Nr. 430
9. Februar 1973

Auskünfte Rudolf Pauls über seine Ernennung zum Landespräsidenten


Prof. Dr. RUDOLF PAUL
Dr. Dr. ALBERT PAULFachanwalt für SteuerrechtDr. HANS GEORG SCHMITTRechtsanwälte und NotareDr. FRIEDRICH-ST. BEHRENS Anwaltbüro 6 Frankfurt am Main Dr. PAUL F. MARCHDr. HEINZ L. BAUERRechtsanwältezugelassen:Amts-, Land- und Oberlandesgericht

Herrn
Volker W a h l W e i m a r / Thüringen
Frankfurt am Main, 9-2-1973


Sehr geehrter Herr Wahl!

Zu den Fragen in Ihrem Schreiben vom 20. Januar 1973 1 :

Vorab möchte ich kurz erwähnen, daß die Amerikaner, als sie am 12./13. April Thüringen besetzten, 2 mich für einen höheren Posten gewinnen wollten und mich aus diesem Grunde zum Stabe des General Patton brachten. Ich lehnte ab, da ich meine Anwaltspraxis wieder aufbauen wollte.

Schließlich ließ ich mich gegen die Zusicherung, daß ich mein Anwaltsbüro daneben wiederaufbauen könne, das mir unter den Nazis entzogen worden war, von dem Kommandanten der Stadt Gera dazu bewegen, für einige Zeit die Leitung der Stadt zu übernehmen.

Den „Thüringen-Ausschuß“ lernte ich dadurch kennen, daß der amerikanische Kommandeur von Gera mich bat, zu einer Sitzung dieses Ausschusses nach Weimar zu fahren, um mich und in der Folge ihn zu informieren. Soweit ich mich erinnere, habe ich an einer Sitzung, höchstens zwei Sitzungen dieses Ausschusses teilgenommen. 3
Doktor Brill, der als Regierungspräsident in Weimar zeichnete, ein Amt und ein Titel, die einem höheren Beamten einer Provinz zukommen, [hat], soweit ich Einblick in die Verhältnisse von Weimar bekam, eine Regierung im eigentlichen Sinne wohl nie gebildet. 4
Ich weiß nicht, was sich zwischen Dr. Brill und der sowjetischen Besatzungsmacht nach der Besetzung von Weimar abgespielt hat. Dem Hören – und Sagen nach soll zwischen ihnen keine Verbindung hergestellt worden sein. 5

Etwa eine Woche nach der Besetzung Thüringens durch die Russen erschien in meinem Geraer Amtszimmer ein russischer Oberst vom Stabe des Marschall Shukow und erklärte, daß er mich sofort zum Marschall nach Karlshorst zu bringen habe.

Auf der Fahrt dorthin machte er einen Umweg über Weimar und Jena.

In einem Verhandlungssaal des Oberlandesgerichtes, bei dem er vorfuhr, traf ich den Generaloberst Tschuikow mit einer Anzahl russischer Generäle, die am Sitzungstisch Platz genommen hatten.
Tschuikow bat mich um einen informierenden Vortrag über das Land Thüringen.
Dem habe ich entsprochen.
Ich denke, es wird 15 bis 20 Minuten gedauert haben.
Im Anschluß daran erklärte Tschuikow, daß Shukow beschlossen habe, mich zum Präsidenten des Landes Thüringen zu ernennen. Dem hielt ich entgegen, daß ich aus einem anderen politischen Lager komme – ich gehörte seit rund 15 Jahren der Demokratischen Partei an – und daß ich aus diesem Grunde bitte, von mir absehen zu wollen, da ich selbstverständlich Kontroversen vermeiden möchte. Ich erhielt die Rückantwort: „Das ist uns bekannt. Der Marschall legt aber Wert auf Ihre Ernennung. Sie haben mit den Amerikanern ausgezeichnet zusammengearbeitet, wollen Sie nicht mit uns zusammenarbeiten?“

Überflüssig zu erwähnen, daß aufgrund solcher Fragestellung, wie dieses Gespräch überhaupt, eine Ablehnung kaum möglich war. Bei dem nunmehr folgenden Telefongespräch zwischen Tschuikow und Shukow erklärte dieser, daß er nicht auf meinen sofortigen Besuch bestehe, da es inzwischen Mitternacht geworden sei, sondern daß er in den nächsten Tagen eine[n] seiner Offiziere schicke, der meine Einführung vornehmen würde.

Am Morgen nach dieser Nacht erwachte ich mit Fieber. Ich benachrichtigte Tschuikow und bat darum, nunmehr wegen meiner Krankheit eine[n] anderen zu bestimmen. Etwa 24 Stunden später stand ein Offizier vom Stabe Shukow’s in meinem Schlafzimmer. Als er sah, daß ich wirklich krank war, übermittelte er mir die besten Genesungswünsche des Marschalls mit der Zufügung, daß der Marschall mit meiner Ernennung bis zu meiner Genesung warten würde. Etwa drei oder vier Tage vor der Ernennung wurde ich zu Tschuikow bestellt und traf dort Dr. Brill an. Aus der Unterredung, die nahezu restlos von Tschuikow geführt wurde, erkannte ich, daß Dr. Brill von den Russen in seiner Stellung nicht bestätigt wurde. Welches die Gründe hierfür gewesen sind, war mir völlig unbekannt.

Bevor meine Ernennung ausgesprochen wurde, verhandelten die Russen mit einer Anzahl von Männern, die bisher zum Teil in der Umgebung von Dr. Brill tätig gewesen waren. Mit Ausnahme meines Parteifreundes Moog kannte ich diese nicht. Bekannt wurde mir, daß die Russen dieeinzelnen Herren gefragt haben, wen sie für den geeigneten hielten, Präsident von Thüringen zu werden. Sie haben sich offensichtlich in der Mehrheit für mich geäußert.

Entgegen dem Willen der Russen lehnte ich es ab, eine Regierung zu bilden. Ich erklärte mich nur bereit, im Rahmen einer sogenannten Landesverwaltung das Land zu verwalten, wobei demzufolge die sowjetische Besatzungsmacht die Verantwortung für die Anweisungen trug, die sie an diese Landesverwaltung stellte. So lehnte ich auch den Titel eines Ministerpräsidenten ab, wählte den Ausdruck „Präsident des Landes“ und ernannte meine gehobenen Mitarbeiter zu Landesdirektoren. 6 Eine Ernennungsurkunde habe ich nicht erhalten. Tschuikow stellte mir einen General Kolesnitschenko als den zuständigen Administrationschef vor. Wie eingangs dargetan, kam die Ernennung für mich völlig überraschend.

Ich nehme nicht an, daß der Empfang der Roten Armee in Gera mit meiner Ernennung zu tun hatte. Der Empfang der Roten Armee wurde vo[m] Antifablock beraten und beschlossen. 7

Ich wünsche Ihnen zu Ihrer Arbeit vollen Erfolg und hoffe, Ihnen mit den vorstehenden Angaben dabei ein wenig geholfen zu haben.


Mit freundlichen Grüßen
Rudolf Paul (Professor Dr. Rudolf Paul)

Quelle: Privatkorrespondenz Prof. Volker Wahl (Weimar) (ms. Ausfertigung mit hs. Korrekturen).

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