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Ein Volk auf der Strasse

Fuhr man in jenen Herbst- und Wintermonaten des Jahres 1945/46 durch das Land, so kehrte man, wenn das Herz nicht versteinert war, trotz aller anfänglichen und sichtbaren Fortschritte auf den Gebieten der Wirtschaft und des täglichen Lebens seelisch tief angeschlagen in das Amt zurück.
Die Landstrassen waren bevölkert von menschlichem Elend, entwurzeltem Treibgut, das sich von Osten nach Westen schob. Die grösste Menschenverpflanzung, welche die neuere Weltgeschichte kennt, Millionen und nochmals Millionen ihrer Heimat Beraubter waren im Marsch. In Eisenbahnzügen, auf Fahrzeugen – zum Teil vorsintflutlicher Art – zu Rad, zu Fuss schleppten Millionen armseligste Habe mit. Ein Volk auf der Strasse. Und wie kamen sie an? Am Ausgangspunkt, in Polen oder in der Tschechoslowakei, und unterwegs waren sie nur zu 1 oft ausgeplündert, waren die arbeitsfähigen Männer aus diesen Elendszügen herausgekämmt worden, verblieben Greise, Frauen und Kinder, der Willkür preisgegeben, kamen Züge völlig Ausgeraubter aus Polen an, die Frauen bisweilen als einzige Oberbekleidung die Wickelschürze. Ich habe erleben müssen, wie aus der Tschechoslowakei im kältesten Winter, in den ersten Januartagen 1947, bei hohem Frost, Menschen ohne jegliche Heizung in den Zügen – mit Vieh geschieht so etwas nicht – nach Deutschland abgeschoben wurden, wobei in den einzelnen Zügen der Tod des Erfrierens Dutzende hinweggerafft hatte. Geradezu chaotische Zustände drohte einmal der Elendszug von Ost nach West zu bringen, als das Land Sachsen von heute auf morgen rund eine Million Flüchtlinge auf die Strasse werfen und nach dem Westen zum Abschub bringen wollte. Die jeder Schleusung, jeder Fürsorge baren Menschen in einem Millionen-Haufen drohten gleich einem Heuschreckenschwarm alles, was sie durchzogen, als Elendswüste hinter sich zu lassen. In dieser Stunde, – es war angesichts solcher Not eine sehr schwere Entscheidung, – erklärte ich, solchem brutalem Abschub eine nicht minder brutale Abwehr an der Landesgrenze entgegenzusetzen. Anstelle einer Totalkatastrophe hiess es eine Teilkatastrophe wählen. Das hatte Erfolg, und so geschah ein geschleuster Abzug, der zwar nicht die Not zu bannen vermochte, aber das Schlimmste, grauenhaftes Massenelend und Massensterben vermied. Ein hohes Lied muss erklingen, – es soll dabei nicht in den Schatten stellen oder verkleinern, was die sonstige bodenständige Bevölkerung bei diesem Durchzug der Flüchtlingsscharen an Opfern brachte, – der Landkreis Heiligenstadt hat an tätiger Christenliebe sich damals förmlich ausgeschöpft. Über eine Million Flüchtlinge sind über Monate verteilt durch diesen von Natur armen Landkreis hindurchgezogen, sie 2 haben dort oft in Gruppen von vielen Tausenden Tage warten und verpflegt werden müssen. Und als dieser Zug der Not und des Elends im wesentlichen vorüber war, waren bei den Einwohnern des Kreises Heiligenstadt 3 Kisten und Kasten leer! Betrübtsein und Lachen sind im menschlichen Sein oft nur hauchdünn voneinander getrennt. An der Zonengrenze stehen Muschiks auf Posten. Sie haben ihre Befehle. Nach ihnen sind wilde Grenzübergänge verboten und zu verhindern. Tausende, hunderttausende möchten hinüber. Das Land hat eine berühmte Schnapsindustrie. Der sowjetische Finanzexperte in Berlin-Karlshorst hat zwar, wie wir wissen 4 , mit selten rhetorischem Schwung die Multiplikation der Schnapssteuer begründet und diese hochgetrieben. Sechzig Reichsmark kostet darum die Flasche in der Zone der "Bankenreform". Doch, was zählt das, wenn zwei Flaschen für zwei Stunden die Augen und die Ohren einer Postenstelle schliessen? Bestechliches Russland gab es unter Väterchen Zar; es ist bei dieser Übung geblieben trotz der neuen Fahne. – – Der Muschik ist arm, er hat nichts zu rauchen und nichts zu trinken; gebt ihm eines dieser Güter, und er verliert viel von seinen Fanatismus.Die grosse Gefahr für den Muschik und seine Umgebung heisst Alkohol. In seiner Trunkenheit ist ihm schlechterdings alles gleichgültig, was er anrichtet und was man dann mit ihm macht.Die Zahl der in angetrunkenem Zustand begangenen Kapitalverbrechen lag in der ersten Zeit der Besatzung sehr hoch. Die deutschen Staatsanwaltschaften, welche mit der Strafverfolgung solcher Kapitalverbrechen begannen, waren gehalten, die Akten gegen die unbekannten sowjetischen Täter unter der Sparte: "Deutsche in russischer Uniform" zu führen, um sie allsogleich an die sowjetische politische Polizeitruppe NKWD, zur weiteren Verfolgung abzugeben. –Von einem berühmten Biologen, der sich viel mit dem Leben von Urvölkern beschäftigt hat, hörte ich einen Vortrag über den Adad, die Verkehrsform, welche man den Eingeborenen gegenüber beobachten muss, will man nicht auf Ablehnung oder gar auf gefahrbringende Feindschaft stossen. Daran habe ich oft in der sowjetischen Zone gedacht.Der Muschik, so man mit ihm allein zu tun hat, er nicht unter dem Druck unmittelbaren Befehlszwanges eines Vorgesetzten steht, ist in der Regel ein gutmütiger Bursche. – Das Bild wandelt sich bereits, wenn es ihrer mehrere sind, und es kann zum schnellen und glatten Gegenteil unter der Einwirkung des Alkohols umschlagen.Vor mir auf der Autobahn fährt eine hochbeladene Fuhre. Muschiks ziehen um. Es ist ihre Gepflogenheit, alles mit sich zu schleppen, was ihnen einmal in die Finger fiel: Stühle, Sofas und vor allem die hochgeschätzten Betten. Meine Vorderleute sind auf dem Gebiete der Matratzenkunde Anfänger. Statt des Rosshaares hängt allerorts aus den stark mitgenommen Matratzen Seegras heraus. Damit dieses wertvolle Umzugsgut nicht durch Staub, Regen oder Sonne leidet, haben die Muschiks über diese Herrlichkeit eine Anzahl Buchara-Teppiche von seltener Schönheit und höchstem Wert gebreitet. – Es ist alles relativ auf dieser Welt.Der Unterschied zwischen Offizier und Soldat ist in keiner mir bekannt gewordenen Armee der Welt so gross wie in der Roten. Gerade da, wo man annehmen könnte, dass der so viel gepredigte Sozialismus sich einmal in die Tat umgesetzt und das Sichtbarste, die Klassenunterschiede, beseitigt hätte, ist genau das Gegenteil der Fall.Nirgendwo sah ich einen so krassen Unterschied in Unterbringung, Kleidung und Verpflegung, wie der in der sowjetischen Armee zwischen einem Offizier, insbesondere einem höheren und einem Soldaten bestehende. Ganz wie ein Grossteil der zaristischen Offiziere ihre Kutscher und Burschen in kalten Winternächten ohne jegliche Fürsorge draussen warten und frieren liessen, während sie selbst drinnen pokulierten, wartet heute draussen Stunde um Stunde der sowjetische Muschik. Im politischen Leben wird er als "towarisch" – "Genosse" – angesprochen, ansonsten gilt das "Leistungsprinzip". Es besagt: dass zwischen dem Muschik und seinem höheren Vorgesetzten mit den breiten Achselstücken und dem Siegellackrot an den Hosenbeinen ein weltenferner Unterschied besteht. – – –

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Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar , Nachlass Rudolf Paul (ms. Ausfertigung mit hs. Korrekturen).

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