Nr. 435(21)
Die Lüge um die Einheit

Für den flüchtigen Hörer scheint die sowjetisch besetzte Zone in totaler Einmütigkeit die Einheit Deutschlands anzustreben. Die Forderung nach der Einheit ist dort die am meisten vernommene. Sie klingt tagtäglich aus dem Radio, die gleichgeschaltete Presse druckt sie von Nummer zu Nummer in ihren Millionen-Auflagen, kein Parteiredner vergisst sie in seinem Repertoire. Die Einheit ist der Gesprächsstoff aller. Und doch bei einigem Hinhören erkennt man sehr bald hinter den Worten die Differenzierung, – die Wahrheit.
Die Einheit Deutschlands wird ehrlich und sehnsüchtig von etwa 90 Prozent der Menschen der Ostzone erstrebt. Die ihnen gegenüberstehenden und bei blosser Wertung der Zahl als ohnmächtige, ungewichtige Schrumpfprozente erscheinenden Zehn sind in Wahrheit die allein Ausschlaggebenden. Gedeckt von den Bajonetten der Roten Armee, gestützt auf die kommunistisch gelenkte Polizei, eine in Kadavergehorsam gehaltene Partei, die alle maßgeblichen Schlüsselstellungen der Länder in der Hand hat und geschützt durch ein zur Friedhofsstille in der Bevölkerung mahnendes Netz von Agenten und Spitzeln, ist die Hierarchie der SED die von den Bolschewiken eingesetzte Regentin. Die Mitglieder dieses SED-Sekretariats geben vor, die Einheit zu wollen. Als Schüler und Diener östlicher Propaganda tun sie das überlaut. Zunge und Herz sind zwiespältig. Nach dem Satz Lenins: Wer Deutschland hat besitzt Europa, erstreben diese Ostlinge zunächst durchaus eine Einheit Deutschlands, aber selbstverständlich nur unter der Diktatur der Kommune, unter der Knute Moskaus. So stehen sich im Osten zwei Lager gegenüber. Das eine, welches vom Herzen und Verstand her eine wahre demokratische Einheit der Deutschen will, und das andere, welches unter Verrat und Terror die Deutschen in ihrer Gesamtheit unters Joch bringen will. In der vordersten Linie des Lagers 1 für ein einheitliches, demokratisches Deutschland habe ich gestanden und bin am Übergewicht sowjetischer Machtfaktoren gescheitert. Als im Dezember 1946 bei der Härte des Winters und der Not auf allen Gebieten die Spannkraft der Bevölkerung zu zerbrechen und letzte Hoffnungen unterzugehen drohten, habe ich ihr geschrieben:"Auch dieses Mal ist für ein "Friede auf Erden" in unserem grössten Fest der Familie noch kein Raum. Im vorigen Jahr stärkten uns die aus dem Erfolg des ersten Aufbaues gewonnenen Kräfte und Hoffnungen. Sie haben sich in der Folgezeit nicht erfüllt. Dieses Mal hofften wir viele von denen wieder unter uns zu sehen, die heute noch Kriegsgefangene sind. Der Fall der Zonengrenzen und mit ihm die Einheit Deutschlands schienen in die Nähe gerückt. Vor allem aber glaubten wir, dass eine des Krieges, der Zerstörung, der Helden und Heldentaten müde Welt sich den ihr so dringend nötigen Frieden geben werde.Und neben diesen Hoffnungen für Volk und Land liefen so viele Wünsche und Sehnsüchte des Einzelnen, deren Erfüllung den Alltag erhellen und erst recht das Fest erstrahlen lässt.In einer Zeit, in der es zur leichteren Überwindung des Winters an genügend Heizmaterial und warmer Kleidung fehlt, Nahrungsmittel kaum noch ausreichend verabfolgt werden können, wäre Schönfärberei ein Verbrechen und moralisierendes Gerede ein Hohn.Weihnachten ist nicht nur ein Tag der Familie, sondern zugleich der Beginn des sich stetig verlängernden Lichtes verbunden mit dem Blick ins kommende Jahr. Nicht nur bei uns liegen Trümmer, nicht nur bei uns sind Nahrung und Kleidung verknappt, sind Schwierigkeiten auf fast allen Gebieten. Nahezu die ganze Welt, bestimmt alle Sieger und Besiegte, sind Betroffene des grossen Weltbrandes. Darum sollen wir möglichst wenig unsere Blicke umherschweifen lassen. Wir müssen unsern Weg in allererster Linie allein gehen. Es gibt einen Zustand der Not und des Alleinseins, der stark macht. Daran wollen wir uns halten. In Zeiten solcher Not bedeutet das Zusammenrücken eines Volkes einen viel grösseren Gewinn, als ihm Gabentische zu bringen vermögen.Weihnachten muss zu einer wahren Verbundenheit unseres Volkes werden, denn nur mit einem einheitlichen deutschen Volk und nicht mit einzelnen Ländern, Provinzen oder Zonen können die Alliierten über den Frieden verhandeln; nur mit einem einheitlichen Deutschland können die Alliierten einen Friedensvertrag schliessen. Erst die Rechtsgrundlage eines Friedensvertrages schafft den gemauerten Untergrund für den Aufbau unseres zukünftigen Staatsgebäudes, einer neuen deutschen Republik.Gemeinsam, über Zonen und Parteigrenzen hinweg, sei uns der Wille zur Einheit. Neid und Eigenbrötelei, diese deutschen Erbübel müssen zugunsten der grossen Idee zurücktreten. Darum hinweg mit der ideologischen Zerreissung unseres Volkes. Jeder von uns sei sich in jeder Lebenslage, im Denken, Reden und Handeln bewusst, wie sehr jeder Einzelne verantwortungsbelasteter Mitträger am Zustandekommen der Einheit Deutschlands sein muss!Gemeinsam sei uns inzwischen die Pflicht, die Nöte in den deutschen Ländern durch Zusammenfassung aller Kräfte weitmöglichst zu beheben. Nicht letztes Auskalkulieren, peinliches Wägen und Wiegen sowie hartnäckiges Feilschen: Ich gebe, damit Du etwas mehr gibst, – seien die merkantilen Weisheiten solcher Verträge, sondern das blutvolle Wollen zum Ziel sei der Träger und Vorwärtstreiber aller interzonalen Besprechungen und Verträge.Von einer Umwelt, welcher der nazistische Terror tiefe Wunden schlug, können wir füglich nicht den Aufbau unserer Welt erwarten. Man rühmt uns Deutsche in der Arbeit: Liebe für Methode, Gründlichkeit, Präzision und Ernsthaftigkeit nach. Machen wir es allerorts wahr! Vor allem aber stellen wir immer und überall an die Spitze unseres Tuns die Einheit unseres Vaterlandes. Mit ihr erstrebten wir den Frieden. Dann möge Weihnachten 1946 2 aus vollem Herzen erklingen: Friede auf Erden!" Wenige Wochen später wurde ich zusammen mit anderen Titelträgern der sowjetischen Zone von der SED-Hierarchie zur Empfangnahme einer politisch wichtigen Eröffnung geladen. Dieses Treffen fand auf einem der SED-Spitze von der Roten Armee überlassenen Rittergut bei Bernau in der Nähe von Berlin statt.Ich muss es als eine Unterlassungssünde von mir buchen, dass ich lange Zeit hindurch verabsäumt habe, den SED-Kreml in Berlin aufzusuchen und seine Amtshalter näher kennenzulernen. Ich sah zu sehr die Nöte im Lande, zu sehr meine Arbeit und sah damals zu wenig die Politik, diese Art der Politik um mich herum. Und ich erinnere mich noch an die kleine Privatvorlesung, die mir die Gattin eines Generals im Treppenhaus der sowjetischen Administration hielt:"Es ist falsch, Herr Präsident, die Arbeit ist nicht so wichtig", dozierte diese körperlich kleine Vollblutkommunistin, – "wichtiger, viel wichtiger sind die politischen Fragen der Partei, auch die kleinsten." –Auf einer Durchfahrt Ende September und dann noch einmal im Oktober oder November 1946 hatte ich das Haus des Zentral-Sekretariats betreten und dabei auch eine Besprechung wegen der Regierungsbildung gehabt. Diese Besuche reichten bei ihrer Kürze nicht aus, um die einzelnen Mitglieder und die Atmosphäre dieses Hauses kennenzulernen.Bei der Einladung ins Herrenhaus des SED-Rittergutes bei Bernau hatte ich fast 24 Stunden lang Zeit, die Pseudo-Machthalter der Ostzone näher zu betrachten.So sehr die Stimme der Leidenschaft sich hier einschalten und das Bittere in den Vordergrund treten lassen möchte, so sehr will ich versuchen, der Situation und den Menschen gerecht zu werden. Das Herrenhaus, so wie ich es kennenlernte, wies 3 keinen üppigen Luxus oder Prunk auf. Das in ihm an Essen und Trinken Gebotene entsprach dem Lebenszuschnitt einer bürgerlichen Familie im Frieden. Die beiden Parteiführer, Pieck und Grotewohl 4 – wir wissen, für alle Stellen in der SED gilt das sogenannte Paritätsprinzip, gilt jene politische Zwillingsbrüderschaft, die in jeder Parteistelle durch je ein Mitglied der KPD und SPD geschaffen wird, – sind nicht die entscheidenden Figuren des Zentralsekretariats. Sie sind ob ihrer früheren Popularität willen Parteivorsitzende geworden, sind zu einem guten Teil 5 Aushang. Das Schwergewicht des Zentral-Sekretariats liegt bei einem anderen. Ulbricht 6 , untersetzt, stabil, mit einem Leninbart in blond, ist von der KPD her der Stellvertreter des Vorsitzenden. Dieser stabile Stellvertreter nimmt seine Vormachtstellung nicht deswegen ein, weil er den Parteivorsitzenden geistig überlegen wäre. Ich muss es sogar bezweifeln. Er hat aber, und das ist das Entscheidende, den schnellsten und kürzesten Telefondraht nach Moskau und erfreut sich in ganz besonderem Maße des Vertrauens der Sowjets. Ihn allein zu betrachten wäre Stückwerk; er ist verbunden mit einer Frau. Sie ist ihm nach meinem Dafürhalten im Geistigen und im Radikalen überlegen. Auch sie ist besonders stark bei den Sowjets fundiert, auch sie war lange in Russland 7 . Ob und inwieweit sie den Mann politisch beschattet, entzieht sich meinem Wissen; manches spricht dafür. Erwähnenswert ist noch der KPD-Träger von Kultur und Propaganda, [Anton] Ackermann 8 . Man nennt ihn den kommunistischen Goebbels. Ähnlichkeit hat er mit ihm in der auf Moskaus Schulen gelernten Art der Rhetorik, des Einhämmerns auf den Zuhörer, des Aufbaus der Rede, der in Wort und Haltung zur Schau getragenen Unfehlbarkeit und dem Schuss ins Radikale. Alle von der KPD herkommenden Mitglieder des Zentral-Sekretariats haben zehn Jahre und länger in der Sowjet-Union gelebt. Sie sind dort geschult worden, sind zusammen mit der Roten Armee in Berlin eingezogen und dürften im Zweifel samt und sonders Bürger der Sowjet-Union sein.In den Jahren der sogenannten Säuberung der kommunistischen Partei in Russland erlebten sie den Erfahrungssatz der Geschichte, dass jede Revolution ihre eigenen Kinder frisst, erlebten sie, wie die engsten Anhänger Lenins nach und nach verschauprozesst wurden, erlebten sie den Ausrottungsprozess der NKWD aus Atemnähe. In diesen Jahren 1937 folgende ist ihnen samt und sonders die Angst in die Gebeine, ins Mark gekrochen. Das Zittern kam ihnen nochmals, als Moskau in die Hände der Wehrmacht zu fallen und der Bolschewismus sich nicht als der rocher de bronce, sondern als "auch zerbrechlich" zu enthüllen drohte. Die Angstmonate des Bolschewismus im Kriegsjahr 1941 haben sie allesamt vergessen, nicht vergessen haben sie ihr Zittern vor der NKWD in jenen sowjetischen Säuberungsjahren. In Erinnerung an dieses Groß-Reinemachen und auch sonst wegen der Zustände, die sie in Russland erlebten, sehnt sich keiner von ihnen dorthin zurück. Darum sind sie, so selbstsicher und deutsch sie sich auch vor der Masse gebärden, gegenüber Oberst Tulpanow 9 zu blindem Befehlsempfang bereit, treiben sie Götzendienst mit den Führern des Bolschewismus in Wort und Bild. Ganz wie bei den Sowjets selbst sind ihre Wohnungen und Parteizimmer mit Bildern von Stalin und Lenin überladen. Ganz wie die Sowjets sprechen sie nur in Übersteigerungsform von den politischen Führern der Sowjet-Union. Ganz wie bei den Sowjets sind bei ihnen diese Führer, mögen sie dieses oder jenes Fachgebiet nur einmal mit einem Worte gestreift haben, sofort der "einmalige Lehrer", der "geniale Schöpfer", sind sie von "unübertrefflicher Klarheit", die "ersten Philosophen der Welt", ist ihnen "ewiger Ruhm" gewiss, sind sie die "Genies der Menschheit".Vor 1500 Jahren lebte einer in Byzanz. Er nannte sich "Weltallsgebieter". Der mit der Vergötzung seiner Person betriebene Kult ist mit dem Beiwort byzantinisch in den Sprachschatz der Welt eingegangen. Dieses Beiwort ist kein schmückendes.Und die anderen im Zentral-Sekretariat, welche von der SPD kommen? Ihre parteipolitische Gefolgschaft ist in der Hauptsache abgesprungen. Das macht sie schwach. Sie sind ein parteipolitischer Kopf ohne Rumpf. Längere Zeit, etwa ein Jahr, haben sie sich gegenüber dem radikalen Flügel noch etwas behauptet. Heute sind sie eingemeindet, und heute setzt sich jeder Einzelne von ihnen, der sich herauszustellen und gar zu opponieren wagte, ernstlicher Gefährdung aus. Bei Kundgebungen in der grossen Öffentlichkeit werden sie weit über ihre innere Bedeutung im Zentral-Sekretariat hinaus in erhöhtem Maße angestrahlt. Ihre Namen, ihre Personen, die da und dort noch Fundus haben, werden missbraucht. Die Sitzungen im Zentral-Sekretariat finden nur dem äusseren Bilde nach innerhalb der vier Wände eines Zimmers statt. Es ist nicht schwer zu beobachten, wie Ulbricht 10 des öfteren die Sitzung verlässt, auf seinem Draht mit Oberst Tulpanow 11 in Karlshorst spricht, ihm Sitzungsschilderungen gibt, um dann bei seiner Rückkehr, in der Regel am Ende sprechend, nachdem die anderen ihr Pulver verschossen und sich auch ein klein wenig decouvriert haben, zu erklären, welches die Meinung von Karlshorst sei. Und wenn ein zuvor gefasster Beschluss einmal dem Denken von Karlshorst nicht entspricht, dann hat ohne Widerspruch eine Richtungsbiegung stattzufinden, notfalls um 180 Grad. Interessant ist auch das Zusammenspiel aus der KPD kommenden Mitglieder des Zentral-Sekretariats. In der Taktik sind sie ihren Gegenspielern aus der SPD weit überlegen. Sie tippen ein Thema an. Dann haben sie Zeit, haben sie Ruhe, haben sie Geduld, schweigen sie. Keine Zwischenbemerkung, kein Gesichtszug lässt erkennen, was sie denken. Die Anderen sollen erst sprechen, ihre sämtlichen Argumente loswerden, und dann kommen die KPD-Spitzenfunktionäre in Perlenkette und in steter Steigerung ihrer Argumente. Damit haben sie Erfolg. – – – – – Bei meinem Eintreffen im Herrenhaus des SED-Rittergutes sind die Parteiführer und ihre Stellvertreter nicht anwesend. Sie waren gerade bei Marschall Sokolowski 12 und kommen von dieser Unterredung aufs höchste angetan zurück. Ich höre, wie einer sagt: "Ich bin heute so froh", und eine schwere Last scheint von ihm abzufallen, "denn heute habe ich die Bestätigung erhalten, dass der Weg, den ich zur SED ging, der richtigere gewesen ist."Über das Gespräch mit dem Marschall darf erst am nächsten Morgen berichtet werden, so muss man eine Nacht lang warten.Eröffnung: Nach einleitenden Sätzen des Dankes an den Marschall und die Sowjet-Union für das von ihnen der Zone entgegengebrachte grosse Verständnis und ihre Hilfsbereitschaft kommt der Kern:Die Sowjet-Union will sich nicht an die ihr aus dem Potsdamer Vertrag zustehenden Rechte halten, sondern sogar unter Zurückstellung eigener Interessen der Ostzone zu einem höheren Industriepotential verhelfen. Beifall, lebhaftes, ergeben emsiges, Bleistiftgekritzel der meisten Zuhörer. Zufrieden sieht "unser Freund", Tulpanow 13 , wie könnte er bei solchem Anlass fehlen, in die Tischrunde hinein. Das sind Arbeiterführer nach sowjetischem Geschmack. Sie leben in irgendwelchem Parteidunst und haben schon längst den Boden der Realität und die Verbindung mit der von ihr angeblich betreuten Arbeiterschaft verloren. Bei ihnen spielen die Fragen der Organisation, des Aufbaues der Partei, der Sicherung von Nachwuchs und Funktionären durch Schaffung von Kreis- Landes- und Reichsparteischulen eine erstrangige Rolle. Als primär gilt selbstverständlich auch die Propaganda und die politische Ausrichtung der Funktionäre und der Partei auf bestimmte Parolen, Agitationspunkte genannt.Was wissen sie von der konkreten Lage in der Zone, von den Ursachen für die Nöte in ihr?! Jede einschlägige Dienststelle, wenn sie diese fragten, würde diesen Kritzlern sagen, dass die Russen, wenn sie das durch ihren Marschall Verkündete wirklich wahr haben und das Industriepotential höher als in Potsdam vorgesehen steigern wollen, sie einen guten Teil der zum Abtransport gekommenen Demontagen wieder aus Russland zurückbringen müssten.Die sowjetische Gnadensonne strahlt nach der Begeisterung des Redners noch wärmere Strahlen aus:Die Sowjet-Union ist sogar bereit, von den ihr gehörigen AG‘s – die Professoren in Moskau wussten besser um das Zweifelhafte dieses Eigentums – hochwertige Werke den Ländern zurückzugeben."Sie gibt die einzige Hochofenanlage in der Zone" – hallo, das geht mich an – "die bekannte Max-Hütte in Unterwellenborn dem Lande zurück." – Frohe Zustimmung und Beifall!Im Parteileben bin ich ein schlechter Repräsentant. In meinem Amt aber weiss ich Bescheid. So weiss ich, dass jene Max-Hütte, die dem Lande jetzt so grosszügig von den Sowjets wieder rückwärts geschenkt wird, mit einem jährlichen Defizit von 20 bis 25 Millionen Reichsmark arbeitet. Die Hütte kann keine Erze aus dem Westen oder sonst vom Ausland einführen, sondern muss mit dem im Land unter unrentablen Kosten gewonnenen arbeiten. Vom Altertum her nennt man eine Gabe solcher Art ein Danaergeschenk.Weiter und weiter steigt die Gnadensonne von Berlin-Karlshorst über die kritzelnde Tafelrunde. Eine Pause. Das Thema wechselt. Ich werde munter und höre:"Der Marschall hat erklärt, dass die Oder-Neisse-Linie nach den Worten von Aussenminister Molotow ein Fakt ist. An einem Fakt kann nichts geändert werden, er ist als unabänderlich hinzunehmen. Die Partei wird versuchen, im Wege freundschaftlichen Einvernehmens mit Polen einige Erleichterungen zu erreichen."Und dann kommen die Anweisungen des Parteivorsitzenden an die Funktionäre: Die Ausführungen über die Oder-Neisse-Linie sind zunächst nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Die Parteipresse hat die öffentliche Meinung allmählich im Sinne des Standpunktes der Parteileitung – "die Oder-Neisse-Linie ist ein Fakt" – vorzubereiten. Der Kette der Funktionäre ist bis nach unten hindurch die Weisung zu geben, dass jede Diskussion über die Oder-Neisse-Linie verboten ist. Die Funktionäre haben zunächst im Rahmen der Partei und später über diese hinaus den Standpunkt der Parteileitung populär zu machen. – –"Wir sind eine deutsche Partei!" für einen Schaumberg, für Versprechungen über die Erhöhung des Industriepotentials, die jeder realen Grundlage entbehrten, für Rückgeschenke der Sowjets an die Länder, welche keine waren, verpflichtete sich als Gegenleistung die ziffernmässig grösste Partei der Ostzone, die der Zahl nach über 50 Prozent der Wahlberechtigten vertritt, den Molotowschen Standpunkt, den keine nachweisbare Rechtsgrundlage trägt, als Fakt anzuerkennen. Und nicht nur das! Die SED, "Stalins Ergebene Diener" nennt sie der Volksmund, verpflichtet sich darüber hinaus, diesen Verrat an deutschem Land und deutschen Menschen zu propagieren, ihn in den Gemütern zu verankern."Wir sind eine deutsche Partei", für Seifenblasen verzichtete die Parteiführung diskussions- und widerspruchslos auf Länder, welche seit nahezu tausend Jahren in ununterbrochener Folge zu Deutschland gehörten, auf deren Feldern sich die deutsche Ritterschaft zum Schutz Westeuropas gegen die Reiterherden Dschinghis Khans stellte, Länder, welche der Sitz ältester deutscher Sagen und Märchen sind, Länder mit westeuropäischer Kultur, geworden durch den Fleiss von Händen in hundertjähriger Geschlechterfolge!Die Sowjets gaben vor, Marx zu kennen und seine Lehren zu befolgen, dasselbe behaupten die SED-Führer der Ostzone. – Prophet und Lehrmeister Marx hat im Jahre 1870 eine Anzahl Schriften erscheinen lassen, die zum Inhalt haben: Kampf jeder Annexion! Und warum? Weil Marx in der Annexion von Ländern und Landstrichen die Quelle zukünftiger Kriege sieht.Den Sowjets und den Kommunisten als angeblichen Kennern der sozialistischen Literatur sollte darüber hinaus nicht unbekannt sein, dass die deutschen Arbeiterzeitungen es gewesen sind, die in dem Jahre des Sieges deutscher Waffen in Frankreich immer und immer wieder sich gegen die Annexionsbestrebungen ihrer eigenen Regierung gewendet haben.Die deutschen Arbeiterführer der Ostzone, in deren Amtszimmer Büsten und Bilder von Marx prangen, die Marx bei jedem dritten Satz zitieren, sind bar solcher Haltung.Sie vergessen nicht nur jeden Widerstand gegen die jeder Rechtsgrundlage entbehrende Wegnahme deutschen Landes. Sie heissen diese sogar noch gut, machen sie befehlsgemäss populär.Lüge um den Marxismus, Lüge um das Parteiprogramm, Lüge um Deutschland, Lüge und Verrat, wohin man blickt.Zu diesem Verrat deutschen Landes östlich von Oder und Neisse durch die SED gesellt sich deren Lüge um die Einheit Deutschlands. –Ich könnte diesen Abschnitt mit dem Satz beginnen und schliessen, der dem stabilen Stellvertreter der KPD [Walter Ulbricht] in engem Kreis entschlüpfte: " … wir werden doch nicht so dumm sein, die Einheit zu wollen, wo bleiben wir denn da mit der SED?!" Doch ich will den schweren Vorwurf der Zerschlagung deutscher Einheit durch die Spitzenclique der SED nicht mit dem Ausspruch eines ihrer höchsten Funktionäre fundieren, so aufschlussreich er auch ist, sondern ich will ihn mit handfesteren Tatsachen, als ein Satz ihn darstellt, beweisen.Vorbildlich geschickt hingen die Sowjets die Traube Einheit vor die Augen der deutschen Bevölkerung, und sowjetisch oft schloss nahezu jede ihrer Reden, wobei die Hand dazu den Takt schlug, mit den Worten: wir wollen ein einheitliches, demokratisches Deutschland. – Sehr schnell erkannten sie den Effekt des Wortes Einheit in den deutschen Gemütern. Was waren wir in unserer Offenheit für leicht zu betrügende Gutgläubige!Meine ersten Fahrten nach dem Westen und mein sonstiges Heranholen zahlreicher prominenter Persönlichkeiten anderer Zonen fanden in der Bevölkerung starkes Echo. Die Einheit schien der Verwirklichung näher zu kommen, an die Stelle des Scheins drohte eine Realisierung des Vorgegaukelten zu treten, drohten Hoffnungen solcher Art sich zu versteifen. Da wurde abgestoppt. Erkennbar für mich erschien als Gegner der Bestrebungen für die Einheit die Führerclique der SED auf dem Plan.Das grosse kulturelle Treffen auf der Wartburg mit dem durch sie an Tradition gegebenen Hintergrund, diese als wichtige Stufe zur deutschen Einheit gedachte Kundgebung, wurde trotz Marschallswort von "Freund Tulpanow" und seinen SED-Trabanten verhindert.Eine weitere Sprosse für die Einheit schien ein Treffen der deutschen Ministerpräsidenten in Bremen, das in seiner Anregung mit auf mich zurückging, zu werden. Die SED-Hierarchie verhinderte die Teilnahme der Ostpräsidenten an dieser Tagung: – "Es ist Sache der nationalen Repräsentation, die Einheit zu schaffen", orakelten sie.Die SED zerschlug, wie ich im späteren dartue:meinen Versuch zur Schaffung einer deutschen Stimme durch die Universität Jena angesichts der Konferenz von Moskau,die SED suchte mit allen Mitteln die Fahrt der Ostpräsidenten nach München zu verhindern und als es nicht gelang, diese Konferenz der deutschen Ministerpräsidenten zu sprengen,die SED hat durch Fälschung der Eingabe der Ostpräsidenten an den Kontrollrat deren Empfang dort verhindert und damit zugleich den Sowjets die Möglichkeit zur Verhinderung des Empfangs der Westpräsidenten gegeben,die SED hat in völligem Widerspruch zur Volksstimmung den Marschallplan durch einen Aufruf der fünfzig führenden Männer der Ostzone unter Fälschung meines Namens als Spitzenführer in unflätiger Weise abgelehnt,sie hat meinen letzten Versuch, für Deutschland wenigsten durch Schaffung eines obersten Gerichtshofes die Einheitlichkeit der Rechtssprechung zu retten, durch einstimmigen Beschluss zerschlagen.
Die SED hat, obwohl sie genau den Plan der Sowjets kennt – "wir stehen nur 80 Kilometer von Berlin ab" –, sich zum Sprecher jener Leimrute gemacht: alle Besatzungsmächte müssen Deutschland räumen", um dieses Land in seiner Gesamtheit dann den Sowjets in die Hände zu spielen.
Der Parteitag der SED in Berlin, – ich war schon ausserhalb der Zonengrenze, – schloss nach der Weltpresse mit dem Ruf:Es lebe die Partei der Bolschewiki!Es lebe das Zentralkomitee!Es lebe der Führer Stalin! – – – – –
"Wir sind eine deutsche Partei!" ... ??? – – –


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Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar , Nachlass Rudolf Paul (ms. Ausfertigung mit hs. Korrekturen).

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