Nr. 435(25)
Ich gehe

Klar und eindeutig steht in den letzten Augusttagen des Jahres 1947 vor mir das Bild.
Die kriminelle Unterwelt wird von der Kommune und deren Herren mit allen Mitteln geschützt. Und nicht nur das, diese zu jeder Niedrigkeit gefügigen Werkzeuge werden bewusst nach oben gedrückt. Mit Terror soll alles bisher Gültige: Recht, Moral, Sitte, Kultur und letzte Freiheit unterdrückt und zerstört werden.Ich bin der Amtsinhaber der obersten Stelle des Landes. Nach der Verfassung zeichne ich für seine Politik verantwortlich. Eine solche Politik mitmachen heisst mitschuldig werden. In der politischen Linie zur Einheit setzt die Kommune die Zerschneidung Deutschlands durch. – Das Amt niederlegen? Ich habe es wiederholt versucht, und es wäre jetzt 1 so erfolglos wie zuvor. So bleibt nur der sie alle überraschende Weggang. In der kleinen Landeshauptstadt ist meine Beschattung sehr einfach. Jede meiner Handlungen, ich möchte fast sagen jede Stimmung, ist von Spähern leicht zu beobachten. 54 Jahre lebte ich in diesem Lande. Seit hunderten von Jahren lebten in ihm meine Vorfahren. Ich liebe meine Heimat über alles. Ich kenne besser als irgendeiner ihre grossen Nöte. Ich weiss aber auch, dass ich sowjetische Befehlsdiktate nicht aufzuheben vermag. Ich bin den Demontagen, dem erbarmungslosen Abtransport von Fleisch, Fett und Feldfrüchten nach dem Osten, ich bin der Bolschewisierung gegenüber machtlos geworden. Deutsche Verräter verraten das Land. Es ist trotz allem 2 schwer, dieser Erkenntnis zu folgen und zu gehen. In dieser Heimat war ich Schüler, Student, Referendar, Assessor, Staatsanwalt; hier begründete ich meine Anwaltspraxis und musste deren Zerschlagung unterm Nazismus erleben. Dann folgten zwölf Jahre auf dem Dorf, zwölf schwere Jahre körperlicher Arbeit, vermischt mit einer Fülle von Verfolgungen und Sorgen. – Oben an der Saale liegt der zweihundert Jahren und mehr aus der Familie stammende Besitz, auf dem ich das Alter verbringen wollte. Ich stehe inmitten aller der Dinge, an die sich so viele Erinnerungen verflossener Zeiten eines arbeitsreichen Lebens knüpfen, die Bibliothek, die Bilder –, – wie lange lebte ich zwischen ihnen, lebte ich in meinem Zuhause. Bald werden sich deutsche Verräter, werden diebische Hände sich daran vergreifen."Auf diesen drei Stühlen sitzt er fest", hat hämisch der sowjetische Administrationschef im Glauben an solche Fesseln für einen Bourgeois geäussert.Wenn ich gehe, muss von allem geschieden sein. Nur Flüchtlingsgepäck kann ich mitnehmen. Zu stark bin ich beschattet.Im Garten, meiner Wohnung gegenüber, stehen sowjetische Wachposten. Sie stehen dort zum Schutze einer Villa, die für einen Generalobersten bestimmt ist, und in die er seit über einem Jahr einzuziehen vergass. So haben die Posten Zeit. Sie stehen da drüben und sehen jede Bewegung in meinem Grundstück, beobachten jedes Kommen und Gehen.Das ist eine erkennbare Form des Beobachtetwerdens. Zu ihr gesellen sich getarnte. Wohin ich gehe, wo ich bin, soll der deutschen und der sowjetischen Polizei jederzeit bekannt sein, zu meinem Schutze, – und aus anderen Gründen. Was mich an Unbekanntem umkreist, wer weiss es?So gibt es nur eine Chance: Tarnen, Handeln – und das Ganze schnell!Noch drei Tage hat die Woche, sie müssen durchgestanden und genutzt werden. Amts- und Lebensführung und äussere Haltung dürfen sich in nichts vom bisherigen unterscheiden.Der geplante Empfang der Gäste aus dem Westen muss stattfinden. Er ist nach einem Höhenkurort verlegt worden. Das passt zur Verschleierung sehr gut. – Von dort werde ich zur Messe nach Leipzig fahren …………………….In meinem Arbeitszimmer empfange ich noch den Besuch eines Bischofs. Viele Sorgen hat er vorzutragen. Es ist nicht einfach, Oberhaupt der Kirche im Osten zu sein. Allerorts macht die Kommune Schwierigkeiten. Bei der Fülle der Bitten um Unterstützung nimmt der Vortrag kein Ende. – Ich kann nicht sagen: "Hochwürdiger Herr Bischof, in meinem Innern brennt es ebenso stark, ich kann Ihnen nicht mehr helfen. Ich gehe ..." – – Minute schleppt sich um Minute. Ich muss den Ausführungen folgen, Rede stehen und Antwort geben, und zur gleichen Zeit arbeitet das Gehirn in ganz anderer Richtung, begleitet es in Gedanken die Fahrt meiner 3 Frau nach Berlin, um dort das Letzte vorzubereiten. – In solchen Gedanken bleiben meine Augen am grossen goldenen Kreuz auf der Brust des hohen kirchlichen Würdenträgers haften. Unsere Rollen entsprechen nicht der wahren Lage; heute müsste ich meine Sorgen ihm ausdrücken können. Doch wie darf man mit solchem Plan einen Mitmenschen belasten. Der Mund bleibt von selbst stumm. Noch schnell einige vordringliche Sachen, die Unterschriften, dann nach Hause zurück; tarnen auch hier, denn auch hier darf für die Folge niemand belastet werden.Wieder zurück ins Amt. Besprechungen, Maske, Besprechungen.Noch einmal habe ich, es ist mein letzter Amtstag, aus dem Lande die Vertreter der Regierung, der Wirtschaft, des Handels und Gewerbes, der Ernährung, der Finanzen, der Gewerkschaften, der Parteien zusammen gerufen. Einige Hauptnöte sind Gegenstand von Referaten und der Diskussion. Ich eröffne die Konferenz und leite sie.Alle, die der grosse Sitzungssaal umschliesst, sind mir bekannt. Manche von ihnen gingen ein gutes Stück Weg zusammen mit mir. Einigen von ihnen sage ich in Gedanken Lebe wohl; andere kenne ich als devote Knechte des uns volksfremden Systems. Balsamhafte Heuchelei überzieht das Gehabe und Gerede dieser Verräter.Wie anders ist das Bild einer solchen Konferenz geworden! Vor zwei Jahren wurde gearbeitet, wer dachte damals an Parteiphrasen, daran, dass dieses Grüppchen Kommune die Sklavenhalterschaft über die deutsche Bevölkerung gewinnen würde?Heute bin ich noch hier und habe die Konferenz in der Hand. Aber übermorgen und später, da bin ich nicht mehr da; dann werden sie Mut haben, dann werden sie Schlamm werfen; Zeugen pressen, Urkunden fälschen; es war ja schon alles da! Dann ist auch der letzte Damm gegen die Linksradikalen, die Kriminellen und die Sowjets dahin.Ganz wie in München sitzt rechts von mir einer, der bei der NKWD hoch im Kurse steht. "Die SED ist eine deutsche Partei" ist einer der Brusttöne dieses kommunistischen Landesvorsitzenden und jetzigen Innenministers. Ich weiss: das wird Dein Nachfolger werden. Arme, belogene, betrogene und verratene Heimat. Ich kann es nicht aufhalten. – Ihn und seine Clique wohl, mit ihnen würde ich schnell fertig, stünden hinter ihnen nicht die Sowjets!Unverkennbar, wie sich die radikale Linke in den letzten Monaten stärker in den Vordergrund geschoben hat; nicht durch Können oder Fleiss, darauf kommt es nicht mehr an. Dunkelrot-vaterlandslos legitimiert bei den Sowjets, und alle bürgerlichen und alle gemässigten SED-Elemente tragen dieser unausgesprochenen, durch gegenwärtige Gewalt geschaffenen Tatsache in Haltung und Rede Rechnung. Offene Auflehnung bedeutet jetzt Gefahr, in einiger Zeit vermutlich die Auslöschung.Während ich nach aussen die Konferenz lenke, arbeitet anderes in meinem Innern. Immer wieder taucht die Frage auf: muss es wirklich sein? – Der Gedanke vom "Vorposten", von einer Mission, die man durch Aushalten im Osten zu erfüllen hat, ist durch die Entwicklung in sein Gegenteil, in ein Irreführen der Bevölkerung verkehrt worden.Ich habe bisweilen Mühe, meine Gedanken zu verbergen und mich an Haltung zu gemahnen. Die politische Bilanz, die vor mir liegt, ihre Auswirkung ist zu erschütternd: Alle Arbeit, alles Wollen von mehr als zwei Jahren war im wesentlichen umsonst. Der Bolschewismus ist im Lande verankert.Ich schliesse die Konferenz. Maske, Händeschütteln, konventionelle Redensarten. Noch eine tarnende Dienstanweisung für einen grösseren Kreis vernehmbar: "Herr Oberregierungsrat, morgen habe ich im Golf-Hotel den Empfang der Gäste aus dem Westen. Am Montag will ich mit ihnen noch zusammenbleiben, bestellen Sie die nächste Regierungssitzung auf Donnerstag, Dienstag und Mittwoch bin ich auf der Messe in Leipzig." Der Empfang der westlichen Gäste im Golfhotel Oberhof 4 lässt mich zum letzten Mal das Wirken der NKWD erkennen. So wie es das Privileg schlechter Kriminalbeamter ist, durch Haltung und Kleidung ihre Zunft zu offenbaren, sind in diesem Falle die Werkzeuge der NKWD zu sichtbar von ihr aufs Parkett gestellt worden. Sieh, da! Der Herr Oberstaatsanwalt aus der Landeshauptstadt 5 hat einen Ausflug zum Wochenende in dieses Hotel unternommen. Ich kenne ihn seit zwei Jahren. Seine frische Art gefiel mir zunächst gut. Dann erfuhr ich, dass er trotz Mitgliedschaft in der NSDAP von den Sowjets in der Justiz geduldet und von der NKWD sogar gefördert wurde. Der letzte Schleier fiel, als mir bekannt wurde, dass er sogar Staatsanwalt am Sondergericht in Berlin gewesen war. – Auch sonst sind Spitzel im Hotel, ist unter ihnen ein übereifriger Kriminalbeamter, der durch zu viele Fragen seine Fakultät verrät. Es hiesse die Engmaschigkeit der Ostzone leugnen, hätte man anderes erwartet. Die politischen Taktiken der NKWD wirken nachgerade plump. Man tanzt, man gibt sich froh und aufgeschlossen. – Spät in der Nacht rufe ich meine beiden Fahrer Urbschat und Bielinski 6 : "Stehen Sie morgen früh um acht Uhr mit den beiden Wagen vorm Hotel. Ich möchte einen Tag eher nach Leipzig. Sprechen Sie nicht darüber" … Sie schöpfen keinen Verdacht; sie glauben mir aufs Wort; auf ihre Verschwiegenheit kann ich bauen. – "Jungens", habe ich sie immer gerufen und das in der Anrede liegende für sie empfunden. Sie waren nie nach dem Geschmack der Sowjets und der kommunistischen Polizeileitung. Sie sind gediente Soldaten und für Verräterei nicht zu haben. Sie stehen in Treue zu mir und sind in einer Zone, in der genau vor acht Tagen sowjetische Uniformträger, "Deutsche in russischer Uniform", sagen die Sowjets, mit der Maschinenpistole in der Nacht auf meinen Wagen schossen, die richtige Begleitung. – Hart, solche Menschen im Unklaren halten zu müssen. – – – Mehr als 300 Kilometer sowjetisch kontrollierte Strassen müssen durchfahren werden. Mit beiden Wagen fahre ich am frühen Morgen im Thüringer Wald ab. Zwei Wagen, dicht hintereinander, und in beiden Wagen Gepäck, mehr, als man für einige Tage braucht, laufen Gefahr aufzufallen. Jede Kontrolle könnte zur Aufdeckung werden. So fährt mein grosser Dienstwagen mit meiner Frau 7 am Montag morgen in aller Öffentlichkeit zur Tarnung 8 wieder in Weimar ein, um mehrere Stunden dort zu warten. Inzwischen fahre ich in meinem kleinen 9 Privatwagen nach Berlin voraus. Die Saalebrücke mit dem Polizeiposten darauf wird passiert. Nicht nach links sehen, dort liegt Jena mit der Universität meiner Jugend. Ich durchfahre das Holzland, halbrechts am Horizont liegen die Felder meines Hofes … vorbei. – Militärkontrollen passieren den Wagen. – An einer Stelle der Autobahn hat die NKWD-Polizeitruppe eine Sende- und Empfangsstelle aufgebaut. Sie ist neu. Warum? – Eine lange Wegstrecke ist die Autobahn von Zivilfahrzeugen ausgestorben. Ich kenne die Sowjets; bisweilen blockieren sie alle Zufahrtswege und jede Weiterfahrt auf der Autobahn ab. Haben sie das heute auch getan? Und warum? Die Nerven sind seit Tagen aufs höchste angespannt, die Einbildung arbeitet. Haben die Sowjets Witterung bekommen und lassen mich in eine Falle fahren? –Endlich ein entgegenkommender Wagen, ein zweiter behebt diese überwache Sorge. – Die Einfahrt Leipzig kommt, mein Fahrer stellt den Winker … "Fahren Sie geradeaus", gebe ich als Anweisung, "wir fahren heute nach Berlin und erst morgen oder übermorgen nach Leipzig auf die Messe". – Die 300 Kilometer laufen zu langsam ab. Auf der Höhe von Beelitz begegnet mir der Wagen mit Ministerialdirektor Bachem 10 . Er firmiert bürgerlich, aber ich weiss, er arbeitet für die NKWD. Ich sollte ihn auf Verlangen der Sowjets zum Minister machen und habe es nicht getan. Heute Abend, spätestens morgen früh wird er der NKWD berichten, dass er mich weit hinter Leipzig und kurz vorm Berliner Ring getroffen hat.Die Gedanken fliegen zurück: Ist zuhause alles gut gegangen, hat man keinen Verdacht geschöpft? Sowjetische Militärpatrouille auf dem Motorrad. Erst scheint es, als wolle sie uns abstoppen, dann fährt sie weiter. – "Geben Sie mehr Gas drauf." Bielinski 11 sieht mich von der Seite an, er fährt schon lange für den Wagen eine zu hohe Geschwindigkeit. Seit einiger Zeit fühlt er, heute ist es anders als sonst. Vorsichtig bemühe ich mich, ihn vorzubereiten. Endlich ist das Ende der sowjetischen Zone da! Der Schlagbaum, der hinter meinem Rücken niedergeht, ist mehr als ein äusserer Vorgang. Ein Leben von 54 Jahren erhält seinen Zerschnitt.– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –Unter der Losung: Freiheit der Völker! standen die westlichen Demokratien im Kriege gegen den Nazismus. "Freiheit der Völker" rief auch der neue Demokrat des Ostens, der Sowjet, und kam zu einem guten Teil auf den Stelzen westlicher Technik bis ins geographische Herz Deutschlands hinein."Der Westen hat uns schon zweimal geholfen, er wird es auch noch ein drittes Mal tun", ist ein Satz sowjetischer Generäle und sowjetischer Hoffnung. Wird er das? Wird der Westen sich selbst meucheln? –Die militärischen Füsse der Bolschewiken reichen zu kurzen Seifenblasen-Siegen aus, für eine Weltauseinandersetzung sind sie noch zu schwach. Das wissen die Sowjets auch. Doch in ihrem Kampf, – und Kampf ist ihre konsequente Politik zur Gewinnung der Herrschaft in der Welt, – darf es keine Ruhepause geben. So führen sie den Krieg auf kalte Weise: Spitzel Agenten, 5. Kolonne und KPD-Verräter. Gestützt auf formelle Staatszugehörigkeit heissen diese Landesverräter Deutsche, Italiener, Franzosen, Engländer und sind – Moskau in unseren Mauern.Mit den Besatzungen dieser trojanischen Pferde ist fertig zu werden. Man muss den Kampf gegen sie mit den Mitteln führen, deren Sprache sie kennen und als einzige verstehen: Konsequenz und klare Härte. Ein Appell an Demokratie und Christentum ist Heuchlern gegenüber fehl am Platz. Noch nie wurde ein Amokläufer durch den Zuruf des 5. Gebotes: Du sollst nicht töten, zur Besinnung gebracht. Für kommunistische Fanatiker gilt dasselbe. Von einem amerikanischen Präsidenten stammt der Satz: "Es hat noch niemals einen guten Krieg und noch niemals einen schlechten Frieden gegeben". Nahe Geschichte wird darüber entscheiden, ob die zweite Hälfte dieses Satzes angesichts dessen, was sich seit Jahren in Mittel- und Osteuropa abspielt, als allgemein gültig anerkannt werden kann. Tausendjährige Kultur und Zivilisation sollen ausgelöscht und durch markschreierisch laute, oberflächlichste, ja sogar unwahre Grössen eingetauscht werden: Massenaufmärsche, Massenbegeisterung, Massentraum, 12 Massenproteste, und in der Kehrseite: Massenbetrug und Massenelend. In Millionen geht die Zahl der Versklavten, Verschleppten und Ausgelöschten. – Zum zweiten Male innerhalb eines Menschenalters soll uns Deutschen die Demokratie als Staatseinrichtung nahe gebracht werden. Die Begleitumstände sind in beiden Fällen die denkbar ungünstigsten! Ohnmachts- und Elendsstaat scheinen nach dem äusseren Bild, – und wann vermag die Allgemeinheit tiefer zu sehen –, bei uns 13 von der Demokratie nicht zu trennen zu sein. In der Geschichte anderer Völker war das Pflanzen des Baumes der Demokratie sehr oft ein Fest der Freude, der Beginn von Aufbau, der Erweckung und Belebung stärkster innerer Kräfte. Der junge Baum, dieser neuen Demokratien war zum Teil sogar wohlwollend von den Sonnen benachbarter Staaten bestrahlt. Wie ganz anders verlief das Pflanzen der beiden deutschen Bäume. Der eine hatte zu wachsen auf dem harten, steinigen Boden von Versailles, zum zweiten stand die bedingungslose Kapitulation neben dem Pflanzloch.Die politische Sonne der Welt hat es mit keinem der beiden jungen Bäume absonderlich gut gemeint. Sie haben recht viel Schatten abbekommen; die kärglichen Früchte ihres Ertrages dienten zu einem guten Teil der Erfüllung.Für uns Deutsche muss gelten, dass wir die Verantwortung für das Heute und das Morgen nicht auf die Schultern Anderer legen, sondern sie auf die eigenen zu nehmen haben.Spenglers "Untergang des Abendlandes" scheint dreissig Jahre nach seinem Erscheinen vor unserer Tür zu stehen. Es ist an Westeuropa, dieser Gefahr zu begegnen und sie abzuwenden.Im Osten Europas steht der Block im wesentlichen fest, ist die Linie klar: Welteroberung um jeden Preis und mit jedem Mittel.Im westlichen Europa dagegen, im bedrohten Lager, widmet man vielfach seine Zeit noch Dingen, die in keinem Verhältnis zur Anballung der vom Osten her drohenden Gefahr stehen. – Vergleichbar mit kurzsichtigen Greisen, die in einem brennenden Hause darüber streiten, ob die Kommode in der rechten oder linken Ecke des Zimmers stehen soll, und von denen jeder in erstarrter Greisenhaftigkeit seinen Standpunkt als den einzig wahren ansieht, bleibt engstes Zusammenwirken zur Überwindung innerer Not und äusserer Gefahr nahezu aus. Als die Memoiren über den greisen Kaiser Franz Joseph 14 davon erzählten, dass er zwar vom frühen Morgen am Amtspult gestanden, viel Zeit aber damit verbracht habe, den Verbrauch an Kerzen, silbernen Knöpfen für Lakaien und ähnliche Kleinigkeiten nachzuprüfen, während zur selben Zeit um ihn herum ein ihm gehöriges Weltreich sich aufzulösen begann, haben die meisten Leser bei solcher Lektüre überlegen den Kopf geschüttelt. Und das greise Europa ? – – Die eine Vermögensmasse möchte es noch dahin ziehen, die andere dort verkürzen. – –Kein denkender Mensch wird sein und seiner Familie Leben dem Zufall anvertrauen. Gilt das Leben von Völkern weniger? – Darum beiseite mit dem Trennenden und vorangestellt sei das Verbindende: der Wille zu einem Leben Westeuropas und zur Abwehr der ihm drohenden Gefahr. Eine in Hass und Verbissenheit geführte durch Terror gehaltene und durch den Druck auf einen Knopf in Bewegung zu bringende stumpfe Masse schiebt sich vom Osten her vor.Zum dritten Male ist die abendländische Kultur von dorther bedroht. Besitz lockt!Die Abwehrfront gegen den Osten ist mangelhaft. In ihrer räumlichen Mitte stehen zwei Völker, Frankreich und Deutschland, in deren Schulen Jahrzehnte hindurch die Jugend von der sogenannten Erbfeindschaft des Nachbarn unterrichtet wurde. Unter dem Gefahrenhimmel, der sich über die Restgebiete westeuropäischer Kultur spannt, dürfte es verfehlt sein, über Vergangenes zu recht abzuzählen, wie oft der eine und wie oft der andere mit Kriegshandlungen begann. Menschen lebten noch niemals unter dem Gesichtswinkel der langen Sicht. Die Gegenwart ist gegenständlicher, und in ihr ist die Besorgnis und der Wille Frankreichs, einer erneuten Ueberflutung seiner Grenzen durch militärische Formationen seines deutschen Nachbarn vorzubeugen, verständlich. Fehler wurden in den Spitzen beider Länder gleichermassen gemacht, gleichermassen Leidtragende davon waren nicht minder die Einwohner beider Länder. Die vom Osten herannahende Gefahr ist mehr als ein blosses Gespenst.Für die Augen sichtbar arbeitet sie mit der Vermessung. Unterirdisch wühlt sie an der inneren Aushöhlung der verbliebenen Westländer.Frankreich, ohne dessen frühzeitige Kultur Europa um so sehr vieles ärmer wäre, hat es in der Hand, zum Mittelpunkt und Widerstandszentrum unserer bedrohten Kultur zu werden. – Durch Vereinigung von Römer-, Franken- und Germanentum wurde schon einmal der gefährlichste Mongoleneinfall der europäischen Geschichte, bei dem neben den Hunnen vasallitische Oststämme auf mongolischer Seite mitkämpften, auf den Katalaunischen Feldern zerschlagen. – Geschichte sollte nicht ohne Beachtung bleiben. – Westeuropa ersehnt den Frieden. Der Wunsch allein bringt ihn nicht. Gegenmacht und Risiko für den Friedensstörer sind im Völkerleben erprobte Pfeiler. Um sie zu schaffen, bedarf es zwischen den Völkern Westeuropas engsten Zusammenschlusses, letzter Einmütigkeit in Hilfsbereitschaft und Abwehr. Jede Begrenztheit, die in dem egoistischem 15 Satze "das Geld des Dorfes dem Dorfe" ihren Gipfelpunkt fand, muss der Vergangenheit angehören, soll nicht unter blutrotem Fahnen das "vae victis" zum gequälten Ruf des Abendlandes werden. Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar , Nachlass Rudolf Paul (ms. Ausfertigung mit hs. Korrekturen).

1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15