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Die neuen Herren

Es war ein Sonnabend, als mir die Räumung der Stadt durch die amerikanischen Truppen amtlich eröffnet wurde. – Die Bekanntmachung, die ich einige Zeit zuvor auf Anweisung der Militärregierung erlassen hatte, und in der das Verbreiten des Gerüchts, die amerikanischen Truppen würden Thüringen räumen, wegen Gerüchtemacherei mit Strafe bedroht wurde, klebte noch an den Wänden der Häuser. Sie trug als Unterschrift meinen Namen.
Am Sonntag mittag stand ein russischer Stabsoffizier in meinem Amtszimmer. Er eröffnete mir in fließendem Deutsch, dass im Laufe des Montagmorgen die "Rote Armee" in die Stadt einrücken würde und schloss seine Ausführungen mit deutlicher Betonung des Satzes:"Mein General lässt Sie wissen: So wie wir empfangen werden, wird die Bevölkerung von uns behandelt."Das war ein klarer Wink. Die Sprache zu überhören, konnte für die Bevölkerung und in ihr die Frauen von bösen Folgen sein. So hieß es den Wink weitergeben, aber wie? Es war ein Sonntag.In aller Eile berief ich für den Nachmittag das Antifa-Komitee, fuhr zu einem Fussballwettspiel und verkündete dort den Einmarsch der Russen für den nächsten Tag; – zurück zur Antifa-Sitzung, Bericht über das Gespräch mit dem russischen Vorkommando, Einmütigkeit aller: Die Rote Armee muß empfangen werden. In der Eile werden Handzettel über Einmarsch und Empfang gedruckt und kommen in den Abendstunden und am Montag früh zur Verteilung. So kam es zum Empfang der Roten Armee.Durch Strassen hindurch, auf deren Bürgersteigen Männer, Frauen und Kinder stehen, in deren Herzen die bange Frage klopft: Was bringen die nächsten Stunden?, – und die durch das vorangegangene politische System in äußerer Massenfreude geschult sind, über deren Köpfen rote Fahnen wehen, welche noch sichtbar den Kreisring der Fahne von gestern tragen, fahre ich zum offiziellen Empfang der Sowjets an die Stadtgrenze. In meinem Innern brennt, wie wohl in dem fast aller, welche die Strasse säumen, die Frage: Wer sind die neuen Herren?Tanks rollen heran. Die Bedienungsmannschaften sitzen draußen. Braungebrannte, zum Teil asiatische Gesichter sehen herunter. Im ersten Augenblick sind sie vom Empfang der Bevölkerung überrascht, dann freuen sie sich mit dem Lachen von Kindern und nehmen neben ihnen springende Jungen mit zu sich auf die Tanks hinauf.Ich begrüsse den Kommandanten, meine Frau überreicht ihm einen Strauss und empfiehlt – in stiller Sorge – die Frauen und Mädchen seinem besonderen Schutze an. Höflichkeitsphrasen werden getauscht. Der Stabsoffizier von gestern ist Dolmetscher. Die Tanks fahren auf den Markt, nochmals offizielle Begrüssung; nochmals offizieller Dank. Dann rollen sie weiter. –Der erste Empfang verlief gut; sein Widerhall traf die in der Nachfolge einrückenden Truppen, sie hielten Disziplin, und die Bevölkerung atmete auf. Der Einzug mit seinen Begleitumständen hatte beruhigend gewirkt.Das Leben in meinem Amt stand allerdings von gestern auf heute Kopf. Unter der amerikanischen Besatzung hatte ich täglich mit dem Kommandanten zu einer genau festgesetzten Zeit meine Besprechung, den übrigen Tag teilte ich ein.Unter den Sowjets glich mein Amtszimmer einer Wechselstube, in der man den Begriff der Geschäftszeit nicht zu kennen schien, und wobei vom Leutnant bis hinauf zum Obersten der Oberbürgermeister zum Abladeplatz privatester Wünsche: Hemden, Schuhe, Schnaps, Radio und vor allem der Wunschtraum aller – eines Mercedes – geworden zu sein schien.Mercedes. Der Park an Personenkraftwagen, den die Sowjets mitbrachten, war noch mehr als armselig. Das Bild, zwanzig, dreißig Offiziere dicht gedrängt auf einem Lastwagen zu sehen, war nicht selten. Sie gaben sich auch sonst in meinem Amtszimmer durchaus bescheiden; in den Quartieren, den Quartiergebern gegenüber soll die Sprache zum Teil eine andere gewesen sein.In der Abwehr der Flut, die in der ersten Zeit durch mein Zimmer lief, wurde ich hervorragend unterstützt durch meinen ersten Dolmetscher. Er konnte, wie man mir sagte, besser fluchen als irgendein Fuhrknecht zwischen der Wolga und Weichsel und überbrückte schwierige Situationen durch saftige Witze, die ihn im Nu zum Mittelpunkt eines vor Lachen brüllenden Kreises machten. – Leider ging auch er in der Folge den Weg, den alle Dolmetscher unter der Zwangsjacke der russischen politischen Polizei, der NKWD, einzuschlagen gezwungen sind: Er wurde ihr Werkzeug, ihr Agent.Doch damals wusste man von alledem nichts, sah man nur die Uniformen, die Soldaten, die Offiziere, die sich zum grössten Teil zuvorkommend gaben, und erkannte man noch nicht das hinter allen stehende und zum Teil auch in ihnen selbst ruhende politische System, den Bolschewismus mit seiner kalten, unabdingbaren Zielstrebigkeit.Besonders wohltuend führte sich der erste Stadtkommandant der Sowjets ein. – Ein kleiner, drahtiger Oberst aus Sibirien sitzt mir gegenüber. Er repräsentiert einen angenehmen mongolischen Typ. Soldat der Front ist seine sichtbare Etikettierung. Er kommt, – und er macht keinen Hehl daraus, – aus winzigsten wirtschaftlichen Verhältnissen und hat sich mühsam in der Linie zum Regimentsführer hochgearbeitet. – Jetzt ist er glücklich, er fühlt sich so reich. "Früher war ich ganz arm, heute gehört mir eine reiche Stadt...", und nun folgt sein Schmerz, "da kommen meine russischen Brüder mit ihren flinken Augen und stehlen mir alles weg..." . –Gestohlen wurde in der Stadt allerorts, vor allem in der Nacht. Doch der Mann der Disziplin und Pflicht will Ordnung schaffen: "Oberbürgermeister, ich werde nachts unten auf der Strasse in meinem Wagen schlafen. Rufen Sie mich, wenn Einbrüche gemeldet werden, ich bin dann sofort da."Der Oberst blieb nicht lange auf seinem Posten. Hinter ihm stand ein böser Geist, ein blutjunger Major, der, wie man in der Folge merkte, seine politische Beschattung gewesen war. In diesem etwa 24-jährigen jungen Mann, den bolschewistische Glaubenstreue mit Siebenmeilenstiefeln die militärische Treppe hinaufgeführt hatte, war in seltener Weise die Gier nach verschiedenen und mit politischem Zungenschlag beschimpften "Früchten westeuropäischer Dekadenz" vereinigt: in der Sucht nach Geld, in der Übernahme snobistischen Lebenszuschnitts, in der Liebe zur luxuriösen Wohnung, zur Übereleganz, zu Frauen, zu Gelagen. Und das Ganze verband sich mit einer nahezu unerträglichen Selbstüberheblichkeit dieses politischen Uniformträgers.Auch er, zur Steuer der Wahrheit sei es nicht vergessen, ging den Weg in die Wüste, allerdings erst sehr viel später als sein Kommandeur. Die Berge an politischem Porzellan, die dieser Repräsentant des östlichen Sozialismus zerschlagen hatte, waren selbst in den Augen des gesinnungstreuesten deutschsprachigen Kommunisten nicht zu übersehen.Doch ich eilte voraus.Der "Roten Armee", wie sie sich unmittelbar nach dem Einmarsch zeigte, sollen unsere Betrachtungen gelten.Die amerikanischen Truppen, die zuvor in Thüringen gewesen waren und zur Patton-Armee gehört hatten, zeigten in Menschenschlag, Kleidung und Bewaffnung wohl das Beste der Staaten und hatten, nicht zu vergessen, eine für deutsche Begriffe geradezu lukullische Truppenverpflegung.Demgegenüber wirkte die russische Truppe arm, fast abgerissen. Die Uniformen waren stark verbraucht, die Stiefel stark strapaziert, schwere Waffen wurden nur in geringen Mengen sichtbar, geradezu armselig war der Park an Personenkraftwagen. Östlich wurde das Bild, wenn man ihre endlosen Trainkolonnen mit den kleinen Hottehühpferdchen sah, welche die Autobahn in kürzester Zeit ihrer Zweckbestimmung zu entziehen drohten. Denn gedankenlos flogen leere Flaschen auf die Zementbahn und fing sie an, zum Abladeplatz weggeworfenen Gerümpels zu werden.Den langen Trainkolonnen folgten, selbstverständlich auch auf der Autobahn, Rindvieh- und Pferdeherden, die über hunderte von Kilometern auf ihr dahingetrieben wurden und ihr dabei oft den Anschein einer Stallgasse gaben."Wie ist es möglich, dass eine solche Armee gegen unsere Wehrmacht Boden gewann?" war eine Frage, die allen Deutschen auf den Lippen lag. Gewiss gibt es einen Jägersatz: "Viele Hunde sind des Hasen Tod." Ich meine, man kommt der Bewertung des russischen Soldaten von heute näher, wenn man ihn nicht als Einzelperson betrachtet, denn dann wirkt er nicht sehr überzeugend, und auch nicht in kleinen aufgelockerten Verbänden, sondern ihn in der Formation wertet, die das Rückgrat der "Roten Armee" und deren bestes Spiegelbild zu sein scheint: in den dicht aufgeschlossenen Reihen grosser Infanterieformationen. Der zur Kriegsmaschine gewordene Masse-Mensch stampft dumpf und jeder Lenkung blind gehorchend vorüber. – – In einer Nacht der zweiten Juliwoche sass ich zum ersten Male der sowjetischen Generalität gegenüber. Von meinem Amtstisch hinweg hatte mich völlig überraschend ein Offizier vom Stabe des Marschall Shukow, welcher die Sitten und die Sprachen Westeuropas in selbstverständlicher Form beherrschte, zu dieser nächtlichen Sitzung gerufen. Den Vorsitz führte General-Oberst Tschuikow 1 , der sich vor Stalingrad besonders ausgezeichnet hatte. Er repräsentierte den Typ besten Frontsoldatentums. Dazu war er weltmännisch geschickt; der Wind vieler Länder hatte ihm um das Gesicht geweht. Der schwarzhaarige Fliegergeneral neben ihm hatte sich zuvor längere Zeit mit mir unterhalten, ihn hatte dabei der verwaltungsmässige Aufbau eines deutschen Landes und die Organisation der deutschen Staatsanwaltschaften interessiert. Später wusste ich, dass er weniger mit den Fliegern als ausschliesslich mit der politischen Polizei zu tun hatte, die ihm unterstand. Es war General Beschanow vom NKWD, der sowjetischen politischen Geheimpolizei. 2 Erfahren und sehr überlegt erschien auch der weisshaarige General Bronin 3 zur Linken des Generalobersten. Ein Blick in diese Generalsrunde hinein, ihre Uniformen, ihre Haltung, Sprechweise, ihr Distanz halten zum Vorgesetzten erinnerte an ein Bild aus zaristischer Zeit. Die Unterhaltung am Tisch betrifft das Land, seine wirtschaftliche Lage, seine Aufbauchancen, seine politische Konstellation. Von verschiedenen Seiten kommen die verschiedensten Fragen. Sie sind gedacht und nicht nur ausgesprochen. Es ist unschwer zu erkennen: Köpfe sitzen mir gegenüber. Eine Anregung von mir, Erfurt als Hauptstadt des Landes zu wählen, da Weimar zur Aufnahme der sowjetischen Administration und der deutschen Behörden zu klein sei, stösst auf ein allgemeines Nein. – Njet 4 – "Weimar, die Wirkungsstätte der grossen deutschen Humanisten muss Zentrum bleiben", und der Satz wirkt in seinem Zusammenhang und der Art des Vorbringens wie eine erste Verbeugung der sowjetischen Generalität vor deutscher Kultur. Nach einer längeren Unterredung, während der ein Telefongespräch mit Marschall Shukow in Berlin lief, wird an mich die Frage gestellt, ob ich bereit sei, den Präsidenten des Landes zu übernehmen. Das kam etwas überraschend; ich überlegte; dann sagte ich zu.Als ich im herandämmernden Morgen dieser Nacht in meine Wohnung kam, fand ich keinen Schlaf. Meine Frau, und jedes ihrer Worte wurde später zur Wahrheit, suchte mich zu bewegen, am nächsten Tage meine Zusage zu widerrufen. Vom Instinkt her empfand sie Gefahr und fühlte die Zwecklosigkeit allen Mühens.Ich ging nach Weimar. Wille und Hoffnung führten meine zukünftige Arbeit.

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Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar , Nachlass Rudolf Paul (ms. Ausfertigung mit hs. Korrekturen).

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