Nr. 435(24)
Zwischen Generälen, Agenten und Verrätern

Das Land Sachsen hat Landestrauer. Sein Ministerpräsident wird zu Grabe getragen. Ein Staatsbegräbnis von besonderem Ausmaß, das Erinnerungen an manches unterm Naziregime aufkommen lässt, sieht die Stadt Dresden. Blumen, Blumen, wohin man sieht, Blumen und Kränze. Unter ihnen fingert schon wieder Moskau.
Ich stehe in dem weiten Raum, in dem die grosse Totenfeier stattfindet und nehme in Gedanken von dem vorn im Sarg liegenden Abschied. Da flüstert es in mein Ohr: "Unmittelbar nach dem Staatsbegräbnis Treffen aller Ministerpräsidenten. Sie müssen unbedingt kommen." – Der stabile Spitzen-Funktionär Ulbricht 1 hat Wichtiges zu eröffnen. – Vom "Weissen Hirsch" in Dresden führt der Blick über die im Tal dahinfliessende Elbe und die sie umrahmenden Hügel. Ruhe und Frieden atmet das Bild."Die westdeutschen Ministerpräsidenten haben beim Kontrollrat um einen Empfang gebeten, sie wollen über die Konferenz in München berichten", wird uns mitgeteilt. "Höheren Orts wird die Meinung vertreten" – Tulpanow sah ich untern den Trauergästen –, "Dass die Ostpräsidenten ihren Standpunkt gleichfalls dem Kontrollrat vortragen sollen." – Bitte, warum nicht? – Sitzung im Zentral-Sekretariat, geladen dazu sind die zur Partei gehörigen Ministerpräsidenten. Vor jedem liegt 2 auf dem Tisch ein mit Schreibmaschine geschriebener Entwurf der vom Zentral-Sekretariat vorgeschlagenen Eingabe der Ostpräsidenten an den Kontrollrat. Er zeichnet sich durch eine besonders gemässigte Form der Sprache aus, ich bin erstaunt, so zarte und sachliche Töne aus solcher Quelle zu hören. Einige unbedeutende Änderungen werden gemacht, und dann habe ich keine Bedenken, den Entwurf zu unterschreiben. Doch, halt, da fehlt noch der LDP-Ministerpräsident Dr. Hübener 3 von Sachsen-Anhalt, er weilt 4 gerade zur Erholung 5 in meiner Heimat 6 . Seine Zustimmung ist von nöten, sonst sieht es aus, als habe er sich geweigert. Mich trifft die Aufgabe, mit ihm zu sprechen. Ich will 7 einen Durchschlag des Entwurfs mitnehmen, doch 8 wird er mir mit der Begründung vorenthalten, dass um der völligen Geheimhaltung willen kein Exemplar vor dem Tage, an dem der Brandenburger und der Mecklenburger Ministerpräsident 9 als Vertreter der Ostpräsidenten den Kontrollrat aufsuchen sollen, aus dem Zentral-Sekretariat herauskommt. Bei meiner langen Autofahrt sei, so meint Ulbricht 10 , die Gefahr einer Panne oder gar 11 eines Unglücks nicht von der Hand zu weisen, dabei könnte der Entwurf in falsche Hände kommen 12 , und darum gäbe man mir keinen Durchschlag des Entwurfs 13 mit. So lese ich diesen wiederholt durch, um Dr. Hübener 14 möglichst wortwörtlich die entscheidenden Sätze übermitteln zu können. In diesem Sinne berichte ich ihm und unterstreiche dabei 15 auch meine Beobachtung, dass ich selten eine so gemässigte Sprache, vor allem auch unter Weglassung der typischen Worte "grosse demokratische Massenorganisationen" oder "Monopolkapital" seitens der SED-Spitze vernommen habe. Einige Zeit später lese ich oder höre ich im Radio, dass die Ostpräsidenten vom Kontrollrat nicht empfangen werden, und dass die Militärregierungen des Westens wegen der aufreizenden Sprache der Ostpräsidenten in ihrer Eingabe 16 dahin übereingekommen seien, dass keiner von diesen – für eine zukünftige Reichsregierung in Frage komme. Zunächst kann ich diesen Standpunkt der Repräsentanten der Westmächte nicht begreifen, dann aber lese ich die in der Zeitung abgedruckte Eingabe der Ostpräsidenten und verstehe. Sie ist nach meiner festen Überzeugung nicht jene gemässigte, die ich unterschrieb. Das Spiel ist durchsichtig: Die dem Unterschriftsblatt vorausgehenden Schreibmaschinenseiten müssen durch andere ausgewechselt worden sein. Durch das nunmehr angeschlagene Tönchen kommunistischer Aggressivität findet der Empfang der Ostpräsidenten durch den Kontrollrat nicht statt. So hat mit ihrer unter den Blumenkränzen eines Staatsbegräbnisses begonnenen Minierarbeit die Kommune wieder einmal gesiegt. Dem Nichtempfang der Ostpräsidenten durch den Kontrollrat kann der Sowjet sich mit der Begründung 17 : haust Du meinen, hau ich Deinen, dem Empfang der Westpräsidenten erfolgreich 18 widersetzen. – – – – In Reden vor Tausenden, in schriftlichen Äusserungen, in Konferenzen mit Führern der bürgerlichen Parteien und in meiner Eingabe an die Sowjet-Militär-Administration anlässlich der Reise Molotows nach Paris habe ich mich in der Ostzone für die grosse Öffentlichkeit sichtbar als Anhänger des Marschall-Planes herausgestellt.Ich fahre über den Thüringer Wald und mache in einem bekannten Kurhotel halt. Eine Dame tritt auf mich zu."Herr Präsident, wie ist es möglich", spricht sie mich an, "dass Sie Ihre Meinung für den Marschall-Plan auf einmal geändert haben und sogar zum Gegner geworden sind?""Ich?, wer hat Ihnen diesen Widersinn erzählt, gnädige Frau?""Gestern ist es über alle Radios gekommen." "Was?!", frage ich ver 19 zweifelnd zurück. "Das Radio hat eine scharfe Absage der Ostzone gegen den Marschallplan bekanntgegeben. Alle sind aufgezählt, die diesen Aufruf unterzeichnet haben, und an der Spitze ist Ihr Name genannt." "Wer weiss, was Sie da gehört haben...", gebe ich immer noch ungläubig 20 zurück. Dieses Gespräch fand auf einer Fahrt statt, die ich wegen des Borkenkäfers und der Riesengrösse seiner Gefahr in die Befallsgebiete des Waldes unternommen hatte. Dieses das Land gefährdende Problem stand mir an solchem Tage um vieles näher und war mir um vieles wichtiger, als Gerede und Radiopropaganda. So wäre das Gespräch fast in Vergessenheit geraten. Irgend ein Zufall liess es wieder auftauchen."Schicken Sie mir sofort die Zeitungen der letzten Wochen", rufe ich die Presseabteilung an. " – – – – Da war doch vor einiger Zeit ein Schreiben des Zentral-Sekretariats gekommen, ich solle mich durch Unterschrift zu einem Aufruf bekennen; er ging gegen den Marschall-Plan. Ich hatte den Zettel nicht unterschrieben, sein Inhalt stand meinem öffentlich geäusserten Standpunkt zuwider. Mit solcher Offenheit stand ich allerdings ziemlich 21 alleine in der Zone. Ein Stoss Zeitungen kommt auf den Tisch. Ich lese: "Die 50 führenden Männer der Ostzone gegen den Marschall-Plan!" Unterschriften. An der Spitze mein Name. – Titel und akademische Grade stehen sonst bei Links-SED nicht hoch im Kurs. Aber diesesmal klingt es besser, darum heraus mit allem: Ministerpräsident, Professor, Doktor ….; Urkundenfälschung, begangen in der grössten Öffentlichkeit! Begangen gegenüber einem Mann, der in diesem Zeitpunkt in der höchsten Amtsstellung eines Landes sitzt! – –"Gefälscht, gefälscht, Herr Kollege", hatte mir vor kurzem eine Stimme empört zugerufen, – gefälscht war der Zeitungsartikel gegen München, gefälscht war die Eingabe an den Kontrollrat, gefälscht hatte man auch meine Gegnerschaft zum Marschallplan 22 . Warum?! 23 Die Antwort ergibt sich von selbst: nicht die Grossen der SED, die sich sonst als Gebieter gebärden, – nicht die Landtagspräsidenten, die nach der neuen Rangskala der SED mit Längen vor den Blos-Ministerpräsidenten laufen, hat man an die Spitze genommen; gewiss, irgendwo zeichnen auch sie mit. – Die akademischen Grade sind ein gutes Aushängeschild, sie eignen sich zur Irreführung. Und dazu ein Zweites: Ich soll in der Öffentlichkeit zum Mitverantwortlichen an der Vertiefung der Kluft und am Zerschneiden in Ost und West gemacht werden.Die SED, diese Verräter Deutschlands, wussten war wohl wie sehr die Bevölkerung der Ostzone eine Einschließung in den Marschall-Plan ersehnte. Sie wusste darum, wie sehr die Menschen des Ostens in jenen Wochen an den Westsendern hingen und von dort erlösende Worte erhofften.Bei solcher Volksstimmung muss von der "Einheitspartei Deutschlands" schnell gehandelt werden. Hier gibt es nur ungenügende Zeit zum Warnen. Der alte Gaul "Monopolkapital" wird zwar noch eilig aus dem Stall gezerrt, einige Phrasen von Niggerkolonie und griechischem Brotkorb in die Tagespresse geworfen, dann aber muss schweres Geschütz aufgefahren, muss durch einen Aufruf der 50 führenden Männer der Ostzone die Kluft zwischen Ost und West aufgerissen, muss jede hilfsbereite Hand aus dem Westen nicht nur zurückgewiesen, sondern mit Verleumdungen und Schmähungen bedacht werden. – "Wir sind eine deutsche Partei!" … Verräter Deutschlands sind es! – – –
Mein bisweilen täglicher Verhandlungspartner ist der Chef der Sowjetischen Administration, General Kolesnitschenko 24 . Wie lange war ich ehrlich bemüht, mit ihm, der sowjetischen Generalität und anderen Repräsentanten der Besatzungsmacht das bestmögliche Verhältnis zu halten. Es war ein Fehler, ihnen gegenüber mit zu offenem Visier deutsche Belange zu vertreten. Die in der Neuzeit so viel propagierte offene Diplomatie wird von den Sowjets als Dummheit gewertet und missbraucht. Jeder Verhandlungspartner ist zudem den Sowjets gegenüber von vornherein stark gehandicapt. Durch ihr Agentennetz und ihre vielen unterirdischen Kanäle kennen sie den Gegner im Werdegang, in allen seinen Lebensäusserungen, zum Teil bis ins intimste Privatleben hinein mit allen Schwächen und Stärken.
Nur einen Gegner wertet der sowjetische Geheimapparat im Sinne von gefährlich: den englischen Secret-Service. Bei seiner Nennung unterbleibt das überlegene Lächeln gegenüber allen sonstigen Einrichtungen des Westens auf den Gesichtern der Sowjets.Zum Chef der Administration führt mich der Weg, um mich wegen der Fälschung meines Namens unter dem Aufruf gegen den Marschall-Plan zu beschweren. Durch Zuträger und Agenten weiss er schon längst, wie sehr ich mich darüber im Amt entrüstet habe.Er findet es nicht richtig. Er gibt mir recht. Er wird auch nachprüfen. Worte, hinter denen ich Unwahrhaftigkeit spüre. "Ausnutzen, ausnutzen bis zum Letzten", heisst eine oft gebrauchte sowjetische Nutzanwendung auf meine Person.Jeder weiss, dass Agenten und Spione zwei Schultern haben und in der Regel auf den beiden, wenn auch meist auf der einen etwas mehr, tragen. So dienen sie leicht zwei Herren, wobei die Güte ihrer Zuverlässigkeit höchst zweifelhaft ist.Ich lehne es ab, die Fülle der Äusserungen, die mir aus solchem Lager im Laufe von Jahren zugetragen wurden, mit denen ich einen Band füllen könnte, auch nur abschnittsweise zu bringen.Einige, ganz wenige Sätze, für deren Richtigkeit ich anderweits Anhaltspunkte habe, will ich verwenden. Die Sowjets, so klug sie sich in ihrer Minierarbeit wähnen, und so gut diese auch sicherlich ist, leiden an dem Fehler starker Selbstüberheblichkeit. 25 Davon ausgehend, dass die von der NKWD in Pflicht genommenen Agenten dem vor Angst im Schlangenkäfig zitternden Kaninchen gleichen, halten sie bei diesen ein Doppelträgertum allem Anschein nach für unbeachtlich. 26 Ich weiss nicht, inwieweit die NKWD innerhalb der Grenzen der Sowjet-Union mit hundertprozentiger Zuverlässigkeit ihrer Werkzeuge rechnen kann, ihr diesbezüglicher Glaube in besetzten Ländern gehört gottlob manchmal 27 zu dem des frommen Köhlers. "Wir finden es gut, dass der Präsident seinen deutschen Standpunkt klar herausstellt". Dieser Satz aus hohem Munde ist für meine Ohren bestimmt und wird mir schnellstens zugetragen."Wenn der Präsident so weiter macht, kann er eines Tages einen Steinwurf an den Hinterkopf bekommen". Dieser Ausspruch galt weniger für mich, war aber wohl ehrlicher. – – –In eine Regierungssitzung hinein klingelt der Anruf eines Bürgermeisters. Er bittet um sofortige Hilfe. Ein Regierungsrat, der sich als Freund des Generals der NKWD brüstet, will eine Fabrik in ihrer Fabrikation begrenzen. Dadurch drohen einige hundert Arbeiter auf die Strasse gesetzt zu werden.Das Vorstrafenregister dieses Herrn "Regierungsrates" war mir kurz zuvor auf den Amtstisch gelegt worden. Er war Krimineller. In Berlin lief er in den Akten der Kriminalpolizei unter dem Verbrechernamen "Qualle". Im Nazireich hatte die Gestapo diesen reinen Kriminellen nach Verbüssung seiner letzten Freiheitsstrafe als Spitzel eingesetzt, mit einem roten Winkel ausgestattet und ihn damit als einen angeblich Politischen nach Buchenwald gebracht. Dort hatte er sein Gewerbe für die SS ausgeübt; im Lager hatte man zwar gegen ihn Verdacht geschöpft, ihn aber nicht überführen können.So feierte er im April 1945 als Politischer seine Befreiung und sprang mit beiden Beinen ins politische Leben. Seine Witterung brachte ihn zur KPD. In Überschätzung seiner Kräfte suchte er den Direktor der Schwarzaer Zellwolle, wohl des grössten Unternehmens dieser Art in Deutschland, zur Strecke zu bringen. Das nahm ihm der Ortskommandant der Besatzungsmacht übel; er kassierte ihn wegen Sabotage, und so fand sich Qualle plötzlich in Buchenwald wieder.Er machte dort seiner Wendigkeit alle Ehre. Speckfett sass er eines Tages als ein von dort Entlassener – ein unschuldig verhaftet Gewesener, Zeuge: NKWD, – mir gegenüber und verlangte unter Andeutung der hinter ihm stehenden Macht Beschäftigung in der Verwaltung des Landes. Das fiel aus.Und Qualle kam in Vergessenheit bis der Strafregisterauszug und der Anruf des Bürgermeisters mich darüber unterrichteten, dass er als Vertreter einer höheren Amtsstelle der Landesverwaltung schädliche Eingriffe in Handel und Versorgung vornahm. Hinter meinem Rücken, und gegen mein Wissen und Wollen hatte die NKWD ihn einbauen lassen und gedeckt. Qualle sah sich wenige Minuten später wieder seiner amtlichen Funktion enthoben.Wie hiess es doch in den Wahlsprüchen der SED: "Wir sind für Sauberkeit in der Verwaltung". Ein ganzes Schlachtgeschwader fährt gegen mich auf. Es protestiert gegen die Kaltstellung vom Kriminellen Qualle, – Spitzel a.D. der Gestapo, Spitzel z.D. der NKWD, – der Gesamtbetriebsrat der Landesverwaltung durch seinen kommunistischen Vorsitzenden!Der Parteivorstand der SED beschliesst, eine Kommission einzusetzen und zu untersuchen, wieso der Ministerpräsident das Mitglied der Partei, den Kriminellen Qualle, ohne vorheriges Gehör des Parteivorstandes aus Amt und Würden hinaustun konnte.Die beiden schwersten Schlachtschiffe folgen: Sowjet-Militär-Administration und NKWD. Es war eine mehrstündige und in Ton und Inhalt wohl eine der härtesten Verhandlungen, die ich führte, und bei der ich keinen Zweifel darüber liess, dass man zwischen dem Ministerpräsidenten und dem Kriminellen Qualle – seine Einschätzung durch die NKWD hiess: er ist teuer, aber er leistet gute Arbeit – zu wählen hatte.Die Auseinandersetzung zwischen dem Administrationschef und mir über den Kriminellen Qualle wird in beiderseitiger Unnachgiebigkeit geführt. Endlich, es waren wohl zwei Stunden verstrichen, ruft der General: "Schmeissen Sie den Kerl hinaus, es ist jedes Wort über ihn zu schade"."Das ist auch meine Meinung, Herr General, aber die Landesvorsitzenden der SED behaupten, und damit begründen sie die Einsetzung der Untersuchungskommission gegen den Ministerpräsidenten, dass Sie selbst durch einen Major das Verbleiben dieses Verbrechers im Amt verlangt haben".Pause. – – "Nein". – – Wo liegt die Wahrheit? – Am Nachmittag hatte der Kriminelle nach den mir werdenden Informationen eine mehrstündige Unterredung mit demselben Chef der Sowjetischen Militär-Administration, der wenige Stunden zuvor gesagt hatte: Schmeissen Sie den Kerl hinaus, es ist jedes Wort über ihn zu schade. – – Muss ich es sagen? Qualle erhielt nach meinem Weggang eine führende Stelle im Lande 28 . – "Um den Präsidenten herum muss ein Kahlschlag gemacht werden", ist die von der Kommune ausgegebene Parole.Männer meines Vertrauens sind diesen Herrschaften in meiner Umgebung nicht genehm. Durch sie kommt Post an mich durch, erfahre ich wahre Klagen aus dem Land. Einen nach dem andern brachten sie zur Strecke, einem nach dem andern musste ich sagen: Gehen Sie weg, hier sind Sie gefährdet, ich weiss nicht, wie lange ich Sie noch schützen kann. Ich soll durch die Kommune isoliert und in dieser Isolierung von allen Seiten her leicht bespiegelt werden können. Mit der Ausführung dieser Strategie ist der neue kommunistische Innenminister beauftragt, in Tuchfühlung mit ihm stehen NKWD und Ulbricht 29 : Er soll mich auf die Schiene Deutsch-Moskau bringen und zugleich mich mehr als bisher beschatten. Als politischer Schwachkopf verletzt er ständig eine bekannte Instruktion der NKWD, nicht in Gegenwart des Beschatteten Äusserungen von diesem zu notieren, um diesen nicht misstrauisch zu machen. – Einprägen, unauffällig hinausgehen und draussen schnell notieren, heisst das Rezept. Das ist zu viel für 30 kurzhirniges Denken. So notiert er in den Regierungssitzungen immer dann, wenn ein Satz von mir für seine Auftraggeber aufschlussreich zu sein scheint. Bei der Beschränktheit solcher Gegenüber, welche glauben, fehlende Intelligenz durch sowjetische Ergebenheit ausgleichen zu können, wird die Fadenführung ihres Netzes leicht sichtbar.In meinem Vorzimmer haben sie eine Sekretärin als Horchposten und Aktenstöberer gewonnen. Laufend erstattet sie den Kommunisten Bericht und steht durch einen Schwager als Mittelsmann – – was zählt Amtsgeheimnis – mit Oberst Tulpanow und mit einer westlichen Zeitung Berlins in Verbindung. "Ihr seid die vorderste konsequente Linie der Partei um den Präsidenten", hiess die kommunistische Instruktion an zwei hohe Mitarbeiter meiner Umgebung. – – Ich sah nicht zu. Der Horchposten und das Auge der KPD und des Obersten Tulpanow 31 wurde aus meinem Vorzimmer abgeschoben. Die eine Säule aus der "konsequenten Linie" brach ich heraus. Die zweite und letzte Säule, ich gab ihr im Amt den Beinamen: "Wie verrate ich meinen Herren", sitzt mir in ministerialdirektorlicher Einsamkeit gegenüber.Er kommt vom Sudentengau, er wähnt ihn weitab und macht in wildem Kommunismus. Er ist ein Doktor der Rechte. Ich weiss von ihm mehr. – Er trägt mir dieses, er trägt mir jenes vor, Konzessionslosigkeit gegen alles, was nicht KPD ist; Konjunkturritter akademischer Ausgabe."Jeder Mensch durchläuft einen Entwicklungsgang mit Wandlungen verschiedener Art", – hinter seinen Brillengläsern sieht er mich scharf an, er erkennt nicht, was ich anschlage, – "in Prag, als Student" – und ich nenne ihm den Zirkel, dessen Name mir heute nicht mehr gegenwärtig ist, – "haben Sie in der vordersten Linie für den Nazismus gestanden. Ich hörte es auf der Administration".Zwischen zwei feuerroten Ohren steht ein wächsern werdendes Gesicht."Bitte fahren Sie fort, Herr Ministerialdirektor". – Mir gegenüber ist diese Säule angeschlagen. –Die SED allein erweist sich im Kampf gegen den Ministerpräsidenten zu schwach, sie holt ihre Schwester im Kampfe gegen deutsche Menschen: die NKWD.Selbstverständlich wurden schon immer Angehörige der Landesverwaltung der verschiedensten Dienstgrade bis hinunter zum Hausmann von der NKWD da und dort vernommen und dabei auch über mich befragt. Jetzt wird meine Umgebung systematisch durch Vernehmungen und Drohungen unter Druck gesetzt.Ein Ministerialdirektor, ein Ministerialrat, Oberregierungsräte, Regierungsräte und ein Assessor meines Amtes fliehen nach dem Westen. Manche zugestellte Nachricht sagt: Man wolle an mir nicht zum Schurken werden.Soweit haben es die SED-Verräter in Deutschland schon gebracht."Herr General, ich nehme es nicht mehr hin, dass die NKWD meine Umgebung ständig vernimmt; mein Amt ist fast verwaist, jetzt vernimmt man gerade ...". "Glauben Sie, daß ich weniger beschattet werde?" 32 Der Administrationschef will für Abstellung besorgt sein. Besorgt? Er wusste eher als ich um dieses Treiben. Er kennt das Netz der NKWD, ich kenne es zu einem guten Teil auch. Das Regierungshotel Augusta 33 das in der ersten Amtszeit so viele Besuche und Gäste des 34 Landes sah, kann man seit über einem Jahr unbelauscht nicht mehr besuchen. Jede vertrauliche Besprechung, alle Besuche musste ich in mein Haus legen. Durch das Hotel zieht sich beginnend bei dem kleinen Hilfsportier, über die Kellner und über die Zimmermädchen hinweg die Agentenschnur der NKWD. Ich weiss, dass man alle meine Dolmetscher, männlichen und weiblichen Geschlechts, zu Agenten der NKWD gemacht hat. Ich weiss darum, dass eine Kleine von ihnen mit einem grösseren Geldbetrag ausgestattet worden ist, um sich elegantere Garderobe zu kaufen, da sie mehr als bisher als Dolmetscherin in meine Nähe gebracht und in der Kleidung dem von der NKWD geplanten Wirkungsrahmen anpasst werden soll.Ich habe in den ersten Augusttagen von auswärts eine Warnung bekommen. Durch sie wurde mir bekannt, dass eine Agentin mich in unmittelbarer Linienführung zur NKWD-Spitze in Moskau beschattet.Das Ganze ist im Augenblick und noch für längere Zeiträume ungefährlich. Die Öffentlichkeit, der von den Sowjets so sehr gefürchtete Prestigeverlust und ihre Absicht, mich auszunutzen, sind zunächst noch zuverlässiger Schutz.Ein Lichtblick in dieser widerlichen Atmosphäre scheint mir wert, erwähnt zu werden.Eine Frau will mich dringend sprechen, – Der Borkenkäfer, die Futternot, die Demontagen der Eisenbahnen schienen mir vordringlicher zu sein, als ein Einzelfall; die Frau aber hat sich nicht abweisen lassen. Jetzt sitzt sie mir gegenüber. Ich kenne sie kaum.Ihr Gesicht ist vor Erregung weiss, zwei grosse Augen sind auf mich gerichtet, die Lippen können beim Sprechen das Zittern nicht verbergen. – Eine Frau, mir durch nichts verpflichtet, fand den Mut, ohne jeden Vorbehalt zu sprechen.Für einen kurzen Augenblick schiesst es mir durch den Kopf: Falle – Provokateurin? – Die hochangespannten Nerven dieser Frau arbeiten äusserst empfindsam. Sie hat diesen den Bruchteil einer Sekunde andauernden Gedanken sofort gefühlt: "Drücken Sie auf den Knopf, Herr Präsident, ich weiss dann, was mit mir geschieht ...". Dann spricht sie das aus, was ich seit Monaten weiss: Sie werden missbraucht, der grösste Teil der Bevölkerung glaubt an Sie, durch Ihren Namen führt man die Menschen irre, und zur selben Zeit, in der man Sie vorschiebt, wühlen hinter Ihrem Rücken die Kommunisten ... die Russen wollen Sie zur Spaltung Deutschlands benutzen; hier können Sie nicht mehr helfen. Wir werden verraten, die Kommune will ans Ruder!''... Tapfere Frau. – –Noch einen letzten Versuch will ich machen, bevor ich den Schritt tue, zu dem der Verstand mich schon des öfteren gemahnt hat.Ich greife eine an mich herangekommene Anregung aus dem Westen auf. In einer Zeit, in der im Osten unter Terror die letzten Funken eines Rechtsstaates erstickt zu werden drohen, in einer Zeit, in der im Westen die Unterschiede der Länder zu stark zum Schaden des gemeinsamen Vaterlandes in den Vordergrund treten, will ich den Versuch unternehmen, wenigstens die Einheitlichkeit der deutschen Rechtsprechung in Gestalt eines obersten Gerichtshofes zu retten.Im Westen scheinen berechtigte Hoffnungen dafür zu sprechen, diese eine Stufe der Einheit, um die in Deutschland fast zweitausend Jahre gerungen wurde, retten zu können. Da ein Vorstoss von dorther automatisch die Ablehnung der Sowjets auslösen würde, will ich das Pferd, taktisch gesehen, vom Osten her aufzäumen. Mein Vortasten bei der sowjetischen Spitze und dann meine ersten Verhandlungen mit ihr eröffnen auch Hoffnungen. Dasselbe gilt für die ersten Besprechungen mit einzelnen Mitgliedern des Zentral-Sekretariats. Selbst Ulbricht 35 schien zunächst 36 nicht völlig abgeneigt zu sein. Dagegen hämmerte seine ihm angeschattete 37 Frau, während ich mit ihm spreche, in russisch auf den sowjetischen Administrationschef ein, mir in Nichts nachzugeben. Ich lasse Marschall Sokolowski 38 dieserhalb um eine Unterredung bitten und suche tags zuvor das Zentral-Sekretariat auf. Es tagt in seiner Gesamtheit und ist über meinen Plan unterrichtet. So brauche ich nur kurz vorzutragen. In totaler Einmütigkeit – als erste Redner werden die von der SPD kommenden vorgeschickt – lehnt das Zentral-Sekretariat die Schaffung eines obersten deutschen Gerichts ab. Es sind dieselben Männer, die nahezu tagtäglich von deutscher Einheit sprechen und mit gleichem unwahren Geschreibe die Zeitungen des Ostens füllen.Die Länge der Diskussion über einen solchen Punkt von grösster Tragweite für das Deutschland der nächsten Jahre überschreitet im Zentral-Sekretariat der SED kaum die Lebensdauer eines Fünfminutenbrenners. Ich sehe deutlich: hier ist keiner mehr, der den Mut zur Auflehnung gegen die KPD aufbringt, aufzubringen wagen kann.Ich selbst bin zum Kämpfen zu müde geworden, sinnlos scheint mir jedes längere Verweilen in solcher Umgebung.Maske, man lächelt, und das Innere sagt: "Ihr habt mich zum letzten Mal gesehen!"Als ich von dieser Sitzung aus Berlin zurückkomme, liegen auf meinem Amtstisch Aktenstücke, die mit letzter Deutlichkeit das Hochkommen der Kriminellen in der Ostzone und ihre Verfilzung mit der NKWD anzeigen, der Rechtsstaat steht vor dem Untergang.Ein kommunistischer Landrat hat über eine Million Zigaretten seines Landkreises nach Berlin verschoben. Vor diesem Kriminellen, der mit Zuchthaus zu rechnen hat, stellen sich das Zentral-Sekretariat der SED, das Landessekretariat der SED und der kommunistische Innenminister. Der kommunistische Innenminister hatte, bevor ich von der Sache erfuhr, bereits sieben Monate auf den Akten der Staatsanwaltschaft Meiningen 39 gesessen, um die Strafverfolgung zu verhindern. Mein Hinweis, dass er sich dadurch wegen Begünstigung strafbar mache, hat die Akten des Meininger Oberstaatsanwaltes wieder in den Geschäftsgang kommen lassen. Jetzt stellen sich die Spitzen der SED allesamt vor den Rechtsbrecher. Sie haben auch Grund dazu, denn der "verdiente Genosse" vergaß selbstverständlich nicht, seiner geliebten KPD 55 000 Mark zu schenken und dabei "70 000 Mark aus dem Bademantel zu verlieren". – Das zweite Strafaktenstück auf meinem Tisch betrifft den 40 Lizenzträger jener "überparteilichen Zeitung", der wegen eines erwiesenen Verbrechens auf Grund richterlichen Haftbefehls verhaftet werden soll. Das verbietet die NKWD. "Ich falle der Justiz nicht in den Arm, Herr General", hatte ich vor einiger Zeit zum Administrationschef gesagt, "der Mann gehört hinters Gitter ...".Die NKWD korrigiert meinen westeuropäischen Rechtsstandpunkt durch das Verbot der Verhaftung dieses, ihres bewährten Mitarbeiters. –Mögen sich Andere auf diesen Stuhl eines Ministerpräsidenten setzen! –

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Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar , Nachlass Rudolf Paul (ms. Ausfertigung mit hs. Korrekturen).

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