Nr. 435(22)
Die russische Krankheit

Der eisharte Winter des Jahres 1946/47 1 droht, sich zu einer Naturkatastrophe auszuwirken, Menschen, Wirtschaft und Willen zum Leben zum Erstarren zu bringen.
Die Konferenz von Moskau steht vor der Türe. Noch auf keiner der vielen Konferenzen der Welt seit Kriegsende waren bisher deutsche Stimmen gehört worden.Wo ist der Ort, wo ist eine Stimme, die in solcher Zeit berufen ist, für Deutschland zu sprechen?!Zwanzig Kilometer von der Landeshauptstadt ab liegt eine der traditionsreichsten Universitäten der Welt, die Friedrich-Schiller-Universität zu Jena. Das ist der Ort; der grosse Senat der Professoren und die akademische Jugend sind die Stimme, die angesichts der Konferenz von Moskau legitimiert ist, die Welt um Beistand anzurufen."Es geht um Deutschland", kündete der Anschlag am schwarzen Brett in der Universität die akademische Feier an. Ein auserlesener kultureller Rahmen sollte die Kundgebung umschliessen. Ihre Überparteilichkeit steht ausser Zweifel; für ihre Verbreitung in die grosse Öffentlichkeit ist gesorgt.Ein Teil der Rede, die nicht gehalten werden durfte, soll die Linienführung übermitteln:"… in wenigen Wochen wird in Moskau über deutsches Schicksal beraten, vielleicht entschieden. Jahrtausende altes Urrecht, audiatur et altera pars, auch der andere Teil hat Recht auf Gehör, erhebt seine Stimme.Welches Land um uns, welcher Staatsmann ausserhalb Deutschlands sprach noch nicht über, sprach noch nicht gegen uns? Auf deutscher Seite bleibt es still. Die Plätze einer legitimierten Reichsregierung sind verwaist. Wo ist die deutsche Stimme, die aus innerem und äusserem Recht für Deutschland zu sprechen befugt ist?Die Universität Jena, Trägerin hoher Tradition, macht sich in dieser Stunde zum Ort und zur Stimme der deutschen Nation und ruft mit dem heissen Herzen ihrer Jugend und den Stimmen der Vernunft und des Wissens das deutsche Volk und die Welt. Die Grossen unserer Universität: Goethe, Schiller, Hegel, Fichte, Schelling, Haeckel und viele Männer von Weltruf stehen im Geist neben uns.Wir wissen, dass zwölf Jahre lang schwarze Schatten über Deutschland lagen und die düstersten Seiten seiner Geschichte geschrieben wurden. Wir wissen auch, dass von uns aus Blut, Tränen und Zerstörung ihren Weg in die Welt nahmen. So empfinden wir den Leidensweg, auf dem wir gehen, als eine Verpflichtung, als eine harte Probe auf unseren eigenen Wert. Wir wollen auf diesem Wege nicht versagen und nicht zerbrechen. Die vor uns liegenden Wochen der Moskauer Konferenz werden bei den von aller Welt angemeldeten Ansprüchen schwerste Belastungsproben für uns im Gefolge haben.Als die deutschen Unterhändler vor 28 Jahren in Versailles standen, wurden die Unterschiede der geschichtlichen Landschaft Deutschlands offenbar. Dieses Mal muss es heissen: Hinweg mit dem Gegensatz zwischen dem deutschen Osten und dem deutschen Westen und Süden. Hinweg mit wirtschaftspolitischer Rheinbundstimmung oder gar feigem Erwägen eines Hinüberwechselns. 65 Millionen Menschen im geographischen Herzen Europas sind als Einheit, als nicht aufspaltbares Ganzes bei aller durch die nazistische Führung verschuldeten Verelendung und Ohnmacht ein Faktor, an dem keine verantwortungsbewusste Welt vorübergehen kann. Verliert gegenüber den Forderungen unserer Umwelt nicht den Glauben an Vernunft und Gerechtigkeit, verliert nicht den Glauben an das Vorhandensein eines Weltgewissens auf diesem Erdenball. Geht mit Würde den Weg der Wiedergutmachung und widerlegt das uns Nachgesagte, wir könnten nur winseln oder an die Kehle fahren. Was wir in unserer Notzeit und in unserem Notstand seit dem Mai 1945 vollbrachten, hat in der deutschen Geschichte noch kein Beispiel. Suchen wir in unserer Einsamkeit Halt und Kraft, und erwarten wir nicht Hilfe nur 2 von der Umwelt. Unsere Geschichte, die Zukunft der uns nachfolgenden Geschlechter verbieten uns, zu verzweifeln. Nach den Erfahrungen des täglichen Lebens arbeitet die Zeit immer nur 3 für den, der sich selbst hilft. Darum sei in unserem Herzen die Wucht des Willens. Es geht um Deutschland! … Wir rufen die Universitäten der Welt als Träger und Verkünder der Humanität und der Wissenschaften. Wir rufen die Staatsmänner als die verantwortlichen Former der kommenden Geschichte, wir rufen die Presse als die grosse Vertreterin der öffentlichen Meinung. Wir rufen die Frauen als die Hüterinnen des Lebens, wir rufen das die Welt umspannende Band der Werktätigen … … Soll angesichts der Fülle angemeldeter Forderungen und der allseits blutenden Grenzen Deutschlands Humanität im zwanzigsten Jahrhundert zum hohlen Wort, Weltgeschichte ihres inneren Sinnes entkleidet, Fortschritt der Menschheit zum Kreisgang herabgewürdigt und zukünftiges Leben im Voraus zum Absterben verurteilt werden? Weltgewissen, bist du eine unversöhnliche Grösse oder die hehre, unparteiische Hüterin letzter Menschheitsideale? Weltgewissen, wir rufen dich! Wir rufen die Welt!" – – –Ein Anruf der Parteileitung der SED: "Herr Präsident, die Universität Jena will übermorgen eine grosse Kundgebung abhalten. Sie wollen dort sprechen. Die Partei ist darüber nicht gefragt worden.""Mit dieser Kundgebung hat die Partei nichts zu tun", antworte ich zurück, "sie ist überparteilich. Ich spreche dort nicht als Amtsperson oder Parteimitglied, sondern als Mitglied des Lehrkörpers. Eine im akademischen Rahmen der Universität gehaltene Kundgebung berührt die Partei nicht. Im übrigen hat die Administration sie genehmigt."Ich leuchte in die Kanäle hinein: SED-Studenten haben als gehorsame Parteisoldaten reagiert. Was zählt bei dieser Partei, was zählt bei ihren jugendlichen Gefolgssklaven Volk und Vaterland, was deutsche Belange, was innerer Anstand gegenüber dem Protektor der Universität? Die SED-Studenten haben die Landesparteileitung alarmiert und ihr berichtet, welche Kundgebung bevorsteht, und wie schon deren Ankündigung ein ungewöhnliches Echo an der Universität und in der Bevölkerung ausgelöst hat. – Das muss verhindert werden! Bei den Kleinen fing die Wühlarbeit an, die Grossen, die SED-Landesleitung, setzte solches Treiben bis in die höchste sowjetische Spitze fort.Am späten Abend verlangt mich die Administration zu sprechen. Die Führung der SED hat die Sowjets in Bewegung gesetzt. Sie will um jeden Preis die Kundgebung einer deutschen Universität zerschlagen, welche mit einem Appell an die Universitäten der Welt herantreten will.Auf der Administration wird zunächst verhandelt. Man gibt vor, mich wegen Abschlusses eines Vertrages zwischen dem Land und der Zentralverwaltung für Industrie bestellt zu haben. Darüber wird auch anfänglich gesprochen.Wie mit dem Wecker gestellt läuft in diesen Minuten ein Gespräch aus Berlin-Karlshorst ein. Am anderen Ende des Drahtes spricht Oberst Tulpanow. Der Administrationschef eröffnet mir 4 , dass Berlin-Karlshorst die Kundgebung der Universität verbietet. Der Hieb hat getroffen. Ich weiss nicht, ob ich nach dieser Eröffnung und der hinter ihr stehenden Infamie der SED noch ein Wort verloren habe, so sehr war ich innerlich waidwund.Seit beinahe zwei Jahren mühe ich mich auf einem Platz, der schon längst jedes Eigenleben durch Arbeit und Sorgenlast erstickt hat. Wenn ich mich umsehe, sehe ich Verbeugungen auf der einen Seite, Lächeln und übertriebene Aufmerksamkeit bei den Sowjets. Das ist das Aussen. Dahinter und vor allem darunter herrschen Lüge, Rechtlosigkeit und Verrat. Ein glitschiger und stickiger Boden, auf dem man inmitten seiner Heimat steht. –Und das Ergebnis allen Mühens? Das Tempo der Bolschewisierung konnte man etwas abbremsen, doch sonst war alles Handeln, waren alle Erfolge nach und nach wieder umgebogen worden: In der Bodenreform, in der Sequestration, der Schulreform, dem Versicherungswesen, den Demontagen, der Entnazifikation und vor allem auf dem Wege zur Einheit.Das Fass des Erträglichen ist voll. Der Tropfen, das Verbot des Rufes einer deutschen Stimme um Beistand, bringt es zum Überlaufen.Ich will nicht mehr.Ich verlasse die Landeshauptstadt und lege in einem Schreiben an den Präsidenten des Landtages mein Amt als Ministerpräsident wegen Krankheit nieder. Von dem Administrationschef und dem Leiter der NKWD – sowjetischen Anschauungsunterricht kann man nicht ungestraft ausser Acht lassen – verabschiede ich mich schriftlich mit konventionellen Worten des Dankes und der Liebenswürdigkeit als Kranker.Meine Amtsniederlegung wurde ignoriert und von den Sowjets verhindert. Der Landtag und die Öffentlichkeit durften von ihr nichts erfahren. – –Es verbietet sich von selbst, die Personen zu nennen und die Stimmen wiederzugeben, die bald nach meinem Weggang aus dem Amt und dann nicht mehr abreissend den Weg zu mir suchten. Sie stellten die Not der Bevölkerung in die Mitte ihres Appells. Dazu gesellte sich ein zweites: Aus allen Teilen des Landes vernahm ich das Hochschieben der Kriminellen und das schnelle Fortschreiten des Radikalisierungs-Prozesses."Seit Ihrem Weggang, Herr Präsident, ist die Unterwelt allerorts aufgetaucht. Sie gewinnt ständig an Boden. Die NKWD zeigt offen ihre Verbrüderung mit diesen Kriminellen. Ihr Stellvertreter ist mit ihnen intim. Sie müssen wieder zurückkommen. Es ist Gefahr im Lande!"Eine Probe davon bekam auch ich zu spüren.KPD und untere Stellen des NKWD fanden sich gegen mich zusammen und begannen in den KPD-Kreisvorständen des Landes vorsichtig gegen mich zu hetzen. In der Presse der Ostzone konnte man nicht wagen, lügnerische Angriffe gegen mich zu starten. So wählten diese Dunkelmänner Blätter im westlichen Sektor Berlins, zu deren Rotationsmaschinen damals NKWD-Kanäle liefen. So wurde ich in dieser Presse in Schmähartikeln als der "Landespräsident ohne Landtag", der nicht wieder ins Amt kommen könne, und als ein Mann geschildert, der auf grossen Besitzungen lebend, sich in der Bodenreform ein Rittergut von eintausend Morgen Grösse angeeignet habe, das zuvor Eigentum der Witwe des letzten Kaisers gewesen sei. Wir wissen, dass diese Frau mich 1 ½ Jahre zuvor um Unterkunft und, da sie keinen Quadratmeter Grund und Boden, geschweige denn ein grosses Gut im Lande besass, um Unterstützung beim Erwerb eines Bauernhofes gebeten hatte.Es ist ein Teil missverstandener Demokratie, in Sonderheit bei uns, dass sich die öffentliche Kritik weniger mit der amtlichen Tätigkeit eines Amtsinhabers als mit dem Betreffenden als Privatperson beschäftigt. Der private Lebenswandel wird mit besonderer Vorliebe beschmutzt. Schon vor zweitausend Jahren meinten die Römer: semper aliquid haeret, es bleibt immer etwas hängen.Diesbezüglich will ich ein wenig leuchten und das Kanalnetz der Ostzone etwas blosslegen. Von den Kanälen zu den Westblättern Berlins sind mir vier 5 bekannt. Den einen reguliert ein Mann, der eine gefährliche spitze Feder schreibt. Er sammelt in chinesischen Porzellanen, führt den akademischen Vornamen Doktor und ist in der Aufstellung von Verleumdungen nicht von Skrupeln beschwert. Die NKWD? Sie hat ihn wirken lassen, trotz seiner allgemein bekannten Verbindung zu westlichen Zeitungen. Jeder Kommentar erscheint überflüssig. Der eine 6 ist der Typ eines Hochstaplers zweiter Güte. Durch sein gleissnerisches Benehmen, – auch dafür gilt nur der provinzielle Maßstab, – spielte er zunächst längere Zeit in der Öffentlichkeit eine gewisse Rolle. Dann kam das Vorstrafenregister mit fünf oder sechs Senfkörnern auf der Weste. Ich habe einige Wochen gebraucht, um diesen Mann als Lizenzträger eines grossen "überparteilichen" Blattes von dem 51 Prozent der Anteile der SED gehören, zu liquidieren. Als ihn die Staatsanwaltschaft auf Grund richterlichen Haftbefehls wegen eines Verbrechens verhaften lassen wollte, stellte sich für ihn die NKWD eindeutig heraus und verbot die Verhaftung. Der Mann erfreut sich trotz allem noch besonderer Gunst der Sowjets und mimt als Waidgenosse eines bekannten Generals. Der zweite 7 ist ein jugendlicher Mensch, der in der Presseabteilung des Landes beschäftigt war, sich 8 dort nach einer Anzeige eines schweren Vertrauensbruches schuldig gemacht haben soll, um dann 9 in Befolgung des mittelalterlichen Rechtssatzes: "Stadtluft macht frei", den Weg nach Berlin zu nehmen. 10 Der dritte 11 sitzt in Berlin selbst und ist ein guter Bekannter der vorab geschilderten drei, wobei diese drei zeitweilig in der Gruppierung wechselnd Mitarbeiter und Feinde sind. Der vierte 12 Kanal ist eine Frau – geborene von, verheiratete von. Ihr Mann kehrte als Kapitän eines U-Bootes von Feindfahrt nicht zurück. Sie erfreut sich in besonderem Maße der Wertschätzung von "Freund Tulpanow". Ich habe diese vier 13 Personen kurz umrissen, weil es dieselben sind, die nach meinem Weggang aus der Zone über mich die skrupellosesten Verleumdungen aufgestellt 14 und damit 15 wohl gegen gutes Entgelt manche Spalte in mancher Zeitung gefüllt haben. Wann war ein Giftbrocken je zu gross, als dass er nicht von Sensationshyänen gierig verschlungen worden wäre?! – – – In die Abgeschiedenheit meines ländlichen Aufenthaltes drangen neben den Bitten um Hilfe gegen Not und Dunkelmännertum die Nachrichten über das Netz, was in inniger Verbrüderung zwischen KPD, Kriminellen und NKWD gegen den "kranken Ministerpräsidenten" gesponnen 16 wurde. Wir kennen den indischen Satz: Wer auf einem Tiger reitet, kann nicht jederzeit absteigen.So kehrte ich nach drei Monaten Abwesenheit ins Amt zurück.Zum letzten Mal unternahm ich den Versuch, das Land durch die Nöte, durch sowjetischen Terror und KPD-Verrätertum hindurchzusteuern. Die letzten Wochen und Monate vor meinem Weggang haben mich in harten Auseinandersetzungen und im Brennpunkt der Sorgen des Landes gesehen. Es galt, gegen den Raubbau des Thüringer Waldes durch die Sowjets und gegen seine Vernichtung durch den Borkenkäfer anzukämpfen. Die Experten aus Karlshorst bekamen durch meine zähen Forderungen Arbeit. Es galt der Landwirtschaft wegen des Viehes, seiner Aufzucht und Ablieferung Erleichterung zu schaffen. Dem ärmsten Teil des Landes musste der einzige Schienstrang gerettet werden und in den Stunden der grossen Waldbrände stand ich zwischen den Feuerwehren des Landes.In den grossen Versammlungen führte ich für deutsche Belange eine Sprache, die an Deutlichkeit keines Kommentares bedurfte."Wir müssen uns überlegen, ob wir Sie noch sprechen lassen", erklärte nach einer Kundgebung der Abgesandte des SED-Zentralsekretariats.Nicht zuletzt aber versuchte ich noch einmal den Kampf gegen die Unterwelt, beschäftigte ich mich mit den Kriminellen der SED und NKWD. "Das Strafverfahren gegen diesen verdienten Genossen", empört sich im Sekretariat der SED, der KPD-Innenminister zugunsten eines von mir gepackten Landrates, "liegt auf der bekannten Linie des Ministerpräsidenten 17 , alle aktiven Männer von uns durch seine Staatsanwaltschaft 18 abzuschiessen". Seine Witterung war richtig; mein Interesse für die Vorstrafen der Amtsinhaber war nicht nur theoretischer Art. Manchen dieser Burschen brach ich heraus; gegenüber dem Netz in seiner Gesamtheit, der NKWD gegenüber, war ich letzten Endes machtlos. –

++ ++ ++ ++ ++


Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar , Nachlass Rudolf Paul (ms. Ausfertigung mit hs. Korrekturen).

1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18