Nr. 434
7./8. März 2012

Niederschrift eines Gespräches mit Gottfried Klotz (Frankfurt/Main) über Rudolf Pauls Frankfurter Zeit 1948 bis 1978


Gesprächspartner : Gottfried Klotz (Frankfurt/Main); 1965-2005 Leiter der Frankfurter Anwaltskanzleien Paul/Paul/Schmitt (zuvor Paul & Paul), dann Knautzh/Paul/Schmitt und Fritze/Paul/Seelig

(1) Rudolf Pauls Frankfurter Anwaltstätigkeit 1948-1953

Rudolf Paul ließ sich nach seiner Flucht 1947 aus der SBZ und seinem geheim gehaltenen Aufenthalt bei München 1948 in Frankfurt/M als Anwalt und Notar nieder. Er erhielt sehr rasch seine Anwaltslizenz. Es ist anzunehmen, dass die amerikanischen Instanzen die rasche Lizenzvergabe beeinflusst und nachdrücklich gefördert haben. Auch die Wahl Frankfurts für Pauls neue berufliche Existenz als Anwalt dürfte mit der Präsenz der amerikanischen bzw. alliierten Bizonen-Instanzen in Frankfurt zusammengehangen haben. Die erste Anwaltskanzlei Rudolf Pauls befand sich in der Schneckenhofstraße (Frankfurt-Sachsenhausen). Wohnung und Kanzlei lagen im gleichen Gebäude. Rudolf Paul war als Rechtsanwalt und Notar und in späteren Jahren auch als Testamentsvollstrecker einer größeren Baufirma tätig. Schwerpunkte seiner Anwaltstätigkeit waren Wirtschaftsrecht und Notariat, kaum Strafrecht. Die Aufträge bezogen sich anfangs vor allem auf Sachgebiete wie Konzernentflechtung und Rückerstattung jüdischen Besitzes. Es war eine von Anfang an gut gehende Anwaltskanzlei mit guter Auftragslage, die Rudolf Paul einen vergleichsweise gehobenen Lebensstandard gewährleistete und es ihm ermöglichte, seinen gut bürgerlichen Lebensstil in Frankfurt fortzusetzen und zu erweitern. Rudolf Paul war ein sehr lebensfroher und geselliger Mensch, der gern feierte und Geselligkeiten liebte. In Oberreifenberg/Ts. ließ sich Rudolf Paul für Wochenendzwecke ein Holz-Wohnhaus bauen. Fortan spielte sich das private Leben des Ehepaares Paul zwischen der Berufstätigkeit in Frankfurt und in der dortigen, bei der Kanzlei liegenden Wohnung unter der Woche und dem Wohnsitz in Oberreifenberg für die Wochenenden ab. Um 1953 zeichnete sich eine gewisse Stagnation in derKanzleientwicklung ab, die durch den Eintritt von Dr. Dr. Albert Paul 1953 als Anwaltspartner behoben wurde. In dieser Zeit (um 1955) wurden Kanzlei und Wohnung in die Holzhausenstraße im Zentrum Frankfurts verlegt.


(2) Rudolf Pauls Partner Albert Paul

Albert Paul (1914-2005) hatte Volkswirtschaft und Jura u.a. an der Universität Jena studiert und in beiden Fächern promoviert. Während des zweiten Weltkrieges war er zur Wehrmacht eingezogen. Danach ließ er sich als Wirtschafts-Anwalt in Eisenach nieder und vertrat dort vor allem die Interessen wirtschaftlicher Mittelständler. Sein Ruf und seine Tätigkeit wirkten weit über den Südwesthüringer Raum hinaus nach ganz Thüringen und bis nach Sachsen. 1953 floh er nach Warnungen von Ostberlin, wo er einen Mandanten im Prozess vertrat, nach Frankfurt/M und wandte sich an Rudolf Paul, den er seit seiner Thüringer Zeit kannte. Auch gab es zwischen den beiden Familien, obwohl sie nicht miteinander verwandt waren, Bezüge. Die Mutter von Albert Paul war vor 1914 mit einem der Brüder von Rudolf Paul verlobt gewesen, der aber im ersten Weltkrieg fiel. Rudolf Paul nahm Albert Paul als Partner in seine Kanzlei auf, in der Albert Paul den Notariatsbereich übernahm. Albert Paul war in der Kanzlei zudem vor allem für die Bauindustrie und Fragen der Wohnungsbauträger zuständig und entwickelte dabei maßgeblich die Idee der Eigentumswohnungen. Er war überaus erfolgreich und erwies sich schon bald als der Motor der Kanzlei, die sich in den folgenden Jahren zu einer der größten Kanzleien und Notariate in Frankfurt/M entwickelte. Albert Paul praktizierte bis 1989 in der Kanzlei.


(3) Die weitere Entwicklung der Kanzlei

1963 trat mit Dr. Hans Georg Schmitt (Geburtsjahr 1931) aus Lörrach ein dritter Partner in die Kanzlei Paul/Paul ein, die sich so zur Kanzlei Paul/Paul/Schmitt erweiterte. Ebenfalls in den 1960er Jahren trat der Verbandsjurist Dr. Friedrich-St. Behrens in die sich gerade in dieser Zeit erheblich ausdehnende Kanzlei ein, allerdings nur angedockt, nicht als Partner. 1968 wurde der Sitz der Kanzlei von der Holzhausenstr. in die Rossertstraße verlegt. Rudolf Paul wohnte seither in der Schönwetterstraße. Der nun schon betagte Rudolf Paul wirkte bis zu seinem Tode 1978 als Seniorchef der Gesamtkanzlei. Freilich zog er sich mit zunehmendem Alter von einem Teil der Kanzleigeschäfte zurück, war meistens nur noch halbtags in der Kanzlei. Legendär war seinemorgendliche Herrenkaffeerunde. Nach Rudolf Pauls Tod 1978 führten seine Partner die Kanzlei weiter, die 1997 mit einer Berliner Kanzlei fusionierte.


(4) Fragen zu Einzelaspekten, die mit Rudolf Pauls Wirken bis zu seiner Flucht 1947 zusammenhingen
Hatte Rudolf Paul in seiner Frankfurter Zeit noch politische Kontakte und Kontakte zu SBZ/DDR-Flüchtlingen?
Antwort
: SBZ/DDR-Flüchtlinge stellten einen erheblichen Anteil der Klienten der Kanzlei Paul, darunter vor allem ehemalige wirtschaftliche Mittelständler. Politisch hat sich Rudolf Paul in seiner Frankfurter Zeit überhaupt nicht mehr betätigt. Paul brach offensichtlich nach seiner Flucht mit der Politik, wollte nichts mehr mit Politik zu tun haben, zog einen Schlussstrich unter sein politisches Leben. Paul war in der Bundesrepublik kein Mitglied einer Partei. Vermutlich hat er die FDP gewählt. Das war im Rechtsanwaltsmilieu sehr verbreitet und entsprach auch der eigenen parteipolitischen Herkunft und Tradition Rudolf Pauls. In der Kanzlei Paul/Paul/Schmitt herrschte eine unpolitische Atmosphäre. Sie geriet nur einmal im Zusammenhang mit der Barzel-Flick-Affäre 1984 1 in den Strudel politischer Berichterstattung. Albert Paul hatte Dr. Rainer Barzel in Garmisch-Partenkirchen kennen gelernt und war dann mit ihm befreundet. Barzel war in den Jahren von 1973 bis 1979 nach dem im Bundestag gescheiterten Misstrauensvotum und seinem Rücktritt vom CDU-Parteivorsitz in der Kanzlei als Mitarbeiter tätig gewesen. 2 Albert Paul sagte später auch als Zeuge vor dem Flick-Untersuchungsausschuss aus. Rudolf Paul hatte an diesen Vorgängen keinen Anteil.
Hat sich Rudolf Paul nach dem Ende seines Verwaltungsgerichtsprozesses 1955-1961 gegen das Land Hessen zu diesem Prozess geäußert? Antwort : Rudolf Paul hat nach dem Entscheid des Bundesverwaltungsgerichtes 1961 offenkundig einen Schlussstrich unter diese Vorgänge gezogen. Wenn er sich zu ihnen äußerte, dann mit der Grundaussage, es sei kein gerechter Prozess gewesen. Rudolf Paul ging es bei diesem Prozess nicht um die materiellen Vorteile der Anerkennung als Ostzonen-Flüchtling, sondern um seine politisch-moralische Rehabilitierung. Hat sich Rudolf Paul zur Münchner Konferenz 1947 geäußert? Antwort : Zur Münchner Konferenz hat er sich mehrfach – meist aus Anlass medialer Darstellungen – geäußert. Er hat sich vor allem über zwei Aspekte maßlos geärgert: 1) dass ihm in Pressedarstellungen unterstellt wurde, er sei nach München geschickt worden, um die Konferenz platzen zu lassen und 2) über die Rolle des bayerischen Ministerpräsidenten Ehard, von dem Paul nach wie vor überzeugt war, Ehard habe die gesamtdeutsche Konferenz – möglicherweise im Auftrag der amerikanischen Besatzungsmacht – platzen lassen. Im Wesentlichen deckten sich Pauls Äußerungen inhaltlich mit dem, was er im Interview mit Hermann Marx (1968) zur Münchner Konferenz geäußert hat. Hat sich Rudolf Paul zu seiner Flucht und zu seinem Presse-Auftritt Ende 1947 in München geäußert? Antwort : Kaum. Er sprach über keine Details, äußerte nichts über die Umstände der Flucht, nichts über die Rolle amerikanischer Instanzen und über die Zeit seiner Verborgenheit bei München. Er sagte aber auch, dass er in dieser Zeit Angst um sein Leben hatte und fürchtete, vom Osten aus verfolgt zu werden. Über seinen Presse-Auftritt Ende 1947 in München und das durchweg negative Presse-Echo äußerte sich Paul nicht. Lässt sich etwas sagen, wie Rudolf Paul in seiner Frankfurter Zeit sein Wirken als Thüringer Landes- und Ministerpräsident 1945/47 nachträglich beurteilte? Antwort : Erkennbar war der Stolz auf die von ihm in dieser Zeit erbrachten Aufbauleistungen – in Thüringen selbst, aber auch im gesamtdeutschen Maßstab. So hob er die in seiner Amtszeit erbrachten Thüringer Leistungen für den Wiederaufbau der Frankfurter Paulskirche hervor, aber auch den Wiederaufbau des Deutschen Nationaltheaters Weimar. Paul machte auch in seiner Amtszeit als Thüringer Landes- und Ministerpräsident kein Hehl daraus, dass er ein Lebemann war, gern feierte und Geselligkeiten liebte – im Umgang mit Deutschen, aber auch mit russischen Offizieren. Das hat ihm freilich auch viele gehässige Bemerkungen und Urteile wegen seines Lebensstils und wegen des Lebensstils seiner Frau eingebracht. Über die Gründe seines SED-Beitritts 1946 hat er niemals gesprochen. Das war in der Kanzlei auch lange Zeit gar nicht bekannt. 3 Geistig hat Rudolf Paul zweifellos niemals zur SED gehört. Er war und blieb liberal geprägt. Erkennbar war in seiner Frankfurter Zeit, dass Rudolf Paul – vor allem nach dem gescheiterten Prozess 1955/61 – einen Schlussstrich unter seine SBZ-Zeit zog. Die „Zeit von drüben“ war für ihn endgültig vorbei. Was lässt sich zur zweiten Ehefrau Louise Paul sagen ? Antwort : Louise Paul war Schauspielerin und blieb ihrem einstigen Beruf auch in ihrer Ehe mit Rudolf Paul und in seiner Amtszeit als Thüringer Landes- und Ministerpräsident und dann in ihrer gemeinsamen Frankfurter Zeit geistig verbunden. Sie hat in erster Linie über ihre früheren Rollen als Schauspielerin gesprochen, war und blieb vor allem kulturell und literarisch interessiert, aber nicht politisch. Louise Paul war eine eindrucksvolle und elegante Erscheinung, ganz Grande Dame. Lässt sich aus der Perspektive der Frankfurter Jahre Rudolf Pauls etwas zu seinem Berufsverbot in der NS-Zeit, zu seiner ersten Ehe und zu seiner Scheidung sagen? Antwort : Eigentlich nichts. Es war im Umfeld der Kanzlei bekannt, dass Rudolf Paul in der NS-Zeit Berufsverbot hatte und seinen Lebensunterhalt als Landwirt verdiente. Über seine erste Ehe und über die Scheidung wurde – wohl auch aus Rücksicht auf Pauls zweite Ehefrau – nicht gesprochen. Nach allem, was bekannt ist und auch von der Familie Biermann bestätigt wurde, ist davon auszugehen, dass die Scheidung eine einvernehmliche Schutzscheidung war.
Jürgen John

Jena, 8. März 2012


Das Gespräch wurde am 7.3.2012 in Frankfurt/Main geführt; die am 8.3.2012 angefertigte Niederschrift ist von Herrn Klotz nachträglich autorisiert worden.

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