Nr. 435(18)
Der Griff aus dem Dunkel

"Verhärte Dein Herz gegen den Untertan, das Volk achtet nur den, der es in Schrecken hält". Wüsste man nicht, dass dieser Satz eine Regierungsmaxime ägyptischer Pharaonen vor viertausend und mehr Jahren gewesen ist, so könnte er in Moskau geprägt worden sein. Das In-Schrecken-Halten ist eine der fühlbarsten Äusserungen der bolschewistischen Machthalterschaft.
Im Gegensatz zum nazistischen Terror, der sich in der Regel in lauter Form äusserte, der sichtbar für jeden seine Boykottposten aufstellte, der in der sogenannten Kristallwoche mit Lärm die Fensterscheiben jüdischer Geschäfte einschlug, deren Inhalt vor den Augen der Bevölkerung plünderte, die Juden mit dem gelben Stern behaftete, und man möchte fast sagen, sie vor den Augen der Welt liquidierte, sind die Terrormethoden des Ostens meist anders, liegen sie selten so plump auf dem Tisch.Blitzartig, völlig überraschend, meist in der Stille der Nacht, treffen sie ihr Opfer. Der Griff aus dem Dunkel mit der Lautlosigkeit des Einsatzes und dem spurlosen Verschwinden des Gepackten, seiner stummen Auslöschung irgendwo und irgendwann in irgendwelcher Form hat Unheimliches an sich, lässt in der Welt Millionen über Millionen erzittern – auch die Henker, von denen keiner weiss, ob er nicht morgen zu den Gehenkten gehört. –Der Name der Organisation, welche die Henker, – um zunächst bei diesem Bild zu bleiben – zusammenschweisst, ist im Laufe der Jahrzehnte wiederholt geändert worden. Jeder dieser Namen verbreitet weit über die Grenzen der Sowjet-Union hinaus Angst, Widerwillen und Grauen und mahnt an die Ströme von Blut und Tränen, die seiner Daseinsäusserung folgen; – Tscheka, GPU, NKWD, und neuerlich MWD ist die Firmierung der sowjetischen, politischen Polizei. Im Gegensatz zur Wandlung der Namen haben sich ihre Methoden nicht oder nur wenig geändert.Im Laufe der zwei Jahre, die ich zwischen den Sowjets verbrachte, kam ich auf Grund meiner Stellung, wenn auch nicht regelmässig, so doch oft, beruflich mit der NKWD und ihren Offizieren, hinauf bis zu ihrem General, in Berührung. Es ist für den Aussenstehenden fast unmöglich – nur Leichtgläubige und von politischem Zweifel nicht Beschwerte wissen natürlich alles – wirklich zuverlässiges Material über interne Vorgänge dieser Organisation, über ihre Querverbindungen und vor allem über die Stelle, welche wiederum sie ableuchtet und kontrolliert, zu erhalten. Schon vollends ausgeschlossen ist es, Tatsachen darüber zu erfahren, inwieweit Verbände der MGB, des sowjetischen Ministeriums für Staatssicherheit, in der Ostzone mit zum Einsatz gekommen sind.Auch die NKWD und ihre Mitglieder unterliegen in dem schachbrettartig aufgezogenen Kontroll- und Gegenkontrollsystem des Bolschewismus der Gegenbeschattung und Durchleuchtung. Das Wort NKWD und jede Verbindung eines Gesprächsthemas zu ihr schliessen sofort jeden sowjetischen Mund, und der, welcher spricht – "vertraulich" natürlich –, lügt bewusst.Für den Aussenstehenden zeigt sich der NKWD in zweierlei Gestalt: in einer versteckteren Form, nennen wir sie darum im Folgenden die verdeckte, – und in jener, welcher hinter Bretterzäunen, Drahtverhauen, in Gefängnissen, Kellern und Konzentrationslagern ihr Eigenleben führt. Nennen wir sie im Nachfolgenden die offizielle NKWD.Es ist müssig, darüber zu streiten, welchen von beiden die gefährlichere ist, ich glaube, sie nehmen sich gegenseitig nichts. Die verdeckte ist in ihrem Auftreten und Wirken nach aussen hin weniger Schrecken einflössend. Sehr viele erkennen sie als solche zunächst überhaupt nicht. Sie ist in die Administration oder in die Kreiskommandantur eingebaut, scheint eingebaut zu sein. In ihrer Nähe klirren nicht so erkennbar Gefängnisschlüssel und Marterwerkzeuge.Ein Deutscher, der politisch verdächtig ist, oft von deutschem Denunziantentum dazu gemacht wird, erhält selten eine Vorladung zur offiziellen NKWD ins Gefängnis. Solche Schreckwirkung wird zunächst vermieden, wenn vielleicht auch nur aufgespart. – Man bestellt den Betreffenden in eine Dienststelle der Sowjetischen-Militär-Administration; dorthin geht er zwar auch nicht in der gehobenen Stimmung eines Frohgefühls, aber doch immerhin ohne grösste Furcht. Nach einigen einleitenden Sätzen durch einen Offizier dieser Verwaltungsstelle sieht sich der Geladene in der Regel einem zweiten, oft Zivil tragenden, gegenüber. Er scheint dort auch stationiert zu sein, doch er ist ein Vertretet der NKWD.Die Vernehmungstechnik besteht zunächst darin, einen Menschen sehr oft über ein und dasselbe Thema zu vernehmen. Der Zweck ist erkennbar, man sucht ihn in Widersprüchen zu verwickeln, um ihn als "Lügner" klein machen zu können.Das Vernehmungstempo ist, wie ich von allen hörte, die sich mir anvertrauten, für westeuropäische Begriffe schleppend. Die NKWD hat unendlich viel Zeit, oft auch im Wartenlassen des Geladenen. Es liegt auch hierin ein System. Der Geladene wird in Unruhe versetzt, man überlässt ihn Vermutungen, der Angst vor dem Ungewissen.Die Behandlung des in der Vernehmung Befangenen wechselt zwischen unechter Honigsüsse und echter Misshandlung, ganz wie es der Untersuchungszweck, das angestrebte Untersuchungsziel und – nicht zu vergessen – die Reaktion des Vorgeladenen verlangt.Die Nacht mit ihrer leicht ans menschliche Herz heranzuschleichenden Angst ist die übliche Vernehmungszeit bei der offiziellen NKWD, bei der verdeckten ist es zunächst der Tag.Während und vor allem am Ende der Vernehmung wird der Vorgeladene dahin durchgeknetet, dass er über die Tatsache der Vernehmung und erst recht selbstverständlich über deren Inhalt keinem Menschen ein Wort sagen darf. Er hat sich zu solchem Schweigen in der Regel schriftlich zu verpflichten, und es wird ihm kein Zweifel darüber gelassen, dass er bei der Verletzung solchen Schweigegebotes mit allem, auch mit dem Ärgsten zu rechnen hat. Die Angst vor der NKWD und ihre Einschüchterungsmethoden sind so gross und so nachhaltig, dass sie bei den meisten verfangen.Das Schweigegebot gilt in erhöhtem Maße für die, welche unter Druck zu Spitzeln und Agenten gepresst werden. Der menschliche Abhub, der sich von sich aus der NKWD zu ihrer Menschenbeschleichung und zu ihrem Menschenfängertum zur Verfügung stellt, befolgt auf Grund seiner inneren Verbundenheit mit solchem abgrundtiefen Tun das Schweigegebot viel leichter.Selbstverständlich unterschreiben alle, ob Freiwillige oder Gepresste, jenen Revers, nach dem sie sich bei der Verletzung ihrer Schweigepflicht als schuldig und der Urteilsfällung durch die NKWD als verfallen bekennen.Die Agenten, welche für die NKWD laufen, werden, – von den Spitzenagenten abgesehen –, von der verdeckten NKWD angesetzt und gelenkt. Die zunächst am Tage laufenden Unterhaltungen bei ihr finden dann ihre Verlagerung in die Nacht und in deren Standquartier. Die verdeckte NKWD führt ganz, wie ihre offizielle Schwester, ein Eigendasein innerhalb der Sowjets.Die Angst vor der NKWD ist nicht nur bei den Deutschen, sie ist genau so bei den Sowjets und läuft ebenso auch durch die Reihen der NKWD selbst. Keiner, auch kein Angehöriger der NKWD, ist ganz sicher, ob nicht auch ihm, – und von wem, – und weswegen – ein Unheil droht. Darum findet man hier, mehr als sonstwo, das unauffällige Abschirmen des Einzelnen gegen alle, auch den Freund.Den NKWD-Offizieren fehlt es äusserlich an Nichts, sie trinken auffallend viel und sind auffallend stark den Genüssen des Lebens zugetan. Sie kennen den vulkanischen Boden, der sie trägt. Vielleicht ist auch das eine entfernte Erklärung für die Vereisung ihrer Herzen gegenüber der seelischen und körperlichen Pein ihrer Werkzeuge und Opfer. Ich sah eine grössere Anzahl von ihnen hinauf bis zur hohen Charge von Generalsstreifen in Ungnade fallen und gen Osten verschwinden.Unter dem Naziregime war ich wiederholt Objekt von Gestapoverfahren. Ich stand auch als Angeklagter vorm Sondergericht und wurde reichlich oft zu Vernehmungen in die Höhle Himmlers, der Gestapo in der Prinz-Albrecht-Strasse in Berlin geladen. So wurden mir die Methoden der Gestapo und ihrer Reichsspitze vertraut, und ich hatte auch sonst noch Gelegenheit, tieferen Einblick in ihr Gewerbe zu nehmen. Ich glaube die Gestapo dahin beurteilen zu können, dass sie trotz allem eine Schülerin war, die den Grad der Reife für die NKWD noch nicht erreicht hatte.Meine in das Innere der NKWD hineingehenden Kenntnisse erwarb ich verhältnismässig spät. Das ist erklärlich.Der NKWD hatte bezüglich meiner Person eine Aufgabenstellung verschiedener Art. Sie hatte zunächst einmal mich in allen Lebensäusserungen zu überwachen. Eine zweite Aufgabe hiess, mir eine rosafarbene Brille aufzusetzen. Sie hatte, wie wir im einzelnen später noch hören werden, zu verhindern, dass schwerwiegende, krasse Tatsachen aus dem Lande bis zu mir durchdrangen. Und sie hatte in dieser Zielrichtung damit zugleich die Aufgabe, sich selbst als eine gewiss strenge, aber keineswegs mit Terror behangene Polizeistelle zu zeigen.Ein Leiter der offiziellen NKWD bittet um meinen Besuch in seinem Quartier, das sich damals noch im ersten Hotel der Stadt befand. – Als ich im Treppenhaus hochgehe, kommt mir von oben eine athletische Figur entgegen. Ich erkenne den Mann sofort: ehemaliger Preisboxer, Krimineller und der Anführer der Kommunisten bei den schweren Unruhen im Jahre 1923."Na, Doktor", klingt es mir gönnerhaft von meinem Vorbesucher bei der NKWD entgegen, –"wie geht's", und er erinnert mich sofort an ein Anderes: "das war ein Tempo, Doktor, mit dem Sie uns damals mit Ihrer Polizei vom Simson-Brunnen haben herunterholen lassen..."! – Wir sind alte Bekannte. Als Staatsanwalt 1923 1 war ich während der kommunistischen Unruhen mit weitgehenden Vollmachten ausgestattet gewesen und hatte durch Einsatz kasernierter Polizei die kommunistischen Anführer, darunter auch ihn, schnell bedient. Der Leiter der NKWD lässt weder durch Miene noch durch Wort erkennen, dass er irgend etwas von meinem Vorbesucher über mich und die Liquidierung kommunistischer Unruhen gehört hat. Es scheinen ihn ausschliesslich persönliche Interessen zu beschweren. Er möchte sich höchstpersönlich elegant equipieren und meint, ich sei die zuständige Stelle dafür.Es kann dahingestellt bleiben, ob diese Spitze der NKWD mir durch die Blume ihr Wissen um meine frühere amtliche Tätigkeit andeuten wollte. Jedenfalls konnte ihr dieses Eingreifen von damals auf die Dauer nicht verborgen bleiben. Neben den Verhafteten selbst waren noch ein grösserer Teil der rund 8000 Menschen da, aus deren Mitte heraus die kommunistischen Schreihälse geholt worden waren.Es ist interessant, dass ich niemals eine entfernte Andeutung davon gespürt habe, und nur die NKWD weiss, ob sie mich dadurch in Sicherheit wiegen oder von diesem in sowjetischen Augen schwarzen Fleck auf meiner Weste erst sehr viel später einmal, vielleicht auch garnicht, offiziell Kenntnis nehmen wollte. Von dieser Abstreife ins Milieu 2 kehren wir zur NKWD, ihrem Auftrag und ihrem Handeln zurück. Die NKWD beiderlei Schattierungen überzog – und ich spreche im Rückblick aus nach und nach gewordener Erfahrung – das Land mit einem Netz von Agenten. Die Zahl der Knoten dieses Netzes stieg stetig an, es wurde zunehmend engmaschiger.In jedem besetzten Land, mag es heissen, wie es will, mag die Besatzungsmacht diesen oder jenen Uniformstoff tragen, gibt es Zuträger und Verräter. Das Agenten- und Spitzelwesen der Ostzone unterscheidet sich solchem trüben Treiben gegenüber durch die Grösse der Organisation, die enge Vermaschung und die Peinlichkeit der Kontrolle des Netzes.Jeder maßgeblichere Träger in der NKWD betreut bis zu 5 deutsche Agenten oder Agentinnen. Mehr sollen es nicht sein; sie sollen durchgearbeitet werden. Für jeden und jede hat der betreffende Sowjet einige Nachtstunden eines bestimmten Wochentages reserviert. In ihnen erfolgt Berichterstattung und neue Auftragserteilung, selbstverständlich auch mit einer solchen, welche der Bespitzelung anderer Agenten dient. Dieser feste Stamm umfasst in einem Land viele hundert Personen. Zu diesen gesellen sich zusätzlich die Spitzel der politischen Abteilungen der Administration und Kreiskommandanturen. Die zu beiden Kategorien endlich stossende Zahl der Denunzianten lässt dieses Heer von Verrätern in die Tausende gehen. Die NKWD ist ein Seelenkenner des Menschen, und sie sucht zunächst dessen schwache Stelle zu finden. Die Schwäche spielt im menschlichen Sein eine grosse Rolle. Zu irgend einer Schwäche neigt nahezu Jeder. Viele 3 Menschen sind Götzendiener des Vergnügens und verfallen 4 zu einem nicht geringen Teil seinen tieferen Schattierungen: dem 5 Massenverbrauch an Alkohol, dem 6 Geld, dem Sexus 7 . Über diese Schwächen fängt die NKWD die meisten, bricht deren Willen, macht sie zu Werkzeugen, zu Verrätern. Sie nutzt dabei die ihr bekannt gewordenen, bisweilen auch durch sie erst ausgelösten Schwächen nicht nur dazu aus, um die Betreffenden zu gewinnen. Mit denselben Schwächen und einem guten Schuss Angst hält sie die Agenten auch im Trab an der Arbeitsdeichsel. Endlich bedient sie sich ihrer zu einem Dritten: zur Liquidierung ihrer Werkzeuge, denn liquidiert werden auch sie eines Tages.Die Agenten selbst setzen sich aus allen Schichten der Bevölkerung zusammen. Sie entstammen parteipolitisch den Lagern aller Parteien, sie sitzen sogar auf Ministersesseln. Einer Sparte unter ihnen kann man ein gewisses Mitgefühl nicht versagen: es sind die Gepressten. Alle die, welche von Geburt her oder durch politische Vergangenheit im Sinne der Sowjets 8 Dreck am Stecken haben, sind für die NKWD am leichtesten zu fangen. Alter Adel, ehemals grosser Landbesitz, frühere Parteimitgliedschaft in der NSDAP, Offiziersfrauen, nach der Oktoberrevolution aus Russland Geflohene oder aus den Randstaaten Evakuierte müssen auf Verlangen in die Kandare gehen, sonst kommen sie zum Abtransport. – Ganz anderes gilt bezüglich der Agenten, welche vom Kriminellen her den Weg zur NKWD finden. Sie sind deren skrupelloseste Werkzeuge, sie bedeuten für die ordentliche Bevölkerung die grösste Gefahr, sind deren furchtbarste Geissel.Der Sowjet ist politisch geschult. Er macht sich, so es irgendwie zu vermeiden ist, nach aussen hin nicht die Hände schmutzig. Die SED-Polizei und nicht die Uniformierten der NKWD 9 schiessen die deutschen Grenzgänger an der Zonengrenze über den Haufen, wenn sie bei ihrer Flucht nach dem Westen beim Anruf nicht stehen bleiben. Die SED-Polizei verhaftet im Auftrag der NKWD die politisch verdächtigen Deutschen und gibt sie dann an die NKWD ab. Erst recht aber sind die deutschen Kriminellen und in ihr die Berufsverbrecher die gefügigsten Werkzeuge dieser sowjetischen Polizeimacht. Sie und ihre Dirnen gehen nicht nur über Leichen, manche von ihnen tanzen darauf. Wenige Kilometer von der Landeshauptstadt Weimar 10 entfernt liegt das bekannte Konzentrationslager Buchenwald. Sein Name klingt nach Frieden und Ruhe. Die Ausschüttung von etwa 40 000 --- Berufsverbrechern und politischen Häftlingen im Mai 1945 hinein ins Land bedeutete für diese eine schwere innere Belastung. Dabei meine ich, dass die Aufdeckung der letzten Geheimnisse um dieses Buchenwald des Nazireiches 11 und die in ihm von den Kommunisten geübten Methoden noch ihre Zeit gebraucht. Was bisher geschrieben wurde, ging daran vorüber, dass in diesem Lager ungezählte Menschen, und zwar bevorzugt der Intelligenzschicht Angehörige, von den Kommunisten ums Leben gebracht worden sind. Unter der Glocke des SS-Staates herrschte im Lager selbst die Kommune, entschied sie über Leben und Tod. Die zeugenmässige Erforschung der Wahrheit scheiterte bisher an der Angst der Wissenden vor der Rache der Kommunisten. Wobei ein Zweites nicht übersehen werden darf, dass viele Häftlinge bei ihrem so-viel-voneinander-Wissen untereinander eine Zwangszeugenschaft bilden, die auf dem Grundstrich läuft: den Eid wollen wir sehen, den wir nicht leisten.Die Verfilzung der ehemaligen Häftlinge untereinander, und zwar gleichgültig, ob sie im Lager Träger eines roten Winkels (politisch) oder eines grünen (kriminell) gewesen waren, war so gross, das man bezüglich ihrer Zugehörigkeit zur politischen oder kriminellen Sparte wiederholt irregeführt wurde. Selbst in meine engere und weitere Umgebung hinein wurden Kriminelle unter der Vorgabe politischer Belastung geschmuggelt. Darum erliess ich eine Anweisung, nach der von allen in massgeblichen Stellen des Landes befindlichen Personen der Strafregisterauszug anzufordern war. – Dieser Erlass hat die kriminelle Unterwelt und, was ich damals in dieser Klarheit noch nicht wusste, das Gros der ehemaligen kommunistischen Häftlinge Buchenwalds gegen mich in Marsch gesetzt. Er brachte auch die sowjetische N KWD gegen mich auf den Plan. Auf meinem Amtstisch liegt der Strafregisterauszug eines Mannes der rund 20 kriminelle Vorstrafen aufweist und der, – jede dichterische Erfindung bleibt gegenüber der Wirklichkeit zurück – ausgerechnet der Direktor einer der grössten Strafanstalten des Landes ist. –Justiz und Strafvollstreckung werden von der sowjetischen NKWD überwacht und gelenkt. Das Justizministerium hatte sich wegen des Hinauswurfs dieses Kriminellen gegenüber der NKWD nicht durchzusetzen vermocht. Darum schob ich mich ein und bat die Spitze der NKWD zu mir:"Herr Oberst, der Mann muss gehen, es ist untragbar einen Berufsverbrecher als Direktor an der Spitze einer Strafanstalt zu haben"."Die Vorstrafen liegen in der kapitalistischen Zeit, Herr Präsident", – antwortet er mir unbefangen, – "der Mann ist ein Opfer des kapitalistischen Systems, ….."Bin ich verrückt geworden!? Doch ich komme nicht zum Einwurf, unberührt um westeuropäische Moralauffassung fährt der Oberst fort: "der Mann hat sich ausserdem in der Zwischenzeit verdient gemacht. Wir sind mit seiner Arbeit zufrieden".Verdient!?, auch eine Lesart. Die äussere Beherrschung fällt mir bei meiner Empörung schwer:"Herr Oberst, der Bursche hat während seiner Tätigkeit als Leiter der Strafanstalt einen weiblichen Häftling geschwängert. Die Frau sollte dieserhalb vernommen wenden. Sie ist seit dieser Zeit spurlos verschwunden, – vielleicht ermordet!"Der Oberst antwortet zunächst nicht, seine Augen sagen: – sprich weiter. Ich fahre fort:"Ihr Mann hat sich einer zweiten Amtsverletzung, – der Freiheitsberaubung im Amt, – schuldig gemacht. Er hat Gefangene, die ihre Strafe abgesessen hatten, weiter in Haft behalten, weil sie ein Handwerk verstanden, das er gerade brauchte! Zum dritten ist er wegen Gefangenenbefreiung zu bestrafen, weil er Häftlinge, die ihm Schnaps und Lebensmittel versprochen haben, auf 'Ehrenwort' beurlaubt hat. Einige haben das Ehrenwort vergessen und sind nicht wiedergekommen!"Doch der Oberst will nicht verstehen. Wir wiederholen uns in unseren Erklärungen; dann versteift er sich:"Der Mann ist politisch in Ordnung. Er ist gut; wir sind mit ihm zufrieden, Herr Präsident, er muss auf seiner Stelle bleiben".Jedes Ding hat sein Ende, meine Geduld ist vorbei:"Machen Sie ihn zum Präsidenten, Herr Oberst! Einem Lande, in dem ein solcher Verbrecher gedeckt wird, stehe ich nicht vor."Stille!Im Gesicht des Leiters der NKWD ist nicht erkennbar, welche Gedanken in seinem Gehirn arbeiten. Die Antwort fällt langsam:"Ich bin damit einverstanden, der Mann wird entfernt". –Das war eine Niederlage der sowjetischen politischen Polizei; dass sie zudem noch in Gegenwart dritter geschah, wurde wohl nicht vergessen.Soll ich vorgreifen? Dieser Berufsverbrecher wurde, wie ich vor meinem Weggang zuverlässig erfuhr, von seinem sowjetischen Protektor hinter meinem Rücken zum Verwaltungsdirektor eines grossen Krankenhauses gemacht. Keine deutsche Stelle wagte, mich von diesem erneuten Einbau zu informieren, so gross ist die Angst vor der NKWD.Und der Griff aus dem Dunkel? Er hat seine Opfer geholt, begonnen in hohen Amtsstellen bis hinunter in die grosse anonyme Masse der Bevölkerung. Die Zahl der Verschwundenen ist nicht feststellbar. Die Amtsstellen, die darüber am ehesten und am zuverlässigsten Auskunft hätten geben können, waren im Sinne des demokratischen Staates unzuverlässig, sie waren mit Kommunisten besetzt. Nicht feststellbar war auch der Verbleib.Über die Martermethoden zu schreiben lehne ich ab, ich kenne sie nur vom Hören – und – Sagen. Ich habe über zwei Jahre hindurch immer und immer wieder versucht, Licht in das Dunkel solcher Griffe zu bringen, Verhaftete zu befreien. Ich bin nicht bei den unteren Stellen der Sowjetischen Militär-Administration und bei der NKWD stehen geblieben und habe es schon gar nicht bei 12 einigen wenigen Versuchen bewenden lassen. Ich bin persönlich, als gar nichts half, als höchste Militärstellen durchblicken liessen, dass man sie in Angelegenheiten, in denen die NKWD arbeite, nicht ansprechen solle, zur obersten Spitze nach Berlin-Karlshorst gefahren und habe unter Darlegung der Stimmung im Lande um Abhilfe gegen den "Griff aus dem Dunkel" gebeten. Das Ergebnis war: Null. Nach wie vor verschwinden Jugendliche und Erwachsene und sind einfach nicht mehr da. Die deutsche Polizei kann nur sagen, wann und wo sie einen Unglücklichen zur Ablieferung brachte. Über das Weitere weiss auch sie nichts.Alle meine schriftlichen Eingaben an die NKWD wurden durch Zeitablauf beantwortet, ihre Einreichen wurde nachgerade sinnlos. Die mündliche Anfrage erhielt ausweichende Erklärungen, Vertröstungen oder zum Teil sogar Versicherungen eines angeblichen Nichtwissens. So wuchs 13 das Konzentrationslager Buchenwald, das man der Vergangenheit angehörend wähnte, sich wieder zu einer Sammelstelle tausendfältigen menschlichen Elends aus. Ein K.Z.-Lager Hannewacker bei Nordhausen, das besonders radikale Kommunisten aufgezogen und mit ehemaligen Nazisten belegt hatten, habe ich durch eine Fahrt nach dort mit entsprechender Deutlichkeit gegen seine Errichter zur sofortigen Auflösung gebracht. Dem KZ-Lager Buchenwald gegenüber war ich machtlos; ich kam weder hin, noch erfuhr ich Zuverlässiges.Soweit ich Verhaftete der NKWD freibekam – ihre Zahl ist sehr gering –, sassen sie noch nicht in Buchenwald. Aus ihm gelang mir die Befreiung keines einzigen. – Soweit ich aber Insassen von dort wieder erlebte, waren sie zu Agenten der NKWD geworden und liefen dann für die "offizielle" Schattierung.Am Zuverlässigsten bin ich noch über das Verschwinden Jugendlicher informiert, wobei ich zur Vermeidung von Gefahr für Leib und Leben Dritter auf die restlose Wiedergabe von Einzelheiten verzichten muss. Nach dem mir bekannten Material ergibt sich, – um den juristischen Ausdruck letzter Vorsicht zu gebrauchen – mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit folgendes Bild:Die Torheit einiger weniger Jugendlicher in einem Teil des Landes, sich als Wehrwolf [sic] zu gebärden, gab der NKWD einen willkommenen Vorwand, die Reihen der Jugendlichen mit dem Griff aus dem Dunkel wahllos zu lichten. Die Not der Jugendlichen lag mir besonders am Herzen, und ich nahm mich ihrer mit Nachdruck an. Nach wiederholten Vorstellungen wurde mir bei der Sowjetischen Militär-Administration endlich Nachprüfung zugesichert. Ich liess nicht locker. Dann erhielt ich von der Militärverwaltung und von der NKWD zu wiederholten Malen das Versprechen, dass die verhafteten Jugendlichen wieder in Freiheit kämen, von denen der Nachweis gebracht werden könne, dass deren Eltern Antifaschisten seien. Diese Listen mit den geforderten Nachweisen für jeden einzelnen Namen wurden wiederholt eingereicht. Die Zusicherung wurde niemals eingelöst. Die Jugendlichen kamen zunächst in örtliche Gefängnisse, dann nach Buchenwald. Sie rekrutierten sich aus Schülern 14 höherer Schulen, Lehrlingen, Gesellen. Von dort kamen sie, – von einem grösseren Trupp weiss ich es, – nach Sibirien. Weltgewissen?!Jugendliches Leben wird dem Mutterboden entrissen und gleich Vieh zum Abtransport gebracht, der Sklaverei zugeführt. Gegenüber solchem Tiefstand unseres menschlichen Heute wird die Frage sekundär, ob man die jungen Menschen als Arbeitssklaven in Bergwerken, Wäldern, oder sonstwo zu Hassern der Welt macht oder ob man sie nach zuvoriger politischer Umpressung als Kämpfer unter einem fremden Uniformtuch zum Siege für Sicher und Hammer im fernen Osten ins Feuer schickt.

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Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar , Nachlass Rudolf Paul (ms. Ausfertigung mit hs. Korrekturen).

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