Nr. 428
o. D.

Georg Schneider „Der rechte Sozialdemokrat Dr. Brill versuchte die Einheit der Arbeiterklasse zu verhindern“


Der rechte Sozialdemokrat Dr. Brill versuchte die Einheit der
Arbeiterklasse zu verhindern 1
Prof. Dr. Georg Schneider


Am Sonntag, den 1. Juli 1945 2 war ich nach Erledigung eines Auftrages mit einem Doppeldecker-Zweisitzer von Marienberg nach Dresden zurückgeflogen worden. 3 Dort traf ich meine Frau an, die in der Zwischenzeit aus Moskau angekommen war. Am Nachmittag waren wir zur Geburtstagsfeier anläßlich des 50. Geburtstages Hermann Materns 4 mit einem kleinen Kreis von Genossen eingeladen. Im Gespräch teilte mir Genosse Matern mit, daß ich nun nach dem Abzug der amerikanischen Besatzungstruppen aus Thüringen dorthin fahren soll, um die Partei aufbauen zu helfen. 5 Ich solle mich vorbereiten, evtl. schon am Montag, den 2. Juli abzureisen.
Von mir aus war ich sofort bereit, ich hatte ja nicht viel zur Vorbereitung. Die Abreise klappte jedoch von seiten der Sowjetarmee nicht. Was die Gründe waren, kann ich nicht sagen. Ich blieb bis zum 5. Juli in Dresden. In der Zwischenzeit versorgten mich die sowjetischen Freunde mit Zeitungen und Flugblättern, die in Thüringen gedruckt worden waren. Aus Gera wurde von dem Einzug der Sowjetarmee berichtet.Der dortige Oberbürgermeister Dr. Paul hatte durch Lautsprecher und Flugblätter bekanntgeben, daß die sowjetische Armee offiziell mit allen Ehren von ihm empfangen wird und er ließ die Bevölkerung auffordern, auf der Straße zu sein, um die sowjetischen Truppen würdig zu empfangen. Die Zeitung schrieb darüber, wie Dr. Paul die Sowjetarmee vor den Toren der Stadt mit Brot und Salz unter großer Beteiligung der Bevölkerung begrüßt hatte. Ich kannte damals Dr. Paul nicht, freute mich jedoch über die Tatsache, daß sich in Thüringen ein Bürgermeister gefunden hatte, der damals den Mut hatte, der sowjetischen Armee einen würdigen Empfang zuteil werden zu lassen. Ich wußte damals nicht, daß die kurzen Informationen durch die sowjetischen Genossen für die spätere Geschichte in Thüringen wichtig werden würden. Am Nachmittag des 5. Juli war ich in Jena angekommen und durch Walter Ulbricht 6 den Genossen als Beauftragter des ZK vorgestellt worden mit dem Auftrag, in Thüringen die KPD aufzubauen. Nachdem ich einige Tage in Jena und Eisenberg gearbeitet hatte und dort mich mit Fragen des Aufbaus der Partei bzw. der Besetzung des Oberbürgermeisteramtes, von Bürgermeistern bzw. der Besetzung der Stadtverwaltung beschäftigt hatte, wurde ich am 10. Juli für ½ 11 Uhr zum Stadtkommandanten von Weimar bzw. zum General der Armee für Thüringen, den Genossen Generaloberst Tschuikow bestellt. Von der sogenannten 7. Abteilung stellte der Major Wolkow 7 an mich die Frage: Was halten Sie von Dr. Paul, wären Sie damit einverstanden, daß Dr. Paul Präsident für Thüringen wird? Dr. Brill war von den Amerikanern eingesetzt worden. Ich konnte damals dem Major Wolkow nur mitteilen, daß ich Dr. Paul aus seinen Flugblättern und aus den Berichten kenne, die den Einmarsch der sowjetischen Armee in Gera schildern. Am Abend nach 21 Uhr des 10. Juli wurden wir nochmals zum Generaloberst Tschuikow bestellt, der in Jena im Gebäude der späteren Arbeiter- und Bauernfakultät, 8 dem heutigen Institut für Pädagogik seinen Stab aufgeschlagen hatte. Es sollten nach Anordnung von deutscher Seite anwesend sein: Ein Demokrat, zwei Vertreter der KPD und ein Vertreter der SPD. So kamen am Abend des 10.7. außer vier Generälen der Sowjetarmee Dr. Paul aus Gera, Dr. Appell als Vertreter der SPD aus Weimar, Genosse Ernst Busse und Genosse Walter Wolf (KPD) aus Weimar und der Autor dieser Zeilen zu dieser Sitzung zusammen. Allgemein wurde über den Aufbau einer deutschen Selbstverwaltung in Thüringen gesprochen. Es wurde mit keinem Wort erwähnt, ob Dr. Brill Präsident bleibt oder Dr. Paul Präsident werden soll. Die Zusammenkunft war organisiert worden, damit wir Dr. Paul persönlich kennenlernen sollten. Diese Sitzung zog sich bis spät in die Nacht hinein und war für die Zukunft von großer Bedeutung. Am 11. Juli fand wiederum eine Sitzung beim Generaloberst Tschuikow in Weimar statt. Außerdem waren noch fünf sowjetische Generäle anwesend. Zu dieser Sitzung war außerdem Genosse Semjonow, der jetzige stellvertretende Außenminister der UdSSR aus Berlin angekommen. 9 Auf dieser Beratung stand klar die Frage: Bleibt Dr. Brill als Präsident der Selbstverwaltung in Thüringen oder wird Dr. Paul an dieser Stelle eingesetzt. An mich wurde konkret die Frage gestellt, für wen ich sei. Ich konnte aufgrund meiner Kenntnisse der Weimarer Zeit darauf hinweisen, daß Dr. Brill als rechter Sozialdemokrat stets gegen unsere Genossen im Thüringer Landtag aufgetreten ist. Ich führte all das an, was ich über Dr. Brill erfahren hatte. Zwar war Dr. Brill als Mitglied der SPD im KZ Buchenwald gewesen und hatte während der Zeit Verbindung mit den kommunistischen Genossen im Lager aufgenommen und mit ihnen nicht schlecht zusammengearbeitet. Von der Zeit an jedoch, als die Amerikaner gekommen waren, nahm er eine sehr enge Verbindung zu diesen auf und wurde von ihnen als Präsident in Thüringen eingesetzt. Als auf der Sitzung Genossen Semjonow darauf aufmerksam machte, daß man in Berlin der Meinung sei, Dr. Brill käme als Kandidat des Präsidenten in Frage, sagte ich sehr entschieden: „Ich bitte darum, im Protokoll zu vermerken, daß der Vertreter der KPD Thüringens sich gegen eine Kandidatur Dr. Brills ausgesprochen hat.“ Ich hatte gesehen, daß Dr. Brill in seiner kurzen Verwaltungszeit unter Leitung der Amerikaner zwar einige Genossen von uns in den Verwaltungsapparat eingebaut hatte, er behielt jedoch die Macht persönlich in der Hand und mit seiner Frau als Sekretärin versuchte er diktatorisch alles durchzuführen. Er arbeitete nicht mit einem Kollektiv, sondern im Alleingang und versuchte die Genossen der KPD und seine Freunde aus der SPD [von] sich abhängig zu machen. So war[en] von ihm z.B. Genosse Walter Wolf, Genosse Ernst Busse und andere wohl in den Staatsapparat eingebaut worden, aber die Politik bestimmte er allein. In der gleichen Art verhielt er sich als Vorsitzender der Landesleitung der SPD, in der er allein bestimmte. Am 14. Juli war wiederum eine Sitzung mit 2 sowjetischen Generälen, um über die Thüringer Selbstverwaltung zu entscheiden. Das Ergebnis war: Dr. Paul wird als Präsident eingesetzt werden. Am 16.7. fuhr ich mit dem Genossen Eberhardt Charisius (dieser war schon 1941 mit einem Flugzeug auf sowjetischem Territorium gelandet und hatte sich freiwillig in sowjetische Gefangenschaft begeben) von Weimar nach Gera um ihn dort als Polizeibevollmächtigten einzusetzen. 10 Auf dem Rückwege nahm ich Dr. Paul aus Gera mit nach Weimar. In Weimar wurde nun ganz offiziell die Selbstverwaltung für Thüringen eingesetzt. An der Spitze Dr. Paul als Präsident, sein 1. Stellvertreter Genosse Ernst Busse (KPD), weiterhin Dr. Appell (SPD), Dr. Kolter (CDU). Auf dem kleinen Dinner, 11 das nach der feierlichen Verkündung stattfand, lernte ich das erstemal Dr. Brill persönlich kennen. In meinen Aufzeichnungen habe ich die Bemerkung gefunden: Unsympathisch. Auf dieser Sitzung wurde zuerst der Befehl für den Einsatz des Genossen Gardegeneralmajors Kolesnitschenko bekannt gegeben, dann der Befehl über den Bestand der Thüringer Selbstverwaltung verlesen. Damit war die Ära Dr. Brill als Präsident Thüringens erledigt. Er zog sich schmollend zurück und blieb vorläufig der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei der Landesleitung Thüringen. Es ist bemerkenswert, daß zu allen wichtigen Sitzungen sich Dr. Brill als krank entschuldigen ließ. So kam es, daß bei fast allen weiteren Besprechungen mit den sozialdemokratischen Freunden, besonders was die Aktionseinheit zwischen KPD und SPD anging, Dr. Brill niemals anwesend gewesen ist. So fehlt unter den wichtigsten Vereinbarungen zwischen den beiden Arbeiterparteien stets die Unterschrift Dr. Brills.Als Ergebnis unserer Bemühungen, eine feste ehrliche Aktionseinheit der beiden Arbeiterparteien zu erreichen, ist die gemeinsame historische Sitzung am 8. August in Weimar anzusehen. Die Vertreter der Sozialdemokratischen Partei Landesleitung Thüringen, die Genossen Kurt Böhme, Gustav Brack, Adolf Brehmer, Marie Carnarius, Cäsar Thierfelder und die Vertreter der Kommunistischen Partei Bezirksleitung Thüringen, die Genossen Ernst Busse, Richard Eyermann, Stephan Heymann, Georg Schneider und Walter Wolf unterzeichneten gemeinsam einen Aufruf „An das werktätige Volk“. Dort heißt es wörtlich: […] 12 Dieser Aufruf war der erste offizielle Schritt auf dem Wege zur Vereinigung von KPD und SPD im Lande Thüringen. Wie schon gesagt, schloß sich Dr. Brill sowohl von den Beratungen als auch zur Leistung der Unterschrift aus.Am 17. Juli wurde der KPD-Bezirksleitung Weimar von der Selbstverwaltung Thüringen das Haus der jetzigen Energieversorgung in der Schwanseestraße zugewiesen. Wir konnten nun endlich einen geordneten Parteiapparat aufbauen. Interessanterweise war in diesem Haus eine Organisation, die Handelskammer untergebracht, die unter Leitung Dr. Brills arbeitete. Es ergab sich, daß ich Dr. Brill auffordern mußte, das Haus schnellstens räumen zu lassen, was umgehend geschah. Unseren Beschlüssen über gemeinsame Arbeit gemäß wurde dann im September eine Funktionärskonferenz mit 50 Prozent Funktionären der KPD und 50 Prozent der SPD in Probstzella durchgeführt. Diese gemeinsame Funktionärsschulung wurde in der Woche vom 27. bis 29. September durchgeführt. Diese Konferenz war gemeinsam von beiden Parteien organisiert worden. 13 Sie fand im größten Hotel Probstzellas statt. Dieses gehörte einem Freund Dr. Brills, Itting, der als Kapitalist eine Reihe Hotels zu seinem Besitz zählte. Auf dieser Konferenz gelang es, die Haltlosigkeit der Vorstellungen der rechten Sozialdemokraten und die eines Dr. Brill zu beweisen. Eines der Referate hatte Dr. Brill gehalten, das Referat: „Die KPD im heutigen Deutschland“ hielt der Verfasser dieses Artikels. Ein Teil der sozialdemokratischen Genossen erkannte den falschen Standpunkt und die falsche Politik eines Dr. Brill. Harte, aber klare Auseinandersetzungen wurden auf dieser Konferenz geführt. Dort wurde der Ideologie eines Dr. Brill innerhalb der Sozialdemokratischen Partei der Todesstoß versetzt. Als dann [im Oktober oder November] 14 Dr. Brill Thüringen in Richtung Westen verlassen hatte, machte mich der Generalmajor Kolesnitschenko darauf aufmerksam, daß es für die weitere Entwicklung gut gewesen ist, daß Dr. Brill freiwillig aus Thüringen gegangen ist. Es hätte sich so viel Material gegen Dr. Brill angesammelt, daß er hätte verhaftet werden müssen. Dr. Brill war an Schiebungen mit Maschinen nach dem amerikanisch besetzten Gebiet beteiligt. Es sei der Besatzungsmacht jedoch unangenehm gewesen, den Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei verhaften zu müssen. Daher hätte man bisher davon abgesehen. So war es das beste, daß Dr. Brill sich rechtzeitig abgesetzt hat. Lange Jahre bis zu seinem Tode war Dr. Brill dann Ministerpräsident im Bundesland Hessen. 15

Quelle. Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar,Bezirksparteiarchiv der SED Erfurt, V/6/14-001, Bl. 8r-14r (ms. Ausfertigung); Durchschriften Bl. 36r-54r, 55r-73r.

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