Nr. 433
1. Juli 1975

Beatrix Bouvier / Horst-Peter Schulz: Interview mit Rudolf Paul über seine Amtszeit als Thüringer Landes- und Ministerpräsident


Interview mit Herrn Prof. Rudolf Paul am 1. 7. 1975 1

Ich war früher Vorsitzender der Demokratischen Partei und gehörte dem Vorstand der Demokraten seit 1919 an und bin dann, als das Dritte Reich ans Ruder kam, verfolgt worden. Während meiner Tätigkeit als Vorsitzender der Demokraten war ich politischer Staatsanwalt von Thüringen geworden und hatte mich in dieser Funktion zu beschäftigen einmal mit den Kommunisten und zum anderen mit der NSDAP, infolgedessen war ich bei beiden entsprechend angeschmiert. Ich kam in eine sehr harte Zeit hinein, als nämlich die sogenannte militärische Besetzung Thüringens wegen angeblicher kommunistischer Gefährdung erfolgte. Ich ging dann später ab und wurde Anwalt, und als das Dritte Reich kam, stürzten sie sich sofort auf mich, ich kam vor mehrere Sondergerichte, ich wurde 11 Monate im Reichssicherheitshauptamt vernommen; ich habe da die ganzen Penner, hätte ich bald gesagt, kennengelernt, die ja recht gefährlich waren, hatte aber natürlich auch hinter mir Leute, die mich gestützt haben, sonst wäre ich heute ein toter Mann. Ich mußte aufgrund einer Verfügung von Sauckel, mit dem ich mal als Staatsanwalt zu tun gehabt hatte, auf meinem Gut leben. Ich hatte mir ein kleines Gut gekauft, einen Bauernhof, auf dem habe ich gelebt, ich durfte nicht in die Stadt ziehen, durfte keinerlei Gewerbe betreiben und habe auf diesem Gut gelebt bis die Amerikaner kamen.
Die Amerikaner kamen am 12. April 1945 nach Thüringen herein und kamen auch auf meine „Kuhblöke“. Ich wurde bereits am nächsten Tag mit einem Auto abgeholt, um den Panzerführer der Amerikaner zu sprechen, den Patton; Patton selbst war nicht da, ich traf den Generalstabsoffizier an, der mir sofort ein Amt übertragen wollte. Ich sagte, ich übernehme gar nichts, ich bin jetzt 12 Jahre außerhalb des Berufs, ich habe beinahe mein gesamtes Vermögen verloren, ich hatte ja sonst keinerlei Einkommen, und muß jetzt erst einmal aufholen, ich werde Anwalt, Landrat will ich werden, aber sonst nichts. Aber der hat nur gelacht, und dann kamen eines Tages, von heute auf morgen, etwa vier Wochen später, die Russen. Unter den Amerikanern habe ich den Posten des Bürgermeisters von Gera angenommen. Ohne jegliche Ankündigung seitens der Amerikaner waren dann eines morgens die Russen da, man hatte die Bevölkerung in keiner Weise darauf vorbereitet.So etwas wie ein politisches Leben hat sich unter den Amerikanern noch nicht entwickelt. Die Amerikaner waren ausschließlich als Soldaten unter sich, gingen in ihre Kasinos usw. Eine gewisse Ausnahme habe ich gemacht, weil ich natürlich mit ihren Spitzen in Berührung kam, die beispielsweise mit mir auf die Jagd gingen, aber sonst mit der Bevölkerung sind sie gar nicht in Berührung gekommen.In meiner kurzen Zeit als Oberbürgermeister von Gera habe ich das Verwaltungsleben wieder völlig eingeführt – ich habe ja Staatswissenschaften studiert – und habe den Beamtenapparat wieder eingeführt, die Leute saßen wieder da und es lief. Ich hatte alles wieder aufgebaut, hatte die gesamte Bevölkerung eingesetzt zur Reinigung der Stadt, die Nazis hatten sonntags Sonderdienst, sonst aber auch die ganze Bevölkerung, weil ich mir gesagt habe, mit den Nazis allein bekommst du ja die Stadt nie in Ordnung, so mußten halt alle arbeiten. Bei der Säuberung der Verwaltung von den Nazis konnte ich nur nach den Dingen gehen, von denen ich informiert wurde, ich war ja in der Stadt nicht zu Hause, ich kannte sie so gut nicht; ich kannte sie wohl, aber ich wußte nicht, was haben die einzelnen Personen für eine Rolle gespielt, das konnte ich erst mit der Zeit beurteilen. Am Tage vor dem Einmarsch der Russen erschien bei mir ein Generalstabsoffizier der Russen und sagte, ich komme im Auftrag des Generaloberst Schukow, das war der Verteidiger von Stalingrad. Sie hatten ja Berlin eingenommen, und er führte die Heeresgruppe, die Thüringen besetzte. Ich habe in den ganzen Jahren, in denen ich dort war, das war bis zum 1. September 1947, mit ihm zu tun gehabt. Dieser Generalstabsoffizier erklärte mir, geben Sie der Bevölkerung bekannt, die Bevölkerung wird von der Truppe so behandelt, wie die Truppe von der Bevölkerung empfangen wird. Ich habe dann einen Zettel entsprechenden Inhalts 2 gedruckt, der dann irgendwie an allen Plakatsäulen angeschlagen wurde. Ich war in eine gewisse Gefahr gekommen durch Patton, der gesagt hatte, ich gehe nicht aus Thüringen weg, ich bleibe da, wo ich bin, mich kümmert der Eisenhower nicht und ich habe infolgedessen einen Ruhetag für meine Truppe eingelegt, legen Sie einen Feiertag für Ihre Bevölkerung ein und weisen Sie darauf hin, daß ich auf keinen Fall Thüringen räume und daß ich gegen jeden vorgehe, der behauptet, wir ziehen ab. Und so habe ich ein Plakat gedruckt, das damals sehr berühmt geworden ist. Der Text, den ich heute noch weiß, lautete: „Von verantwortungslosen Elementen wird das Gerücht verbreitet, daß die Amerikaner Thüringen räumen und das Land der Roten Armee überlassen wird. Ich habe die Staatsanwaltschaften angewiesen, mit Freiheitsstrafen gegen die Gerüchtemacher vorzugehen.“ Das klebte nun groß an allen Plakatsäulen und war für mich eine gewisse Gefahr, denn das hieß doch in anderer Form, Kinder, die Amis sind uns lieb, aber die Russen mag der Teufel holen. Es kam also total überraschend und dieser Generalstabsoffizier hat es mir überbracht. Ich sitze in meinem Dienstzimmer, vielleicht zwei, drei Tage später steht plötzlich ein Oberst neben mir und sagt, ich komme im Auftrag des Marschall Schukow, ich soll Sie zu Schukow persönlich hinbringen. Ich habe gesagt, Sie müssen einen Augenblick warten, ich muß mit meiner Frau sprechen, sie ängstigt sich zu Tode, wenn sie erfährt, ich bin im Gelände und sie weiß nicht wo. Ich sprach also mit meiner Frau und bin dann mit diesem Oberst zunächst nach Weimar gefahren. Dort sprach ich mit einem General, der sich informierte über Aufbau der Polizei, Aufbau der Gendarmerie und Aufbau der Strafjustiz, der Staatsanwaltschaft, alles Bereiche, in denen ich zu Hause war. Von dort wurde ich dann nach Jena gefahren, wo im früheren Hauptverhandlungssaal des Oberlandesgerichts fünf russische Generäle saßen, schönes Fackellicht, also bengalische Angelegenheit. Der Sache stand vor der Schukow, was ich in dem Augenblick nicht wußte, denn ich sah nur Gesichter. Man hat mich zunächst mal berichten lassen, was Thüringen für ein Land ist, wie seine wirtschaftliche Lage ist, wie seine politische Lage ist, und nachdem das vorbei war, kam man auf mich zu und sagte, hören Sie, der Marschall Schukow legt Wert darauf, daß Sie das Land übernehmen, Sie haben mit den Amerikanern zusammengearbeitet und haben ausgezeichnet gearbeitet, und so wollen wir, daß Sie mit Ihrer Arbeitskraft uns zur Verfügung stehen. Ich habe dann geantwortet, Herr Generaloberst, ich habe Bedenken, ich komme aus einem anderen politischen Lager und fürchte, daß dies zu Komplikationen führen könnte, die ich auf alle Fälle vermeiden will. Da sagte er, das ist uns bekannt, aber das stört Herrn Schukow nicht oder wollen Sie mit uns nicht arbeiten. – Nun, da sagen Sie mal nein. – Also, natürlich, selbstverständlich. So bin ich dann drüben in Weimar eingezogen. Vorher hatte ich noch eine Unterredung mit Schukow, der übrigens menschlich ein großartiger Bursche war, er mag als Soldat ein harter Hund gewesen sein, das war er bestimmt, aber in der persönlichen Unterhaltung war er ein großartiger Kerl. Er hat sich mit mir unterhalten und wollte etwas von den russischen Soldaten aus dem 1. Weltkrieg wissen, gegen die ich ja mal gekämpft hatte. In einer Unterredung bat ich auch noch um die Möglichkeit, der Bevölkerung durch ein Plakat bekanntzugeben, daß sie nicht zu befürchten hat Enteignung, daß sie nicht zu befürchten hat Wegnahme der Güter, nicht zu befürchten hat x, y, z. Das hat er mir alles zugesagt, und ich habe dieses Plakat entworfen, habe es dann drucken lassen und habe es ihm zugestellt, ob er damit einverstanden sei. Einer der ersten Punkte auf diesem Plakat hieß, Sicherung des Eigentums, Sicherung des Vermögens in den Banken. Drei Tage danach waren die Banken aufgebrochen und alles geraubt. Ich sagte, Herr Generaloberst, hier, Punkt 3 oder Punkt 4, sie haben mir das zugesagt. Da sagte er, ja, Befehl ist Befehl, also ist von oben ein Befehl ergangen. Da die Russen nicht besonders gut Bescheid wußten in Deutschland, schwebte ihnen für mich der Posten in der Art eines Ministerpräsidenten vor, von dessen Existenz sie gehört hatten. Ich habe mir aber gesagt, vermeide den Ministerpräsidenten, der bin ich dann erst später geworden, nachdem es einen Landtag gab, vorher habe ich es nicht gemacht. Ich habe mir gesagt, du machst den Verwaltungsjuristen, das heißt, du führst das aus, was die Russen anordnen, damit ist die Verantwortung von dir genommen. Und so habe ich mich als Präsident des Landes einsetzen lassen, also oberster Verwaltungsmann mit weitgehenden Rechten, ungewöhnlich weitgehenden Rechten sogar, und war somit der oberste Mann des Landes, habe aber keinen Minister eingesetzt, sondern Landesdirektoren.Wenn Sie mich auf Hermann Brill ansprechen, so muß ich sagen, daß ich später ja persönliche Differenzen mit Brill hatte, nicht nur gehadert oder so, es ist z.T. sehr übel zugegangen. Brill war bei den Amerikanern von irgendwelchen Leuten in Weimar, wer das war, weiß ich nicht, eingesetzt worden und nannte sich Regierungspräsident, das war zunächst juristisch falsch, denn Regierungspräsidenten gibt es ja noch als Substituten eines Oberpräsidenten, der wiederum nicht existierte. Aber davon abgesehen, ich kannte ihn bis dahin persönlich nicht, ich habe ihn einmal in seinem Sprechzimmer kennengelernt, aber von Brill wußte ich, daß er von der SPD absolut gefördert wurde. Er war damals der führende Mann der SPD und ich muß sagen, in diesen ersten Monaten hat die SPD blind hinter ihm gestanden, im Gegensatz zu Anfang 1946, wo, durch welche Umstände weiß ich nicht, er einstimmig abgesetzt worden ist. Was sich da abgespielt hat kann ich nicht sagen, das entzieht sich meiner Kenntnis.
Die gesamte Verwaltung unterstand mir und die Russen haben mir grundsätzlich nicht hineingeredet, sie haben mir ziemlich freie Hand gelassen. Bei einigen ganz wichtigen Sachen, ich entsinne mich im Augenblick an Einzelheiten nicht, mußte ich mich natürlich mit ihnen in Verbindung setzen. Ich hatte auch wesentliche Unterstützung durch Schukow, und hatte eine sehr hervorragende Unterstützung an seinem Nachfolger, der ja dann durch Stalin abgeschossen wurde, durch Sokolowski, der ein sehr bedeutender Generalstabsoffizier war, sehr klug, sehr, sehr klug. Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen. Ich war in die Bodenreform nicht einbezogen, die war einem gewissen Busse übertragen, dem auch Enteignung der privaten Wirtschaft unterstand. Und ich treffe zufällig den Sokolowski, ich sagte, Herr Marschall
die Wirtschaft ging stark zurück unter den neuen Leuten, die der Sache zunächst nicht gewachsen warenwenn Sie so weiter machen, werden sie in Kürze keine Reparationen mehr haben. Die holten ja aus der laufenden Produktion ununterbrochen auch noch alles für sich heraus, obwohl das verboten war, aber das machten sie einfach. Da sagt er, wieso? Ich sagte, ich will Ihnen was sagen, mit Handschuhmachern können Sie keine Eisenfabrik leiten. In dieser Weise haben wir uns unterhalten, und da sagte er, dann werde ich Ihnen die Mitverantwortung übertragen. Dann kam plötzlich ein Befehl, die Sequestration untersteht dem Landespräsidenten Paul, die Akten werden ihm abgegeben und so mußte Busse seine Akten an mich abgeben. Bereits bei der Abgabe erfolgte dann eine große Anzahl von Freistellungen, insgesamt betrug die Zahl der Freistellungen, die also nicht sequestriert wurden, damals rd. 300 oder 400, ich kann es Ihnen nicht genau sagen, aber es war ungeheuer auffällig, denn wir waren quasi das einzige Land mit so vielen Freistellungen. Ich habe die Sache dann Fachleuten übergeben, nicht daß ich die alten Besitzer unbedingt wieder einsetzte, wenn es auch zum Teil geschah, grundsätzlich aber Fachleute, damit also die Leistungen auf dem Gebiet der Lederfabrikation, der Uhrenfabrikation zu nahmen. Dies ist mir noch gegenwärtig, denn da hatte ich die alten Familien wieder eingesetzt und bin deswegen ziemlich angegriffen worden.

Um noch einmal auf Brill zurückzukommen. Brill war sogar dabei bei dieser Sache, bei der ersten Unterredung mit Schukow. Er rief mich ein paar Tage später zu sich zusammen mit Brill, und sagte, Sie übernehmen sofort die Sache, ja, das ist ja Brill, und da sagte Brill, er bittet darum, daß er Verwendung findet in der Zentrale für Erziehung und Schukow hatte ihm in gewissem Sinne in diesem Augenblick das auch zugesagt, er hat es aber nicht eingelöst. Das habe ich ihm mal indirekt vorgeworfen, so stark war ich ja auch nicht, aber ich habe es ihm mal vorgehalten, Brill wartet, daß man ihm die Jugend überträgt, denn daran war er sehr interessiert. Dann haben sie aber einen anderen eingesetzt, ich weiß den Namen nicht, Brill haben sie einfach als nicht mehr vorhanden betrachtet.

Beim Aufbau der Verwaltung habe ich mir Leute herangezogen, nur zwei Leute wurden mir aufgezwungen, das war Busse und das war Wolf, der Kultusminister wurde. Von der Struktur her war das typisch, die beiden waren nach Ansicht der Russen zuverlässige Kommunisten, und der Ministerpräsident war ihnen ja eigentlich ziemlich piepe. Eigentlich war ich nur ein demokratisches Aushängeschild. Sie können sich gar nicht vorstellen, was die Leute mir alles an Besuchern zugeführt haben ob es ein amerikanischer Präsident war von Maine oder ob das ein englischer General soundso war, das ganze Volk hätte ich beinahe gesagt, kam auf mich zu, wurde von den Russen auf mich zugelenkt.
Die alten Verwaltungsstrukturen habe ich im wesentlichen wiederhergestellt, ich habe auch die Industrie- und Handelskammern wieder errichtet, die ich für wichtig hielt und die nach meiner Auffassung in diesem Gebiet sehr bedeutend waren. Dann habe ich die Landkreise zusammengestrichen und habe auch keinen Regierungspräsidenten gelassen, auch keinen Oberpräsidenten. Ich habe das Land auf 24 Landkreise vereinfacht und den 24 Landkreisen habe ich zwei Landräte vorgesetzt, die die Aufgabe hatten, alle 14 Tage die ihm unterstehenden 12 Landkreise durchzukontrollieren und darüber zu berichten; denn die Leute, die ich als Landräte einsetzte, waren zum größten Teil keine Fachleute. Es gab also zwei Oberlandräte, die die Oberaufsicht über die normalen Landräte hatten.
An den Bund demokratischer Sozialisten in Thüringen kann ich mich nicht erinnern, der Name sagt mir nichts. Ich erinnere mich allerdings, daß Brill sehr angegriffen wurde, ich weiß nicht warum, vielleicht in sehr internen Sachen, die mir unbekannt sind. Kontrahent war ein gewisser Hoffmann, das war dann sein Nachfolger. Er war zuvor bei Brill als Pressereferent, er hat Brill die Pressenachrichten zuleiten müssen und wurde von heute auf morgen
es kam ja für alle überraschend, sogar für mich total überraschendein Gegner von Brill. Die Vorgänge um die Abberufung Brills und Nachfolge durch Hoffmann entziehen sich meiner Kenntnis. Ich habe Brill insofern geholfen, als ich ihn zunächst an der Universität, dann in der Sequester-Verwaltung untergebracht habe. Nach einiger Zeit ist er dann nach Berlin gegangen.

Ich habe ihn aus Thüringen herausgeholt, was ich als eine besondere Leistung betrachte, denn er war defacto schon verhaftet und sollte in ein Konzentrationslager, die sie drüben wieder aufgemacht hatten beim Russen. Aber da kannte ich einen General
Beschanow, und an diesen General Beschanow habe ich mich persönlich gewandt und habe gesagt, versetzen Sie sich in meine Lage, wir haben eine neue Demokratie und in dieser neuen Demokratie kommt ein Mann ins KZ, wo er schon vorher 6, 7, oder mehr Jahre bei den Nazis gesessen hat, den Mann müssen Sie mir sofort rauslassen, und der Beschanow war so anständig und hat ihn sofort rausgelassen. Und dann ist eine zweite Sache mit Brill passiert, da kam Busse zu mir und sagte, ich habe einen sehr miesen Auftrag, ich muß Brill verhaften. Und da habe ich gesagt, Du wirst mit dem Auftrag warten, ich werde mit dem General verhandeln. Jetzt bin ich hin zu dem General Kolesnitschenko, 3 das war der Verwaltungsgeneral von Thüringen, und habe ihm gesagt, Herr General, es ist ein neues Theater aufgetaucht wegen dem Brill, Busse sagt, er habe den Auftrag, den Mann zu verhaften, da kann ich nicht mitmachen, das müssen Sie verhindern, und habe dieselbe Gründe angeführt wie bei Beschanow. Das hat er dann auch verhindert und ich habe Brill empfohlen, er sollte das Gelände wechseln. Er ist dann mit allen Sachen, die er besaß, nach Berlin gegangen. Dort hat er allerdings, wie ich erfahren habe, in irgendeiner Zeitung einen Artikel gegen mich geschrieben.

Von dem Gerangel und den Diskussionen um die Vereinigung von SPD und KPD habe ich sehr viel mitbekommen. Auch wenn ich nicht unmittelbar Parteimitglied war, kenne ich genau die Vorgänge, ich kenne es durch das Gebrabbel von Ulbricht, der gerne viel gebrabbelt hat, und ich kenne es durch den Leiter der SPD, den ich sehr geschätzt habe, Grotewohl, ich kenne es auch durch Gniffke, mit dem ich befreundet war und die haben mir folgendes geschildert:

Sie seien nach dem Westen gefahren zu Schumacher. Schumacher soll in Braunschweig oder Hannover, ich weiß nicht wo, gesessen haben; die erste Zusammenkunft wäre beinahe freundschaftlich gewesen und es wurde irgendein neues Treffen vereinbart. Und beim zweiten Treffen wurden sie von Schumacher nicht mehr empfangen. Deswegen kamen sie sehr angeschlagen nach Hause, denn nun hatten sie ja nur die SPD des Ostens hinter sich. Wer das sofort erfuhr und sofort wußte, das waren die Russen, und jetzt kamen die Russen, und das habe ich genau beobachtet, es hat sich ja quasi vor meinen Augen abgespielt, selbst der General Kolesnitschenko schob sich ein, und haben zu der SPD des Ostens gesagt, Ihr seid ja nichts mehr, der Westen will von Euch nichts wissen, Ihr seid verraten und verkauft, Ihr seid allein, Ihr seid allein zu retten, wenn Ihr zusammen mit den Kommunisten geht. Was es da für weitere Verhandlungen gegeben hat, weiß ich nicht, ich kenne nur den Vorschlag der Russen, der unerhört war für die SPD. Ich kannte die Verhältnisse, ich war früher politischer Staatsanwalt von Thüringen, ich kannte die Verhältnisse bestens. Das Verhältnis war 8 zu 1 ungefähr für die Sozialdemokraten. Und jetzt kamen die Russen und haben gesagt, Vereinigung im Verhältnis 1 zu 1 und alle Posten werden paritätisch besetzt.

Da ich mich ausgezeichnet mit Grotewohl verstand und recht gut mit Gniffke
mit Grotewohl stand ich besserund auch den Justizminister Fechner kannte, war ich bei einer Versammlung in Berlin, wo Pieck sprach und Grotewohl sprach, die dann damit endete, daß Pieck und Grotewohl auf der Bühne in Berlin sich die Hand gaben zum Zeichen, daß sie sich jetzt vereinigten und daß nunmehr gemeinsam das ganze durchgekämpft würde. Aber nach kurzer Zeit bekam ich mit, wie die Kommune sagte, na den brauchen wir nicht und da ging es schon los, da wurden krumme Sachen gemacht. Ich persönlich hatte also den Eindruck, daß die Kommunisten schon sehr früh oder überhaupt nicht gewillt waren, in irgendeiner Form fair zu spielen bzw. diese Parität einzuhalten. Inwieweit das nur einige waren oder die Gesamtheit, weiß ich nicht. Sie sagten dann nur, was brauchen wir die SPD, wir brauchen die Massen, aber nicht die SPD.

Mit den Kommunisten mußte ich recht und schlecht zu Rande kommen. Ich habe den Busse später abgesägt, es ist mir gelungen, und zwar wurde ich von der Bevölkerung angeschrieben, ich bekam jeden Tag 6 bis 8 Briefe des Inhalts, daß Busse in der Krankenbaracke des KZ-Lagers Dienst getan hat und daß Busse diesen und jenen einem nationalsozialistischen Arzt zugeführt hat, der dort Versuche machte darüber, was das Herz aushält. Die wurden gespritzt und sind an den Spritzen gestorben. Und da kamen die Schreiben, ob ich dulden könnte, so einen Minister im Amt zu haben und zu behalten. Das habe ich dem Kolesnitschenko gesagt und ihm versucht klarzumachen, wenn das in die Öffentlichkeit hinauskommt, haben wir die größte Schererei, die Sie sich vorstellen können. Aber es war zwecklos, obwohl die doch auf ihr Prestige ungeheuer bedacht waren. Eines Tages bekam ich jedoch die Nachricht, er habe zwei russische Offiziere gespritzt. Das habe ich dem General gesagt und die Namen derer genannt, die von Busse gespritzt worden sind. Da endlich wurde er am nächsten Tag abgesetzt.

Ich war ganz kurze Zeit Mitglied der SED. Bei der Vereinigung in Thüringen habe ich gesagt, ich trete euch bei, da war großer Jubel, aber dann war es aus, ich bin nicht hingegangen ich habe ja nichts zu tun gehabt mit denen. Auf dem Vereinigungsparteitag habe ich folgendes gesagt: „Von heute an betrachte ich mich als einen der Euren“, und da war ein Halleluja, aber eigentlich bin ich nie Mitglied gewesen, ich habe zunächst überhaupt monatelang noch nicht einmal eine Mitgliedskarte gehabt, die habe ich vielleicht nach einem Jahr bekommen, ich bin aber nie da gewesen, ich habe deren Sitzungen nicht besucht. Ich gehörte auch gar nicht dem SED-Landesvorstand an, der dann gebildet wurde.

Bei den Wahlen im Herbst 1946 bin ich Ministerpräsident geworden, da habe ich gesagt, das sind legale Wahlen, sie waren ja auch im Wesentlichen legal, es mögen einige krumme Sachen vorgekommen sein, aber man kann sagen, es waren einigermaßen demokratische Wahlen; und krumme Sachen können nur auf kleinen Dörfern vorgekommen sein. Daß sie in Städten keine Schwierigkeiten gemacht haben, sieht man schon daran, daß in den Städten die Bürgerlichen die Majorität gewonnen haben, haarscharf, mit einer einzigen Ausnahme, ich glaube Altenburg hat die SED behalten, alle übrigen Städte wurden bürgerlich, und ich weiß, daß der Sokolowski aufs tiefste erschüttert war.

Ich hatte eine Jagd gehabt und bin auf dieser Jagd, sie lag ungefähr 200 km von Weimar ab, und eines Abends kommt ein russischer Oberst und sagt, Sie haben in der Nacht hohen Besuch zu erwarten. In der Nacht, so um 11.00, 11. 30 Uhr erschien der Sokolowski in Begleitung von Schukow und Kolesnitschenkow. Er sagte, ich bin sonst nie in ein deutsches Haus gegangen, ich komme zu Ihnen einige 100 Kilometer gefahren, um mit Ihnen die Aussichten der Wahl durchzusprechen. Er fragte mich, wie schätzen Sie die Aussichten der Wahl ein? Ich gab die Frage zurück und wollte erst seine Ansicht hören aufgrund seiner Informationen. Da sagte er, nach den Informationen, die ich habe, können wir mit einem Ausgang der Wahl zu 76 % für die SED rechnen. Ich sagte, diese Informationen sind heller Wahnsinn, ich kenne aus meiner früheren politischen Tätigkeit genau die Verhältnisse der Sachsen, von Sachsen-Anhalt und von Thüringen. Nicht zuständig bin ich für Brandenburg und für Mecklenburg, da kann ich Ihnen keine Antwort geben, aber in den anderen da hat es jahrzehntelang immer gestanden so um 50 %, der eine hat 52, der andere hat 48 usw. usw. Der Mann ist fast verrückt geworden, er ist bis 4.00 Uhr früh geblieben, um mir eine andere Meinung beizubringen. Und da ist der Schukow aufgestanden und hat gesagt, Herr Marschall, ich kenne nun Paul so viele Jahre und habe mit ihm zusammengearbeitet und wenn er sagt, dann hat er dieses Wissen aus der Vergangenheit und wir müssen das Wissen annehmen. Sokolowski ist dann gegen 4.00 Uhr gegangen und war vollkommen angeschlagen. Die Wahlen haben mir Recht gegeben, Thüringen hatte 51 % für die Bürgerlichen zusammen. Das waren traditionelle Wahlergebnisse in dem Verhältnis, es wird ja häufig gesagt, daß sehr viele Wähler, die früher SPD gewählt haben, dann in die SED gegangen sind oder der Partei eben nahegestanden haben, daß die dann LDP gewählt haben, als sie merkten, wohin es ging und daß daher dieses hohe Verhältnis für die Bürgerlichen gekommen sei, ungeachtet der Möglichkeit, daß viele frühere Sozialdemokraten die LDP wählten, als sie merkten wohin der Kurs der SED ging. Aber letztlich weiß ich bereits aus meiner Jugend, daß das Verhältnis Bürgerliche zu Linksparteien bei 50, 48 % in dieser Gegend lag.

Nach den Wahlen vom Herbst 1946 fand dann offiziell die Konstituierung einer Landesregierung statt und meine Einsetzung als Ministerpräsident. Als Ministerpräsident konnte ich meine Regierung nicht einfach so wählen, z.B. mußte ich den Innenminister von der KPD nehmen, sonst nahmen die Russen es nicht ab, die haben auch in der SED immer acht darauf gegeben, daß der, der gewählt wurde, bei der KPD gewesen war.

In dieser Zeit hatte ich durchaus die Möglichkeit, Politik zu machen. Ich konnte an sich die Leute
lenken, wie die einzelnen Verordnungen der Russen auszulegen waren, da konnte ich etwas Einfluß ausüben, ich wurde an sich nicht dressiert und mir wurde nicht gesagt, Paul, Sie haben das und das anzuweisen usw. Sie haben zweimal den Versuch gemacht, einmal bei den Kaligruben, da wollten sie mich veranlassen, daß ich die Kaligruben auf die Russen überschrieb, als SAG, sie hatten keine Ahnung, was eine Aktiengesellschaft ist, aber wollten das durchsetzen und haben sogar zwei Professoren vom Marx-Lenin-Institut nach Weimar kommen lassen, um mich juristisch zu belehren, daß das doch ginge. Ich stand auf dem Standpunkt nein, ich bin nicht in der Lage, ich habe nicht die Rechte, ich habe nicht die Möglichkeit, ich konnte sie ihnen nicht übertragen. Wenn sie es machen wollten, konnten sie es nur durch militärischen Befehl machen, aber niemals durch eine administrative Amtshandlung des Ministerpräsidenten oder über den Landtag, aber das wollten sie nicht, denn das wäre zu sehr an die Öffentlichkeit gekommen. Und so haben sie durch einen militärischen Befehl die Gruben übernommen. Genauso wie diese Bankengeschichte, die aufgrund des militärischen Befehls des Marschall soundso übernommen wurde. Insoweit haben sie mich also sauber gehalten, ich wurde nicht gezwungen, etwas qua Ministerpräsident zu tun, sondern dann stellte man uns mittels Befehl vor vollendete Tatsachen.

Zu den gesetzgeberischen Funktionen des Landtags und welche Art von Gesetzen verabschiedet wurden, kann ich wenig sagen, ich hatte mit dem Landtag wenig zu tun, wenn Sie die Landtagsprotokolle angucken, stehe ich gar nicht drin. Ich war z.B. bei der Verfassung nicht zugegen, ich hatte mich krank gemeldet, denn es lag ein russischer Entwurf vor, und da wußte ich, was los war. Und da habe ich mich krank gemeldet. Diese Verfassung wollte der Landtag zunächst als Gemeindeordnung oder so etwas ähnliches aufziehen, hat aber endlich das Wort Verfassung übernommen, weil ich gesagt habe, das sind ja Bezeichnungen für Mittelbehördenordnungen, es gibt bloß ein Wort und das heißt Verfassung, das haben sie dann gemacht. Dabei haben sie einen ganz groben Fehler gemacht, denn aufgrund der Verfassung waren sie nicht in der Lage, mich als Präsidenten zu einer Sitzung des Landtags zu laden. Als sie eines Tages damit ankamen, ich möchte ihnen Rede und Antwort stehen in einem Punkt a), da habe ich gesagt, meine Herren, Sie haben nach dem Gesetz keine Möglichkeit mich zu laden, ich habe eure Verfassung nicht gemacht, ich habe auch nicht mitgearbeitet, wenn Sie mich aus Höflichkeit bitten zu kommen, dann komme ich, aber wenn Sie glauben, Sie hätten ein Recht mich dorthin zu diktieren, dann komme ich nicht, und daran habe ich mich gehalten. Das haben sie mir natürlich dann sehr übel genommen, denn ich bin einfach dann nicht hingegangen. Welchen Vorbildern diese Verfassung, die also praktisch von den Russen verordnet worden ist, und dann formaljuristisch vom Landtag verabschiedet worden ist, welche Elemente darin enthalten waren, darüber kann ich Ihnen nichts sagen, ich habe nicht an der Verfassung mitgearbeitet, sie ist mir relativ unbekannt geblieben. Das sind selbstverständlich
Sachen gewesen, die die Russen auch beobachtet haben.

Die Bodenreform wurde durchgeführt unter Verantwortung eines Generalobersten, Stellvertretender Ministerpräsident Semjonow, ein sehr bedeutender Mann, er galt als der klügste Mann der Roten Armee und war mit menschlichen Gründen absolut zu fassen. Es ist auch heute ein sehr wichtiger Mann. Er war sehr zugänglich für die deutschen Belange. Der kam zu mir angereist und sagte, hören Sie mal, wissen Sie über den Reichsminister vom Stein Bescheid? Ich sagte, ich habe zufällig meinen Doktortitel darüber gemacht, ich bin also da im Bilde. Da sagte er, dann wissen Sie ja auch, daß Stein nur die persönliche Befreiung der Menschen gebracht hat, nicht aber, daß die Menschen vertrieben worden sind von ihrer Scholle, und daß sie nichts haben mitnehmen können, sie mußten in die Städte fliehen. Er war also sehr versiert, als hätte er ein Repetitorium durchgemacht. Und da legte er mir einen Entwurf vor für die Bodenreform. Ich habe ihn durchgelesen in seiner Gegenwart und sagte, darunter setze ich meinen Namen nicht, diese Bodenreform enthält einerseits Motive, diese Bodenreform enthält Ausführungsbestimmungen und diese Bodenreform enthält Gesetzestexte, ist also ein wüstes Durcheinander, unter das ein wirklicher Jurist seinen Namen nie setzt, und so habe ich meinen Namen nicht darunter gesetzt. Trotzdem ist diese Bodenreform für Thüringen einige Tage später herausgegangen, indirekt, weil die Russen mich gezwungen haben.

Ich will folgendes Beispiel zur Durchführung der Bodenreform sagen: Der Thüringer Wald sollte verteilt werden an sogenannte Neueigner, also die zugewandert waren, schön, wenn die soundsoviel Stämme jeder bekommen hätten, weg damit, aber den Wald als solchen zu zergliedern in hunderte von Teilen, das war der Untergang des größten Vermögensobjektes des Landes Thüringen. Ich habe auch zu dem Semjonow gesagt, daß ich die Nazis, die die grüne Forstuniform getragen haben, nicht
entlassen kann, dann ist kein einziger Fachmann und Förster mehr da, denn Göring war Reichsjägermeister und hat verlangt, daß jeder Förster NSDAP war, sonst flog er auf der Stelle, und so sind die Leute ausnahmslos NSDAP geworden, ob sie wollten oder nicht. Wenn ich die Leute heute rausschmeiße, habe ich keinen Menschen, keine Fachleute mehr. Ich schlug ihm vor, den bedeutendsten Landesforstmeister, der so bedeutend war, daß er sogar von Russland angefordert worden ist und in den russischen Wäldern als Sachverständiger tätig war, diesen Landesforstmeister rufe ich mit Ihrer Zustimmung für ein halbes Jahr ab, da ist nach außen hin das Bild gegeben, daß der bedeutendste Forstmann von Thüringen im Rahmen der Entnazifizierung entlassen ist 4 , ansonsten lasse ich den alten Bestand, und nach einem halben Jahr setze ich auch ihn wieder ein. Das hat der Semjonow mitgemacht. Er war also sehr verständig.

Hinsichtlich einer Vereinigung Deutschlands sah ich den Zug als abgefahren an nach München, da war gar kein Ausweg mehr da, vorher hatte ich ab und zu noch eine gewisse Hoffnung, aber, wollen wir mal ganz ehrlich sein, es waren so viele Leute dazwischen, die um ihr Pöstchen bangten und gar nicht gewillt waren, ihre Stellung hinzuschmeißen und zu sagen, macht Euren Dreck alleine, infolgedessen hatte man mit Leuten zu tun, die alles mitmachten. Den Eindruck konnte man haben, auch wenn es ein wenig hart klingt.
Gerade die SPD hat für meine Begriffe einen groben Fehler gemacht. Schumacher war sicher ein sehr bedeutender Mann, ich kenne ihn ja nicht, aber er war Leiter der West-SPD. Als die Ministerpräsidenten von Ost und West nach München geladen waren, hat Schumacher die Ministerpräsidenten der West-SPD zu sich kommen lassen in Gegenwart von Reuter, hier in Frankfurt, und da haben sie hier zusammengesessen und haben ein Protokoll des Inhalts gemacht, daß die Ministerpräsidenten der SPD des Westens nicht mit denen des Ostens zusammensitzen dürfen in der Konferenz, die Konferenz darf in dieser Form nicht durchgeführt werden, die vom Westen hätten eher zu gehen. Ich hatte für München wenig Hoffnung, und zwar aus folgenden Gründen. Die Ministerpräsidenten der West-SPD liessen deutlich erkennen nach relativ kurzer Zeit dieser Nachtsitzung in München, daß sie allem Anschein nach sich an diese Vereinbarungen, die sie getroffen hatten, wir 5 bleiben mit den Brüdern des Ostens nicht zusammen, halten würden und infolgedessen daran die Konferenz kaputt ginge, und so ist sie ja nach wenigen Stunden kaputt gegangen. Die andere Version, daß die Konferenz deshalb geplatzt sei, weil der Tagesordnungspunkt 1, die Wiedervereinigung, nicht auf die Tagesordnung gesetzt werden durfte, weil sonst die Ministerpräsidenten der französischen Zone nicht hätten teilnehmen dürfen, stimmt nicht. Ich war der Sprecher der Ostzone und mir wurde das, was der Ulbricht auf die Füße gestellt hatte, als Punkt 1 auf die Tagesordnung zu setzen, vorgelegt auf der Fahrt von Fischer aus Sachsen und von Höcker aus Mecklenburg. Fischer, ein russischer Oberst und Agent der Russen in Frankreich, also ein ganz zuverlässiger Mann für die Gegenseite, kam mit dem, was als Punkt 1 auf die Tagesordnung zu setzen war, zu mir und sagte, hier wir haben aufzustehen, wenn dieser Punkt 1 nicht angenommen wird. Dieser Punkt 1 besagteer hätte defakto zu einer Auflösung der Konferenz geführt, daß alle Großvereinigungen, also demokratischen Parteien und wie sie alle heißen, und Antifa-Blöcke und Gewerkschaften usw. zusammenzurufen sind und daß mit denen zu beraten wäre, ob wir ein einheitliches Deutschland bilden können. Es sollte also so etwas ähnliches wie Volkskongreß auf Reichsebene gebildet werden, also eine demokratische Massenorganisation.
Und zum Fischer habe ich gesagt, ich will Ihnen was sagen, zunächst sind wir nicht in München, und in München warten wir erst einmal ab. Fischer und Höcker merkten, daß ich die Sache nicht übernehmen würde, und ich habe sie auch nicht übernommen, ich habe den Punkt 1 überhaupt nicht erwähnt. Höcker ist außer der Reihe, wollen wir mal sagen, ich war ja an sich der Sprecher des Ostens, aufgestanden und hat plötzlich im gut preußischen Kommandoton diesen Punkt vorgetragen und da brauchten wir gar keine Abstimmung zu machen, es war schon abgelehnt, bevor es
vorgetragen wurde. Daran ist die Münchener Konferenz gescheitert, ich habe nicht ein Wort verloren zu diesem Punkt, er war für mich nicht vorhanden, er war ein Gebilde von unserem guten Ulbricht und den habe ich einfach nicht übernommen und habe den ganzen Abend auf ganz anderer Basis verhandelt, ich habe auf folgender Basis verhandelt: In der Einladung, die an alle Präsidenten ergangen war, hatte der Präsident von Bayern, der Einladende, der Ehard, 6 der hatte geschrieben: wenn wir alle zusammen sind – das war am Abend vorher – dann werden wir die Tagesordnung bestimmen. Jetzt waren wir alle zusammen, aber vor jedem von uns lag auf Schreibmaschinenpapier geschrieben eine Tagesordnung. In jener Tagesordnung war aufgeteilt und aufgezeigt, was besprochen werden sollte und wer sprechen sollte: in Ausschließlichkeit Ministerpräsidenten des Westens, als Korreferenten in Ausschließlichkeit Minister oder irgendwelche Chargen ebenfalls des Westens; die östlichen sollten überhaupt nicht zum Zuge kommen. Obwohl also die Tagesordnung erst beraten werden sollte, lag sie an diesem Tage bereits gedruckt vor. Daraufhin habe ich gesagt, Verträge sind zu halten, wir sind im Vertrauen auf einen Vertrag, daß hier eine Tagesordnung erst gebildet werden soll, von der Ostsee, von Berlin, von Dresden, von Weimar nach München gefahren und nun liegt bereits eine fertige Tagesordnung vor. Nun ging es aber los, da habe ich natürlich auf die Tube gedrückt, das ist doch ganz klar, dazu bin ich ja Anwalt und das ist das, woran es gescheitert ist, an der Tagesordnung, daß im Gegensatz zu einer festgemachten Zusicherung die Tagesordnung als unabänderlich schon vorlag. Ich habe gesagt, meine Herren, stellen Sie sich vor, hinter mir steht eine der schwierigsten Besatzungsmächte, jetzt komme ich nach Hause und sage, man hat mich nicht zu Wort kommen lassen, ich wurde glattweg betrogen, also das kann ich nicht hinnehmen, meine Herren, Sie müssen sich in meine Lage versetzen usw.

Ich hätte der Konferenz mehr Chancen gegeben, wenn alle Parteien das erst diskutiert, in Ruhe durchgesprochen hätten, es wäre doch irgendeine Form gefunden worden. Da lassen sie uns 24Stunden hinter Biertöpfen sitzen als ein Bild für die Allgemeinheit, 'die deutschen Ministerpräsidenten sitzen zusammen', aber so gehen wir auseinander, und ich habe am nächsten Morgen noch verhandelt durch Kaisen aus Bremen, den ich sehr geschätzt habe und durch den Professor soundso, ich komme nicht auf den Namen, der erst CDU war, den habe ich immer hingeschickt zu dem Längstisch, an dem sie saßen, daß er doch noch einen Weg suchen solle, daß wir zusammenbleiben und daß wir nicht dieses Bild abgeben. Da habe ich bis Mittag um 12.00 Uhr vorm Schottenhammel in München gesessen, seit Mitternacht aber schickten die Radios des Westens die Meldung hinaus, daß ich nur hierhergekommen sei, um die Sitzung zu sprengen, eine hundsgemeine Lüge, ich war da, ich stand bis Mittag um 12.00 Uhr für jeden Menschen sichtbar da vorm Schottenhammel in München, es ist ein Jammer, warum die das gemacht haben. Eine Erklärung hat mir gegeben der frühere Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, der Lüdemann, der hat also gesagt, wir begründen unseren Standpunkt damit, daß wir im Osten nicht vertreten sind und sollen mit Leuten verhandeln, die den Osten vertreten wollen, in dem man uns nicht zugelassen hat. Und da habe ich gesagt, ich muß Sie korrigieren, Herr Lüdemann, Sie müßten den Antrag stellen, daß Ihre Partei zugelassen wird im Osten, dann müssen die Russen darüber entscheiden, aber Sie wollten ja nicht, Schumacher wollte es ja nicht. Daß ich darin eine echte Chance gesehen hätte, wäre zuviel, aber immerhin eine Chance; eine echte ist zuviel, das kann ich nicht sagen, aber eine Chance. Verhindert worden wäre aber diese grauenvolle Animosität des Ostens zum Westen, dafür wäre gar kein Platz gewesen.
Als ich zurückkam, war die Bevölkerung so down, sie hatte auf München die ganze Hoffnung gerichtet. Auch meine Ministerpräsidenten-Kollegen aus der Ostzone waren genauso enttäuscht, sie waren ja alle dafür gewesen, es hatte eine große Konferenz stattgefunden zwischen der gesamten Spitze der SPD und der Kommune im Harz, es ist nicht ein Kommunist aufgestanden, der gesagt hätte, wir fahren nicht, nicht einer, die haben einmütig für München gestimmt, einmütig, es hat keiner gewagt, dagegen zu sein, das hatten wir gewußt, sie hauen euch in die Fresse, entschuldigen Sie den derben Ausdruck. Es wäre eine solche Wut gewesen gegen die, denn die ganze Wut des Volkes wäre gegen sie gewesen, wenn sie dagegen gestimmt hätten. Eigenartig war, daß von meinen Ministerpräsidenten-Kollegen kein einziger ehemaliger Kommunist war, allerdings war der Fischer, der zwar kein Ministerpräsident war, an Stelle von Friedrichs gefahren. Den Ministerpräsidenten haben sie da fertiggemacht, das war eine sehr zweifelhafte Sache, was mit dem passiert ist, der hatte ja zwei Tage vorher zu mir gesagt, er werde vergiftet und war dann nicht da, weil er nicht erwünscht war. Ulbricht war damals nicht mit uns in München, die Pressekonferenz dort, die hat er ein paar Tage später gemacht, der hat nur den Giftpfeil mit diesem einen Antrag hinterhergejagt, denn er konnte ja den Beschluß des Plenums nicht abändern und da wollte er stören mit diesem Ding. Dabei lag eine klare Störabsicht vor, denn in solchen Punkten hat er gewußt, was damit zu erreichen ist. Auch unter Berücksichtigung der Mutmaßung, daß die kommunistische Seite, Russen und deutsche Kommunisten, Ulbricht usw., ihre Einwilligung zur Reise nach München für die ostzonalen Ministerpräsidenten eigentlich nur gegeben habe, um sozusagen so zu tun, als ob sie bereit wären, aber dann den Knüppel gleich mitzugeben, die Situation war so, daß Masseneinstellung in ganz Deutschland für dieses München herrschte. Sie mußten mitmachen, es ist eine ganz einfache Rechenaufgabe: machen wir nur jetzt mit und dann nicht mehr, so hätte das sich bei der Bevölkerung negativ geäußert, man kann sich gar nicht vorstellen, wie negativ das gewesen wäre. Es war selbst den Herren zuviel und mich selbst haben eine ganze Anzahl führende Kommunisten angesprochen und haben gesagt, Gott, wir müssen selbstverständlich nach München fahren, sorge dafür, daß wir nach München fahren. Die Schuld am Scheitern wurde mir innerhalb der ostzonalen Bevölkerung nicht eine Sekunde angelastet. Ich mußte mich zwar rechtfertigen, bei der Bevölkerung war ein Aufruhr, ich habe gesprochen beispielsweise am ersten Tag danach vor der Universität und am nächsten Tag zur gesamten Bevölkerung und habe die Gründe dargetan, wie ich sie erlebt habe. Dann kam zu mir zu Besuch der stellvertretende Ministerpräsident von Bayernder dann später gestorben ist, nachdem sie gegen ihn intrigiert haben wegen der Bayernpartei, die er vorübergehend gegründet hatte, um quasi das, was ich gesagt hatte zu unterstreichen. Wie ich es schilderte, so ist es gewesen. Aber selbst neulich in dieser Sendung über die Münchener Ministerpräsidentenkonferenz haben sie diese Passagen von mir wieder gestrichen. Auch über die Haltung der westlichen SPD-Ministerpräsidenten habe ich natürlich gesprochen, denn so allgemein bekannt ist es nicht.
Mein Amt gab ich dann auf im September 1947, weil ich gesehen hatte, es hat keinen Sinn mehr, es war ein Kampf gegen Windmühlenflügel. Es lag nicht daran, daß man mir zunehmend Schwierigkeiten gemacht hat von seiten der Russen, die Leute der Administration waren so schwach und die Marschälle standen hinter mir, menschlich hinter mir, die waren nicht groß politisch tätig. Ich habe einen Ausspruch von jemandem, dessen Namen ich nicht nennen will. Der sagte mir gegenüber, Paul, hauen Sie doch auf die Pauke, schlagen Sie die Kommunisten in die Fresse, diese Hunde haben bei uns, als wir noch kämpften, die Buckel krummgebogen, damit sie ja Maschinengewehrläufe gegen uns in Stellung brachten, dieses Saupack, so sprach der von den Kommunisten. Die Aufgabe meines Amtes und mein Weggang aus der Ostzone hat keinen äußeren Anlaß gehabt. Im September 1947 bin ich weggegangen, als ich erkannte, daß die Kommunisten mehr und mehr Boden gewannen. Sie gewannen Boden durch die Unterstützung der Russen, und zwar wurden Kommunisten nicht etwa oben von der Tete der Russen unterstützt, die Russen, die mit ihnen gearbeitet haben durch dick und dünn, das war dieser miese MWD, diese Verbrecherorganisation, für meine Begriffe gemeine Verbrecher und das waren die unteren Chargenbis zum Hauptmann, bis zum Major, die zählen ja beim Russen noch nichts. Also die Leute haben mit ihnen zusammengearbeitet, während die Generäle oder Marschälle sich nicht darum gekümmert haben, also d.h. auf gut deutsch gesagt, Apparat hat sich zu Apparat gesellt.

Der Informationsstand der russischen Offiziere über Deutschland und die Verhältnisse war meines Erachtens ziemlich gering. Bescheid gewußt hat keiner, das hat man gemerkt nach kurzer Zeit, ich habe ja mit dem maßgeblichen General gesprochen. Auch Schukow sprach mich in Weimar an und informierte sich bei mir über Polizei, Staatsanwaltschaft und all das, aber auch über das Land, denn darüber wußten sie gar nicht Bescheid, keine Ahnung. Selbst so ein Mann wie Schukow, der sich also unerhört eingearbeitet hatte, der am Schluß, nach vier, fünf Monaten mit einem Wissen aufwarten konnte, daß man nur sagen konnte, Mensch wo hast du das wieder zusammengetragen, hat vorher nicht viel gewußt. Wenn andere den Eindruck hatten, daß die Fachoffiziere sehr gut vorbereitet gewesen seien, kann es auch daran liegen, daß ich früher mit den Fachoffizieren zusammengetroffen bin, als die Leute, die darüber berichteten und daß sich die Fachoffiziere in der Zwischenzeit so viel Fachwissen angeeignet hatten.


Quelle: Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn-Bad Godesberg, Sowjetische Besatzungszone [Deutschlands]-Projekt „Das politische Profil und die Entwicklung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands in der Sowjetischen Besatzungszone“ (Zeitzeugen-Interviews), Interview mit Rudolf Paul (ms. Ausfertigung).

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