Nr. 153a
25. Mai 1946

Landespräsident Rudolf Paul und die Wiedereröffnung der Staatlichen Hochschule für Musik Weimar am 25. Mai 1946


Eröffnungsansprache Rudolf Pauls

Weimar, den 25. Mai 1946
Ansprache des Landespräsidenten Dr. Rudolf Paul bei der Eröffnung der Staatl.
Hochschule für Musik 1
Zum zweiten Male habe ich in meiner Amtstätigkeit die große Freude, eine Kulturstätte allerersten Ranges der deutschen Jugend zurückgeben zu können. Vor acht Monaten eröffneten wir als erste Universität Deutschlands unsere Friedrich-Schiller-Universität in Jena 2 und heute die Staatliche Musikhochschule zu Weimar, das erste Institut solcher Art im sowjetisch besetzten Raum. Die Gerechtigkeit verlangt festzustellen, daß beim Aus-der-Taufe-heben dieser beiden Kulturstätten die Sowjet-Militär-Administrationen von Karlshorst und Weimar nicht nur als nominelle Paten anwesend waren, sondern förmlich die Vaterschaft repräsentiert haben. Die Urkunden, welche auf die baldige Eröffnung der Universität und Musikhochschule abzielen, die Arbeiten hierzu vorwärts treiben und ihre Eröffnung schließlich anordnen, tragen die Unterschriften berühmter russischer Heerführer und Generale. Sie sind nicht wegzudeutelnde Beweise dafür, wie das siegreiche russische Volk es von sich aus unternimmt, die Bande der Verständigung zwischen unseren Völkern zu knüpfen. Dafür wissen wir ihm von Herzen Dank. Sie, meine Herren Professoren und Studenten stehen vor der sich öffnenden Pforte unserer Staatlichen Musikhochschule zu Weimar. Um uns, in unserem Thüringer Land wie in deutschen Landen überhaupt, ragen noch sichtbar die Trümmer zerstörter Gebäude und Städte, klagen noch Ruinen, nicht abreißenwollende Flüchtlingsströme und das durch sie verkörperte Leid und Elend die Verbrechen des Nazi-Regimes an. Und in Schwachen und Lauen unseres Volkes mag bei solchen Bildern die Frage auftauchen: „Was soll inmitten solchen Niederganges die Eröffnung einer Musikhochschule?“ Als ich die Universität Jena eröffnete, gab ich den Studenten das Leitwort: „Nur vom Geistigen her ist eine Wiedergeburt unseres Volkes möglich.“ 3 Euch, jungen Studenten, möchte ich sagen: Hochleistungen auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft waren noch niemals bedingt oder gar abhängig von politischer Großmachtstellung. Die großen Werke deutscher Kunst entstanden in Zeiten größten Tiefstandes und inmitten der größten Zerrissenheit Deutschlands. Goethe, Schiller, Beethoven, Bach, Liszt haben mit ihren Werken die Schwächen und Nöte ihrer Zeit überstrahlt. Darum, Studenten, mit Mut ans Werk. Denkt an Baudelaires 4 Gedicht an die Tonkunst: „Die Töne erfassen mich oft wie das Meer.Zu meinem bleichen SterneOb im Aether weit, ob im Nebel schwer,Steuer ich in die Ferne.“So steuert denn, Studenten, in das Meer der Töne. Studiert, lernt, übt mit heißem Herzen, mit innerer Besessenheit. Bildet euch in allen Zweigen der hohen Tonkunst. Wenn ihr dann später als ausgereifte Künstler vor das große Publikum tretet, so seid euch bewußt, daß euer Studium auf der Musikhochschule zu Weimar den Grundstein zu eueren Leistungen gelegt hat und vor allem, daß ihr auf einem Gebiete tätig seid, auf dem Deutschland der Welt seine unvergänglichsten Werte geschenkt hat. Denkt daran, daß in euere Hände gegeben ist die zarteste und am meisten verinnerlichte Wirkung auf die Seele: Erweckung zu Hohem, Trost den Trostbedürftigen, Entrückung von aller Erdenschwere,  mit anderen Worten, daß ihr tätig seid am großen Werk des Neuaufbaues der deutschen Kultur und der Verständigung der Völker.Sie, Herr Professor Schulz, sind berufen, die Leitung unserer Staatlichen Musikhochschule zu übernehmen. Nicht der Schlüssel, den ich Ihnen als Symbol ihrer neuen Würde überreiche, nicht die Baulichkeiten dieses Hauses, die Ihnen anvertraut werden, repräsentieren den Wert Ihrer Stellung. Das wertvollste Gut, das unser Volk besitzt, unsere Jugend, junge noch bildungsfähige Menschen werden Ihrer und der Professoren Obhut anvertraut. Beschränken Sie, Herr Professor Schulz, und Sie, meine Herren Professoren, Ihre Tätigkeit nicht allein darauf, den Studenten künstlerisches Können und Wissen zu vermitteln, sondern helfen Sie dabei, eine durch zwölf Jahre irregeführte Jugend auf den Weg der wahren Werte zurückzuführen. Lassen Sie den Satz Goethes in Weimar’s Hochschule gelten: „Humanität sei unser höchstes Ziel!“Damit eröffne ich die Staatliche Musikhochschule zu Weimar und nehme Sie, Herr Professor Schulz, durch Handschlag in Amt und Pflicht.

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 252, Bl. 122r, 123r (ms. Ausfertigung).

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