Nr. 435(19)
Aussenpolitische Streiflichter

Diese Überschrift niederschreiben heisst sogleich die Begrenzung und das Ausschnittweise eigenen Wissens auf dem Gebiet der Aussenpolitik zu erkennen. Wenn ich trotz solcher Erkenntnis es unternehme, einige Lichter zu setzen, so glaube ich, dass manches von ihnen geeignet ist, manches Wissenswerte zu erhellen.
Die "Rote Armee", welche 1945 das Land besetzte, repräsentierte in Offizieren und Soldaten, in Bekleidung, Bewaffnung, Ausrüstung und sonstigem Begleitmaterial ein durch die Strapazen des Krieges stark mitgenommenes Heer. Es erholte sich in Menschen und Uniformierung sichtlich von Monat zu Monat.Die Disziplin war in den verstreuten Verbänden stark aufgelockert, bisweilen sogar fast nicht mehr da. Die geschlossene Truppe war in der Hand ihrer Offiziere. Die deutsche Bevölkerung verwunderte sich nicht wenig, dass viele Soldaten und Offiziere keine Sehnsucht nach dem politischen Russland hatten, und dass beim Rücktransport von Truppen nach der Sowjet-Union diese fehlende Sehnsucht bei einem beachtlichen Prozentsatz sogar zu Desertion 1 ausschlug. Das wirtschaftlich und in vielem auch sonst armselig gewordene Deutschland schien für viele ein Himmel gegenüber dem sowjetischen Paradies zu sein. Aus dieser Besatzungsarmee hörte man 1946 von Monat zu Monat zunehmend Äusserungen über die grosse Not in der Sowjet-Union. Das Verbrennen der Ernte durch die Dürre des Sommers, und dass auch noch in der Kornkammer Ukraine, liess bald die Klagen über den Hunger, ja über eine Hungersnot, zu einer 2 allgemeinen werden. Bis hinauf zu den Generalsfrauen wurde Brot geröstet und in die Sowjet-Union geschickt. Dass die Sowjets auch sonst aufkauften, was in Artikeln aller Art zu kaufen war, versteht sich von selbst.Aus Unterhaltungen weiss ich, wie ausserordentlich ernst die Lage zwischen Wolga und Weichsel von den Spitzen der Besatzungsmacht beurteilt wurde. Die Enttäuschung in der sowjetischen Bevölkerung war damals, und es wird noch für lange so gelten, ausserordentlich gross darüber, dass die Reparationen aus der Ostzone trotz der erbarmungslosen Auspressung der zu ihr gehörigen Länder bei der Fülle der Schäden in den russischen Riesenflächen wenig, beinahe Nichts bedeuteten.Die Sowjets sahen damals deutlich die Not ihres Zuhause wie überhaupt ihre Schwäche. Die Angriffe auf die westlichen Alliierten waren in jener Zeit noch selten und in der Formulierung zahm. Ich weiss, dass in diesem Jahre, hinauf bis in hohe militärische Spitzen, eine ausgesprochene Sorge vor einer etwaigen Auseinandersetzung mit den bisherigen Alliierten bestand. Die grosse Sorge hiess dabei: Polen! Polen ist in seiner Regierung sowjetfreundlich, sowjethörig. In der Bevölkerung sieht es anders aus. Ich weiss das zuverlässig aus den Äusserungen der Sowjets, ihrer Wut, ihrem Hass gegen die Polen, welche die durch polnisches Gebiet rollenden sowjetischen Züge plündern. Am meisten fürchtet man für die russischen 3 Frauen der Besatzungsmacht. Bei jenem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in das von 4 1939 bis 1941 von den Sowjets besetzt gewesene Polen östlich der Weichsel waren damals zu viele sowjetische Offiziersfrauen von den Polen aufs schwerste misshandelt, zum Teil sogar erschlagen worden. Das Polen im Rücken macht den Sowjets Sorge. Der Verkehr über das Bahnnetz der Tsche choslowakei ist umständlich. Die Handelsflotte in Wismar, mit der man den Verkehr durch Polen umschiffen will, ist noch nicht fertig. Die Eichen, die in Mecklenburg fielen, und das Holz der Ostzone schwimmen noch nicht auf der Ostsee. – Strategisch schlimm, nicht nur ein schlechtes, sondern zudem auch noch ein gefährdetes Eisenbahnnetz im Rücken zu wissen und daneben zu erkennen, dass die Wasserbrücke in der Ostsee 5 von den Westmächten vielleicht sehr schnell zerstört werden könnte. Ich habe die Überzeugung, und sie kommt für mich in die Nähe der Gewissheit, dass die Sowjets damals bei Erhalt ihrer Demontagen und eines Zusätzlichen: eines Milliardenkredites in wertbeständiger Währung auf diplomatischem Weg wieder weiter östlich hätten gelenkt werden können.Als die Konferenz von Moskau vor der Tür stand, herrschte bei den Sowjets nicht das Hochgefühl der Sicherheit, das sie während dieser bekamen. Die Not der Sowjet-Union war in diesen Monaten so gross, dass man darüber die Tarnung, in diesem Fall das Gesicht der Sicherheit vergass. Die Sowjets glaubten vor der Konferenz von Moskau, an der Einheit Deutschlands nicht vorbei kommen zu können. Die SED mit der Sturheit ihrer Führung, den versklavten Gehirnen 6 im Zentral-Sekretariat, ihrer Kampfansage an die Intelligenz und ihrem Versagen im Gewinnen der öffentlichen Meinung war für die Russen eine böse Enttäuschung. Das Wort "duraks" - Dummköpfe, war noch eine milde Formulierung. Dazu kamen die politischen und stimmungsmässigen Schwierigkeiten bei den Mannschaften und unteren Offizierschargen angesichts der westeuropäischen "Trugbilder". So hatten die Sowjets die Zone irgendwie leid. Ich weiss genau um ihre Befragung führender Deutscher der Ostzone über eine zukünftige Reichsregierung. Wiederholt wurde auch 7 ich bezüglich des staatsrechtlichen Aufbaues und darüber hinaus über geeignete Personen für eine Regierung im Reichsmaßstab befragt. Mein Vorschlag, die Verfassung von Weimar unter Ausmerzung ihrer in der Praxis zutage getretenen Fehler zum Ausgangspunkt zu machen, fand Zustimmung. Unmittelbar vor der Moskauer Konferenz hörte ich zum ersten Male und dann gleich einer Beruhigungsformel sich wiederholend das russische Sprichwort: "Die Wände sprechen bei der Verhandlung mit".Mitten in der Konferenz, ich war damals nicht im Amt und erhielt des öfteren sowjetischen Besuch in meinem Hause, sprang förmlich von heute auf morgen die Stimmung der Sowjets um, sie merkten, dass sie an der Einheit vorbeikamen und wurden Anhänger und das nunmehr begeistert von einem "Föderalni-Ostdeutschland" unter kommunistischem Zepter. Wenige Wochen nach Moskau hatte ich mit dem Marschall Sokolowski 8 eine Besprechung. Ich hatte darum gebeten; sie fand nur 9 zwischen ihm und mir statt. Der sowjetische Administrationschef meines Landes, General Kolesnitschenko 10 , der wegen dieses Gespräches später 11 als Gegenzeuge gegen die nachfolgende Sachdarstellung 12 aufgerufen worden ist, befand sich auch nicht eine einzige Sekunde im Zimmer. Er konnte es schlechterdings auch nicht sein, denn er war nicht weniger als 250 Kilometer von dieser im Zimmer Sokolowskis 13 in Berlin-Karlshorst stattfindenden Unterhaltung entfernt. Ich muss es der Öffentlichkeit überlassen, welcher Sachdarstellung sie folgt: der des überhaupt nicht anwesenden Generals oder der Meinen. Die Umstände, welche mich zur Unterredung veranlassten, mein Verhalten nach ihr, mein Weggang aus der Ostzone und schliesslich die Entwicklung der Verhältnisse dort, dürften als zu bewertende Argumente nicht ausser Acht gelassen werden Sokolowski 14 hatte von meinen Differenzen mit den Spitzenfunktionären der SED gehört, die in diesen Wochen besonders gross waren. Er fragt mich kurz und begleitet meine ebenso kurze Antwort mit einer bagatellisierenden Handbewegung. Dann kommen wir zum eigentlichen Zweck meines Besuches. Ich entwickle ihm: Ich will führende Männer aus allen Teilen Deutschlands, ohne Ansehen ob und zu welcher Partei gehörig, zur Schaffung eines Vorentwurfs einer deutschen Verfassung und zur Bildung einer deutschen Stimme vor der Konferenz von London und für diese zusammenfassen. Der Versuch der Parteien zur Schaffung einer sogenannten nationalen Repräsentation – ohne propagandistische 15 Fremdwörter geht es im Osten 16 nun einmal nicht – war kurz zuvor kläglich gescheitert. Die Parteien waren noch nicht einmal an den Rand ein und desselben Verhandlungstisches zusammenzubringen gewesen. Der Marschall fragt nur einmal kurz, welche Verfassungsform mir vorschwebe und was ich zur Moskauer Äusserung Molotows darüber meine. Im übrigen hört er zu.Plötzlich unterbricht er mich. Seine völlig aus dem Rahmen des Vortrags fallende Frage lässt mich aufhorchen:"Wie alt sind Sie eigentlich, Herr Präsident?""53 Jahre, Herr Marschall"."Für einen Mann ein schönes Alter. Wir hoffen, mit Ihnen noch grosse und grösste Feste feiern zu können, Herr Präsident".Ich lächelte verbindlich und denke, was kommt jetzt? "Sie kennen die wirtschaftlichen Verhältnisse Ihres Landes und der Zone" fährt er fort 17 , "meinen Sie, Herr Präsident, wenn gegen unsern Willen auf der Konferenz von London der Vorhang nach dem Westen endgültig fällt, wird dann die Ostzone allein leben können?" Die Formel "gegen unsern Willen" ist nicht neu, sie ist mir bekannt."Herr Marschall, ernährungsmassig kann der Osten ohne den Westen leben, dagegen kann er es nicht in der Wirtschaft. Die Wirtschaft der Ostzone ist stark nach der des Westens orientiert, sie ist mit ihr verfilzt. Wir brauchen den Westen für die Eisen- und Stahlindustrie, als Ergänzung und Zubringer, zu den meisten unserer Industrien. Vor allem brauchen wir die Kohle der Ruhr....""Die können wir auch aus Schlesien bekommen, Herr Präsident"."Herr Marschall, vor etwa einem Jahr haben Sie auf der Konferenz der Präsidenten erklärt, die Ostzone würde mit 1 Million Tonnen Steinkohle aus Schlesien rechnen können. Bis heute sind sie nicht eingetroffen"."Sie haben recht, die Polen" – und Verachtung verraten Stimme und Gesicht – "haben den Vertrag nicht erfüllt. Wir könnten aber die Kohle aus dem Donezbecken liefern".Die Umstände und die Höhe der mir gegenüber sitzenden Charge verbieten es, dass ich lache, ich könnte antworten: Wie kann das Donezbecken liefern? Es ist rund 2000 Kilometer ab, das Eisenbahnnetz ist denkbar schlecht, dorthin rollen die alten Schienen, die jetzt bei uns herausgerissen werden, nach dort sind die grossen Bagger, die bei uns in der Zone zur Demontage kamen, im Abtransport begriffen . – Ich wähle das behutsame Schweigen, er fährt fort:"Wenn nach Ihrer Ansicht, Herr Präsident, beim endgültigen Fallen des Vorhangs die Ostzone in der Wirtschaft nicht allein leben kann, wird es dann nicht besser für Sie sein, sich als Föderativ-Ostdeutschland an uns anzuschliessen?" –Pause. –Die Augen des Marschalls beobachten mich. Für einen Augenblick empfinde ich eine Unsicherheit, die mir sonst bei Verhandlungen fremd ist. Im langsamen Sprechen suche ich nach der Antwort:"Herr Marschall, bei der Wichtigkeit dieser Frage weiss ich nicht genau, ob ich sie richtig verstanden habe; ich bitte Sie, mir diese etwas weiter zu entwickeln, etwas näher zu begründen".Wir sehen uns beide an. Sein Gesicht ist wie immer verhangen, äusserlich lässt es keine Änderung erkennen. – Er wiederholt und ergänzt seine Frage nicht. Seiner Aufmerksamkeit sind mein Zögern mit der Antwort, mein erstes Verwirrtsein und die Langsamkeit in der Formulierung nicht entgangen. Seine Klugheit verstand diese Zeichen richtig. Verstanden hatte auch ich ihn.Mit einem Schwung wirft der Marschall das Steuer der Unterhaltung herum."Sie sprachen von ihrem Plan für London, Herr Präsident, bitte fahren Sie fort".Ich gliedere meinen Plan auf und merke, dabei, dass der Marschall nur äusserlich zuhört; seine Enttäuschung über die Unterhaltung zuvor fühle ich durch. Die Atmosphäre im Zimmer ist eine andere geworden.Als er schliesslich erklärt: "Ich bin damit einverstanden, dass Sie eine solche Konferenz einberufen ...", spüre ich deutlich, dass die Worte und die Gedanken des Marschalls sich nicht decken.Wir sind am Ende. Der Marschall ist in der Verabschiedung weltmännisch liebenswürdig, und aus einem tiefgründig lächelndem Gesicht höre ich den Satz: "Gehen Sie mit Gott". – – –Ich habe diese mir genehmigte Konferenz niemals einberufen, so viel ich mir von ihrer Genehmigung vor meinem Gespräch mit dem Marschall versprochen hatte. In dem zweijährigen Verkehr mit den Sowjets hatte ich genügend Gelegenheit gehabt, ihre Sprechweise, ihr Mienenspiel, das Doppelbödige von beiden, kennenzulernen.Ich wusste, was in sowjetischem Mund das "gegen unsern Willen" heisst, ich verstand sehr deutlich die Frage des Marschalls von Föderalni Ost-Deutschland, und an Deutlichkeit schon gar nicht mehr zu überhören war seine Empfehlung "mit Gott". Die Richtigkeit meiner Schlussfolgerungen bekam ich noch obendrein wenige Zeit später bestätigt. Mit der im Zentral-Sekretariat der SED üblichen Plumpheit sprach man dort offen aus, was "unser Freund", Tulpanow 18 , vermutlich vertraulich dem Parteipapst i. V. Ulbricht 19 mitgeteilt hatte. Verdeckt, besser jedenfalls, brachte es die sowjetische Administration an. Bis eines Tages auch bei ihr, – und zwar als der Marschall-Plan in Westeuropa starkes Echo fand, Molotow Paris verlassen hatte, die Wut gegen die einstigen Alliierten des Westens durchbrach und die Worte fand: "Die können Konferenzen machen, in London, in Paris, wo sie wollen, sie gehen alle so aus, wie die in Moskau". Wenn auch ein sowjetisches Generalswort in keiner Weise irgendeine Bindung für die Entscheidungen des Polit-Büros in Moskau bedeutet, so ist es doch als Stimmungsbarometer und echter Niederschlag der im Augenblick der Äusserung geltenden politischen Auffassung von Wert.Über das Polit-Büro selbst, die verschiedenen Strömungen und Gruppierungen in ihm, sowie welche Rolle effektiv dort Generalissimus Stalin einnimmt, bin ich nicht unterrichtet. Für falsch halte ich es aber, die in den Händen von diesen Männern tatsächlich liegende Machthalterschaft über ein Weltreich und über die noch weit grössere Weltorganisation des Kommunismus selbst mit armseligen Schimpfworten und blutrünstigen Redensarten abtun zu wollen.Jeder weiss, den Götzen macht nicht der Holzschnitzer und nicht der Vergolder, den Götzen macht der Anbeter, wobei betende Nachbarschaft ansteckt. So ist es nicht verwunderlich, dass man bei Gesprächen mit Angehörigen der sowjetischen Besatzungsmacht ausschliesslich auf Höchst-Äusserungen über ihren obersten Befehlshaber stösst. Das sagt an sich noch nicht sehr viel, solche uniformierte Ausrichtung und Begeisterung erlebten wir in Deutschland nur zu lange. Nachdenklicher macht, dass ich bei Gesprächen mit sowjetischen Kleinen und Kleinstleuten, die während des Krieges zum Arbeitseinsatz nach Deutschland gebracht worden waren, die also zur Zeit des Gesprächs ausserhalb der sowjetischen Einflußsphäre standen, ich folgendes Bild bekam:Sie schimpften, und zwar nahezu ausnahmslos über die verschiedensten Mißstände in der Sowjet-Union: über die Partei, die Funktionäre, über die Einführung der gelben Arbeiterkarte, die den Arbeiter an seine Maschine fesselte, über die Kolchose, über das System der Stachanow- Arbeiter, über das Verbot der Bet-Ecke in den Häusern auf dem flachen Land.Sehr viele, vielleicht sogar die Mehrzahl von ihnen, hatten nur Sehnsucht nach ihren Angehörigen, ihrem Dorf, ihrem Fluss, aber nicht nach dem Leben in der Sowjet-Union: Vor einer Person machten alle Halt, ob Industrie- oder Kolchose-Arbeiter, Mann, Frau oder Mädchen: vor Stalin: "Oh – Stalin, guter Mann", die Augen glänzten und das Gesicht strahlte. Das waren Leute aus der Masse, denen es in der Sowjet-Union denkbar schlecht ging.Es ist sehr leicht mit Hegel zu sagen, die Masse ist der Teil des Volkes, der nicht weiss, was er will. Die Geschichte wird einmal darüber urteilen, wie Stalin zu bewerten ist. Auf seinem Namen und auf seinen Schultern lag alles, als die Sowjet-Union bei jenem: Die Deutschen sind vor den Toren! nicht zerbrach. Darum scheint es mir bei einem echten Kampf gegen den Bolschewismus richtiger, dessen Kraftzentrum nicht mit flachen Redensarten zu vernebeln, sondern sich darüber klar zu sein, dass dort brutaler Wille zur Macht, Verachtung für millionenfaches Menschen-Schicksal 20 und kalt abwägender Verstand sich paaren. Regungen des Herzens dort zu vermuten oder an die Möglichkeit eines dauernden, gütlichen Verstehens mit solcher Partnerschaft zu glauben, ist gesteigertes Narrentum. Die ersten Verlautbarungen über den Marschall-Plan liefen wie ein Lauffeuer durch die gequälte Bevölkerung der Ostzone. Zum ersten Male schien die Hoffnung auf eine Hilfe von auswärts berechtigt, schien dieser Plan mehr als eine blosse propagandistische Erklärung zu sein. Diese Belebung in der Stimmung der Bevölkerung blieb den Sowjets selbstverständlich nicht verborgen. Ich werde auf die Administration bestellt und dort nach meiner Meinung über diesen Plan sowie darüber befragt, wie ich die Reaktion zu ihm bei den bürgerlichen Parteien und bei der Gesamtheit der Bevölkerung im Land und in der Zone werte. Dabei wird mir eröffnet, daß meine Stellungnahme zur Kenntnis dem auf dem Wege nach Paris befindlichen Aussenministers Molotow gebracht würde 21 . Diese Chance habe ich genutzt. Ich habe zunächst den Marschallplan in der dreifachen Fragestellung bejaht. Dann habe ich gegen das sowjetische Misstrauen, durch den Plan komme es in allen beteiligten Ländern zu einer Vormachtstellung der Amerikaner, angekämpft und versucht, das Ganze von einem anderen Gleis her den Sowjets schmackhaft zu machen.Das Gleis interessiert. Es hatte folgende Schienenführung: Bei einer Mitbeteiligung der Ostzone am Marschall-Plan, selbstverständlich erst recht bei einer solchen durch die Sowjet-Union selbst, würden die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Sowjet-Union und den Staaten wieder bessere werden. Diese neue Brücke könnte durch folgendes eine Versteifung erhalten: Die Ostzone ist bei ihrer wirtschaftlichen Konstellation nicht in der Lage, die von Aussenminister Molotow genannte Reparationsziffer von zehn Milliarden Dollar in Bälde aufzubringen. So fliessen trotz letzter Herausholung der Reparationen aus der Zone, der Sowjet-Union, in der Masse und in der Dringlichkeit gesehen, nur ungenügende Mengen zu. Das hat in der Rückwirkung zur Folge, dass der Reparationsdruck ausserordentlich stark auf der Zone liegt. Beiden, der deutschen Bevölkerung wie der Sowjet-Union, wäre in folgendem zu helfen. Von deutscher Seite, sodass ein Fehlschlag niemals einen Prestigeverlust für die Sowjets bedeutet, muss die Anregung, ja sogar der Vorschlag kommen, dass die Sowjet-Union einen grösseren Teil ihrer Reparations-Forderungen gegenüber Deutschland an die Staaten abtritt und dass diese in solcher Höhe der Sowjet-Union eine Anleihe geben…..Ich bin im Weitersprechen unterbrochen worden. Der Telefondraht summte nach Karlshorst, von dort vermutlich weiter; das sowjetische Ufer vergass das tarnende Schild, es war begeistert.Diese Gedankenentwicklung trug ich den Spitzen der bürgerlichen Parteien im Land und darüber hinaus maßgeblichen deutschen Persönlichkeiten aus Ost und West vor und fand allerorts lebhafte Zustimmung.Die Abreise von Molotow aus Paris zerschlug alle Hoffnungen. Ob und inwieweit meine Anregung in Paris überhaupt zum Gegenstand einer Besprechung gemacht wurde, entzieht sich meiner Kenntnis.Ich bringe dieses Streiflicht nur, um zu zeigen, wo der Schuh den Sowjet drückt.Werden die Sowjets nach dem Westen kommen?, heisst die meist gestellte Frage. Ich weiss es natürlich nicht. Mancher bisher geschilderte Punkt spricht gegen eine solche Annahme. Zwei weitere seien noch erwähnt.Die sowjetischen Generäle beherrschen, wie die der anderen Armeen, das militärische ABC. Sie kennen, um den Inhalt einer Unterhaltung wiederzugeben, Clausewitz und seine strategische Philosophie. Die Tiefe des russischen Raumes, der nach Clausewitz bei den zu seinen Lebzeiten bekannten Waffen wohl Schlachtensiege über die Russen, dagegen nicht eine Besiegung des ganzen Landes durch einen Feind für möglich hält, spielte dabei im strategischen Denken des sowjetischen Militärs eine wichtige Rolle. Sie sehen in der Tiefe des Raumes eine Strategie-Reserve höchster Ordnung gegenüber jener konträr laufenden Abnützung des Angreifers, der sich durch die Länge der Etappe in diesen Raum hinein von Tag zu Tag mehr schwächt.Bei einem sowjetischen Vormarsch gen Westen müssen die Sowjets ihre Bindfäden-Etappe, denn anders ist sie kaum zu benennen, zwangsläufig noch vergrössern. Es liegt bei ihnen, ob sie ein von ihnen sonst für richtig gehaltenes strategisches Gesetz in eigener Sache in umgekehrter Richtung glauben umdrücken zu können. Bei dem von ihnen durchgeführten Abbruch vieler für den Nachschub wichtigster Industrien und nahezu der gesamten Benzin schaffenden Hydrieranstalten mit deren Verlagerung nach dem fernen Osten scheint solches zweifelhaft zu sein. Im übrigen entscheidet über diesen 22 Vormarsch ja oder nein, wie über Krieg überhaupt nicht die Generalität, sondern das Zentralsekretariat 23 . Bei ihm dürften bei seiner bisherigen Politik weniger erste, flüchtige Seifenblasensiege gen westwärts als die Erwägung des Erhalts seiner Machtstellung vor gefährlichen Rückschlägen im Vordergrunde stehen. Solche Erkenntnis schliesst nicht aus, dass sich die Sowjets nach aussen hin militärisch als besonders stark gebärden. Das bisherige Ausweichen des Westens mit dem damit Hand in Hand gehenden fast überdimensionalen Aufplustern der Sowjets entspringt ihren Naturell. Ihren in die Welt hinaus projizierten Zahlen, und das ist der zweite Punkt, muss man mit Vorsicht begegnen, sie dienen der Schreckwirkung, der Propaganda. Ich erlebte des öfteren, und ich dürfte mit solchem Erleben nicht allein dastehen, die Frisur sowjetischer Statistiken. Beim Militär geht die Rechnung bekanntlich immer auf.

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Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar , Nachlass Rudolf Paul (ms. Ausfertigung mit hs. Korrekturen).

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