimar eröffnet. In ihr werden unsere Medizinstudenten den wahren Wert der Musik der Welt erkennen – ohne Unterschied der Rassen und Völker. Sie sind berufen, Mittler zu sein auf dem Wege der Verständigung zwischen den Völkern. Gerade darin verbirgt sich der ethische Wert der Musik – darin, dass sie ohne Worte die Seele anderer Völker erkennen lässt. Somit ist die Musik einer der wichtigsten Vertreter des gegenseitigen Verstehens.Der nazistische Staat gab der Jugend falsche Werte und falsche Ideale. Sie sind zerschlagen worden. In unserer Staatlichen Hochschule für Musik wird unsere Jugend wieder wahre Ideale finden und wird verstehen, dass es auf die Fragen zu den inneren Werten, zum Sinn des Lebens viele Antworten gibt. Der laut tönende nazistische selbstsüchtige Prunkt wird der Achtung vor dem wahren Können weichen müssen.Wenn unsere Sowjetische Militäradministration und die SMAD Karlshorst befohlen haben, die Staatliche Hochschule für Musik zu Weimar zu eröffnen, dann begrüßen wir das nicht unter dem engen Gesichtspunkt einer lokalen Begeisterung, sondern weil die Wahl unserer Stadt mit ihrer großen Vergangenheit zusammenhängt. Außer dem klassischen Dreigestirn der Schriftsteller wirkten in den Mauern Weimars die größten Persönlichkeiten auf dem Gebiet der Musik: Johann Sebastian Bach, Johann Nepomuk Hummel, Franz Liszt, Peter Cornelius, Eugène d’Albert, Engelbert Humperdinck u. a.Die Verwaltung des Landes Thüringen, die sich die Aufgabe gestellt hat, in der Stadt Weimar ein Kulturzentrum Deutschlands zu schaffen, wird in diesem Bestreben wie auch auf allen anderen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens von der Sowjetischen Militäradministration unterstützt. Und wir sind ihr insbesondere dafür äußerst dankbar, dass sie mit ihrer Unterstützung bei der Wiederherstellung der deutschen Stätten der Kultur uns zu einem immer besseren gegenseitigen Verstehen offen die Hand reicht.Unsere Staatliche Hochschule für Musik soll nicht nur den materiell Bessergestellten zugänglich sein, sondern sie lädt alle talentierten Menschen ein. Das Land Thüringen hält es für eine seiner hautsächlichsten Aufgaben, die Hochschule für Musik zu einem Bildungszentrum für alle Klassen des Volkes zu machen.Meine Herren Professoren und Studenten, hier in Weimar zu studieren und zu lehren ist für jeden eine Ehre und zugleich ein segensreicher Weg des Schicksals.Nach der Meinung von bedeutenden Geschichtswissenschaftlern hat Deutschland innerhalb der westlichen Kulturwelt in erster Linie auf dem Gebiet der Musik bleibende Werte geschaffen. Möge uns diese Wesenseigenheit erhalten bleiben. Per aspera ad astra, aus der Finsternis zum Licht. Der Weg zu den Sternen ist steil. Es hängt von uns ab, auf dem Wege der Kunst und der Wissenschaften sich aus der Niederung, in der wir uns heute befinden, zu erheben und zu einem würdigen Volk auf diesem Erdball zu werden.

Quelle: Gosjudarstwenny archiw Rossijskoj Federazii [Staatsarchiv der Russischen Föderation, Moskau] , f. 7184, op. 1, d. 21 [Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, Z 47 F, Film Nr. 90178], Bl. 93r, 94r (russisch, ms. Ausfertigung); ebenso überliefert in: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Ministerium für Volksbildung, Nr. 3504, Bl. 142r, 143r; Übersetzung in: Hochschularchiv der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ Weimar / Thüringisches Landesmusikarchiv , 101/1071.

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