Nr. 435
Rudolf Paul: Wer auf einem Tiger reitet …


Inhaltsverzeichnis
Seite 1

Erster Band

(1) Es kam anders 2

(2) Die neuen Herren

(3) Präsident des Landes

(4) Erste Tarnung

(5) Ein Peitschenschlag

(6) Sowjetische Taktik

(7) Die sogenannte Bodenreform

(8) Gedankensplitter zur Entnazifikation und zum Rechtsstaat

(9) Shukow und die Zentralverwaltungen

(10) Warum Standarten?

(11) Ein Volk auf der Strasse

(12) Wehe dem Besiegten!

(13) Schritte auf dem Wege zur Einheit

(14) Kulturgepränge des Götzen Politik

(15) Ich sprach für die SED

(16) Die Farce der östlichen Demokratie

(17) Ein Marschall gab sein Wort

Zweiter Band

(18) Der Griff aus dem Dunkel

(19) Aussenpolitische Streiflichter

(20) Die Bolschewisierung im Marsch

(21) Die Lüge um die Einheit

(22) Die russische Krankheit

(23) München – ohne Vorhang

(24) Zwischen Generälen, Agenten und Verrätern

(25) Ich gehe


***






" W e r a u f e i n e m T i g e r r e i t e t “ – – –


von


Professor Dr. Rudolf P A U L






Erster Band


Beim Niederschreiben dieser Einführung hat der Sowjet für die Welt erkennbar die Maske vom Gesicht genommen.
Aut in malo bonum, auch im Schlechten liegt Gutes: für eine Legendenbildung um die Jahrzehnte hindurch künstlich auf Distanz von der übrigen Welt gehaltene Sowjetunion ist kein Raum mehr.Terror in brutalster Form, Wortbruch, Lüge und Verleumdung als politische Kampfmittel liegen offen vor dem Beobachter.Das war nicht immer so. Lange Zeit, zum Schaden der Menschheit, zum Schaden der Westmächte, hat die "fortschrittlichste Demokratie der Welt", wie sich der Bolschewismus nennt, ihren Ruf als Meister der Tarnung bewahrt.In der Ostzone, wie das einstige Mitteldeutschland heute heisst, habe ich über zwei Jahre an der Spitze eines deutschen Landes gestanden und bin am Übergewicht der feindseligen Umstände gescheitert.Ausgerüstet mit Wissen um westeuropäische Wirtschaft und Geschichte, vom Beruf her geschult und durch ein Studium der Rechts- und Staatswissenschaft, getragen von der Erfahrung und der Menschenkenntnis aus vielen tausenden von Prozessen, unterm Nazismus durch Gestapo- und Sondergerichtsverfahren gehetzt, wähnte ich an Härte, Lebens- und Berufserfahrung das Werkzeug zu besitzen, um in meinem schwierigen Amt dem Sowjet gegenüber bestehen zu können. Den Worten und den Beteuerungen von Generälen 3 und Marschällen habe ich in der ersten Zeit meines Amtes geglaubt und ging im Vertrauen auf ein demokratisches Wollen der sowjetischen Besatzungsmacht ein Stück des Weges mit. Als ich hinter dem verhangenen Gesicht meines Gegenübers immer deutlicher die wahren Züge erkannte, blieb ich zunächst noch im Amt. Es ging um meine Heimat.Sowjetische Irreführung, sowjetische Zusicherungen aus hohem Mund zugunsten der deutschen Bevölkerung, zugunsten einer Revisionsmöglichkeit der Oder-Neiße Linie und für die Deutsche Einheit hatten mich im Spätherbst 1946, an dem Tag, an dem ich in der Sowjetischen Administration mein Amt als Präsident des Landes niederlegte, dazu gebracht, im Amt zu bleiben und persönlich im Wahlkampf zu sprechen. Mein Herz entschied gegen die Erkenntnisse des Verstandes. Ich wurde missbraucht.Als ich im Februar 1947 angesichts der Konferenz von Moskau die Universität Jena zum Ort und zur Stimme beim Ruf an die Universitäten der Welt machen wollte, wurde diese Kundgebung verboten. Ich verliess die Landeshauptstadt und legte in einem Brief an den Präsidenten des Landtags mein Amt als Ministerpräsident wegen 'Krankheit' nieder.Um mich herum begann der Trommelschlag östlicher Propaganda, er übertrommelte völlig die Amtsniederlegung, und um mich herum spannen sich Fäden und Netze. Der indische Satz: "Wer auf einem Tiger reitet, kann nicht jederzeit absteigen" entwickelte sich sinnfällig vor meinen Augen. Hinzu kamen Notrufe aus der Bevölkerung. Ich kehrte noch einmal ins Amt zurück.Für Monate, dann ging es nicht mehr. Erschreckend klar bot sich das Bild einer nicht mehr aufzuhaltenden Bolschewisierung. Ich las die Fälschung meines Namens an der Spitze des Aufrufs der 50 führenden Männer der Ostzone gegen den Marshallplan. Ich wusste um jenes Generalswort hinter meinem Rücken: "Der Präsident wird sich bis zur Londoner Konferenz noch an vieles gewöhnen müssen". Ich wusste, dass diese Konferenz schon damals als eine bestimmt scheiternde bekannt war. Ich dachte an meine Unterhaltung mit Marschall Sokolowski über das "Föderalni-Ostdeutschland", zu dem der Osten durch die "Schuld der Westmächte" gedrängt wird. Ich erfuhr von der geplanten Propagandawelle: alle Besatzungsmächte müssen Deutschland räumen, und sah das sowjetische Lächeln wegen der Entfernung von nur 80 Kilometer von der Oder bis Berlin.So ging ich nach dem Westen, unternahm einen Schritt, den mir Gewissen und Verstand geboten, an dem aber vom Gefühl her schwerste Gewichte hingen. Ich wusste, dass mit meinem Weggang eine der wenigen Stützen, die den Bolschewismus gewiss nicht aufzuhalten vermochte, ihn aber bei der Entwicklung störte, wegbrach."Der bourgeoise Sumpf, in den der Ministerpräsident das Land und die Regierung hineingeführt hat, muss ausgerottet werden", hieß die östliche Bilanz meiner Arbeit. Damit wurde für Jedermann die neue Zielstrebigkeit sichtbar.Der Schritt, den ich tat, löste nicht nur allerorts Höhenfeuer der Sensation aus, sondern machte mich zum Mittelpunkt eines großzügig angelegten, kommunistischen Haßfeldzuges der Lüge. Die Skrupellosigkeit in der Wahl der Mittel und die Stoßmacht der dahinter stehenden NKWD sind mir durchaus bekannt.Ganz anders als solcher Haß, hat mich die Tatsache betroffen, daß Zeitungen des Westens kommunistisches Gift unfiltriert und ungeprüft auf ihre Rotationsmaschinen laufen liessen.Dieses Buch ist geschrieben in den ersten Monaten nach meinem Weggang im Spätherbst 1947. Es zeigt Menschen und Zusammenhänge so, wie ich sie sah und wertete.Es ist uninteressant, ob der ins Blickfeld tretende Akteur Iwanow, Wolkow, Smirnow, Kotikow oder sonstwie heißt. Sie alle, mag die alphabetische Zusammensetzung des Namens sein wie sie will, mögen sie diese oder jene Gesichtszüge tragen, sie sind nichts anderes als Ziffern, als Figuren, die von dem hinter ihnen stehenden politischen Regisseur heute so und morgen so gezogen werden. Der Einzelne ist nichts, in der Addition und der haarscharf ausgerichteten Zielrichtung sind diese Einzelnen eine Kraft, eine Macht, eine Gefahr.Diese Gefahr, sie und ihre Methoden aufzuhellen, aber auch das übertriebene ihrer Einschätzung auf das gebotene Maß zu bringen, habe ich mir zur Aufgabe gestellt.Möge der Tag kommen, an dem eine von bolschewistischem Terror befreite Welt sich wieder auf die wahren Werte der Menschheit besinnt.

Rudolf PAUL


Es kam anders

Der Kalender zeigt den 12. April 1945. In der Nacht ist Einquartierung in unser Dorf gekommen. Der Stab eines zurückgehenden Infanterie-Regiments soll in der Dorfschenke liegen.
Von meinem Bauernhof gehe ich im ersten Morgengrauen die siebzig Meter zum Gasthaus hinunter. Auf dem Wege höre ich, wie bei Jena, 20 Kilometer westwärts, Artilleriefeuer auflebt. Die Panzer-Armee Patton, dieses Stahlheer, das seit Wochen jeden Widerstand niedermahlt, ist im Anrollen.In der Dorfschenke ist man schon auf, überall brennt Licht, doch um das Haus herum ist es still. Der Stab hat sich schon weiter abgesetzt. Nur noch ein Personenkraftwagen steht vorm Gasthof, daneben drei Unteroffiziere. In Haltung und Sprache sind es noch Soldaten. – Leichtfüssig und in bester Stimmung springt ein junger Leutnant aus der Schenke; einer der Unteroffiziere nimmt die Hacken zusammen, seine Stimme klingt belegt: "Herr Leutnant, das ewige Zurück hat keinen Sinn. Wir warten hier auf die Amerikaner und machen Schluss." – Das ist auch die Meinung seiner Kameraden.Mit Interesse beobachte ich das Bild und werte die Männer. Den in Ausdruck und Bewegung gediegen wirkenden Unteroffizieren steht der Repräsentant eines Typs gegenüber, der uns in den Augen der Welt so viel schadete. Ein Träger von Achselstücken ist er, kein Offizier. Eine Tanzmelodie summt er als erste Antwort vor sich hin und begleitet sie mit kurzen Swing-Schritten. Dann wischt er in Übereinstimmung mit solchem Benehmen den Vorbehalt seiner Unteroffiziere und eigene Überlegungen leichthin mit den Worten weg: "Ach was! – Wir fahren weiter, ... morgen oder übermorgen, ... wenn's mal passt ... Los, einsteigen!"Es war das Letzte, was ich von Hitler'schem Offiziersnachwuchs sah. Hinter der Staubwolke dieses hasardierenden Uniformträgers bleiben die Bauern stumm zurück. Mit Ernst und Sorge betrachten sie ihre Höfe, sie brennen so leicht. – –Das Telefon der Dorfschenke klingelte Alarm:"Unter Androhung der Todesstrafe haben sich sofort alle waffentragenden Volkssturmmänner zur Verteidigung zum Landratsamt zu begeben."Mich berührt die Nachricht nicht. Ich gehöre nicht dazu. Meine früheren Auseinandersetzungen mit den Nazisten waren nicht in Vergessenheit geraten, so hatte mich eine Anweisung des Kreisleiters in die Krüppelgarde ohne Waffen einsortiert. – Mit Karabinern versehen trotten eine Anzahl Bauern los, um sich mit solcher zum Spielzeug werdenden Bewaffnung gegen die Panzerarmee Patton zu stellen. Sie trotten auch weiter, als ihnen unterwegs ihr Kommandeur, enger Freund des Kreisleiters, im Auto fliehend entgegenkommt, sich nach rückwärts in Sicherheit bringt und sie sichtbar im Stiche lässt. Erst ein Befehl in der Kreisstadt lässt die Bauern aus ihrer Blindgehorsamkeit erwachen und ihre lächerlichen Waffen wegwerfen.Die Sirenen heulen auf; die Panzer sind in der Stadt, noch drei Kilometer von mir entfernt! – – Es wird dunkel, es wird Nacht; wir warten. – –Es klopft ans Fenster. Draussen steht ein französischer Kriegsgefangener. Er hatte in den letzten Jahren während der Ernte immer bei uns das Getreide gebindert und zum Hofe Freundschaft gehalten. Beim Abtransport seines Gefangenenlagers durch die SS war er vor einigen Wochen zusammen mit mehreren Kameraden entwichen, sie hatten sich versteckt gehalten, und wir hatten ihnen mit Nahrung über diese Notzeit hinweggeholfen. Freudentränen laufen ihm übers Gesicht: "Kann ich heute Nacht bei Ihnen schlafen?" – – Wir sprechen vom kommenden Morgen, von der Befreiung; – wir warten. –Das Telefon klingelt. Am anderen Ende des Drahtes spricht ein Jugendbekannter, jetzt Oberst der Wehrmacht. Er hat aus einer bombengefährdeten Stadt seine Frau mit Schwägerin und drei kleinen Kindern im Lastwagen herausgerettet und will sie zu mir auf den Hof bringen. Doch auf der Fahrt hierher brach die Armee Patton durch, er kam in der Nacht mitten in ihre Säulen und ist wie durch ein Wunder fast 30 Kilometer weit unbeschadet zwischen ihnen herumgefahren. Nur noch 4 Kilometer trennen ihn von uns, und er bittet für die Seinen um Schutz.Nachtstunde um Nachtstunde schleppt sich dahin, sie kommen nicht. Über uns hinweg dröhnen englische Bombengeschwader und werfen eine Stadt in Trümmer und Flammen. Blutrot ist die Nacht erleuchtet. Endlich trifft der Oberst mit den Frauen und Kindern in erbarmungswürdigem Zustand ein; sie waren stundenlang über Feldern und Wiesen umhergeirrt.Gleich einem Spiegelbild gibt das Dach meines Hofes in dieser Nacht das Durcheinander-gewürfeltsein der vom Nazismus aus ihren Geleisen herausgeschleuderten Menschen und Völker Europas wieder: Im Bauernzimmer warten meine Frau und ich auf das Fallen Hitler'scher Ketten; im Nebenzimmer sieht der deutsche Oberst der unvermeidlichen Gefangennahme entgegen; im Zimmer daneben schläft im Gefühl wiedererhaltener Freiheit der französische Kriegsgefangene; Wand an Wand zu ihm liegt ein Berliner Ehepaar, das durch den Bombenkrieg alles verlor; dann folgt in der Zimmerreihe das aus dem Rheinland ausgebombte alte Muttchen, das nur noch eine Sehnsucht kennt: die nach Casablanca verheiratete Tochter noch einmal zu sehen. Daneben schläft eine Schauspielerin, die unterm Naziregime trotz ihres altadligen Namens lange um ihre Existenz hatte ringen müssen, da irgendein Rasseapostel ihren Typ für nicht rein arisch angesprochen hatte. Dann kommt die Wohnung der evakuierten Familie eines SS-Arztes, der den Standpunkt vertrat: "Es ist das gute Recht des Stärkeren, den Schwächeren zu vernichten." – – Daran angrenzend schlafen Maruschka und Maria, meine beiden russischen Mädchen; neben dem Pferdestall liegen die polnischen Kutscher Josef und Bronek, die als Kriegsgefangene auf den Hof kamen, und auf der anderen Seite des Hoftores wohnt die aus Riga geflüchtete Frau, die um ihren von den Russen verschleppten Mann trauert, und deren Tochter die heimliche Braut eines in der Kreisstadt in Kriegsgefangenschaft sitzenden französischen Arztes ist. –Für jeden dieser aus halb Europa zusammengewürfelten und jetzt unter dem Dach meines Bauernhofes geeinten Menschen hat der kommende Tag ein irgendwie anderes Gesicht. Die meisten von ihnen träumen von – Freiheit! –.Die Nacht hindurch und unvermindert am Morgen hört man das Mahlen grosser Tankmassen von Westen nach Osten, das Gros der Panzerarmee ist im Durchmarsch. Ich will das Schauspiel sehen und gehe in den frühen Morgenstunden mit dem Franzosen hinauf auf die Felder, auf den Platz, von dem man Autobahn und Staatsstraße einsehen kann. Doch es ist zu diesig.Als ich eine halbe Stunde später zu meinem Hof zurückkomme, stehen vor ihm 6 amerikanische Panzerspähwagen. Die Bedienungsmannschaften sind abgesessen, zwischen ihnen sehe ich meine Polen und Russinnen, und alle blicken wartend mir entgegen."Warum tragen Sie ein Fernglas?" fragt mich der Truppführer."Ihre Shermans haben mich interessiert.""Sie haben Glück gehabt, dass wir Sie dabei nicht gesehen haben, sonst hätten wir auf Sie geschossen."Geschossen! – 12 Jahre Naziterror stürzen an mir vorbei: Wegnahme des Notariats, Entzug der Rechtsanwaltschaft, 12 Jahre lang anhaltendes Verbot jeglichen Berufes, Verfolgung mit einer Fülle infam inszenierter Strafverfahren, jahrelanges Gehetzt- und Gequältwerden mit der ersten jüdischen Frau, Beschlagnahme unseres gesamten Vermögens, Sondergerichtsverfahren, erneute Hauptverhandlung vor dem Sondergericht, Gestapo-Verfahren, Vernehmung um Vernehmung in der Höhle Himmlers in der Prinz-Albrecht-Strasse Berlins, 12 Jahre gehetztes Freiwild, Insulten niedrigster Art in vielfältigster Form wehrlos preisgegeben. – – Wenn der Schuss getroffen hätte nach einem solchen Golgatha-Weg und alles umsonst gewesen wäre?! – Wie sagte der Truppführer, der von alldem nichts wissen konnte?: "Sie haben Glück gehabt."Er hat Recht, unversehrt stehe ich in der Frühsonne des Aprilmorgens vor meinem Hofe und sehe in frohe amerikanische Soldatengesichter hinein. Ketten fallen von mir ab. Wozu Worte; was würde diese aus einer ganz anderen Welt kommende Jugend davon verstehen?! Ein Gefühl tiefer Dankbarkeit für das Schicksal, das mich diese Stunde erleben liess, hat mich erfasst. – –

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Die Not des Landes und seiner Bevölkerung klopft an meine Tür. Die Schlüsselstellungen der Verwaltung, Oberbürgermeister und Landräte, waren durch die Flucht oder Verhaftung ihrer Inhaber verwaist.
Zu Fuß, zu Rad, mit Pferd und Kraftwagen, immer und immer wieder kamen Menschen meiner Vaterstadt und bedrängten mich, ihre Führung in die Hand zu nehmen. – –Am Morgen, als ich zur ersten Rücksprache mit dem amerikanischen Kommandanten in die Stadt hineinfuhr und diese seit langem zum ersten Male wiedersah, kam ich beim Anblick der Zerstörungen und der Trostlosigkeit, die über allem lag, wiederholt in Versuchung, kehrt zu machen und in die Stille und Unversehrtheit meines Dorfes zurückzukehren.Dann erlebte ich im Rathaus, wie mir aus allen Kreisen der Bevölkerung uneingeschränktes Vertrauen entgegengebracht wurde. Vor allem aber sah ich die Nöte der Stadt: Über 40 Eisenbahnbrücken und Überführungen ihrer näheren Umgebung waren gesprengt. Sie war von jedem weiteren Schienenverkehr abgeschnitten. Dabei fehlte es für die nächsten Wochen an den notwendigsten Lebensmitteln, vor allem an Kartoffeln. Die Netze für Gas, Wasser und Elektrizität waren zerstört. Wichtige Hauptverkehrsstrassen durch Trümmer der letzten Bombenangriffe blockiert, und die Strassenbahnen standen und lagen zum Teil noch so quer in den Fahrbahnen, wie der Luftdruck der letzten Bomben sie hingeworfen hatte.In den Behörden waren die wesentlichen Unterlagen, vor allem die Kartotheken, auf Grund nazistischer Anweisungen verbrannt. Fast alle bis dahin führenden Männer waren flüchtig oder hinter Schloss und Riegel. Der Grossteil der Läden und Fabriken geschlossen, die Straße schwarz von beschäftigungslosen Menschen. Alle warteten, und sie wussten eigentlich nicht recht worauf. So wurde ich Oberbürgermeister meiner Vaterstadt. – In der ersten Nacht nach meinem Dienstantritt beschmutzten Werwolfzeichen 4 die Mauern meines Hofes. Eine Dankesart, wie ich sie ähnlich in späteren Monaten und Jahren noch manchmal erfuhr. – Der Oberbürgermeister jener Tage vereinte in seiner Hand eine Macht, wie sie kaum jemals zuvor in einer Zeitepoche deutscher Geschichte in der eines Stadtoberhauptes zu verzeichnen war. Ob Reichs- oder Landesbehörde, alles unterstand ihm in seinem Bezirk: Post, Reichsbahn, Finanzamt, Reichs- und Landesbank, Gerichte und Staatsanwaltschaften, selbstverständlich erst recht alle städtischen Behörden, und zwar ohne jede stadträtliche Kontrolle. Man konnte etwas schaffen, wenn man Willen und Kenntnisse mitbrachte. Selbstverständlich lag die letzte Entscheidung, die Genehmigung wesentlicher Schritte, in den Händen des amerikanischen Stadtkommandanten. Dieser Posten wechselte leider verhältnismässig oft den Inhaber, so dass ich in 5 zweimonatiger Amtszeit drei erlebte. Der Erste war in der militärischen Charge zwar nur Kapitän, er war aber offensichtlich verwaltungsmässig besonders geschult. Der zweite, ein Oberst, Grand-seigneur im guten Sinn, allem Anschein nach von der Front kommend, verliess sich zu einem guten Teil auf die Anständigkeit seines Gegenüber. Der Dritte, betont vorsichtig, tastete äusserst behutsam und mit viel Zeit in Richtung seiner Vorgesetzten. Alle Drei hatten ein offenes Ohr für wahre Not und gaben viele der nach Kriegsrecht der amerikanischen Besatzungsmacht verfallenen Wehrmachtslager an Lebensmitteln, Bekleidungsstücken und Möbeln frei, um zu lindern und zu helfen. Morgentau fiel noch nicht auf sie. Das Gefühl eines Befreitseins, das Erwachen eines neuen Lebenswillens machte sich mit zunehmendem Anlauf des täglichen Lebens von Industrie und Handel, von Recht und Ordnung immer mehr spürbar. "Wir fangen neu an!" ging es durch die zur Arbeit entschlossene Bevölkerung und trug der Besatzungsmacht zunehmende Aufgeschlossenheit entgegen.Von irgendwoher kam das Gerücht, das, nachdem es einmal da war, nie mehr zum Schweigen kommen wollte: Die Amerikaner ziehen ab, die Russen kommen. – Keiner nahm es zunächst ernst, da es so gut wie keiner Ernst nehmen, keiner es glauben wollte."Die Amerikaner geben doch nichts auf, was sie erst erobert haben, so dumm sind die doch nicht", sagte der einfache Mann.Viel schwerer wogen die Argumente der mit den Wirtschaftsverhältnissen Deutschlands Vertrauten: "Jetzt sitzen die Russen hinter der Mulde, im zerstörten und überbevölkerten Ostsachsen, im armen und verwüsteten Brandenburg und haben Mecklenburg, das der Krieg völlig ausschöpfte. Die Amerikaner werden doch nicht das grösste Braunkohlenvorkommen mit den ersten Hydrieranstalten Deutschlands, die größte Buna- und Zellwollfabrikation, das bedeutendste Kalivorkommen Europas, die deutschen Spitzenindustrien in Optik, Hohlglas und in Werkzeugen, sie werden doch vor allem nicht den landwirtschaftlich fruchtbarsten Teil Deutschlands, den sie mit ihren Truppen erobert haben, den Russen überlassen!"Das waren Gründe der Vernunft. Sie sprachen eine klare Sprache, der sich der Denkende nicht verschliessen konnte. So schlugen die Gerüchte bei aller ihrer Beharrlichkeit zunächst nicht durch.Einmütigkeit macht stark. Meine Vaterstadt hat in den ersten Monaten nach dem Zusammenbruch den Beweis erbracht, was diese Tugend vermag, die wir nach unserer Geschichte leider nicht die unsere nennen können. Die ganze Bevölkerung war in diesen Wochen bereit, mit der Vergangenheit zu brechen. Beamte, Arbeiter, Unternehmer, Künstler, Angestellte, Jugendliche und Greise, alle gaben ihr Bestes, hatten nur ein ihnen allen gemeinsames Ziel: Heraus aus der Not. Sie waren noch frei vom Spaltpilz des Neides und der Zwietracht und von engstirnigem Parteisoldatentum.Nach zwei Monaten hatte die Stadt ein lebendiges Gesicht: Die Industrie zu 93 % beschäftigt, Gas, Elektrizität und Wasser in Ordnung, Strassenbahn- und Automobilverkehr im Gange, die meisten Läden in Betrieb, das Theater von Bombenschäden geheilt und geöffnet, Gerichte und Staatsanwaltschaften in Tätigkeit; die Stadt besass sogar ein beratendes Stadtparlament. Ruhe, Ordnung und Sicherheit herrschten auf den Strassen. Man sah und hörte wieder lachen.Da flackerte das Gerücht, die Russen kommen, erneut und so stark wieder auf, dass es immer mehr die Gründe des Gefühls und der Vernunft: "Die Amerikaner werden doch nicht…?" – niederzuwalzen begann.Überall in der Stadt nehmen die amerikanischen Soldaten die Kabeldrähte ihrer Stäbe ab. In dumpfer Sorge sehen die Menschen zu, stumm. Erste, wahre Angst steigt auf. Ob der Russe doch kommt?! Der Strohhalm heisst: "Nein", man sah eben noch den amerikanischen Kommandanten in den Strassen. Zwischen Hoffen und Bangen werden die Einwohner hin- und hergerissen. In der Nacht hören viele tausend Ohren, – wer könnte schon in diesen Nächten fest schlafen – in dichter Folge amerikanische Autokolonnen nach dem Westen abrollen. Am nächsten Tag fahre ich am Direktionsgebäude von Carl Zeiss 6 in Jena vor, ich will dort jemand treffen. Das Haus ist in heller Aufregung. "Was ist denn los?" frage ich den Pförtner. "Unsere Direktoren und Wissenschaftler sind von den Amerikanern aufgefordert worden, ihre Sachen zu packen und nach dem Westen zu fahren".Der letzte Zweifel fällt, die amerikanische Armee zieht ab, sie gibt Thüringen auf. Der Russe wird sich von der Mulde bis zur Werra vorschieben, ganz Mitteldeutschland kommt in seinen Besitz.Ich stehe mit meiner Frau in der Stube unseres Bauernhofes. Sie hat Tränen in den Augen. Vor wenigen Stunden war unser polnischer Kutscher viele Kilometer von einem Sammellager her mit dem Rade zu ihr gefahren und hatte in seiner Anhänglichkeit immer wieder warnend gemahnt:"Frau, gehen Sie weg, Sie kennen die Russen nicht, ich weiss, wie Russen sind."Wir kannten sie nicht. Wohl war vieles an widersprechenden Gerüchten zu uns gekommen. Im Krieg hatten die ausländischen Sender oft davon gesprochen, Russland habe mit der bolschewistischen Vergangenheit gebrochen, die Kommissare abgeschafft, seinen Krieg zu einem vaterländischen erklärt, die Kirche wieder eingeführt und sei bemüht, auf den Grundfesten der Demokratie eine gemeinsame Basis mit den verbündeten Westmächten zu finden. –Die Schilderung der Eroberung Berlins durch die Russen und die dabei behauptete Ausnahmslosigkeit begangener Vergewaltigungen klangen unwahrscheinlich. Solche zum Himmel schreiende Disziplinlosigkeit und solches Massenverbrechen an der wehrlosen Frau wollte niemand recht glauben.Aus dem benachbarten Sachsen kamen zudem ganz anders lautende Berichte. Dort sollten die Nöte der Zivilbevölkerung durch sowjetische Feldküchenernährung gemildert und die Frauen in keiner Weise belästigt worden sein. – Wo lag die Wahrheit?In den letzten 12 Jahren hatte in Deutschland die Lüge gegenüber der Wahrheit nur zu oft Erfolg gehabt. War sie schon wieder auf dem Plan? – Und ein zweites kam hinzu, denn unser Leben läuft nicht auf den beiden klaren Geleisen ja und nein, sondern gleicht vielmehr dem Schienennetz eines Verkehrszentrums mit der Fülle seiner Stränge, seiner Weichen; seiner Blockierungen, seiner Geraden, seiner Querverbindungen.Seit 2 ½ Monaten fühlte ich mich wieder Mensch, war ich wieder gleichberechtigt mit anderen, stand ich meiner Vaterstadt vor. Wer sind die Russen? Schicksalhaft stieg die Frage auf: Muss ich jetzt nach dem Leidensweg zuvor das Letzte verlassen, was ich noch hatte, die Heimat, das Zuhause? – Hatte der polnische Kutscher recht, oder war der mir in meinem Amtszimmer aus Sachsen gewordene Bericht des Mannes wahr, der seine Frau und seine Kinder drüben liess, da es ihnen dort gut ginge?Dieselbe Frage, die mich beschäftigte und quälte, stand in diesen Tagen vor der Einwohnerschaft der Stadt. In tiefem Vertrauen suchten die meisten von ihr an mir Halt. Diesen Glauben wollte ich nicht enttäuschen. Ich wollte mich in den schweren Stunden des Besatzungswechsels der Bevölkerung nicht entziehen und sie nicht ohne Führung in das ungewisse Schicksal von morgen und übermorgen hineingehen lassen.Das der Wahrheit vorauseilende Gerücht hatte zudem schon tausende von Menschen zur Abwanderung auf die Landstrasse gebracht. Der Schatten des Unbekannten drohte paniknahe Stimmung in die Bevölkerung hineinzutreiben. In diesen Stunden entschied ich mich zu bleiben, ich wollte den Versuch unternehmen, zu helfen.In der Stille liess ich einen Aufruf an die Bevölkerung drucken, um ihn bei der Bekanntgabe des Besatzungswechsels zur Hand zu haben. Sein Inhalt gipfelte in dem Gedanken, dass ich in der Stadt bleibe, um mit ihren Einwohnern das Kommende zu erwarten.

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Die neuen Herren

Es war ein Sonnabend, als mir die Räumung der Stadt durch die amerikanischen Truppen amtlich eröffnet wurde. – Die Bekanntmachung, die ich einige Zeit zuvor auf Anweisung der Militärregierung erlassen hatte, und in der das Verbreiten des Gerüchts, die amerikanischen Truppen würden Thüringen räumen, wegen Gerüchtemacherei mit Strafe bedroht wurde, klebte noch an den Wänden der Häuser. Sie trug als Unterschrift meinen Namen.
Am Sonntag mittag stand ein russischer Stabsoffizier in meinem Amtszimmer. Er eröffnete mir in fließendem Deutsch, dass im Laufe des Montagmorgen die "Rote Armee" in die Stadt einrücken würde und schloss seine Ausführungen mit deutlicher Betonung des Satzes:"Mein General lässt Sie wissen: So wie wir empfangen werden, wird die Bevölkerung von uns behandelt."Das war ein klarer Wink. Die Sprache zu überhören, konnte für die Bevölkerung und in ihr die Frauen von bösen Folgen sein. So hieß es den Wink weitergeben, aber wie? Es war ein Sonntag.In aller Eile berief ich für den Nachmittag das Antifa-Komitee, fuhr zu einem Fussballwettspiel und verkündete dort den Einmarsch der Russen für den nächsten Tag; – zurück zur Antifa-Sitzung, Bericht über das Gespräch mit dem russischen Vorkommando, Einmütigkeit aller: Die Rote Armee muß empfangen werden. In der Eile werden Handzettel über Einmarsch und Empfang gedruckt und kommen in den Abendstunden und am Montag früh zur Verteilung. So kam es zum Empfang der Roten Armee.Durch Strassen hindurch, auf deren Bürgersteigen Männer, Frauen und Kinder stehen, in deren Herzen die bange Frage klopft: Was bringen die nächsten Stunden?, – und die durch das vorangegangene politische System in äußerer Massenfreude geschult sind, über deren Köpfen rote Fahnen wehen, welche noch sichtbar den Kreisring der Fahne von gestern tragen, fahre ich zum offiziellen Empfang der Sowjets an die Stadtgrenze. In meinem Innern brennt, wie wohl in dem fast aller, welche die Strasse säumen, die Frage: Wer sind die neuen Herren?Tanks rollen heran. Die Bedienungsmannschaften sitzen draußen. Braungebrannte, zum Teil asiatische Gesichter sehen herunter. Im ersten Augenblick sind sie vom Empfang der Bevölkerung überrascht, dann freuen sie sich mit dem Lachen von Kindern und nehmen neben ihnen springende Jungen mit zu sich auf die Tanks hinauf.Ich begrüsse den Kommandanten, meine Frau überreicht ihm einen Strauss und empfiehlt – in stiller Sorge – die Frauen und Mädchen seinem besonderen Schutze an. Höflichkeitsphrasen werden getauscht. Der Stabsoffizier von gestern ist Dolmetscher. Die Tanks fahren auf den Markt, nochmals offizielle Begrüssung; nochmals offizieller Dank. Dann rollen sie weiter. –Der erste Empfang verlief gut; sein Widerhall traf die in der Nachfolge einrückenden Truppen, sie hielten Disziplin, und die Bevölkerung atmete auf. Der Einzug mit seinen Begleitumständen hatte beruhigend gewirkt.Das Leben in meinem Amt stand allerdings von gestern auf heute Kopf. Unter der amerikanischen Besatzung hatte ich täglich mit dem Kommandanten zu einer genau festgesetzten Zeit meine Besprechung, den übrigen Tag teilte ich ein.Unter den Sowjets glich mein Amtszimmer einer Wechselstube, in der man den Begriff der Geschäftszeit nicht zu kennen schien, und wobei vom Leutnant bis hinauf zum Obersten der Oberbürgermeister zum Abladeplatz privatester Wünsche: Hemden, Schuhe, Schnaps, Radio und vor allem der Wunschtraum aller – eines Mercedes – geworden zu sein schien.Mercedes. Der Park an Personenkraftwagen, den die Sowjets mitbrachten, war noch mehr als armselig. Das Bild, zwanzig, dreißig Offiziere dicht gedrängt auf einem Lastwagen zu sehen, war nicht selten. Sie gaben sich auch sonst in meinem Amtszimmer durchaus bescheiden; in den Quartieren, den Quartiergebern gegenüber soll die Sprache zum Teil eine andere gewesen sein.In der Abwehr der Flut, die in der ersten Zeit durch mein Zimmer lief, wurde ich hervorragend unterstützt durch meinen ersten Dolmetscher. Er konnte, wie man mir sagte, besser fluchen als irgendein Fuhrknecht zwischen der Wolga und Weichsel und überbrückte schwierige Situationen durch saftige Witze, die ihn im Nu zum Mittelpunkt eines vor Lachen brüllenden Kreises machten. – Leider ging auch er in der Folge den Weg, den alle Dolmetscher unter der Zwangsjacke der russischen politischen Polizei, der NKWD, einzuschlagen gezwungen sind: Er wurde ihr Werkzeug, ihr Agent.Doch damals wusste man von alledem nichts, sah man nur die Uniformen, die Soldaten, die Offiziere, die sich zum grössten Teil zuvorkommend gaben, und erkannte man noch nicht das hinter allen stehende und zum Teil auch in ihnen selbst ruhende politische System, den Bolschewismus mit seiner kalten, unabdingbaren Zielstrebigkeit.Besonders wohltuend führte sich der erste Stadtkommandant der Sowjets ein. – Ein kleiner, drahtiger Oberst aus Sibirien sitzt mir gegenüber. Er repräsentiert einen angenehmen mongolischen Typ. Soldat der Front ist seine sichtbare Etikettierung. Er kommt, – und er macht keinen Hehl daraus, – aus winzigsten wirtschaftlichen Verhältnissen und hat sich mühsam in der Linie zum Regimentsführer hochgearbeitet. – Jetzt ist er glücklich, er fühlt sich so reich. "Früher war ich ganz arm, heute gehört mir eine reiche Stadt...", und nun folgt sein Schmerz, "da kommen meine russischen Brüder mit ihren flinken Augen und stehlen mir alles weg..." . –Gestohlen wurde in der Stadt allerorts, vor allem in der Nacht. Doch der Mann der Disziplin und Pflicht will Ordnung schaffen: "Oberbürgermeister, ich werde nachts unten auf der Strasse in meinem Wagen schlafen. Rufen Sie mich, wenn Einbrüche gemeldet werden, ich bin dann sofort da."Der Oberst blieb nicht lange auf seinem Posten. Hinter ihm stand ein böser Geist, ein blutjunger Major, der, wie man in der Folge merkte, seine politische Beschattung gewesen war. In diesem etwa 24-jährigen jungen Mann, den bolschewistische Glaubenstreue mit Siebenmeilenstiefeln die militärische Treppe hinaufgeführt hatte, war in seltener Weise die Gier nach verschiedenen und mit politischem Zungenschlag beschimpften "Früchten westeuropäischer Dekadenz" vereinigt: in der Sucht nach Geld, in der Übernahme snobistischen Lebenszuschnitts, in der Liebe zur luxuriösen Wohnung, zur Übereleganz, zu Frauen, zu Gelagen. Und das Ganze verband sich mit einer nahezu unerträglichen Selbstüberheblichkeit dieses politischen Uniformträgers.Auch er, zur Steuer der Wahrheit sei es nicht vergessen, ging den Weg in die Wüste, allerdings erst sehr viel später als sein Kommandeur. Die Berge an politischem Porzellan, die dieser Repräsentant des östlichen Sozialismus zerschlagen hatte, waren selbst in den Augen des gesinnungstreuesten deutschsprachigen Kommunisten nicht zu übersehen.Doch ich eilte voraus.Der "Roten Armee", wie sie sich unmittelbar nach dem Einmarsch zeigte, sollen unsere Betrachtungen gelten.Die amerikanischen Truppen, die zuvor in Thüringen gewesen waren und zur Patton-Armee gehört hatten, zeigten in Menschenschlag, Kleidung und Bewaffnung wohl das Beste der Staaten und hatten, nicht zu vergessen, eine für deutsche Begriffe geradezu lukullische Truppenverpflegung.Demgegenüber wirkte die russische Truppe arm, fast abgerissen. Die Uniformen waren stark verbraucht, die Stiefel stark strapaziert, schwere Waffen wurden nur in geringen Mengen sichtbar, geradezu armselig war der Park an Personenkraftwagen. Östlich wurde das Bild, wenn man ihre endlosen Trainkolonnen mit den kleinen Hottehühpferdchen sah, welche die Autobahn in kürzester Zeit ihrer Zweckbestimmung zu entziehen drohten. Denn gedankenlos flogen leere Flaschen auf die Zementbahn und fing sie an, zum Abladeplatz weggeworfenen Gerümpels zu werden.Den langen Trainkolonnen folgten, selbstverständlich auch auf der Autobahn, Rindvieh- und Pferdeherden, die über hunderte von Kilometern auf ihr dahingetrieben wurden und ihr dabei oft den Anschein einer Stallgasse gaben."Wie ist es möglich, dass eine solche Armee gegen unsere Wehrmacht Boden gewann?" war eine Frage, die allen Deutschen auf den Lippen lag. Gewiss gibt es einen Jägersatz: "Viele Hunde sind des Hasen Tod." Ich meine, man kommt der Bewertung des russischen Soldaten von heute näher, wenn man ihn nicht als Einzelperson betrachtet, denn dann wirkt er nicht sehr überzeugend, und auch nicht in kleinen aufgelockerten Verbänden, sondern ihn in der Formation wertet, die das Rückgrat der "Roten Armee" und deren bestes Spiegelbild zu sein scheint: in den dicht aufgeschlossenen Reihen grosser Infanterieformationen. Der zur Kriegsmaschine gewordene Masse-Mensch stampft dumpf und jeder Lenkung blind gehorchend vorüber. – – In einer Nacht der zweiten Juliwoche sass ich zum ersten Male der sowjetischen Generalität gegenüber. Von meinem Amtstisch hinweg hatte mich völlig überraschend ein Offizier vom Stabe des Marschall Shukow, welcher die Sitten und die Sprachen Westeuropas in selbstverständlicher Form beherrschte, zu dieser nächtlichen Sitzung gerufen. Den Vorsitz führte General-Oberst Tschuikow 7 , der sich vor Stalingrad besonders ausgezeichnet hatte. Er repräsentierte den Typ besten Frontsoldatentums. Dazu war er weltmännisch geschickt; der Wind vieler Länder hatte ihm um das Gesicht geweht. Der schwarzhaarige Fliegergeneral neben ihm hatte sich zuvor längere Zeit mit mir unterhalten, ihn hatte dabei der verwaltungsmässige Aufbau eines deutschen Landes und die Organisation der deutschen Staatsanwaltschaften interessiert. Später wusste ich, dass er weniger mit den Fliegern als ausschliesslich mit der politischen Polizei zu tun hatte, die ihm unterstand. Es war General Beschanow vom NKWD, der sowjetischen politischen Geheimpolizei. 8 Erfahren und sehr überlegt erschien auch der weisshaarige General Bronin 9 zur Linken des Generalobersten. Ein Blick in diese Generalsrunde hinein, ihre Uniformen, ihre Haltung, Sprechweise, ihr Distanz halten zum Vorgesetzten erinnerte an ein Bild aus zaristischer Zeit. Die Unterhaltung am Tisch betrifft das Land, seine wirtschaftliche Lage, seine Aufbauchancen, seine politische Konstellation. Von verschiedenen Seiten kommen die verschiedensten Fragen. Sie sind gedacht und nicht nur ausgesprochen. Es ist unschwer zu erkennen: Köpfe sitzen mir gegenüber. Eine Anregung von mir, Erfurt als Hauptstadt des Landes zu wählen, da Weimar zur Aufnahme der sowjetischen Administration und der deutschen Behörden zu klein sei, stösst auf ein allgemeines Nein. – Njet 10 – "Weimar, die Wirkungsstätte der grossen deutschen Humanisten muss Zentrum bleiben", und der Satz wirkt in seinem Zusammenhang und der Art des Vorbringens wie eine erste Verbeugung der sowjetischen Generalität vor deutscher Kultur. Nach einer längeren Unterredung, während der ein Telefongespräch mit Marschall Shukow in Berlin lief, wird an mich die Frage gestellt, ob ich bereit sei, den Präsidenten des Landes zu übernehmen. Das kam etwas überraschend; ich überlegte; dann sagte ich zu.Als ich im herandämmernden Morgen dieser Nacht in meine Wohnung kam, fand ich keinen Schlaf. Meine Frau, und jedes ihrer Worte wurde später zur Wahrheit, suchte mich zu bewegen, am nächsten Tage meine Zusage zu widerrufen. Vom Instinkt her empfand sie Gefahr und fühlte die Zwecklosigkeit allen Mühens.Ich ging nach Weimar. Wille und Hoffnung führten meine zukünftige Arbeit.

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Präsident des Landes

Wenn ich in Nachfolgendem über zwei Jahre amtlicher Tätigkeit an der Spitze eines deutschen Landes in der sowjetischen Zone berichte, so ergibt sich von selbst, dass die Erkenntnisse, die ich über die einzelnen Vorgänge und deren Entwicklungsphasen, so wie ich sie im Niederschreiben dieser Zeilen, im Rückblick habe – in solcher Klarheit zunächst nicht vorhanden waren, nicht sein konnten. Die Fülle der Arbeitslast, das Niedergewalztwerden von täglich anlaufenden und sich oft überschlagenden Problemen und Sorgen ließen zum Abstandnehmen, zur ruhigen Gewinnung eines klaren Bildes, zur Aufhellung verhangener Absichten kaum je die erforderliche Zeit.
Die unter sowjetischem Druck durchgeführten grossen Maßnahmen, Bankenreform, Bodenreform und Sequestration, waren in ihrem Anlauf gut getarnt. Sie schienen in der Entwicklung des Ganzen bedingt und die sie begleitenden Rufe und Gedankengänge: Kampf der Inflation, Kampf dem Militarismus, Kampf den Naziaktivisten und Kriegsverbrechern standen so im Vordergrund, dass das Dahinterliegende und in Wahrheit entscheidende Moment, sie in der Art der Durchführung zur Vorbereitung zur Bolschewisierung zu benutzen, zunächst nicht genügend sichtbar wurde.Und da, wo Zweifel am wahrhaftigen Wollen zur Schaffung demokratischer Zustände und der immer wieder versicherten Hilfsstellung der Sowjets beim Wiedererstehen von Land und Wirtschaft aufstiegen, liess man sie hinter einer Erwägung zurücktreten: Die Beschlüsse von Potsdam mit ihren die Alliierten untereinander bindenden Vertragsbestimmungen zur Schaffung einer wirtschaftlichen und politischen Einheit Deutschlands lagen vor. An die Erfüllung dieser offen vor aller Welt eingegangenen Rechtsverpflichtung hat man zunächst geglaubt und manches in der begründeten Annahme hingenommen, es mag noch für heute und morgen, vielleicht auch noch für übermorgen gelten, bestimmt aber wird es eines Tages revidiert.Der Rechtsgedanke im Völkerleben verlor eine Schlacht, die Beschlüsse von Potsdam wurden in ihrem entscheidenden Gehalt zu blossem Papier.Das an vielen öffentlichen Gebäuden prangende und von höchsten sowjetischen Stellen aufgetragen oft zitiert Wort: "Die Hitlers kommen und gehen, das deutsche Volk bleibt bestehen", wurde immer mehr zu einer irreführenden Phrase, die Vertragstreue zu Potsdam zu einem Hohn. –Ich übernahm ein Land, das im wesentlichen nur als geographischer und politischer Begriff bestand und dessen verwaltungsmässiger Aufbau schon allein zeitbedingt zwangsläufig noch in den ersten Anfängen und Ansätzen dazu sein musste.Dieses Land war zuvor Schutz- und Trutzgau Hitlers gewesen; gegenüber dem Reichsdurchschnitt bei etwa 37 % hatten manche Teile des Beamtenkörpers es bis zu 98 % nazistischer Mitgliedschaft gebracht. Die Knappheit der Personaldecke war das am meisten ins Auge springende Problem der Verwaltung. Kaum einer der Landräte, der Bürgermeister und Oberbürgermeister, der Regierungs- Oberregierungs-Ministerialräte, der Landesdirektoren als den obersten Leitern eines Fachressorts fürs ganze Land und selbst die Vizepräsidenten waren staatswissenschaftlich, verwaltungsmässig noch juristisch vorgebildet. Die Sowjets, die mich auf der einen Seite mit der gesamten Verantwortung für alles Geschehen im Lande gegenüber der Besatzungsmacht belasteten, haben mir angesichts der Arbeitsfülle, die ich persönlich hinter mich zu bringen hatte, des öfteren den Leninschen Rat vorgehalten, dass ein an der Spitze des Landes stehender gleich einem Kapellmeister nur zu dirigieren habe. Eine Binsenweisheit, die mir schon als Student aufgegangen war. Die Realität in einem total zusammengebrochenen Land sah aber anders aus. Als sich nämlich herausstellte, dass viele das Instrument nicht spielen konnten, das sie zu bedienen hatten, blieb mir, wenn ich den wirtschaftlichen 11 Anlauf im Lande nicht in Frage stellen wollte, einfach nichts anderes übrig, als vom sogenannten Dirigentenpult herunterzuklettern und mich aufklärend mit denen zu unterhalten, die ihr Instrument nicht oder nur ungenügend verstanden. Die ersten 18 Monate meiner Amtszeit sahen darum nahezu allwöchentlich alle Leiter von Landesressorts und sehr oft die Oberbürgermeister und Landräte zusammengefasst zu Besprechungen bei mir. Das war der rein verwaltungmässige Teil meiner Arbeit. Von dem zu schreiben, welcher sich mit den aus Industrie und Handel, Wissenschaft und Wirtschaft an mich herangetragenen Sorgen befasste, würde hier zu weit führen.Dagegen wird der Teil, welche der verantwortungsreichste und sehr oft der schwierigste war, meine Verhandlungen mit führenden Männern der sowjetischen Besatzungsmacht wichtige Abschnitte dieser Niederschrift ausmachen.Man wird erleben, in welcher Weise der Sowjet verhandelt, wie er ablenkt, wie er täuscht, wie er tarnt, wie er droht und prämiert, wie er gegebene Versprechungen bricht, und wie er – nicht zu vergessen – stetig unter der Decke handelt.Dann will ich dartun, in welche Elendsgebiete und in welches Chaos selbst reiche und durch Ordnung und Fleiss geführte Länder geraten, wenn sie unter dem Druck von Bajonetten auf die politischen Wege des Ostens gebracht werden.Heute weiss nahezu jeder, wie sehr maßgebliche Staatsmänner unserer Tage dem sowjetischen Gegenüber, diesem Meister der Tarnung auf dieser Welt, bei den Verhandlungen unterlagen, Dagegen ist die Schar derer, jener Träumer in den Tag, die an einen Sozialismus des Ostens und an eine Besserung der Lebensbedingungen für die großen Massen unter seiner Führung glauben, immer noch nicht so zusammengeschmolzen, wie es angesichts des Anschauungsunterrichtes, der sich zwischen der Weichsel und der Werra abspielt, der Fall sein müsste.Meine Ausführungen sind frei vom bloßen Hören- und Sagen. Erlebte Tatsachen, unter Verzicht auf propagandistische Anstrahlungen sind das Rückgrat meiner Darlegungen. Bilder, schlagartig aufgeblendet, vermitteln das Milieu. Jedem Einzelnen, ob Intellektueller, Bauer, Arbeiter oder Unternehmer, ob Mann oder Frau, ist es überlassen, auf Grund dieses Materials sich ein eigenes Urteil zu bilden, dieses selbst auszuwerten. Für mich steht das Urteil fest: Weder für den Einzelnen und seine Familie, noch für eine Berufsklasse, völlig zu schweigen von Gesellschaftsstruktur, kulturellem Leben, Wirtschaftsaufbau und nationaler Selbständigkeit gibt es ein Ausweichen oder gar ein Verschontwerden von diesem jedes Eigenleben, jede Freiheit und jede Kultur erdrückenden Koloss des Bolschewismus.+ + + + +

Erste Tarnung
Der erste Tag im Amt: Der Stadtkommandant bittet mich, ihn zur Fürstengruft zu begleiten, da es ihm ein Bedürfnis sei, an den Särgen von Schiller und Goethe Kränze niederzulegen, Blitzlicht flammt auf. Die Welt sieht im Bild, wie der sowjetische Kommandant die deutschen Geistesheroen ehrt. –Wenige Zeit später: ein grosser Tag! Die Rote Armee legt auf allerhöchsten Befehl Kränze an den Särgen von Schiller und Goethe nieder. Zu meiner Rechten geht der Heerführer, der bei der Verteidigung von Stalingrad besondere Lorbeeren erwarb, heute zollen er und seine Generalität den Lorbeer den deutschen Dichtern. Feierliche Reden werden gehalten. Goethes Mahnwort: "Menschlichkeit sei unser höchstes Ziel", bildet den Grundnenner der Ansprache. Die Feier verfehlt ihren Eindruck auf grössere Volkskreise nicht. Pressefotographen und Reporter sorgen darüber hinaus für deren Verbreitung in der grossen Öffentlichkeit. –Die deutsche Verwaltung, welche die sowjetische Besatzungsmacht als ihren verlängerten Arm einsetzte, bestand aus einem Präsidenten des Landes und einer Anzahl Vizepräsidenten. Die einzelnen Verwaltungszweige: Kommunalwesen, Land- und Forstwirtschaft, Gesundheit, Arbeit und Sozialfürsorge, Volksbildung, Wirtschaft, Handel und Versorgung, Finanzen, Justiz usw. fanden in den Landesdirektoren ihre oberste Spitze. Sie waren die entscheidenden Mitträger der Arbeit.Die Präsidenten der Länder kamen aus bürgerlichem oder sozialdemokratischem Lager. Sie waren Männer vom Fach, auf beides legte man damals besonderen Wert.Die ersten Vizepräsidenten dagegen, denen das Innere mit der Polizei und später in ausschliesslicher Zuständigkeit die Durchführung der revolutionären Gesetze: Bodenreform und Sequestration unterstanden, waren in keiner Weise vorgebildet. Sie standen politisch sämtlich auf der äussersten Linken der KPD. Sie waren, wie man später selbstgefällig zu sagen pflegte, "politisch stark" und waren als Beschattung der Präsidenten gedacht.Dem Präsidenten des Landes wurden zunächst von den Sowjets lange Zügel im Aufbau der Landesverwaltung und in der Neubelebung der Wirtschaft gelassen. Seine Befugnisse gegenüber deutschen Stellen waren weitgehend. Er griff von oben bis unten durch. Auf diese Weise fingen sich Verwaltung, Wirtschaft und Staatsautorität verhältnismässig früh und ein Aufbau begann. Bevor ich die führenden Männer des Landes zum ersten Mal zusammenfasste, hatte ich wiederholte längere Besprechungen mit dem Oberstkommandierenden, Generaloberst Tschuikow 12 , und seinem Stellvertreter in der sowjetischen Administration, General Kolesnitschenko 13 . Ich musste wissen, welchen Standpunkt die Besatzungsmacht zu den wesentlichsten Fragen der Politik und Wirtschaft einnahm und bekam zu hören: "... Unsere Demokratie ist kein Exportartikel ... Wir wünschen einen demokratischen Aufbau Deutschlands. Er soll getragen werden von den demokratischen Parteien. Generalissimus Stalin hat erklärt, die Hitlers kommen und gehen, das deutsche Volk wird leben. Wir stehen hier, um dem deutschen Volk beim Aufbau seiner Demokratie und seiner Wirtschaft zu helfen. Sie, Herr Präsident, wollen die Industrie- und Handelskammern in ihrer Form wie vor 1933 wieder aufbauen?! 14 Wir sind damit einverstanden. Wir legen Wert darauf, dass Sie bei Ihrer Fahrt durchs Land zum Ausdruck bringen, daß das Privateigentum bei uns ebenso geschützt wird wie die Privatinitiative des Unternehmers. Der Bauer braucht nicht mehr zu befürchten, dass durch seine Keller und seine Böden gegangen wird. Unser Kampf gilt ausschliesslich dem Nazismus und Militarismus..." – – Der Inhalt dieser Gespräche mit den in ihnen enthaltenen Zusicherungen aus hohem sowjetischem Munde machte ich zum Gegenstand meiner Ausführungen im Land und hielt wesentliche Teile davon in einem Aufruf an die Bevölkerung fest, der vor seiner Drucklegung der sowjetischen Militäradministration vorlag und dann im ganzen Lande bis hinunter in die kleinen Dorfschenken zum Aushang kam. Was ist von alledem in der Folgezeit übriggeblieben!? General Kolesnitschenko 15 , dem sowjetischerseits die Verwaltung des Landes unterstand, saß wie alle Russen auf der obersten Sprosse der Leiter des Misstrauens. Er stammte vom Land, so lugte ab und zu ein Zipfel Bauernschläue heraus. Zur Verhandlung brachte er ein gutes Mass asiatischer 16 Ruhe und Geduld mit. Sein "sidias" – gleich – schien bisweilen wie die russische Steppe am fernen Horizont zu zerfasern. Hinter einer Maske, ich möchte sie fast die eines Biedermannes nennen, vermochte er dem Westeuropäer gegenüber lange, sehr lange Zeit wahres Wollen geheim zu halten, ja sogar tarnend von seiner Zielrichtung wegzuführen. Er war einer der überzeugtesten und konsequentesten Bolschewiken, denen ich begegnet bin. Nach aussen hin hatte er sich so beisammen, dass man das politische Feuer, das in ihm glühte, und den Hass, den er von Grund auf gegen alles Westeuropäische und Deutsche empfand, lange, sehr lange Zeit nicht erkannte. Jeder denkende Mensch wird davon ausgehen, dass ein General der hohen 17 Roten Armee, der zudem Chef einer sowjetischen Militäradministration ist, nicht deutsche, sondern russische Politik betreibt. Bezüglich der Form, in der er es nach aussen hin tut, gibt es Möglichkeiten. Die Tarnung dieses sowjetischen Administrationschefs, und er war damit keine Einzelerscheinung, sondern Repräsentant eines Typs und Systems überhaupt, war eine so vollkommene, dass nicht nur Intellektuelle des Landes, sondern auch fast 18 alle die, welche aus dem Westen kamen und bei ihrem Besuch ihn kennen lernten, das Biedermännische an ihm als das Echte nahmen, das heisst: ihn verkannten. Wenn ich, der ich mit dem Administrationschef über das Dienstliche hinaus des öfteren privat in Berührung kam, zu ihm bisweilen Vertrauen fasste, so wurde ich dabei das Opfer eines grundlegenden Irrtums. Ich wähnte, dass neben bolschewistischer Überzeugungstreue noch Platz zum Schlagen für eine Brücke vom bolschewistischen zum westlichen Menschen möglich 19 sei und so dem General Verständnis für deutsche Belange erwachsen würde. In ähnlichem Irrglauben bewegten sich damals sehr viele Westeuropäer, welche mit den Sowjets an einem Tisch verhandelten. Sie werteten großzügige, auf den Gast zugeschnittene Formen der Gastlichkeit, besonders zuvorkommende Behandlung, den 20 oft mit beiden Händen gegebenen Händedruck als Ausdrücke einer irgendwo innerlich vorhandenen Einstellung des Sowjet. Sie wussten nicht, dass solche Gefühle bei diesem gegenüber dem westlichen Menschen 21 ausgebrannt sind, und dass den Bolschewiken jedes Mittel recht ist, um zur Erreichung sowjetischer Ziele sein nichtsowjetisches Gegenüber zu täuschen. Selbst die förmliche Zusage, schriftlich und mündlich oder in beiderlei Form gegeben, mag sie selbst von einem Marschall kommen, ist morgen einfach nicht mehr da, wenn es die Politik verlangt, und jede Bezugnahme des Getäuschten auf solches Versprechen wird mit lapidarsten Sätzen hinweggewischt. Zwei Probleme sprach ich bei meinem Amtsantritt als vordringlich an: Baldige Rückkehr zum Rechtsstaat und Lösung der Transportfrage für Wirtschaft und Ernährung. – Nach dem Einsetzungsbefehl von Marschall Shukow war ich, vom deutschen Standpunkt aus gesehen, mein eigener und zudem ausschliesslicher Gesetzgeber. Ich war demokratisch genug, um vor dem Erlass von Gesetzen und Verordnungen die Meinung der Mitglieder in der Landesverwaltung durch Abstimmung festzustellen und mich daran zu halten.In meinem Streben: Heran ans Recht, berief ich noch in den ersten Tagen meines Amtsantritts die besten Juristen des Landes in meine Gesetzgebungsabteilung, schuf das Gesetzesblatt fürs Land und verkündete in ihm bald die ersten Gesetze.Eins davon, das Wiedergutmachungsgesetz der unterm Nazismus um ihr Vermögen gebrachten jüdischen Familien, stiess von Anfang an und in der Folgzeit sich niemals behebend auf Schwierigkeiten bei der Besatzungsmacht. Ihr waren die Gesetze vor ihrem Erlass zur Genehmigung vorzulegen. Diese erfolgte in der Regel anstandslos, allerdings nach vielwöchiger Verschleppung, und zwar im wesentlichen deswegen, weil der juristische Sachbearbeiter der sowjetischen Administration den an ihn herankommenden Fragen westeuropäischen Rechts in keiner Weise gewachsen war. Das Wiedergutmachungsgesetz aber war unwillkommen. Man sagte nicht warum. Erst später wurde erkennbar, dass sowohl ein Schuss antikapitalistischer wie antisemitischer Einstellung dabei im Spiele war. In der Sowjetunion ist amtlich zwar jeder Antisemitismus verboten, und wer ihn sichtbar werden lässt, hat mir schwerer Bestrafung zu rechnen. Das schliesst aber nicht aus, dass in der Tat, selbstverständlich insgeheim, ein hoher Prozentsatz der sowjetischen Offiziere Antisemiten gut zaristischen Formats sind. Man bedient sich zwar der Juden in der Sowjet-Administration, vor allem in den Abteilungen Kultur, Politik, Propaganda und Industrie als der Arbeitsbienen. Man lässt sie dort auch Offizierschargen erklimmen, die in der Regel beim Major ihren Gipfelpunkt finden. Man nutzt ihre Intelligenz und schnelle Anpassungsfähigkeit. Im übrigen aber ist die Ablehnung eindeutig. Die abfälligen jüdischen Witze wurden vorübergehend nur durch die über den Prunk sowjetischer Generalsgattinnen abgelöst. – – – Die Ernährung der Bevölkerung drohte in ernste Gefahr zu kommen. Beim Kampf bis zur letzten Patrone waren in Mitteldeutschland zahllose Eisenbahnbrücken gen Himmel geflogen. Eine Schienenverbindung über längere Strecken gab es nicht. Infolge Fehlens von Benzin ruhte der Verkehr auf den Straßen, standen die Traktoren still, verfaulten in dem einen Teil des Landes Gemüse und Nahrungsmittel, die anderswo dringendst gebraucht wurden. Als Oberbürgermeister meiner Vaterstadt hatte ich unter Hinwegsetzung über Landesgrenzen und Zuständigkeit das bedeutende Hydrierwerk "Brabag" bei Zeitz 22 , anlaufen lassen, jetzt wurde es mir durch einen besonderen Befehl des Marschalls Shukow mit weitgehender Vollmacht unterstellt. Trotz der Fülle der Arbeit im Lande habe ich dem Aufbau dieses Hydrierwerkes täglich Stunden geopfert und an Material, Spezialarbeitern, Fahrzeugen, zusätzlicher Ernährung und Menschen alles Greifbare hineingepumpt. Es geht um deutsche Menschen und um unser Gut, so glaubten wir. Eine Groß -Hydrieranstalt, durch über 6000 Bombentreffer im Werksgelände aufs schwerste zerstört, wurde durch beispiellosen Fleiß und durch Härte in der Arbeit von der Werksleitung, den Ingenieuren und Arbeitern in wenigen Monaten wieder so erstellt, dass sie ihren früheren Höchstausstoß von 600 Tonnen am Tag wieder erreichte.Ein Beispiel von vielen! Es zeigt, wo unser Aufbau, unsere Wirtschaft, und das nicht nur zu unserem Vorteil, heute stehen könnte, hätte man uns nicht an fremde Korsettstangen und Stelzen angebunden, durch zerstörende Demontagewellen geschwächt und die Perlen unsere Industrie zu fremdländischem Eigentum gemacht.Mit der Instandsetzung dieses Hydrierwerkes erhielt das Transportproblem der Ostzone in den nunmehr folgenden Wochen und Monaten sein Rückgrat.Doch nicht nur hier, überall, Tag und Nacht wurde gearbeitet. "Heraus aus der Not" hieß der allen gemeinsame Ruf, und die Arbeit ging in einem unwahrscheinlichen Tempo voran. Aus Schutt und Dreck begannen Tag für Tag Fabriken, – die Belegschaft zum Teil im Freien arbeitend, – mit der Herstellung von Erzeugnissen. Ein Hämmern, ein Klopfen, ein Schaufeln, ein Bauen, ein Denken, ein Wollen, ein Ineinandergreifen aller ging durch das Land. "Wir schaffen es!" hieß das Wort, unter dem ich damals zu vielen Tausenden sprach.

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Ein Peitschenschlag

In die ersten Wochen dieses lebensbejahenden Vorwärtsstrebens klatschte unverhofft ein Peitschenschlag: Die Bankenreform.
Aus allen Teilen des Landes kam eines Morgens in aller Frühe der Notschrei: Die Russen haben die Banken besetzt und die Safes erbrochen. Sie räumen aus, was sollen wir tun?! – Der Weg zur Administration, der Versuch, der Bevölkerung zu helfen, traf hier wie in solchen und ähnlichen Fällen den Präsidenten des Landes. Zum sowjetischen General Kolesnitschenko 23 führen mich meine Sorgen: "Herr General, das Land ist in heller Aufregung. Nach den mir vorliegenden Meldungen haben in allen Städten Soldaten Ihrer Armee die Banken besetzt, die Safes erbrochen und alle Wertsachen sowie das gesamte Geld weggebracht. Ich bitte um Aufklärung, was das Ganze bedeutet.""Herr Präsident, es handelt sich nicht um eine Aktion im Lande, sondern um die Durchführung eines Befehls für die ganze Zone. Wir wollen verhindern, dass sich die Fehler von 1918 wiederholen. Die Republik von Weimar bekam dadurch eine Inflation, dass sie die Schulden der kaiserlichen Regierung mitschleppte, statt sie abzuschneiden. Aus Fehlern muss man lernen. Darum werden mit dem heutigen Tag alle Konten gestrichen. – Es kommt hinzu, dass der grossen Menge Papiergeld eine ungenügende Menge an Waren gegenübersteht. Dieser Geldüberhang muss beseitigt werden. Nach dem Befehl bleiben alle Banken geschlossen, nur eine Bank, die Landesbank, darf wieder öffnen. Sie bekommt dazu von uns einen Kredit über 30 Millionen Mark, für den uns der Gegenwert in Waren zu erstatten ist." – Ich argumentiere: 24 "Wenn diese Operation vorgenommen werden muss, Herr General, dann erst dann, wenn der kranke Körper wieder zu Kräften gekommen ist und den Eingriff vertragen kann; das ist noch nicht der Fall. Der Bevölkerung ist zudem im Mai ausdrücklich versprochen worden, daß alle Bankeinzahlungen, die nach dem 6. Mai 1945 liegen, ihr unangetastet erhalten bleiben. Ich beginne mein Amt nicht mit einem Wortbruch." Die ersten zähen 25 Verhandlungen setzten ein 26 , tagelang kommen wir keinen Schritt weiter. Ein Experte aus Berlin-Karlshorst erscheint auf dem Plan. Ein mongolischer Kopf über einer abzeichen- und ordensleeren Bluse sitzt mir gegenüber. Vor Beginn unserer eigentlichen Unterhaltung muss ich viel Lobessprüche über mich ergehen lassen. Die Addition von Lob für den deutschen Partner eingangs schwieriger Verhandlungen war mir damals noch neu. Der Experte hatte sicher grosse Kenntnisse des sowjetischen Wirtschaftssystems; bezüglich der Kenntnisse des westeuropäischen Währungs- Banken- und Wirtschaftssystems und der sogenannten Währungsbalance habe ich selten so viel Unwissen erlebt. Doch darauf kam es nicht an. Die Situation machte den Experten zum Stärkeren. Die Rote Armee hatte zudem durch ihr Handeln, um den sowjetischen Ausdruck zu gebrauchen, einen "Fakt" geschaffen, an dem es, abgesehen von einigen geringen Zugeständnissen, grundsätzliche Änderungen nicht mehr gab. Ein militärischer Befehl ordnete den Erlass des Gesetzes über die Bankenreform an.Und? – Das Entscheidende dieses sowjetischen Eingriffes liegt ganz woanders als da, worüber in der Administration diskutiert wurde Es war auch nicht das, was der Bevölkerung so sichtbar ins Auge stach, dass sich die Sowjets in der Zone in den Besitz von vielen Milliarden Mark gesetzt hatten. Milliarden, mit denen sie kleine Darlehen an die Länder gaben, und mit denen sie vor allem für den sowjetischen Markt Grössteinkäufe tätigen konnten, ohne die Druckmaschine zur Geldherstellung benutzen zu müssen.Entscheidender war der politische Schlag: Wirtschaftliche Nivellierung aller deutschen Volksschichten nach unten, das nähere Heran an die Elendslinie, die der Bolschewismus zur besseren Sturmreifmachung und zur leichteren Beherrschung der Massen braucht. Dabei wurde zugleich im Vorwärtstreiben der Bolschewisierung das gesamte westeuropäische Banken- und Kreditwesen in der Ostzone zerschlagen und ein erster Keil in die wirtschaftliche Einheit Deutschlands getrieben.Der Schock der Bankenreform wurde an der Spitze des Landes viel stärker empfunden als er dann unten in Erscheinung trat. Die Bevölkerung nahm diesen tief einschneidenden Eingriff zu einem guten Teil wohl in stumpfer Ohnmacht im allgemeinen aber leichter hin, als man angenommen hatte. Einmal hatte noch mancher zuhause Geld im Strumpf; vor allem aber glaubten die Menschen, von nun an habe das Sparen wieder Sinn, und das Geld wieder Wert.Ein Positives hat diese sogenannte Bankenreform gebracht: Zum umfangreichen Aufblühen eines grossangelegten Schwarzen Marktes, wie er anderswo förmlich zu einer sekundären Staatseinrichtung wurde, und zur Zahlung astronomischer Preise fehlte es im Grossen und Ganzen an Geld. – "Das Geld ist wieder stabil", und im Vertrauen darauf blieb das Land am Strang der Arbeit. – –

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Sowjetische Taktik

Die Haltung der sowjetischen Administration war in jenen ersten Wochen und Monaten sehr verschieden von der in späterer Zeit, vor allem von der nach den Landtagswahlen und der durch sie geschaffenen angeblich demokratischen Selbstverwaltung der Deutschen. Der Russe jener Tage war noch elastisch, schien es zu sein. Er gab da und dort noch nach, klopfte nicht merklich als Sieger auf den Tisch, gab sich meist 27 als Verhandlungspartner und nicht als starre Befehlsstelle.
Bei jeder sich nur irgendwie bietenden Gelegenheit nahm die russische Uniform das Wort. Die Sowjets sprechen gern. Sie sprechen viel. Sie sprechen breit. Die Konzentration der Rede des Westens ist ihnen fremd. Sie sprechen nicht zum Intellekt. In ihren jedes rednerischen Schwungs baren Ausführungen schieben sie sich in ihren primitiven, für das Verständnis des Primitivsten unter der Masse berechneten Sätzen in das Vertrauen grösserer Volksschichten hinein.Die Reden scheinen über einen Leisten gemacht, nicht weil sie dieselben Zitate von Aussprüchen von Lenin und Stalin enthalten, sondern weil sie im Thema und Aufbau offensichtlich von einer Zentrale gesteuert sind. Mag ein und dasselbe schon zwanzig Mal zuvor sagt worden sein, das beschwert den, der es zum einundzwanzigsten Male vorbringt, in keiner Weise. Wie ein Verkünder des Neuesten vom Neuen lässt er seine Stimme ertönen. Wiederholung, mag sie geistig noch so anöden, hat eins im Gefolge: manches Gesagte bleibt als Substanz beim Hörer hängen, und der Primitive vor allem vermag zwischen eigenem und Fremdem nicht mehr zu unterscheiden. So wird er zum Mitträger des Wortes.Der Rednerschwall, der in den ersten Wochen der Besatzung, – später hatte man sich daran gewöhnt, – in den grossen Städten, den kleineren Stadt- und Landgemeinden, ja im engen und engsten Kreis ohne Rücksicht auf Ort und Stunde sich überall und immer wiederholend übers Land ergoss, schlug die Propagandawellen des Nazismus um ein Vielfaches."Schaffung eines einheitlichen, demokratischen Deutschland","Kampf dem Militarismus und Nazismus","Förderung des Aufbaus", – "das deutsche Volk muss leben","wir können auf die Intelligenz nicht verzichten","Zurück zur Humanität","Schutz der Privatinitiative","Schutz des Privateigentums!"Und mancher Deutsche der radikalen Linken, soweit er nicht zur Spitze gehörte, fing an, am neuen Herrn unsicher zu werden. "Die Gerichte und Staatsanwaltschaften müssen ihre Tätigkeit baldigst wieder aufnehmen!" – "Herr Präsident, es ist eine persönliche Aufgabe von Ihnen, dafür besorgt zu sein, dass die Universität in allen Fakultäten mit Ausnahme von Geschichte schnellstens wieder eröffnet wird. Wir legen allergrössten Wert darauf, dass an dieser traditionsreichen Universität Jena 28 baldigst wieder gelehrt wird". Wer bisher noch abwartend, zum Teil sogar in Misstrauen sich zurückgehalten hatte, ging nunmehr mit in die Linie.In den Trümmern der schwer zerbombten Universität klopfen die Studentinnen und Studenten die Ziegelsteine ab, die kräftigeren leisten schwerere Arbeit und unterstützen die Maurer und Zimmerleute tatkräftig beim Wiederaufbau. Das Land wirft an Material, Fahrzeugen und Menschen hinein, was es geben kann, und die Friedrich Schiller Universität zu Jena ersteht wieder zusehends zwischen Trümmern und Schutthalden. Unter der Anteilnahme der gesamten Generalität wird in feierlichster Form die an Tradition überreiche Universität Jena 29 neu eröffnet. Durch eine Stadt hindurch, die Festgewand angelegt hatte, deren Einwohnerschaft zu Tausenden in Begeisterung und Freude die Straßen säumte, ging ein in seiner Zusammensetzung nicht alltäglicher Festzug. An der Spitze der Oberbefehlshaber der Roten Armee, Tschuikow 30 . Dicht auf gefolgt die in grosser Zahl vertretene Generalität, die Präsidenten benachbarter Länder, dahinter der Lehrkörper in den Farben der Fakultäten, hohe Richter, Staatsanwälte und die Studenten. " … Zu neuen Ufern führt ein neuer Tag ...", heisst ein Stichwort der Festrede. – Wie anders, als es gemeint war, ist es gekommen. – Doch wer wusste das damals?! – Als ich an der Seite des Oberkommandierenden durch die jubelnden Menschen gehe, wird mir versichert: Die Universität ist der besonderen Unterstützung der Besatzungsmacht gewiss, es muss deutscherseits dafür gesorgt werden, dass die Professoren und Studenten in der Ernährung Zusätzliches erhalten; die Truppe hat Befehl, die Wohnungen der Professoren von Einquartierung freizustellen, damit sie dort in Ruhe wissenschaftlich arbeiten können. Zwei geschickte Reden des Oberbefehlshabers Tschuikow 31 in der Aula und später an der Festtafel, die auf der Linie abgestimmt sind: Wir ehren deutsche Kultur und Wissenschaft und suchen in Zusammenwirken mit der Intelligenz, die unserer besonderen Unterstützung gewiss ist, den Weg für ein einheitliches, demokratisches Deutschland, – bringen den Generaloberst und die Rote Armee den anwesenden Trägern der Wissenschaft und der akademischen Jugend näher. Ein Wissenschaftler von Weltruf, der weniger im Studierzimmer als unter den verschiedensten Längen- und Breitengraden unseres Erdenballs sein Wissen zusammengetragen hat – parteipolitisch steht er rechts – gibt seiner Meinung mit den Worten Ausdruck, welche in diesen Stunden und Wochen viel in der Diskussion ist: " … Die Russen sind doch aufgeschlossen, – sie sind noch urwüchsig, noch mit dem Boden verbunden, – noch nicht im Herzen und noch nicht durch Zivilisation versteinert, mit denen lässt sich arbeiten...".Zwei Jahre später: Aus der Alma mater jenensis, deren Neueröffnung mit soviel Hoffnungen begleitet war, ist eine mater dolorosa geworden. Was ist von den Beteuerungen, den Versprechungen für die Universität, was ist von der Achtung für die deutsche Wissenschaft übrig geblieben?! Worte und Schall, sonst nichts.Gewiss, man gewährte noch eine Anzahl äußere Erfolge: Erhöhung der Studentenzahl auf Dreitausend, Zubilligung und Freistellung eines grossen Gutes aus der Ablieferung zu Gunsten der Universität, Errichtung eines Erholungsheimes, erfolgreiche Intervention zu Gunsten dieses oder jenes Gelehrten.Das Entscheidende aber, die versicherte Wertschätzung deutscher Wissenschaft und Kultur zeigte sich geradezu in gegensätzlichem Gesicht, wurde zu einer Herabwürdigung der Universität, erstrebte die Umwandlung einer Hochstätte von Kultur und Wissenschaft in eine bessere Fachschule, hieß Nivellierung der deutschen Wissenschaft, des an der Universität zu vermittelnden Bildungsgrades nach unten, erstrebte politische Einspannung der alma mater im Sinne bolschewistischer Zielrichtung.Und der Weg? Die Mittel? – Der Professorenkörper wird von einer Untersuchung in die nächste geschickt. Jedesmal bleiben einige Wissenschaftler als "politisch belastet" auf der Strecke, so dass nach 6 bis 8 Siebungen der Lehrkörper solche Lücken aufweist, dass die Fakultäten nur noch ungenügend besetzt sind.Die Studenten selbst gehen, ganz wie die Professoren, von einem Untersuchungswolf durch den anderen. Es soll keine Ruhe in die jungen Gemüter kommen. Wieviel Aufgeschlossenheit zum neuen Deutschland, wieviel jugendlicher Glaube, wieviel zielstrebiger Arbeitswille ist bei solchen Siebungen von den östlichen Prüfungskommissionen und ihrem deutsch-moskowitischen Anhang niedergetreten worden!? Was interessiert es diese Herren schon; die Studenten sollten politisch mürbe, sie sollten für die "fortschrittliche Demokratie" des Ostens aufnahmefähig gemacht werden. Es mißlingt.Achthundert Arbeiter- und Bauernstudenten, die man durch eine großangelegte Werbe- und Presseaktion herangebracht und in die Studentenschaft eingereiht hatte, sollten als Stoßkeil und Kader die politische Umformung der akademischen Jugend bewirken."In der Sowjetunion kann jeder unentgeltlich studieren", heisst eine der Propagandawalzen. Vielleicht war es einmal dort so, jetzt ist es jedenfalls, wenn nicht massgebliche Sowjets zum Nachteil ihres Landes logen, mit solchem Traum vorbei, ist das "unentgeltliche Studium für jeden" zu einer der vielen programmatischen Erklärungen geworden, die auf halbem Wege zur propagandistischen Falschfärberei stehen.Das Land hat für das Studium dieses politischen Sauerteigs in Form von Stipendien aufzukommen; – doch die Bauern- und Arbeiterjugend läuft nicht so an der Kandare, wie man erhofft hat. Der Anschauungsunterricht, mit dem sich der Kommunismus nach und nach in der Ostzone vorstellt, ist zu wenig überzeugend. Die Arbeiter- und Bauernstudenten versagen, sie gehen zu einem Teil sogar zur Opposition; die kommunistische Ecke erhält nicht den erwarteten Zulauf. Ein roter Stift in Berlin-Karlshorst streicht infolgedessen die Stipendien.Daraufhin ein neuer Plan der Sowjetmilitär-Administration für Deutschland: … an der Universität ist eine sozialwissenschaftliche Fakultät – anderswo nennt mans anders – zu errichten. Die "Studenten" dieser Fakultät setzen sich in der getarnten Sprechweise des Ostens aus bewährten Antifaschisten, also aus Kommunisten, zusammen. Sie sind aus der Verwaltung, den Betriebsräten und Funktionärsstellen der SED zu entnehmen. Sie erhalten vom Land während ihres Studiums das Gehalt oder den Arbeitslohn weiter, den sie bisher bezogen haben. Die kommunistische Kernzelle mit ihren Bezahltstudenten ist geschaffen. Sie soll die akademische Jugend politisch zersetzen und dann zum Einschwenken in die kommunistische Front bringen. Zum zweiten hat sie die Aufgabe, die an sich schon bespitzelten Professoren noch systematischer zu beschatten: Der Lehrfreiheit sollen Zwangszügel angelegt werden. Man will die Universität zum bolschewistischen Werkzeug machen. Die Fakultät, der solches Ziel in erster Linie auferlegt wird braucht einen Kopf! Ein Befehl der sowjetischen Militäradministration gibt mir die Auflage, eine bei ihr besonders akkreditierte politische Persönlichkeit, die mangels abgelegter Examen keinen akademischen Grad aufweist, aus dem akademischen Nichts heraus zum ordentlichen Professor der Universität zu ernennen und, damit das Maß der Nichtachtung gegen Universitätsstatut und Brauch überläuft, ihn mit der Würde eines Dekans der neuen Fakultät auszustaffieren. – Die Ausführung des Befehls lehnte ich ab. Bedarf es eines Kommentars, dass es dieserhalb langer Kämpfe bedurfte. – – –

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Doch ich eilte der Entwicklung voraus. Wir sind im Herbst 1945. Die Girlanden von der Universitätseinweihung waren noch grün, als sowjetisches Verlangen in postulativer Form ein Hervortreten des Landes auf anderem Gebiete verlangte!
Im politischen Kampf, – und jedem Geschehen im Osten liegt ein politisches Moment mit dem Nenner Kampf zugrunde – kennt der Sowjet keine Ruhe."Herr Präsident, wir müssen der Welt zeigen, wie weit bei uns der Aufbau ist. Sorgen Sie für eine großzügige Industrieausstellung, in der man die Leistungen des Landes seit dem Zusammenbruch sieht."Wieder klopft und hämmert es, rollen Lastwagen und Züge und bringen das Ausstellungsgut zusammen. Man möchte fast sagen, über Nacht steht die gewünschte Schau. Sie soll der Zivilbevölkerung beim Durchgehen durch die Säle das Erreichte zeigen und sie durch die Fülle des dort Gebotenen in ihrem Willen zum Aufbau bestärken.Damals kannte das Land noch keine Demontagen. Die Industrieausstellung, welche ein wahres Spiegelbild der damaligen Leistung und Lieferungsmöglichkeiten der Industrie gab, war ein hohes Lied auf die Organisation, den Fleiss und den Willen der Bevölkerung des Landes.Bei der Einweihung ging ich zwischen der Generalität. Selten sah man ihre Gesichter so zufrieden und froh. Erst später erkannte man das Warum. Erst später wurde der infame Missbrauch mit der Gutgläubigkeit und dem Streben zum Aufwärts eines ganzen Landes sichtbar, als man erkannte, dass diese Ausstellung von den Sowjets auf lange Sicht als plastisches Informations- und Nachschlagewerk für ihr späteres Erfassen der Reichtümer und der Arbeitskräfte des Landes diente.Grösster Feiertag der Sowjet-Union: Wiederkehr des Jahrestages der Oktoberrevolution von 1917.Die Sowjets lassen es sich nicht nehmen, den Deutschen die Feier ihrer Oktoberrevolution vor vollen Gläsern und Schüsseln zu zeigen. Die geladenen deutschen Gäste sind nahezu ausschliesslich Repräsentanten der Intelligenz: Universitätsprofessoren, Direktoren der Hochschulen, Goethe- und Schiller-Gesellschaft, hohe Beamte.Die Parteien, insbesondere auch die sozialistischen, sind vom Gastgeber bewusst in den Hintergrund placiert. – Reden von Völkerverständigung und Völkerversöhnung, von Demokratie und Einheit werden gehalten. Generäle, der Präsident das Landes, der Rektor der Universität, Dekane der Fakultäten und sonstige erste Träger deutscher Kultur sind die Redner. An den Tischen hört man Sätze:"Man hat die Russen verkannt; sie helfen und bauen mit auf; sie wollen Demokratie; sie sind für die Einheit. – Sie distanzieren sich nicht von der deutschen Bevölkerung; mit dem General haben wir Glück gehabt". – Einer versteift sich in seiner Gläubigkeit sogar dazu, ihn einen "Einheimischen" zu nennen. – – –Bei dieser ersten Feier, die sichtbar den Stempel der Persönlichkeit des Oberstkommandierenden trug, kamen die deutschen Gäste zum ersten Mal mit den Damen der höheren sowjetischen Offiziere in Berührung. So wie der sowjetische Generaloberst in Ehren jede Generalsrunde in jedem Lande der Welt präsidieren könnte, galt das entsprechend für seine Gattin für jeden Damen-Cercle. Doch das waren Ausnahmen. Von einigen wenigen Offiziersdamen abgesehen, kam das Gros von ihnen zum Teil noch recht östlich in Deutschland an. Hohe Stiefel, das bunte Kopftuch – – der Damenhut stiess zunächst bei den Russen jede aus dem Kreise der ihren aus – – und dazu nicht selten als Frisur primitiv geflochtene und nach vorn über die Schulter geworfene Zöpfe erinnerten stark an die Steppen und Landstädte Russlands. Doch diese Frauenwelt machte dem Satz von der Wendigkeit der Slawinnen alle Ehre. Gewiss brauchten eine ganze Anzahl bei ihrer Kleidung den Umweg über laute und knallende Farben. Aber sehr schnell, durch geschickte und ausgiebige Einschaltung von Mode- und Frisiersalons, liefen sie kleidungsmässig bald auf der Linie der stillen, unauffälligen Eleganz. So übertrafen sie als Damenflor bald die hinter schwereren wirtschaftlichen – und Bezugsmöglichkeiten laufenden deutschen Frauen. Kein Wunder, dass die Russinnen unter sich in Verkennung der Gegebenheiten und jener der Slawen 32 nur zu leicht eigenen Überheblichkeit die deutschen Geschlechtsgenossinnen mit ihren ersten deutschen Vokabeln als die 3 K bezeichneten: Küche, Kinder, Kirche. 33 Der sowjetische Offizier, den eine entferntere Umwelt als Wodka-Flasche auf zwei Beinen sieht, liebt dieses Getränk bestimmt am meisten von allen alkoholischen, und man kann tagtäglich erleben, wie dieser konzentrierte Alkohol aus Wassergläsern getrunken und dabei in einem Zug hinuntergeschüttet wird. Das Ex-Trinken in einem Zug spielt eine grosse Rolle. Die Sowjets können sich solche Trinkweise leisten, weil sie beim Trinken ununterbrochen schwerste und fettige Speisen zu sich nehmen. So erscheinen sie oft 34 gegen Alkohol gefeit. Tatsache bleibt, dass ich bei den zahlreichen offiziellen Gelegenheiten im Laufe von zwei Jahren niemals einen sowjetischen Offizier in stark angetrunkenem oder gar betrunkenem Zustand in der Gesellschaft erlebte. Wie sie feiern und wie sie sich geben, wenn sie allein sind, steht auf einem anderen Blatt. Die Behandlung, die dem Sowjet, ob Muschik oder Offizier minderer Charge widerfährt, den die Militärpolizei auf der Strasse betrunken aufliest, soll hier nicht geschildert werden, sie ist asiatisch. – – Die erste grosse Einladung der führenden Männer des Landes durch den Oberstkommandierenden zur Feier der Oktober-Revolution war ein Erfolg für die Sowjets. Sie gewannen in den Kreisen der Intellektuellem, die betont hofiert wurden, insofern an Boden, als das Gefühl des Misstrauens und der Sorge vor dem Unbekannten in der Person der "neuen Herren" zu schwinden begann. – – –Ein Jahr später, die Wahlen haben stattgefunden, dieselbe Einladung. Und das Bild? Zwischen den Uniformen: Vorsitzende von Betriebsräten, von Gewerkschaften, viel Funktionäre der SED, die Landesvorsitzenden dieser Partei am Generalstisch. Im Hintergrund, in der Zahl abgefallen: einige Vertreter der Hochschulen und des geistigen und kulturellen Lebens. Das äussere Bild hat sich um 180 Grad gedreht. – – – – –

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Die sogenannte Bodenreform

In der Provinz Sachsen, der deutschen Ukraine, dem Land der grossen Domänen und Güter, ist von der deutschen Landesverwaltung ein Gesetz über die Bodenreform beschlossen und verkündet worden. Dasselbe soll im Land der Grossagrarier, in Mecklenburg, der Fall sein, dasselbe auch in Sachsen und Brandenburg.
Auf meinem Amtstisch liegt ein mir zugestellter Gesetzesentwurf. Schlechtes Deutsch ist seine Sprache, entweder ist er eine mangelhafte Übersetzung eines in Russland verfassten [Textes], oder, was näher zu liegen scheint, von jemandem, er ist von einem der deutschen Sprache nicht völlig mächtigen Sowjet in Berlin-Karlshorst entworfen. Die Motive für das Gesetz, der Gesetzestext und die Ausführungsbestimmungen dazu sind in diesem Entwurf willkürlich durcheinandergequirlt. Die Hand des östlichen Regisseurs ist nicht übersehbar.Ich berufe die Landesverwaltung ein und eine Kommission zur Ausarbeitung eines neuen Gesetzes – anders in der Form und im Inhalt – wird gebildet. Damals kannte man die unterirdischen Kanäle und das aus deutschen Reihen kommende Zuträgertum zu den sowjetischen Spitzen noch nicht.Aufregung in der Administration. Ein Land will in der Zone aus der Reihe tanzen und ein anderes Bodenreformgesetz entwerfen!Der gesamte sowjetische Apparat beginnt zu klappern und mit dem Übergewicht der Besatzungsmacht zu drücken. Die Parteien und ihre maßgeblichen Männer werden von den Sowjets bearbeitet. Sitzungen in den Parteien, im Antifablock und in der Landesverwaltung lösen einander ab. Von der Emsigkeit und dem Nachdruck, mit dem eine sowjetische Militär-Administration tätig wird, wenn ein politisches Ziel im Lande zu erfüllen ist, vor allem aber, wenn es dort nicht so läuft wie es laufen soll, hat der Aussenstehende kaum eine rechte Vorstellung.Selbst der Fleiss eines Bienenstockes in der Hochflugzeit scheint eine schwache Angelegenheit demgegenüber zu sein. Zwischen Tag und Nacht gibt es keinen Unterschied mehr, schon vollends keinen zwischen Arbeits- und Feiertag. Ein politischer Rausch scheint alle zu befallen. Daneben fühlt man deutlich, dass sie alle nach oben hin um jeden Preis ein Versagen nicht nur vermeiden wollen, sondern vermeiden müssen.Alle Register der Verhandlungstechnik werden gezogen: Die Verhandlungsgegner werden aufgespalten und getrennt bearbeitet. Sind einige im Sinne der erstrebten Richtung gewonnen, dann schliesst man sie wieder zusammen. Die Willfährigen, nunmehr fortschrittlich genannt, werden gegen die angeblich versteckte Reaktion ausgespielt. Von der verführerischsten Liebenswürdigkeit wechselt die Behandlungsskala über die Attribute: rückständig, reaktionär, versteckt militaristisch und nazistisch zur gefährlichen Verdächtigung der "Sabotage", einem beliebten und locker sitzenden Ausdruck, mit ebenso schnell einsetzenden "Nachprüfungs"-methoden: Haussuchung, Wohnungsbeschlagnahme, nächtliche Vernehmung, Inhaftnahme, … bis zur gefährlichsten Eingruppierung der Widerspenstigen als "konterrevolutionär".Es geht nicht voran, trotz des Druckes und der erkennbaren Eile der Sowjets, das Gesetz unter Dach zu bringen. Es erstehen deutsche Gegenvorschläge: Die grossen Güter dürfen nur bezüglich der 100 ha übersteigenden Grösse enteignet werden, während das Restgut mit 100 ha dem bisherigen Eigentümer verbleiben soll, – auch von Entgelt wird gesprochen, – – brutale Ablehnung auf der ganzen sowjetischen Linie.Neue Vorschläge werden deutscherseits gemacht, von denen ich jede Abweichung ablehne: " … Die im Entwurf vorgesehenen 5 ha schaffen bei den mässigen Bodenklassen des Landes Hungerhöfe, die Grösse muss deshalb bis zu 15 ha erweitert werden können", – "unter die Bodenreform fällt nur das landwirtschaftliche, dagegen nicht das sonstige private Vermögen der Grossgrundbesitzer", – "den Antifaschisten sind ihre Güter bis zu 100 ha zu erhalten." – Schwerer seelischer Druck lastet in diesen Tagen und Nächten auf allen Verantwortungsbewussten.Wieder beginnt ein Hin- und -Her, Tag und Nacht und wieder Tag und Nacht. Ein Generaloberst aus Berlin-Karlshorst, – er gilt als eine 35 geistige Leuchte der Roten Armee, – erscheint zur Verstärkung der sowjetischen Seite. Hinter müden Augendeckeln verbirgt sich ein hellwacher Verstand. Eine für den heutigen Russen ungewöhnliche Allgemeinbildung, hervorragende Kenntnisse der Kultur und der Wirtschaftsstruktur der deutschen Länder sowie Gewandtheit und Elastizität im Verhandeln zeichnen diesen Repräsentanten der Roten Armee aus. Nach meinem Dolmetscher, der sein Wissen über die Person dieses Generalobersten Semjonow 36 aus sowjetischen Quellen haben will 37 , soll dieser unterm Zaren Kapitän in einem Petersburger Garderegiment und dort wegen seiner hohen Bildung, vor allem der Schlagfertigkeit, mit der er sie, gemischt mit einem Schuss Zynismus zur Anwendung brachte, besonders gefürchtet gewesen sein. 1917 soll er sich sofort an Lenin angeschlossen und trotz des Wandels vieler Jahre in der Sowjet-Union immer in der höheren Spitzengruppe geblieben sein. Wie dem auch sei, auch ohne diese Vorgeschichte ist dieser Generaloberst Semjonow 38 im schwarzen Anzug und mit schwarzem hartem 39 Hut in mancherlei Beziehung äusserst interessant. Vom Intellekt her scheint 40 er in seiner sowjetischen Umgebung ein Einsamer zu sein 41 , schon seine nächsten Mitarbeiter laufen einige Klassen unter ihm. Geschickt argumentiert er in deutscher Sprache: "Das Land, Herr Präsident, kann nicht als einziges in der Zone Sonderwege gehen. Ihr Freiherr von Stein blieb auf halbem Wege stehen, er brachte nur eine Befreiung der Person, dann wurde er von der Reaktion gestürzt. Heute geht es um mehr. Wir wollen den zu landwirtschaftlichem Knechtspersonal Befreiten, und neben ihnen den Kleinstbauern und Flüchtlingen Land geben. Ein erweiterter Bauernstand soll erstehen, einer, der frei auf seiner Scholle ist. Im Zuge dieser Massnahme geht es uns zugleich um die Zerschlagung eines Systems, der Kaste, die Deutschland immer und immer wieder in den Krieg führte und ihm Unglück brachte. Die Träger des Militarismus, das Grossagrariertum, seine Söhne, die das Rückgrat des Offizierskorps bildeten, die Reaktion, sollen getroffen werden, damit in Deutschland endlich einmal Friede einzieht." Der Generaloberst 42 Semjonow 43 wechselt seinen Platz. Von der Stirnseite seines Tisches zur Rechten des Generals Kolesnitschenko 44 kommt er um die Tischtafel herum und setzt sich unmittelbar neben mich: "Sie, Herr Präsident, sind Antifaschist, bei Antifaschisten, bei Ihnen, haben wir keine Bedenken. Die Bodenreform richtet sich gegen ein System, nicht gegen einzelne Personen. Da sind Güter von 100, 300, 500 Hektar. In Ihrer Hand wäre 45 so ein Gut unbedenklich". "Herr Generaloberst, ich habe seit 13 Jahren einen Bauernhof von 24 ha, der reicht für mich aus.""Gut, gut – Schön. – Warum machen Sie Schwierigkeiten? Ihr Land wird in der Zone von der Bodenreform am wenigsten betroffen, kaum 10 % der landwirtschaftlich genutzten Fläche sind Grossgrundbesitz." Von meinen 46 vielen Einwänden nur einer: "Herr Generaloberst, das Land, wichtige Teile seiner Industrie, leben vom Wald, wird der jetzt in viele tausend Teile zerschlagen, dann ist das sein Ende. Jeder Neubauer wird aus seinem Waldstück, mag das Alter sein wie es will, Holzschlagen. Anstelle pfleglicher Behandlung tritt der Raubbau ..." "Gut, der Wald, richtig, – er ist ein starkes Rückgrat, ein wichtiger Wirtschaftszweig, – bitte, wir sind damit einverstanden, dass das Land grosse Teile des unter die Bodenreform fallenden Waldes erhält und damit dem Fiskus und seiner Betreuung untersteht, die Gefahr seiner Zerstörung ist damit abgewendet … Sie sind Jurist, Sie kennen die deutsche Rechtsgeschichte. Sie wissen besser als ich, dass das germanische Recht ein genossenschaftliches war, welches kein Privateigentum an Feld, Wald und Wiese kannte. Die Bodenreform ist kein wilder Umsturz, das Ziel des Freiherr von Stein soll jetzt verwirklicht werden … Der Gesetzestext, zugegeben, er mag Schwächen und Fehler haben, ich sagte schon, ich bin kein Jurist. Aus Gründen der Einheitlichkeit in der Zone müssen wir aber auf die Beibehaltung des Textes bestehen … Ihre drei Vorschläge: Die neuen Güter je nach Bodenklasse bis zu 15 ha; Schutz des Eigentums der Grossgrundbesitzer, das kein landwirtschaftliches ist und der Erhalt der Güter von Antifaschisten bis zu 100 ha Grösse – – einverstanden, sie werden akzeptiert. Dazu: Ich wiederhole, das Land erhält den Grossteil des Waldes ...".Im Laufe der weiteren Unterhaltung, die nunmehr im wesentlichen der Generaloberst bestritt, verglich ich ihn im Stillen mit einem begabten Pianisten, der halb im Spielen, halb im Phantasieren Themen anschlägt, abbricht, wundervolle Übergänge findet. Er begann mit Goethe, sprang zu Nietzsche, kehrte zurück zu Kant, Hegel und Schopenhauer, beleuchtete die Humanisten Weimars und war wieder mitten in der Bodenreform. Meine Liebe zur Jagd streichelte er mit einigen Sätzen, wobei sichtbar wurde, dass er Nichtjäger war und seine Worte nur der näheren Verbindung zum Verhandlungspartner dienten.Als ich nach Hause kam, stand der Uhrzeiger auf 4 Uhr nachts. Eine interessante Persönlichkeit mit vielseitig fundiertem Wissen und einer noch grösseren, gefährlichen Blendwirkung war mit diesem Generalobersten in schwarzem Anzug mit hartem Hut über meinen Weg gegangen. –Der Antifablock und die Landesverwaltung wurden am nächsten Morgen mit dieser nächtlichen Auseinandersetzung bekannt gemacht. Sie tagten, in den Parteien und im Block, sie stimmten ab und stimmten dabei zu. Die neugeschaffenen Hilfsmöglichkeiten im Gesetz brachten das Ja, und das Bodenreformgesetz ging mit Zustimmung aller Parteien und den Unterschriften des Präsidenten und aller Vizepräsidenten hinaus.Seine Durchführung kam nunmehr in die ausschliessliche Zuständigkeit der Kreis- und Landeskommissionen mit der Spitze im ersten Vizepräsidenten, der, wie schon erwähnt, in allen Ländern mit einem besonders zuverlässigen Kommunisten besetzt war. Was die Kommunisten, – sie schoben sich bei der Durchführung dieses Gesetzes in die vorderste Linie – im Zusammenwirken mit den sowjetischen Kreiskommandanten daraus machten, was das Gesetz sowjetischerseits bezweckt und in der Ostzone in nicht allzu weiter Ferne herbeiführt, soll schon jetzt untersucht und beleuchtet werden. Wir stossen dabei auf eines der Kernstücke der sowjetischen Politik überhaupt. Hitlers "Mein Kampf" war keine unterhaltsame Lektüre, aber sie war für sein Wollen sehr aufschlussreich. Dasselbe gilt von den Büchern Stalins und Lenins. Jeder Russe kennt sie nahezu auswendig und bestreitet damit den Grossteil jeglicher Unterhaltung, soweit er nicht ergänzend Marx und Engels zitiert. Eine Diskussion mit ihm bringt keinen Gewinn. Denn die auswendig gelernten Sätze haben für den Bolschewiken die Unabänderlichkeit eines in Erz gegossenen Gesetzes.Nach der neuen russischen Philosophie – Stalin und Lenin werden gern als die grössten Philosophen der Neuzeit zitiert – ist eines der Hauptziele der Revolution, den Bauern aus der Reserve des Bürgertums herauszubrechen und ihn zum Verbündeten des Arbeiters zu machen.Dieses Ziel erreichte man in der Sowjetunion durch eine Arbeit in zwei Etappen: Ausrottung der Grossagrarier in den Jahren 1917 folgende und etwa 10 Jahre später durch die Vernichtung der Kulaken, der Groß- und Mittelbauern, und der nunmehr zur Wirklichkeit werdenden Kolchose.In der Ostzone ist man bestrebt, die Bolschewisierung, insbesondere auch die Umgestaltung der Verhältnisse auf dem flachen Land, in einem wesentlich schnelleren Tempo voranzutreiben, als es in der Sowjetunion geschah. Die Bodenreform, die 1945 unter starkem sowjetischem Druck als erste Etappe in den deutschen Ländern zur Durchführung kam und die zunächst nur die grossen Güter zerschlug, zeigt in ihren Ansätzen deutlich die Vorbereitung zur Kolchose. Der bei den Verhandlungen mit Mühe erzielte deutsche Erfolg wurde durch die Handhabung bei der Durchführung des Gesetzes im Sinne von Gehorsam-Moskau zu einem solchen auf Papier. Das wirtschaftliche Ergebnis: In der Ostzone gibt es mit Ausnahme von Gütern, die der Versorgung von SED-Parteispitzen und solchen, die unter der Kandare der Zentralverwaltung der Saat- und Viehzucht dienen, keine mehr, die über 100 ha gross sind. Die zwischen 50 und 100 ha stehen nunmehr vor der Zerschlagung, der Prozess ist damit noch nicht zu Ende.Was ist neben solcher Veränderung der landwirtschaftlichen Struktur auf lange Sicht gesehen die politische Seite?: die Neubauern, denen man Land gegeben hat, benötigen für sich, ihr Vieh und ihr Erntegut Haus, Stellung und Boden. Und? – Sie werden in ihrem Bauvorhaben bewusst völlig ungenügend unterstützt. Soweit noch Zementwerke von der Demontage verschont blieben, rollt der Zement überwiegend nach dem Osten, bleiben völlig ungenügende Mengen für die Deutschen zurück. Die Ziegelbrennereien erhalten keine Kohle oder völlig ungenügende Menge. Eine "Lehmfibel" soll den Neu-Bauern altdeutsche Bauweise vermitteln, Schlösser und Herrenhäuser sollen fehlendes Baumaterial liefern. Armselige Tropfen auf heissen Steinen. Unzufriedenheit zieht auf dem flachen Lande ein. Mit Neid sieht der Neubauer auf den Altbauern, der auf seinem Hofe sitzt und 47 Haus, Scheune und Stallungen sein Eigen nennt. Dieser wiederum empört sich darüber, dass er in Bezug auf Ablieferung ein wesentlich höheres Soll aufzubringen hat, als der Neubauer. Der Spaltpilz ist gesät. Die "Gegenseitige Bauernhilfe", die kommunistisch gesteuert ist, vertieft den politischen Kampf in den Dörfern und gibt den sonst unterliegenden Neubauern den politischen Halt. Sie ist der erste Ansatz zur Kolchose mit ihrem den Mitgliedern in Gemeinschaft zu Verfügung stehenden Maschinenpark, den Traktoren und Bindern, mit der bevorzugten Belieferung von Saatgut und Düngemitteln.Gegen die Altbauern richtet sich die ganze Wucht des übermässig hohen Ablieferungs-Solls, das oft nur durch den Schraubstock der Verhaftung erreicht wurde. "Sabotage" heisst hierbei die Formel. Die Höfe werden den Altbauern leid gemacht. Jede Behauptung, dass die Ostzone die Enteignung der Bauern – die Kolchose – erstrebt, wird zur Zeit flammenden Protest auslösen. "Ein Marschall gab sein Wort", höre ich rufen. Ich habe nicht nur ein gebrochenes Marschallwort erlebt.Wer die Sowjets kennt, weiss, dass sie ein gutes Gefühl dafür haben, wie viel im Augenblick die Hörner aufnehmen können. Das gilt auch für die Herbeiführung der altbäuerlichen Entrechtung auf dem Land. Ihre Durchführung ist nur eine Frage der Zeit! –Zwei Vorkommnisse aus jenen Wochen scheinen mir der Erwähnung wert: Ein hoher Würdenträger der Kirche sucht bei mir gegen Übergriffe, Diebstähle niedrigster Art und gegen Verhaftungen von Unschuldigen, die im Zuge der Bodenreform nach der Insel Rügen verschleppt werden sollten, und jetzt auf Strohsäcken irgendwo, zum Teil sogar in Strafanstalten als Gefangene gehalten wurden – darunter viele Frauen, vor allem solche des Adels und der Hocharistokratie, – Schutz. Ohne Rücksicht auf das Alter, sie waren zum Teil hochbetagt, hatte man sie ob der Tatsache willen, dass vor mehr als 25 Jahren ihre inzwischen schon längst verstorbenen Gatten gekrönte Häupter waren, ihrer Freiheit beraubt.Am anderen Ende meines Telephondrahtes hört der kommunistische Polizei-Präsident:"Ich erfahre aus zuverlässiger Quelle", so beginne ich, "Sie haben im Zuge der Bodenreform Unschuldige, vor allem Frauen, ins Gefängnis gesperrt, wie kommen Sie dazu!?" – – ausweichendes Gemurmel. – "Für die Verhaftungen fehlt es an jeder Rechtsgrundlage. Sie unterstehen zwar unmittelbar dem Herrn ersten Vizepräsidenten; wenn Sie aber glauben, dass ich in einem Lande, dessen Präsident ich bin, solchem Treiben zusehe, dann sind Sie im Irrtum! Die Verhafteten sind sofort zu entlassen. – Wissen Sie, was das Ganze ist? Freiheitsberaubung im Amt! Wissen Sie, was darauf steht? – Ich rate Ihnen dringend, lesen Sie das Strafgesetzbuch!" – – – – –Warum legt man bei solchen Anzeichen das Amt nicht nieder?Diese Frage ist naheliegend und erscheint durchaus berechtigt. Ihre Ausführung erhält ein weniger glattes Gesicht, wenn man bedenkt, dass sich solches Handeln inmitten der sowjetischen Zone und unter Prestigeverlust für die Sowjets zu vollziehen hatte.Das "Amt niederlegen", ich habe es damals und in der Folgezeit des öfteren erwogen, und ich bin nicht nur bei der Erwägung stehengeblieben, sondern habe gehandelt, habe niedergelegt.Damals und noch lange Zeit, bis in die Moskauer Konferenz vom März 1947 hinein, glaubten die Sowjets selbst nicht, die Einheit Deutschlands verhindern zu können. Sie trieben wohl Keile. Doch trotz mancher schwerer Schläge und böser Bitternis musste man noch Hoffnungen haben, gewährten die Sowjets auf den verschiedensten Gebieten nicht unwesentliche Erfolge, und konnte man bisweilen schärfste Spitzen abbiegen.Und nicht zuletzt: Das Land, in dem man lebte, war die Heimat. Zu ihm, zu seiner Bevölkerung hatte man zahlreiche Bande. Hier hatte man zu helfen und zu retten, was zu retten war. – – Zur selben Zeit, um noch eine Episode dieser Wochen festzuhalten, erreichte mich eine Bitte der Witwe des letzten deutschen Kaisers. Sie wohnte in Stollberg-Rosslar 48 am Süd-Harz, in einem anderen Lande der sowjetischen Zone. Die Enge der uns gemeinsamen Heimat, das einstmalige Fürstentum Reuß ältere Linie, ließ sie den Weg zu mir finden. Sie suchte – soweit man in solchen Zeiten davon sprechen kann – eine gesicherte Unterkunft und eine bescheidene Lebensmöglichkeit. Ich wollte ihr zu beidem verhelfen und verhandelte wiederholt mit den Sowjets. Diese machten Ausflüchte und Schwierigkeiten, sie wollten zunächst nicht an die Sache heran. Schliesslich gaben sie nach, und ich konnte der bedrängten Frau Asyl und Lebensmöglichkeit in Schloss Reinhardsbrunn 49 zusichern. Sie kam und kam nicht. Eines Tages spricht mich der Administrationschef 50 an. "Herr Präsident, Sie haben sich doch für die Witwe des letzten Kaisers und deren Unterbringung in Reinhardsbrunn so eingesetzt" –"Ja", antwortete ich, "wie kommen Sie darauf" –"Es wird Sie interessieren", lächelte der General, "wissen Sie, wo die Frau ist?""Ich weiss nur, dass sie bisher nicht kam, Herr General". –Ein hintergründiges asiatisches Lächeln steht in seinem Gesicht: "ich will es Ihnen sagen, Herr Präsident, sie ist in der englischen Zone und macht dort Propaganda gegen uns und gegen Sie". –"An eine Hetze gegen mich glaube ich niemals". –"Doch, doch, Sie werden sehen". –Ich sah, wenn auch erst manche Monate später, im anderen Sinne allerdings durchaus klar.Die Witwe des Exkaisers beging einen Fehler. Sie kam nicht stehenden Fusses, sie wartete noch einige Tage und versäumte so wertvolle Zeit. Inzwischen aber handelten die Russen.Ein Kraftwagen mit sowjetischen Offizieren fährt bei ihr in der Dunkelheit vor. Der Marschall wolle sie sprechen, die Offiziere sollen sie zu ihm bringen. Der Marschall will ihr in der Nähe von Berlin einen würdigen Aufenthalt geben. –Nach kurzem Widerstreben steigt sie ein. Den Marschall bekommt sie selbstverständlich nicht zu sehen. Er wird schwerlich was von dieser Tour der NKWD gewusst haben, und sie landet an der äussersten Ostgrenze der Zone in Frankfurt an der Oder, wo sie von nun ab unter ständiger Bewachung, steht und – stirbt. – – – – –

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Gedankensplitter zur Entnazifikation und zum Rechtsstaat

Ich kehre zur eigentlichen Situation im Lande zurück. – In den ersten Wochen und Monaten nach jenem 8. Mai 1945 hiess es nur immer: Vorwärts – zupacken – vorwärts. Zu solcher, man möchte fast sagen, anreisserischer Arbeitsmethode, genügte im wesentlichen das Mitbringen eines Willens; besass der Betreffende darüber hinaus etwas Organisationsvermögen, so war er für solche Zeit besonders legitimiert, in der Verwaltung mitzuarbeiten, den Staats- und Wirtschaftswagen wieder in Gang zu bringen.
Je mehr sich aber die Einrichtungen des werdenden Staates festigten, an Stelle des Vorwärtsstürmens allmählich immer mehr sich das Verwalten schob, Fachkenntnisse, zum mindesten System in der Arbeit zur Bedingung wurden, umso stärker machte sich das Fehlen von Fachkräften, völlig zu schweigen von Persönlichkeiten fühlbar.Das von mir erlassene Entnazifizierungsgesetz des Landes liess unter Rechnungtragung der wirklichen Verhältnisse im Nazireich von vornherein grundsätzlich alle Kleinen laufen, es sei denn, dass sie sich besonders aktiv betätigt hatten. Dieses Gesetz war gut. Es war von Männern gemacht, welche inmitten des Nazismus gelebt, ihn erlebt und ihn dabei ausnahmslos in negativsten Sinne an ihrem eigenen Leben verspürt hatten. Sie wussten aber auch, wie es zu jener Massenmitgliedschaft der Kleinen in den meisten Fällen gekommen war, wie der junge Akademiker vor Ablegung des Examens Mitglied zu werden hatte, da man ihn sonst nicht zuliess; wie ganze draussen im Feld stehende Jahrgänge förmlich mit einem Federstrich in Abwesenheit zu Mitgliedern wurden und anderes mehr.So stellte das Gesetz von vornherein den weitaus grössten Prozentsatz der Mitglieder, die Kleinen, ausserhalb der Verfolgung und befriedete so zunächst den Grossteil der Einwohnerschaft und machte grösste Kräfte zum Aufbau frei. Was das bedeutete, vermag nur der zu beurteilen, der in jenen Monaten das Land und sein Schaffen sah. Das Gesetz war nur von kurzem Bestand. Bald kam eine sehr deutliche Erinnerung, dass der Kontrollrat sich in der Entnazifizierung die Gesetzgebung ausschliesslich vorbehalten habe. Er hat davon – dem Himmel sei es geklagt – keinen Gebrauch gemacht und Deutschland nicht das nach einheitlicher Regelung schreiende Gesetz über die Entnazifikation gebracht. Richtlinien – Stückwerk – Ungleichheit der Deutschen vorm Gesetz und dazu eine Menschenmasse aus "Betroffenen", die auf den ersten Blick erkennbar durch keinen Verfahrenswolf zu drehen war. Es sei denn, dass man für die Durchführung der Entnazifizierung eine Zeitdauer in Kauf nähme, welche die des effektiven Bestandes des Naziregimes übertreffen 51 würde. Ein alter Satz besagt: Den ersten beissen die Hunde. Er hat sich bewahrheitet. Bei den Kleinen fing es an, mancher wurde stark gebissen; minima non curat praetor besagt ein stolzer, vieltausend jähriger Satz des Römischen Rechts: Um Kleinigkeiten kümmert sich der Richter nicht. Die Nachkriegszeit war ohne solchen Wurf großzügigen Denkens und Handelns. Das, was eine grosse Geste hätte werden müssen, die das Heute von der nachschnüffelnden Gehässigkeit gestern wohltuend unterschieden hätte, blieb leider aus. Kampf aller gegen alle – Neuauflagen von Hass und Denunziation – Pharisäertum – Durchstechereien – Schieberkönigtum – und im Gefolge solchen Triumphzuges der Minderwertigkeit blieb die Gefährdung des Glaubens an Recht und Wohlanständigkeit nicht aus, kamen in den Augen weiter Kreise Pflicht und Unbestechlichkeit in Grenznähe von Dummheit, wurde eine grosse moralische Schlacht verloren, bekam die Demokratie und die Autorität des Staates von heute einen schweren Stoss. – – – In einem Erlass, der in dem Satz gipfelte: "das Land ist ein Rechtsstaat", wies ich im Herbst 1945 alle Behörden des Landes an, im Rahmen des gesetzten Rechtes ihre Pflicht zu tun. Ruhe, Ordnung und Sicherheit mussten wieder im Lande einziehen, wilde Aktionen verhindert, das Gefühl der Rechtssicherheit musste erneut fundiert, die Staatsautorität für die Allgemeinheit wieder erkennbar werden.Unter der Decke begann es aus den Kreisen der äussersten Linken zu schüren. Ruhe und Ordnung sind für den Kommunismus ein schlechter Boden; auf menschlichem Elend, auf Zwist und Unsicherheit gedeiht seine politische Saat. Darum flüsterten allerorts ihre Stimmen:"Die Revolution wird verfrüht abgeblasen, – die breite Masse des Volkes ist der Träger des Staates und nicht die Pyramidenspitze, – Juristen verderben das Vaterland". –Zu ihnen gesellten sich zentral gelenkt unfreundliche Kommentare in der Linkspresse gegen die Träger des Rechtsstaates: die Berichte und Staatsanwaltschaften. Die Richter und Staatsanwälte hatten ihre Amtsroben noch nicht richtig angezogen, da wurden bereits die alten abgestandenen Schmutzkübel von der "Klassenjustiz" über sie ausgeschüttet.Für die Wahllosigkeit solcher Angriffe mag ein Fall sprechen: In einer kommunistischen Zeitung steht ein offener Brief an den Präsidenten des Landes. Man verlangt seine Hilfe! Klassenjustiz in der englischen Zone hält einen bewährten Genossen wegen in der Nazizeit begangener politischer Straftaten – als Matrose soll er das Verschlusstück einer Kanone in die Nordsee haben fallen, lassen – in der unbarmherzigen Strafhöhe des Urteils fest. Für die Tränendrüsen noch ein paar Zeilen: zuhause wartet sehnsüchtig mit offenen Armen die betagte Mutter auf die hoffnungsvolle Stütze des Alters.Auf meine Anfrage kommt vom zuständigen Generalstaatsanwalt die durch Beweise gesicherte Skizze des angeblichen politischen Märtyrers: er sitzt wegen wiederholtem infamen Kameradendiebstahls. Der Generalstaatsanwalt fürchtet zudem, dass der Inhaftierte bei seiner Freilassung schwerlich in die offenen Arne seiner Mutter zurückkehren wird, da er sich in der Hafenstadt vor seiner Verhaftung bereits zu innig mit anderen kriminellen Elementen verflochten und zu gute Kenntnisse im dortigen Jagdgebiet gesammelt habe. – – – Die ersten Eingriffe in die Justiz hoben sich ab. Staatsanwälte und Richter, welche gegen "Opfer des Kapitalismus", so nennt der Sowjet entschuldigend die Kriminellen, – strafgerichtlich vorgehen wollen, weil sie erneut gegen das Strafgesetzbuch verstossen hatten, sahen sich plötzlich als Angeschuldigte. Zum ersten Mal erschien die NKWD, herbeigerufen von Kommunisten, auf dem Plan und suchte Gerichte und Staatsanwaltschaften durch Bedrohung einzelner Amtsträger einzuschüchtern. Solche 52 ersten Ein- und Angriffe waren verhältnismässig noch leicht abwendbar.

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Shukow und die Zentralverwaltungen

In diese Herbstmonate fiel die Kunde von der Einrichtung deutscher Zentralverwaltungsstellen durch die Sowjetische Militär-Administration Deutschland in Berlin-Karlshorst.
Nach der damals verbreiteten Lesart sollten sie zu dem Zweck errichtet worden sein, die SMA Karlshorst über die deutschen Verhältnisse zu informieren. Das erschien bei der Unkenntnis der Sowjets über viele westeuropäische Einrichtungen glaubhaft. Daneben stiegen selbstverständlich Bedenken auf, inwiefern von den Sowjets in Berlin eingesetzte Männer, von denen sich der Grossteil bald als unter Mittelmaß entpuppte, die samt und sonders keine unmittelbare Fühlung mit der Bevölkerung, der Wirtschaft, dem Gesundheitswesen, dem Verkehr, der Forst- und Landwirtschaft, in den Ländern hatten, geeignete Informatoren sein könnten.Ich weiss mich frei von jeder prophetischen Ader, aber von der ersten Minute der Kenntnis um die Errichtung solcher Zentralverwaltungsstellen spürte ich Hintergründiges, galt ihr mein Kampf.Diese als deutsch bezeichneten Zentralverwaltungen stellten sich nur zu bald als Einrichtung heraus, durch die – ohne jede deutsche Kontrolle – die Sowjets auf allen Gebieten in der Ostzone schalten und walten konnten wie sie wollten, und dabei zugleich das Gleis schufen, auf dem alle aus der Zone kommenden Leistungen unkontrollierbar in das grundlose Fass der Reparationen hineinfuhren.Mit der Nachricht aus Berlin über die Einrichtung dieser sogenannten deutschen Zentralverwaltungen kam es auch schon zu den ersten Zusammenstössen zwischen diesen und den Ländern. Die Zentralverwaltungen plusterten sich nach deutscher Unsitte, bevor sie mit der eigentlichen Arbeit begannen, gehörig auf und steckten ihre Kompetenzgrenzen weitestgehend ab. Dabei kamen sie zwangsläufig zu einem Hineinregieren in die Länder. Die Kompetenz-Konflikte waren da, und Marschall Shukow wurde zur Klärung der Zuständigkeiten um eine Konferenz gebeten.Diese Konferenz war in grossem Stile aufgezogen und auf Wirkung berechnet.Ich hatte in meinem Leben zwischen preussischen und zaristischen Generälen und solchen der Sowjetarmee gesessen. Die sowjetischen haben den Kampf gegen den Militarismus auf ihr Panier geschrieben, jedenfalls behaupten sie es; jene gaben das nicht vor, sie gaben sich so wie sie waren, als säbeltragende Soldaten. Der Aussenstehende, der den sowjetischen Offizier und Soldaten sehr oft auf alleingestellten Kommandostellen erlebt und dort nur zu oft das Selbstherrliche des Kommandoinhabers oder Postens hört: Hier, ich Generalissimus, – hier, ich Marschall – nix General, hier ich General, … wird in seinem Urteil über die Disziplin in der sowjetischen Armee nur zu leicht irre geführt, zu schweigen von jenen Kommunisten, die da meinen, dass sich dort das Meiste mit dem "towarisch" – Genosse und womöglich mit dem alles nivellierenden "Du" regelt.Ich habe noch nie eine so hochspritzende und in Haltung erstarrende Generalsfront erlebt, wie die, welche sich beim Betreten oder Verlassen des Raumes durch Marschall Shukow den Augen bot."Distanz" war der sichtbarste Ausdruck zwischen dem Oberkommandierenden und seinen Generälen.Shukow. Wie oft hatte man den Namen dieses Mannes gehört. Auge in Auge mit ihm wirkte seine Persönlichkeit: Konzentration, Wille, Befehl, Feldherr von Format. Ins Auge fallend die grossen Flächen der unteren Gesichtshälfte und der klare, harte Blick. Im Gegensatz zu den meisten Sowjets, die den Partner nicht recht anblicken, sucht sein Auge den anderen zu erforschen und zu durchdringen.Die Konferenz im einzelnen lohnt nicht der Wiedergabe. Der Marschall zeigte sich als Mann, der offene Kritik vertrug. Sein Wissen um die Verhältnisse in den Ländern, das Auf-den-Kopf-Treffen seiner Fragen an die Präsidenten, liess den Gedanken aufkommen, dass er um den 700 Jahre alten Satz weiss: Man kann vom Pferdesattel aus wohl ein Reich erobern, vom Sattel aus verwalten aber kann man es nicht.Etwas für Westeuropäer Fremdes spielte sich vor unseren Augen und Ohren ab. Der sowjetische Experte für die Finanzen in der sowjetischen Zone, Maletin 53 , ergriff das Wort. Er trug Zivil, war für Militärs: Schlipsträger. Mit einer Begeisterung ohnegleichen redete er für sein Ressort. Marc Anton 54 kann nicht mit grösserer Beredsamkeit und Fanatismus die Massen Roms gegen die Mörder Caesars aufgeputscht haben als dieser Fanatiker der Zahl die Schnapssteuer und ihre Auswirkung für das Budget der Länder mit unterstreichenden Handbewegungen und lautem Zungenschlag begründete. Er sprach lang. Er sprach sehr lang. Dem Marschall wirds zu lang. Er unterbricht; er ruft ihm zu, sich kürzer zu fassen.Der Schlipsträger nimmt offensichtlich ungenügende Notiz von dieser Mahnung. Er sieht nur kurz über die linke Schulter zum Marschall hin und lässt seinen rhetorischen Wasserfall weiterplätschern. Das geht eine gute Zeit. Dem Marschall wirds wieder zu lang. Er ruft dazwischen, der Redner solle zu Ende kommen.Doch der lässt sich nicht stören, er spricht so lange, wie er es für geboten hält. Da sitzt ein Marschall, der erfolgreiche Feldherr der Sowjet-Armee, Volksheros und Soldatenideal, – er fegt den Mann nicht hinweg, der sich nicht 55 in die von ihm präsidierte Konferenz 56 einfügt. Wutschnaubend steht Shukow 57 auf und läuft Minute um Minute wie ein gereizter Tiger auf der Bühne des Konferenzsaales hin und her, bis es dem Redner gefällt zu schliessen. Eine fremde Welt. – Ist der Zivilist Maletin 58 politisch so stark, dass ein Marschall, selbst vom Gewicht Shukows, gegen ihn nichts vermag? und das noch vor deutschen Augen und Ohren? Was bedeutet in der Sowjet-Union ein Marschall gegenüber einem politisch fundierten Funktionär?! – – – Dann folgt das Schlusswort des Marschalls, eine ausgezeichnet zusammengefasste Schlussbetrachtung, in der zu Gunsten der Landespräsidenten die Entscheidung fällt: " … Nichts darf seitens der Zentral-Verwaltungen ohne und nichts gegen den Willen der Präsidenten in den Ländern geschehen."Mit der Versicherung des Marschalls, für ein demokratisches und einheitliches Deutschland eintreten zu wollen, nahm der Arbeitsteil der Konferenz sein Ende.Ihr Beschluss bildete eine Einladung des sowjetischen Oberbefehlshabers zu einer festlichen Tafel. Sie hatte in Stil und Durchführung Niveau. Man verliess die mehrtägige Konferenz mit dem Gefühl, dass die Spitze der sowjetischen Militär-Administration Deutschlands in ihrer grossen Linie Demokratisches und administrativ Richtiges will und Wahres spricht, und dass nur die Unzulänglichkeit der Vorzimmer und Zwischeninstanzen in Karlshorst und in den Ländern den Wurf verderben. Es waren Tage, die Mut machten und manchen Zweifel beseitigten.Mit erleichtertem Herzen stellte man sich vor die Bevölkerung und trug ihr das Erlebte vor. – Ein Jahr später war alles Lüge!

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Warum Standarten?

In jene Monate fiel eine Episode, deren Mitträger ich wurde, die charakteristische Züge der roten Besatzungsarmee aufweist und die ich um des Milieus willen nicht vorenthalten möchte.
Ein Befehl Shukows 59 spricht mich dahin an, für einen baldigen Produktionsanlauf der BMW-Werke in Eisenach an Kraftwagen und Motorrädern persönlich besorgt zu sein. Da meine Frau bei meiner beruflichen Inanspruchnahme sonst nicht viel von mir sah, nahm ich sie zu dieser Fahrt nach Eisenach mit.Auf den Kotflügeln meines Wagens wehen die Standarten, und auf ihnen steht in deutsch und russisch: "Der Präsident des Landes". Eine solche Kennzeichnung war durchaus vonnöten. Das erspart manche Belästigung durch auf der Strasse stehende Offiziere und Soldaten mit ihrem kategorischen: Nimm mich mit. Vor allem vermied man dadurch das ständige Anhaltenmüssen vor den militärisch bewachten Schlagbäumen. Denn mit Schlagbäumen und später mit neu errichteten Torbogen, ja sogar solchen mit grossflügeligen Toren zerschnitt der sowjetische Soldat sehr bald und für länger die Flüssigkeit des Verkehrs auf den Strassen.Wir haben Erfurt zu passieren. Die Strassen sind menschenleer, die Stadt scheint ausgestorben zu sein. Wir haben die Stadt schon fast im Rücken, da sperrt eine Reihe Soldaten mit Maschinenpistolen die Strasse."Wohin?""Nach Eisenach.""Nix Eisenach, zurück zur Wache, zu Kommandant."Wir fahren zurück, und ich schicke meinen Polizeioffizier ins Wachlokal. Der Kommandant, ein Major, verlangt mich persönlich zu sprechen. – Was ich in Eisenach will?"Ich fahre auf Grund eines Befehls von Marschall Shukow.""Ach, Shukow, ... Hier ich Shukow", gebärdet sich der Major. "Sie müssen hier in Arrest. Niemand darf die Strasse betreten."In der Stadt sitzt ein Kommandant, dem es gefällt, am Morgen ganze Stadtviertel unter totales Verkehrsverbot zu stellen, ohne zuvorige Ankündigung natürlich. Man gibt vor, dort nach angeblich versteckten Naziführern suchen zu müssen. Jeder Deutsche, ob Mann oder Frau, ob zu Fuss, zu Wagen oder auf dem Fahrrad wird verhaftet. Man steckt alle Aufgegriffenen in Arrestlokale, leere Zimmer in Privathäusern, und hält sie dort, ganz wie es dem Kommandanten gefällt, bis in die frühen oder späten Abendstunden hinein fest. Das Ganze riecht nach Willkür."Geben Sie mir das Telefon, Herr Major, ich will den Oberstkommandierenden des Landes sprechen." –"Hier ich der Oberstkommandierende, hier kein Telefon." –Gegenüber solcher Sturheit versagen alle meine Ausweise, helfen keine Proteste, schon garnicht brächte ein effektiver Widerstand Erfolg. Im Augenblick zöge man in jeglicher Beziehung den kürzeren. Darm heisst es zunächst – warten.So kommt es, dass meine Frau, ich und meine Polizeibegleitung in einen Raum gewiesen werden, in dem nach und nach sich 60 bis 80 Personen immer dichter aufeinandergedrängt ansammeln. Sitzgelegenheiten gibt es keine.Meine deutschen Mitinhaftierten, die mich erkennen, nützen inbrünstig die Gelegenheit, um schnell ihre Sorgen, Nöte und Wünsche bei mir anzubringen. – Draussen vor dem Haftlokal steht verwaist mein Dienstwagen mit der Aufschrift: "Der Präsident des Landes". Er steht Stunde um Stunde.Nach und nach wird den Sowjets die Situation ungemütlich. Ein Stabsoffizier wünscht mich draussen auf der Strasse zu sprechen."Ihre Ausweise vom Generaloberst ... von der Administration ... von ... ", – er macht auf sehr betrübt – "gelten heute leider alle nicht ...""Was gilt denn, Herr Oberst?" – Er weiss es nicht, er murmelt etwas von einer blauen Karte an der Stirnseite des Autos. Ich frage ihn zurück: "Da drin stehen über sechzig Leute, warum hat man sie eingesperrt?" – Auch das weiss er nicht. Er kennt natürlich auch nicht den Namen des Majors, der in dem Lokal, vor dem wir stehen, als Kommandant fungiert.Dieser Major kennt seinen eigenen Namen nicht, als ich ihn danach frage. "Habe keinen", ist die Antwort.Man entlässt uns. Ich verzichte darauf, dem Befehl Shukows 60 zu entsprechen, und kehre 61 in die Landeshauptstadt zurück. Zur Gerechtigkeit sei gesagt, dass sich die Administration in diesem Falle eines eisernen Besens gegenüber ihren Leuten bediente. – Wenn ich in der Folge mit polizeilicher Begleitmannschaft fuhr, so entsprach das nicht der Freude an der Uniform, an militärähnlichem Gepränge. Es war eine zwangsgebotene Massnahme, vor allem in der Nacht. Mit dem Rücktransport von Truppenverbänden nach der Sowjet-Union setzten in grösserem Umfang Desertionen solcher ein, denen es vor der Rückkehr in das sowjetische Zuhause graute. Zu diesen Deserteuren gesellten sich ehemalige russische Kriegsgefangene, die bei der Wehrmacht irgendwelche militärischen Dienste geleistet hatten und die Rache der Sowjets fürchten mussten. Endlich stellte das deutsche Verbrechertum, das neben den politisch Verfolgten zu einem grossen Prozentsatz in Buchenwald untergebracht und von dort aus beim Einmarsch der amerikanischen Truppen ins Land geschüttet worden war, ein in seiner verbrecherischen Skrupellosigkeit nicht ungefährliches Kontingent.So bildeten sich Banden, die von Diebstahl, Raub und Mord lebten und in den grossen Wäldern der Ostzone ausgezeichneten Unterschlupf fanden. Die Liquidierung dieser Gruppen, die bei jedem Abtransport von sowjetischen Truppen nach der Heimat neuen Zugang an Deserteuren bekamen, zog sich viele Monate hin. Sie bildeten vor allem in der Nacht eine grosse Gefahr auf den Strassen und legten den Verkehr in den waldreichen Gegenden nahezu still.

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Ein Volk auf der Strasse

Fuhr man in jenen Herbst- und Wintermonaten des Jahres 1945/46 durch das Land, so kehrte man, wenn das Herz nicht versteinert war, trotz aller anfänglichen und sichtbaren Fortschritte auf den Gebieten der Wirtschaft und des täglichen Lebens seelisch tief angeschlagen in das Amt zurück.
Die Landstrassen waren bevölkert von menschlichem Elend, entwurzeltem Treibgut, das sich von Osten nach Westen schob. Die grösste Menschenverpflanzung, welche die neuere Weltgeschichte kennt, Millionen und nochmals Millionen ihrer Heimat Beraubter waren im Marsch. In Eisenbahnzügen, auf Fahrzeugen – zum Teil vorsintflutlicher Art – zu Rad, zu Fuss schleppten Millionen armseligste Habe mit. Ein Volk auf der Strasse. Und wie kamen sie an? Am Ausgangspunkt, in Polen oder in der Tschechoslowakei, und unterwegs waren sie nur zu 62 oft ausgeplündert, waren die arbeitsfähigen Männer aus diesen Elendszügen herausgekämmt worden, verblieben Greise, Frauen und Kinder, der Willkür preisgegeben, kamen Züge völlig Ausgeraubter aus Polen an, die Frauen bisweilen als einzige Oberbekleidung die Wickelschürze. Ich habe erleben müssen, wie aus der Tschechoslowakei im kältesten Winter, in den ersten Januartagen 1947, bei hohem Frost, Menschen ohne jegliche Heizung in den Zügen – mit Vieh geschieht so etwas nicht – nach Deutschland abgeschoben wurden, wobei in den einzelnen Zügen der Tod des Erfrierens Dutzende hinweggerafft hatte. Geradezu chaotische Zustände drohte einmal der Elendszug von Ost nach West zu bringen, als das Land Sachsen von heute auf morgen rund eine Million Flüchtlinge auf die Strasse werfen und nach dem Westen zum Abschub bringen wollte. Die jeder Schleusung, jeder Fürsorge baren Menschen in einem Millionen-Haufen drohten gleich einem Heuschreckenschwarm alles, was sie durchzogen, als Elendswüste hinter sich zu lassen. In dieser Stunde, – es war angesichts solcher Not eine sehr schwere Entscheidung, – erklärte ich, solchem brutalem Abschub eine nicht minder brutale Abwehr an der Landesgrenze entgegenzusetzen. Anstelle einer Totalkatastrophe hiess es eine Teilkatastrophe wählen. Das hatte Erfolg, und so geschah ein geschleuster Abzug, der zwar nicht die Not zu bannen vermochte, aber das Schlimmste, grauenhaftes Massenelend und Massensterben vermied. Ein hohes Lied muss erklingen, – es soll dabei nicht in den Schatten stellen oder verkleinern, was die sonstige bodenständige Bevölkerung bei diesem Durchzug der Flüchtlingsscharen an Opfern brachte, – der Landkreis Heiligenstadt hat an tätiger Christenliebe sich damals förmlich ausgeschöpft. Über eine Million Flüchtlinge sind über Monate verteilt durch diesen von Natur armen Landkreis hindurchgezogen, sie 63 haben dort oft in Gruppen von vielen Tausenden Tage warten und verpflegt werden müssen. Und als dieser Zug der Not und des Elends im wesentlichen vorüber war, waren bei den Einwohnern des Kreises Heiligenstadt 64 Kisten und Kasten leer! Betrübtsein und Lachen sind im menschlichen Sein oft nur hauchdünn voneinander getrennt. An der Zonengrenze stehen Muschiks auf Posten. Sie haben ihre Befehle. Nach ihnen sind wilde Grenzübergänge verboten und zu verhindern. Tausende, hunderttausende möchten hinüber. Das Land hat eine berühmte Schnapsindustrie. Der sowjetische Finanzexperte in Berlin-Karlshorst hat zwar, wie wir wissen 65 , mit selten rhetorischem Schwung die Multiplikation der Schnapssteuer begründet und diese hochgetrieben. Sechzig Reichsmark kostet darum die Flasche in der Zone der "Bankenreform". Doch, was zählt das, wenn zwei Flaschen für zwei Stunden die Augen und die Ohren einer Postenstelle schliessen? Bestechliches Russland gab es unter Väterchen Zar; es ist bei dieser Übung geblieben trotz der neuen Fahne. – – Der Muschik ist arm, er hat nichts zu rauchen und nichts zu trinken; gebt ihm eines dieser Güter, und er verliert viel von seinen Fanatismus.Die grosse Gefahr für den Muschik und seine Umgebung heisst Alkohol. In seiner Trunkenheit ist ihm schlechterdings alles gleichgültig, was er anrichtet und was man dann mit ihm macht.Die Zahl der in angetrunkenem Zustand begangenen Kapitalverbrechen lag in der ersten Zeit der Besatzung sehr hoch. Die deutschen Staatsanwaltschaften, welche mit der Strafverfolgung solcher Kapitalverbrechen begannen, waren gehalten, die Akten gegen die unbekannten sowjetischen Täter unter der Sparte: "Deutsche in russischer Uniform" zu führen, um sie allsogleich an die sowjetische politische Polizeitruppe NKWD, zur weiteren Verfolgung abzugeben. –Von einem berühmten Biologen, der sich viel mit dem Leben von Urvölkern beschäftigt hat, hörte ich einen Vortrag über den Adad, die Verkehrsform, welche man den Eingeborenen gegenüber beobachten muss, will man nicht auf Ablehnung oder gar auf gefahrbringende Feindschaft stossen. Daran habe ich oft in der sowjetischen Zone gedacht.Der Muschik, so man mit ihm allein zu tun hat, er nicht unter dem Druck unmittelbaren Befehlszwanges eines Vorgesetzten steht, ist in der Regel ein gutmütiger Bursche. – Das Bild wandelt sich bereits, wenn es ihrer mehrere sind, und es kann zum schnellen und glatten Gegenteil unter der Einwirkung des Alkohols umschlagen.Vor mir auf der Autobahn fährt eine hochbeladene Fuhre. Muschiks ziehen um. Es ist ihre Gepflogenheit, alles mit sich zu schleppen, was ihnen einmal in die Finger fiel: Stühle, Sofas und vor allem die hochgeschätzten Betten. Meine Vorderleute sind auf dem Gebiete der Matratzenkunde Anfänger. Statt des Rosshaares hängt allerorts aus den stark mitgenommen Matratzen Seegras heraus. Damit dieses wertvolle Umzugsgut nicht durch Staub, Regen oder Sonne leidet, haben die Muschiks über diese Herrlichkeit eine Anzahl Buchara-Teppiche von seltener Schönheit und höchstem Wert gebreitet. – Es ist alles relativ auf dieser Welt.Der Unterschied zwischen Offizier und Soldat ist in keiner mir bekannt gewordenen Armee der Welt so gross wie in der Roten. Gerade da, wo man annehmen könnte, dass der so viel gepredigte Sozialismus sich einmal in die Tat umgesetzt und das Sichtbarste, die Klassenunterschiede, beseitigt hätte, ist genau das Gegenteil der Fall.Nirgendwo sah ich einen so krassen Unterschied in Unterbringung, Kleidung und Verpflegung, wie der in der sowjetischen Armee zwischen einem Offizier, insbesondere einem höheren und einem Soldaten bestehende. Ganz wie ein Grossteil der zaristischen Offiziere ihre Kutscher und Burschen in kalten Winternächten ohne jegliche Fürsorge draussen warten und frieren liessen, während sie selbst drinnen pokulierten, wartet heute draussen Stunde um Stunde der sowjetische Muschik. Im politischen Leben wird er als "towarisch" – "Genosse" – angesprochen, ansonsten gilt das "Leistungsprinzip". Es besagt: dass zwischen dem Muschik und seinem höheren Vorgesetzten mit den breiten Achselstücken und dem Siegellackrot an den Hosenbeinen ein weltenferner Unterschied besteht. – – –

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Wehe dem Besiegten!

In die Advents- und Voradventszeit der ersten Weihnacht nach dem formellen Ende des Krieges fielen erneut bittere Tropfen. Die Reparationsforderungen der Sowjet-Union meldeten sich in zweifacher Gestalt: Demontage und Sequestration.
Das Vorspiel vermied laute 66 Akkorde, – leise, einige Werke treffend, schoben sich die Demontagen ein, um wenige Monate später, nachdem die Bevölkerung sich schon etwas an den Gedanken der Reparationen, der Demontagen gewöhnt hatte, nunmehr nach sowjetischer Taktik mit unverhüllter Härte hervorzutreten. Reparationen. Wer schreibt das Wort gern nieder, schon gar, wenn er zu den davon Betroffenen gehört? – Es hat in Deutschland keinen denkenden Menschen gegeben, der den Gewinnern des Krieges nicht Ersatzansprüche auf Schäden zugestanden hätte, die durch militärische Handlungen deutscher Truppen oder sonst deutscherseits angerichtet worden sind. Darüber hinaus erkannte Jedermann an, dass das Land, welches weitaus am meisten gelitten hatte und mit der Dringlichkeit seiner Ansprüche auf Ersatz das bevorrechtigtste sein konnte 67 , die Sowjet-Union war. Mit der Erkenntnis unserer Wiedergutmachungspflicht und unserem Willen wieder gut zu machen, Schäden durch Ersatz, durch Arbeit, Opfer der verschiedensten Art unsererseits zu beheben, ist Böses, ist Schlimmstes getrieben worden.Aus dem grauen Altertum, dem man gemeiniglich eine besondere Härte in der Behandlung der Besiegten nachsagt, ist auf unsere Zeit ein Satz überkommen, der den Gallierhäuptling Brennus zu zweifelhaftem Ruhm in der Weltgeschichte gebracht hat. Das ihm in den Mund gelegte: "vae victis" – wehe den Besiegten! – ist als Beweisstück für die Verrohung, die Erbarmungslosigkeit des Altertums zu hunderttausenden, zu millionen Malen in den Schulklassen Westeuropas aus dem Munde zünftiger Geschichtslehrer erklungen. Vernichtung statt Sühne! Und die Brust des Sprechers und der Zuhörer weitete sich in der Überlegenheit unseres humanistischen Denkens gegenüber solcher handgreiflichen Barbarei.Wir leben im Zeitalter des Humanismus. Das mag, soweit Grosse unter den Menschen ihrer Zeit das Gepräge geben, zeitlich stimmen, gestimmt haben. Vom Hauch, vom Wesen des Humanismus sind wir, ist die sich kulturell nennende Welt wenig berührt.Vae victis! Es gehört nicht der Vergangenheit an. Die ganze Weltgeschichte von Brennus bis auf unsere Tage war nichts anderes als ein steter Rückfall der Menschheit, der Sieger in ihr, auf die Stufe solcher Einstellung. Und nicht unberechtigt scheint die zweiflerische Frage zu sein, ob diese Stufe je im Sinne eines Fortschritts verlassen worden ist. Verweilen wir etwas 68 bei diesen Gedanken. Die Frage vom Fortschritt der Menschheit dünkt mich der Betrachtung wert. Als im Jahre 1806 Napoleon nach seinen Siegen von Jena und Auerstedt 69 nach Tilsit fuhr, um dort, im östlichen Zipfel des besiegten Preussens seine Friedensbedingungen zu diktieren, sandte ihm in Eilstafetten sein Aussenminister Talleyrand 70 einen Brief. Talleyrand, dieser nicht mit Gefühlen behangene, wohl aber mit Wissen um die Welt hervorragend ausgestattete Diplomat Frankreichs hielt es bei seiner Kenntnis der Geschichte und seines Herrn für geboten, diesen zur Mässigung zu mahnen: "... Das Völkerrecht, Produkt dreier Jahrhunderte europäischer Zivilisation, ist auf dem Prinzip gegründet, dass Nationen einander in Friedenszeiten das grösstmögliche Gute, in Kriegszeiten das gering mögliche Böse zufügen sollen. Nach der Maxime, dass der Krieg nicht eine Angelegenheit von Mensch zu Mensch, sondern von Staat zu Staat ist, in welcher die Einzelnen nur akzidentell Feinde sind ... , ... erlaubt das Völkerrecht nicht, dass sich Kriegsrecht und Eroberungsrecht … auf die Person und den Besitz des privaten Einzelnen erstrecken ...Diesem Völkerrecht verdankt die Zivilisation Ihren Fortschritt …"Der Weizen Talleyrands fiel auf steinigen Boden. Das war vor rund 150 Jahren. Und seitdem?"Fortschritt der Menschheit". Frankreichs grosser Daumier zeichnete ihn als einen abgetriebenen Gaul, der mit verbundenen Augen im ewigen Kreisgang den Querbalken des Göpels zieht. Soll das Bild dieses Malers für immer geschichtliche Wahrheit werden?! – – –Sequestration. "Kampf den Naziaktivisten und Kriegsverbrechern" heisst die Schabracke, welche von den Sowjets diesem neuen Schlachtpferd aufgelegt worden ist.Nach aussen hin wahrt der sowjetische Befehl das Gesicht des Rechtsstaates. Die Administration hat auf einer langen Liste die Betriebe zusammengestellt, die nach ihrer Ansicht, sei es in der Person des Inhabers oder des im Betrieb Erstellten, den Tatbestand des Aktivismus oder des Kriegsverbrechertums erfüllen. Deutsche sollen nunmehr darüber befinden, in wieweit der angenommene Tatbestand zutrifft. Dem von der Sequestration, der unentgeltlichen Enteignung des Betriebs, im Sinne einer Belastung Betroffenen stehen zwei Instanzen zur Verfügung: Die Kreiskommission und die Landeskommission.In diesen Kommissionen sind die politischen Parteien gleichmässig vertreten. Demokratie. So wertete es Jeder, der in dieser ersten Zeit der Besatzung sowjetische Hintergründigkeit und Hinterhältigkeit noch nicht kannte. Darum setzte auch sofort deutsche Organisation und Streben nach rechtlicher Untermauerung des Ganzen ein.Um die grossen Vermögen, die nach der sowjetischen Liste von der Sequestration betroffen wurden, rechtlich und wirtschaftlich ordnungsgemäss zu erfahren und zu verwalten, gründete ich in Zusammenarbeit mit massgeblichen Juristen und Wirtschaftsführern zwei Gesellschaften: Die Verwaltungs-GmbH und die Staatsgesellschaft.Aufgabe der Verwaltungs-GmbH war, die unter Sequestration gekommenen Werke zu erfassen und so lange zu verwalten, bis über deren Schicksal: Freistellung oder Bestätigung der Sequestration, entschieden war. Im letzteren Fall gingen die Werke aus der Verwaltungsgesellschaft in die Staatsgesellschaft über, die dem Landesdirektor der Finanzen, der obersten Finanzspitze des Landes, unterstand. Auf diese Weise war die Gewähr gegeben, die Objekte vom ersten Augenblick an in treuhänderischer Form zu erfassen und den Fingern von Geschäftemachern weitestmöglich zu entziehen.Doch mein Streben lief sowjetischen Gedankengängen, sowjetischen politischen Zielen zuwider. Der Pferdefuss wurde sichtbar. Sein erstes Vorzeichen hiess Verbot der beiden Gesellschaften und Übertragung der Durchführung der Sequestration in die ausschliessliche Zuständigkeit des kommunistischen ersten Vizepräsidenten. Anstelle der beiden Gesellschaften trat das verwaschene Instrument einer Zentralverwaltung für "Landeseigene Betriebe" in der Hand zuverlässiger Kommunisten.Ein zweites: In den Kreis- und Landeskommissionen stiessen zu den von den politischen Parteien gestellten Vertretern noch solche der Freien Deutschen Gewerkschaft und anderer "demokratischer Massenorganisationen". Das sonst gegebene Verhältnis 50:50 war nicht erwünscht. Die Waagschale wog nunmehr zugunsten kommunistischen Schwergewichts.Die angebliche Demokratie, wie sie der Befehl zunächst vorgaukelte: Entscheidung durch "Deutsche", Gewährung von Rechtssicherheit durch einen Instanzenzug stellte sich immer deutlicher als Flitter heraus.Wie bei der Bodenreform so verführte auch die Sequestration die mit ihrer Durchführung Betrauten, die Kommunisten, nur zu sehr zu Übergriffen. Persönliche Rachsucht, Missgunst und Raffgier sowie bolschewistische Zielstrebigkeit wurden auch hier zum Nachteil des Rechts ausgetragen. Soweit ich davon erfuhr oder die Sequestration von ihrem vorgegebenen Ziel, gegen Naziaktivisten und Kriegsverbrecher gerichtet zu sein, offensichtlich abwich und an Objekte heranging, die ob ihres hohen Wertes verlockend waren, habe ich mich legitimiert durch Autorität eingeschoben und geholfen.Die Farce dieses ganzen Spiels mit demokratischen Scheingrössen zeigte sich, als der sowjetische Regisseur im Hintergrund den Akteuren die Maske vom Gesicht nahm.Fast zwei Jahre waren in den Kreiskommissionen und in ihrer Spitze in der Landeskommission die einzelnen Fälle durchgehechelt worden. In jedem einzelnen Fall wurde das Material vorgetragen, es wurde abgestimmt, zunächst in der Kreiskommission, dann wiederholte sich dasselbe in der Landeskommission.Einige hundert der Betriebe, die auf der seinerzeitigen sowjetischen Liste gestanden hatten, wurden, da bei ihnen trotz aller kommunistischen Ergebenheit und allen Suchens, und zwar durch beide Instanzen hindurch, nichts zu finden war, ausserhalb der Sequestration gestellt. Solchen Freistellungen sah der Sowjet zunächst noch zu, im Gegenteil, er erstrebte sogar Bühnenapplaus:Die Freistellung wurde den glücklich Betroffenen eröffnet. Sie erhielten auf Grund sowjetischer Anordnung in grösseren Kundgebungen vom ersten Vizepräsidenten in offizieller Form die Freistellungsurkunden. Applaus dröhnte durch den Saal. "Wir haben doch Demokratie", atmete mancher auf.Das Stück war gut gespielt, seine Spielzeit lag vor den Landtagswahlen, dann liess der Sowjet die Kulissen fallen. –Mir gegenüber – – es ist wenige Wochen vor meinem Weggang – sitzt der kommunistische Innenminister. Er kommt von der Administration. Er ist der Nachfolger des seinerzeitigen kommunistischen ersten Vizepräsidenten, der in die Wüste geschickt wurde, da er nach deutsch-moskowitischer Ansicht, mich politisch nicht genügend beschattet hatte. Ich kenne mich in diesem Nachfolger aus: Intrige, Lüge, moskowitsche Hörigkeit und Zuträgertum zur NKWD sind die Säulen, die ihn tragen.Getreu der sowjetischen Spritze lässt er sich vernehmen:"Ich weiss garnicht, was mein Vorgänger in der Sequestration gemacht hat. Der hat nicht aufgepasst. Es ist doch unmöglich, mehrere hundert Betriebe freizustellen und dabei in unserem Lande mehr Freistellungen zu haben als Sachsen und Sachsen-Anhalt zusammen."Pause. – Ich lasse ihn auflaufen. – Ich warte. –"Es ist daran gedacht worden", seine Stimme tastet vorsichtig, und von unten her belauert mich sein Blick, "die Listen der Kommission mit den freigestellten Betrieben verschwinden zu lassen."Nun hat er sich entblättert. "Das wäre Aktenentwendung", erwidere ich feststellend, "darauf steht Zuchthaus."Mein vis-a-vis kennt sich dort aus, fast ölig klingt es zurück: "Natürlich, natürlich ich bin auch dagegen."Ich weiss, der Mund lügt, in Kürze erfahren die Sowjets von dieser Schwierigkeit, die der Präsident als neues Beweisstück "konterrevolutionärer Gesinnung" lieferte.Die Sowjets stolpern nicht über Fäden westeuropäischer Rechtsauffassung, schon garnicht über die Entscheidung der Kommissionen, mag sie nach mehrjähriger Arbeit gefällt worden sein. Duraks: Dummköpfe, die darin sassen!Ein Strich, und die Betriebe sind trotz Freistellungsurkunde, trotz förmlicher Rückgabe und trotz Fehlens jeglicher rechtlich begründeten Belastung sequestriert! – Das Spiel ist aus: alle Beteiligten und Mitspieler wurden zu Genarrten. – –Neben den Sequestrationen trafen die Demontagen mit ungeheurer Wucht das Gebäude der jungen Wirtschaft.Die Industrialisierung des Landes, von der Administration angeblich zur Aufrichtung des Aufbauwillens der deutschen Bevölkerung befohlen und in solchem Sinne festlich eröffnet, lieferte ein ausgezeichnetes Anschauungsmaterial und die bequemsten Unterlagen für die Befehlsgeber zur Demontage und zur Reparation. Waren zuvor die Demontagebefehle nur 71 für dieses oder jenes Werk gekommen, so schienen sie jetzt uferlose Breiten annehmen, ganze Städte ihrer wesentlichen Industrie berauben zu wollen. Aus dem Dunkel kommend, wie so vieles unter den "Licht des Ostens", wurden in einer Nacht vom Sonnabend zum Sonntag zahlreiche Betriebe vom Militär besetzt und fast hermetisch nach aussen abgeschlossen. Ein hartes, langes Kämpfen für deutsche Interessen setzte ein: Um Betriebe, um Eisenbahnstrecken, um lebenswichtige Anlagen, die in der Zone nur ein oder zweimal vorhanden waren; um alte Maschinen und Einrichtungen, die niemals den Transport aushielten, im Lande aber noch ein Jahrzehnt dienen konnten.Dieser und jener Erfolg wurde verbucht, im Grossen und Ganzen aber liefen die Demontagen auf einem unerbittlichen Nenner: Moskau hatte befohlen!Doch oft war das, was unter dem Wort Demontage geschah, etwas ganz anderes, war es Zerstörung um der Zerstörung willen, hatte es mit Wiedergutmachung nichts mehr zu tun.Worum musste bisweilen gekämpft werden?: Hier nahm man den Arbeitern ihr persönliches Handwerkszeug weg; dort packte man aus den Spinden die armselige Berufskleidung der Belegschaft ein. Da riss man sogar Fussböden, Spülbecken oder sanitäre Einrichtungen heraus und schlug sie in Trümmer. Dort holte man unterm Putz Rohrleitungen jeglicher Art hervor. Selbst vor die Wegnahme von Werksküchen musste man sich stellen und oft auch das noch umsonst. Das Mühen ging bisweilen über die Kraft. Man sah nicht mehr die Landschaft, durch die man fuhr; merkte kaum, ob es regnete oder die Sonne schien. Man kämpfte zu sehr gegen eine Gummiwand, zu oft stand man "Unzuständigen" gegenüber; Moskau hatte befohlen, Moskau zog die Fäden der Demontage. Gegenüber diesem politischen Schwergewicht versagte jeder Militär, in welcher Charge er auch war. Wer wird je das Bild vergessen, wie in Städten ganze Strassen und auf den Bahnhöfen fast unübersehbare Reihen maschinenumschliessender Holzkästen, zum Teil in Zimmergrösse, herumstanden?! Und die Maschinen darin, der wohlgehütete und vom deutschen Unternehmer und 72 Arbeiter in so vielen Fällen aus Dreck und Abfall wiedererstellte Arbeitsplatz, waren oft von unkundigen und rohen Händen abgebrochen und zum Teil schon vor dem Einpacken für eine Wiederinbetriebnahme zerstört worden. – In der Firma Wesselmann & Bohrer sausen die Treibriemen, alle Maschinen laufen. Einige tausend Arbeiter sind beglückt. Der Towarisch-Kommandant geht langsam durch ihren Betrieb. Da und dort bleibt er stehen, – die Arbeiter erklären mit Stolz ihre Arbeit. Sehr interessant, – im Hintergrund ein asiatisches Lächeln. – Wenige Monate später wird der Betrieb erbarmungslos ausgeräumt, keine Maschine bleibt."Sie müssen es verstehen, Herr Major, es ist ein besonders schwarzer Tag für mich, " – das Sprechen fällt mir schwer, irgendwo würgt's in der Kehle, – "ich bin in meiner Vaterstadt, fast alle Werke nehmen Sie ihr weg. Lassen Sie der Fabrik doch wenigstens die unterirdischen Kabel und Rohrleitungen und die eine alte Dampfmaschine, die niemals den Transport verträgt ...". – Ein verbindliches Lächeln. Es war meist alles. – –Für die Ostzone waren die grossen Steinkohlenlieferungen aus Schlesien, der Ruhr und der Saar ausgefallen. Fieberhaft, von Monat zu Monat sich steigernd, hatten die Arbeiter des Mitteldeutschen Braunkohlenbeckens daran gewürgt, die Friedensleistungen zu erreichen, um den Ausfall an Steinkohle weniger spürbar zu machen. – "Aufbau – Aufbau", klang es in jeder Versammlung, schallte es aus dem Lautsprecher, rief es aus jeder Zeitung. Dann kam der Schlag. Die wertvollsten Baggeranlagen wurden abgebrochen.Das Land benötigte für seine Industrie rund 170 tausend Tonnen Kohle im Monat. Das war geschafft worden.Damit war es jetzt vorbei. Ganze Industrien schrumpften infolge des Absturzes der Kohlenförderung zusammen, darunter die wertvolle Hohlglasindustrie, eine Spitzenindustrie der Welt, eine Goldader des Landes.Die Sowjets gaben vor, aus einem Land des "zur Tat gewordenen Sozialismus" zu kommen. Wer sah Verständnis oder gar Bedauern bei ihnen darüber, dass die Glasarbeiter, diese armen und geplagten Menschen auf den Höhen des Thüringer Waldes, um ihr Brot kamen!? –Jene Monate mit ihren Schicksalsschlägen legten sich mit zunehmender Last auf die zuvor hoffnungsfreudige Stimmung der Bevölkerung. Wovon hatten die Sowjets in jedem zweiten Satz gesprochen: von Arbeit, von Aufbau. Was hatte man selbst zur Bevölkerung gesagt, woran hatte man geglaubt: an Aufbau! – Ist man verurteilt, Konkursverwalter zu sein, dem der Gläubiger die Masse aus der Hand schlägt? Steht man auf verlorenem Posten? Muss man kapitulieren, – oder gibt es noch Ausblicke, noch Hoffnungen? –

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Schritte auf dem Weg zur Einheit

Der vor den Augen der ganzen Welt geschlossene Vertrag von Potsdam mit seiner von den Alliierten untereinander eingegangenen Rechtsverpflichtung, die wirtschaftliche und politische Einheit Deutschlands zu erhalten, war, soweit Völkerrecht und Vertragstreue zwischen den Völkern gelten sollten, eine nicht ableugbare Rechtsgrundlage. Er war mehr als ein fadenscheiniges Hoffen.
Einheit Deutschlands. Abgesehen von jenem fast jeden politischen Satz etikettierenden Wort Demokratie, waren diese beiden Worte: Einheit Deutschlands, die meistgebrauchten der Nachkriegszeit, enthielten sie die ganze, die letzte Hoffnung des deutschen Ostens. Gewiss, im deutschen Westen erstrebte man die Einheit auch, will man sie aus vaterländischen und wirtschaftlichen Erwägungen. Doch für den Osten wird sie mit Herzblut geschrieben, bedeutet sie Befreiung von Sklavenketten, bedeutet sie das Ende einer zur Rechtlosigkeit herabgesunkenen Zeit. Diese, vom deutschen Osten mit allen Nerven und Sinnen erstrebte Einheit hat nichts gemein mit jenem unwahrhaftigen Geschrei einer kommunistischen Spitzengruppe für die Einheit – "die wir meinen".Wirtschaftliche und politische Einheit Deutschlands, wenn sie bisher nicht kam, so liegt die Schuld daran nicht nur an diesem oder jenem Vertragspartner von Potsdam, sie liegt ebenso bei uns.Alle Besatzungsmächte scheinen längere Zeit in Auswirkung des Wortes gestanden zu haben, dass man die Deutschen erst einmal im eigenen Safte schmoren lassen müsse. Dass nicht schnelle Herbeiführen der Einheit ist eine jener vielen verpassten Gelegenheiten, aus denen sich leider nur zu sehr die Menschheitsgeschichte zusammensetzt. Ganz wie 1917 und 1918 sah man 1945 zu sehr die "deutsche Gefahr" und vernachlässigte, vergass vielleicht sogar darüber die viel grössere: die des Bolschewismus. Er war es, der handelte, der Keile in die Einheit trieb und Gelände um Gelände gewann ... – Im Rahmen eines einheitlichen Deutschland musste zwangsläufig die Einseitigkeit sowjetischer Massnahmen ihre Einschränkung und ihren Ausgleich finden. – Die Einheit muss es schaffen! Es ist die durch Geschichte, Völker und Lebensrecht begründete Forderung, die heute und in Zukunft kein Deutscher aufgeben darf! Im Sinne solcher Erkenntnis handelte ich. Schon 1945 suchte ich mit Bayern, Hessen und Hannover die ersten Anknüpfungspunkte. "Im Steilhang der Not", schrieb ich damals, "steigt es sich in der Gemeinschaft am besten." Aber die erste Fahrt zu dem im Herbst 1945 mit dem ersten bayerischen Ministerpräsidenten Högner 73 in Erlangen vereinbarten Treffen wurde sowjetischer-seits als nicht erwünscht bezeichnet. "Es ist besser, Sie fahren nicht, es bedeutet einen Prestigeverlust und wird gegen unsere Zone ausgelegt, wenn Sie als Erster solche Fahrten beginnen…", hiess die damals gegebene Begründung.Solchen Argumenten war der Boden zu entziehen, die Fahrt musste in umgekehrter Richtung begonnen werden. Ich suchte eine neue Verbindung. Das Ziel war zu bedeutsam, als dass Schwierigkeiten oder ein Fehlschlag ein Nachlassen verzeihlich gemacht hätten. Der erste Ministerpräsident von Hessen, Prof. Dr. Geiler 74 , kam nach Weimar. Der erste Wirtschaftsvertrag zwischen zwei deutschen Ländern verschiedener Zonen wurde geschlossen, das erste Band geknüpft. Der Vorhang zum ersten Male durchstossen, muss zum Sieb gemacht werden! Wenige Monate später konnte ich nach Überwindung mancher Widerstände nach Wiesbaden fahren. Mit welcher Freude hat man diese Fahrt angetreten! Unterwegs kam eine leichte Wehmut auf, als man an der Zonengrenze sichtbar erlebte, wie Deutsche in Deutschland durch Schlagbäume hindurch zueinander finden müssen.Die weitere Fahrt, im Zeichen herzlicher Gastfreundschaft, liess den Schatten wieder vergessen. Worte von Einheit wurden gesprochen. Der Wille zu ihr war unverkennbar da. Doch im Hintergrund hob sich leise ein gewisses Misstrauen gegen den Deutschen aus der Ostzone ab. Nicht ganz ohne innere Tragik schienen mir jene Tage.Für die Einheit war man gekommen. Von ihr versprach man sich ein Aufhalten, ein Ausschalten der Massnahmen in der Ostzone, die durch ihre Einseitigkeit die Gefahr in sich trugen, das Einheitliche unseres politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens auseinanderzureissen. Die Einheit allein konnte das Spiel mit den vier deutschen Kugeln auf dem Billard Europas beenden. Und bei solchem brennenden Wollen stiess man da und dort auf Selbstgerechte, die da meinten, sich gegenüber dem Besucher aus der Ostzone eine Reserve auferlegen zu müssen, und die nicht ahnten, um wieviel leichter sie es in dem um so vieles stilleren Hafen des Westens hatten.Man schied mit den Worten: "Wir werden, wir müssen uns wiedersehen", und hatte dabei die traurige Erkenntnis: zu dem äusseren Kampf gegen die Zonengrenzen war ein zusätzlicher nötig, der gegen die ideologische Zerreissung unter uns selbst. Tacitus mit seiner vor zweitausend Jahren festgestellten Erbkrankheit der Deutschen und die Jahrhunderte lang darauf beruhende Regierungsmaxime der römischen Caesaren: Germanen gegen Germanen, drohte wieder gegenständlich zu werden. Um dem zu begegnen riet ich, durch Einschaltung der Universitäten Jena, Marburg, Frankfurt 75 und prominenter ausübender Künstler, in einen regelmässigen kulturellen Austausch zwischen Ost und West zu treten, Gastvorlesungen zu halten, gegenseitig Konferenzen zu besuchen, im Wechselaustausch Konzerte zu geben, um in solcher Kleinarbeit der Gefahr der Zerreissung und jenem da und dort gedankenlos dahingesagten Satz zu begegnen: Wir müssen für die nächsten Jahre den Osten abschreiben, dann erobern wir ihn kulturell wieder zurück. Ein anderes stach ins Auge: die erschreckende Unkenntnis des Westens über die Verhältnisse in der Ostzone. Plumpeste Greuelmärchen wurden aufgetischt und geglaubt. Vergewaltigungen und Räubereien gab es auch anderswo. Die Gefahr und das Besondere der Ostzone lag ganz wo anders, in der fast schleichend sich vorschiebenden und von einigen Ausnahmen abgesehen, mit der Stille des Würgegriffes arbeitenden Bolschewisierung. Nassgrüne Zeitungsschreiber meinten damals, dass eine spätere Zeit über diese "Staatsbesuche" lächeln werde. Das Lächeln ist inzwischen 76 wohl Jedem vergangen. Es heisst auch die Beteiligten zu leicht gewogen. Ihnen lag wenig an dem äusseren Rahmen jener Zusammenkünfte. Im Innern brannte eine bange Sorge und für den aus dem Osten Kommenden geradezu die Angst, dass die Brücke reissen könnte. Eine Einladung zu einer alle Präsidenten der sowjetischen Zone vereinigten Konferenz unter dem Vorsitz des neuen sowjetischen 77 Oberkommandierenden, Marschall Sokolowski, rief mich nach Berlin. Vor Beginn der Konferenz bat ich den Marschall um eine Unterredung. Einige Tage zuvor hatte mich eine Einladung zum Länderrat nach Stuttgart erreicht. Diese Fahrt wollte ich durchsetzen. Sokolowski 78 . – In einem Gesicht, das sich ständig selbst kontrolliert, stehen zwei Augen, die verdeckt und doch erkennbar den Verhandlungsgegner scharf beobachten. Vorsichtig tastet er die Situation ab. Ich meine, er weiss um den Satz, Politik ist Tanzen auf dem Seil. – Klug, verhalten, abwägend ist seine Sprechweise. Für den der russischen Sprache Unkundigen ist dieser Mann schwer lesbar. Marschall Sokolowski 79 äussert zu meiner Reise Bedenken. Er meint, man könne bei meinem Alleinsein in Stuttgart, – und darum fürchtet der Sowjet in der Politik sehr, – mir leicht Prestigeverluste zufügen, die mich in meiner Amtsstellung in der Ostzone erschüttern könnten. Das, was er sprach, wie er seine Argumentation aufbaute, bewies hohe politische Schule und eine ausgezeichnete Kenntnis aller Stimmungsströmungen im Westen. Ich muss sein "Wider" entkräften 80 . Das fiel nicht leicht. Schliesslich gab er nach einigem Widerstreben seine Zustimmung, wobei meine betont zur Schau getragene Sicherheit vielleicht den Ausschlag gegeben haben mag. An diese Unterredung habe ich in der Folgzeit viel gedacht. Nicht so sehr deswegen, weil sie mir damals ein gewisses Besorgtsein um mich zu zeigen schien, als vielmehr in Wertung der politischen Persönlichkeit des Marschalls. Seit 1945 wird zwischen dem Alliierten des Ostens und den Alliierten des Westens auf deutschem Boden ein kalter politischer Krieg ausgetragen. Die Sowjets haben dafür ihre erste Garnitur in die Linie geschickt. Dieser Kampf war in den ersten Monaten völlig unsichtbar und auch fast unspürbar. Die Sowjets sprachen damals von den Engländern und Amerikanern noch als ihren "Alliierten" und enthielten sich jeglichen Angriffes. Das änderte sich bald, wenn auch noch in versteckter Form: "… In unserer Zone muss jeder arbeiten, denn wir wollen den Aufbau Deutschlands und bestrafen den, der dabei nicht mithilft. Im Westen wird das Arbeiten bestraft, da muss man um Erlaubnis bitten, dass man arbeiten darf…", so äusserten sich bald die Sowjets. – 81

Jede Rücksichtnahme auf die westlichen Alliierten fiel nach der Konferenz von Moskau und den mit ihr zeitlich fast zusammenfallenden Stützungsmassnahmen der Vereinigten Staaten in Griechenland. Die Wut der Sowjets über das Handeln der Amerikaner auf dem Balkan war zu gross, als dass sie sich noch die Mühe einer Tarnung gaben.
Das "Monopolkapital" wurde offen angegriffen und die aufputschende Frage in die Arbeitermassen: "Wollt Ihr griechisches Brot?", im Sinne von amerikanischen Sklaven sein, wurde eine beliebte Redewendung sowjetischer Offiziere. – – Mit Genehmigung des Marschall 82 Sokolowskis erfolgte die zweite Fahrt für den Gedanken Deutschland zum Länderrat nach Stuttgart. Ein selten schöner Sommermorgen gibt dieser Fahrt nach dem Westen einen frohen Auftakt: Am Haus Goethes, am Frauenplan vorbei, zwischen den berühmten Ruinen der Drei Gleichen hindurch, führt der Weg am Hang des Hörselberges entlang, mit den Sagenfiguren Venus und Tannhäuser in seinem Schoss. Von oben grüsst die Wartburg. Auf ihre Turmspitze, wird bald wieder das jahrhunderte alte goldene Kreuz erstrahlen. Manchen Sturm wird meine Anordnung bei den Linksradikalen auslösen, dieses Wahrzeichen dort wieder anzubringen. Sollen Sperlingsgehirne wegweisend sein? Ich lächle und lasse mir die Freude an der Fahrt nicht verderben.Unten im Tal liegt das Geburtshaus von Sebastian Bach. Ich fahre im kulturellen Herzen Deutschlands, vorbei an der Vaterstadt Goethes, vorüber an den Schlossruinen Heidelbergs führt mich der Wagen hinein in die Stadt Schillers, nach Stuttgart. – Wie viele Hoffnungen hatte ich mitgebracht, und wie sehr wurden meine Flügel beschnitten? "Über die deutsche Einheit soll nicht gesprochen werden", wurde mir westlicherseits mitgeteilt. – Da sitzen führende Männer von vier deutschen Ländern an ein und demselben Tisch; sie sprechen dieselbe Sprache; sie sind Träger derselben Kultur und derselben Geschichte; sie haben beruflich sogar denselben Werdegang durchlaufen, sie litten alle unter nazistischem Terror. Sie alle müssen danach drängen, über Schranken hinweg zueinander zu finden. – Doch selbst über die Frage der Zonengrenze meint man nicht sprechen zu können.Ich höre sehr oft in dieser Sitzung das Wort Kontrollrat. – Die Tagesordnung war schon beendet. Als Zuhörer, als Gast hatte ich an ihrer Abwicklung teil genommen; da gibt eine Frage an mich mir Gelegenheit das Wort zu nehmen. "Es ist hoch an der Zeit", so führe ich in den Kernpunkten aus, "dass wir Deutsche unser Schicksal selbst in die Hand nehmen. Gut ist für uns nur eine Verfassung, die auf eigenem Boden gewachsen ist und in eigener Geschichte sich entwickelt hat, keine andere sonst, möge sie herkommen aus Amerika, England, Russland oder sonstwoher." Diese Sätze schlugen bei der Zuhörerschaft an 83 . Doch eine wirkliche Aussprache, eine warme Atmosphäre kommt leider nicht in einer einzigen Stunde des Tages auf. Warum hat man mich eingeladen, wozu bin ich 700 Kilometer mit frohem und heissem Herzen gefahren, weswegen habe ich um diese Fahrt gekämpft, habe ich mich des öfteren während der Konferenz gefragt. – Aber in der Bevölkerung fand die Fahrt, wie ich aus Unterredungen und Zuschriften immer wieder bestätigt bekam, starken Widerhall und befestigte bei ihr die Hoffnung: Wir Deutsche kommen wieder zusammen. – – – Der grosse Widerhall der in ihrem wahren Gehalt und in ihrem Ergebnis nur schwachen Fahrt nach Stuttgart gebot, auf dem Wege zur Einheit nicht still zu stehen, sondern weitere Versuche zu ihrer Herbeiführung zu unternehmen.Darum schickte ich erneut Einladungen an führende Deutsche anderer Zonen und an Repräsentanten der Militärregierungen Westdeutschlands hinaus.Wie eine Hilfe erschien mir die für den Spätsommer 1946 geplante grosse Lutherfeier auf der Wartburg. Zu ihr sollten nicht nur hohe und höchste geistliche Würdenträger aus allen Teilen Deutschlands, Europas und der sonstigen Welt geladen werden, sondern, so plante ich, die deutschen Ministerpräsidenten sollten unter der Glocke eines grossen kulturellen Zusammentreffens finden. Diese Burg, mit ihrer in Deutschland einmaligen Tradition, mit ihren verschiedenen Kulturkreisen, ihrem an Schönheit einzigartigen Festsaal sollte den nirgends sonstwo zu bietenden Rahmen für ein auserlesenes kulturelles Programm geben. – In meinem kleinen Landhaus an der Saale kommt in spät nächtlicher Stunde völlig überraschend der Marschall Sokolowski 84 mit höchster Generalität durch die Tür. Ihn interessiert meine Ansicht über den Ausgang der kommenden Gemeinde- und Landtagswahlen. Seine Informationsquellen sind offenbar schlecht. Die aus Russland zurückgekehrten Deutsch- Moskowiter haben Sahneberge geschlagen: 76 Prozent, mindestens 70 vielleicht sogar 80 Prozent der Stimmen soll nach ihnen die SED bei den Wahlen zuverlässig hinter sich vereinen. Ich musste sehr viel Wasser in solchen Wein der Erwartung giessen, und wir haben manche Stunde diskutiert. "Hier im Land, Herr Marschall, – und Ähnliches gilt auch für die andern der Zone – stand es unter der Weimarschen Republik immer hart um hart auf der 50 zu 50-Grenze zwischen Sozialisten und Bürgerlichen ...". Solche ungünstige Einschätzung der Lage wollte man nicht glauben. Der spätere Wahlausfall gab mir nur zu sehr recht.Doch für mich ist die Frage der Wahlen sehr viel weniger brennend. Die Gelegenheit eines solchen Besuches möchte ich für meinen Gedanken um die Wartburg nützen, die Näherbringung der Einheit erscheint mir bedeutsamer, als das Herumraten um Prozente für Gemeinde- und Landtagswahlen."Herr Marschall, ich möchte den Luthertag, die 400 Jahrfeier auf der Wartburg, kulturell besonders festlich und in besonders grossem Rahmen gestalten …", und ich entwickele ihm in grossen Zügen das Äussere des mir vorschwebenden Programms und schildere den Rahmen, den gerade diese kulturelle Hochstätte für eine solche Tagung bietet. Der Marschall ist entgegenkommend und gibt bereitwillig seine Genehmigung.Die ersten Einladungen an zahlreiche ausländische Bischöfe gehen bald hinaus, die Einladungen an die deutschen Ministerpräsidenten sind in der Vorbereitung, die Festfolge wird aufgestellt. Die Wartburg, Deutschland, soll einen grossen Tag haben.Mein Streben, mein eigentliches Ziel, blieb nicht geheim. Irgendwelche Verräter haben geplaudert. Von allen Seiten tauchen Schwierigkeiten auf. Man lehnt nicht brutal ab. Dazu ist der Sowjet in dieser Zeit noch zu sehr auf Tarnung eingestellt. Der Marschall ist für längere Zeit für mich nicht mehr zu erreichen. Er besichtigt angeblich irgendwo und irgendwann Truppen. Ich versuche Weg um Weg. Absagen, Hinhaltungen, Einwände wechseln miteinander ab. Alle Energie wird eingesetzt, um das Treffen auf der Wartburg zur Wirklichkeit werden zu lassen. Unbekannte Kräfte werden immer stärker fühlbar. Die Sappeure dieser unterirdischen Wühlarbeit sind zunächst nicht erkennbar. Dem Druck gegen das Stattfinden der Feier suchte ich durch wiederholte Verlegungen der Festtage zu begegnen. Schliesslich war auch das umsonst. Ich musste die Feier gänzlich absagen, und ich 85 glaube, dass ein bedeutsamer Schritt auf dem Wege zur Einheit nicht getan werden konnte. – Die grosse Halle des von der nationalsozialistischen Regierung für Führerbesuche in kalter Pracht neu erbauten Hotels "Elefant" in Weimar sieht ein Festgemenge. Der sowjetische Staatschor ist zu Besuch in der Stadt, und seine Mitglieder befinden sich als Gäste zwischen den Deutschen. "Eintönig klingt ein kleines Glöcklein ... " ist in seltener Vollendung gebracht, gerade verklungen, da stosse ich auf einen Mann, dessen Name für die Ostzone am schwersten wiegt 86 : Tulpanow. Er firmiert als sowjetischer Oberst. Dieser Rang, er besagt in der Sowjet-Union nicht sehr viel, steht in keinem Verhältnis zur wahren Macht und zu dem grossen politischen Einfluss dieses Mannes in der sowjetischen Zone und wohl auch sonst. Er gehört zu jenen, die nach dem bolschewistischen System nach aussen hin in der zweiten Linie gehalten werden, während sie in Wahrheit erste sind. Ich sah vor diesem Oberst Generäle, auch solche, denen sonst ein gewisses Rückgrat nicht abgesprochen werden kann, ganz leise, ja sogar fast ängstlich werden. Ich fühlte, und später fand ich solches Fühlen durch Tatsachen bestätigt, dass dieser Mann einen ungewöhnlich kurzen Draht nach Moskau hat, als enger Mitarbeiter der obersten Spitze der NKWD gilt. Er ist die Figur welche, soweit solches im sowjetischen System überhaupt möglich ist, massgeblich die politischen Fragen der Zone mitlenkt. Er antichambriert nicht beim Marschall. Er braucht nicht Adjutanten- und Stellvertreter-Vermittlungen, um die oberste Spitze sprechen zu können. Er hat sie ohne Umwege an seinem Telefondraht. Er ist der Repräsentant der Kommunistischen Partei Russlands. 87 Er ist der Mann, der allerorts dabei ist, und man möchte sagen bei der Taufe den Täufling, bei der Hochzeit die Braut und beim Begräbnis den Pfarrer vertritt.Tagt die LDP, so spricht er die Worte der Begrüssung, ist es die SED, so spricht er sie wärmer, wird eine Massenorganisation gegründet, so hebt er sie aus der Taufe, ist ein Staatsbegräbnis so spricht er die Worte der Teilnahme, reist ein Staatschor durchs Land, so ist er begleitender Impressario.Überall, wo es Finger dazwischen zu stecken gibt, sind die seinen im Spiel. Er ist der politische Rückhalt, der wahre Führer der deutschsprachigen Kommune. Auf sein Schuldkonto entfällt Entscheidendes für die Elendsentwicklung des deutschen Ostens. Im Gegensatz zu der den sowjetischen Spitzenfunktionären sonst eigenen Feinheit des politischen Spiels verzichtet seine Arbeitsmethode auf Verschleierung. Er steht deutlich sichtbar mit seinen breiten Schultern da und nacktem Schädel 88 und wirkt wie eine Herausforderung. Wir waren uns schon des öfteren begegnet, und uns beiden war von Anfang an in Übereinstimmung eines gemein: die Ablehnung des andern. Erwägungen der Sachdienlichkeit und der Politik und auch ein wenig der zur Vorsicht mahnende Verstand hatten bisher bei mir den wahren Zungenschlag gegenüber diesem Gegner 89 vermieden. Jetzt – im Festgemenge 90 – sehe ich ihn vor mir. Ich fühle deutlich, er ist an vielem Schuld, was uns Deutschen an Hoffnungen zerschlagen wurde. Vor kurzem habe ich die grosse Feier auf der Wartburg absagen müssen. Er hat meinen Empfang beim Marschall, den ich an ein gegebenes Wort erinnern wollte, verhindert. Dieser Oberst, ich empfinde es genau, ist der Zerstörer aller Bestrebungen für die Einheit. Hass und Wut sind in diesem Augenblick in meinem Innern stärker, als der Gedanke an Vorsicht. Wir stehen uns gegenüber. Mitten im Saal habe ich ihn gestellt. Hunderte sehen uns stehen. Listig und versteckt blinzeln mich seine klein wirkenden Augen aus seinem kahl geschorenen Schädel 91 an. Ich gehe frontal zum Angriff über und werfe ihm die Zerschlagung der Wartburgfeier vor. Er gibt sich nicht die Mühe, seine Handlungsweise irgendwie zu verbrämen oder gar zu leugnen. Im Gegenteil, er ist sichtbar mit seiner Arbeit zufrieden. Ja, er hat es getan:"Wir können doch nicht zusehen, wie Sie auf der Wartburg eine grosse Kirchenfeier machen", gibt der Oberst hintergründig lächelnd mir zu Antwort. Irgendwann fällt auch das Wort "CDU-Propaganda".Haltung und Sprechweise atmen Überheblichkeit und Niedertracht. Der Sohn des Ostens bedarf der Antwort."Mit Ihrer Politik, Herr Oberst" – er spricht ein fliessendes Deutsch und bekommt das zwischen meinen Worten schwingende vollauf mit, – "mögen Sie im Osten Europas, mögen Sie vielleicht auf dem Balkan reussieren, auf dem Parkett Westeuropas machen sie eine schlechte Figur, da fallen Sie immer nur hin". –Solche Deutlichkeit war ihm noch nicht begegnet. Aus seinem Gesicht fällt das Letzte konventioneller Mimik. Unverhohlene Feindschaft sprühen seine Augen. Er sucht nach einem Gegenschlag, er will das letzte Wort haben:"Wenn Sie meinen, dass Sie als Präsident alles richtig machen", zischt er zwischen seinen Zähnen, "dann muss ich ihnen sagen, ich finde es unerhört, dass Sie ein Mitglied der SED durch Ihre Begleitmannschaft aus der Grosskundgebung in der Weimarhalle haben hinauswerfen lassen"."Über Ruhe, Ordnung und Sicherheit, Herr Oberst, habe ich eine andere Auffassung, als Sie".Eine plötzliche Kehrtwendung von ihm, – ich folge ihr nach in entgegengesetzter Richtung, und zwei Rücken sehen sich an.Ostentativ geht er quer durch den Saal und nimmt an einem Tisch der gegenüberliegenden Saalseite Platz.Die nächsten Tage brachten mir die ersten Boten des verletzten Siegerstolzes eines Oberst Tulpanow.– –Eines erfolgversprechenden Metersteines auf dem Wege zur Einheit sei gedacht: ein amerikanischer Militärgouverneur, ein sowjetischer Administrationschef, ein Mitglied der englischen Militärregierung und ein deutscher Ministerpräsident aus der West- und einer aus der Ostzone sassen in Weimar an ein und demselben Tisch!Lichterglanz, Blumenschmuck, Uniformen, Musik."… Wir begehen diesen Abend", so führe ich als Gastgeber etwa wörtlich aus, "auf klassischem Boden. Hier stellte Deutschlands grösster Humanist seine hohe Forderung an die Menschheit auf. Ich weiss sehr wohl, dass Goethes Gebot der Menschlichkeit in den zurückliegenden Jahren trüber deutscher Geschichte von den damaligen Machthabern oft in sein Gegenteil verkehrt worden ist ... Vor mehr als einem Jahr sind die letzten Schüsse in Berlin gefallen, wurde im Gang der Waffen das "Ganze Halt!" geblasen ... Ihre Nationen, meine hochverehrten Gäste, sind für ein hohes Ideal, für die Freiheit der Völker in den Krieg gezogen. Bei solcher Einstellung kann ich bei Ihnen eine verständnisvolle Prüfung dafür voraussetzen, ob es mit den Grundsätzen von Humanität und Freiheit tragbar ist, dass mein Vaterland in vier Teile zerschnürt am Boden liegt, wobei bei der Dauer solcher Abschnürung die einzelnen Glieder abzusterben drohen. Wir sind Menschen von Fleisch und Blut. Man kann uns nicht wie Ziegelsteine in dieser oder jener Weise gruppieren. Ich glaube an den Sieg der Vernunft, an die Versöhnlichkeit des Weltgewissens, das so lange gegen uns stand, und ich glaube daran, dass aus den Siegern Befreier werden. Mögen Sie als Befreier uns die Einheit unseres Vaterlandes und den für uns und die Menschheit so dringend nötigen Frieden geben!"In der gehobenen Stimmung dieser Stunden kreuzte eine Unke meinen Weg; im Aufstehen von der Tafel stosse ich auf einen jener Deutschsprachigen, die 12 Jahre lang Moskaus Luft atmeten und als gefügige Werkzeuge der Sowjet-Union in ihr einstmal gewesesens Vaterland zurückgekommen sind."Herr Präsident, Sie denken, Sie machen Politik? – Die wird in Moskau gemacht", grinst mich dumm das Gesicht an."Entschuldigung", gebe ich zurück, "ich dachte auch etwas in Washington und London" … – – Eine Kröte wollte ihr Gift los werden. – – Damals zeigten sie sich im Lande nur als Einzelerscheinungen im Licht, unter dem Laube krochen sie sicher schon in Mengen herum.Diese Tage von Weimar stärkten allgemein den Glauben an das Zusammenfinden der vier Zonen. – Allerdings trugen sie mir bei den ewig misstrauischen Sowjets den Satz ein: Der Präsident schielt mit drei Augen zu den Amerikanern und ist nur mit einem bei uns. Beides war falsch, ich habe mich stets für deutsche Belange eingesetzt.

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Kulturgepränge des Götzen Politik

In meiner Jugend sprach man von den Russen als einem "tanzenden und singenden Volk". Ein bekanntes russisches Wort, das die Verbundenheit zu einem andern Menschen ausdrücken soll, heisst: "Wir haben miteinander gesungen".
Die Gesanges- und Tanzesfreude der Russen der zaristischen Zeit lernte ich vor Jahrzehnten in der Ukraine kennen. Von dem Menschenschlag, den ich damals erlebte und in dessen gastfreien Häusern ich nahezu täglich verkehrte, ist unterm Bolschewismus nichts übrig geblieben. Abgesehen von jenem Generaloberst im schwarzem Anzug und harten Hut lernte ich unter den Mitgliedern der Roten Armee und der Schar ihrer Experten keinen kennen, der von dem weltbürgerlichen, hoch kulturellen Hauch jener einstmals führenden Schicht des Zarenreiches stärker berührt gewesen wäre. Der führende Russe von heute und der von damals haben im wesentlichen nur noch die Sprache gemein, wobei die heutige sich allerdings von der einstigen in negativem Sinn unterscheidet. Sie ist in Satz- und Wortbildung primitiv geworden. Die Übersetzungen derjenigen meiner Dolmetscher, die im zaristischen Russland gelebt und dort vielleicht sogar auch akademische Bildung erworben hatten, stiessen mit den eleganten Redewendungen einer verflossenen Zeit auf überlegenes Lächeln der Russen von heute. Die Sprache des Stadtteiles "Steinerer Berg" in Charkow, die sich durch besondere Rauhheit und Schimpfworterfülle auszeichnen soll, scheint genehmer als die abgeschliffene einer untergegangenen Kulturschicht. Die "Kultur", als Wort von den Sowjets fast so oft gebraucht wie das Wort "Demokratie", ist unter sowjetischer Herrschaft ihres 92 Inhalts entkleidet worden. Der Kommunismus hat die Menschen der Sowjet-Union zu einem seiner inneren Güter beraubten, zu einem besonders armen Volk gemacht. Eine Armee, die sich aus allen Schichten der Bevölkerung des Mutterlandes zusammensetzt, gibt einen Querschnitt ihres Zuhauses. Das um so mehr, wenn diese Armee sich nicht mit dem Eigentlichen ihres Daseinszweckes begnügt, dem militärischen, sondern einer anderen Komponente ihres Seins entspricht, sich als Trägerin der Politik ihres Landes zu fühlen und zu entfalten.Es war immer das Privileg nicht oder ungenügend Gebildeter die grossen, weiten Flächen des ihnen wissenschaftlich und kulturell unbekannten Neulandes nicht zu erkennen oder sie mit jenem militär-kategorischen dixi der Römer, ich habe gesprochen, auszufüllen.Mit einem Sowjet zu diskutieren ist, von einigen weissen Schwalben unter ihnen abgesehen, von vornherein ein müssiges Unterfangen. Jedes Gespräch über Kunst, Geschichte, Wissenschaft läuft in Kürze auf die sowjetische Staatsschiene Leninismus-Stalinismus. Mit derselben geistigen Einbahnigkeit, mit der von der Weichsel bis nach Wladiwostock in jeder Stadt und jedem grösseren Marktflecken die Lenin-Marx-Stalinstrassen und -plätze vorhanden sind, mit derselben Eintönigkeit leiert sich in Kürze jedes Gespräch, mit welchem Stoff es auch immer begonnen haben mag, in die Phrasenplatte sowjetischer Standardsätze hinein.Im Laufe der zwei Jahre, in denen ich inmitten der Sowjets lebte, hatte ich durch meine Stellung die mannigfachste Gelegenheit, nicht nur mit sowjetischem Militär vom Marschall bis hinunter zum Muschik zu sprechen, sondern auch Zivilisten, Prominente der Wissenschaft auf den verschiedensten Gebieten, der Kunst, der Wirtschaft und Finanzen, der Kultur und Propaganda-Abteilungen, sowie der Politik, sassen mir gegenüber, Männer und Frauen. Und doch hätte ich dabei, ohne dadurch etwas von der Unterhaltung einzubüssen, die Augen zumachen, es gleichgültig sein lassen können, ob mir ein goldenes Achselstück mit ein oder mehreren Sternen, ein Professor, ein hoher Experte, ein politischer Funktionär, eine Frau oder sonstwer gegenübersass. Ganz gleichgültig, wie sie hiessen, welchen Rang sie bekleideten, welchen Titel sie führten.Im Sprechen und im Urteilen sind sie nach aussen hin so übereinstimmend, dass man meint, versklavte Gehirne gegenüber zu haben.Die Geschichte, die Kultur, die Wissenschaft, die Wirtschaft alles, aber auch alles, was im heutigen Russland wiegt, hat seinen Anbeginn mit der Oktoberrevolution 1917. Hier setzt der Stift der Unterhaltungsplatte ein und läuft die aus Erz gegossen scheinenden Rillen bis zur Gegenwart durch. Alles was zuvor war ist in der Bewertung durch die sowjetische Geschichtsbrille stark umgewandelt, bisweilen sogar ins Gegenteil verkehrt worden.In ihren Vorträgen betonen die Sowjets zwar, dass man an Vergangenes anknüpfen müsse, es nicht ignorieren dürfe. Im wesentlichen sind das Worte. Denn das Vergangene, in Sonderheit die Geschichte, ist den meisten von ihnen unbekannt. Es ist das gute Recht und vom vaterländischen Standpunkt aus durchaus zu verstehen, wenn ein Mensch der Geschichte und Kultur seines Volkes besonders aufgeschlossen gegenübersteht. Man wird es ihm sogar ernstlich nicht einmal verargen, wenn er bei Vergleichssetzung der eigenen Geschichte mit derer anderer Völker und Kulturkreise die seines Vaterlandes ein wenig zu deren Gunsten färbt. Ein solches Recht wird man billigerweise auch dem Sowjet zugestehen; doch er schiesst weit darüber hinaus. Das jahrzehntelange Abgeschlossensein der Sowjet-Union von der übrigen Welt und das Verlieren eines vergleichenden Maßstabes, sicherlich auch die betont einseitige Bildung des sowjetischen Bürgers sind daran Schuld, dass sich bei ihm eine an Selbstüberhebung grenzende Einschätzung sowjetischer Geschichte und Kultur herausgebildet hat. Selbstbescheidung gehört jedenfalls nicht zu den Tugenden der Sowjets.Interessant ist die Kenntnis und die Wertung zweier Figuren ihrer Vergangenheit: Iwan der Schreckliche und Peter der Grosse.Iwan der Schreckliche, der Begründer des Panslawismus, wird nicht als Massenmörder gezeigt, der er war. Idealisiert, einer Christusfigur ähnlich, zeigt ihn ein sowjetischer Standardfilm, geht er in die grossen Massen der Sowjet-Union ein. Und man wird an jenes paradoxe Ereignis in der Weltgeschichte erinnert, dass beim Sterben dieses einem Unmenschen nahekommenden Tyrannen das russische Volk in Schreien und Wehklagen ausbrach. War er so sehr ein Mann ihres Herzens?!Peter der Grosse, auch er wird bejaht. Interessant auch hier das Warum. Das Brutale an ihm, das Ungehobelte gefällt. Vor allen wird gezeigt und unterstrichen, wie er bei aller äusseren Fortschrittlichkeit ein Hasser und Verhöhner des Westeuropäischen gewesen sei."... Er baute nur ein Guckfenster nach dem Westen", bemerkt ein General, "heute stehen wir in voller Breitseite inmitten Europas", und seine Brust scheint sich zu weiten. Leider hat er damit nur zu sehr recht."Der Westen hat uns schon zweimal geholfen", fährt er fort, und er denkt an den unterlassenen militärischen Zug des Westens gegen den aufschiessenden Bolschewismus in den Jahren nach 1918 und an die umfassende Hilfe im zweiten Weltkrieg, "er wird uns auch noch ein drittes mal helfen". Der General lacht, vielleicht denkt er an die Unterlassungssünden und an versäumte Gelegenheiten Westeuropas in der zweiten Nachkriegszeit.Aus diesen Vorbetrachtungen haben wir Grundlage und Schlüssel für das Folgende gewonnen:Ob Oberst, Kapitän, Zivil in gehobener Stellung oder einfacher Parteisoldat, alle haben sich in regelmässig wiederkehrenden Zeitabschnitten einer Prüfung zu unterziehen und dabei unter Beweis zu stellen, dass sie noch den Phrasenschwall bolschewistischer Lehre vollauf beherrschen. So wie jeder, der einen Sowjet nach dem Leben in Moskau fragt, die dortige Untergrundbahn sofort als erste Antwort serviert erhält, genau so stereotyp wird jede politische Frage mit einer Lawine festgefrorener Sätze des bolschewistischen Katechismus beantwortet. Die Bücher von Lenin und Stalin, ihre Lehren, den Leninismus und den Stalinismus, haben sie nahezu auswendig gelernt. Gehirnakrobatik des Sektors Gedächtnis rollt Aufgespultes kritiklos ab."Wir kommen aus einem Land, in dem es keine Volksschicht gibt, welche die andere ausbeutet". Der in den Kreisen der Sowjets bestehende schreiende Unterschied zwischen den Oberen, den Mittleren und der grossen Masse in Wohnung, Kleidung, Ernährung und sonstigem Lebensstandard hat nach ihnen nichts mit Klassenunterschied zu tun, ist vielmehr ein Ausfluss des sogenannten "Leistungsprinzips"."Wir haben in unserm Land", so geht die Walze weiter, "die von Marx und Engels theoretisch begründete und von Lenin und Stalin in die Tat umgesetzte Philosophie, wir haben die fortschrittlichste Demokratie der Welt"."Wir kennen die deutschen Philosophen besser als die Deutschen selbst", lässt sich ein Sekretär vom Marx-Engels-Institut in Moskau bei der Einweihung des "Instituts für dialektischen Materialismus" an der Universität Jena vernehmen. Dabei beschwert es ihn nicht, Wissenschaftler von europäischem Ruf als Zuhörer zu haben. Peinlich vor allem, als er unter Verletzung der Situation, zu schweigen von dem geistigen Gehalt seines sogenannten wissenschaftlichen Vortrages, die deutschen Philosophen Hegel, Kant, Schopenhauer und andere als "Obscuranten – Dunkelmänner –" bezeichnet. Er landet, wie könnte es anders sein, bei Marx und Engels als den grössten deutschen Philosophen, Sockel allerdings nur für die Philosophie der Neuzeit, einer Philosophie, die bisher in solcher Güte noch niemals auf diesem Erdball war – dem Leninismus und dem Stalinismus. Die Einweihung dieses Instituts hatte einen pikanten Ausklang. Im Anschluss an den Einweihungsakt, in dessen Verlauf von der Universität Jena – Marx promovierte an ihr – Urkunden der Marx‘schen Doktor Dissertation dem Moskauer Institut zum Geschenk gemacht werden, versammelt eine Tafel Spitzen der Besatzungsmacht, der Landesverwaltung und der Wissenschaft. In der Ostzone marschiert der Alkohol als Steueraufbringer an führender Stelle. An konzentriertem Alkohol ist kein Mangel. So herrscht eine, für den Kreis der Teilnehmer etwas überfrohe Stimmung, es wird viel gelacht. "Herr Präsident", spricht malitiös lächelnd eine Uniform, "Ihre Landsleute sind so lustig. Ich habe den Eindruck, sie freuen sich darüber, dass sie heute wieder etwas von Marx an die Sowjet- Union losgeworden sind!?" – Soll man antworten? Man lacht, man lacht laut ... das ist der böse Alkohol: C 2 H 5 OH … – – –. Kultur der Sowjets. Das Wort wird von ihnen zum Aushang, zum Gepränge degradiert. Wie alles sonst bei ihnen zerrt auch die Kultur fest angebunden und scharf bewacht am Staatsseil der Politik. Hinter ihrem Aushängeschild leisten Wissenschaft und Kunst Frondienste, sind sie der Freiheit beraubt, sind sie ob Sänger, Wissenschaftler, Schauspieler, Schriftsteller Sklaven eines politischen Systems.Die Sowjets geben sich durch Winzigkeiten den Schein des Erhalts und der Förderung der Kultur. Ich denke dabei an die einige tausend Pajoks, jene Lebensmittelpakte, welche man russischerseits in Berlin prominenten Künstlern zuwendet und die man in der Provinz ebenso zu gehbn vergisst, da sie dort von der grossen Öffentlichkeit in Sonderheit der des Westens nicht gesehen würden.Die Sowjets lieben von der Kultur als der Vermittlerin zwischen Völkern zu sprechen. Unter solcher Vorgabe starteten sie zwei Projekte.Einige Wochen hindurch bedrängt der Chef der Administration meine Frau, einen Club für deutsch-russische Kultur ins Leben zu rufen. Er soll der Verständigung zwischen den beiden Völkern dienen. Nach ihm soll er der Treffpunkt der deutschen Intelligenz und einer Auslese sowjetischer Offiziere sein, um im Wege des Kulturaustausches gegenseitiges Verständnis zu schaffen. Ärzte, Professoren, Anwälte, Künstler sollen deutscherseits die Besucher bilden, von Politik und politischen Parteien – kein Wort. Gegenüber solchen Wünschen gibt es erfolgreich keine Einwendungen und Verzögerungen. Wer will erklären, dass er die Kultur der Besatzungsmacht nicht kennen lernen will?!Ein Clubhaus entsteht, das in Aufmachung und Abtönung den Ansprüchen tiefster Friedensjahre genügen würde. Die Eröffnungsfeier findet statt. Deutscherseits sind die ersten Träger von Kultur und Wissenschaft des Landes versammelt. Ich führe die greise Dichterin Ricarda Huch zu Tisch, deren ich in Dankbarkeit dafür gedenke, dass sie sich jederzeit zur Repräsentation deutscher Belange bereitwillig zur Verfügung stellte. Aufgeschlossenheit herrscht auf dem deutschen Ufer. Endlich scheint sich die Gelegenheit zu bieten, um mit den Sowjets eine Basis der gegenseitigen Verständigung zu finden.In dieses westeuropäische Bild eines grossen gesellschaftlichen Ereignisses schieben sich die Uniformen hoher Offiziere und ihrer Damen in grosser Toilette äusserlich harmonisch ein. Doch nur kurz, und man fühlt die erste Trübung. Das Clubhaus entspricht nicht sowjetischen Wünschen. Sie vermissen in ihm die Bilder von Lenin und Stalin und die der Dichter der bolschewistischen Ära. Diese Kritik war am ersten Abend und schien nur leicht hingesagt. Aber bald zeigte sich das Streben der Sowjets deutlicher, das wahre Gesicht kam zum Vorschein. Die bürgerlichen Mitglieder sollten politisch umgeschult, kommunistisch beeinflusst werden.Vorträge und Filme tendenziösester Art schoben sich immer mehr ein. – Einen typisch sowjetischen Film möchte ich erwähnen, der die ganze Armseligkeit des Denkens grosser Massen im östlichen Europa zeigt:Kapitalistische Parasiten lümmeln sich in Faulheit Tag und Nacht in Paradiesbetten, während ein unverdorbenes Kind des Volkes für solche Schmarotzer zu arbeiten hat, ausgebeutet wird. Akt eins.Akt zwei, in einem ehemaligen Schloss zaristischer Aristokraten wohnen Arbeiterinnen einer Spinnerei. Das bis dahin von Kapitalisten ausgebeutete Volkskind ist unter ihnen. Sie wird die Trägerin des Films. Noch repräsentiert sie das geistige und wirtschaftliche Unten, bis sich ihrer die Mutter Partei annimmt. Das Mädchen ist zuerst Hilfsarbeiterin in der Fabrik, dann wird ihr das Glück, ein oder einige Maschinen bedienen zu dürfen, und der heilige Funke des Stachanow-Systems, der Steigerung in der Übersteigerung, springt in dieses Mädchenherz hinein. Sie wird zur Fanatikerin der Arbeit.Ich weiss nicht mehr, wie viele lange Stunden dieser nicht abreissen wollende und von den Sowjets begeistert aufgenommene Film lief. Mir ist nur noch in Erinnerung, wie dieses Mädchen in seiner steten Leistungssteigerung, waren es schliesslich 40, 60 oder 100 Maschinen, die sie ganz allein bediente, was spielt die Zahl für eine Rolle, geradezu im Trance-Zustand fast ganz allein im Betriebssaal hantierend, arbeitete, arbeitete, arbeitete. Von der Mutter Partei wurde sie während dieses Arbeitsvorganges, der in seiner Steigerung keine Zeit zur Nahrungsaufnahme gestattete, gefüttert. Die Partei selbst, symbolisiert durch ein vierschrötiges weibliches Schwergewicht, sieht wohlwollend solchem Treiben zu.Der Lohn bleibt nicht aus. Der Lenin-Orden schmückt die weibliche Brust und – – auf dass der Kitsch seine Spitze erreicht: Im hoch eleganten Kleid und im Luxusauto schwebt die bewährte Genossin hinauf in die Wolken, lässt sie den Schmutz dieser Erde tief unter sich.Das ist Russland von heute, das ist Stachanow-System bis zum Trance-Zustand gesteigert. So etwas ist Lebensinhalt, ist filmische Dienstmädchenhoffnung des Ostens.Das Russland von heute zeigte sich aber auch sonst sehr bald im Club. Die Offiziere der NKWD machen sich dort besonders heimisch, und wenige Zeit später hatte die das Clubhaus betreuende Sekretärin als deren gehorsame Agentin zu laufen. Die Besucher des Clubs gruppierten sich gesellschaftlich um, die Anbeter von Hammer und Sichel schoben sich von Abend zu Abend mehr ein, sie waren bald nahezu ausschliesslich unter sich. Die Partei erdrückt die Kultur. Von Verständigung und Austausch zweier Kulturen war keine Rede mehr.Das Ende des Clubs soll nicht vorenthalten werden. Er wurde aufgelöst. Es war unerwünscht, dass deutsche Kultur Anspruch auf Gleichberechtigung erhob. Ein neuer erstand in der gesamten Zone, einer in Form jener "demokratischen Massenorganisationen": die Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjet-Union."Geld spielt keine Rolle", ruft der Administrationschef, "es muss eine Massenbewegung werden, die noch die Partei überflügelt". –Die Sowjets wären nicht Sie-selbst, wären sie nicht mit allen Mitteln bestrebt, ihre Kultur, ihre Filme in die Massen hineinzubringen und westeuropäisches Empfinden auszulöschen. Ich habe mich lange ihrem Versuch, die bedeutendsten Filmtheater des Landes zu sowjetischen zu machen, in der Ausweichung widersetzt. Hinter meinem Rücken taten es Verräter.Die sowjetischen Filme mit ihrer dick aufgetragenen Tendenz werden von der deutschen Bevölkerung so gut wie nicht besucht. Was schadet es, denkt der Sowjet, auf die Dauer gesehen ist er der Stärkere, wird er sich durchsetzen.Als zu Beginn der dreissiger Jahre die russischen Filme "[Panzerkreuzer] Potemkin" und "Sturm über Asien" nach Westeuropa kamen, schlugen sie mit grösstem Erfolg ein und bedeuteten beinahe eine Reformation des Films. Von diesem Wurf ist im heutigen sowjetischen Film nichts zu verspüren. Fast alle ihre Filme sind verflacht, verkitscht und politisch einseitig bemalt.Demgegenüber scheint das sowjetische Theater in seiner Gestaltungskraft den grossen Ruf erhalten zu haben. Ich sah deutsche Theaterschüler, die nach russischer Theatererfahrung in jahrelanger Kleinarbeit ausgebildet worden waren. Das von ihnen Dargebotene war so stark, dass alle Besucher, die vom Theater etwas verstanden, in helle Begeisterung ausbrachen, und ich gestehe gern, dass ich selten von einer Leistung so überzeugt war. Die sowjetische Kultur im Theater zeigte sich uns allerdings unter einem andern Gesicht. Der Oberstkommandierende bittet meine Frau zur Vorstellung einer bedeutenden russischen Schauspielertruppe. Wenige Stunden vor Beginn wird sie für den nächsten Abend umgeladen. Sie kommt begeistert über die ausgezeichnete Darstellung dieser Aufführung nach Hause. Doch sehr bald erlitt diese Begeisterung einen Dämpfer. Nur zu schnell erfuhr man, dass diese Umladung erfolgt war, weil die Sowjets im deutschen Nationaltheater in Weimar 93 auf dem Boden, auf dem einst Goethe, Schiller, Herder, Wieland wandelten, propagandistische Haßstücke gegen die Deutschen gaben. Wie ganz anders sprachen die Lippen dieser "Kulturträger"; Lüge, Irreführung wohin man sieht. "Herr Präsident, selbst als Hitler gegen uns Krieg führte, haben wir in unsern Theatern deutsche Stücke, haben wir Schiller und Goethe gespielt, denn für uns war Hitler nicht Deutschland", lässt sich zu meiner Rechten 94 die Gattin eines hohen Offiziers vernehmen. Sie ist wie viele von ihnen in ihren Worten eine fanatische Anhängerin des bolschewistischen Systems. Jeder Satz hat irgendwie eine politische Färbung. Mich interessiert ihre Einstellung zu Deutschlands grossen Humanisten, und so frage ich zunächst tastend: "Was kennen Sie von Goethe, gnädige Frau?" "Die Oper Margarethe", kling es unbeschwert von Wissen zurück. Diese Antwort war keine Einzelerscheinung. Von Kulturoffizieren abgesehen – sehr viele von ihnen sind Juden – gilt Goethe bei vielen 95 als der Schöpfer der Oper Margarethe. Von einer Kenntnis des abendländischen Kulturkreises, der Antike, ihrer Philosophen, ihrer Dichter, ihrer Geschichte, der Renaissance, ihrer Maler und Bildhauer, der Dichterfürsten der letzten Jahrhunderte ... nichts, nichts, nichts. Puschkin überragt alle. Goethe wird gerade noch auf gleiche Höhe mit ihm gestellt, dann weiter Abstand bis zu Schiller und dann wenig oder nichts mehr. Haushoch über solcher bourgeoisen Kulturwelt stehen selbstverständlich die neuen Schriftsteller der Sowjet-Union."Wo sind die Arbeiterwohnungen?", war fast in jeder Stadt eine der ersten Fragen des neuen Kommandanten. – "Das sind Sozialisten, die kümmern sich um uns", murmelte zufrieden mancher deutsche Arbeiter.Man fuhr hin. Die Sowjets betrachteten die ihnen gezeigten Siedlungen und Wohnungen. Dann lachten sie überlegen und misstrauisch:"Die Deutschen sind allesamt Lügner!" – "Hier wohnen doch Kapitalisten", brauste mancher cholerisch Veranlagte auf. Nach Aussage der Dolmetscher hatte man den Sowjets in ihrem Mutterland im Film die Holzbuden der Schrebergärten als die Arbeiterwohnungen des kapitalistischen Deutschland gezeigt, und jetzt wollte man sie irreführen. – Schliesslich mussten sie es doch glauben. Sie schüttelten den Kopf. Er wurde noch sehr oft geschüttelt, obwohl dieses durch den Krieg armselig gewordene Land, kaum noch eine Vorstellung von seinem Einst gab."Süsse Frucht, bittere Frucht – Deutschland". Die politische Auswirkung der westeuropäischen Bilder: Der Bauernhof mit Pferden, Kühen und Maschinen, der grössere und kleinere Hausbesitz, die Verkaufsläden, die Ordnung und Sauberkeit auf den Strassen, die Autobahnen – machten auf die Mitglieder der Besatzungsmacht und zwar durch alle Chargen hindurch sichtlichen Eindruck. Wie mag es im Innern vieler ausgesehen haben? Bei der Rückkehr zu Mütterchen Russland werden solche westeuropäische "Trugbilder" den Gehirnen ausgetrieben; und zum zweiten erstrebt eine brutale Besatzungspolitik eine Verwischung zwischen Ost und West, sucht sie auf schnellstem Wege die deutschen Länder der sowjetisch besetzten Zone russischen Elendsgebieten anzupassen. Der klare Blick für das Einmalige der Sowjet-Union darf bei ihren Soldaten nicht getrübt werden. –Vor dem eben eingerückten neuen Kommandeur steht nicht ganz ohne Bangigkeit der erste Bürgermeister einer grösseren Stadt. Er erläutert die Stadt, Einwohnerzahl, Industrie, Quartiermöglichkeiten für Offiziere und Soldaten."Wo ist die Entlausungsanstalt?" unterbricht in unmissverständlicher Schärfe die Frage des Kommandeurs den Vortrag. Der Bürgermeister zuckt zusammen: "Wir haben keine, Herr Oberst". Aus Ätherhöhe und der den Sowjets so schnell eigenen Überlegenheit und Geringwertung des anderen klingt es verächtlich zurück: nje culturni – keine Kultur! –Der Besuch der Arbeiterviertel durch die Offiziere galt nicht einem Nahesein, einem Verbundenseinwollen mit deutschen "Genossen". Genosse nennt man die Arbeiter nur bei Ansprachen an die Masse, wenn man sie einmal als Forum braucht; sonst laufen sie wie alle Deutschen untere dem verächtlich gebrauchten "Njemsik" oder "Fritz".Die Villenviertel, selbstverständlich nur sie, lieferten die Wohnungen für die Sozialisten jahrzehntelangen Werdeganges. Sie waren in kurzer Zeit infolge Fehlens jeglicher Wohnkultur, so nicht Deutsche dort Ordnung hielten, nur noch schwer wiederzuerkennen.Ein Beispiel für viele: Ein Kommandeur war in einem Villengrundstück untergebracht, dessen Eigentümer mit zu den vermögendsten Deutschlands gehört und der, da dieser Reichtum alt ist, in seiner Wohnung eine Summe von Kulturwerten vereinigte. Diese Umgebung konnte äusserlich nicht verschmutzen, dafür waren zu viele dienstbare Geister da.Ich wurde zu einer Besprechung gebeten und habe hellauf gelacht. Inmitten eines saalartigen Wohnzimmers, in dem jedes Stück Kultur atmete, stand das Bett des Kommandeurs. Er war sehr stolz auf diese Umgruppierung: "Ich schlafe hier genau so, wie ich es von zuhause her gewöhnt bin".Wäre das Ganze in allen Fällen nur so harmlos geblieben. Die Züge mit Möbeleinrichtungen nach dem Osten und die Zerstörungen in den Wohnungen sprachen nur zu oft eine viel härtere Sprache.Die Furcht als "westlich" infiziert angesprochen und dann sofort zur Strafe in die Sowjet-Union zurückgeschickt zu werfen, behaftete alle Militärs so sehr, dass sie im Verkehr unter sich die westliche "Tünche", dazu rechnete man auch die weissen Tischtücher verschmähten, und die Wohnung russisch werden liessen. So zog man nach einiger Zeit um; der Verliederungsprozess konnte erneut beginnen.Davon zu sprechen, in welchem Zustand sie die Häuser zurücklassen, wenn sie diese räumen, verbietet der Anstand gegenüber dem Leser. Ein Wort zur Damenwelt und dem von ihr in den höheren Offizierschargen geübten übertriebenen Luxus. Die ersten Modesalons der Städte hatten Tag und Nacht, jahraus, jahrein für die höheren Offiziersfrauen zu schneidern. Dutzende 96 elegantester Kleider und mehr 97 , nicht als Einzelerscheinung, liessen sich diese Frauen pro Kopf anfertigen. Und das von Repräsentanten eines sozialistischen Staatswesens inmitten sichtbarer Not, ungeachtet solcher Not. "Verhinderte Kapitalisten!" sagten die deutschen Arbeiter.Kein Wunder, dass selbst in den sowjetischen Kreisen sich der Witz solchen Pfauentums annahm. Einer sei erzählt:Frau Marschall gibt den Gattinnen der Generäle eine Einladung. Anscheinend unauffällig, in Wahrheit aber – wie es beim Militär der Welt nun einmal ist – genau der Rangstufe entsprechend laufen sie bei der Gastgeberin ein. – Zunächst erscheint Frau Generalmajor. Sie weiss um den letzten Modeschrei: Silberfüchse, sie trägt derer zwei.Die Tür öffnet sich, es folgt Frau Generalleutnant. Sie hat der Silberfüchse vier. Frau Generaloberst als nächster Gast trägt deren sechs, die Gattin des Armeegenerals umhüllen acht.Frau Marschall rauscht mit liebenswürdigem Lächeln durch die Tür. Die Generalsgattinnen erblassen: sie trägt keinen Silberfuchs. Ist der dernier cri schon wieder erschlagen, Neues von der Mode geschöpft worden, sind sie vom Mond, Modejournale von gestern?Und tastend umschleichen ihre Augen und ihre Bewegungen die Gattin des Marschalls. Ein allseitiges befreiendes Lächeln: Frau Marschall trägt die Schwanzspitzen von zwölf Silberfüchsen zu Achselstücken garniert auf ihrem grossen Nachmittagskleid.Ein Geschichtsschreiber von Weltruf formte einmal den Satz: Drei gute Anekdoten können eine Persönlichkeit und eine Zeit bisweilen besser umreissen, als es dreissig Druckseiten aus der Feder eines berühmten Wissenschaftlers vermögen. Er scheint damit nicht ganz unrecht zu haben.Wertvollste Möbel, eleganteste Kraftwagen, in hunderttausende Meter gehende Stoffe und Seiden, teuerste Jagdwaffen, modernste Radios, Pelze über Pelze werden kategorisch verlangt und immer wieder nachgefordert. Unvorstellbar die Anforderungen an Nahrungsmittel für die mit überladenem Luxus ausgestatteten Offiziers-Kasinos und Clubs. Dazu die gesamte Ernährung der Truppe: Das Brot, die Kartoffeln, das Gemüse, das Obst, das Fleisch, die Milch und noch sehr viel mehr müssen die Kreise, die Städte, die Länder schaffen. Das trifft schwer, man nimmt es hin.Gegen etwas anderes richtet sich die Empörung: Inmitten einer Bevölkerung, in welcher der Hunger täglicher Tischgast ist, in der die älteren Jahrgänge infolge der Unterernährung wie die Fliegen des Spätherstes dahinsterben, die Kinder in ihrem Wachstum verkümmern, etwa 80 Prozent aller Menschen weit untergewichtig sind und Hungererkrankungen nahezu in jeder Familie auftreten, werden von der Besatzung eines Volkes, welches sich als das sozialistische anpreist, lebensnotwendigste Nahrungsmittel nicht nur zum Selbstverbrauch in Übermengen weggenommen, sondern zum Abtransport nach dem Osten gebracht, oder gegen Blech und Eisen für die sowjetische Rüstungsindustrie verhandelt."Wir beuten nicht aus, ... das deutsche Volk wird leben!", Worte! Die Wahrheit heisst: Es blutet aus tausend Wunden, – es verblutet sich."Herr Präsident, die Rote Armee lässt sich keine Kontrolle gefallen. In den Städten und Landkreisen sind Abteilungen eingerichtet, welche darüber Aufstellungen machen, was die Truppen entnommen haben". –"Das ist ein Teil der Pflicht ordnungsgemässer Verwaltung, Herr General". – Der Administrationschef ist anderer Meinung:"Ich verbiete diese Abteilungen, sie sind sofort aufzulösen".Müssig, – die Kommandanten handelten bereits. – – Wir kamen etwas vom eigentlichen der Kultur ab und kehren an das Leitseil, das die Sowjets den Deutschen gegenüber als Narrenseil gebrauchten und damit missbrauchen, zurück. Unter den Deckblättern: Förderung der Kultur, des Theaters, der Musik, der Wissenschaft hielten sich die Sowjets in ihrem wahren Streben am längsten verborgen.Das einstmals berühmte deutsche Nationaltheater war durch Bomben bis auf die Umfassungsmauern zerstört. Als ich einige Zeit nach meinem Amtsantritt zusammen mit dem blutjungen Generalintendanten, dessen fanatische Begeisterung alle Hindernisse der Zeit als leichte Hürden nehmen liess, an den Aufbau dieses Theaters heranging, sprach ich beim Einweihungsakt in der Trümmerstätte unter anderem den Satz: "... Möge dieses Theater, möge die deutsche Kultur sich schützend gleich einer Glocke, gleich einem Dom über unserm Volk und seinen inneren Werten erheben ..."Die Sowjets erkannten sehr bald, – denn ihre Witterung in politicis übersteigt die des besten Hundes auf der Jagd – die Bedeutsamkeit dieses für die Augen sichtbaren Kulturaufbaues und schoben sich fühlbar ein. Selbstverständlich hebt dabei kein Sowjet einen Ziegel, ergreift auch nur einer von ihnen einen Schaufelstiel, geben sie aus sowjetischen Quellen auch nur einen Nagel. Sie geben Befehle und drücken hart auf das Arbeitstempo. Das hatte gewiss für den äusseren Fortgang manches Gute, mit innerem Verständnis für Kultur hat es nicht zu tun.Sie nützten gewandt den Schein. Das Wort "Deutsches Nationaltheater" hat einen Klang. – Und seine Mitglieder, seine Künstler?, für sie interessiert sich in besonderem Maße die NKWD, gebraucht und missbraucht sie als Spitzel und Agenten.Sehen wir auch sonst ein wenig hinter die Maske der Unterstützung kulturellen Aufbaus. In einem Teil des Landes wird eine Akademie eingeweiht, an der die Beamten für die innere Verwaltung geschult werden. Das Ministerium des Innern erfreut sich der besonderen Betreuung durch die NKWD, denn ein Ressort von ihm heisst Polizei. So ist der Leiter der NKWD bei der Einweihung anwesend. Nach aussen hin ist er von dieser neuen Leistung des Landes sehr angetan und hat reichlich Glückwünsche zur Hand. Zu seiner russischen Umgebung allerdings sagt er: "Die verfluchten Deutschen sind auch da schon wieder so weit." – Nicht angenehm, um solche "Protektion" zu wissen.Von Goethe stammt das Wort "Das Gute ist immer leise." Solche Auffassung steht bei den Sowjets nicht hoch im Kurs, denn sie sind propagandistisch laut, wo und wie immer sie sich äussern, und jede Äusserung, wie jede Sichtbarmachung überhaupt, dient dem politischen Zweck. Was kümmert den Sowjet die Umgebung? Er haut seine knallroten Plakate, Wandanstriche und bunten Bilder an den Kommandanturen und sowjetisch besetzten Gebäuden in die Stille kultureller Nachbarschaft hinein.Mitten in dem von Goethe angelegten Park Weimars – als gäbe es sonst keinen würdigen Platz in dieser Stadt – hat er einen Soldatenfriedhof angelegt. Zu unvernünftiges Autofahren kostet manches sowjetische Soldatenleben. Als dieser Friedhof ungewöhnlich schnell voll war, musste für weiteren Platz gesorgt werden. Unmittelbar bei dem berühmten Schloss Belvedere erstand der zweite. –Kultur?! eine Fangplatte für Narren.Diese Betrachtungen würden in hohem Maße unvollständig sein, verabsäumte man, der einzelnen von den Sowjets hochadressierten Leistungen auf dem Gebiete der Kunst zu gedenken. Wenn es unter den Deutschen noch Gutgläubige dafür gegeben hat, dass die Kultur von den Sowjets nicht mit ins Joch politischer Versklavung eingespannt worden sei, dann wurde ihnen das Gegenteil in der Zeit vor den Wahlen sinnfältig vorexerziert.Für politische Stimmungen und Strömungen haben die Sowjets einen sechsten Sinn. Sie schickten, fast aneinandergereiht, eine Kette hochqualifizierter Darbietungen auf den Gebieten der Musik, des Tanzes, des Gesanges und der Schauspielkunst durch die Zone. Der Sowjet fing die Deutschen mit dem, was damals noch verfing.Das ob seiner Virtuosität berühmte Beethovenquartett bildete den Auftakt. Ihm folgte eine Pianistin, bei der gutes Aussehen, besonderer Charme und ein in der Technik bis zur höchsten Vollendung hinaufgetriebenes Klavierspiel sich in seltener Harmonie paarten. Dann erlebte man den russischen Staatschor. Er zeigte über einhundert Männer und Frauen in einer Vermassung der Kunst des Gesanges. "Kollektiv" heisst ein wichtiges Wort des politischen Sprachschatzes der Sowjets. Kollektiv ist die Leistung dieses Staatschores, der Einzelne ist nichts und doch etwas, er ist ein Mosaikstein im Aufbau dieser grossartigen Gesamtheit. Die deutsche Bevölkerung nahm mit wahrer 98 Begeisterung die von der sowjetischen Kulturpropaganda gebotenen Höchstleistungen auf. Wie gern vergass sie in solchen Stunden, was ihr sonst vom Osten her vermittelt und auferlegt wurde. Und wie deutlich wurde ihr später erkennbar, dass die Sowjets ihr diese kulturellen Genüsse nicht um der Kultur, sondern um der politischen Propaganda willen geboten hatten.

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Ich sprach für die SED

SED, Sozialismus, Einheit, Deutschland, das waren die Worte, mit denen der von den Sozialdemokraten kommende Parteiführer die Abkürzung des Parteinamens in der Gründungsversammlung erklärte. Sozialismus, Einheit, Deutschland, – grosser Beifall umbrauste diese Begriffe, die Hoffnungen der Werktätigen.
Sozialismus, Einheit, Deutschland – was ist aus Euch gemacht worden?: Bolschewisierung, Volksbetrug und Landesverrat!Eine der Hauptvoraussetzungen für den Aufstieg Hitlers war der Kampf der SPD und KPD gegeneinander gewesen. Darüber hatten sie den ihnen gemeinsamen Feind vergessen und waren erst wieder unter dessen Joch aufgewacht.Sicherung der Demokratie!, stand in grossen Lettern über den ersten Monaten nach dem nazistischen Zusammenbruch. Da war die kleine KPD, man hielt sie damals noch für eine deutsche Partei. Dieses Grüppchen, fanatisch und wendig, betonte bei jeder sich bietenden Gelegenheit seinen Willen zur Mitwirkung an einem "einheitlichen demokratischen Deutschland". –"Die politische Ideologie der Sowjet-Union ist keine Exportware", erklärten sie in Übereinstimmung mit den Sprechern der Roten Armee. – "Nur durch die Blockpolitik ist Deutschland wieder aufzubauen; keine Partei vermag das allein". Gewiss zeigte sich da und dort ein Schuss Radikalismus, doch die Verbindung zur Roten Armee, ihr Befehlsempfang von dort, wie er heute für jeden sichtbar ist, scheute damals noch das Licht. Und die aus Russland mitgekommenen Emigranten der KPD gebärdeten sich als glücklich in die Heimat zurückgekehrte Deutsche. Die gesamte Studentenschaft einer Universität war Zeuge, wie der weisshaarige Führer der KPD, Pieck 99 , in unnachahmlicher Ehrbarkeit den Satz unterstrich: "Das Vaterland geht uns über die Partei!" Rollendes Beifallsgetrampel gläubiger akademischer Jugend nahm solches Bekenntnis zum Vaterland dankbar auf. Dieser kleinen Schar der KPD stand die grosse Masse der ehemals in der SPD organisiert gewesenen und in der Hauptzahl zu ihr zurückgekehrten Werktätigen gegenüber. Durch die Ellenbogeninitiative verstanden die KPD-Mitglieder sich stark in den Vordergrund zu schieben, und die ersten Spannungen zwischen KPD und SPD tauchten wieder auf."Giesst das rote Tintenfass in den grossen Eimer der SPD und aus dem dunkelrot wird sich ein rosa ergeben, dann gibt es Ruhe", war ein viel gebrauchtes Wort jener Monate.In der Provinz war nicht bekannt, unter welchem Spiel in Berlin, zutreffender unter welchem Druck der Sowjets, die obersten Spitzen der beiden Parteien zusammengekoppelt worden waren. Spitzenfunktionäre mögen davon gewusst haben. Die Beteuerungen der Kommunisten bezüglich ihrer deutschen Einstellung, und dass ihnen die Einigkeit unter den Werktätigen über alles stehe, sie zu ehrlicher Mitarbeit im demokratischen Block bereit seien, waren in der erst Zeit als Lügen nicht ohne weiteres erkennbar. Erst die spätere Entwicklung zeigte, dass sie dem Bronzestirnigen solcher Verlogenheit alle Ehre gemacht hatten.Ich selbst war bis dahin fast ein ganzes Jahr lang parteilos geblieben. Gemessen an den brennenden Fragen des Landes musste mir in dieser Zeit die Parteipolitik als sekundär erscheinen. Vor 1933 hatte ich der demokratischen Partei angehört. Jetzt stand ich vor der Frage: wo gehst Du hin?Von sowjetischer Seite drückte auf mich der Wunsch, der kommenden Gemeinschaftspartei beizutreten. Die bürgerlichen Parteien standen mir auf Grund von Erziehung und Werdegang in vielem näher. Nicht der Wunsch der Sowjet-Administration, nicht der Rat von Männern aus allen Parteilagern gaben den Ausschlag für meine Entscheidung. Vielmehr war es die Antwort auf die Frage, die andere mit mir stellten: Wie hilft man dem Lande am besten?So tat ich das, was für meine Person falsch war. Ich ging zur SED. Für diesen in eigener Sache begangenen Fehler habe ich schweren Zoll bezahlt. Fürs Land war derselbe Schritt in vielem solange Gewinn, als die Sowjets die Maske der Demokratie noch vorzuhalten bestrebt waren.Aus zahlreichen Verhandlungen mit den Sowjets, aus dieser oder jener schlecht getarnten Zwischenbemerkungen war deren Misstrauen oft sogar ihre Unversöhnlichkeit gegen alles Bürgerliche erkennbar. Jede Mitgliedschaft in einer Partei, die nicht SED hiess, hätte von vornherein eine ausserordentliche Belastung meiner Arbeit mit Argwohn bedeutet. Niemals hätte ich in der Folgezeit so für die Bevölkerung eintreten und eine so klare Sprache führen können, wie ich sie des öfteren gegenüber den Sowjets und der SED habe führen müssen. Nur Böswilligkeit kann unterstellen, dass Amt und Titel mich gefasst hätten. Ich habe beide wiederholt zur Verfügung gestellt. Mein letzter Weggang aus dem Amt unter Aufgabe von allem, Besitz, Heim und Heimat lässt zudem an Eindeutigkeit keinen Zweifel.Die ersten Monate nach dem Zusammenschluss der beiden Parteien SPD und KPD standen nach aussen hin tatsächlich im Zeichen innerer Befriedung. "Demokratie" – "Blockpolitik" – "Schaffung einer wirtschaftlichen und politischen Einheit Deutschlands" waren die stetig wiederkehrenden Worte jener Tage. "Wir können auf die Intelligenz nicht verzichten", "Förderung der Wissenschaft und Kultur", "Schutz dem Eigentum", "Unterstützung der Privatinitiative" hiessen die ergänzenden Formeln der Sowjets, welche laut in die breite Öffentlichkeit hinausprojiziert wurden.Bis zum Zusammentritt des Landtages war das Streben des kommunistischen Flügels der SED dicht verhangen. Bei allen grossen Kundgebungen wurden die ehemaligen SPD-Führer sichtbar herausgestellt. Die Parität in der Besetzung der Stellen wurde gewahrt und jede offenkundige Benachteiligung der SPD-Linie wurde vermieden. Ganz wie die Sowjets sprachen die Kommunisten viel von der durch den Landtag zum ersten Male zur Tat werdenden neuen Demokratie. Der Grundnenner der SED von damals hiess Mässigung und Blockpolitik. Sicherlich störte da und dort ein Radikalinski das Bild des Burgfriedens, zeigte sich zwischen ihm und sowjetischen Stellen eine engere Verbundenheit, doch höheren Orts, und zwar sowohl durch die sowjetische Administration als 100 auch durch die Führung der SED, wurden solche Einzeltänze eingeengt und verboten. Von den politischen Differenzen zwischen der SED und mir im einzelnen an dieser Stelle zu sprechen erübrigt sich. Sie zeigten sich bald und waren in steter Zunahme und Härte begriffen. Sie fanden ihren Grund darin, dass die Parteileitung, unbelastet von jeglicher Verantwortung für die Verwaltung des Landes, in meine Arbeit hinein zu diktieren versuchte. Dagegen habe ich mich energisch und im wesentlichen mit Erfolg gewehrt.Die nach meinem Weggang aufgestellte Verleumdung, die Differenzen seien persönlicher Art gewesen, die Partei habe an meinem "luxuriösen Lebenswandel" Anstoss genommen, findet schon in der Tatsache, dass mein "grossspuriger Haushalt" auf den Schultern eines Alleinmädchens lag, eine für Jeden erkennbare Korrektur. Im übrigen waren die mir parteipolitisch gegenüberstehenden Figuren von einer solchen geistigen Armseligkeit und menschlichen Feigheit, dass keine von ihnen diesbezüglich in die Schranken einer persönlichen Auseinandersetzung zu treten gewagt hätte.Eine Infamie, eine von vielen, gab mir zu Beginn der Landtagswahlen die begründete Gelegenheit, mein Amt als Präsident zur Verfügung zu stellen."Herr General, ich bitte Sie, dem Marschall zu übermitteln, dass ich mein Amt als Präsident des Landes niederlege."Diese Erklärung wirkte wie eine Bombe, und das noch zu Beginn des Wahlgangs. Der Draht zwischen der Sowjetischen Administration und der sowjetischen Spitze in Berlin-Karlshorst summte, er summte auch zum Zentralsekretariat der SED.Mit mir verhandelte die Generalität. Die Verhandlungen waren bezüglich ihres Aufbaus, ihrer Tiefe und ihrer Abstimmung zu mir geschickt angelegt; sie trugen den Schein eines Verständnisses für mein Wollen und liefen auf dem Grundton: versöhnlich – versöhnlich. Erst Monate später, als sich die Maske vorm Gesicht des Administrationschefs einmal kurz verschob, ich auch sonst vertrauliche Nachrichten bekam, habe ich erkannt, wie meisterlich sich dieser Mann in der Hand gehabt, sich getarnt, mich irregeführt, mich betrogen hatte.Im Rückblick, insbesondere bei Kenntnis der späteren Entwicklung ist es leicht zu sagen, dass ich damals bei meiner Amtsniederlegung hätte bleiben müssen.Wenn ich meine Amtsniederlegung nicht zur Durchführung brachte und mich dazu bestimmen liess, persönlich im Wahlkampf zu sprechen, so waren hierfür folgende Gründe ausschlaggebend:Ich hoffte, dem deutschen Gedanken bezüglich der Ostgrenze und der Bevölkerung in der Erreichung höherer Quoten für Ernährung und Kleidung helfen zu können.Die zwischen mir und dem Administrationschef geführte Unterredung war von grossem Ernst getragen, und ich erwähnte bereits, dass mein sowjetischer Verhandlungspartner diplomatisch auf diesen Grundton einging. An zwei Tagen sassen wir zusammen:" … Sie können jetzt nicht gehen, Herr Präsident", erklärte er mir. "Die deutsche Selbstverwaltung steht vor der Tür. Die Deutschen werden freier gestellt. Wir kümmern uns nur noch um die Fragen: Entmilitarisierung, Entnazifizierung, Demokratisierung und Reparationen. In der Wirtschaft stellen Sie in eigener Verantwortung den Industrieplan auf ...""Herr General, wenn ich als Präsident des Landes spreche, bin ich nicht irgend ein Redner, der aus propagandistischen Gründen den Wählern das und jenes verspricht, um es übermorgen zu vergessen. Was ich zusichere, muss ich vertreten, heute und in Zukunft, jedes Wort muss wahr sein, muss ich halten können." –"Sie haben recht", erwidert der General. "Sie können der Bevölkerung versprechen: Die Lebensmittelgruppe 6 wird aufgehoben, der dritte Zentner Kartoffel auf den Kopf der Bevölkerung wird bestimmt geliefert, die Zuteilung an die Bevölkerung an Kleidern, Schuhen und sonstigem Bedarf des täglichen Lebens wird wesentlich erhöht, im Laufe des nächsten Jahres entlassen wir eine Million Kriegsgefangene ..." –" … Herr General, die Bevölkerung berührt brennend die Frage der Ostgrenze. Weder nach dem Vertrag von Jalta noch nach dem von Potsdam findet die Stellungnahme des Aussenministers Molotow, die Oder-Neisse-Linie sei zwischen den Alliierten als Grenze festgelegt worden, eine Rechtsgrundlage. Bei aller Erkenntnis des Schwergewichts einer solchen Äusserung des sowjetischen Aussenministers vermag ich diese Grenzziehung als endgültige nicht anzuerkennen. Ich werde in diesem Sinne über die Oder-Neisse-Linie sprechen. Kann ich das?""Das ist ein heisses Eisen, vergessen Sie das nicht", – der General geht sichtlich ungern an diese Frage heran. Er denkt länger nach, schliesslich gibt er seine Zustimmung, "Sie können über die Oder-Neisse-Linie sprechen, Herr Präsident." –Im Vertrauen auf ernste Versprechungen, die mir von höchster sowjetischer Stelle, der ersten des Landes gemacht wurden, sprach ich zur Bevölkerung über die mir gewordenen Zusagen.Einige Zeit nach der Wahl hält mich auf der Strasse eine einfache Frau an: "Präsident, wann kriegen wir den 3. Zentner Kartoffeln? Ich habe richtig gewählt." Aus einem schmal gewordenen Gesicht sehen mich zwei Augen erwartungsvoll an.Sie glaubte meinem Wort und ich der Versprechung eines sowjetischen Generals. So wurden wir beide betrogen und ich darüber hinaus missbraucht.

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Die Farce der östlichen Demokratie

Das politische Spiel begann mit den vier Kugeln: LDP, CDU, SPD und KPD, und sie schienen sich zunächst einer gewissen gleichmässigen Behandlung durch die Besatzungsmacht zu erfreuen. Dieses Bild bekam nach und nach schärfere Konturen. Es kam zu dem erwähnten Zusammenschluss der beiden Arbeiterparteien in der 101 SED.
In Eintracht arbeitete man an den Vorbereitungen für die kommenden Gemeinde- und Landtagswahlen. Die Gegner hiessen trotz Antifa-Block und Beteuerungen von Blockpolitik CDU und LDP. Beide Parteien haben sich zunächst ehrlich bemüht, als Parteien zu bestehen, ein eigenes Gesicht zu wahren. Das ist ihnen nicht leicht gemacht worden. Macht ist auf dieser Welt nur zu oft gleichbedeutend mit Recht. Und die Macht war gegen sie. Im Gegensatz zu der sich seitens der Sowjetischen Militäradministration eines ganz besonderen Wohlwollens und direkt starker Unterstützung erfreuenden SED, wurden die bürgerlichen Parteien zunehmend erkennbar mit Misstrauen verfolgt, wurden sie, ob Papierzuteilung, ob Höhe der Zeitungsauflage kurz gehalten, hatten sie überall und zu jeder Zeit zurückzustehen.Im Gegensatz zur SED, deren Redner frisch und unbeschwert im Wahlkampf sprechen konnten, hatten die bürgerlichen Parteien mit Erschwerungen der verschiedensten Art zu kämpfen, hatten sie ihre Rede bis auf den I-Punkt festzulegen, bekamen sie beim Antrag auf Genehmigung von Versammlungen und vor allem bei Aufstellung und Einreichung ihrer Wahllisten Schwierigkeiten der verschiedensten Art.Wenn gelegentlich der Durchführung der Wahlen Kommissionen des Kontrollrates die Länder der Ostzone bereisten und dabei kaum Tatsachen feststellten, welche die Gültigkeit der Wahl ernstlich hätten in Zweifel ziehen können, so ist hierzu zu sagen: von Webfehlern so grober Art, dass sie im Vorbeigehen erkennbar sind, ist die politische Arbeit des Ostens in der Regel frei. Das Paradoxe, der dem Aussenstehenden als nicht anfechtbar erscheinenden Wahl, zeigt die Tatsache, daß in nahezu allen grossen Städten, in denen gegebenerweise die Arbeiter wohnen, die SED also die Mehrheit hätte gewinnen müssen, sie gegenüber den bürgerlichen Parteien unterlag, während in den Landkreisen, in denen das bäuerliche, das bürgerliche Element überwiegend war, die SED die Oberhand bekam und so in der Gesamtheit siegte. Das politische Taschenspielerkunststück erhält sehr leicht seine Auflösung. Auf dem flachen Land machten die sowjetischen Kommandanten den bürgerlichen Parteien bei Einreichung der Wahllisten Schwierigkeiten. In den grossen Städten wäre solche Taktik aufgefallen und in die grosse Öffentlichkeit gedrungen. Auf dem flachen Land aber, ab von Öffentlichkeit und Verkehr, war der Standpunkt eines Kommandanten: "die Listen sind zu spät eingereicht" oder "sie können nicht genehmigt werden, da sie die Namen von Nazisten enthalten", nicht schnell zu korrigieren. Bevor die Beschwerden über solche Eingriffe bei der Sowjetischen Militäradministration eintrafen, über sie entschieden, die "Fehler" der Ortskommandanten behoben waren, war die Wahl vorbei. So kam es, dass in sehr vielen Ortschaften des flachen Landes nur eine Partei eine Wahlliste hatte: die SED. – Nicht zur Wahl gehen? – Ein gefährlicher Ratschlag für einen Dorfbewohner inmitten der sowjetisch besetzten Zone. Alles in allem bereitete der Ausgang der Wahlen, die in fast 102 allen Ländern scharf bei der 50%-Grenze lagen, bei den Sowjets grosse Enttäuschung. Sie hatten mit einem Wahlsieg der SED zwischen 70- und 80% gerechnet. Trotz der Überschwemmung mit Papier und Druckerschwärze, mit Propaganda im Radio und im Film, trotz sichtbarer Sympathisierung und Unterstützung der SED durch die Besatzungsmacht gewinnt diese in der wahren Volksstimmung keinen Boden, sondern fällt ständig zurück. An eine 50%-Grenze wäre bei einer wirklich freien Wahl nicht mehr zu denken, sie würde erbarmungswürdig nach unten zusammenbrechen. Garnicht zu reden von den wenigen Schrumpfprozenten, welche die Linksradikalen ausmachen!Darum muss der von einer kommunistischen Minderheit beherrschten SED geholfen werden, müssen durch Täuschungen Hunderttausende, Millionen auf Wege geführt werden, die den Anschein überparteilichen Pflasters haben. Die Sowjets sind Künstler auf diesem Gebiet. Wenn solches Tun der Nacheiferung wert und würdig wäre, die ganze Welt müsste davon lernen!Das Wort Massenorganisation verrät deutlich den Geburtshelfer: zu ihm gesellt sich der Mantel "demokratisch", und damit das Ganze von vornherein gewaltig klingt, wird noch zusätzlich der Begriff der Masse durch das an sich überflüssige Adjektiv "gross" unterstrichen. Jetzt haben wir das Ganze beisammen: die "grossen, demokratischen Massenorganisationen"! Sie sind geboren; das Wort überparteilich wird sie noch längere Zeit als Pate begleiten. Ihre Zielrichtung geht ganz woanders hin: unter dem Scheine der Demokratie soll in Wahrheit die terroristische Herrschaft einer kleinen Clique Linksradikaler legitimiert und befestigt werden."Freier Deutscher Gewerkschaftsbund", "Freie Deutsche Jugend", "Deutscher Demokratischer Frauenbund", "Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjet-Union", "Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands", – ohne Auftragung geht es in der Ostzone nicht. Das Dicke der Farbe und die Stärke des Pinselstrichs verraten die östliche Schulung. Freiheit, Deutschsein, Demokratie, Kultur rufen die Namen hinaus! Begnügen wir uns nicht mit dem Lesen der Visitenkarte, gehen wir etwas 103 dem Angekündigten auf den Grund, und suchen wir dann das ihnen gemeinsame, das sie verbindende System zu erkennen. Die Führer der "Freien Deutschen Gewerkschaften" sprechen für Hunderttausende, sie sprechen für Millionen: Menschen aus allen Volksschichten, aus allen politischen Lagern gehören zu dieser Organisation, treten ihr unter dem Druck der Verhältnisse bei.Und die Männer der Spitze, wer sind diese Männer, die eine solche Mitgliedschaft vertreten, welche zu 90% und mehr: deutsch denkt, gemässigt fühlt und gemässigt handeln möchte? Unter ihnen schieben sich von Monat zu Monat, nicht durch Wissen und Können legitimiert, sondern getragen und hochgedrückt von der Besatzungsmacht immer deutlicher die Radikalen in den Vordergrund: die Kommunisten. Das, was sie sprechen, was sie beschliessen, was sie anstreben, was sie durchführen, deckt sich nicht mit der Meinung der erdrückenden Majorität der von ihnen vertretenen Mitglieder. Doch was kehren sie sich daran? Sie sitzen an der Spitze. Sie fühlen sich als Führer und sind dabei die Theaterpuppen des sie in Reden und Handeln an der Strippe ziehenden östlichen Regisseurs."Freie Deutsche Jugend". – Die Erkenntnis ist Gemeingut: wer die Jugend hat, hat die Zukunft. "Freie" Jugend, friss Vogel oder stirb, denn nur in dieser Organisation gibt es für Jugendliche eine Zusammenschlussmöglichkeit. "Deutsche" Jugend, a propos: wer sind die Köpfe, wo geht die Schienenführung hin? Kommunistisch, wie könnte es auch in der Ostzone anders sein, – ist auch hier die Spitze. Gemässigte und bürgerliche Elemente laufen, auch hier als Tarnung missbraucht, nur eine Zeitlang mit.Politisch sollen die Jugendlichen von Kindesalter an erfasst, bearbeitet und auf den Geleisen bolschewistischen Denkens in ihre Zukunft hineinrollen.Die Jugend ist in ihrem Kern gesund, sie will anders, manche bäumen sich auf, viele bleiben abseits. Der Griff aus dem Dunkel arbeitet in ihren Reihen besonders aktiv und verbreitet Angst in ihren jungen Gemütern. – – – – –Viele hundert Frauengesichter sehen mich an, ich spreche Worte der Begrüssung zu ihnen. Sie haben gestern oder heute früh den "Deutschen Demokratischen Frauenbund" gegründet. – Irgendwann bei meiner Rede wird mein Herz bedrückt: ob man nicht auch Euch missbrauchen wird? Ich sehe so viel Aufgeschlossenheit in dieser Zuhörerschaft, fühle so viel bestes Wollen, so viel Glauben an Demokratie und Frieden und so viel Zuversicht an die zukünftige Arbeit der Frau. – Die Entwicklung gab meiner Sorge recht. Gewiss, alle Richtungen kommen in dieser "überparteilichen" Organisation zu Wort, sie können auch 104 ihre Meinung sagen, das ist ein Ventil. Am Schluss aber verkündet die kommunistisch gesteuerte Leiterin des Bundes das ganz anderswo zuvor schon Beschlossene. Die Stimmen der gemässigten Richtungen und die grosse Zahl der parteilosen Frauen müssen genutzt, müssen gesammelt werden. Bei etwaigen zukünftigen Wahlen wird man neben den politischen Parteien die grosse demokratische Massenorganisation der Frau nicht vergessen können. Sie wird kommunistische, parteilos fingierende und daneben auch einige demokratische Frauen ins Parlament bringen. – Volksbetrug, wohin man sieht. Der Gewinner ist mit Sicherheit der Kommunist.Uninteressant ist dabei, ob das schmückende Beiwort sozial, frei, vaterländisch, demokratisch oder national heisst. Entscheidend ist, ob es geeignet ist, als Vorhang zu dienen und Kunden zu fangen. – – – –Die Wahlen zum Landtag sind vorüber. Mit grösster Spannung und grossen Hoffnungen wartet die Öffentlichkeit auf die erste Lebensäusserung der neuen Demokratie. – – – Eine spätere Zeit wird einmal darüber urteilen, ob es glücklich war, die deutschen Länder in einer Zeit, in der auf ihrem Boden fremde Besatzungstruppen standen, die Militärregierungen die oberste Macht, die Souveränität, repräsentierten, nach aussen hin als mit den Einrichtungen der Demokratie lebend zu behandeln. Doch nicht von einer missverstanden, sondern von einer bewusst missbrauchten Demokratie soll hier die Rede sein: von der der 105 Ostzone. – Nach dem Zusammentritt des Landtages 106 führe ich das Amt und den Titel eines Ministerpräsidenten. Es war nicht schwer, bald die Hohlheit meiner neuen Stellung, die gleiche Hohlheit der Stellung 107 der Minister und die ganze Verlogenheit der sogenannten Demokratie zu erkennen. Was hatte die gesamte Öffentlichkeit, was hatte jeder Einzelne von der neuen Demokratie und der neuen Selbstverwaltung erhofft?! Wie ganz anders fielen sie aus, und um wie viel schlimmer haben sie sich in der Folgezeit noch ausgewirkt, als es im ersten Anschein erkennbar war. Von der Bevölkerung gewählte Abgeordnete, Männer und Frauen, sitzen im Landtag und glauben, sie seien eine demokratische Körperschaft, die höchste des Landes, die durch Gesetze schöpferisch das Leben, die Verwaltung und die Wirtschaft gestalten können. Und daneben, im selben Saal, auf den für die Sowjets vorgesehenen Sesseln, sitzen die politischen Offiziere der Administration. Nur schlecht können diese jugendlichen Aufpasser ihr Lächeln verbergen: "was sind diese njemsiks doch für Dummköpfe". – Drei Parteien hat der Landtag, das sieht nach Demokratie aus. Doch wenn die Fraktionen beraten, erscheinen die politischen Offiziere im Fraktionszimmer, horchen zu, ergreifen das Wort, "lenken". Und wenn eine Sache nicht wie gewünscht verläuft, dann wird der Ältesten-Ausschuß vorgespannt. Als letztes Geschütz spricht der Chef der Administration zu den das Ganze Missverstehenden."Kampfabstimmungen müssen möglichst vermieden werden, wir treiben Blockpolitik", spricht und irreführt der sowjetische Ratgeber; die bürgerlichen Parteien müssen mit an die Deichsel. Sie müssen sichtbar nach aussen eine Verantwortung mit übernehmen, auf deren Entscheidung sie in Wahrheit überhaupt keinen Einfluss haben.Dabei soll nicht verschwiegen werden, dass unter Ehrlichen in ihren Reihen, es Verängstigte gibt, bei denen es zu solcher Haltung nicht mehr reicht, und wobei sich unter diese beiden Kategorien sowjetische Mietlinge mischen, Bestochene, Verräter, Zuträger und Agenten, die selbst das vertraulichst Gesprochene ihrem sowjetischen Auftraggeber schnellstes zutragen.Einmütigkeit bei der Abstimmung wird förmlich zur plumpen Spielregel des Landtages.Und die wahrhaft wichtigen Fragen des Landes; zu ihnen wird der Landtag in zahllosen Fällen überhaupt nicht gefragt. Von ihnen darf er stillschweigend Kenntnis nehmen. Sie werden durch Befehle der SMA geregelt. Wie hiess es doch vordem in offizieller Verlautbarung?: " … wir kümmern uns nur noch um Entnazifizierung, Entmilitarisierung, Demokratisierung und Reparationen!" Das hinter der Kulisse gesprochene Wort hiess anders: "… die njemsiks sollen sich wundern, wenn sie ihren Landtag haben, dann wird die Daumenschraube gezogen!", – es sollte sich bewahrheiten. –Befehle durchkreuzen, man ist versucht zu sagen, mehr als zuvor die gesamte Verwaltung des Landes. In diesen Befehlen spricht man nicht den Landtag, sondern die Regierung, den Ministerpräsidenten an. Die Regierung, eine Lüge auch dieser Name: Titelträger, nicht viel mehr als das, sind ihre Mitglieder, Verzeihung: Prügelknaben der Zukunft, soweit sie nicht blindhörige Parteisoldaten moskowitischer Prägung sind.Diese SED-Landesverfassung, herausgegeben vom Zentralsekretariat der SED, wurde mit den Stimmen der bürgerlichen Parteien, die man mit unbedeutenden Zugeständnissen gewann, zum staatsrechtlichen Rückgrat eines deutschen Landes. Sie ist ein Hohn auf den Begriff der höchsten Rechtssatzung! Sie bedeutet hundertjährigen Rückschritt und ist untragbar für einen Rechts- und Kulturstaat der Gegenwart.Nach ihr besteht die Regierung aus einem Ministerpräsidenten und einer Anzahl Minister. Hohle Titel. Der Ministerpräsident trägt zwar die Verantwortung für die Politik der Regierung, er hat aber keinerlei Anweisungsrecht an die Minister. Die Minister wiederum sind zwar Landtag und Volk gegenüber voll verantwortlich für ihr Ressort, doch auch sie sind im wesentlichen nur Puppen.Das Entscheidende, das Anweisungsrecht an die unteren Organe des Landes, an die Landräte und Oberbürgermeister, fehlt ihnen. Der Begriff des Beamten ist zudem der Ostzone fremd. So fehlt es auch an dem sonst gegebenen Bindeglied, nach dem der untere Beamte den Anweisungen des Vorgesetzten zu folgen hat. Landräte und Oberbürgermeister verschanzen sich infolgedessen dann, wenn ihnen die Anordnung eines Ministers, die er im Landesinteresse für geboten hält, nicht in ihren Tag passt, hinter ihrer Stadt- und Kreisverordnetenversammlung als dem für sie höchsten Selbstverwaltungsorgan. Organisierte Desorganisation!, das modische Wort dafür heisst: dezentralisierte Selbstverwaltung.Und der Landtag? Auch er hat kein Anweisungsrecht. Das Land, als dessen oberstes demokratisches Organ er sich überlaut in die Öffentlichkeit hinaus spiegelt, zerfällt unter seinem Zepter in Wahrheit in einige Dutzend mehr oder weniger selbständige Stadt- und Landkreisrepubliken.Im Hintergrund lächelt der Sowjet. Unter der Maske der Demokratie, hinter den Kulissen: Landtag, Ministerpräsident, Minister, dezentralisierte Selbstverwaltung, ist er der einzige Diktator. Die Parteipäpste der SED hat er als Figuren vor sich aufgebaut.Nur zu sehr kennt der Sowjet die schwächste Stelle deutscher Eigenart. Er hat sie nicht bei Tacitus gelesen, der schrieb schon vor dem Oktober 1917. – Der Schlamm deutscher krimineller und amoralischer Unterwelt, das zur Hochblüte aufgeschossene Denunziantentum haben ihm die verwundbarste Stelle der Deutschen gezeigt. Man muss sie gegeneinander ausspielen, solange noch eine bürgerliche Teilfassade vorhanden ist:Den Landtag gegen die Regierung, diese gegen den Landtag, die unteren Selbstverwaltungsorgane gegen die Spitzen des Landes und die Zentralverwaltungen gegen die Länder.Und die Bevölkerung? Was weiss sie von allem. Die Presse ist sowjetisch gelenkt. Was können die Menschen tun? Sie sind durchsetzt mit Spitzeln, ihrem Nacken droht der Griff aus dem Dunkel. Sie fühlt sich zudem an der Kandare der Linkskommunisten.Hin und wieder wird sie als Forum gebracht und missbraucht, da ist sie Masse, die "ja" ruft oder den Stab bricht, je nach Bedarf ganz wie es den Drahtziehern gefällt. – –Ein Land, das bisher in den Fachkreisen Deutschlands im Rufe stand, in seiner Gesetzgebung, soweit sie nicht eine befohlene war, sich in besonderem Maße in den Geleisen eines Kultur- und Rechtsstaates zu bewegen, wurde durch moskowitsch angehauchte Zugführer innerhalb weniger Wochen aus diesen Schienen herausgebracht.Man sollte Verfassungen nicht bar jeder Rechtskenntnis machen. Wer Schuhe braucht, geht nicht zum Glaser. –Noch ein Wort zu dem politischen Hohlkörper Landtag. Die Majorität, auf alle Fälle das politische Schwergewicht in dieser demokratischen Volksvertretung, hat die SED. Sie hat den sogenannten Führungsanspruch. In ihr besteht Fraktionszwang, Kadavergehorsam. Gehorsam warten die ihr zugehörigen Abgeordneten auf die Haltung des Fraktionsvorsitzenden: hebt er die Hand?, hebt er sie nicht?, räuspert er sich?, lacht er?, wird er empört? Mit der Kopie dieser und ähnlicher Äusserungsformen haben die Abgeordneten der SED als Ausgerichtete den Inhalt ihres parlamentarischen Daseins vollauf erfüllt.Wozu der ganze Aufwand ein Fraktionen, Ausschüssen, Landtagspräsidium, Ältestenrat? Der Fraktionsvorsitzende der SED, der zuvor seine genauen Weisungen vom Zentralsekretariat empfangen hat, das seinerseits wieder Befehlsempfangsstelle von Moskau ist, entscheidet das Ganze. Damit er nicht irre läuft, hat das Zentralsekretariat aus seiner Mitte in jeden Landtag der Zone einen, zwei Kommissare, Verzeihung: Landtagsabgeordnete, geschickt.Doch nicht genug damit. Noch grösser als das schon Aufgezeigte sind die Aushöhlungen von Landtag und Regierung durch die Zentralverwaltungen.Das Schwergewicht der gesamten Verwaltung der Länder ist aus diesen herausgenommen und Stellen übertragen worden, die ausserhalb der Landesgrenzen, nämlich in Berlin ihren Sitz haben. Als sogenannte Informationsquellen für die Sowjetische Militäradministration Deutschland in Berlin-Karlshorst erblickten, wie wir wissen, die Zentralverwaltungen im Jahre 1945 das Licht der Welt. Das ihnen beigefügte Adjektiv "deutsch" ist irreführend. Keine deutsche Stelle hat sie eingesetzt, keine deutsche Stelle hat Einfluss auf ihre Gestaltung, und schon garnicht hat eine deutsche Instanz die Möglichkeit einer Kontrolle ihres Geschäftsgebarens.Die deutschen Zentralverwaltungen, die "Wirtschaftskommission", sind getragen vom Vertrauen der SMA Karlshorst, nur ihr verantwortlich, sind meist mit Köpfen 3. und 4. Grades besetzt und liegen in ihrem Schwergewicht selbstverständlich in kommunistischen Händen. Das Anweisungsrecht nach unten, welches den Landesbehörden versagt worden ist, ist zentralisiert, ist nach Berlin verlagert worden. Die Zentralverwaltungen regieren in alle Zweige der Verwaltung und selbstverständlich in alle Länder der Zone hinein, durchgreifend bis zum Landrat, hinunter sogar bis in die einzelne Fabrik!Die Verantwortung der Bevölkerung gegenüber für das in den Ländern Angeordnete und dort zur Durchführung kommende bleibt aber bei den Ministern. Hinter dem Vorhang Demokratie mit den dahinter aufgebauten Kulissen Landtag und Regierung, herrscht eine zentralistische Diktatur. Sie findet ihre Glanznummer in der Polizei! Die Polizei der Länder gehört, richtiger gehörte, zur Zuständigkeit der Innenminister, die ausnahmslos der KPD entnommen sind. Diese Innenminister wurden allmonatlich von dem schwergewichtigsten Mann des Zentralsekretariats der SED, der nach kommunistischer Taktik zunächst nach aussen hin in zweiter Linie gehalten wird, der 12 Jahre in der Sowjet-Union durch deren Schulen ging, politisch immer und immer wieder ausgerichtet. Sein Name ist Walter Ulbricht. 108 So war es möglich, dass die Polizei auf kaltem Wege aus innerministerlicher Zugeständigkeit herausgenommen und in Berlin in einer Zentralstelle zusammengefasst wurde, die lange als "im Aufbau befindlich" fingierte. Diese in Berlin stationierte Polizeispitze, die mit zuverlässiger KPD-Prägung besetzt ist, bei der es nicht an Kriminellen fehlen darf, erhält ihre Weisungen von der sowjetischen Stelle die sie einsetzte und kontrolliert. Zur Zeit vollzieht sich die Umwandlung der Polizei in eine kasernierte, sind alle nicht hundertprozentig kommunistisch zuverlässigen Elemente aus der bisherigen Polizei entfernt worden, bilden die 109 in der Sowjet-Union jahrelang in Schulungslagern politisch Durch- und Umgeformte und dann Gesiebte, ehemalige deutsche Kriegsgefangene, das Rückgrat dieser neuen Polizei. Von ihrer politischen Blindergebenheit 110 erhofft der Osten dass sie auf Vater und Mutter schiessen wird und die Bürgerkriegsgarde von Morgen ist. Der Kommunismus ist noch in keinem Land der Welt dank der Güte seiner Idee oder der von ihr ausstrahlenden Kraft ans Ruder gekommen. Seine Geburtsstunde, wie auch sein an-der-Macht-bleiben ist ohne Terror nicht denkbar. Zwischen dem in der Theorie bestehenden Paradies und der Praxis mit der Verelendung der Massen ist der Unterschied zu gross, als dass er von der Menge länger begrüsst oder gar auf die Dauer von ihr mit Freude 111 hingenommen würde. Ein Instrument, das leicht zum Terror missbraucht werden kann ist die Polizei. Die deutsche der Ostzone ist ein schwacher Ableger von dem hinter ihr stehenden grossen Schatten, der NKWD 112 . – Demokratie!? – eine Farce! – Diktatur – viel schlimmer – Terror in jeglicher Form ist das Regierungssystem der Ostzone! –

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Ein Marschall gab sein Wort

In den ersten Monaten des Jahres 1945 wurde Marschall Shukow als Oberstkommandierender der Sowjet-Zone abberufen. Diese Abberufung mit der Ernennung Shukows zum stellvertretenden Kriegsminister schien zunächst für diesen eine Erhöhung und dann, als er kurz darauf als Kommandant von Odessa genannt wurde, eine Kaltstellung zu sein. So setzte sofort das grosse Rätselraten ein. Ich will die gängisten Gerüchte, er sei abberufen worden, da er zu sehr nach dem Westen geschaut habe und "verwestlicht" gewesen sei, oder die Absicht gehabt hätte, das politische Gewicht von der Partei mit auf das Heer zu verlagern, oder dass er den Machthaltern in Moskau zu populär geworden sei, weder auf ihren Inhalt untersuchen oder gar um zusätzliches vermehren.

Dagegen weiss ich, dass von dem Tage seines Abganges an ich bei der Erwähnung seines Namens, seiner Person, die zuvor so sehr verehrt war, von der die Sowjets stets mit heller Begeisterung sprachen, ich auf einmal vor Zuhörern mit Porzellangesichtern sass, denen die Sprache plötzlich abging. So weit geht die Macht, so gross ist die Furcht vor der NKWD, dass sie sogar unter Soldaten jede Gefolgschaftstreue von heute auf morgen auslöscht.

Der Satz: "ein neuer Feind des Vaterlandes geht um", lässt jeden Sowjet unruhig werden. Man weiss nie, wer als "Feind des Vaterlandes" eines Tages deklariert wird, und es ist gefährlich, als Parteigänger eines solchen Mannes oder gar als dessen Freund gewertet zu werden. Man folgt in der Regel seiner Auslöschung nach. So schirmt sich der Sowjet vorsichtig nach allen Seiten hin ab, ist er, von der Parteifarbe abgesehen, im übrigen möglichst farblos. Der Nachfolger Shukows, Marschall Sokolowski, repräsentiert, wie wir schon streiften, einen anderen Typ als sein Vorgänger. Auch sein Name hat, wenn auch nicht in dem Ausmaß wie Shukow, bei den Soldaten und Offizieren Klang. In Haltung und Sprechweise ist er der Typ: politischer Militär. Man hat das Gefühl, dass er vor Fällung jedweder wichtigen Entscheidung sich zuvor politisch stark rückversichert. Ich bin mit ihm nicht nur im Rahmen grosser Konferenzen zusammengetroffen, sondern ich hatte wiederholt Gelegenheit, in engem Kreis wichtige Fragen mit ihm zu erörtern. Obwohl ich ihm dabei manchmal mehrere Stunden hindurch gegenübersass, traue ich mir nicht zu, ihn zu kennen. Er ist nicht nur im Gesicht verhangen, – und da mir mangels Kenntnis der russischen Sprache die von ihm gebrauchten Zwischentöne entgingen, hatte ich bisweilen Mühe, hinter seinen Worten sein eigentliches Ziel zu erkennen. Ich weiss natürlich, dass mit ihm eine politisch radikalere Strömung in der sowjetisch besetzten Zone ans Ruder kam, er ein besonders grosser Verächter des Westens und der Deutschen ist, mögen seine Lippen die Worte bisweilen auch anders formen. Er ist ein Mann des politischen Angriffs und weniger einer der Verteidigung. Wobei auch für ihn gilt, dass er nur ein Akteur, wenn auch ein Hauptrollenträger, der Spielleiter in Moskau ist. Der Tag kommt, an dem die Sowjets erkennen werden, dass die Einführung der radikalistischen Richtung nicht nur in der Ostzone schwerste Flurschäden angerichtet hat. Nach meiner Kenntnis der Verhältnisse des Ostens hat seitdem das Missverhältnis zwischen den hinausgebrachten Gütern und der Zerschlagung grösster äusserer und innerer Werte stetig zugenommen. Politisch war es eine Torheit der Sowjets, – doch wer kann aus seiner Haut, – das ganze Gewicht auf die SED zu legen, die infolge Fehlens geistiger Persönlichkeiten an der Spitze von vornherein verödet war. Die Chance, welche die Sowjet-Union in den ersten Monaten der Besatzung bei einer inneren und äusseren Beibehaltung einer demokratischen Linie hatte, hat sie sich restlos und unwiederbringlich verscherzt. Ihre Parteisoldaten mit den dogmatisch verzementierten Gehirn liessen glücklicherweise noch rechtzeitig zur Warnung Intellektueller und anderer noch anfänglich Vertrauender den Schafspelz vom Wolfsgerippe fallen und brachten für jeden sichtbar das menschliche Leben in der Zone auf den widerlichen Nenner: der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. – – Die grosse Konferenz der deutschen Präsidenten der Länder und Zentralverwaltungen, der Administrationschefs, der Experten der Sowjetischen Militärverwaltung Deutschlands, in der der Nachfolger Shukows 113 Marschall Sokolowski sich zum ersten Male in grossem Rahmen in seiner neuen Marschallswürde darstellte, liess nach wenigen Stunden die neue Richtung gegenüber dem Gestern erkennen. Mit nahezu unverhüllter Desinteressiertheit verfolgten der Marschall und seine Umgebung die Vorträge der Landespräsidenten über die Lage in ihren Ländern. Die Präsidenten der Zentralverwaltungen waren wie gesagt auch anwesend, keiner von ihnen erhielt aber das Wort. In der Sitzordnung waren sie irgendwo am unteren Tischende untergebracht, und doch erkannte man sehr bald, dass das nur äusserlich war. Die frühere 114 Anordnung Marschall Shukows: in den Ländern darf nichts ohne und nichts gegen den Willen der Landespräsidenten geschehen, wurde zwar formell nicht von seinem Nachfolger aufgehoben, tatsächlich fühlte man aber, dass der Zentralisierungsprozess in der Zone zugunsten der Befehlsempfänger: Zentralverwaltung, eine starke Verschiebung erfahren hatte. Über den Konferenzen der Sowjets steht das Wort: Kritik und Selbstkritik. Es ist strategisch klüger, mit der Selbstkritik zu beginnen. Dabei unterlasse man, gegenüber dem sich als Sieger fühlenden Slawen und Halbasiaten, sich ohne Haltung zu zerreissen, man fällt sonst sehr leicht bei ihm zutiefst. Eine richtig gehaltene Selbstkritik berechtigt beim Sowjet zur Kritik an ihm. Versteht man dabei in Bildern und Gleichnissen zu sprechen und heftet man dem Angriff selbstverständlich einen Gegenvorschlag über ein besseres Wie an, so kann man in seiner Kritik, selbst gegenüber einem Marschall weit gehen. Dabei läuft man bei Einhaltung dieser Spielregeln nicht Gefahr, ob solcher Kritiknahme persönliche Rückschläge zu erhalten. Eine andere Frage ist, wie weit der Kritisierte die Kritik beherzigt. Ein Beispiel für Viele: die schlecht verdeckte Langeweile Sokolowskis 115 und seiner Suite über die Berichte der Landespräsidenten – die Zentralverwaltungen hatten in den Wochen zuvor laufend informiert – liessen es mich richtiger erscheinen, den Vortrag übers Land auf ein Minimum von Minuten abzukürzen, um dann umso ausgiebiger vom Recht zur Kritik Gebrauch zu machen. Dabei erörterte ich unter anderem auch das falsche Setzen und Handhaben der Fristen in der Landwirtschaft durch die Sowjets. Schon als Student hörte man im Verwaltungsrecht, dass Militär, uninteressant zu welchem Land gehörig, grundsätzlich nicht verwalten kann. Die Geschütze stehen zu sehr in seiner Nähe und führen dazu, mit Kanonen auf Spatzen zu schiessen. Statt Probleme zu entknoten, werden sie durch übersetzten Gewalteinsatz schnell zerschlagen. Dabei wird ganz wie bei jener Feuerwehr, von der man nachsagt: "der Brand im Dachzimmer ist erfolgreich bekämpft", – das gesamte Haus aber steht vom Dachstuhl bis hinunter zum Keller total unter Wasser, ein Mehrfaches von dem an Schaden angerichtet, was "bekämpft" wurde. Die Sowjets machen insoweit keine Ausnahme. Bei den von ihnen für Drusch und Neubestellung der Felder festgesetzten Fristen, die in keiner Weise dem so ganz anders gearteten Aufbau der deutschen Landwirtschaft Rechnung trugen, bei dem der Mann, der ackert und der, der drischt, in der Regel ein- und dieselbe Person ist, kam es nicht nur zu ständigen Differenzen, sondern sogar zu schärfsten Eingriffen der Besatzungsmacht gegenüber den Bauern. Die Verhaftungen wegen angeblicher Sabotage gingen in die Hunderte. Das Missverhältnis der zu kurzen Fristen gegenüber den gegebenen Möglichkeiten wurde dadurch noch besonders krass, dass die Kreiskommandanten untereinander Wetten abschlossen, –wer von ihnen zuerst fertig sei. Dabei berührte es diese Wetter nicht absonderlich, dass ihr Kreis gegenüber dem des Nachbarn mehrere hundert Meter Höhenunterschied nach oben aufwies, also von Natur her zwangsläufig später Reife und Einbringungsmöglichkeit hatte. – Die Notschreie der Bauern nahmen kein Ende. Auf das Unhaltbare solcher Handhabung wies ich bei meiner Kritik hin und fand Aufmerksamkeit. Im Herbst darauf aber war nichts von einer Besserung zu spüren. Im Gegenteil, das Anziehen der Daumenschrauben gegenüber den Bauern – wir wissen, ihnen sollen die Höfe leid gemacht werden – nahm solche Formen an, dass die deutsche Polizei in einem Lande der Zone im Sinne der Sowjets "versagte", und sowjetische Militärs darum die Verhaftungen vornahm. Hunderte und Aberhunderte von Bauern kamen damals wegen "Sabotage" in die Keller; damals schütten hunderte und tausende von Höfen in der Angst für das Leben der Ihren bisweilen die letzte eigene Speise-, Futter- und Saatkartoffel zur Ablieferung hin. Besonders wüst gebärdete sich der cholerische Kreiskommandant von Mühlhausen. Ich weiss noch, dass ich am Tag und in der Nacht vor der Landtagssitzung, in der die Regierung gewählt wurde, von der Administration und dem Leiter der NKWD eine umfassende Freilassung, unschuldig Verhafteter forderte, unter denen sich auch Greise, – meines Erinnerns war der älteste 82 Jahre alt, – befanden. Dem wurde zum Teil auch entsprochen. Wie ein Hohn auf die wahre Lage wirkte die gross aufgemachte Verlautbarung in der Presse der Zone, dass der Kreis Mühlhausen als erster des sowjetisch besetzten Raumes seiner Ablieferungspflicht hundertprozentig entsprochen habe; Lob über Lob. Dazu gesellte sich ein Befehl des Marschalls, dem Landrat wegen dieser Leistung eine grössere Prämie aus der Staatskasse auszuzahlen. Das war zu viel, um es stillschweigend hinzunehmen. So schrieb ich dem Marschall, ich würde die Prämie anweisen, hielte es aber für geboten, ihn davon zu unterrichten, dass mit dieser totalen Beitreibung der Kartoffelablieferung das Abschlachten einer sehr wertvollen Schweinezucht des Landes in diesem Distrikt mangels Futter Hand in Hand gegangen sei, und dass sich das Land jetzt vor der schwierigen Aufgabe sähe, diesen Kreis mit Speise- Saat- und Futterkartoffeln zu beliefern, – dass ein Beitreibungsverfahren mit solchen Auswirkungen weder wirtschaftlichen Gesichtspunkten noch denen der begrenzten Transportverhältnisse Rechnung trüge. – Eine Antwort darauf erhielt ich nicht. – Zurück zur Konferenz unter dem Vorsitz Marschall Sokolowskis. Der Marschall ergriff das Schlusswort. Er sprach von der Geringfügigkeit der von der Sowjet-Union verlangten Reparationen gemessen an den ihr von Deutschland tatsächlich zugefügten Schäden. Die von ihm dabei genannten und nicht nachweisbaren Zahlen entsprachen dem. Nach einer längeren Unterstreichung des deutschen Schuldkontos schlug er mildere Seiten an, es gipfelten seine Worte in den Zusicherungen: "Die Demontagen sind seit 1. Mai 1946 endgültig eingestellt." "Von den vielen hundert sequestrierten Betrieben in den Ländern beansprucht die Sowjet-Union nicht einen einzigen. Sie werden sämtlich den Ländern zu Eigentum übergeben". "Um das Steinkohlenproblem in der Ostzone zu beheben, erhält diese im Laufe der nächsten zwölf Monate aus Schlesien eine Million Tonnen Steinkohle." Ausnahmsloser Beifall nahm diese Versprechungen des Marschalls auf, und ich sehe noch heute die von mancher Sorge befreiten und zum Teil geradezu in Freude strahlenden Gesichter der deutschen Konferenzteilnehmer. Daran, dass auch nur eine dieser Zusicherungen des Marschalls, die er bei höchst offizieller Gelegenheit als der oberste Repräsentant der Sowjet-Union gab, nicht in Erfüllung gehen würde, hat damals und noch einige Monate lang Niemand gedacht. Keine dieser Zusicherungen, auch nicht eine von ihnen, kam zur Einlösung! Lassen wir Tatsachen sprechen: "Die Demontagen sind seit dem 1. Mai 1946 endgültig eingestellt". Diese vom Marschall in der Konferenz gemachte Zusicherung war eine Wiederholung einer bereits vor dem 1. Mai 1946 allen Präsidenten der Länder schriftlich zugegangenen. Der Zeitpunkt des schriftlichen Zuganges war kein zufälliger. Er lag vor dem 1. Mai, und gerade der Inhalt dieser Zusicherung war zum Inhalt der Ansprachen anlässlich der grossen Maifeiern zu machen. Im ganzen Lande war diese Zusicherung nicht nur mit einem tiefen Aufatmen aller Bevölkerungsschichten, sondern mit lautem und dankbarem Beifall für den Marschall und die von ihm repräsentierte Sowjet-Union aufgenommen worden. Für einige Monate blieb es auch dabei, doch es waren nur Monate, dann begannen die Demontagewellen von neuem 116 ohne Unterlass zu laufen. Als Verbreiter eines solchen Marschallwortes lief man selbst Gefahr vor der Bevölkerung als Lügner zu stehen, so einem nicht ein persönlicher Fundus in ihr vor solchem Verdachte bewahrte. – Auf höchsten Touren laufen Carl Zeiss 117 und Schott in Jena. Auch hier wurden Maschinen aus Dreck und Schutt herausgeholt, hatten Fliegerbomben böse Schäden angerichtet. Die Werke arbeiten mit rund 10 000 Mann. Millionen und Übermillionen Reichsmark Friedenswert liefern sie monatlich ihre hochwertigen Erzeugnisse als Reparationen ab. Die nahezu 100-prozentige Reparationsabgabe drückt seelisch auf die Belegschaft, sie will der deutschen Zivilbevölkerung Teile ihrer Arbeit zugute kommen lassen; das ist nicht möglich. Die Belegschaft wird mit solchem seelischen 118 Druck fertig, das Werk wird auf diese Weise wenigstens dem deutschen Volksvermögen erhalten. Die Werke sind für auswärtige und ausländische Besucher ein überzeugender Beweis deutschen Aufbauwillens und sowjetischer Unterstützung dabei. In wenigen Wochen wird man das 100-jährige Bestehen der Firma Carl Zeiss, die in ihrem Statut als erste den Sozialismus der Tat verankerte, festlich begehen. Mitten in der Nacht, es ist die den Sowjets besonders vertraute Zeit, und es ist die zweite Nacht nach den Landtagswahlen, die amtliche Zählung ist noch nicht bekannt gegeben worden, – rollen Lastautos heran, Infanterie springt herunter, Arbeiterwohnungen werden umzingelt, Bajonette blitzen auf, Maschinenpistolen drohen mit ihrer Feuerkraft in die Arbeiterwohnungen hinein. In den Häusern wird es laut, da hilft kein Bitten, kein Flehen, da gibts keine Flucht, von Gewehren und Maschinenpistolen eingerahmt werden Spezialisten des Werkes aus ihren Wohnungen herausgeführt. In derselben Nacht rast mein Telefon; eine Stimme, in der sich helle Aufregung, Verzweiflung und zur Träne zufluchtnehmende Ohnmacht mischen, schreit mir zu: "Herr Präsident, Carl-Zeiss wird demontiert! Sie müssen schnell helfen! Es sind ein paar hundert Arbeiter verhaftet und auf den Bahnhof gebracht worden. Sie sollen nach Russland verschleppt werden, die Züge stehen noch da!" – Die nächsten 48 Stunden kannten keine Ruhepause. Stundenlang kamen mir die Hörer der Telefonapparate kaum aus der Hand. Dann fuhr ich zwischen Weimar – Jena – der Administration und dem sowjetischen General des Werkes hin und her. Sowjetischerseits wurde zunächst alles abgeleugnet: " … es ist kein Wort wahr", spricht ein General, "in Jena macht man Panik, kein Mensch wird dort verhaftet ..." "Vor einer Minute, Herr General", erwidere ich 119 , "habe ich den Oberbürgermeister gesprochen. Die von Ihren Soldaten festgenommenen Arbeiter sind bereits nicht mehr in der Stadt, sondern sitzen schon in den Zügen. Die Einwohnerschaft ist in höchster Erregung über solches Vorgehen!" Man spricht gegen eine Gummiwand: die alte 120 sowjetische Tour setzt ein: Niemand ist zuständig, niemand ist informiert. Man fährt von einer Stelle zur anderen und weiss, man wird belogen. – Der Chef der Administration? Er ist unerreichbar. Unerreichbar ist auch der Marschall. – "Die Demontagen sind beendet! ", so hatte dieser höchste Offizier der Sowjet-Armee vor 6 Monaten gesprochen! Und jetzt schlugen rohe Hämmer, rissen unkundige Hände, stürzten plumpe Muschikfäuste empfindlichste Maschinen wie Dreckkarrren um und vernichteten höchste Werte. Demontage? – ich habe wiederholt neben dieser Ausschlachtung gestanden, – eine von Hass getragene Verwüstung und Zerstörung sahen meine Augen. Eingeschlagene Wände, herausgerissene Fussböden, zertrümmerte Wasch- und Spülbecken, – und das alles in einem Werke, das als erstes in Europa sozialistische Ideen in die Tat umgesetzt hatte. Machtlos steht man in den Anlagen der Firma Carl-Zeiss. Die Arbeiter sollen wenigstens sehen und fühlen, dass man mit seinem ganzen Herzen bei ihnen ist. Mit mir trauert das ganze Land. Als ich angesichts solcher Zerstörung und eines mehrtägigen körperlichen und seelischen Zerreissungsprozesses mich für einige Tage krank meldete und wegfuhr, wurde das hinter meinem Rücken mit dem Generalswort quittiert: "… Krank? Ach, dem liegt bloss die Perle Carl-Zeiss im Magen!" – – "Wir sind eine deutsche Partei", tönt am laufenden Band die SED. Die totale Demontage von Carl-Zeiss, der Abtransport von Spezialarbeitern dieser Weltfirma bei Nacht, läuft durch die Zeitungen der Welt. Die Gazetten der SED verkünden zur Beruhigung der Bevölkerung: die Parteiführer werden persönlich beim Marschall vorsprechen, um zu helfen und zu retten, – man wird einen höheren Prozentsatz der Maschinen vor der Demontage bewahren und andere Beruhigungspillen mehr. Zur selben Stunde aber lässt ein hoher Funktionär der SED, heute 121 in der Ostzone in politisch maßgeblichster und einflussreichster Stelle, einen Satz entschlüpfen – nicht unter vier Augen, nein, vor einem auserlesenen Forum der SED, dem aus rund 80 Mitgliedern bestehenden Landesvorstand –, der schlaglichtartig das wahre Gesicht der Führerclique der SED erhellt: "... Wir wollen uns doch darüber klar sein, die Carl-Zeiss-Werke sind 122 hinterm Ural besser aufgehoben, als hier bei uns!" Deutsche Arbeiter, der Mann, der solches sprach, blieb nicht allein. Hohe und höchste Amtsstellen, kommunistische Innenminister, machten sich diesen Satz bei der politischen SED-Morgenandacht ihres Ministeriums zu eigen! "Wir sind eine deutsche Partei!", deutsches Volksvermögen die Maschinen des ersten Spezialwerkes in Deutschland, dieses Werkes von Weltruf, an denen rund 10 000 Arbeiter Brot und Arbeit fanden, sind hinterm Ural besser aufgehoben, als bei uns! – Geht es noch tiefer?! – – – Aus der Demontage der Firma Zeiss werden die Sowjets keine reine Freude haben. Zu viele Maschinen kamen schon beim Abbruch zu Schaden, einen beachtlichen Prozentsatz räumten ihnen die Polen bei der Durchfahrt durch ihr Land von den Zügen herunter. Dieses Raubgut – Europa, was ist aus Dir geworden? – hätte man zum Teil wieder erwerben können. Es wurde zum Kaufe angeboten. Ein Eingehen auf dieses Angebot wurde aus der Erwägung unterlassen, den Sowjets für eine zweite Demontage den Vorwand zu nehmen. – Auch sonst nahmen die Keulenschläge der Demontage kein Ende. Das Land, das infolge seiner zentralen Lage mit eines der verkehrsreichsten Deutschlands war, muss von seinen bei der ersten Demontage zur Eingleisigkeit heruntergebrachten Bahnstrecken weiteres Schienenmaterial abgeben. – Wozu von den Bitten und Widerständen sprechen, sie waren nahezu alle umsonst. Ein Land wird nach und nach zum Elendsgebiet, ganze Flächen werden jedes Schienenstranges beraubt. – Der General hat die Regierung zu sich berufen, um ihr zu eröffnen: "... in den Elektrizitätswerken des Landes müssen die überflüssigen Maschinen ausgebaut und zum Abtransport gebracht werden; das Land hat grossen Überfluss an Energie". – Es lohnt sich nicht mehr zu sagen, dass wir sogar im Frieden grösste Mengen Energie vom Bayernwerk, aus Sachsen, aus dem Bitterfelder Bezirk und aus sonstigen Teilen des Reiches über die sogenannte Reichsschiene bezogen haben, – "Eine Frage nur", gebe ich zurück, "werden dieser Demontage in der Energieerzeugung weitere in anderen Industriezweigen folgen?!" – "Es wird geprüft, Herr Präsident, ob im Lande sich noch Rüstungsbetriebe befinden". – Nach zwei Jahren Durchkämmung, – nach so und so vielter Versicherung: die Demontagen sind beendet! – Und was versprach der Marschall noch? "Von den sequestrierten Betrieben in den Ländern der Zone beansprucht die Sowjet-Union nicht einen einzigen!" Wie viel Lorbeeren erntete im Vertrauen auf die Gültigkeit eines solchen Wortes der Marschall und die Sowjet-Union aus dem Munde zahlloser Redner im Land. Wie viele Millionen Deutscher gaben diesen Worten ehrlichen Beifall. Wie tönte das Radio, wie klapperten die Rotationsmaschinen der ausgerichteten Presse der Ostzone in begeisterter Überschlagung ob solcher sowjetischen Wohlanständigkeit. Eine schwere Sturzwelle trifft die Verwaltung des Landes, da ich an seiner Spitze stehe, trifft sie mich mit ihrer ganzen Wucht zuerst: Von der Sowjetischen Militär-Administration Deutschland in Berlin-Karlshorst – im Hintergrund steht 123 erkennbar Moskau, – läuft eine Liste der Betriebe ein, welche der Sowjet-Union als ein Teil der Reparationen übergeben werden und dann als sogenannte Sowjetische Aktiengesellschaften ihr wirtschaftliches Eigenleben weiterführen sollen! Es sind selbstverständlich die besten Betriebe des Landes, dessen wirtschaftliche Perlen, darunter die grossen Kaligruben mit dem grössten Kalivorkommen Europas. – Der Schlag trifft so unerwartet und so hart, dass man für Augenblicke, – um in der Boxersprache zu sprechen, – weich in den Knien wird. Das ganze bedeutet Verlust des Rückgrates der Industrie des Landes. Hinzu kommt, dass die Werke nicht unter Zugrundelegung ihres wahren oder auch nur annähernd wahren Wertes zur Anrechnung auf die Reparationsleistung kommen sollen. Vielmehr wird die Ermittlung des Preises von sowjetisch-militärischer Seite völlig einseitig diktiert, wobei das Beziffern nach unten so weit geht, dass Maschinen, die noch laufen und für lange betriebsfähig sind, Nullwert oder ähnliche Grössen darstellen. Um das Ungeheuerliche solcher Preisermittlung zu beleuchten, ein Beispiel: nach den für die Übergabe der Werke beiliegenden Anweisungen sind die Betriebe, die durch Kriegseinwirkung irgendwie, wenn auch leicht, betroffen sind, ganz generell von vornherein zu einem besonders tiefen Tiefstwert zu errechnen. Wenn in einem dieser jetzt von den Sowjets in Anspruch genommenen Betriebe einige Monate zuvor eine grosse Maschine im Wege der Demontage zum Abtransport gekommen war, und die Sowjets, statt diese Maschine durch die Tür hinauszuschaffen, kurzerhand die danebenliegende Mauer durchschlagen und durch das dabei geschaffene grosse Loch die Maschine ins Freie befördert haben, dann werten sie diese Tatsache ihrer wüst gehandhabten Demontage jetzt als Kriegseinwirkung. Die Auseinandersetzungen wegen der Sowjetischen A.G.´s, ihrer Preisberechnung und ihrer Übergabe zogen sich über Monate hin. Eines der ersten Gespräche, das mir seiner Bedeutsamkeit wegen in der Erinnerung haften blieb, möchte ich wiedergeben. General Kolesnitschenko erklärt etwa so 124 : "… Dieser neue Befehl des Marschalls auf Aushändigung der Werke an die Sowjet-Union stützt sich auf einen Beschluss des Kontrollrats. Der Befehl ist unabänderlich. Die Betriebe sind sofort zu übergeben." "Ich kann diese Betriebe nicht übergeben, Herr General, ich bin dazu rechtlich nicht legitimiert", antworte ich. "Sie sind vor wenigen Monaten von der Sowjet-Administration Deutschland ausdrücklich aus der Sequestrationsmasse dem Land übergeben und als Eigentum des Landes erklärt worden. Über Eigentum des Landes kann ich in solchem Ausmaße niemals verfügen. Und zum zweiten waren Sie, Herr General, selbst dabei, wie der Marschall allen Präsidenten der Länder unserer Zone eröffnet hat, dass die Sowjet-Union keinen einzigen der sequestrierten Betriebe für sich in Anspruch nimmt, sie vielmehr den Ländern überlässt. Das musste in vielen Versammlungen, im Rundfunk und in der Presse der Bevölkerung bekanntgegeben werden, das war das Kernstück in den Kundgebungen zum 1. Mai. Wenn das heute nicht mehr wahr sein soll, dann wird die Bevölkerung sagen: was zählt das Wort eines Marschalls, was zählt das Wort des Präsidenten des Landes?" Doch die Uniform spricht: "Precas is precas – Befehl ist Befehl!" "Damit verteidigen sich auch die Nazigeneräle in Nürnberg", rutscht es mir in derselben Sekunde heraus. Stille. – – – Mein Gegenüber denkt nach, dann wirft er das Steuer herum. "Es ist im Interesse des Landes, dass diese Betriebe in dieser Form uns übergeben werden. Als Sowjetische A.G.`s bleiben sie hier, dadurch behalten die Arbeiter ihren Arbeitsplatz, sonst müssten die Betriebe als Reparationen demontiert werden". "Das gilt schwerlich von den Kaligruben, Herr General". – Wir beginnen uns im Kreis zu drehen. Ich stelle meinen Standpunkt klar heraus: "Ich kann über deutsches Volksvermögen nicht verfügen: Mich hat nicht die Bevölkerung zum Präsidenten des Landes gewählt, sondern ich bin durch einen Befehl Marschall Shukows eingesetzt. Insofern bin ich verlängerter Arm der Administration und kann daher nicht rechtsgültig deutsches Eigentum an diese übertragen." Der General ist anderer Meinung: "Sie sind der erste Mann im Land, Sie können jederzeit ein Gesetz oder eine Verordnung darüber erlassen, Sie sind auch in der Lage, uns die Werke zu übergeben." "Herr General, wenn Sie uns die Kaligruben wegnehmen", wende ich ein, "dann muss ich die Sowjet-Union bitten, dem Land, sagen wir über den Daumen weg, 30 Milliarden in Goldwert zurückzuzahlen. Mein Gegenüber lehnt sich interessiert zurück. Ich fahre fort: "die erschlossenen Kalilager werden auf hundert Milliarden Zentner geschätzt. Unter Zugrundelegung der friedensmässigen Förderung kann aus ihnen 1000 Jahre lang Kail gewonnen werden. Aussenminister Molotow hat die Reparationsforderung der Sowjet-Union auf 10 Milliarden Dollar beziffert. Ich frage, was repräsentieren demgegenüber die Kaligruben an Wert?" – "Wir zahlen nur die Einrichtungen", antwortete der General in der Überlegenheit seiner Stellung. "Herr General, nehmen wir an, ich habe eine Goldader erschlossen. Sie liegt 5 Meter unter der Erde. Das Gold ist dort mit den Händen greifbar. Um zu ihm hinunter und mit ihm dann wieder heraufzukommen, brauche ich eine Holzleiter. Statt des Wertes des offen daliegenden Goldes wollen Sie nach Ihrer Rechnungsweise die lächerlichen paar Mark für die Holzleiter zahlen!?" Ein Achselzucken war die Antwort. Ich wende weiter ein: "auf den Kaligruben ruht eine englische Gesamthypothek von 9 Millionen Pfund". "Die Gruben sind uns ohne jede Belastung zu übertragen", antwortet er mir. "Herr General, man kann eine Sache nur so übergeben, wie man sie selbst hat, das ist ein Jahrtausend alter Rechtssatz. Ein praktisches Beispiel dafür: ich habe einen Apfel in der Hand, der Apfel ist wurmstichig, er ist also nicht vollwertig, und Sie geben mir den Befehl, dass ich diesen Apfel herauszugeben habe. Da kann ich diesen Apfel nur so, wie er ist, nämlich mit einem Wurmstich behaftet, übergeben". Ein bauernschlaues Lächeln: "Wir essen um den Wurm herum und werfen das andere weg" ….. Die Sowjets beliessen es nicht beim blossen Verhandeln. Sie schicken ihre "Generaldirektoren" in die Werke, um diese unter mitwirkendem Druck der lokalen militärischen Stellen zu übernehmen. Ich erliess die Anweisung, dass kein Deutscher, der bei der Übernahme durch die Generaldirektoren als Vertreter des Landes anwesend ist, das Recht hat, Eigentum des Landes zu übertragen. Die Sowjets erhielten durch deutsche Zuträger baldigst davon Kenntnis. Ob sie meine Anweisung als uninteressantes, westeuropäisches Juristengehabe überlegen abtaten, weiss ich nicht. – Befehle ergehen, sie betreffen die Nennung der Werke und die Preisgestaltung. Die Generaldirektoren beziehen ihre Posten, die Sowjets setzen sich in die Werke. – Zehn Monate später merkt man in Moskau, dass rechtlich kein Eigentum übergegangen ist und der "Tanz in allen Sälen" beginnt von neuem. Ein harter Tag in der Administration, harte und schwere Tage folgten. Juristische Säulen der Sowjets haben erkannt, dass die wertvollsten Stücke des deutschen Wirtschaftskörpers zwar auf Grund militärischer Befehle in den Besitz der sowjetischen Aktiengesellschaften übergegangen sind, es dagegen völlig an dem Entscheidenden fehlte: an der Eigentumsübertragung. Zum ersten Male sind Volljuristen mit fundiertem Wissen die Gegner. Das bisher auf dem Gebiet des Rechtslebens Gegenübergestellte auf dem juristischen Bildungsniveau von Referendar-Aspiranten. Die osteuropäische Verhandlungstaktik setzt ein: Lob über Lob für den deutschen Verhandlungsgegner. Immer höher steigt der Sockel seiner Bedeutung, immer mehr wird er mit Lobessprüchen eingenebelt. In solchem Dunst der Bedeutsamkeit fliesst, umschalt als kleine Gefälligkeit, ein Verlangen in die Diskussion hinein, das in seiner Tragweite je grösser ist, je höher zuvor die Lobpreisungen waren. – Nach und nach hat man gelernt. – So komplementiert man zurück und wartet. "Herr Präsident, Sie wissen, dass im vorigen Sommer auf Grund eines Befehls des Marschalls, der sich auf einen Beschluss des Kontrollrats stützt, eine Anzahl Betriebe des Landes den Sowjetischen Aktiengesellschaften übergeben worden sind." Ich höre übergeben und denke: befohlen, diktiert und genommen. "Bisher", so führt die juristische Leuchte weiter aus, "ist verabsäumt worden, den Eigentumsübergang ins Grundbuch einzutragen, und wir bitten Sie, die Grundbuchrichter anzuweisen, es schnellstens zu tun." Pause. – Ich überlege. – – – Zunächst ist man einmal Formaljurist. "Ich bedauere sehr; nach sowjetischer Auffassung ist der Ministerpräsident nur der Älteste unter Gleichen. Nach der Verfassung habe ich zudem kein Anweisungsrecht, weder an den Justizminister, geschweige denn an die Gerichte. Nach deutschem Recht können diese überhaupt nicht angewiesen werden, auch nicht vom Justizminister." – Der Sowjet wendet ein: "Hier handelt es sich ja nur um die Sichtbarmachung des Eigentumswechsels." Unglaublich, – für wie dumm man uns hält! – Ich werde klarer: "Sie sind so gut Juristen wie ich; Sie wissen genau, dass das Eigentum an Grundstücken nur auf Grund von Einigung und Übergabe übertragen wird. Wo ist eine Einigung über die Objekte, wo ist eine Einigung über den Kaufpreis, wo ist bisher eine Übergabe im Sinne des Gesetzes erfolgt? – Sie sind im Besitz der Werke, das ist richtig, das ist aber auch alles. Ein Eigentumsübergang der Objekte an die sowjetischen A.G.`s ist bisher noch nicht erfolgt. Sie stehen daher rechtlich noch im Eigentum des Landes. Über Eigentum des Landes kann nach der Verfassung nur der Landtag, und das mit 2/3 Majorität, verfügen, ich habe keinerlei Verfügungsrecht." Der "Landtag" kam den Sowjets in die falsche Kehle, grosses Aufsehen ist nicht erwünscht. – Tage hindurch ging es bei den wiederholten Verhandlungen hart hin und her. Dann kamen militärische Befehle! Durch militärische Befehle über a) die Industrieobjekte, b) die Art des Preisdiktats, c) die Pflicht zur Aushändigung der Industriewerke an sowjetische Generaldirektoren d) über die Eintragung ins Grundbuch
eigneten sich die Sowjets die ersten Werke des Landes an!! – Eine Fundgrube von Prozessen – – ! – – wäre die Ostzone noch ein Rechtsstaat! –

Über den Hof der grossen Hermsdorfer Porzellanfabrik, der weltberühmten "Hescho", fegt ein kalter Wind. Die starke Belegschaft dieses bedeutenden Werkes hat sonst nirgendwo Platz. Darum frösteln wir allesamt draussen. – Das Wort eines Marschalls steht hinter mir, hinter mir auch die amtliche Eröffnung der sowjetischen Administration; vor mir, Auge in Auge steht die Belegschaft.
Überzeugung, Zusicherung, Gewissheit sprechen aus meinen Worten: "Jeder Handgriff, den Ihr tut, jede Stunde, die Ihr arbeitet, hilft dem Aufbau, dient dem Frieden, hilft unserer schwer geprüften Heimat. Das Werk in dem Ihr tätig seid, seine Hallen, seine Maschinen, gehören uns 125 , gehören dem Land". Gedanken deutschen Erfindergeistes werden hier in die Tat umgesetzt. Im Ausweichen auf das Gebiet der Keramik, für die alle Rohstoffe im Lande vorhanden sind, wird Neues und Neuestes, zum Teil Umwälzendes auf dem Gebiete der Wirtschaft und des Haushaltes geschaffen: Elektrische Kochplatten, elektrische Heizöfen, Anbrenner, Kugellager, gegen Säure für Jahre unempfindliche Röhren und zahlreiche Apparate, die bisher aus Metall gefertigt wurden und jetzt nur noch in Form hauchdünnen Überzuges zwischen 5 und 10 Prozent Metall benötigen, werden aus Keramik hergestellt. Das Werk läuft an, das Werk läuft auf Touren – "es gehört uns hat der Präsident gesagt". Erfinder, Ingenieure, Techniker, Arbeiter, Angestellte geben ihr Letztes! Bald werden die Hausfrauen, bald wird die Wirtschaft diese Hilfsstellung spüren! – – Ein militärischer Befehl macht das Werk zur sowjetischen A.G.! – – – "Brüder zur Sonne, zur Freiheit, Brüder zum Lichte empor, – " singen die Arbeiter in den BMW-Werken in Eisenach, in den grossen Hydrierwerken der Brabag, in I.G. Wulfen bei Bitterfeld, in den Braunkohlengruben und in hunderten anderer Betriebe der Ostzone anlässlich grosser Kundgebungen in Gegenwart sowjetischer Offiziere. Ich habe in vielen dieser Werke gestanden, ich habe ihren Aufbau gesehen. Ich sah in die Augen von zehntausenden und wieder zehntausenden von Arbeitern, die den Erklärungen und den in ihnen ausgesprochenen Hoffnungen glaubten und die sich in der Gemeinsamkeit des Wollens mit äusserster Kraft ins Geschirr warfen. Wie ist dieser Wille, diese Bereitschaft zur Mitarbeit, wie ist dieser Glaube an ein Marschallswort enttäuscht worden! Allen denen, welche sich zum Kommunismus bekennen oder mit seinem Ideengut liebäugeln, sollte man Gelegenheit geben, ohne Führung und Betreuung allerdings, dieses unglückliche Land aus eigener Anschauung gründlich zu studieren, um sich davon zu überzeugen, was der Bolschewik unter Sonne und unter Freiheit versteht. – – – "... Herr Marschall, Sie stellten im Juni 1946 eine Million Steinkohle aus Schlesien in Aussicht …..". Er erinnert sich dessen noch, – " aber 126 die Polen haben den Vertrag nicht eingehalten ...". Eine Hoffnung weniger, ein nicht eingelöstes Marschallswort mehr. – So fiel der Hausbrand nahezu völlig aus. Die Krankenhäuser konnten oft nicht mehr die Wäsche waschen und es fehlte zudem an Verbandszeug. Zeitungspapier wurde um Wunden gewickelt. – Wird einmal eine Organisation des Roten Kreuzes sich solcher Not im Herzen des Kulturkontinents Europa annehmen?! – Im Januar 1947 traf die Regierung die Pflicht, einen Erlass des Marschalls zur Kenntnis der Bevölkerung zu bringen, nach dem von nun an die Bevölkerung ein Mehr an Kleidern, an Schuhen, an Flicksachen, an Haushaltungsgegenständen erhalten sollte. Ich sah nach dieser Bekanntgabe manches beglückte Auge in manchem abgehärmten Gesicht. "Herr Präsident, auf dem heissen Boden sind mir die Schuhsohlen durchgebrannt, es sind meine letzten", den Satz hörte ich des öfteren in jener Brandnacht im August auf dem Thüringer Wald. Auf meinem Amtstisch liegt die amtliche Statistik des Landes, ich will sehen, wie sich die vom Marschall zugesicherte Verbesserung des zivilen Sektors ausgewirkt hat und in welchem Umfang man mit Schuhen der Feuerwehr helfen kann. Erschütternd die Bilanz, die im Sommer 1947 vor mir liegt: pro Kopf im Jahr 1,09 m Gewebe, pro Kopf in 6 ½ Jahren 1 Stück Untertrikotage, pro Kopf in 50 Jahren 1 Stück Obertrikotage, pro Kopf in 2 Jahren 1 Paar Strümpfe, pro Kopf in 15 Jahren 1 Paar Lederschuhe. Das sind nicht wegleugbare Zahlen! So sieht der Sozialismus der Tat des Ostens, so sieht die verkündete Erhöhung des zivilen Sektors aus! – Die Bevölkerung des Ostens wird trotz Fleiss, trotz Anspannung der Kräfte bis zum Letzten, wenn nicht Hilfe kommt, einer Verelendung entgegengetrieben, wie sie in solchem Maße in Deutschland bisher noch nicht bekannt war.

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" W e r a u f e i n e m T i g e r r e i t e t “ – – –

von


Professor Dr. Rudolf P A U L



Zweiter Band


Der Griff aus dem Dunkel

"Verhärte Dein Herz gegen den Untertan, das Volk achtet nur den, der es in Schrecken hält". Wüsste man nicht, dass dieser Satz eine Regierungsmaxime ägyptischer Pharaonen vor viertausend und mehr Jahren gewesen ist, so könnte er in Moskau geprägt worden sein. Das In-Schrecken-Halten ist eine der fühlbarsten Äusserungen der bolschewistischen Machthalterschaft.
Im Gegensatz zum nazistischen Terror, der sich in der Regel in lauter Form äusserte, der sichtbar für jeden seine Boykottposten aufstellte, der in der sogenannten Kristallwoche mit Lärm die Fensterscheiben jüdischer Geschäfte einschlug, deren Inhalt vor den Augen der Bevölkerung plünderte, die Juden mit dem gelben Stern behaftete, und man möchte fast sagen, sie vor den Augen der Welt liquidierte, sind die Terrormethoden des Ostens meist anders, liegen sie selten so plump auf dem Tisch. Blitzartig, völlig überraschend, meist in der Stille der Nacht, treffen sie ihr Opfer. Der Griff aus dem Dunkel mit der Lautlosigkeit des Einsatzes und dem spurlosen Verschwinden des Gepackten, seiner stummen Auslöschung irgendwo und irgendwann in irgendwelcher Form hat Unheimliches an sich, lässt in der Welt Millionen über Millionen erzittern – auch die Henker, von denen keiner weiss, ob er nicht morgen zu den Gehenkten gehört. –

Der Name der Organisation, welche die Henker, – um zunächst bei diesem Bild zu bleiben – zusammenschweisst, ist im Laufe der Jahrzehnte wiederholt geändert worden. Jeder dieser Namen verbreitet weit über die Grenzen der Sowjet-Union hinaus Angst, Widerwillen und Grauen und mahnt an die Ströme von Blut und Tränen, die seiner Daseinsäusserung folgen; – Tscheka, GPU, NKWD, und neuerlich MWD ist die Firmierung der sowjetischen, politischen Polizei. Im Gegensatz zur Wandlung der Namen haben sich ihre Methoden nicht oder nur wenig geändert.

Im Laufe der zwei Jahre, die ich zwischen den Sowjets verbrachte, kam ich auf Grund meiner Stellung, wenn auch nicht regelmässig, so doch oft, beruflich mit der NKWD und ihren Offizieren, hinauf bis zu ihrem General, in Berührung. Es ist für den Aussenstehenden fast unmöglich – nur Leichtgläubige und von politischem Zweifel nicht Beschwerte wissen natürlich alles – wirklich zuverlässiges Material über interne Vorgänge dieser Organisation, über ihre Querverbindungen und vor allem über die Stelle, welche wiederum sie ableuchtet und kontrolliert, zu erhalten. Schon vollends ausgeschlossen ist es, Tatsachen darüber zu erfahren, inwieweit Verbände der MGB, des sowjetischen Ministeriums für Staatssicherheit, in der Ostzone mit zum Einsatz gekommen sind.

Auch die NKWD und ihre Mitglieder unterliegen in dem schachbrettartig aufgezogenen Kontroll- und Gegenkontrollsystem des Bolschewismus der Gegenbeschattung und Durchleuchtung. Das Wort NKWD und jede Verbindung eines Gesprächsthemas zu ihr schliessen sofort jeden sowjetischen Mund, und der, welcher spricht – "vertraulich" natürlich –, lügt bewusst. Für den Aussenstehenden zeigt sich der NKWD in zweierlei Gestalt: in einer versteckteren Form, nennen wir sie darum im Folgenden die verdeckte, – und in jener, welcher hinter Bretterzäunen, Drahtverhauen, in Gefängnissen, Kellern und Konzentrationslagern ihr Eigenleben führt. Nennen wir sie im Nachfolgenden die offizielle NKWD. Es ist müssig, darüber zu streiten, welchen von beiden die gefährlichere ist, ich glaube, sie nehmen sich gegenseitig nichts. Die verdeckte ist in ihrem Auftreten und Wirken nach aussen hin weniger Schrecken einflössend. Sehr viele erkennen sie als solche zunächst überhaupt nicht. Sie ist in die Administration oder in die Kreiskommandantur eingebaut, scheint eingebaut zu sein. In ihrer Nähe klirren nicht so erkennbar Gefängnisschlüssel und Marterwerkzeuge. Ein Deutscher, der politisch verdächtig ist, oft von deutschem Denunziantentum dazu gemacht wird, erhält selten eine Vorladung zur offiziellen NKWD ins Gefängnis. Solche Schreckwirkung wird zunächst vermieden, wenn vielleicht auch nur aufgespart. – Man bestellt den Betreffenden in eine Dienststelle der Sowjetischen-Militär-Administration; dorthin geht er zwar auch nicht in der gehobenen Stimmung eines Frohgefühls, aber doch immerhin ohne grösste Furcht. Nach einigen einleitenden Sätzen durch einen Offizier dieser Verwaltungsstelle sieht sich der Geladene in der Regel einem zweiten, oft Zivil tragenden, gegenüber. Er scheint dort auch stationiert zu sein, doch er ist ein Vertretet der NKWD. Die Vernehmungstechnik besteht zunächst darin, einen Menschen sehr oft über ein und dasselbe Thema zu vernehmen. Der Zweck ist erkennbar, man sucht ihn in Widersprüchen zu verwickeln, um ihn als "Lügner" klein machen zu können. Das Vernehmungstempo ist, wie ich von allen hörte, die sich mir anvertrauten, für westeuropäische Begriffe schleppend. Die NKWD hat unendlich viel Zeit, oft auch im Wartenlassen des Geladenen. Es liegt auch hierin ein System. Der Geladene wird in Unruhe versetzt, man überlässt ihn Vermutungen, der Angst vor dem Ungewissen. Die Behandlung des in der Vernehmung Befangenen wechselt zwischen unechter Honigsüsse und echter Misshandlung, ganz wie es der Untersuchungszweck, das angestrebte Untersuchungsziel und – nicht zu vergessen – die Reaktion des Vorgeladenen verlangt. Die Nacht mit ihrer leicht ans menschliche Herz heranzuschleichenden Angst ist die übliche Vernehmungszeit bei der offiziellen NKWD, bei der verdeckten ist es zunächst der Tag. Während und vor allem am Ende der Vernehmung wird der Vorgeladene dahin durchgeknetet, dass er über die Tatsache der Vernehmung und erst recht selbstverständlich über deren Inhalt keinem Menschen ein Wort sagen darf. Er hat sich zu solchem Schweigen in der Regel schriftlich zu verpflichten, und es wird ihm kein Zweifel darüber gelassen, dass er bei der Verletzung solchen Schweigegebotes mit allem, auch mit dem Ärgsten zu rechnen hat. Die Angst vor der NKWD und ihre Einschüchterungsmethoden sind so gross und so nachhaltig, dass sie bei den meisten verfangen. Das Schweigegebot gilt in erhöhtem Maße für die, welche unter Druck zu Spitzeln und Agenten gepresst werden. Der menschliche Abhub, der sich von sich aus der NKWD zu ihrer Menschenbeschleichung und zu ihrem Menschenfängertum zur Verfügung stellt, befolgt auf Grund seiner inneren Verbundenheit mit solchem abgrundtiefen Tun das Schweigegebot viel leichter. Selbstverständlich unterschreiben alle, ob Freiwillige oder Gepresste, jenen Revers, nach dem sie sich bei der Verletzung ihrer Schweigepflicht als schuldig und der Urteilsfällung durch die NKWD als verfallen bekennen. Die Agenten, welche für die NKWD laufen, werden, – von den Spitzenagenten abgesehen –, von der verdeckten NKWD angesetzt und gelenkt. Die zunächst am Tage laufenden Unterhaltungen bei ihr finden dann ihre Verlagerung in die Nacht und in deren Standquartier. Die verdeckte NKWD führt ganz, wie ihre offizielle Schwester, ein Eigendasein innerhalb der Sowjets. Die Angst vor der NKWD ist nicht nur bei den Deutschen, sie ist genau so bei den Sowjets und läuft ebenso auch durch die Reihen der NKWD selbst. Keiner, auch kein Angehöriger der NKWD, ist ganz sicher, ob nicht auch ihm, – und von wem, – und weswegen – ein Unheil droht. Darum findet man hier, mehr als sonstwo, das unauffällige Abschirmen des Einzelnen gegen alle, auch den Freund. Den NKWD-Offizieren fehlt es äusserlich an Nichts, sie trinken auffallend viel und sind auffallend stark den Genüssen des Lebens zugetan. Sie kennen den vulkanischen Boden, der sie trägt. Vielleicht ist auch das eine entfernte Erklärung für die Vereisung ihrer Herzen gegenüber der seelischen und körperlichen Pein ihrer Werkzeuge und Opfer. Ich sah eine grössere Anzahl von ihnen hinauf bis zur hohen Charge von Generalsstreifen in Ungnade fallen und gen Osten verschwinden. Unter dem Naziregime war ich wiederholt Objekt von Gestapoverfahren. Ich stand auch als Angeklagter vorm Sondergericht und wurde reichlich oft zu Vernehmungen in die Höhle Himmlers, der Gestapo in der Prinz-Albrecht-Strasse in Berlin geladen. So wurden mir die Methoden der Gestapo und ihrer Reichsspitze vertraut, und ich hatte auch sonst noch Gelegenheit, tieferen Einblick in ihr Gewerbe zu nehmen. Ich glaube die Gestapo dahin beurteilen zu können, dass sie trotz allem eine Schülerin war, die den Grad der Reife für die NKWD noch nicht erreicht hatte. Meine in das Innere der NKWD hineingehenden Kenntnisse erwarb ich verhältnismässig spät. Das ist erklärlich. Der NKWD hatte bezüglich meiner Person eine Aufgabenstellung verschiedener Art. Sie hatte zunächst einmal mich in allen Lebensäusserungen zu überwachen. Eine zweite Aufgabe hiess, mir eine rosafarbene Brille aufzusetzen. Sie hatte, wie wir im einzelnen später noch hören werden, zu verhindern, dass schwerwiegende, krasse Tatsachen aus dem Lande bis zu mir durchdrangen. Und sie hatte in dieser Zielrichtung damit zugleich die Aufgabe, sich selbst als eine gewiss strenge, aber keineswegs mit Terror behangene Polizeistelle zu zeigen. Ein Leiter der offiziellen NKWD bittet um meinen Besuch in seinem Quartier, das sich damals noch im ersten Hotel der Stadt befand. – Als ich im Treppenhaus hochgehe, kommt mir von oben eine athletische Figur entgegen. Ich erkenne den Mann sofort: ehemaliger Preisboxer, Krimineller und der Anführer der Kommunisten bei den schweren Unruhen im Jahre 1923. "Na, Doktor", klingt es mir gönnerhaft von meinem Vorbesucher bei der NKWD entgegen, –"wie geht's", und er erinnert mich sofort an ein Anderes: "das war ein Tempo, Doktor, mit dem Sie uns damals mit Ihrer Polizei vom Simson-Brunnen haben herunterholen lassen..."! – Wir sind alte Bekannte. Als Staatsanwalt 1923 127 war ich während der kommunistischen Unruhen mit weitgehenden Vollmachten ausgestattet gewesen und hatte durch Einsatz kasernierter Polizei die kommunistischen Anführer, darunter auch ihn, schnell bedient. Der Leiter der NKWD lässt weder durch Miene noch durch Wort erkennen, dass er irgend etwas von meinem Vorbesucher über mich und die Liquidierung kommunistischer Unruhen gehört hat. Es scheinen ihn ausschliesslich persönliche Interessen zu beschweren. Er möchte sich höchstpersönlich elegant equipieren und meint, ich sei die zuständige Stelle dafür. Es kann dahingestellt bleiben, ob diese Spitze der NKWD mir durch die Blume ihr Wissen um meine frühere amtliche Tätigkeit andeuten wollte. Jedenfalls konnte ihr dieses Eingreifen von damals auf die Dauer nicht verborgen bleiben. Neben den Verhafteten selbst waren noch ein grösserer Teil der rund 8000 Menschen da, aus deren Mitte heraus die kommunistischen Schreihälse geholt worden waren. Es ist interessant, dass ich niemals eine entfernte Andeutung davon gespürt habe, und nur die NKWD weiss, ob sie mich dadurch in Sicherheit wiegen oder von diesem in sowjetischen Augen schwarzen Fleck auf meiner Weste erst sehr viel später einmal, vielleicht auch garnicht, offiziell Kenntnis nehmen wollte. Von dieser Abstreife ins Milieu 128 kehren wir zur NKWD, ihrem Auftrag und ihrem Handeln zurück. Die NKWD beiderlei Schattierungen überzog – und ich spreche im Rückblick aus nach und nach gewordener Erfahrung – das Land mit einem Netz von Agenten. Die Zahl der Knoten dieses Netzes stieg stetig an, es wurde zunehmend engmaschiger. In jedem besetzten Land, mag es heissen, wie es will, mag die Besatzungsmacht diesen oder jenen Uniformstoff tragen, gibt es Zuträger und Verräter. Das Agenten- und Spitzelwesen der Ostzone unterscheidet sich solchem trüben Treiben gegenüber durch die Grösse der Organisation, die enge Vermaschung und die Peinlichkeit der Kontrolle des Netzes. Jeder maßgeblichere Träger in der NKWD betreut bis zu 5 deutsche Agenten oder Agentinnen. Mehr sollen es nicht sein; sie sollen durchgearbeitet werden. Für jeden und jede hat der betreffende Sowjet einige Nachtstunden eines bestimmten Wochentages reserviert. In ihnen erfolgt Berichterstattung und neue Auftragserteilung, selbstverständlich auch mit einer solchen, welche der Bespitzelung anderer Agenten dient. Dieser feste Stamm umfasst in einem Land viele hundert Personen. Zu diesen gesellen sich zusätzlich die Spitzel der politischen Abteilungen der Administration und Kreiskommandanturen. Die zu beiden Kategorien endlich stossende Zahl der Denunzianten lässt dieses Heer von Verrätern in die Tausende gehen. Die NKWD ist ein Seelenkenner des Menschen, und sie sucht zunächst dessen schwache Stelle zu finden. Die Schwäche spielt im menschlichen Sein eine grosse Rolle. Zu irgend einer Schwäche neigt nahezu Jeder. Viele 129 Menschen sind Götzendiener des Vergnügens und verfallen 130 zu einem nicht geringen Teil seinen tieferen Schattierungen: dem 131 Massenverbrauch an Alkohol, dem 132 Geld, dem Sexus 133 . Über diese Schwächen fängt die NKWD die meisten, bricht deren Willen, macht sie zu Werkzeugen, zu Verrätern. Sie nutzt dabei die ihr bekannt gewordenen, bisweilen auch durch sie erst ausgelösten Schwächen nicht nur dazu aus, um die Betreffenden zu gewinnen. Mit denselben Schwächen und einem guten Schuss Angst hält sie die Agenten auch im Trab an der Arbeitsdeichsel. Endlich bedient sie sich ihrer zu einem Dritten: zur Liquidierung ihrer Werkzeuge, denn liquidiert werden auch sie eines Tages. Die Agenten selbst setzen sich aus allen Schichten der Bevölkerung zusammen. Sie entstammen parteipolitisch den Lagern aller Parteien, sie sitzen sogar auf Ministersesseln. Einer Sparte unter ihnen kann man ein gewisses Mitgefühl nicht versagen: es sind die Gepressten. Alle die, welche von Geburt her oder durch politische Vergangenheit im Sinne der Sowjets 134 Dreck am Stecken haben, sind für die NKWD am leichtesten zu fangen. Alter Adel, ehemals grosser Landbesitz, frühere Parteimitgliedschaft in der NSDAP, Offiziersfrauen, nach der Oktoberrevolution aus Russland Geflohene oder aus den Randstaaten Evakuierte müssen auf Verlangen in die Kandare gehen, sonst kommen sie zum Abtransport. – Ganz anderes gilt bezüglich der Agenten, welche vom Kriminellen her den Weg zur NKWD finden. Sie sind deren skrupelloseste Werkzeuge, sie bedeuten für die ordentliche Bevölkerung die grösste Gefahr, sind deren furchtbarste Geissel. Der Sowjet ist politisch geschult. Er macht sich, so es irgendwie zu vermeiden ist, nach aussen hin nicht die Hände schmutzig. Die SED-Polizei und nicht die Uniformierten der NKWD 135 schiessen die deutschen Grenzgänger an der Zonengrenze über den Haufen, wenn sie bei ihrer Flucht nach dem Westen beim Anruf nicht stehen bleiben. Die SED-Polizei verhaftet im Auftrag der NKWD die politisch verdächtigen Deutschen und gibt sie dann an die NKWD ab. Erst recht aber sind die deutschen Kriminellen und in ihr die Berufsverbrecher die gefügigsten Werkzeuge dieser sowjetischen Polizeimacht. Sie und ihre Dirnen gehen nicht nur über Leichen, manche von ihnen tanzen darauf. Wenige Kilometer von der Landeshauptstadt Weimar 136 entfernt liegt das bekannte Konzentrationslager Buchenwald. Sein Name klingt nach Frieden und Ruhe. Die Ausschüttung von etwa 40 000 --- Berufsverbrechern und politischen Häftlingen im Mai 1945 hinein ins Land bedeutete für diese eine schwere innere Belastung. Dabei meine ich, dass die Aufdeckung der letzten Geheimnisse um dieses Buchenwald des Nazireiches 137 und die in ihm von den Kommunisten geübten Methoden noch ihre Zeit gebraucht. Was bisher geschrieben wurde, ging daran vorüber, dass in diesem Lager ungezählte Menschen, und zwar bevorzugt der Intelligenzschicht Angehörige, von den Kommunisten ums Leben gebracht worden sind. Unter der Glocke des SS-Staates herrschte im Lager selbst die Kommune, entschied sie über Leben und Tod. Die zeugenmässige Erforschung der Wahrheit scheiterte bisher an der Angst der Wissenden vor der Rache der Kommunisten. Wobei ein Zweites nicht übersehen werden darf, dass viele Häftlinge bei ihrem so-viel-voneinander-Wissen untereinander eine Zwangszeugenschaft bilden, die auf dem Grundstrich läuft: den Eid wollen wir sehen, den wir nicht leisten. Die Verfilzung der ehemaligen Häftlinge untereinander, und zwar gleichgültig, ob sie im Lager Träger eines roten Winkels (politisch) oder eines grünen (kriminell) gewesen waren, war so gross, das man bezüglich ihrer Zugehörigkeit zur politischen oder kriminellen Sparte wiederholt irregeführt wurde. Selbst in meine engere und weitere Umgebung hinein wurden Kriminelle unter der Vorgabe politischer Belastung geschmuggelt. Darum erliess ich eine Anweisung, nach der von allen in massgeblichen Stellen des Landes befindlichen Personen der Strafregisterauszug anzufordern war. – Dieser Erlass hat die kriminelle Unterwelt und, was ich damals in dieser Klarheit noch nicht wusste, das Gros der ehemaligen kommunistischen Häftlinge Buchenwalds gegen mich in Marsch gesetzt. Er brachte auch die sowjetische N KWD gegen mich auf den Plan. Auf meinem Amtstisch liegt der Strafregisterauszug eines Mannes der rund 20 kriminelle Vorstrafen aufweist und der, – jede dichterische Erfindung bleibt gegenüber der Wirklichkeit zurück – ausgerechnet der Direktor einer der grössten Strafanstalten des Landes ist. – Justiz und Strafvollstreckung werden von der sowjetischen NKWD überwacht und gelenkt. Das Justizministerium hatte sich wegen des Hinauswurfs dieses Kriminellen gegenüber der NKWD nicht durchzusetzen vermocht. Darum schob ich mich ein und bat die Spitze der NKWD zu mir: "Herr Oberst, der Mann muss gehen, es ist untragbar einen Berufsverbrecher als Direktor an der Spitze einer Strafanstalt zu haben". "Die Vorstrafen liegen in der kapitalistischen Zeit, Herr Präsident", – antwortet er mir unbefangen, – "der Mann ist ein Opfer des kapitalistischen Systems, ….." Bin ich verrückt geworden!? Doch ich komme nicht zum Einwurf, unberührt um westeuropäische Moralauffassung fährt der Oberst fort: "der Mann hat sich ausserdem in der Zwischenzeit verdient gemacht. Wir sind mit seiner Arbeit zufrieden". Verdient!?, auch eine Lesart. Die äussere Beherrschung fällt mir bei meiner Empörung schwer: "Herr Oberst, der Bursche hat während seiner Tätigkeit als Leiter der Strafanstalt einen weiblichen Häftling geschwängert. Die Frau sollte dieserhalb vernommen wenden. Sie ist seit dieser Zeit spurlos verschwunden, – vielleicht ermordet!" Der Oberst antwortet zunächst nicht, seine Augen sagen: – sprich weiter. Ich fahre fort: "Ihr Mann hat sich einer zweiten Amtsverletzung, – der Freiheitsberaubung im Amt, – schuldig gemacht. Er hat Gefangene, die ihre Strafe abgesessen hatten, weiter in Haft behalten, weil sie ein Handwerk verstanden, das er gerade brauchte! Zum dritten ist er wegen Gefangenenbefreiung zu bestrafen, weil er Häftlinge, die ihm Schnaps und Lebensmittel versprochen haben, auf 'Ehrenwort' beurlaubt hat. Einige haben das Ehrenwort vergessen und sind nicht wiedergekommen!" Doch der Oberst will nicht verstehen. Wir wiederholen uns in unseren Erklärungen; dann versteift er sich: "Der Mann ist politisch in Ordnung. Er ist gut; wir sind mit ihm zufrieden, Herr Präsident, er muss auf seiner Stelle bleiben". Jedes Ding hat sein Ende, meine Geduld ist vorbei: "Machen Sie ihn zum Präsidenten, Herr Oberst! Einem Lande, in dem ein solcher Verbrecher gedeckt wird, stehe ich nicht vor." Stille! Im Gesicht des Leiters der NKWD ist nicht erkennbar, welche Gedanken in seinem Gehirn arbeiten. Die Antwort fällt langsam: "Ich bin damit einverstanden, der Mann wird entfernt". – Das war eine Niederlage der sowjetischen politischen Polizei; dass sie zudem noch in Gegenwart dritter geschah, wurde wohl nicht vergessen. Soll ich vorgreifen? Dieser Berufsverbrecher wurde, wie ich vor meinem Weggang zuverlässig erfuhr, von seinem sowjetischen Protektor hinter meinem Rücken zum Verwaltungsdirektor eines grossen Krankenhauses gemacht. Keine deutsche Stelle wagte, mich von diesem erneuten Einbau zu informieren, so gross ist die Angst vor der NKWD. Und der Griff aus dem Dunkel? Er hat seine Opfer geholt, begonnen in hohen Amtsstellen bis hinunter in die grosse anonyme Masse der Bevölkerung. Die Zahl der Verschwundenen ist nicht feststellbar. Die Amtsstellen, die darüber am ehesten und am zuverlässigsten Auskunft hätten geben können, waren im Sinne des demokratischen Staates unzuverlässig, sie waren mit Kommunisten besetzt. Nicht feststellbar war auch der Verbleib. Über die Martermethoden zu schreiben lehne ich ab, ich kenne sie nur vom Hören – und – Sagen. Ich habe über zwei Jahre hindurch immer und immer wieder versucht, Licht in das Dunkel solcher Griffe zu bringen, Verhaftete zu befreien. Ich bin nicht bei den unteren Stellen der Sowjetischen Militär-Administration und bei der NKWD stehen geblieben und habe es schon gar nicht bei 138 einigen wenigen Versuchen bewenden lassen. Ich bin persönlich, als gar nichts half, als höchste Militärstellen durchblicken liessen, dass man sie in Angelegenheiten, in denen die NKWD arbeite, nicht ansprechen solle, zur obersten Spitze nach Berlin-Karlshorst gefahren und habe unter Darlegung der Stimmung im Lande um Abhilfe gegen den "Griff aus dem Dunkel" gebeten. Das Ergebnis war: Null. Nach wie vor verschwinden Jugendliche und Erwachsene und sind einfach nicht mehr da. Die deutsche Polizei kann nur sagen, wann und wo sie einen Unglücklichen zur Ablieferung brachte. Über das Weitere weiss auch sie nichts. Alle meine schriftlichen Eingaben an die NKWD wurden durch Zeitablauf beantwortet, ihre Einreichen wurde nachgerade sinnlos. Die mündliche Anfrage erhielt ausweichende Erklärungen, Vertröstungen oder zum Teil sogar Versicherungen eines angeblichen Nichtwissens. So wuchs 139 das Konzentrationslager Buchenwald, das man der Vergangenheit angehörend wähnte, sich wieder zu einer Sammelstelle tausendfältigen menschlichen Elends aus. Ein K.Z.-Lager Hannewacker bei Nordhausen, das besonders radikale Kommunisten aufgezogen und mit ehemaligen Nazisten belegt hatten, habe ich durch eine Fahrt nach dort mit entsprechender Deutlichkeit gegen seine Errichter zur sofortigen Auflösung gebracht. Dem KZ-Lager Buchenwald gegenüber war ich machtlos; ich kam weder hin, noch erfuhr ich Zuverlässiges. Soweit ich Verhaftete der NKWD freibekam – ihre Zahl ist sehr gering –, sassen sie noch nicht in Buchenwald. Aus ihm gelang mir die Befreiung keines einzigen. – Soweit ich aber Insassen von dort wieder erlebte, waren sie zu Agenten der NKWD geworden und liefen dann für die "offizielle" Schattierung. Am Zuverlässigsten bin ich noch über das Verschwinden Jugendlicher informiert, wobei ich zur Vermeidung von Gefahr für Leib und Leben Dritter auf die restlose Wiedergabe von Einzelheiten verzichten muss. Nach dem mir bekannten Material ergibt sich, – um den juristischen Ausdruck letzter Vorsicht zu gebrauchen – mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit folgendes Bild: Die Torheit einiger weniger Jugendlicher in einem Teil des Landes, sich als Wehrwolf [sic] zu gebärden, gab der NKWD einen willkommenen Vorwand, die Reihen der Jugendlichen mit dem Griff aus dem Dunkel wahllos zu lichten. Die Not der Jugendlichen lag mir besonders am Herzen, und ich nahm mich ihrer mit Nachdruck an. Nach wiederholten Vorstellungen wurde mir bei der Sowjetischen Militär-Administration endlich Nachprüfung zugesichert. Ich liess nicht locker. Dann erhielt ich von der Militärverwaltung und von der NKWD zu wiederholten Malen das Versprechen, dass die verhafteten Jugendlichen wieder in Freiheit kämen, von denen der Nachweis gebracht werden könne, dass deren Eltern Antifaschisten seien. Diese Listen mit den geforderten Nachweisen für jeden einzelnen Namen wurden wiederholt eingereicht. Die Zusicherung wurde niemals eingelöst. Die Jugendlichen kamen zunächst in örtliche Gefängnisse, dann nach Buchenwald. Sie rekrutierten sich aus Schülern 140 höherer Schulen, Lehrlingen, Gesellen. Von dort kamen sie, – von einem grösseren Trupp weiss ich es, – nach Sibirien. Weltgewissen?! Jugendliches Leben wird dem Mutterboden entrissen und gleich Vieh zum Abtransport gebracht, der Sklaverei zugeführt. Gegenüber solchem Tiefstand unseres menschlichen Heute wird die Frage sekundär, ob man die jungen Menschen als Arbeitssklaven in Bergwerken, Wäldern, oder sonstwo zu Hassern der Welt macht oder ob man sie nach zuvoriger politischer Umpressung als Kämpfer unter einem fremden Uniformtuch zum Siege für Sicher und Hammer im fernen Osten ins Feuer schickt.

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Aussenpolitische Streiflichter

Diese Überschrift niederschreiben heisst sogleich die Begrenzung und das Ausschnittweise eigenen Wissens auf dem Gebiet der Aussenpolitik zu erkennen. Wenn ich trotz solcher Erkenntnis es unternehme, einige Lichter zu setzen, so glaube ich, dass manches von ihnen geeignet ist, manches Wissenswerte zu erhellen.
Die "Rote Armee", welche 1945 das Land besetzte, repräsentierte in Offizieren und Soldaten, in Bekleidung, Bewaffnung, Ausrüstung und sonstigem Begleitmaterial ein durch die Strapazen des Krieges stark mitgenommenes Heer. Es erholte sich in Menschen und Uniformierung sichtlich von Monat zu Monat. Die Disziplin war in den verstreuten Verbänden stark aufgelockert, bisweilen sogar fast nicht mehr da. Die geschlossene Truppe war in der Hand ihrer Offiziere. Die deutsche Bevölkerung verwunderte sich nicht wenig, dass viele Soldaten und Offiziere keine Sehnsucht nach dem politischen Russland hatten, und dass beim Rücktransport von Truppen nach der Sowjet-Union diese fehlende Sehnsucht bei einem beachtlichen Prozentsatz sogar zu Desertion 141 ausschlug. Das wirtschaftlich und in vielem auch sonst armselig gewordene Deutschland schien für viele ein Himmel gegenüber dem sowjetischen Paradies zu sein. Aus dieser Besatzungsarmee hörte man 1946 von Monat zu Monat zunehmend Äusserungen über die grosse Not in der Sowjet-Union. Das Verbrennen der Ernte durch die Dürre des Sommers, und dass auch noch in der Kornkammer Ukraine, liess bald die Klagen über den Hunger, ja über eine Hungersnot, zu einer 142 allgemeinen werden. Bis hinauf zu den Generalsfrauen wurde Brot geröstet und in die Sowjet-Union geschickt. Dass die Sowjets auch sonst aufkauften, was in Artikeln aller Art zu kaufen war, versteht sich von selbst. Aus Unterhaltungen weiss ich, wie ausserordentlich ernst die Lage zwischen Wolga und Weichsel von den Spitzen der Besatzungsmacht beurteilt wurde. Die Enttäuschung in der sowjetischen Bevölkerung war damals, und es wird noch für lange so gelten, ausserordentlich gross darüber, dass die Reparationen aus der Ostzone trotz der erbarmungslosen Auspressung der zu ihr gehörigen Länder bei der Fülle der Schäden in den russischen Riesenflächen wenig, beinahe Nichts bedeuteten. Die Sowjets sahen damals deutlich die Not ihres Zuhause wie überhaupt ihre Schwäche. Die Angriffe auf die westlichen Alliierten waren in jener Zeit noch selten und in der Formulierung zahm. Ich weiss, dass in diesem Jahre, hinauf bis in hohe militärische Spitzen, eine ausgesprochene Sorge vor einer etwaigen Auseinandersetzung mit den bisherigen Alliierten bestand. Die grosse Sorge hiess dabei: Polen! Polen ist in seiner Regierung sowjetfreundlich, sowjethörig. In der Bevölkerung sieht es anders aus. Ich weiss das zuverlässig aus den Äusserungen der Sowjets, ihrer Wut, ihrem Hass gegen die Polen, welche die durch polnisches Gebiet rollenden sowjetischen Züge plündern. Am meisten fürchtet man für die russischen 143 Frauen der Besatzungsmacht. Bei jenem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in das von 144 1939 bis 1941 von den Sowjets besetzt gewesene Polen östlich der Weichsel waren damals zu viele sowjetische Offiziersfrauen von den Polen aufs schwerste misshandelt, zum Teil sogar erschlagen worden. Das Polen im Rücken macht den Sowjets Sorge. Der Verkehr über das Bahnnetz der Tschechoslowakei ist umständlich. Die Handelsflotte in Wismar, mit der man den Verkehr durch Polen umschiffen will, ist noch nicht fertig. Die Eichen, die in Mecklenburg fielen, und das Holz der Ostzone schwimmen noch nicht auf der Ostsee. – Strategisch schlimm, nicht nur ein schlechtes, sondern zudem auch noch ein gefährdetes Eisenbahnnetz im Rücken zu wissen und daneben zu erkennen, dass die Wasserbrücke in der Ostsee 145 von den Westmächten vielleicht sehr schnell zerstört werden könnte. Ich habe die Überzeugung, und sie kommt für mich in die Nähe der Gewissheit, dass die Sowjets damals bei Erhalt ihrer Demontagen und eines Zusätzlichen: eines Milliardenkredites in wertbeständiger Währung auf diplomatischem Weg wieder weiter östlich hätten gelenkt werden können. Als die Konferenz von Moskau vor der Tür stand, herrschte bei den Sowjets nicht das Hochgefühl der Sicherheit, das sie während dieser bekamen. Die Not der Sowjet-Union war in diesen Monaten so gross, dass man darüber die Tarnung, in diesem Fall das Gesicht der Sicherheit vergass. Die Sowjets glaubten vor der Konferenz von Moskau, an der Einheit Deutschlands nicht vorbei kommen zu können. Die SED mit der Sturheit ihrer Führung, den versklavten Gehirnen 146 im Zentral-Sekretariat, ihrer Kampfansage an die Intelligenz und ihrem Versagen im Gewinnen der öffentlichen Meinung war für die Russen eine böse Enttäuschung. Das Wort "duraks" - Dummköpfe, war noch eine milde Formulierung. Dazu kamen die politischen und stimmungsmässigen Schwierigkeiten bei den Mannschaften und unteren Offizierschargen angesichts der westeuropäischen "Trugbilder". So hatten die Sowjets die Zone irgendwie leid. Ich weiss genau um ihre Befragung führender Deutscher der Ostzone über eine zukünftige Reichsregierung. Wiederholt wurde auch 147 ich bezüglich des staatsrechtlichen Aufbaues und darüber hinaus über geeignete Personen für eine Regierung im Reichsmaßstab befragt. Mein Vorschlag, die Verfassung von Weimar unter Ausmerzung ihrer in der Praxis zutage getretenen Fehler zum Ausgangspunkt zu machen, fand Zustimmung. Unmittelbar vor der Moskauer Konferenz hörte ich zum ersten Male und dann gleich einer Beruhigungsformel sich wiederholend das russische Sprichwort: "Die Wände sprechen bei der Verhandlung mit". Mitten in der Konferenz, ich war damals nicht im Amt und erhielt des öfteren sowjetischen Besuch in meinem Hause, sprang förmlich von heute auf morgen die Stimmung der Sowjets um, sie merkten, dass sie an der Einheit vorbeikamen und wurden Anhänger und das nunmehr begeistert von einem "Föderalni-Ostdeutschland" unter kommunistischem Zepter. Wenige Wochen nach Moskau hatte ich mit dem Marschall Sokolowski 148 eine Besprechung. Ich hatte darum gebeten; sie fand nur 149 zwischen ihm und mir statt. Der sowjetische Administrationschef meines Landes, General Kolesnitschenko 150 , der wegen dieses Gespräches später 151 als Gegenzeuge gegen die nachfolgende Sachdarstellung 152 aufgerufen worden ist, befand sich auch nicht eine einzige Sekunde im Zimmer. Er konnte es schlechterdings auch nicht sein, denn er war nicht weniger als 250 Kilometer von dieser im Zimmer Sokolowskis 153 in Berlin-Karlshorst stattfindenden Unterhaltung entfernt. Ich muss es der Öffentlichkeit überlassen, welcher Sachdarstellung sie folgt: der des überhaupt nicht anwesenden Generals oder der Meinen. Die Umstände, welche mich zur Unterredung veranlassten, mein Verhalten nach ihr, mein Weggang aus der Ostzone und schliesslich die Entwicklung der Verhältnisse dort, dürften als zu bewertende Argumente nicht ausser Acht gelassen werden Sokolowski 154 hatte von meinen Differenzen mit den Spitzenfunktionären der SED gehört, die in diesen Wochen besonders gross waren. Er fragt mich kurz und begleitet meine ebenso kurze Antwort mit einer bagatellisierenden Handbewegung. Dann kommen wir zum eigentlichen Zweck meines Besuches. Ich entwickle ihm: Ich will führende Männer aus allen Teilen Deutschlands, ohne Ansehen ob und zu welcher Partei gehörig, zur Schaffung eines Vorentwurfs einer deutschen Verfassung und zur Bildung einer deutschen Stimme vor der Konferenz von London und für diese zusammenfassen. Der Versuch der Parteien zur Schaffung einer sogenannten nationalen Repräsentation – ohne propagandistische 155 Fremdwörter geht es im Osten 156 nun einmal nicht – war kurz zuvor kläglich gescheitert. Die Parteien waren noch nicht einmal an den Rand ein und desselben Verhandlungstisches zusammenzubringen gewesen. Der Marschall fragt nur einmal kurz, welche Verfassungsform mir vorschwebe und was ich zur Moskauer Äusserung Molotows darüber meine. Im übrigen hört er zu. Plötzlich unterbricht er mich. Seine völlig aus dem Rahmen des Vortrags fallende Frage lässt mich aufhorchen: "Wie alt sind Sie eigentlich, Herr Präsident?" "53 Jahre, Herr Marschall". "Für einen Mann ein schönes Alter. Wir hoffen, mit Ihnen noch grosse und grösste Feste feiern zu können, Herr Präsident". Ich lächelte verbindlich und denke, was kommt jetzt? "Sie kennen die wirtschaftlichen Verhältnisse Ihres Landes und der Zone" fährt er fort 157 , "meinen Sie, Herr Präsident, wenn gegen unsern Willen auf der Konferenz von London der Vorhang nach dem Westen endgültig fällt, wird dann die Ostzone allein leben können?" Die Formel "gegen unsern Willen" ist nicht neu, sie ist mir bekannt. "Herr Marschall, ernährungsmassig kann der Osten ohne den Westen leben, dagegen kann er es nicht in der Wirtschaft. Die Wirtschaft der Ostzone ist stark nach der des Westens orientiert, sie ist mit ihr verfilzt. Wir brauchen den Westen für die Eisen- und Stahlindustrie, als Ergänzung und Zubringer, zu den meisten unserer Industrien. Vor allem brauchen wir die Kohle der Ruhr...." "Die können wir auch aus Schlesien bekommen, Herr Präsident". "Herr Marschall, vor etwa einem Jahr haben Sie auf der Konferenz der Präsidenten erklärt, die Ostzone würde mit 1 Million Tonnen Steinkohle aus Schlesien rechnen können. Bis heute sind sie nicht eingetroffen". "Sie haben recht, die Polen" – und Verachtung verraten Stimme und Gesicht – "haben den Vertrag nicht erfüllt. Wir könnten aber die Kohle aus dem Donezbecken liefern". Die Umstände und die Höhe der mir gegenüber sitzenden Charge verbieten es, dass ich lache, ich könnte antworten: Wie kann das Donezbecken liefern? Es ist rund 2000 Kilometer ab, das Eisenbahnnetz ist denkbar schlecht, dorthin rollen die alten Schienen, die jetzt bei uns herausgerissen werden, nach dort sind die grossen Bagger, die bei uns in der Zone zur Demontage kamen, im Abtransport begriffen . – Ich wähle das behutsame Schweigen, er fährt fort: "Wenn nach Ihrer Ansicht, Herr Präsident, beim endgültigen Fallen des Vorhangs die Ostzone in der Wirtschaft nicht allein leben kann, wird es dann nicht besser für Sie sein, sich als Föderativ-Ostdeutschland an uns anzuschliessen?" – Pause. – Die Augen des Marschalls beobachten mich. Für einen Augenblick empfinde ich eine Unsicherheit, die mir sonst bei Verhandlungen fremd ist. Im langsamen Sprechen suche ich nach der Antwort: "Herr Marschall, bei der Wichtigkeit dieser Frage weiss ich nicht genau, ob ich sie richtig verstanden habe; ich bitte Sie, mir diese etwas weiter zu entwickeln, etwas näher zu begründen". Wir sehen uns beide an. Sein Gesicht ist wie immer verhangen, äusserlich lässt es keine Änderung erkennen. – Er wiederholt und ergänzt seine Frage nicht. Seiner Aufmerksamkeit sind mein Zögern mit der Antwort, mein erstes Verwirrtsein und die Langsamkeit in der Formulierung nicht entgangen. Seine Klugheit verstand diese Zeichen richtig. Verstanden hatte auch ich ihn. Mit einem Schwung wirft der Marschall das Steuer der Unterhaltung herum. "Sie sprachen von ihrem Plan für London, Herr Präsident, bitte fahren Sie fort". Ich gliedere meinen Plan auf und merke, dabei, dass der Marschall nur äusserlich zuhört; seine Enttäuschung über die Unterhaltung zuvor fühle ich durch. Die Atmosphäre im Zimmer ist eine andere geworden. Als er schliesslich erklärt: "Ich bin damit einverstanden, dass Sie eine solche Konferenz einberufen ...", spüre ich deutlich, dass die Worte und die Gedanken des Marschalls sich nicht decken. Wir sind am Ende. Der Marschall ist in der Verabschiedung weltmännisch liebenswürdig, und aus einem tiefgründig lächelndem Gesicht höre ich den Satz: "Gehen Sie mit Gott". – – – Ich habe diese mir genehmigte Konferenz niemals einberufen, so viel ich mir von ihrer Genehmigung vor meinem Gespräch mit dem Marschall versprochen hatte. In dem zweijährigen Verkehr mit den Sowjets hatte ich genügend Gelegenheit gehabt, ihre Sprechweise, ihr Mienenspiel, das Doppelbödige von beiden, kennenzulernen. Ich wusste, was in sowjetischem Mund das "gegen unsern Willen" heisst, ich verstand sehr deutlich die Frage des Marschalls von Föderalni Ost-Deutschland, und an Deutlichkeit schon gar nicht mehr zu überhören war seine Empfehlung "mit Gott". Die Richtigkeit meiner Schlussfolgerungen bekam ich noch obendrein wenige Zeit später bestätigt. Mit der im Zentral-Sekretariat der SED üblichen Plumpheit sprach man dort offen aus, was "unser Freund", Tulpanow 158 , vermutlich vertraulich dem Parteipapst i. V. Ulbricht 159 mitgeteilt hatte. Verdeckt, besser jedenfalls, brachte es die sowjetische Administration an. Bis eines Tages auch bei ihr, – und zwar als der Marschall-Plan in Westeuropa starkes Echo fand, Molotow Paris verlassen hatte, die Wut gegen die einstigen Alliierten des Westens durchbrach und die Worte fand: "Die können Konferenzen machen, in London, in Paris, wo sie wollen, sie gehen alle so aus, wie die in Moskau". Wenn auch ein sowjetisches Generalswort in keiner Weise irgendeine Bindung für die Entscheidungen des Polit-Büros in Moskau bedeutet, so ist es doch als Stimmungsbarometer und echter Niederschlag der im Augenblick der Äusserung geltenden politischen Auffassung von Wert. Über das Polit-Büro selbst, die verschiedenen Strömungen und Gruppierungen in ihm, sowie welche Rolle effektiv dort Generalissimus Stalin einnimmt, bin ich nicht unterrichtet. Für falsch halte ich es aber, die in den Händen von diesen Männern tatsächlich liegende Machthalterschaft über ein Weltreich und über die noch weit grössere Weltorganisation des Kommunismus selbst mit armseligen Schimpfworten und blutrünstigen Redensarten abtun zu wollen. Jeder weiss, den Götzen macht nicht der Holzschnitzer und nicht der Vergolder, den Götzen macht der Anbeter, wobei betende Nachbarschaft ansteckt. So ist es nicht verwunderlich, dass man bei Gesprächen mit Angehörigen der sowjetischen Besatzungsmacht ausschliesslich auf Höchst-Äusserungen über ihren obersten Befehlshaber stösst. Das sagt an sich noch nicht sehr viel, solche uniformierte Ausrichtung und Begeisterung erlebten wir in Deutschland nur zu lange. Nachdenklicher macht, dass ich bei Gesprächen mit sowjetischen Kleinen und Kleinstleuten, die während des Krieges zum Arbeitseinsatz nach Deutschland gebracht worden waren, die also zur Zeit des Gesprächs ausserhalb der sowjetischen Einflußsphäre standen, ich folgendes Bild bekam: Sie schimpften, und zwar nahezu ausnahmslos über die verschiedensten Mißstände in der Sowjet-Union: über die Partei, die Funktionäre, über die Einführung der gelben Arbeiterkarte, die den Arbeiter an seine Maschine fesselte, über die Kolchose, über das System der Stachanow- Arbeiter, über das Verbot der Bet-Ecke in den Häusern auf dem flachen Land. Sehr viele, vielleicht sogar die Mehrzahl von ihnen, hatten nur Sehnsucht nach ihren Angehörigen, ihrem Dorf, ihrem Fluss, aber nicht nach dem Leben in der Sowjet-Union: Vor einer Person machten alle Halt, ob Industrie- oder Kolchose-Arbeiter, Mann, Frau oder Mädchen: vor Stalin: "Oh – Stalin, guter Mann", die Augen glänzten und das Gesicht strahlte. Das waren Leute aus der Masse, denen es in der Sowjet-Union denkbar schlecht ging. Es ist sehr leicht mit Hegel zu sagen, die Masse ist der Teil des Volkes, der nicht weiss, was er will. Die Geschichte wird einmal darüber urteilen, wie Stalin zu bewerten ist. Auf seinem Namen und auf seinen Schultern lag alles, als die Sowjet-Union bei jenem: Die Deutschen sind vor den Toren! nicht zerbrach. Darum scheint es mir bei einem echten Kampf gegen den Bolschewismus richtiger, dessen Kraftzentrum nicht mit flachen Redensarten zu vernebeln, sondern sich darüber klar zu sein, dass dort brutaler Wille zur Macht, Verachtung für millionenfaches Menschen-Schicksal 160 und kalt abwägender Verstand sich paaren. Regungen des Herzens dort zu vermuten oder an die Möglichkeit eines dauernden, gütlichen Verstehens mit solcher Partnerschaft zu glauben, ist gesteigertes Narrentum. Die ersten Verlautbarungen über den Marschall-Plan liefen wie ein Lauffeuer durch die gequälte Bevölkerung der Ostzone. Zum ersten Male schien die Hoffnung auf eine Hilfe von auswärts berechtigt, schien dieser Plan mehr als eine blosse propagandistische Erklärung zu sein. Diese Belebung in der Stimmung der Bevölkerung blieb den Sowjets selbstverständlich nicht verborgen. Ich werde auf die Administration bestellt und dort nach meiner Meinung über diesen Plan sowie darüber befragt, wie ich die Reaktion zu ihm bei den bürgerlichen Parteien und bei der Gesamtheit der Bevölkerung im Land und in der Zone werte. Dabei wird mir eröffnet, daß meine Stellungnahme zur Kenntnis dem auf dem Wege nach Paris befindlichen Aussenministers Molotow gebracht würde 161 . Diese Chance habe ich genutzt. Ich habe zunächst den Marschallplan in der dreifachen Fragestellung bejaht. Dann habe ich gegen das sowjetische Misstrauen, durch den Plan komme es in allen beteiligten Ländern zu einer Vormachtstellung der Amerikaner, angekämpft und versucht, das Ganze von einem anderen Gleis her den Sowjets schmackhaft zu machen. Das Gleis interessiert. Es hatte folgende Schienenführung: Bei einer Mitbeteiligung der Ostzone am Marschall-Plan, selbstverständlich erst recht bei einer solchen durch die Sowjet-Union selbst, würden die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Sowjet-Union und den Staaten wieder bessere werden. Diese neue Brücke könnte durch folgendes eine Versteifung erhalten: Die Ostzone ist bei ihrer wirtschaftlichen Konstellation nicht in der Lage, die von Aussenminister Molotow genannte Reparationsziffer von zehn Milliarden Dollar in Bälde aufzubringen. So fliessen trotz letzter Herausholung der Reparationen aus der Zone, der Sowjet-Union, in der Masse und in der Dringlichkeit gesehen, nur ungenügende Mengen zu. Das hat in der Rückwirkung zur Folge, dass der Reparationsdruck ausserordentlich stark auf der Zone liegt. Beiden, der deutschen Bevölkerung wie der Sowjet-Union, wäre in folgendem zu helfen. Von deutscher Seite, sodass ein Fehlschlag niemals einen Prestigeverlust für die Sowjets bedeutet, muss die Anregung, ja sogar der Vorschlag kommen, dass die Sowjet-Union einen grösseren Teil ihrer Reparations-Forderungen gegenüber Deutschland an die Staaten abtritt und dass diese in solcher Höhe der Sowjet-Union eine Anleihe geben….. Ich bin im Weitersprechen unterbrochen worden. Der Telefondraht summte nach Karlshorst, von dort vermutlich weiter; das sowjetische Ufer vergass das tarnende Schild, es war begeistert. Diese Gedankenentwicklung trug ich den Spitzen der bürgerlichen Parteien im Land und darüber hinaus maßgeblichen deutschen Persönlichkeiten aus Ost und West vor und fand allerorts lebhafte Zustimmung. Die Abreise von Molotow aus Paris zerschlug alle Hoffnungen. Ob und inwieweit meine Anregung in Paris überhaupt zum Gegenstand einer Besprechung gemacht wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich bringe dieses Streiflicht nur, um zu zeigen, wo der Schuh den Sowjet drückt. Werden die Sowjets nach dem Westen kommen?, heisst die meist gestellte Frage. Ich weiss es natürlich nicht. Mancher bisher geschilderte Punkt spricht gegen eine solche Annahme. Zwei weitere seien noch erwähnt. Die sowjetischen Generäle beherrschen, wie die der anderen Armeen, das militärische ABC. Sie kennen, um den Inhalt einer Unterhaltung wiederzugeben, Clausewitz und seine strategische Philosophie. Die Tiefe des russischen Raumes, der nach Clausewitz bei den zu seinen Lebzeiten bekannten Waffen wohl Schlachtensiege über die Russen, dagegen nicht eine Besiegung des ganzen Landes durch einen Feind für möglich hält, spielte dabei im strategischen Denken des sowjetischen Militärs eine wichtige Rolle. Sie sehen in der Tiefe des Raumes eine Strategie-Reserve höchster Ordnung gegenüber jener konträr laufenden Abnützung des Angreifers, der sich durch die Länge der Etappe in diesen Raum hinein von Tag zu Tag mehr schwächt. Bei einem sowjetischen Vormarsch gen Westen müssen die Sowjets ihre Bindfäden-Etappe, denn anders ist sie kaum zu benennen, zwangsläufig noch vergrössern. Es liegt bei ihnen, ob sie ein von ihnen sonst für richtig gehaltenes strategisches Gesetz in eigener Sache in umgekehrter Richtung glauben umdrücken zu können. Bei dem von ihnen durchgeführten Abbruch vieler für den Nachschub wichtigster Industrien und nahezu der gesamten Benzin schaffenden Hydrieranstalten mit deren Verlagerung nach dem fernen Osten scheint solches zweifelhaft zu sein. Im übrigen entscheidet über diesen 162 Vormarsch ja oder nein, wie über Krieg überhaupt nicht die Generalität, sondern das Zentralsekretariat 163 . Bei ihm dürften bei seiner bisherigen Politik weniger erste, flüchtige Seifenblasensiege gen westwärts als die Erwägung des Erhalts seiner Machtstellung vor gefährlichen Rückschlägen im Vordergrunde stehen. Solche Erkenntnis schliesst nicht aus, dass sich die Sowjets nach aussen hin militärisch als besonders stark gebärden. Das bisherige Ausweichen des Westens mit dem damit Hand in Hand gehenden fast überdimensionalen Aufplustern der Sowjets entspringt ihren Naturell. Ihren in die Welt hinaus projizierten Zahlen, und das ist der zweite Punkt, muss man mit Vorsicht begegnen, sie dienen der Schreckwirkung, der Propaganda. Ich erlebte des öfteren, und ich dürfte mit solchem Erleben nicht allein dastehen, die Frisur sowjetischer Statistiken. Beim Militär geht die Rechnung bekanntlich immer auf.

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Die Bolschewisierung im Marsch


Aus der Fülle eines Materials, das gleich einem aus seinen Ufern herausgetretenen Strom auf mich zukommt, will ich versuchen, in einem regulierten Flussbett Ordnung und Überblick des Ganzen zu gewinnen. Anstelle einer erdrückenden unübersichtlichen Materialfülle will ich das System aufzeigen, das, wie man jetzt weiss, nicht etwa den Ablauf eines Sondergeschehens darstellt, sondern ein nach festen Regeln ablaufendes Programm ist, das ein unabänderliches Ziel hat: Die Bolschewisierung der besetzten Länder.
Die Zeitungen der Welt sind heute mehr denn je mit Artikeln gefüllt, die den Bolschewismus zum Inhalt haben, ihn zu erkennen und zu erklären versuchen. Falsche und echte Propheten kommen dabei zu Wort. Daneben laufen spaltenlange Berichterstattungen über das Verhalten der Repräsentanten dieses europäisch-asiatischen Mammutstaates auf den Konferenzen in London, Paris und Moskau, in solchen über die Donau, über Berlin, in den Sitzungen des Kontrollrates und im Verein der Nationen der Welt. Und während die Öffentlichkeit über das Problem des Bolschewismus diskutiert und mit der Beobachtung seiner Lebensäusserungen beschäftigt ist, flammt überraschend für die Welt irgendwo ein Notlicht auf, erklingt ein verzweifelter SOS-Ruf, um kurz darauf zu verlöschen. Auf kaltem Wege, durch "Iltisarbeit", wie der Sowjet es nennt, hat der Bolschewismus unter Mitwirkung von Landesverrätern wieder ein Land ins Joch gepresst, führt er die Millionen seiner Einwohner der Sklaverei des 20. Jahrhunderts entgegen. Zu Tausenden, zu zehntausenden flüchten wieder von Osten nach Westen, über Strassen, Felder und Wiesen, Menschen, lassen sie alles zurück, was sie hatten, um ein Ziel zu gewinnen: die Freiheit. Dieses durch das stete Vorwärtsschieben des Bolschewismus bedingte menschliche Massenelend auf den Strassen und in den Sammellagern, die zu Elendsgebieten heruntersinkenden einstmals blühenden Länder des östlichen Europa reden eine überzeugendere Sprache, als die Selbstanpreisung des Bolschewismus: "Fortschrittlichste Demokratie der Welt". Wenn in der Diskussion über den Bolschewismus und seine Abwehr des öfteren der Satz auftaucht: "Man kann eine Idee nur mit einer andern Idee bekämpfen", so ist dazu zu sagen: jede Annahme, den Bolschewismus mit geistigen Waffen und auf demokratischem Fechtboden bekämpfen zu können, heisst den Gegner verkennen. Die handgreiflichste Kampferöffnung des Bolschewismus heisst Unterminierung des Gegners. Mögen oben im Konferenzsaal Vertragsurkunden ausgetauscht und Reden auf Vertragstreue gehalten werden, mag die rechte Hand des Sowjet noch so beteuerungsvoll vom Herzen her salutierend nach unten grüssen, das alles ist Zweck, ist Schein. Das alles gilt nur so lange, als der Vertragspartner im Sinne sowjetischer Zielrichtung läuft oder das Ganze in den Rahmen sowjetischer Politik hineinpasst. Zu jeder Zeit und in jedem Land der Welt arbeitet ein Zweites: im Untergrund, vielleicht schon ein gutes Stück vorgetrieben, sind Sappeure am Werk. Hinter ihnen, sie immer neu belebend, sie immer neu verstärkend, sie immer weiter vorschiebend – "Geld spielt keine Rolle" – steht jene Gier zur Macht, zum Ausschlachten der Welt, ihre Menschen und ihrer Güter. Suchen wir nach dem System. Bei der Besetzung eines Landes gibt sich der Sowjet betont den Anschein demokratischen Gehabes. Die Spitze des Landes wird bürgerlich, auf alle Fälle politisch gemässigt besetzt. Akademiker erhalten dabei den Vorzug. Die sonstigen Regierungsmitglieder repräsentieren die im Lande vorhandenen demokratischen Parteien. Diesen bürgerlichen Behang betrachtet der Sowjet nicht etwa als ein Übel, im Gegenteil, er erstrebt ihn sogar: zur Tarnung und nicht minder wegen des weiteren Fortganges der revolutionären Entwicklung. Nach seinem politischen Katechismus muss jeder Revolution die zweite, die wahre folgen. Für diese Revolution, mit dirigiertem Janhagel 164 der Strasse, mit dirigierten Belegschaften von Grossbetrieben, müssen politische Prügelknaben vorhanden sein, die man in Schauprozessen für eine künstlich inszenierte Not wegen Sabotage anklagt, wegen Landesverrat, Konterrevolution und anderen erlogenen Tatbeständen zur Strecke bringt. "Den Bourgeois kann man nicht umerziehen", ist ein sowjetischer Grundsatz. Alle Amtsinhaber aus solcher Herkunft werden mit Sicherheit, offen bleibt nur das Wann, liquidiert. Zur Durchführung dieser Reinigung der Zukunft bedarf es eines politisch zuverlässigen und in der Vollstreckung starken Armes. Das Innenministerium mit der Polizei wird darum stets von den Sowjets mit einem Kommunisten besetzt. Das ist die zweite Spielregel. Die andere Vollstreckungskomponente, die Justiz, überlässt man oft einem bürgerlichen Justizminister. Das sieht gut aus und ist ungefährlich, denn die Justiz untersteht der NKWD. Parteipolitisch gehen die zunächst im demokratischen Block zusammengefassten Parteien auf Grund des Führungsanspruchs der SED als deren Laufjungen weiter, um schliesslich eine alle Parteien umfassende "vaterländische" oder im Firmenschild sonstwie verlogene Einheitspartei darzustellen. Spielregel drei. – Dann ist der Zeitpunkt zur Reinigung dieser Partei gegeben, alle Missliebigen kommen zur Strecke. Ablaufphase vier. Das ist in groben Zügen das Gerippe für die staats- und parteipolitische Ummünzung: die Bolschewisierung. Sie selbst vollzieht sich in festen Etappen: Der erste Schlag gilt dem Banken- und Kreditwesen durch die Bankenreform mit der Streichung der Konten und der wirtschaftlichen Nivellierung aller Bevölkerungsschichten nach unten. Der zweite Schlag trifft die "Reserve des Bürgertums", die unabhängige Bauernschaft. Die Bodenreform soll in anziehender Schraube den Privatbesitz auf dem Land zerstören und ein für die Kolchose reifes Proletariat des flachen Landes schaffen. Ein dritter Schlag gilt dem Versicherungswesen, seiner Verstaatlichung. "Um dem Privatkapitalismus", ich spreche in sowjetischen Formeln, "eine Hauptquelle für die Kriegsführung zu entziehen und das Geld in die Hände des Staates zu legen, damit die Mittel des Volkes nicht erneut wider das Volk Verwendung finden, muss die falsche Organisation der Privatversicherungen mit ihrem Titelunwesen – Präsident, Generaldirektor, Subdirektor – und ihren Provisionsverschleuderungen ein Ende haben!" Wer bisher sich noch nicht davon überzeugt hat, dass es dem Bolschewismus um alles, nur nicht um eine soziale Besserstellung der Werktätigen geht, alle seine Formeln Vorwand und Lüge sind, dem möchte ich das folgende Beweismaterial nicht vorenthalten. Die Worte, mit denen die Sowjets die Zerschlagung des Versicherungswesens verbrämten, lasen wir bereits. Das Land, dem ich vorstand, war in gewissem Sinn das Geburtsland der Privatversicherungen in Deutschland. In der Stadt Gotha stand die Wiege von vielen. Um diese Privatversicherungen, diese Pioniere auf dem Gebiete des Versicherungswesens, zu erhalten, schob ich mich ein und erhielt die feste Zusicherung, dass man sowjetischerseits die besonders traditionsreichen von der Verstaatlichung ausnehmen wolle. In diesem Sinne sprach ich vor einer grossen Öffentlichkeit. Ein Jahr, vielleicht auch noch später erkannte man auch hier die Lüge und den Missbrauch, der mit Name und Stellung durch die Sowjets getrieben worden war, denn es wurde nicht eine Versicherung von der Verstaatlichung ausgenommen. Eine gesunde Verstaatlichung des Versicherungswesens würde tatsächlich in hohem Maße den Versicherungsnehmern zugute kommen, das heisst, bei geringeren Beiträgen würden höhere Leistungen von der Versicherungsanstalt gewährt werden können. Die Verstaatlichung mit ihrer Einsparung beispielsweise im Versicherungsapparat und dem Spesenwesen wirkte sich auch tatsächlich dahin aus, dass der Präsident der Landesversicherungsanstalt der sowjetischen Militäradministration für Deutschland den Vorschlag machte, von einer Erhebung der Beiträge für das Jahr 1947 abzusehen, da auf diese ohne Gefährdung des Versicherungszweckes verzichtet werden könne. Der Sowjet, der vorgab, für die soziale Besserstellung der Werktätigen im Versicherungswesen zu kämpfen, was tat er?! Der Jahresbeitrag der obligatorischen Brandversicherung wurde auf das 8-10-fache erhöht! Alle Prämien aller sonstigen Versicherungen erhielten, wenn auch nicht in solcher Multiplikation, so aber doch samt und sonders eine Erhöhung. Der Vorschlag des Präsidenten der Versicherungsanstalt wegen Prämienerlass wurde brutal abgelehnt. Was interessiert den Sowjet die Bedrängnis des Kranken, des verletzten, des abgebrannten Versicherungsnehmers, was gilt ihm die Not der Mühselig- und Beladenen? – nichts! Unter der Vorgabe zum Nutzen des deutschen Volkes befahl er die Verstaatlichung, und von den durch die überhöhten Prämiensätze gewonnenen Steuern der Landesversicherungsanstalten der Zone schöpfte er 70 (!) Prozent zu Nutz- und Frommen der sowjetischen Kasse ab. Dem Kreisvorsitzenden der SED war es vorbehalten, plump sichtbar den Becher von den Spielwürfeln zu heben, als er dem Präsidenten der Versicherungsanstalt erklärte: "Es ist ein Fehler von Ihnen, dass Sie die Landesversicherungsanstalt unter fachlichen Gesichtspunkten aufgezogen haben. Sie hätten besser daran getan, Arbeiter von der Strasse, auch Strassenkehrer, in leitende Positionen zu bringen. Sie haben es versäumt, aus der Versicherungsanstalt ein politisches Instrument zu machen!" – Parallel zu den obigen Massnahmen lief der sowjetisch propagierte "Kampf gegen die Kriegsverbrecher und Naziaktivisten", wurde die Sequestration betrieben, zerschlugen die Sowjets die deutsche Privatwirtschaft. Mit lauter Geste hatten sie, wie wir schon lasen, vor aller Welt erklärt: Die Sowjet-Union nimmt von den sequestrierten Betrieben für sich keinen einzigen in Anspruch, sie überlässt sie ausnahmslos den deutschen Ländern. Wenige Monate später dachte der Gönner anders. Die wertvollsten Industrieunternehmen wurden durch militärischen Befehl als sogenannte: "Sowjetische Aktiengesellschaften" aus dem Volksvermögen herausgebrochen und durch Befehl über Befehl in das Vermögen der Sowjet-Union überführt. Die gegen Kriegsverbrecher und Naziaktivisten durchgeführte Sequestration wirkt sich infolgedessen dahin aus, dass inmitten deutschen Landes die Perlen seiner Industrie zu Eigentum einer fremden Macht, nicht etwa ausländischer Privater wurden. Ihre politische und wirtschaftliche Steuerung erfolgt von Moskau aus über die bei Berlin liegende sowjetische Zentrale Weissensee. Die Schlüsselwerke der deutschen Industrie der Ostzone sind bolschewisiert! Unvermeidbar auch hier die vortäuschende Kulisse: Der bolschewistische Kämpfer gegen das "Monopolkapital" verkriecht sich dabei sogar hinter der kapitalistischsten Form der Vergesellschaftung eines Betriebes, hinter der Aktiengesellschaft. Aktien gibt es in den sowjetischen Aktiengesellschaften überhaupt nicht. Der Sowjet hat von der Aktie, wie von vielem der Wirtschaft Westeuropas, überhaupt keine Vorstellung. Gewiss läuft im Werk ein sowjetischer "Generaldirektor" als Aufpasser und Antreiber der deutschen Direktoren und Arbeiter herum, doch dieser Titel ist auch alles, was an eine AG erinnert. Diese sowjetischen AG`s sind die Blutsauger am deutschen Wirtschaftskörper. Sie nehmen eine brutale Sonderstellung ein. Sie und wieder sie sind bevorzugt und in ihren Anforderungen hundertprozentig vor allen deutschen Betrieben zu befriedigen. Kohle, Treibstoff, elektrische Energie und Rohstoffe aller Art unterliegen bei ihnen keinerlei Einschränkungen. Sie haben da zu sein, und das noch in Überfülle. Die vom deutschen Arbeiter in diesen sowjetischen AG`s erstellten Halb- und Fertigfabrikate wandern nahezu hundertprozentig in die Sowjet-Union. "In unserem Lande beutet keine Volksschicht die andere aus!?" – Narkosesprüche an den Wänden, im Radio und in der Presse, ein Land verblutet sich! Die Kommunisten spielen dabei vor Eifer und Servilität sich überschlagend alles in die Saugfänge der sowjetischen Polypen hinein. Im gesamten Sequestrationsverfahren, in den Schlüsselstellungen der Industrie und in den Reparationsabteilungen der deutschen Länder in der sowjetischen Zone sitzen die Kommunisten; sie haben nur ein Vaterland: Moskau. Sie fühlen sich wohl, am wohlsten, je tiefer sie in ihrer Ergebenheit sich im Schlamme des Verrats bewegen können. – Da steht so ein Repräsentant dieser Sorte!, Betriebsratvorsitzender. Sein Werk, in der Branche das erste des Landes, ist an diesem Tage durch Befehl dem sowjetischen Generaldirektor ausgehändigt worden. Das war ein Grund zum Trinken, zum Feiern, zum sich Betrinken: "Wir müssen büssen, wir müssen noch viel mehr büssen", lallt dieser Verräter der Belegschaft zur Unterstreichung seines Sklaventums immer wieder durch den Raum. – Dich, Burschen, müssten Deine Arbeiter sehen!" – – – Im grössten I.G. Werk des Bitterfelder Bezirks sind tausende von Arbeitern versammelt, das Werk ist eine sowjetische AG. "Herr Präsident, ich bitte Sie vor der Versammlung nicht den sowjetischen Generaldirektor aufzusuchen, sonst könnte die Arbeiterschaft glauben, er habe sie geimpft". Sehr interessant, die Arbeiter sind gegenüber den Bringern des östlichen Sozialismus hellhörig geworden. "Wie ist die Stimmung der Belegschaft?", frage ich den Kreissekretär der SED. – "Nicht gut". – "Wieviel rechnen Sie zuverlässig zur SED?" – "Zwanzig Prozent". – Aufschlussreich, und das im sogenannten roten Bitterfeld, bei reiner Arbeiterbelegschaft! – Ich sehe in einige tausend Gesichter; Misstrauen, Ablehnung, Stumpfheit und Hoffnungslosigkeit stehen in ihnen geschrieben. – Ich spreche zu ihnen von Deutschland, von der Wahrhaftigkeit meines Willens zur Einheit, den Hoffnungen, die ich auf den gerade in Paris zur Diskussion stehenden Marschall-Plan setze; ich spreche von der wirkliche Lage und mache keinen Hehl aus der Not. Wie anders werden die Gesichter, wie ändert sich die Haltung dieser Masse. Als ich vom Rednerpult weggehe, bin ich mit meinem Glauben an ein Zusammenfinden der deutschen Länder nicht mehr allein. – – Die aus der Sequestrationsmasse für die Sowjets uninteressanten Betriebe wurden "landeseigen". Das ist ein Name, ein Aushang wie alles, sie sind bolschewisiert. Durch sowjetischen Befehl und Druck sind die führenden Stellungen darin mit russlandhörigen Elementen, zum Teil mit ehemaligen "Leninschülern" besetzt. Nicht Fachwissen, sondern linksradikale Zuverlässigkeit entscheidet. Das sichert den Sowjets unkontrollierte Zuschanzung deutscher Volkswerte in Richtung Osten. Macht ist Recht; davon wurde bei der Reparation reichlich Gebrauch gemacht, die Befehle zur Demontage hagelten. Doch gegen Weiteres musste sich jedes Rechtsempfinden empören. Der Boden des Reparationsfasses wurde von den Sowjets in unterirdischer Arbeit durchlöchert. Mengen, Mengen und wieder Mengen flossen hinein, und die Meßhöhe für das Gelieferte schien sich im Fass kaum zu heben. Tatsachen sollen sprechen. Als Präsident des Landes hatte ich zu meiner Unterstützung bei [der] Bearbeitung der wirtschaftlichen Probleme einen Wirtschaftsstab gebildet. In den Augen der Sowjets und der SED-Führung hatte dieser Stab einen schweren Fehler, er enthielt keinen Links-SEDisten. Als die Demontagen schon geraume Zeit liefen, erfuhr ich, dass die Industrieabteilung des Landes unter der Führung jenes ehemaligen Leninschülers keine Unterlagen für die durch Demontagen hinausgehenden Millionenwerte des Landes sammelte. Ich setzte meinen Wirtschaftsstab zur Prüfung und zur Sammlung des Materials ein und grub ihm damit das Grab. Viele Monate habe ich um seinen Erhalt gekämpft. Er musste aufgelöst werden. Bis zum Tage meines Weggangs war es bei der sowjetischen Hörigkeit der für die Erfassung der Demontagen zuständigen Amtsinhaber nicht möglich, eine halbwegs zuverlässige Zahl, geschweige denn eine spezifizierte Aufstellung über die bei den Demontagen abtransportierten Werte zu erhalten. "Das deutsche Volk wird leben". Die wirtschaftlichen Tragsäulen seines Hauses: das Geld- Bank- und Kreditwesen, die Landwirtschaft, die Wirtschaft, das Versicherungswesen zerschlägt der Sowjet. Für weiteren Aderlass sorgen die Reparationen aus der laufenden Wirtschaft. Der Sowjet hat ihre Höhe bei 30 Prozent angegeben. Diese Zahl ist nicht richtig. Die sowjetischen AG`s, die leistungsbesten Industriewerke der Länder, liefern nahezu 100 Prozent ihrer Produktion an die Sowjet-Union ab. Einen sehr hohen Prozentsatz, im Durchschnitt bestimmt höher als 30 Prozent, haben die sogenannten landeseigenen Betriebe zur Ablieferung zu bringen. Das dann Verbleibende erhält beileibe nicht die deutsche Zivilbevölkerung. Den Reparationen schliessen sich unmittelbar die Entnahmen und Beschlagnahmen der Roten Armee an, die sich bekanntlich jede Kontrolle verbittet. Dann setzen die Total-Ausverkäufer Ostdeutschlands ein: die sowjetischen Aufkaufgesellschaften, welche mit dem den Deutschen zuvor weggenommenen Geld bezahlen. Wenn man ein annähernd richtiges Bild der Ausbeutung der Ostzone durch die Sowjets erhalten will, muss man leider das Pferd von rückwärts aufzäumen. Die Elendsmengen, welche für die deutsche Zivilbevölkerung übrig bleiben:
1,09 m Gewebe pro Kopf im Jahr,

1 Stück Untertrikotage pro Kopf in 6 ½ Jahren

1 Stück Obertrikotage pro Kopf in 50 Jahren

1 Paar Strümpfe pro Kopf in 2 Jahren

1 Paar Lederschuhe pro Kopf in 15 Jahren

sprechen für sich selbst! – – – –
Farbenklare, bolschewistische Morgenröte kündigt sich auch in den freien Berufen an. Auf dem Gebiet des Gesundheitswesens standen bisher die praktischen Ärzte in der vordersten Linie im Kampfe gegen Krankheit und Tod. Für schwierigere Fälle waren in jeder Stadt Krankenhäuser und Kliniken zur Verfügung und fanden ihre medizinische Spitze in den Kliniken der Universität mit Ärzten von höchstem Können. Ein solcher, in Deutschland entwickelter und in der Hauptsache bewährter Aufbau ist nicht nach bolschewistischem Geschmack. Das Einzelindividuum, die Persönlichkeit des Arztes, ist noch zu sehr auf selbständige Füsse gestellt, zu wenig umformiert 165 , zu wenig in Abhängigkeit gebracht. Darum – was kümmern Tradition und Bewährung – haben in allen Städten Polikliniken zu entstehen. – Womit?, es fehlt an Instrumenten, es fehlt an den erforderlichen Apparaten, – die Ärzte werden sie abgeben müssen. Und wozu?, in diesen Polikliniken, nicht mehr beim praktischen Arzt, nicht mehr beim Professor der Universität, soll nunmehr die Behandlung der Masse der Patienten erfolgen. Eine Ärztekolchose soll geschaffen werden, die Freiheit der Ärzte und ihr Können gegen Abhängigkeit eingetauscht und der Kranke und der Arzt unter straffe Kontrolle der Kommune gebracht werden. "Zu hoch, viel zu hoch, sind diese Krankschreibungen", empört sich die sowjetische Kontrolle! In den deutschen Ländern des Ostens mit ihrer "demokratischen Selbstverwaltung" kontrollieren Bolschewiken die von deutschen Ärzten krankgeschriebenen Fälle einer ausgemergelten und unterernährten Arbeiterschaft und verbieten ein Krankschreiben im bisherigen Umfang. Die Prozente werden zuvor festgelegt. Das gefährliche, bei den Sowjets fast zur Litanei gewordene Wort "Sabotage" spielt auch hier eine grosse Rolle. – – – Bevorzugte Belieferungen der Konsumgenossenschaften, denen ein Betrieb nach dem anderen zugeschanzt wird, ist ein weiteres sowjetisches Gebot. Schaffung von Verkaufsläden in den grösseren Fabriken oder in ihrer unmittelbaren Nähe sind Forderungen neueren Datums. Das klingt sozial; der Grund ist ein tieferer. Der Arbeiter soll auch in der Befriedigung seiner Privatwünsche genormt, soll zusammengehalten werden und – er soll in der Nähe der Maschine bleiben. – – – "Auskämmung des Handwerks", heisst eine weitere Devise. Ein Bild soll sprechen: Ich habe die führenden Männer des Wirtschaftsministeriums und von Industrie, Handel und Gewerbe zusammengerufen; mitgeladen ist auch der erste Vorsitzende der Freien Deutschen Gewerkschaft. Die Ladeninhaber und Kleingewerbetreibenden haben nach seiner kommunistischen Einstellung keine Daseinsberechtigung, sie gehören in Fabriken oder in Bergwerke. Rund 45 tausend Handwerkerbetriebe hat das Land. Bei dem ewigen Alles-Flicken und aus Altem-Neues-machen-müssen reichen sie nicht entferntest für Befriedigung dringendster Reparaturen und sonstiger Arbeiten für die Bevölkerung aus. Die Moskauer Schulung des Gewerkschaftsführers fiel auf guten Boden, er hat das Tarnen gelernt. Im Augenblick darf man sich noch nicht zu sichtbar gegen die Gewerbetreibenden stellen. So zieht er die Eselshaut über: Kampf den Nazismus! Lassen wir den Dialog folgen: Gewerkschaftsführer: "... Von den rund 45 000 Handwerksbetrieben müssen nach Auffassung der Gewerkschaft sofort 25 000 geschlossen werden, sie sind nazistisch verseucht!" Präsident: "Das waren doch nur Mitläufer, alle Aktivisten und stärker Belasteten sind, wie Sie wissen, durch die Sequestration draussen. Die Leute leisten zudem alle miteinander körperliche Arbeit. Sie als Vorsitzender der Freien Deutschen Gewerkschaft kennen genau wie wir die Knappheit der Handwerker im Land. Wollen Sie Schornsteinfeger, Dachdecker, Klempner, Schuhflicker und Schmiede durch ungelernte Frauen ersetzen?" Gewerkschaftsführer: "Die 25 000 Handwerker sind, auch wenn sie nur Mitläufer waren, eine politische Gefahr". Präsident: "Ich greife das Moment der politischen Gefahr auf. In Ihrer Gewerkschaft sind rund 100 000 ehemalige Nazi-Mitläufer als Mitglied. Das ist 1/5 Ihrer Mitglieder. Eine solche Zusammenfassung in einer solchen Stärke von 100 000, alle in ein und derselben Organisation, in Ihrer Gewerkschaft, bedeutet eine grössere Gefahr. Fangen wir mit der Säuberung bei Ihrer Gewerkschaft an". Das war das Ende eines kleinen Duells. Rund 20 000 Gewerbebetriebe wurden vor der Schliessung bewahrt. 5 000, darunter Kleinstgewerbetreibende wurden geschlossen. Das war der Zoll, der nicht verhindert werden konnte, da hinter der Gewerkschaft der Sowjet stand. "Wir werden nach und nach alle Privatgeschäfte schliessen, das liegt auf unserer Linie", plätschert der politische Leiter der KPD aus, der vierzehn Jahre lang in der Sowjet-Union in die politische Schule ging. Der Zerstörungsprozess der Privatläden ist in verschiedenerlei Form im Gang. Die Bevorzugung der Genossenschaften macht einen grossen Teil der Betriebe wirtschaftlich tot. Manche Artikel werden dem Handwerk durch Private entzogen. Und endlich hat sich in solcher Zielrichtung eine Übung klar herausgestellt, die Inhaber mittlerer und grösserer Ladenbetriebe im Wege der Dienstverpflichtung in die Bergwerke zu schicken. – Wenige Tage vor meinem Weggang bittet in meiner Wohnung ein Kaufmann um meine Hilfe. Ein hoher Prozentsatz der Ladeninhaber der sogenannten "besseren" Geschäfte seiner Stadt hat Dienstverpflichtung für die Uran-Gruben Sachsens erhalten. Das war damals. Das Heute läuft in Verwirklichung des aufgedeckten Zieles: Auslöschung des Mittelstandes, auch des kleinsten, als Erfüllung des Programmpunktes: Kampf dem Kapitalismus. Das kommunistische System hat, wenn es Fuss fassen und Bestand haben will, eines als entscheidende Voraussetzung: das Staatssklaventum aller Volksangehörigen. Eine bis ins Letzte gehende Willfährigkeit gegenüber Anordnungen des Staates ist nur bei Menschen zu erreichen, die ohne jegliches wirtschaftliches Rückgrat sind. Da selbst der kleinste Besitz: das Arbeiterhaus, der Laden mit Inventar und Lager, die Handwerkerstätte mit ihrer Selbständigkeit des Inhabers dem hundertprozentigen "aus-der-Hand-essen-müssen" entgegensteht, wird zerschlagen. Das ist nicht mit einem Hieb zu erreichen, die Opposition könnte sonst möglicherweise sogar siegen. Darum vollzieht sich die Bolschewisierung, mögen einzelne Etappen von ihr bisweilen wie Peitschenhiebe einschlagen, im Ganzen gesehen im Hinschleichen, packt sie heute jenen, morgen diesen Erwerbszweig. – – – – – – "Justitia est fundamentum regnorum", das Recht ist der Grundpfeiler des Staates, – über diese Worte sprach ich bei der Übernahme meines Amtes und erklärte, dass es eines von Dornen sei. Nach dem Gesetz 4 des Kontrollrates aus dem Jahre 1945 war die Justiz ohne wesentliche Abweichung von dem vor 1933 geltenden Aufbau wieder ins Leben zu rufen. Das geschah, die Gerichte standen am 15. Oktober 1945. Doch die Roben der Richter und Staatsanwälte waren noch nicht richtig wieder aus dem Amtsschrank hervorgeholt, als bereits die kommunistische Presse in Fanfarentönen gegen die Klassenjustiz losgelassen wurde. Über die Gefahr solcher Demagogie, die nicht bloss auf hetzerische Reden und aufputschende Zeitungsartikel beschränkt blieb, sondern den kurzen Weg zur Tat suchte, ein Beispiel: In der nördlichsten Stadt des Landes – in Nordhausen 166 –, die sich durch besonderen Radikalismus auszeichnete, sitzt ein ehemaliger Nazist in Untersuchungshaft. Er hat erwiesenermassen in der Zeit des Naziregimes einen Deutschen wegen Verächtlichmachung Hitlers denunziert, der Angezeigte ist auf Grund dieser Denunziation auch hingerichtet worden. Kein Wort zum Schutz für diesen Denunzianten; wohl aber darüber, dass er nur im Wege eines gesetzlichen Verfahrens, eines Urteils, seine Strafe finden kann. Wir sind noch in den Monaten wilder Gärung. Die rechtliche Konstruktion, durch welche die Schuld des Denunzianten nach dem bisher geltenden Strafrecht begründet wird, liegt nicht ohne weiteres auf der Hand. So vergehen Tage, vergehen Wochen. Diese Verzögerung 167 nutzt das aus Moskau zurückgekommene deutsche Strandgut, um die Massen hochzupulvern. An die 10 000 Menschen werden auf die Beine gebracht. Die sie alarmierende Losung heisst: Das Volk richtet selbst 168 , nachdem die Justiz versagt! Der Verhaftete soll vor den Augen der Massen seiner Strafe zugeführt, im Wege der Lynchjustiz ins Jenseits geschickt werden. Ich habe in dieser Situation höchster kommunistischer Dynamik keine Hilfe der Besatzungsmacht erbeten, ich habe mich auch nicht aufs Verhandeln mit den Umzüglern verlegt. Für mich ist die Demokratie noch nicht gleichbedeutend mit Ohnmacht gewesen. Ich pflege zu handeln und zwar auf dem Boden des Rechts. Das hat mich bei unzulänglich Informierten und bei Feigen in den Ruf gebracht, ein Autokrat zu sein. Als die von den Kommunisten hochgeputschten Massen sich durch die Strassen schieben, um einmal einen hängen zu sehen, bemerken sie einen grossen Teil der Polizei des Landes, welche damals noch keine der Kommune war, in ihren Mauern; den Generalstaatsanwalt habe ich der inneren und äusseren Vollständigkeit halber gleich mitgeschickt. Die von der KPD zum Kochen gebrachte Volksseele hat sich in wüsten Reden über die Klassenjustiz ausgeschimpft. Doch dem Lande blieb die Schande erspart, eines der Lynchjustiz zu sein. – Für die Rechtsverworrenheit in den kommunistischen Köpfen der Amtsspitze jener Stadt, die im übrigen auch das schon erwähnte Privat-KZ "Hannewacker-Lager" 169 errichtete, noch ein Ausschnitt: Der Oberbürgermeister und seine Amtstrabanten wollen mich sprechen. Nach der Anmeldung wollen sie mir den Beschluss der KPD-Mehrheit des Stadtrates vortragen, nach der sich Stadt- und Landkreis staatsrechtlich aus dem Land ausgliedern und dem Nachbarland Sachsen-Anhalt 170 mit einem besonders geschätzten KPD-Innenminister angliedern wollen. Ich habe ihnen sagen lassen: "… mit Rebellen verhandele ich nicht, die verhafte ich nur." – So bin ich um ein Wiedersehen gekommen, das Stadtoberhaupt zog vor, von seinem Besuch abzusehen. – Die Angriffe gegen die Justiz wurden natürlich von den Sowjets gesteuert. Das Berufsrichtertum soll zerschlagen werden. "Volksrichter" – "Volksstaatsanwalt" ist die neue Forderung. Man bekämpft die sogenannte Klassenjustiz, und was erstrebt man? Aus einer parteipolitischen Clique, der bewährten KPD, sollen im juristischen Fach Achtel-, Viertel- und Halbgebildete Recht sprechen. – Die unterm Nazismus mit Recht beanstandete erste Frage im Gerichtssaal: Sind Sie PG?, – soll unter der östlichen Demokratie wahrscheinlich in ein: Bist Du Genosse …? umgeprägt werden. Eingriffe in die Justiz sind an der Tagesordnung. Vorbei ist es mit zuverlässigem Rechtsschutz. Die Rechtsanwaltschaft ist im Abbau begriffen. Die Verteidigungsmöglichkeiten im Prozess werden beschränkt, Instanzenzüge gelöscht. Und bei den Staatsanwälten zeigt sich in ihrem Kampfe gegen das Verbrechertum nicht selten das ungewöhnliche Bild, dass man sich schützend vor den Staatsanwalt stellen musste, weil dieser von den Linksradikalen und Sowjets anstelle des verfolgten Verbrechers, – bewährter "Genosse", – zum Verfolgten gemacht werden sollte. Der parteipolitisch dressierte Volksrichter und Volksstaatsanwalt gibt heute der Justiz der Ostzone das Gesicht. Das Ziel ist klar. Ein wichtiger Pfeiler der Kultur und der Zivilisation soll zerstört werden: der Rechtsstaat. Darum verfällt auch die Justiz der bolschewistischen Zersetzung. – – – – Ein politisches System kann nur dann mit Berechtigung hoffen, an der Macht zu bleiben, sich zu verankern, wenn es die Jugend zu seinem Mitträger macht, und aus ihr nachschiebend immer neue Kräfte gewinnt. Diesem Zweck diente die Schulreform. Wir sahen bereits an dem Beispiel der Universität, wie es "gemacht" wird, solche Hochstätte der Kultur zur Keimzelle des Kommunismus zu machen. Die Schulreform, die, wie alle wichtigen politischen Umbrüche in der Zone zentral befohlen wurde, erstrebte mit schlecht verhüllter Deutlichkeit die geistige Nivellierung der Jugend nach unten. Wissen in der Masse, ein höherer Grad der Durchschnittsbildung, stört bei der Verankerung der orthodox stalinistischen Lehre. So liegt die Ausrottung westeuropäischen Unterrichtswesens zunächst in den Händen absolut zuverlässiger Östlinge, Deutscher, denen das letzte Gefühl für ihr Deutschtum in der Sowjet-Union ausgetrieben worden ist, und solcher, die mit vollen Segeln sich dem bolschewistischen Wind hingeben. Ich erinnere mich noch eines ersten Vortastens der Zentralverwaltung mit einer Anfrage wegen Abschaffung des griechischen- und Beibehaltung, wenn auch selbstverständlich auf ein letztes Mindestmaß zurückgedrängt, des lateinischen Sprachunterrichts. Damals schrieb ich für meine Ablehnung die kurze Begründung: " … das kleine Griechenland brachte dem Abendland erste Kultur, das grosse Rom den Marschtritt der Legionen ..." Dann erschien der Entwurf für die Schulreform. Er ging davon aus, dass die Schüler lange Zeit, es mögen sieben oder acht Jahre Schuldauer gewesen sein, in einer Klasse zusammenzuhalten sind. Damit entfiel die Möglichkeit eines schnelleren geistigen Vorwärtskommens für die Begabteren. Gleissnerisch wurde diese Grundeinstellung des Entwurfs damit begründet, dass man so das allgemeine Bildungsniveau heben wolle und darum die Begabteren in der Klasse lasse. Es gehörte nicht viel Hellsichtigkeit dazu, die Wahrheit zu erkennen. Das Bildungsniveau der Schulreife sollte mangels Entfaltungsmöglichkeit der Begabteren wesentlich herabgedrückt werden, was wiederum bedeutete, dass die Universitäten sich in den ersten Semestern mit Wissensgebieten herumzuschlagen hatten, welche in die Schule und nicht auf die Universität gehörten. Damals war ich noch Präsident des Landes und noch nicht die Strohpuppe Ministerpräsident. So änderte ich den Entwurf eigenhändig dahin ab, dass für die Begabteren durch sehr viel früher einsetzende Sonderkurse und wohl um zwei Jahre früher einsetzendes Ausscheiden aus der Gesamtklasse die gröbste Bildungsverkrümmung vermieden wurde. Später habe ich mich davon überzeugen müssen, dass auch dieser Ritt einer gegen Windmühlenflügel gewesen war. Der Lehrer-Nachwuchs, die Kategorie der bolschewistisch verseuchten Neulehrer, machten das Geplante zunichte. Mir kommt ein Aktenstück in die Hand: Ein junger Mensch war in der Hitlerjugend ein besonders fanatischer Anhänger der nationalsozialistischen Lehre gewesen. Sein Aposteltum nahm so übersteigerte Formen an, dass er in der Nervenheilanstalt landete. Die Besetzung des Landes durch die amerikanischen Truppen und die kurz darauf nachfolgende "Befreiung" der Bevölkerung von nazistischem Ideengut durch die Rote Armee fasste er als eine persönliche auf. Er entwischte aus der Heilanstalt, brachte sowjetische Soldaten auf die Beine und wollte mit diesen in der Landesheilanstalt den Leiter dieser bedeutenden Nervenklinik verhaften. Das schlug infolge Abwesenheit des Arztes fehl. Unser Schizophrene tauchte im parteipolitischen Strudel der ersten Monate unter und tauchte dunkelrot gefärbt als Neulehrer wieder auf. So sehr sein Auftreten und Wirken auch von seiner Umgebung als jenseits des Normalen empfunden wurde, wagte bei dem offensichtlich kurzen Telefondraht dieses Neulehrers zu unteren Organen der Roten Armee niemand, gegen ihn vorzugehen. Schliesslich schloss sich die Elternschaft des schulischen Wirkungskreises zusammen. Was tat Neulehrer Schizophren? Er gab den Unterricht auf seine Art. In Erinnerung an nazistische Erdverbundenheit führte er die Klasse ins Freie. Dort kletterte er auf einen Baum und vermittelte aus dessen Zweigen heraus den darunterstehenden Kindern sein schulisches Wissen. Selbstverständlich sind nicht alle Neulehrer schizophren. Wohl sind fast alle bolschewistisch, haben es zu sein. Wichtig scheint mir an dieser Geschichte, dass ich gegen diesen Dozenten der Lüfte den Schulrat, das Ministerium, den Leiter der Nervenheilanstalt einschalten und mit Einsatz von Polizei drohen musste um diesen nazistischen Sturmprediger a.D. und bolschewistischen Wissensverkünder aus dem Baumgipfel auszuschalten. Das war. Das Heute dürfte ihn ebenso wie die politisch zuverlässigen Kriminellen seinem Wirkungskreis wieder zugeführt haben. Ich besuche unvorangefragt 171 eine Oberprima. Der ihr gerade Unterricht gebende Lehrer, kein Neulehrer, einer der alten Schule, läuft voller Aufregung vor der Klasse herum, Wovon spricht er?, vom kommunistischen Manifest! "Wann war Marx in Köln?" – "Was hat er in Köln getan?" – "Wie hiess die Zeitung, für die er wirkte? ..." Der Lehrer meint, sich durch bolschewistischen Unterrichtsstoff legitimieren zu müssen. Schlimm für die Jugend, die von bolschewistisch-heissblütigen Neulehrern und von einer aus Sorge um die Berufsstellung in Kommunismus machenden Lehrerschaft geformt wird. Ich beschäftige mich mit der Klasse und führe sie von der bolschewistischen Staatsschiene weg und versuche, mich mit ihr über Geschichte zu unterhalten und von ihr Beispiele über legendäre, vaterländisch-heroische und erwiesen unwahre Geschichte 172 zu erhalten. Ihre Unkenntnis ist erschreckend. Sie geht noch nicht so sehr zu Lasten der Kommunistischen, als zum grösseren Teil a conto des vorangegangenen Krieges, der Jahre der Umzüge für schulfrei und der Unterdrückung der Lehrfreiheit durch das abgetretene System. "Sie haben", so frage ich die Schüler, "davon gesprochen, daß der Kampf von Marx der Bourgeoisie und dem monarchistischem System galt. Was hatten wir eigentlich in Deutschland für eine Staatsform bis zum 9. November 1918?" "Monarchistische Diktatur", antwortet der Mutige unter den Schülern. "Was verstehen Sie darunter?" frage ich zurück. "Der Kaiser hat die Minister bestimmt und ihnen diktiert." Ohne Diktatur geht es in den jungen Köpfen nicht. – – Sätze von Marx, von Lenin oder von Stalin haben den Vorspruch beim morgendlichen Schulbeginn zu bilden und die Gesichter der Jugend sollen dem "Licht des Ostens" zugewendet werden. – In Sätze welche die Träger der östlichen Demokratie in Wolkennähe hochspeicheln, in Superlativen von der "ersten Kultur der Welt" – "der bisher noch nie erreichten Philosophie des Ostens" – "der fortschrittlichsten Demokratie der Welt" soll ein asiatisches System westeuropäischen jungen Menschen aufgepfropft werden. – Der vom Marx-Lenin-Institut in Moskau entsandte Sekretär unterhält sich in einem geladenen Kreise mit deutschen Universitätsprofessoren, Sparte Philosophie, über Philosophie. Ich muss mich korrigieren, eine Diskussion über politische Fragen, und die Philosophie ist bei den Sowjets ausschliesslich eine solche und zudem höchster Ordnung, gibt es nicht. Als Zuhörer beobachtete ich das Bild. Der Sekretär, er wurde in diesen Tagen Professor tituliert, hatte an der Kopfseite des Tisches Platz genommen und dozierte von dort herunter in selbstgefälliger Unfehlbarkeit. Die deutschen Professoren der Philosophie hatten wenig Witterung für den sie umgebenden politischen Wind, sie glaubten wissenschaftlich diskutieren zu können und setzten sogar Fachwissen auf der Gegenseite voraus. Es dauerte eine geraume Zeit, bis sie erkannten, dass jeder aus der Sowjet-Union kommende und über Philosophie Sprechende "dialektischer Materialist" zu sein hat. Die an dieser Sitzung teilnehmenden deutschen Östlinge boten einen beschämenswerten Anblick. Die deutschen Professoren konnten sagen, was sie wollten; noch bevor sie ihre Idee entwickelt hatten, wackelte ihnen von diesem hörigen Kometenschweif, von dem kein einziger in der Lage gewesen wäre, auch nur einen Satz zu widerlegen, ein allseitiges, ablehnendes Kopfschütteln entgegen. Dann verkündete der Sekretär einige Sätze und die Augen der Knechtsseelen lasen inbrünstig die Weisheitssprüche von seinen Lippen an. – – – Auswendiggelernter Formelkram steht in freier wissenschaftlicher Forschung gewonnenem Fachwissen gegenüber. Die Wissenschaft wird unterliegen müssen, hinter der Formel steht die Macht, die ernstlich nicht mit sich diskutieren lässt, sondern die diktiert. "Bei uns singt die Nachtigall auch im Käfig!", diesem Satz liegt nach einer mir wiederholt gewordenen Erzählung eine Begebenheit zu Grunde: Ein russischer Wissenschaftler, der in der Emigration lebte und sich durch besondere Forschungen auf wissenschaftlichem Gebiet ausgezeichnet hatte, folgte unter Zusicherung für seine Person 173 einer Einladung der Sowjet-Union, um dort einige Vorträge über seine Forschungsarbeiten zu halten. Als der Wissenschaftler seine Vortragsreihe beendet hat und zurückfahren will, vertrösten die Sowjets ihn zunächst einige Zeit wegen des Zeitpunktes der Abreise. Als er dann dringender wird, wird man nicht unliebenswürdig aber schwerhörig. Der Eingeladene durchschaut das Spiel und ruft: "Ich brauche zu meiner Forschung mein Institut, meine Bücher, zu meiner Arbeit muss ich frei sein. Wie die Nachtigall zum Singen, so brauche ich für meine Arbeit die Freiheit". Darauf erhält er die sowjetisch-klassische Antwort: "Bei uns singt die Nachtigall auch im Käfig!" – "und", so fügte der General zufrieden unter zustimmenden Nicken aller anderen höheren Uniformträger hinzu, – "er hat bei uns gesungen!" Ein inhaltsschwerer und aufschlussreicher Satz. Eine andere Welt steht an der Elbe und klopft hart an die letzten Tore Westeuropas. – – – – – Der Verankerung dieser bolschewistischen Igelstellung inmitten Westeuropa dienen die SED und die Polizei. Jede Besatzungsmacht ist in ihrer Wirkungsmöglichkeit entscheidend davon abhängig, inwieweit es ihr gelingt, sich in der Bevölkerung des besetzten Landes zu verwurzeln, dort Mitarbeiter in gutem Sinn, oder Landesverräter im schlechten Sinn zu finden. – Eine Besatzungsmacht auf sich allein gestellt, kann Befehle erlassen, kann bei Nichtbefolgen Strafen gegen den Einzelnen verhängen, kann eine grössere Gesamtheit schikanieren und solche, welche sich in Verkennung der Machtverhältnisse zu offenem Widerstand hinreissen lassen, mit der Überlegenheit der Feuerkraft automatischer Waffen gegenüber Fäusten zur Ordnung bringen. Damit hat sie in der Hauptsache ihre Trümpfe ausgespielt, nutzt sie die der Angst und Einschüchterung dienenden Momente ab. Sie kann nicht hinter und neben jeden eine Maschinenpistole stellen. Die Sowjets haben die Zeit ihrer jahrzehntelang durchgeführten Selbstisolierung dazu genutzt, das System auszuklügeln, von dem sie überzeugt sind, dass es zur Bolschewisierung der Welt führt. Als 174 Realpolitiker, als Verächter von Ethik und Moral, gehen sie davon aus, dass bei einem hohen Prozentsatz der Menschen das im Innern schlummernde Schlechte leicht zu alarmieren und der Mobilisierte selbst durch Zuschanzung von irdischen Gütern leicht und fest ans Zugseil der Hörigkeit zu binden ist. Die in jedem Lande der Welt bestehende KPD ist mehr als eine 5. Kolonne. Ihrer in jedem Lande der Welt, auch in der Sowjet-Union, fehlenden ziffernmässigen Überlegenheit sucht sie zunächst innerhalb der Landesgrenzen durch Straffheit im Aufbau und durch Kadavergehorsam ihrer Mitglieder zu begegnen. Zu diesen Faktoren wird von aussen her eine ziffer- und fingermässig nicht zu erfassende Grösse in jedes Land hineingespiegelt. In einer der Geschichte bisher in solcher Hochtreibung unbekannten Form ist zentralistisch ein parteipolitischer Gipfelpunkt für alle in der Welt vorhandenen nach Millionen zählenden Igelstellungen der KPD geschaffen worden. Moskau ist das Auge, ist der Mund für diese Empfangsstellen des Befehls. Diese Millionen Empfangsstellen in ihrer Gesamtheit, das Unheimliche des sie verbindenden, unter Kontrolle einer Weltmacht stehenden und den ganzen Erdball umfassenden Netzes bilden in ihrer Anzahl jene Grösse, welche nicht nur allzuviele Gemüter verängstigt, sondern die zum Schaden der Menschheit und ihrer Güter dreihundert Millionen Menschen und mehr geradezu in Angst erstarren lässt. Völker, in denen der Kommunismus nur ein zehntel ausmacht, beugen sich unter solcher Knute. Die Verräterclique, welche der Besatzungsmacht der Sowjet-Union in der Ostzone die Menschen in die Hände spielt, die Verräter, welche bei 175 einer Abendunterhaltung auf die deutschen Länder östlich von Oder und Neisse verzichten und dabei die Verpflichtung eingehen, diesen Verzicht im deutschen Lager populär zu machen, die Verräter, welche die deutschen Länder zwischen den Flüssen Oder-Neisse und Werra-Elbe der Verelendung entgegenführen, sitzen in den Spitzen der SED. Der Knebel, dessen sie sich dabei bedienten, war die "Volkspolizei" des Ostens. Die Entwicklungsphasen dieser Polizei konnte ich beobachten. Für ihr Anfangsstadium galt das Gestolper erster Gehversuche. Politisch hatte sie zunächst kein Gesicht; Fähige und Unfähige gediente Soldaten, minderwertige Figuren, aber "politisch stark", Männer aus bürgerlichem Lager und als politisch Verfolgte firmierende Kriminelle bildeten einen Mischmasch. In der ersten Zeit als Präsident des Landes vermochte ich mich insoweit durchzusetzen, als ich grobe Mißstände zur Abstellung bringen konnte. So musste der Polizeipräsident auf seinen Adjutanten, einen Kriminellen, verzichten, andere Kriminelle in der Polizei folgten hinterher. Als der stellvertretende Polizeipräsident, ein besonders wilder Kommunist und ständiger Besucher der NKWD, in einer jener alltäglichen politischen Morgenandachten des Innenministeriums die Forderung begründen wollte, dass alle gedienten Soldaten und ehemaligen Unteroffiziere mit sofortiger Wirkung aus der Polizei auszuschliessen seien, habe ich, es war das einzige Mal in meiner Amtszeit, diese politische Gebetsstunde zusammen mit meiner Begleitmannschaft als Zuhörer aufgesucht. Ich habe vor Jahrzehnten als Staatsanwalt des öfteren erlebt, wie politische Schreihälse zu Flüsternden und sogar zu Stummen wurden, wenn sie den Träger einer Staatsautorität in der Nähe wissen, der entschlossen ist, im Bedarfsfall die in seiner Hand befindliche Macht einzusetzen. Das galt auch bei diesem Besuch. Die KPD richtungsklar ins Auge gefasst, vergass das laute Auftreten, und jenen Diener von Moskau in der Uniform eines Obersten der Landespolizei erging es nicht anders, ihm verschlug der Schneid. Das politische Einstampfen und der Hinauswurf ehemaliger Soldaten und Unteroffiziere wurde durch eine Stippvisite verhindert. – Der im westeuropäischen Verwaltungsrecht berühmt gewordene Artikel 10 formulierte vor über 150 Jahren die Aufgabe der Polizei eines Rechtsstaates mit den Worten: "… Die Aufrechterhaltung von Ruhe, Ordnung und Sicherheit, sowie die notwendigen Anstalten zu treffen zur Abwehr der dem Publikum drohenden Gefahr ist das Amt der Polizei."… Abwehr gegen das Kriminelle, vorbeugende Fürsorge für das Friedfertige. Die von den Sowjets in der Ostzone aufgezogene und von ihnen unmittelbar gelenkte Polizei entbehrt dieser Grundpfeiler. Aus einer Polizei, die für das Volk da sein sollte, ist unter der Regie der NKWD eine zur Niederhaltung des Volkes gemacht worden. Die NKWD nahm sich schon sehr früh der Polizei an. Täglich hat sie bei ihr Bericht zu erstatten und hat unverzüglich jedes wichtigere Vorkommnis im Land der NKWD zu melden. Alle irgendwie maßgeblichen Stellen in der Polizei sind von zuverlässigen Kommunisten besetzt. Fachliche Eignung tritt gegenüber politischer Skrupellosigkeit zurück. Statt die Kriminellen zu bekämpfen, nimmt die Polizei des Ostens immer mehr solche Rechtsverbrecher in ihre Reihen auf, lässt sie diese in Offiziersuniformen herumlaufen, schafft sie sich mit ihnen Blindhörige. Im Laufe der Jahre sind die nichtkommunistischen Elemente aus der Polizei hinausgekämmt worden, rückte diese in ihrer Zusammensetzung und in ihrer Diensthandhabung immer näher an den NKWD heran. Ein ehemaliger SS-Offizier hat den Grenzschutz nach Süden unter sich. Er gilt als besonders zuverlässig und hat sich bisher im Sinne von Moskau vollauf bewährt. An der Zonengrenze schiessen Deutsche auf Deutsche. Ein von der SED in bekannter Lautstärke verkündetes Postulat hiess: "Wir fordern Sauberkeit in der Verwaltung". Das klingt gut für die Massen, die Wahrheit sieht anders aus. Berufsverbrecher werden von der SED und der Polizei geschützt so sie zu den politisch starken gehören, Erzkommunisten sind. An meinen Amtstisch dringt ein Vorfall: die Polizei hat ein Individuum wegen Verdachts der Erpressung und Bedrohung in Haft genommen. Sie wähnt einen einfachen Kriminellen vor sich zu haben, der keine politische Rückendeckung hat. Bei dem Verhafteten findet man Kriminalausweis und Kriminalmarke des Landes. Man nimmt sie dem Verhafteten ab. Doch dieser ist in der Haft noch nicht warm geworden, da erscheint die NKWD. Sie verfügt seine sofortige Entlassung und nimmt ihn als einen der Ihren zu weiterem Tun und Treiben mit, hohnlachend geht er ins Freie. Ich stosse nach. Der kommunistische Kriminaldirektor hat mit Wissen seines kommunistischen Innenministers allein in der Landeshauptstadt 10 Blankoausweise und ebensoviele Kriminalmarken an die NKWD ausgehändigt, damit diese ausserhalb jeder deutschen Kontrolle ihr ergebene Kreaturen als angebliche deutsche Kriminalbeamte auf die deutsche Bevölkerung loslassen kann. – Unerträglich der Gedanke an die Wirklichkeit, ordentliche Menschen unter der amtlichen Fuchtel solchen Gelichters zu wissen. Meine Aussprache mit den deutschen Amtsinhabern war kurz und klar: "Sie lassen sich sofort die Ausweise und Marken von der NKWD zurückgeben!" "Wie können Sie dem Präsidenten so eine Sache zugeben", brüllt vor Wut der Leiter der NKWD, "er darf doch davon nichts wissen 176 – er soll uns nur in gutem Lichte sehen". – – Zu spät, Herr Oberst! – Wir gingen von der Auffassung des Rechtsstaates über die Polizei aus, von ihrer Pflicht, für Ruhe, Ordnung und Sicherheit zu sorgen. Die Polizei der Ostzone soll auch für Ruhe, Ordnung und Sicherheit sorgen, allerdings mit umgekehrtem Vorzeichen. Die Polizei der Ostzone soll als Instrument des Terrors dienen. Sie wird dazu ausgebildet und soll eines Tages dafür eingesetzt werden, dass die Massen nicht gegen die Landesverräter und den Ausblutungs- und Aushungerungsprozess rebellieren. Arbeiter, Bauern, Handwerker, Geistesschaffende, – wohin führt der Weg eines Staates, dessen Polizei diktatorisch von einer ausländischen Macht gelenkt wird, deren Schlüsselstellungen mit Landesverrätern und Kriminellen besetzt sind?! – So schliessen wir diesen Aufriss über den Bolschewisierungsprozess mit der Erkenntnis ab: Der Bolschewismus verfängt sich nicht in westeuropäischen Begriffen von Recht, Moral, Ruhe, Ordnung, Sicherheit, Kultur. In einem politischen Kampf, der die Lüge, die Verleumdung, die Verschleppung, das Martern und das Töten, den Terror in verschiedenartigster Gestalt zum Partner hat, wirken Begriffe von Vertrags- und Bundestreue, von Recht und Freiheit, von Menschlichkeit und Demokratie wie ein Hohn. Sie sind dem Sowjet 177 willkommen als Fesseln der andern, der Gegenseite, die an Rechtsfiguren 178 glaubt. Es ist ein Irrtum, der Bolschewismus klopfe nur an die Türen der Aristokraten, der Reichen, der Industriellen, der Grossgrundbesitzer und lösche nur sie aus. Er sprengt genau so die Türen der kleinen und mittleren Geschäfte, auch die zur Werkstatt des Einmannbetriebes und verwandelt selbst den bescheidensten Platz eines Arbeiters in der Fabrik, im Schacht oder auf der Scholle, in den Rudersitz auf einer Sklavengaleere, er zerschlägt Familie und Zuhause. Sklaven, nichts als Sklaven kann der Götze Bolschewismus gebrauchen und dulden. Seine Priesterschaft, ein begrenzter Kreis von Machthaltern, schwingt die Peitsche. –

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Die Lüge um die Einheit

Für den flüchtigen Hörer scheint die sowjetisch besetzte Zone in totaler Einmütigkeit die EinheitDeutschlands anzustreben. Die Forderung nach der Einheit ist dort die am meisten vernommene. Sie klingt tagtäglich aus dem Radio, die gleichgeschaltete Presse druckt sie von Nummer zu Nummer in ihren Millionen-Auflagen, kein Parteiredner vergisst sie in seinem Repertoire. Die Einheit ist der Gesprächsstoff aller. Und doch bei einigem Hinhören erkennt man sehr bald hinter den Worten die Differenzierung, – die Wahrheit.
Die Einheit Deutschlands wird ehrlich und sehnsüchtig von etwa 90 Prozent der Menschen der Ostzone erstrebt. Die ihnen gegenüberstehenden und bei blosser Wertung der Zahl als ohnmächtige, ungewichtige Schrumpfprozente erscheinenden Zehn sind in Wahrheit die allein Ausschlaggebenden. Gedeckt von den Bajonetten der Roten Armee, gestützt auf die kommunistisch gelenkte Polizei, eine in Kadavergehorsam gehaltene Partei, die alle maßgeblichen Schlüsselstellungen der Länder in der Hand hat und geschützt durch ein zur Friedhofsstille in der Bevölkerung mahnendes Netz von Agenten und Spitzeln, ist die Hierarchie der SED die von den Bolschewiken eingesetzte Regentin. Die Mitglieder dieses SED-Sekretariats geben vor, die Einheit zu wollen. Als Schüler und Diener östlicher Propaganda tun sie das überlaut. Zunge und Herz sind zwiespältig. Nach dem Satz Lenins: Wer Deutschland hat besitzt Europa, erstreben diese Ostlinge zunächst durchaus eine Einheit Deutschlands, aber selbstverständlich nur unter der Diktatur der Kommune, unter der Knute Moskaus. So stehen sich im Osten zwei Lager gegenüber. Das eine, welches vom Herzen und Verstand her eine wahre demokratische Einheit der Deutschen will, und das andere, welches unter Verrat und Terror die Deutschen in ihrer Gesamtheit unters Joch bringen will. In der vordersten Linie des Lagers 179 für ein einheitliches, demokratisches Deutschland habe ich gestanden und bin am Übergewicht sowjetischer Machtfaktoren gescheitert. Als im Dezember 1946 bei der Härte des Winters und der Not auf allen Gebieten die Spannkraft der Bevölkerung zu zerbrechen und letzte Hoffnungen unterzugehen drohten, habe ich ihr geschrieben: "Auch dieses Mal ist für ein "Friede auf Erden" in unserem grössten Fest der Familie noch kein Raum. Im vorigen Jahr stärkten uns die aus dem Erfolg des ersten Aufbaues gewonnenen Kräfte und Hoffnungen. Sie haben sich in der Folgezeit nicht erfüllt. Dieses Mal hofften wir viele von denen wieder unter uns zu sehen, die heute noch Kriegsgefangene sind. Der Fall der Zonengrenzen und mit ihm die Einheit Deutschlands schienen in die Nähe gerückt. Vor allem aber glaubten wir, dass eine des Krieges, der Zerstörung, der Helden und Heldentaten müde Welt sich den ihr so dringend nötigen Frieden geben werde. Und neben diesen Hoffnungen für Volk und Land liefen so viele Wünsche und Sehnsüchte des Einzelnen, deren Erfüllung den Alltag erhellen und erst recht das Fest erstrahlen lässt. In einer Zeit, in der es zur leichteren Überwindung des Winters an genügend Heizmaterial und warmer Kleidung fehlt, Nahrungsmittel kaum noch ausreichend verabfolgt werden können, wäre Schönfärberei ein Verbrechen und moralisierendes Gerede ein Hohn. Weihnachten ist nicht nur ein Tag der Familie, sondern zugleich der Beginn des sich stetig verlängernden Lichtes verbunden mit dem Blick ins kommende Jahr. Nicht nur bei uns liegen Trümmer, nicht nur bei uns sind Nahrung und Kleidung verknappt, sind Schwierigkeiten auf fast allen Gebieten. Nahezu die ganze Welt, bestimmt alle Sieger und Besiegte, sind Betroffene des grossen Weltbrandes. Darum sollen wir möglichst wenig unsere Blicke umherschweifen lassen. Wir müssen unsern Weg in allererster Linie allein gehen. Es gibt einen Zustand der Not und des Alleinseins, der stark macht. Daran wollen wir uns halten. In Zeiten solcher Not bedeutet das Zusammenrücken eines Volkes einen viel grösseren Gewinn, als ihm Gabentische zu bringen vermögen. Weihnachten muss zu einer wahren Verbundenheit unseres Volkes werden, denn nur mit einem einheitlichen deutschen Volk und nicht mit einzelnen Ländern, Provinzen oder Zonen können die Alliierten über den Frieden verhandeln; nur mit einem einheitlichen Deutschland können die Alliierten einen Friedensvertrag schliessen. Erst die Rechtsgrundlage eines Friedensvertrages schafft den gemauerten Untergrund für den Aufbau unseres zukünftigen Staatsgebäudes, einer neuen deutschen Republik. Gemeinsam, über Zonen und Parteigrenzen hinweg, sei uns der Wille zur Einheit. Neid und Eigenbrötelei, diese deutschen Erbübel müssen zugunsten der grossen Idee zurücktreten. Darum hinweg mit der ideologischen Zerreissung unseres Volkes. Jeder von uns sei sich in jeder Lebenslage, im Denken, Reden und Handeln bewusst, wie sehr jeder Einzelne verantwortungsbelasteter Mitträger am Zustandekommen der Einheit Deutschlands sein muss! Gemeinsam sei uns inzwischen die Pflicht, die Nöte in den deutschen Ländern durch Zusammenfassung aller Kräfte weitmöglichst zu beheben. Nicht letztes Auskalkulieren, peinliches Wägen und Wiegen sowie hartnäckiges Feilschen: Ich gebe, damit Du etwas mehr gibst, – seien die merkantilen Weisheiten solcher Verträge, sondern das blutvolle Wollen zum Ziel sei der Träger und Vorwärtstreiber aller interzonalen Besprechungen und Verträge. Von einer Umwelt, welcher der nazistische Terror tiefe Wunden schlug, können wir füglich nicht den Aufbau unserer Welt erwarten. Man rühmt uns Deutsche in der Arbeit: Liebe für Methode, Gründlichkeit, Präzision und Ernsthaftigkeit nach. Machen wir es allerorts wahr! Vor allem aber stellen wir immer und überall an die Spitze unseres Tuns die Einheit unseres Vaterlandes. Mit ihr erstrebten wir den Frieden. Dann möge Weihnachten 1946 180 aus vollem Herzen erklingen: Friede auf Erden!" Wenige Wochen später wurde ich zusammen mit anderen Titelträgern der sowjetischen Zone von der SED-Hierarchie zur Empfangnahme einer politisch wichtigen Eröffnung geladen. Dieses Treffen fand auf einem der SED-Spitze von der Roten Armee überlassenen Rittergut bei Bernau in der Nähe von Berlin statt. Ich muss es als eine Unterlassungssünde von mir buchen, dass ich lange Zeit hindurch verabsäumt habe, den SED-Kreml in Berlin aufzusuchen und seine Amtshalter näher kennenzulernen. Ich sah zu sehr die Nöte im Lande, zu sehr meine Arbeit und sah damals zu wenig die Politik, diese Art der Politik um mich herum. Und ich erinnere mich noch an die kleine Privatvorlesung, die mir die Gattin eines Generals im Treppenhaus der sowjetischen Administration hielt: "Es ist falsch, Herr Präsident, die Arbeit ist nicht so wichtig", dozierte diese körperlich kleine Vollblutkommunistin, – "wichtiger, viel wichtiger sind die politischen Fragen der Partei, auch die kleinsten." – Auf einer Durchfahrt Ende September und dann noch einmal im Oktober oder November 1946 hatte ich das Haus des Zentral-Sekretariats betreten und dabei auch eine Besprechung wegen der Regierungsbildung gehabt. Diese Besuche reichten bei ihrer Kürze nicht aus, um die einzelnen Mitglieder und die Atmosphäre dieses Hauses kennenzulernen. Bei der Einladung ins Herrenhaus des SED-Rittergutes bei Bernau hatte ich fast 24 Stunden lang Zeit, die Pseudo-Machthalter der Ostzone näher zu betrachten. So sehr die Stimme der Leidenschaft sich hier einschalten und das Bittere in den Vordergrund treten lassen möchte, so sehr will ich versuchen, der Situation und den Menschen gerecht zu werden. Das Herrenhaus, so wie ich es kennenlernte, wies 181 keinen üppigen Luxus oder Prunk auf. Das in ihm an Essen und Trinken Gebotene entsprach dem Lebenszuschnitt einer bürgerlichen Familie im Frieden. Die beiden Parteiführer, Pieck und Grotewohl 182 – wir wissen, für alle Stellen in der SED gilt das sogenannte Paritätsprinzip, gilt jene politische Zwillingsbrüderschaft, die in jeder Parteistelle durch je ein Mitglied der KPD und SPD geschaffen wird, – sind nicht die entscheidenden Figuren des Zentralsekretariats. Sie sind ob ihrer früheren Popularität willen Parteivorsitzende geworden, sind zu einem guten Teil 183 Aushang. Das Schwergewicht des Zentral-Sekretariats liegt bei einem anderen. Ulbricht 184 , untersetzt, stabil, mit einem Leninbart in blond, ist von der KPD her der Stellvertreter des Vorsitzenden. Dieser stabile Stellvertreter nimmt seine Vormachtstellung nicht deswegen ein, weil er den Parteivorsitzenden geistig überlegen wäre. Ich muss es sogar bezweifeln. Er hat aber, und das ist das Entscheidende, den schnellsten und kürzesten Telefondraht nach Moskau und erfreut sich in ganz besonderem Maße des Vertrauens der Sowjets. Ihn allein zu betrachten wäre Stückwerk; er ist verbunden mit einer Frau. Sie ist ihm nach meinem Dafürhalten im Geistigen und im Radikalen überlegen. Auch sie ist besonders stark bei den Sowjets fundiert, auch sie war lange in Russland 185 . Ob und inwieweit sie den Mann politisch beschattet, entzieht sich meinem Wissen; manches spricht dafür. Erwähnenswert ist noch der KPD-Träger von Kultur und Propaganda, [Anton] Ackermann 186 . Man nennt ihn den kommunistischen Goebbels. Ähnlichkeit hat er mit ihm in der auf Moskaus Schulen gelernten Art der Rhetorik, des Einhämmerns auf den Zuhörer, des Aufbaus der Rede, der in Wort und Haltung zur Schau getragenen Unfehlbarkeit und dem Schuss ins Radikale. Alle von der KPD herkommenden Mitglieder des Zentral-Sekretariats haben zehn Jahre und länger in der Sowjet-Union gelebt. Sie sind dort geschult worden, sind zusammen mit der Roten Armee in Berlin eingezogen und dürften im Zweifel samt und sonders Bürger der Sowjet-Union sein. In den Jahren der sogenannten Säuberung der kommunistischen Partei in Russland erlebten sie den Erfahrungssatz der Geschichte, dass jede Revolution ihre eigenen Kinder frisst, erlebten sie, wie die engsten Anhänger Lenins nach und nach verschauprozesst wurden, erlebten sie den Ausrottungsprozess der NKWD aus Atemnähe. In diesen Jahren 1937 folgende ist ihnen samt und sonders die Angst in die Gebeine, ins Mark gekrochen. Das Zittern kam ihnen nochmals, als Moskau in die Hände der Wehrmacht zu fallen und der Bolschewismus sich nicht als der rocher de bronce, sondern als "auch zerbrechlich" zu enthüllen drohte. Die Angstmonate des Bolschewismus im Kriegsjahr 1941 haben sie allesamt vergessen, nicht vergessen haben sie ihr Zittern vor der NKWD in jenen sowjetischen Säuberungsjahren. In Erinnerung an dieses Groß-Reinemachen und auch sonst wegen der Zustände, die sie in Russland erlebten, sehnt sich keiner von ihnen dorthin zurück. Darum sind sie, so selbstsicher und deutsch sie sich auch vor der Masse gebärden, gegenüber Oberst Tulpanow 187 zu blindem Befehlsempfang bereit, treiben sie Götzendienst mit den Führern des Bolschewismus in Wort und Bild. Ganz wie bei den Sowjets selbst sind ihre Wohnungen und Parteizimmer mit Bildern von Stalin und Lenin überladen. Ganz wie die Sowjets sprechen sie nur in Übersteigerungsform von den politischen Führern der Sowjet-Union. Ganz wie bei den Sowjets sind bei ihnen diese Führer, mögen sie dieses oder jenes Fachgebiet nur einmal mit einem Worte gestreift haben, sofort der "einmalige Lehrer", der "geniale Schöpfer", sind sie von "unübertrefflicher Klarheit", die "ersten Philosophen der Welt", ist ihnen "ewiger Ruhm" gewiss, sind sie die "Genies der Menschheit". Vor 1500 Jahren lebte einer in Byzanz. Er nannte sich "Weltallsgebieter". Der mit der Vergötzung seiner Person betriebene Kult ist mit dem Beiwort byzantinisch in den Sprachschatz der Welt eingegangen. Dieses Beiwort ist kein schmückendes. Und die anderen im Zentral-Sekretariat, welche von der SPD kommen? Ihre parteipolitische Gefolgschaft ist in der Hauptsache abgesprungen. Das macht sie schwach. Sie sind ein parteipolitischer Kopf ohne Rumpf. Längere Zeit, etwa ein Jahr, haben sie sich gegenüber dem radikalen Flügel noch etwas behauptet. Heute sind sie eingemeindet, und heute setzt sich jeder Einzelne von ihnen, der sich herauszustellen und gar zu opponieren wagte, ernstlicher Gefährdung aus. Bei Kundgebungen in der grossen Öffentlichkeit werden sie weit über ihre innere Bedeutung im Zentral-Sekretariat hinaus in erhöhtem Maße angestrahlt. Ihre Namen, ihre Personen, die da und dort noch Fundus haben, werden missbraucht. Die Sitzungen im Zentral-Sekretariat finden nur dem äusseren Bilde nach innerhalb der vier Wände eines Zimmers statt. Es ist nicht schwer zu beobachten, wie Ulbricht 188 des öfteren die Sitzung verlässt, auf seinem Draht mit Oberst Tulpanow 189 in Karlshorst spricht, ihm Sitzungsschilderungen gibt, um dann bei seiner Rückkehr, in der Regel am Ende sprechend, nachdem die anderen ihr Pulver verschossen und sich auch ein klein wenig decouvriert haben, zu erklären, welches die Meinung von Karlshorst sei. Und wenn ein zuvor gefasster Beschluss einmal dem Denken von Karlshorst nicht entspricht, dann hat ohne Widerspruch eine Richtungsbiegung stattzufinden, notfalls um 180 Grad. Interessant ist auch das Zusammenspiel aus der KPD kommenden Mitglieder des Zentral-Sekretariats. In der Taktik sind sie ihren Gegenspielern aus der SPD weit überlegen. Sie tippen ein Thema an. Dann haben sie Zeit, haben sie Ruhe, haben sie Geduld, schweigen sie. Keine Zwischenbemerkung, kein Gesichtszug lässt erkennen, was sie denken. Die Anderen sollen erst sprechen, ihre sämtlichen Argumente loswerden, und dann kommen die KPD-Spitzenfunktionäre in Perlenkette und in steter Steigerung ihrer Argumente. Damit haben sie Erfolg. – – – – – Bei meinem Eintreffen im Herrenhaus des SED-Rittergutes sind die Parteiführer und ihre Stellvertreter nicht anwesend. Sie waren gerade bei Marschall Sokolowski 190 und kommen von dieser Unterredung aufs höchste angetan zurück. Ich höre, wie einer sagt: "Ich bin heute so froh", und eine schwere Last scheint von ihm abzufallen, "denn heute habe ich die Bestätigung erhalten, dass der Weg, den ich zur SED ging, der richtigere gewesen ist." Über das Gespräch mit dem Marschall darf erst am nächsten Morgen berichtet werden, so muss man eine Nacht lang warten. Eröffnung: Nach einleitenden Sätzen des Dankes an den Marschall und die Sowjet-Union für das von ihnen der Zone entgegengebrachte grosse Verständnis und ihre Hilfsbereitschaft kommt der Kern: Die Sowjet-Union will sich nicht an die ihr aus dem Potsdamer Vertrag zustehenden Rechte halten, sondern sogar unter Zurückstellung eigener Interessen der Ostzone zu einem höheren Industriepotential verhelfen. Beifall, lebhaftes, ergeben emsiges, Bleistiftgekritzel der meisten Zuhörer. Zufrieden sieht "unser Freund", Tulpanow 191 , wie könnte er bei solchem Anlass fehlen, in die Tischrunde hinein. Das sind Arbeiterführer nach sowjetischem Geschmack. Sie leben in irgendwelchem Parteidunst und haben schon längst den Boden der Realität und die Verbindung mit der von ihr angeblich betreuten Arbeiterschaft verloren. Bei ihnen spielen die Fragen der Organisation, des Aufbaues der Partei, der Sicherung von Nachwuchs und Funktionären durch Schaffung von Kreis- Landes- und Reichsparteischulen eine erstrangige Rolle. Als primär gilt selbstverständlich auch die Propaganda und die politische Ausrichtung der Funktionäre und der Partei auf bestimmte Parolen, Agitationspunkte genannt. Was wissen sie von der konkreten Lage in der Zone, von den Ursachen für die Nöte in ihr?! Jede einschlägige Dienststelle, wenn sie diese fragten, würde diesen Kritzlern sagen, dass die Russen, wenn sie das durch ihren Marschall Verkündete wirklich wahr haben und das Industriepotential höher als in Potsdam vorgesehen steigern wollen, sie einen guten Teil der zum Abtransport gekommenen Demontagen wieder aus Russland zurückbringen müssten. Die sowjetische Gnadensonne strahlt nach der Begeisterung des Redners noch wärmere Strahlen aus: Die Sowjet-Union ist sogar bereit, von den ihr gehörigen AG‘s – die Professoren in Moskau wussten besser um das Zweifelhafte dieses Eigentums – hochwertige Werke den Ländern zurückzugeben. "Sie gibt die einzige Hochofenanlage in der Zone" – hallo, das geht mich an – "die bekannte Max-Hütte in Unterwellenborn dem Lande zurück." – Frohe Zustimmung und Beifall! Im Parteileben bin ich ein schlechter Repräsentant. In meinem Amt aber weiss ich Bescheid. So weiss ich, dass jene Max-Hütte, die dem Lande jetzt so grosszügig von den Sowjets wieder rückwärts geschenkt wird, mit einem jährlichen Defizit von 20 bis 25 Millionen Reichsmark arbeitet. Die Hütte kann keine Erze aus dem Westen oder sonst vom Ausland einführen, sondern muss mit dem im Land unter unrentablen Kosten gewonnenen arbeiten. Vom Altertum her nennt man eine Gabe solcher Art ein Danaergeschenk. Weiter und weiter steigt die Gnadensonne von Berlin-Karlshorst über die kritzelnde Tafelrunde. Eine Pause. Das Thema wechselt. Ich werde munter und höre: "Der Marschall hat erklärt, dass die Oder-Neisse-Linie nach den Worten von Aussenminister Molotow ein Fakt ist. An einem Fakt kann nichts geändert werden, er ist als unabänderlich hinzunehmen. Die Partei wird versuchen, im Wege freundschaftlichen Einvernehmens mit Polen einige Erleichterungen zu erreichen." Und dann kommen die Anweisungen des Parteivorsitzenden an die Funktionäre: Die Ausführungen über die Oder-Neisse-Linie sind zunächst nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Die Parteipresse hat die öffentliche Meinung allmählich im Sinne des Standpunktes der Parteileitung – "die Oder-Neisse-Linie ist ein Fakt" – vorzubereiten. Der Kette der Funktionäre ist bis nach unten hindurch die Weisung zu geben, dass jede Diskussion über die Oder-Neisse-Linie verboten ist. Die Funktionäre haben zunächst im Rahmen der Partei und später über diese hinaus den Standpunkt der Parteileitung populär zu machen. – – "Wir sind eine deutsche Partei!" für einen Schaumberg, für Versprechungen über die Erhöhung des Industriepotentials, die jeder realen Grundlage entbehrten, für Rückgeschenke der Sowjets an die Länder, welche keine waren, verpflichtete sich als Gegenleistung die ziffernmässig grösste Partei der Ostzone, die der Zahl nach über 50 Prozent der Wahlberechtigten vertritt, den Molotowschen Standpunkt, den keine nachweisbare Rechtsgrundlage trägt, als Fakt anzuerkennen. Und nicht nur das! Die SED, "Stalins Ergebene Diener" nennt sie der Volksmund, verpflichtet sich darüber hinaus, diesen Verrat an deutschem Land und deutschen Menschen zu propagieren, ihn in den Gemütern zu verankern. "Wir sind eine deutsche Partei", für Seifenblasen verzichtete die Parteiführung diskussions- und widerspruchslos auf Länder, welche seit nahezu tausend Jahren in ununterbrochener Folge zu Deutschland gehörten, auf deren Feldern sich die deutsche Ritterschaft zum Schutz Westeuropas gegen die Reiterherden Dschinghis Khans stellte, Länder, welche der Sitz ältester deutscher Sagen und Märchen sind, Länder mit westeuropäischer Kultur, geworden durch den Fleiss von Händen in hundertjähriger Geschlechterfolge! Die Sowjets gaben vor, Marx zu kennen und seine Lehren zu befolgen, dasselbe behaupten die SED-Führer der Ostzone. – Prophet und Lehrmeister Marx hat im Jahre 1870 eine Anzahl Schriften erscheinen lassen, die zum Inhalt haben: Kampf jeder Annexion! Und warum? Weil Marx in der Annexion von Ländern und Landstrichen die Quelle zukünftiger Kriege sieht. Den Sowjets und den Kommunisten als angeblichen Kennern der sozialistischen Literatur sollte darüber hinaus nicht unbekannt sein, dass die deutschen Arbeiterzeitungen es gewesen sind, die in dem Jahre des Sieges deutscher Waffen in Frankreich immer und immer wieder sich gegen die Annexionsbestrebungen ihrer eigenen Regierung gewendet haben. Die deutschen Arbeiterführer der Ostzone, in deren Amtszimmer Büsten und Bilder von Marx prangen, die Marx bei jedem dritten Satz zitieren, sind bar solcher Haltung. Sie vergessen nicht nur jeden Widerstand gegen die jeder Rechtsgrundlage entbehrende Wegnahme deutschen Landes. Sie heissen diese sogar noch gut, machen sie befehlsgemäss populär. Lüge um den Marxismus, Lüge um das Parteiprogramm, Lüge um Deutschland, Lüge und Verrat, wohin man blickt. Zu diesem Verrat deutschen Landes östlich von Oder und Neisse durch die SED gesellt sich deren Lüge um die Einheit Deutschlands. – Ich könnte diesen Abschnitt mit dem Satz beginnen und schliessen, der dem stabilen Stellvertreter der KPD [Walter Ulbricht] in engem Kreis entschlüpfte: " … wir werden doch nicht so dumm sein, die Einheit zu wollen, wo bleiben wir denn da mit der SED?!" Doch ich will den schweren Vorwurf der Zerschlagung deutscher Einheit durch die Spitzenclique der SED nicht mit dem Ausspruch eines ihrer höchsten Funktionäre fundieren, so aufschlussreich er auch ist, sondern ich will ihn mit handfesteren Tatsachen, als ein Satz ihn darstellt, beweisen. Vorbildlich geschickt hingen die Sowjets die Traube Einheit vor die Augen der deutschen Bevölkerung, und sowjetisch oft schloss nahezu jede ihrer Reden, wobei die Hand dazu den Takt schlug, mit den Worten: wir wollen ein einheitliches, demokratisches Deutschland. – Sehr schnell erkannten sie den Effekt des Wortes Einheit in den deutschen Gemütern. Was waren wir in unserer Offenheit für leicht zu betrügende Gutgläubige! Meine ersten Fahrten nach dem Westen und mein sonstiges Heranholen zahlreicher prominenter Persönlichkeiten anderer Zonen fanden in der Bevölkerung starkes Echo. Die Einheit schien der Verwirklichung näher zu kommen, an die Stelle des Scheins drohte eine Realisierung des Vorgegaukelten zu treten, drohten Hoffnungen solcher Art sich zu versteifen. Da wurde abgestoppt. Erkennbar für mich erschien als Gegner der Bestrebungen für die Einheit die Führerclique der SED auf dem Plan. Das grosse kulturelle Treffen auf der Wartburg mit dem durch sie an Tradition gegebenen Hintergrund, diese als wichtige Stufe zur deutschen Einheit gedachte Kundgebung, wurde trotz Marschallswort von "Freund Tulpanow" und seinen SED-Trabanten verhindert. Eine weitere Sprosse für die Einheit schien ein Treffen der deutschen Ministerpräsidenten in Bremen, das in seiner Anregung mit auf mich zurückging, zu werden. Die SED-Hierarchie verhinderte die Teilnahme der Ostpräsidenten an dieser Tagung: – "Es ist Sache der nationalen Repräsentation, die Einheit zu schaffen", orakelten sie. Die SED zerschlug, wie ich im späteren dartue: meinen Versuch zur Schaffung einer deutschen Stimme durch die Universität Jena angesichts der Konferenz von Moskau, die SED suchte mit allen Mitteln die Fahrt der Ostpräsidenten nach München zu verhindern und als es nicht gelang, diese Konferenz der deutschen Ministerpräsidenten zu sprengen, die SED hat durch Fälschung der Eingabe der Ostpräsidenten an den Kontrollrat deren Empfang dort verhindert und damit zugleich den Sowjets die Möglichkeit zur Verhinderung des Empfangs der Westpräsidenten gegeben, die SED hat in völligem Widerspruch zur Volksstimmung den Marschallplan durch einen Aufruf der fünfzig führenden Männer der Ostzone unter Fälschung meines Namens als Spitzenführer in unflätiger Weise abgelehnt, sie hat meinen letzten Versuch, für Deutschland wenigsten durch Schaffung eines obersten Gerichtshofes die Einheitlichkeit der Rechtssprechung zu retten, durch einstimmigen Beschluss zerschlagen.
Die SED hat, obwohl sie genau den Plan der Sowjets kennt – "wir stehen nur 80 Kilometer von Berlin ab" –, sich zum Sprecher jener Leimrute gemacht: alle Besatzungsmächte müssen Deutschland räumen", um dieses Land in seiner Gesamtheit dann den Sowjets in die Hände zu spielen.
Der Parteitag der SED in Berlin, – ich war schon ausserhalb der Zonengrenze, – schloss nach der Weltpresse mit dem Ruf: Es lebe die Partei der Bolschewiki! Es lebe das Zentralkomitee! Es lebe der Führer Stalin! – – – – –
"Wir sind eine deutsche Partei!" ... ??? – – –


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Die russische Krankheit

Der eisharte Winter des Jahres 1946/47 192 droht, sich zu einer Naturkatastrophe auszuwirken, Menschen, Wirtschaft und Willen zum Leben zum Erstarren zu bringen.
Die Konferenz von Moskau steht vor der Türe. Noch auf keiner der vielen Konferenzen der Welt seit Kriegsende waren bisher deutsche Stimmen gehört worden. Wo ist der Ort, wo ist eine Stimme, die in solcher Zeit berufen ist, für Deutschland zu sprechen?! Zwanzig Kilometer von der Landeshauptstadt ab liegt eine der traditionsreichsten Universitäten der Welt, die Friedrich-Schiller-Universität zu Jena. Das ist der Ort; der grosse Senat der Professoren und die akademische Jugend sind die Stimme, die angesichts der Konferenz von Moskau legitimiert ist, die Welt um Beistand anzurufen. "Es geht um Deutschland", kündete der Anschlag am schwarzen Brett in der Universität die akademische Feier an. Ein auserlesener kultureller Rahmen sollte die Kundgebung umschliessen. Ihre Überparteilichkeit steht ausser Zweifel; für ihre Verbreitung in die grosse Öffentlichkeit ist gesorgt. Ein Teil der Rede, die nicht gehalten werden durfte, soll die Linienführung übermitteln: "… in wenigen Wochen wird in Moskau über deutsches Schicksal beraten, vielleicht entschieden. Jahrtausende altes Urrecht, audiatur et altera pars, auch der andere Teil hat Recht auf Gehör, erhebt seine Stimme. Welches Land um uns, welcher Staatsmann ausserhalb Deutschlands sprach noch nicht über, sprach noch nicht gegen uns? Auf deutscher Seite bleibt es still. Die Plätze einer legitimierten Reichsregierung sind verwaist. Wo ist die deutsche Stimme, die aus innerem und äusserem Recht für Deutschland zu sprechen befugt ist? Die Universität Jena, Trägerin hoher Tradition, macht sich in dieser Stunde zum Ort und zur Stimme der deutschen Nation und ruft mit dem heissen Herzen ihrer Jugend und den Stimmen der Vernunft und des Wissens das deutsche Volk und die Welt. Die Grossen unserer Universität: Goethe, Schiller, Hegel, Fichte, Schelling, Haeckel und viele Männer von Weltruf stehen im Geist neben uns. Wir wissen, dass zwölf Jahre lang schwarze Schatten über Deutschland lagen und die düstersten Seiten seiner Geschichte geschrieben wurden. Wir wissen auch, dass von uns aus Blut, Tränen und Zerstörung ihren Weg in die Welt nahmen. So empfinden wir den Leidensweg, auf dem wir gehen, als eine Verpflichtung, als eine harte Probe auf unseren eigenen Wert. Wir wollen auf diesem Wege nicht versagen und nicht zerbrechen. Die vor uns liegenden Wochen der Moskauer Konferenz werden bei den von aller Welt angemeldeten Ansprüchen schwerste Belastungsproben für uns im Gefolge haben. Als die deutschen Unterhändler vor 28 Jahren in Versailles standen, wurden die Unterschiede der geschichtlichen Landschaft Deutschlands offenbar. Dieses Mal muss es heissen: Hinweg mit dem Gegensatz zwischen dem deutschen Osten und dem deutschen Westen und Süden. Hinweg mit wirtschaftspolitischer Rheinbundstimmung oder gar feigem Erwägen eines Hinüberwechselns. 65 Millionen Menschen im geographischen Herzen Europas sind als Einheit, als nicht aufspaltbares Ganzes bei aller durch die nazistische Führung verschuldeten Verelendung und Ohnmacht ein Faktor, an dem keine verantwortungsbewusste Welt vorübergehen kann. Verliert gegenüber den Forderungen unserer Umwelt nicht den Glauben an Vernunft und Gerechtigkeit, verliert nicht den Glauben an das Vorhandensein eines Weltgewissens auf diesem Erdenball. Geht mit Würde den Weg der Wiedergutmachung und widerlegt das uns Nachgesagte, wir könnten nur winseln oder an die Kehle fahren. Was wir in unserer Notzeit und in unserem Notstand seit dem Mai 1945 vollbrachten, hat in der deutschen Geschichte noch kein Beispiel. Suchen wir in unserer Einsamkeit Halt und Kraft, und erwarten wir nicht Hilfe nur 193 von der Umwelt. Unsere Geschichte, die Zukunft der uns nachfolgenden Geschlechter verbieten uns, zu verzweifeln. Nach den Erfahrungen des täglichen Lebens arbeitet die Zeit immer nur 194 für den, der sich selbst hilft. Darum sei in unserem Herzen die Wucht des Willens. Es geht um Deutschland! … Wir rufen die Universitäten der Welt als Träger und Verkünder der Humanität und der Wissenschaften. Wir rufen die Staatsmänner als die verantwortlichen Former der kommenden Geschichte, wir rufen die Presse als die grosse Vertreterin der öffentlichen Meinung. Wir rufen die Frauen als die Hüterinnen des Lebens, wir rufen das die Welt umspannende Band der Werktätigen … … Soll angesichts der Fülle angemeldeter Forderungen und der allseits blutenden Grenzen Deutschlands Humanität im zwanzigsten Jahrhundert zum hohlen Wort, Weltgeschichte ihres inneren Sinnes entkleidet, Fortschritt der Menschheit zum Kreisgang herabgewürdigt und zukünftiges Leben im Voraus zum Absterben verurteilt werden? Weltgewissen, bist du eine unversöhnliche Grösse oder die hehre, unparteiische Hüterin letzter Menschheitsideale? Weltgewissen, wir rufen dich! Wir rufen die Welt!" – – – Ein Anruf der Parteileitung der SED: "Herr Präsident, die Universität Jena will übermorgen eine grosse Kundgebung abhalten. Sie wollen dort sprechen. Die Partei ist darüber nicht gefragt worden." "Mit dieser Kundgebung hat die Partei nichts zu tun", antworte ich zurück, "sie ist überparteilich. Ich spreche dort nicht als Amtsperson oder Parteimitglied, sondern als Mitglied des Lehrkörpers. Eine im akademischen Rahmen der Universität gehaltene Kundgebung berührt die Partei nicht. Im übrigen hat die Administration sie genehmigt." Ich leuchte in die Kanäle hinein: SED-Studenten haben als gehorsame Parteisoldaten reagiert. Was zählt bei dieser Partei, was zählt bei ihren jugendlichen Gefolgssklaven Volk und Vaterland, was deutsche Belange, was innerer Anstand gegenüber dem Protektor der Universität? Die SED-Studenten haben die Landesparteileitung alarmiert und ihr berichtet, welche Kundgebung bevorsteht, und wie schon deren Ankündigung ein ungewöhnliches Echo an der Universität und in der Bevölkerung ausgelöst hat. – Das muss verhindert werden! Bei den Kleinen fing die Wühlarbeit an, die Grossen, die SED-Landesleitung, setzte solches Treiben bis in die höchste sowjetische Spitze fort. Am späten Abend verlangt mich die Administration zu sprechen. Die Führung der SED hat die Sowjets in Bewegung gesetzt. Sie will um jeden Preis die Kundgebung einer deutschen Universität zerschlagen, welche mit einem Appell an die Universitäten der Welt herantreten will. Auf der Administration wird zunächst verhandelt. Man gibt vor, mich wegen Abschlusses eines Vertrages zwischen dem Land und der Zentralverwaltung für Industrie bestellt zu haben. Darüber wird auch anfänglich gesprochen. Wie mit dem Wecker gestellt läuft in diesen Minuten ein Gespräch aus Berlin-Karlshorst ein. Am anderen Ende des Drahtes spricht Oberst Tulpanow. Der Administrationschef eröffnet mir 195 , dass Berlin-Karlshorst die Kundgebung der Universität verbietet. Der Hieb hat getroffen. Ich weiss nicht, ob ich nach dieser Eröffnung und der hinter ihr stehenden Infamie der SED noch ein Wort verloren habe, so sehr war ich innerlich waidwund. Seit beinahe zwei Jahren mühe ich mich auf einem Platz, der schon längst jedes Eigenleben durch Arbeit und Sorgenlast erstickt hat. Wenn ich mich umsehe, sehe ich Verbeugungen auf der einen Seite, Lächeln und übertriebene Aufmerksamkeit bei den Sowjets. Das ist das Aussen. Dahinter und vor allem darunter herrschen Lüge, Rechtlosigkeit und Verrat. Ein glitschiger und stickiger Boden, auf dem man inmitten seiner Heimat steht. – Und das Ergebnis allen Mühens? Das Tempo der Bolschewisierung konnte man etwas abbremsen, doch sonst war alles Handeln, waren alle Erfolge nach und nach wieder umgebogen worden: In der Bodenreform, in der Sequestration, der Schulreform, dem Versicherungswesen, den Demontagen, der Entnazifikation und vor allem auf dem Wege zur Einheit. Das Fass des Erträglichen ist voll. Der Tropfen, das Verbot des Rufes einer deutschen Stimme um Beistand, bringt es zum Überlaufen. Ich will nicht mehr. Ich verlasse die Landeshauptstadt und lege in einem Schreiben an den Präsidenten des Landtages mein Amt als Ministerpräsident wegen Krankheit nieder. Von dem Administrationschef und dem Leiter der NKWD – sowjetischen Anschauungsunterricht kann man nicht ungestraft ausser Acht lassen – verabschiede ich mich schriftlich mit konventionellen Worten des Dankes und der Liebenswürdigkeit als Kranker. Meine Amtsniederlegung wurde ignoriert und von den Sowjets verhindert. Der Landtag und die Öffentlichkeit durften von ihr nichts erfahren. – – Es verbietet sich von selbst, die Personen zu nennen und die Stimmen wiederzugeben, die bald nach meinem Weggang aus dem Amt und dann nicht mehr abreissend den Weg zu mir suchten. Sie stellten die Not der Bevölkerung in die Mitte ihres Appells. Dazu gesellte sich ein zweites: Aus allen Teilen des Landes vernahm ich das Hochschieben der Kriminellen und das schnelle Fortschreiten des Radikalisierungs-Prozesses. "Seit Ihrem Weggang, Herr Präsident, ist die Unterwelt allerorts aufgetaucht. Sie gewinnt ständig an Boden. Die NKWD zeigt offen ihre Verbrüderung mit diesen Kriminellen. Ihr Stellvertreter ist mit ihnen intim. Sie müssen wieder zurückkommen. Es ist Gefahr im Lande!" Eine Probe davon bekam auch ich zu spüren. KPD und untere Stellen des NKWD fanden sich gegen mich zusammen und begannen in den KPD-Kreisvorständen des Landes vorsichtig gegen mich zu hetzen. In der Presse der Ostzone konnte man nicht wagen, lügnerische Angriffe gegen mich zu starten. So wählten diese Dunkelmänner Blätter im westlichen Sektor Berlins, zu deren Rotationsmaschinen damals NKWD-Kanäle liefen. So wurde ich in dieser Presse in Schmähartikeln als der "Landespräsident ohne Landtag", der nicht wieder ins Amt kommen könne, und als ein Mann geschildert, der auf grossen Besitzungen lebend, sich in der Bodenreform ein Rittergut von eintausend Morgen Grösse angeeignet habe, das zuvor Eigentum der Witwe des letzten Kaisers gewesen sei. Wir wissen, dass diese Frau mich 1 ½ Jahre zuvor um Unterkunft und, da sie keinen Quadratmeter Grund und Boden, geschweige denn ein grosses Gut im Lande besass, um Unterstützung beim Erwerb eines Bauernhofes gebeten hatte. Es ist ein Teil missverstandener Demokratie, in Sonderheit bei uns, dass sich die öffentliche Kritik weniger mit der amtlichen Tätigkeit eines Amtsinhabers als mit dem Betreffenden als Privatperson beschäftigt. Der private Lebenswandel wird mit besonderer Vorliebe beschmutzt. Schon vor zweitausend Jahren meinten die Römer: semper aliquid haeret, es bleibt immer etwas hängen. Diesbezüglich will ich ein wenig leuchten und das Kanalnetz der Ostzone etwas blosslegen. Von den Kanälen zu den Westblättern Berlins sind mir vier 196 bekannt. Den einen reguliert ein Mann, der eine gefährliche spitze Feder schreibt. Er sammelt in chinesischen Porzellanen, führt den akademischen Vornamen Doktor und ist in der Aufstellung von Verleumdungen nicht von Skrupeln beschwert. Die NKWD? Sie hat ihn wirken lassen, trotz seiner allgemein bekannten Verbindung zu westlichen Zeitungen. Jeder Kommentar erscheint überflüssig. Der eine 197 ist der Typ eines Hochstaplers zweiter Güte. Durch sein gleissnerisches Benehmen, – auch dafür gilt nur der provinzielle Maßstab, – spielte er zunächst längere Zeit in der Öffentlichkeit eine gewisse Rolle. Dann kam das Vorstrafenregister mit fünf oder sechs Senfkörnern auf der Weste. Ich habe einige Wochen gebraucht, um diesen Mann als Lizenzträger eines grossen "überparteilichen" Blattes von dem 51 Prozent der Anteile der SED gehören, zu liquidieren. Als ihn die Staatsanwaltschaft auf Grund richterlichen Haftbefehls wegen eines Verbrechens verhaften lassen wollte, stellte sich für ihn die NKWD eindeutig heraus und verbot die Verhaftung. Der Mann erfreut sich trotz allem noch besonderer Gunst der Sowjets und mimt als Waidgenosse eines bekannten Generals. Der zweite 198 ist ein jugendlicher Mensch, der in der Presseabteilung des Landes beschäftigt war, sich 199 dort nach einer Anzeige eines schweren Vertrauensbruches schuldig gemacht haben soll, um dann 200 in Befolgung des mittelalterlichen Rechtssatzes: "Stadtluft macht frei", den Weg nach Berlin zu nehmen. 201 Der dritte 202 sitzt in Berlin selbst und ist ein guter Bekannter der vorab geschilderten drei, wobei diese drei zeitweilig in der Gruppierung wechselnd Mitarbeiter und Feinde sind. Der vierte 203 Kanal ist eine Frau – geborene von, verheiratete von. Ihr Mann kehrte als Kapitän eines U-Bootes von Feindfahrt nicht zurück. Sie erfreut sich in besonderem Maße der Wertschätzung von "Freund Tulpanow". Ich habe diese vier 204 Personen kurz umrissen, weil es dieselben sind, die nach meinem Weggang aus der Zone über mich die skrupellosesten Verleumdungen aufgestellt 205 und damit 206 wohl gegen gutes Entgelt manche Spalte in mancher Zeitung gefüllt haben. Wann war ein Giftbrocken je zu gross, als dass er nicht von Sensationshyänen gierig verschlungen worden wäre?! – – – In die Abgeschiedenheit meines ländlichen Aufenthaltes drangen neben den Bitten um Hilfe gegen Not und Dunkelmännertum die Nachrichten über das Netz, was in inniger Verbrüderung zwischen KPD, Kriminellen und NKWD gegen den "kranken Ministerpräsidenten" gesponnen 207 wurde. Wir kennen den indischen Satz: Wer auf einem Tiger reitet, kann nicht jederzeit absteigen. So kehrte ich nach drei Monaten Abwesenheit ins Amt zurück. Zum letzten Mal unternahm ich den Versuch, das Land durch die Nöte, durch sowjetischen Terror und KPD-Verrätertum hindurchzusteuern. Die letzten Wochen und Monate vor meinem Weggang haben mich in harten Auseinandersetzungen und im Brennpunkt der Sorgen des Landes gesehen. Es galt, gegen den Raubbau des Thüringer Waldes durch die Sowjets und gegen seine Vernichtung durch den Borkenkäfer anzukämpfen. Die Experten aus Karlshorst bekamen durch meine zähen Forderungen Arbeit. Es galt der Landwirtschaft wegen des Viehes, seiner Aufzucht und Ablieferung Erleichterung zu schaffen. Dem ärmsten Teil des Landes musste der einzige Schienstrang gerettet werden und in den Stunden der grossen Waldbrände stand ich zwischen den Feuerwehren des Landes. In den grossen Versammlungen führte ich für deutsche Belange eine Sprache, die an Deutlichkeit keines Kommentares bedurfte. "Wir müssen uns überlegen, ob wir Sie noch sprechen lassen", erklärte nach einer Kundgebung der Abgesandte des SED-Zentralsekretariats. Nicht zuletzt aber versuchte ich noch einmal den Kampf gegen die Unterwelt, beschäftigte ich mich mit den Kriminellen der SED und NKWD. "Das Strafverfahren gegen diesen verdienten Genossen", empört sich im Sekretariat der SED, der KPD-Innenminister zugunsten eines von mir gepackten Landrates, "liegt auf der bekannten Linie des Ministerpräsidenten 208 , alle aktiven Männer von uns durch seine Staatsanwaltschaft 209 abzuschiessen". Seine Witterung war richtig; mein Interesse für die Vorstrafen der Amtsinhaber war nicht nur theoretischer Art. Manchen dieser Burschen brach ich heraus; gegenüber dem Netz in seiner Gesamtheit, der NKWD gegenüber, war ich letzten Endes machtlos. –

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München ohne Vorhang …

Wir wissen, dass es eine objektiv richtige Geschichte nicht gibt. Nicht nur Personen, auch höchst konkrete Vorgänge sind in ihrer Würdigung einem steten Schwanken unterworfen. Zu viel von erzählendem, legendärem, vaterländischen, parteipolitischem oder persönlichen Beiwerk rankt sich um Personen und Sachvorgänge. Und beide wieder werden von Beobachtern gewürdigt, die je nach ihrer persönlichen Einstellung sie verschieden sehen. Jeweils wie sie das Objekt beleuchten, weist es Licht und Schatten auf.
Die Schlacht von Waterloo, – noch nicht einmal über ihren Namen konnte man sich einigen, – Belle-Alliance heisst sie bei Anderen, wird vom Engländer anders als vom Preussen und wieder anders vom Franzosen und noch anders vom Belgier 210 gesehen. "Sternstunde der Menschheit" nennt sie der eine, "verpasste Gelegenheit" der andere. Die Konferenz der deutschen Ministerpräsidenten in München kann selbstverständlich bei ihrer bescheidenen geschichtlichen Ranggrösse nicht in eine Reihe mit Geschichtsvorgängen von grosser, geschweige denn von Weltbedeutung gesetzt werden. Für uns Deutsche aber bedeutet sie eine Zäsur. Als ich nach innerem Für und Wider 211 und mancher Überlegung nach dreimonatiger Abwesenheit wieder ins Amt zurückkehre, kommt mir als erstes ein Zeitungsblatt mit einem roten Strich am rechten Rand zu Gesicht. Der Ministerpräsident von Bayern hat alle Ministerpräsidenten Deutschlands zu einer Konferenz nach München eingeladen. Mein Stellvertreter, Moskowiter, kriminell verfilzt, besonderer Liebling des Zentralsekretariats, hat noch schnell die Atemzüge solcher Stellvertretung vor meiner Rückkehr 212 benutzt, um in jenem rotangestrichenen Artikel München abzulehnen. – Den Artikel hat er nicht selbst geschrieben, dazu ist er, und dasselbe gilt für andere Spitzen der SED, bei Kriegszustand mit der deutschen Sprache und auch aus sonstiger Unzulänglichkeit ausserstande. Aber der ablehnende Artikel ist von ihm bestellt, trägt seinen Namen und ist damit eine amtliche Äusserung der Spitze des Landes. Eine Welle der Empörung gegen diese Abtötung der Hoffnung München im allerersten Keim geht durch die Bevölkerung und richtet sich gegen den Artikelzeichner und die SED. Eine solche Reaktion war "Höheren Orts" nicht erwünscht. Darum findet die Illegalität, das Ungesetzliche, welches jedem Kommunisten zueigen zu sein hat, schnell einen Ausweg. Der Webfehler voreilig wird ausgebessert: Die gelenkten Zeitungen bringen einen Artikel, nach dem auch der bürgerliche Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Hübener 213 , denselben ablehnenden Standpunkt einnimmt. Ich will es nicht glauben, prüfe nach und stelle fest: Fälschung! – Fälschung! auf der ganzen Linie! – München soll sabotiert werden. 214 In einem grossen Hotel des Harzes tagt die SED der sowjetischen Zone mit ihren Spitzen: Zentralsekretariat, Landesvorsitzende, Landtags- und Ministerpräsidenten. Ein Punkt der Tagesordnung ist die Stellungnahme zur Einladung des Bayerischen Ministerpräsidenten nach München. "Unser Freund Tulpanow" 215 aus Karlshorst nimmt als Dauergast an der Tagung teil. Er ist da, er hört zu; sein Handeln spielt sich hinter den Kulissen ab. Nicht eine Stimme erhebt sich auf der SED-Tagung im Harz offen gegen die Teilnahme an München. Die Einstellung bei der erdrückenden Mehrheit ist zu eindeutig für diese Teilnahme. So hält sich der KPD-Flügel zurück, hofft auf den grossen sowjetischen Bruder und dessen rechtzeitiges Eingreifen. Die Gesamtheit der SED-Spitze beschliesst durch eine eigens hierfür eingesetzte Kommission unter Mitwirkung der Ministerpräsidenten ein Antwortschreiben nach München hinausgehen zu lassen, das noch weitere Fragen offen lässt. Mit der Absendung dieser Antwort wird der sächsische Ministerpräsident Dr. Friedrichs 216 beauftragt. Als die Tagung bereits geschlossen ist, – eine grosse Zahl der Teilnehmer schon abgefahren ist, – erhält dieser spät in der Nacht insgeheim von Walter Ulbricht 217 die Anweisung, die allseits beschlossene Antwort nicht nach München hinausgehen zu lassen, sondern die Entscheidung der Sowjet-Administration Berlin-Karlshorst abzuwarten: Tulpanow war also nicht nur anwesend. Tage vergehen, nichts geschieht. Eines Tages erhalte ich vom Zentral-Sekretariat den Anruf, ich solle zum Ministerpräsidenten Hübener 218 von Sachsen-Anhalt nach Halle fahren, um mich bei ihm mit dem sächsischen Ministerpräsidenten Dr. Friedrichs 219 zu treffen. In Halle liegt als Antwort nach München ein Entwurf vor, der nicht mehr viel 220 mit dem ersten von den Spitzen der SED im Harz beschlossenen zu tun hat. Er ist verfälscht und erstrebt den Abbruch der Verhandlungen mit München. "Unterschreiben Sie nicht", empörte ich mich gegenüber meinem Kollegen aus Halle, "ich setze meinen Namen auch 221 nicht darunter." So geht das von einigen Mitgliedern des Zentral-Sekretariats umgefälschte Antwortschreiben nicht nach München hinaus, und ich handle. Ich lade Dr. Friedrichs 222 zu mir nach Weimar 223 ein, rufe von dort aus München an und vermittle so das Treffen des Sächsischen und des Bayerischen Ministerpräsidenten in Hof. Einige Tage später erstattet Dr. Friedrichs 224 über diese Zusammenkunft in Hof im Zentral-Sekretariat der SED und vor den Ministerpräsidenten der Ostzone Bericht. Unter dem Übergewicht des Zentral-Sekretariats und seiner Rückendeckung Karlshorst geht ein Telegramm nach München mit Gegenvorschlägen ab, welche einer Absage nahekommen. München biegt diese Antwort geschickt ab und schiebt zurecht zwischen den Zeilen seines Rücktelegramms unter Hinweis auf die Hoffnungen in der deutschen Bevölkerung die Schuld am etwaigen Scheitern der Konferenz den Ostpräsidenten zu. Eine solche politische Belastung in der grossen Öffentlichkeit empfindet selbst das Zentral-Sekretariat der SED bei seinem bisherigen Getöse für die Einheit als überprüfungswert. Dabei gibt diese bayerische Rückantwort zugleich der gemässigten Gruppe in der SED die Chance eines erfolgreichen Widerstandes gegen das Zerschlagen der Fahrt durch die Kommunisten. Erneute Tagung des Zentralsekretariats 225 unter Hinzuziehung der Ministerpräsidenten. Diese Tagung beschreiben heisst einen Einblick in seine politische Geschäftsmaxime 226 gewinnen, welche eine Kopie des Politbüros in Moskau zu sein versucht. Das Präsidium dieser Tagung führt der von der SPD herkommende Parteivorsitzende Grotewohl 227 . Er hängt recht armselig zwischen den Armlehnen seines Schreibtischsessels. Seine Worte sind gesprochen. Er hat schnurgerade auf dem Strich der Kommune und der hinter ihr stehenden Macht zu laufen. Die Mitglieder der KPD haben in seiner Nähe ihre Plätze bezogen. Nichts verrät ihr Denken. – Grotewohl 228 spricht gegen die Fahrt nach München. Er ist zu Ende. Im Zimmer herrscht eine hochgespannte Atmosphäre. Jedes Wort, was hier gesprochen wird, läuft unter Namensnennung des Sprechers nach Karlshorst. Es ist nicht ungefährlich, in der Nähe des Olymp zu sitzen. Zu leicht entrutscht ein Blitz der Hand des donnernden Jupiter. So tasten sich die ersten Sprecher, sie kommen von der SPD, sich zunächst vorsichtig an die Widerstandslinie heran, um dann immer stärker und deutlicher werdend in den Satz Gniffkes von der SPD 229 zu gipfeln: "Wir machen diese Politik der ewigen Negation nicht mehr mit!" Nun dreht die KPD auf, – Moskaus Schule exerziert vor. Zunächst kommen die schwächeren Figuren zu Wort, die Trümpfe lassen sie für ihre stabile Spitze und den kommunistischen Goebbels übrig. Ulbricht 230 ist zunächst des öfteren ausserhalb des Zimmers. Er hat bei solcher politischen Hochspannung viel mit seinem Freund Tulpanow zu telefonieren. Dann fällt sein Trumpf: Nach ihm hat die Parteileitung der SPD in Frankfurt getagt und hierbei soll sie die zu ihr gehörigen Ministerpräsidenten des Westens darauf verpflichtet haben, nicht mit den Ministerpräsidenten des Ostens in München an ein und demselben Verhandlungstisch zu sitzen, da die SPD in der Ostzone nicht zugelassen sei. Das Originalprotokoll kann er normalerweise nicht haben, so sehr das sowjetische "Geld spielt keine Rolle" oft unmöglich Scheinendes möglich macht. Er besitzt eine telefonische Durchsage des Protokolls 231 , und er nennt Namen, insbesondere den des Ministerpräsidenten Lüdemann 232 , der mit dem Angriff gegen die Ostpräsidenten in München beginnen soll. Ich stehe nach wie vor fest zur Fahrt nach München und komme mit dem kommunistischen Goebbels, Ackermann 233 , quer. Seinem Vorhalt, was ich denn machen wolle, wenn die SPD Ministerpräsidenten dieser Parteianweisung folgen, gebe ich die Antwort, dass ich ihn nicht als "Kindsfrau" benötige. Er pariert mit einer schlagfertigen Wendung, die mir leider entfallen ist. Ulbricht 234 suche ich mit seinen eigenen Lager zu schlagen; diese Taktik ist vielleicht die einzige Chance: "In der vorigen Woche war ein Führer der KPD aus dem Westen beim Landessekretariat Weimar 235 . Nach ihm vertritt die gesamte KPD des Westens den Standpunkt, dass die Ostzone nach München fahren müsse, da sonst für die KPD im Westen schwere Rückschläge zu erwarten seien." Weit gefehlt, was kümmern einen zünftigen Moskowiter die Gedanken und die Sorgen der Unteren, auch wenn sie aus den eigenen Reihen sind. Sein berühmtes "Sind wir Führer oder sind wir Geführte", schneidet solchen Einwand durch. Stundenlang geht im Zentral-Sekretariat das Für und Wider hin und her. Die schliessliche Abstimmung bringt eine Mehrheit f ü r die Fahrt nach München. Damit scheint endlich diese Frage erledigt zu sein. – Die Nachmittagssitzung sieht die KPDisten vollzählig zur Stelle, von der SPD fehlen einige, und sofort setzt der Angriff der Kommunisten wieder 236 ein. Den Beschluss vom Vormittag kann man als Plenarbeschluss des Zentral-Sekretariats allerdings 237 nicht wieder 238 aufheben, es müssten denn alle wieder zur Stelle sein. Das ist nicht gerade erwünscht, im Gegenteil. So erstrebt die KPD einen Zusatz, der in Wahrheit die am Morgen beschlossene Fahrt zur Aussichtslosigkeit verurteilen soll 239 . Dieser 240 Zusatz der KPD gibt nämlich 241 den Ostpräsidenten auf, zu Beginn der Konferenz in München den Antrag zu stellen, als 1. Punkt auf die Tagesordnung zu setzen: Bildung einer deutschen Zentralverwaltung durch Verständigung der demokratischen deutschen Parteien und Gewerkschaften zur Schaffung eines deutschen Einheitsstaates. Im Falle der Ablehnung dieses Antrages wird den Ministerpräsidenten aufgegeben, die Konferenz sofort zu verlassen. Gegen diesen kommunistischen Schachzug konnte in der Nachmittagssitzung nicht mit Erfolg 242 angekämpft werden. Er ging durch; bei dem vorhandenen Stimmenverhältnis war jeder Widerstand aussichtslos. Für mich galt: Die Fahrt nach München wird Wirklichkeit, das weitere wird sich dort finden. Trotz dieses nunmehr zum zweiten Male von der höchsten Parteiinstanz der SED gefassten Beschlusses: Es wird nach München gefahren, versucht hinter den Kulissen der kommunistische Flügel immer noch, diese Fahrt zu verhindern. Keine Nachricht geht nach München hinaus, keine Fahrerlaubnis geht den Ministerpräsidenten zu. Erst am Abend vor der Konferenz erreicht mich die Mitteilung, dass am nächsten Morgen gefahren werden dürfe. Die Fahrt soll für sich selbst sprechen: An der Raststätte Rodaborn inmitten des Thüringer Holzlandes, treffen sich die Ostpräsidenten zur gemeinsamen Weiterfahrt. Der Ministerpräsident Dr. Friedrichs 243 ist wenige Tage zuvor völlig überraschend tödlich erkrankt. Für ihn erscheint sein Innenminister Fischer 244 , anstelle des erkrankten, gemässigten Präsidenten sind in dieser Moskau-hörigen 245 Vertreterfigur KPD und NKWD nunmehr mit von der Partie. "Wie geht es Ihrem Ministerpräsidenten", frage ich den Pseudo-Sachsen. "Sein Zustand ist hoffnungslos, die Ärzte rechnen mit seinem baldigen Ableben." Wir stehen im Klosterlausnitzer Forst. Fünfzehn Minuten von hier hatte ich noch vor kurzem mit diesem Ministerpräsidenten gesprochen. Wir fuhren in meinem Wagen und kamen aus Halle. "Lass doch bitte halten, ich muss mit Dir allein sprechen", hatte er mich gebeten. Und dann waren wir in diesem Klosterlausnitzer Forst nebeneinander gegangen und ich hörte: "... Ich werde ermordet, es sind schon andere umgebracht worden, die Schurken vergiften mich, ich trinke und esse nichts mehr ausserhalb...", und dann hatte er mir einen längeren Bericht über eine Anzeige gegeben, die er gegen denselben Fischer, diese 246 politisch stark fundierte Figur von der KPD und NKWD erstattet hatte. – Ich hatte an einen Grund zu solcher Sorge nicht ernstlich 247 glauben wollen. Jetzt liegt derselbe Mann todkrank. – – – – – –Wir warten. – – – Ein Wagen kommt in grosser Fahrt von Norden. Ist es der Brandenburger? Nein, es ist einer von meinem Amt. Mir wird ein Aktenstück überreicht. Ich fühle die Aufregung des Überbringers 248 und da die Akte der Tagung dient, so trete ich beiseite und höre die Nachricht: " … vor einer Stunde hat in der Passabteilung der Administration Weimar 249 dieser Bursche von der NKWD, Sie kennen ihn, der Kerl mit der Narbe, einen Pass nach Bayern bekommen …" – Asiatische Luft weht im Klosterlausnitzer Forst. – Der Ministerpräsident von Brandenburg fehlt noch immer. Er hatte mit mir, wenn auch vorsichtig, für die Fahrt nach München gestimmt. Die andersdenkenden 250 Begleiter Sachsen und Mecklenburg sind erklärte Gegner. Die Gegnerschaft meldet sich bei mir zu Wort: "Ich habe die strikte Anweisung vom Zentral-Sekretariat", so lässt sich der deutschsprachige Moskowiter Fischer 251 in eindringlichem Tonfall vernehmen, "nochmals ausdrücklich zu sagen, dass wir auf der Stelle aufzustehen und die Konferenz zu verlassen haben, wenn unser Antrag nicht angenommen wird." "Zunächst sind wir noch nicht in München und dann", und damit schüttle ich ihn ab, "werden wir sehen". Der Brandenburger kommt nicht. Erst später erfahre ich, dass ihn seine Administration Potsdam 252 bis in den späten Nachmittag hinein nicht abfahren liess. Er sollte zu spät nach München kommen. Wir können nicht länger warten, wir müssen fahren. Über meine Gedanken und was mich innerlich auf dieser Fahrt bedrückte, brauche ich mich wohl nicht zu äussern. – Beim Abendessen in München, das zum ersten Male nach dem Zusammenbruch die Ministerpräsidenten aller deutschen Länder an einem Tisch vereinigt, bringe ich (einem Nachbarn) Dr. Hübener 253 gegenüber meine Besorgnis zum Ausdruck, dass "Gehorsam-Moskau" die Konferenz sprengen, sie verlassen werde, wenn der Antrag der Ostpräsidenten nicht zur Annahme komme. Ich sehe noch das Lächeln und höre noch die beruhigende Antwort: "Der genius loci, der versöhnliche Geist des Ortes, wird helfen." Die aufgeschlossene Stimmung an der Tischrunde schien zu solchen Hoffnungen zu berechtigen. – In Erwiderung einer Ansprache des gastgebenden bayerischen 254 Präsidenten schliesse ich zur Unterstreichung der Verbundenheit deutscher Menschen mit dem Satz: " … heute Morgen bin ich von zuhause in Weimar abgefahren und heute Abend zuhause in München angekommen..." Kurz danach vereint der Sitzungssaal der Bayerischen Staatskanzlei die Ministerpräsidenten. Die sachliche Arbeit soll beginnen. Eine Sachschilderung wird nicht nur dadurch unrichtig, dass man objektiv unrichtige Tatsachen in sie aufnimmt, sondern sie wird es auch dadurch, dass man verabsäumt, objektiv richtiges und wesentliches Tatsachenmaterial zu bringen, das zur Gesamtheit des Bildes gehört. Ich habe den Ballast und Sprengstoff, den die SED an den Hals ihrer Präsidenten hängte, klar aufgezeigt. Nach der den Ostpräsidenten gewordenen telegraphischen Einladung Münchens sollte die Tagesordnung der Konferenz erst an dem Abend festgesetzt werden, an dem wir uns zusammen mit den Ministerpräsidenten des Westens im Sitzungssaal der Bayerischen Staatskanzlei trafen. Das war eine Zusicherung gegenüber geladenen Gästen. Im Widerspruch zum Inhalt dieser Einladung fanden wir eine Tagesordnung vor, die 255 in ihren einzelnen Punkten bereits festgesetzt war. 256 Für alle Punkte der Tagesordnung waren bereits Referate und Korreferate verteilt und zwar derart, dass sie ausschliesslich Vertreter der Westzonen als Sprecher vorsahen. In welcher Situation sitze ich am Tisch? Hinter mir steht die schwierigste Partei, die schwierigste Besatzungsmacht Deutschlands, zu meiner Rechten sitzt ihr Spion, vor mir liegt eine Tagesordnung, nach der die Ostpräsidenten mit ihren rund 20 Millionen Deutschen hinter sich weder als Haupt- noch als Nebenredner zu einem der Punkte der Tagesordnung vorgesehen sind. Für das Zustandekommen der Fahrt nach München hatte ich Wochen hindurch gekämpft, mich in belastendem Sinne immer erneut "westlich decouvriert". Und jetzt trifft mich die Verantwortung, dass wir, die grobe Sprache nennt es: Sandsack mit Ohren, im wesentlichen als Zuhörer dieser Konferenz mitlaufen sollen. Die Atmosphäre im Sitzungssaal erinnert in nichts mehr an die allgemeine Aufgeschlossenheit beim Abendessen. Zwei Fronten sitzen sich gegenüber, bemisstrauen sich, und die eine fühlt sich besser als die andere. Sie hat nicht Asiens Söhne als Besatzungsmacht und vergisst, dass die Sowjets von den Deutschen der Ostzone nicht gerufen wurden und für diese ein Kreuz von ganz besonderer Schwere bedeuten. Niemand ist da, der vermittelt, die Verhandlungsleitung selbst ist unelastisch. In diese hochgespannte Atmosphäre hinein wird mit der Schärfe des preussischen Tonfalls "auf mein Kommando hört die Kompanie" von dem sowjetisch-treuen Ministerpräsidenten Mecklenburgs der bei dieser Situation von vornherein zum Tode verurteilte Antrag der SED gestellt: " … ich beantrage als entscheidende Voraussetzung für die Verhandlungen der Konferenz als ersten Punkt auf die Tagesordnung zu setzen ..." Kein Wort der Kritik darüber, dass die Westpräsidenten diesen Antrag ablehnten. Es bedurfte keiner formalen Beschlussfassung dazu, so einmütig war bei ihnen die Ablehnung und so folgerichtig die Erkenntnis, dass mit der Annahme dieses Punktes sich die sonstige Konferenz im wesentlichen erledigt haben würde. Nach dem Parteibefehl habe ich jetzt aufzustehen und die Konferenz zu verlassen. Das ist mir heute morgen von meinem rechten sowjet-hörigen Nachbarn Fischer 257 nochmals eindringlich im Auftrage des Zentral-Sekretariats eingehämmert worden. Auf meine Schultern hat man die Verantwortung gepackt. Ich stehe nicht auf und weiss, was das bedeutet. Ich suche nach einem Vergleich. Vorschlag: Nach der Begrüssungsansprache des Bayerischen Ministerpräsidenten soll von jeder Zone ein Ministerpräsident 10 bis 15 Minuten lang zu Wort kommen. Dann bedarf es keiner Änderung der restlos für den Westen aufgeschlüsselten Tagesordnung. Unverbindlichkeit, fehlender Wille zum Entgegenkommen gegenüber dem Osten. – Da und dort fallen Worte des Bedenkens, weil die Ministerpräsidenten der französischen Zone nur so lange an der Konferenz teilnehmen dürfen, als dort nicht die Frage der deutschen Einheit erörtert wird. Die schliessliche Mehrheitsstimmung heisst erkennbar Nein. Das ist die zweite Schlappe. Ich suche weiter. Der Parteibefehl wird erneut verletzt. Nächster Vorschlag: Nach dem Bayerischen Ministerpräsidenten soll wenigstens ich als Vertreter der Ostzone zu Worte kommen. – Ich sichere zu, dass ich auf den Ballast meiner Kollegen aus der französischen Zone Rücksicht nehmen und auch nicht in parteipolitischem Sinne sprechen werden. Dabei werde ich von dem LDP 258 Ministerpräsidenten Sachsen-Anhalts, Dr. Hübener 259 , unterstützt, der von sich aus noch einmal unterstreicht, dass man solchen Zusicherungen von mir bedenkenlos vertrauen könne. Aus dem Kreise der Westpräsidenten, und zwar just von dem, den Ulbricht 260 bei jener Kampfsitzung in Berlin über die Fahrt nach München genannt hatte, wird eingeworfen, dass die SPD in der Ostzone nicht zugelassen sei. Die Stimmung erfährt dadurch keine Entspannung. Einiges Hin und Her. Die Nerven sind aufs Äußerste gespannt. Was wissen die Andern vom sicherem Port ihrer Zonen, in der Sicherheit ihrer Person, ihrer Freiheit, ihres Lebens, was hinter dem in der Ostzone steht, der zur linksradikalen Richtung und zur Marschroute Moskau in offensichtliche Gegnerschaft kommt! Auch dieser Vorschlag findet keine Unterstützung der Mehrheit, er kommt nicht durch. – Man kann nicht die Wahrheit hinausschreien. Man kann auch nicht rufen: Die Zerstörer Deutschlands, die Kommunisten, profitieren an dem Heute, in unserem Kreise sitzt ein Deutsch-Moskowiter des NKWD, morgen wird er berichten. – Über meine Niederlage lacht er still in sich hinein. Ich habe noch niemals den Standpunkt vertreten, dass der Schlag mit der Faust auf den Tisch eine Form der Verhandlung sei. Im Gegenteil, ich habe solche Verhandlungsweise verurteilt. Der Bericht des Bayerischen Staatsministeriums verzeichnet, dass die Verhandlungen in dieser Nachtsitzung mit einer Ausnahme sachlich geführt worden seien. Ich gestehe zu, dass ich, nachdem alle Versuche von mir am Konferenztisch zu bleiben, gescheitert waren, ich meiner aufgestauten Erregung nachgegeben und meiner Verzweiflung und Empörung Luft gemacht und hart 261 auf den Tisch geschlagen habe. Die Worte, die ich dabei sagte, lagen gewiss zuvor nicht auf der Waage, aus mir rief die Not einer Zone, die sich ungenügendem Verständnis gegenübersah. Meine Begleiter zur Rechten, die beiden Diener Moskaus, brauchten sich nicht zu erregen. Für sie verlief die Konferenz durchaus wie gewünscht, sie konnten nach aussen hin sachlich bleiben, im Innern haben sie gelacht, – befriedigt gelacht. 262 Nach der 263 Ablehnung von allen Vergleichsversuchen zogen sich die Ostpräsidenten zu einer Beratung ins Nebenzimmer zurück, und ich bat den gastgebenden Ministerpräsidenten um seine Anwesenheit. Die Aussprache in diesem engen Kreise dauerte etwa eine Stunde, und auch sie zeitigte keinen Erfolg. Ein letzter Vorschlag: bei Eröffnung der Konferenz am nächsten Morgen, unsere Stellungnahme schriftlich begründen zu dürfen, verfiel ebenfalls der Ablehnung. So kam es zu jenem Bild, in dem in der Nacht des ersten Zusammenseins deutscher Ministerpräsidenten nach der grossen Katastrophe ihres Vaterlandes sie sich fast grusslos voneinander trennten. Beim Verlassen der Staatskanzlei erklärte ich noch, dass wir in der Nacht und am nächsten Vormittag zur Aufnahme von Vergleichsverhandlungen zur Verfügung stehen. Der moskowitisch-ergebene Mecklenburger und selbstverständlich auch der Pseudo-Sachse fuhren noch halb in der Dunkelheit nach Norden ab, um ihren Herren schnellstens zu berichten. Im Laufe des nächsten Vormittags kamen ein führender Politiker der CDU Dr. Friedensburg 264 und einer der SPD Senatspräsident Kaisen 265 in unser Münchner Hotel und boten ihre guten Dienste für eine Vermittlung an. Die drei Zurückgebliebenen der Ostzone haben diese Vermittlung dankbar aufgegriffen, doch nach einiger Zeit kamen die Vermittler unverrichteter Sache zurück. Nach ihnen hatte der gastgebende bayerische 266 Ministerpräsident zunächst entgegengekommen wollen, demgegenüber hatte eine Gruppe der westdeutschen Ministerpräsidenten dann damit gedroht, ihrerseits die Konferenz verlassen zu müssen, wenn der Osten zurückkehre. Eine Frage, die an sich bei der Situation überflüssig war, habe ich noch an die Vermittler gestellt: "Was soll ich bei dieser Lage tun?" und bekam die einzig mögliche Antwort: "Es bleibt Ihnen nichts weiter übrig, als zu fahren." Seit zehn Stunden schrien bereits die Radios, druckten die Zeitungen, dass ich in der Nacht die Konferenz von München gesprengt hätte, zu ihrer Sprengung hingekommen wäre, und zur selben Zeit stand von hunderten gesehen mein Wagen vor dem Hotel 267 in den Strassen Münchens, suchte ich – 10 Stunden nach der sogenannten Sprengung – noch letzte Möglichkeiten zu einem Vergleich. Über die Zusicherung im Einladungstelegramm bezüglich der Mitwirkung der Ostpräsidenten an der Tagesordnung, deren völligen Ausschliessung von dieser wie über die wiederholten Vergleichsversuche in der Nacht und am Morgen des 6. Juni verbreitet sich das amtliche Kommuniqué der bayerischen Staatskanzlei nicht. Es ist insoweit lückenhaft. Mit Gefühlen, die zwischen Enttäuschung, Empörung, Niedergeschlagenheit und einem Trotzdem-Wollen für Deutschland wechselten, fuhr ich zurück in eine Umgebung, von der der Westen wenig ahnte. Überall, durch welches Land man auch fuhr, sah man in den Gesichtern der Menschen Enttäuschung über diesen Ausgang der Konferenz in München; denn das, was dort verblieb, war Rumpf. Gewiss, München konnte uns keine Einheit bringen, überhaupt keine greifbaren Erfolge, aber es hätte der Welt die Einmütigkeit der Deutschen vor Augen stellen können. – – Genugtuung bei der Administration, Jubel bei der KPD. Unmittelbar nach meiner Rückkehr sprach ich zur Bevölkerung im Sender über das Scheitern von München und habe dabei keinen Hehl aus meiner Niedergeschlagenheit gemacht. Die Zeitungen?: die einen schrieben das Befohlene, die anderen jenes. Wann wird es anstelle von Verzerrung wieder eine wahre 268 gedruckte öffentliche Meinung in Deutschland geben?! Die Sowjets? als Politiker werteten sie mein Bleiben in München und die unternommenen Vergleichsversuche nach Ablehnung des Antrages der SED als einen Gewinn, in der Sache selbst erkannten sie natürlich, dass ich aus der Reihe ausgebrochen war und die Parteidisziplin aufs schwerste verletzt hatte. Die Stimmung der Bevölkerung im Lande war, wie hätte es anders sein können, – denn im Osten klammerten sich so sehr viel mehr und so viel inbrünstigere Hoffnungen an diese Konferenz als sonstwo, – aufs äusserste bedrückt. Die Intrigen und den Verrat der SED konnte ich unter östlicher Wolkendecke nicht aufzeigen. Viele Tausende sind Zeuge dafür wie ich die Hoffnung für Deutschland nicht aufgab, und wie ich bemüht war, jedes Aufreissen und jedes Verbreitern der Kluft zwischen Ost und West zu vermeiden. Ich suchte neue Brücken zu schlagen und das nicht nur mit dem Wort. –

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Zwischen Generälen, Agenten und Verrätern

Das Land Sachsen hat Landestrauer. Sein Ministerpräsident wird zu Grabe getragen. Ein Staatsbegräbnis von besonderem Ausmaß, das Erinnerungen an manches unterm Naziregime aufkommen lässt, sieht die Stadt Dresden. Blumen, Blumen, wohin man sieht, Blumen und Kränze. Unter ihnen fingert schon wieder Moskau.
Ich stehe in dem weiten Raum, in dem die grosse Totenfeier stattfindet und nehme in Gedanken von dem vorn im Sarg liegenden Abschied. Da flüstert es in mein Ohr: "Unmittelbar nach dem Staatsbegräbnis Treffen aller Ministerpräsidenten. Sie müssen unbedingt kommen." – Der stabile Spitzen-Funktionär Ulbricht 269 hat Wichtiges zu eröffnen. – Vom "Weissen Hirsch" in Dresden führt der Blick über die im Tal dahinfliessende Elbe und die sie umrahmenden Hügel. Ruhe und Frieden atmet das Bild. "Die westdeutschen Ministerpräsidenten haben beim Kontrollrat um einen Empfang gebeten, sie wollen über die Konferenz in München berichten", wird uns mitgeteilt. "Höheren Orts wird die Meinung vertreten" – Tulpanow sah ich untern den Trauergästen –, "Dass die Ostpräsidenten ihren Standpunkt gleichfalls dem Kontrollrat vortragen sollen." – Bitte, warum nicht? – Sitzung im Zentral-Sekretariat, geladen dazu sind die zur Partei gehörigen Ministerpräsidenten. Vor jedem liegt 270 auf dem Tisch ein mit Schreibmaschine geschriebener Entwurf der vom Zentral-Sekretariat vorgeschlagenen Eingabe der Ostpräsidenten an den Kontrollrat. Er zeichnet sich durch eine besonders gemässigte Form der Sprache aus, ich bin erstaunt, so zarte und sachliche Töne aus solcher Quelle zu hören. Einige unbedeutende Änderungen werden gemacht, und dann habe ich keine Bedenken, den Entwurf zu unterschreiben. Doch, halt, da fehlt noch der LDP-Ministerpräsident Dr. Hübener 271 von Sachsen-Anhalt, er weilt 272 gerade zur Erholung 273 in meiner Heimat 274 . Seine Zustimmung ist von nöten, sonst sieht es aus, als habe er sich geweigert. Mich trifft die Aufgabe, mit ihm zu sprechen. Ich will 275 einen Durchschlag des Entwurfs mitnehmen, doch 276 wird er mir mit der Begründung vorenthalten, dass um der völligen Geheimhaltung willen kein Exemplar vor dem Tage, an dem der Brandenburger und der Mecklenburger Ministerpräsident 277 als Vertreter der Ostpräsidenten den Kontrollrat aufsuchen sollen, aus dem Zentral-Sekretariat herauskommt. Bei meiner langen Autofahrt sei, so meint Ulbricht 278 , die Gefahr einer Panne oder gar 279 eines Unglücks nicht von der Hand zu weisen, dabei könnte der Entwurf in falsche Hände kommen 280 , und darum gäbe man mir keinen Durchschlag des Entwurfs 281 mit. So lese ich diesen wiederholt durch, um Dr. Hübener 282 möglichst wortwörtlich die entscheidenden Sätze übermitteln zu können. In diesem Sinne berichte ich ihm und unterstreiche dabei 283 auch meine Beobachtung, dass ich selten eine so gemässigte Sprache, vor allem auch unter Weglassung der typischen Worte "grosse demokratische Massenorganisationen" oder "Monopolkapital" seitens der SED-Spitze vernommen habe. Einige Zeit später lese ich oder höre ich im Radio, dass die Ostpräsidenten vom Kontrollrat nicht empfangen werden, und dass die Militärregierungen des Westens wegen der aufreizenden Sprache der Ostpräsidenten in ihrer Eingabe 284 dahin übereingekommen seien, dass keiner von diesen – für eine zukünftige Reichsregierung in Frage komme. Zunächst kann ich diesen Standpunkt der Repräsentanten der Westmächte nicht begreifen, dann aber lese ich die in der Zeitung abgedruckte Eingabe der Ostpräsidenten und verstehe. Sie ist nach meiner festen Überzeugung nicht jene gemässigte, die ich unterschrieb. Das Spiel ist durchsichtig: Die dem Unterschriftsblatt vorausgehenden Schreibmaschinenseiten müssen durch andere ausgewechselt worden sein. Durch das nunmehr angeschlagene Tönchen kommunistischer Aggressivität findet der Empfang der Ostpräsidenten durch den Kontrollrat nicht statt. So hat mit ihrer unter den Blumenkränzen eines Staatsbegräbnisses begonnenen Minierarbeit die Kommune wieder einmal gesiegt. Dem Nichtempfang der Ostpräsidenten durch den Kontrollrat kann der Sowjet sich mit der Begründung 285 : haust Du meinen, hau ich Deinen, dem Empfang der Westpräsidenten erfolgreich 286 widersetzen. – – – – In Reden vor Tausenden, in schriftlichen Äusserungen, in Konferenzen mit Führern der bürgerlichen Parteien und in meiner Eingabe an die Sowjet-Militär-Administration anlässlich der Reise Molotows nach Paris habe ich mich in der Ostzone für die grosse Öffentlichkeit sichtbar als Anhänger des Marschall-Planes herausgestellt. Ich fahre über den Thüringer Wald und mache in einem bekannten Kurhotel halt. Eine Dame tritt auf mich zu. "Herr Präsident, wie ist es möglich", spricht sie mich an, "dass Sie Ihre Meinung für den Marschall-Plan auf einmal geändert haben und sogar zum Gegner geworden sind?" "Ich?, wer hat Ihnen diesen Widersinn erzählt, gnädige Frau?" "Gestern ist es über alle Radios gekommen." "Was?!", frage ich ver 287 zweifelnd zurück. "Das Radio hat eine scharfe Absage der Ostzone gegen den Marschallplan bekanntgegeben. Alle sind aufgezählt, die diesen Aufruf unterzeichnet haben, und an der Spitze ist Ihr Name genannt." "Wer weiss, was Sie da gehört haben...", gebe ich immer noch ungläubig 288 zurück. Dieses Gespräch fand auf einer Fahrt statt, die ich wegen des Borkenkäfers und der Riesengrösse seiner Gefahr in die Befallsgebiete des Waldes unternommen hatte. Dieses das Land gefährdende Problem stand mir an solchem Tage um vieles näher und war mir um vieles wichtiger, als Gerede und Radiopropaganda. So wäre das Gespräch fast in Vergessenheit geraten. Irgend ein Zufall liess es wieder auftauchen. "Schicken Sie mir sofort die Zeitungen der letzten Wochen", rufe ich die Presseabteilung an. " – – – – Da war doch vor einiger Zeit ein Schreiben des Zentral-Sekretariats gekommen, ich solle mich durch Unterschrift zu einem Aufruf bekennen; er ging gegen den Marschall-Plan. Ich hatte den Zettel nicht unterschrieben, sein Inhalt stand meinem öffentlich geäusserten Standpunkt zuwider. Mit solcher Offenheit stand ich allerdings ziemlich 289 alleine in der Zone. Ein Stoss Zeitungen kommt auf den Tisch. Ich lese: "Die 50 führenden Männer der Ostzone gegen den Marschall-Plan!" Unterschriften. An der Spitze mein Name. – Titel und akademische Grade stehen sonst bei Links-SED nicht hoch im Kurs. Aber diesesmal klingt es besser, darum heraus mit allem: Ministerpräsident, Professor, Doktor ….; Urkundenfälschung, begangen in der grössten Öffentlichkeit! Begangen gegenüber einem Mann, der in diesem Zeitpunkt in der höchsten Amtsstellung eines Landes sitzt! – –"Gefälscht, gefälscht, Herr Kollege", hatte mir vor kurzem eine Stimme empört zugerufen, – gefälscht war der Zeitungsartikel gegen München, gefälscht war die Eingabe an den Kontrollrat, gefälscht hatte man auch meine Gegnerschaft zum Marschallplan 290 . Warum?! 291 Die Antwort ergibt sich von selbst: nicht die Grossen der SED, die sich sonst als Gebieter gebärden, – nicht die Landtagspräsidenten, die nach der neuen Rangskala der SED mit Längen vor den Blos-Ministerpräsidenten laufen, hat man an die Spitze genommen; gewiss, irgendwo zeichnen auch sie mit. – Die akademischen Grade sind ein gutes Aushängeschild, sie eignen sich zur Irreführung. Und dazu ein Zweites: Ich soll in der Öffentlichkeit zum Mitverantwortlichen an der Vertiefung der Kluft und am Zerschneiden in Ost und West gemacht werden. Die SED, diese Verräter Deutschlands, wussten war wohl wie sehr die Bevölkerung der Ostzone eine Einschließung in den Marschall-Plan ersehnte. Sie wusste darum, wie sehr die Menschen des Ostens in jenen Wochen an den Westsendern hingen und von dort erlösende Worte erhofften. Bei solcher Volksstimmung muss von der "Einheitspartei Deutschlands" schnell gehandelt werden. Hier gibt es nur ungenügende Zeit zum Warnen. Der alte Gaul "Monopolkapital" wird zwar noch eilig aus dem Stall gezerrt, einige Phrasen von Niggerkolonie und griechischem Brotkorb in die Tagespresse geworfen, dann aber muss schweres Geschütz aufgefahren, muss durch einen Aufruf der 50 führenden Männer der Ostzone die Kluft zwischen Ost und West aufgerissen, muss jede hilfsbereite Hand aus dem Westen nicht nur zurückgewiesen, sondern mit Verleumdungen und Schmähungen bedacht werden. – "Wir sind eine deutsche Partei!" … Verräter Deutschlands sind es! – – –
Mein bisweilen täglicher Verhandlungspartner ist der Chef der Sowjetischen Administration, General Kolesnitschenko 292 . Wie lange war ich ehrlich bemüht, mit ihm, der sowjetischen Generalität und anderen Repräsentanten der Besatzungsmacht das bestmögliche Verhältnis zu halten. Es war ein Fehler, ihnen gegenüber mit zu offenem Visier deutsche Belange zu vertreten. Die in der Neuzeit so viel propagierte offene Diplomatie wird von den Sowjets als Dummheit gewertet und missbraucht. Jeder Verhandlungspartner ist zudem den Sowjets gegenüber von vornherein stark gehandicapt. Durch ihr Agentennetz und ihre vielen unterirdischen Kanäle kennen sie den Gegner im Werdegang, in allen seinen Lebensäusserungen, zum Teil bis ins intimste Privatleben hinein mit allen Schwächen und Stärken.
Nur einen Gegner wertet der sowjetische Geheimapparat im Sinne von gefährlich: den englischen Secret-Service. Bei seiner Nennung unterbleibt das überlegene Lächeln gegenüber allen sonstigen Einrichtungen des Westens auf den Gesichtern der Sowjets. Zum Chef der Administration führt mich der Weg, um mich wegen der Fälschung meines Namens unter dem Aufruf gegen den Marschall-Plan zu beschweren. Durch Zuträger und Agenten weiss er schon längst, wie sehr ich mich darüber im Amt entrüstet habe. Er findet es nicht richtig. Er gibt mir recht. Er wird auch nachprüfen. Worte, hinter denen ich Unwahrhaftigkeit spüre. "Ausnutzen, ausnutzen bis zum Letzten", heisst eine oft gebrauchte sowjetische Nutzanwendung auf meine Person. Jeder weiss, dass Agenten und Spione zwei Schultern haben und in der Regel auf den beiden, wenn auch meist auf der einen etwas mehr, tragen. So dienen sie leicht zwei Herren, wobei die Güte ihrer Zuverlässigkeit höchst zweifelhaft ist. Ich lehne es ab, die Fülle der Äusserungen, die mir aus solchem Lager im Laufe von Jahren zugetragen wurden, mit denen ich einen Band füllen könnte, auch nur abschnittsweise zu bringen. Einige, ganz wenige Sätze, für deren Richtigkeit ich anderweits Anhaltspunkte habe, will ich verwenden. Die Sowjets, so klug sie sich in ihrer Minierarbeit wähnen, und so gut diese auch sicherlich ist, leiden an dem Fehler starker Selbstüberheblichkeit. 293 Davon ausgehend, dass die von der NKWD in Pflicht genommenen Agenten dem vor Angst im Schlangenkäfig zitternden Kaninchen gleichen, halten sie bei diesen ein Doppelträgertum allem Anschein nach für unbeachtlich. 294 Ich weiss nicht, inwieweit die NKWD innerhalb der Grenzen der Sowjet-Union mit hundertprozentiger Zuverlässigkeit ihrer Werkzeuge rechnen kann, ihr diesbezüglicher Glaube in besetzten Ländern gehört gottlob manchmal 295 zu dem des frommen Köhlers. "Wir finden es gut, dass der Präsident seinen deutschen Standpunkt klar herausstellt". Dieser Satz aus hohem Munde ist für meine Ohren bestimmt und wird mir schnellstens zugetragen. "Wenn der Präsident so weiter macht, kann er eines Tages einen Steinwurf an den Hinterkopf bekommen". Dieser Ausspruch galt weniger für mich, war aber wohl ehrlicher. – – – In eine Regierungssitzung hinein klingelt der Anruf eines Bürgermeisters. Er bittet um sofortige Hilfe. Ein Regierungsrat, der sich als Freund des Generals der NKWD brüstet, will eine Fabrik in ihrer Fabrikation begrenzen. Dadurch drohen einige hundert Arbeiter auf die Strasse gesetzt zu werden. Das Vorstrafenregister dieses Herrn "Regierungsrates" war mir kurz zuvor auf den Amtstisch gelegt worden. Er war Krimineller. In Berlin lief er in den Akten der Kriminalpolizei unter dem Verbrechernamen "Qualle". Im Nazireich hatte die Gestapo diesen reinen Kriminellen nach Verbüssung seiner letzten Freiheitsstrafe als Spitzel eingesetzt, mit einem roten Winkel ausgestattet und ihn damit als einen angeblich Politischen nach Buchenwald gebracht. Dort hatte er sein Gewerbe für die SS ausgeübt; im Lager hatte man zwar gegen ihn Verdacht geschöpft, ihn aber nicht überführen können. So feierte er im April 1945 als Politischer seine Befreiung und sprang mit beiden Beinen ins politische Leben. Seine Witterung brachte ihn zur KPD. In Überschätzung seiner Kräfte suchte er den Direktor der Schwarzaer Zellwolle, wohl des grössten Unternehmens dieser Art in Deutschland, zur Strecke zu bringen. Das nahm ihm der Ortskommandant der Besatzungsmacht übel; er kassierte ihn wegen Sabotage, und so fand sich Qualle plötzlich in Buchenwald wieder. Er machte dort seiner Wendigkeit alle Ehre. Speckfett sass er eines Tages als ein von dort Entlassener – ein unschuldig verhaftet Gewesener, Zeuge: NKWD, – mir gegenüber und verlangte unter Andeutung der hinter ihm stehenden Macht Beschäftigung in der Verwaltung des Landes. Das fiel aus. Und Qualle kam in Vergessenheit bis der Strafregisterauszug und der Anruf des Bürgermeisters mich darüber unterrichteten, dass er als Vertreter einer höheren Amtsstelle der Landesverwaltung schädliche Eingriffe in Handel und Versorgung vornahm. Hinter meinem Rücken, und gegen mein Wissen und Wollen hatte die NKWD ihn einbauen lassen und gedeckt. Qualle sah sich wenige Minuten später wieder seiner amtlichen Funktion enthoben. Wie hiess es doch in den Wahlsprüchen der SED: "Wir sind für Sauberkeit in der Verwaltung". Ein ganzes Schlachtgeschwader fährt gegen mich auf. Es protestiert gegen die Kaltstellung vom Kriminellen Qualle, – Spitzel a.D. der Gestapo, Spitzel z.D. der NKWD, – der Gesamtbetriebsrat der Landesverwaltung durch seinen kommunistischen Vorsitzenden! Der Parteivorstand der SED beschliesst, eine Kommission einzusetzen und zu untersuchen, wieso der Ministerpräsident das Mitglied der Partei, den Kriminellen Qualle, ohne vorheriges Gehör des Parteivorstandes aus Amt und Würden hinaustun konnte. Die beiden schwersten Schlachtschiffe folgen: Sowjet-Militär-Administration und NKWD. Es war eine mehrstündige und in Ton und Inhalt wohl eine der härtesten Verhandlungen, die ich führte, und bei der ich keinen Zweifel darüber liess, dass man zwischen dem Ministerpräsidenten und dem Kriminellen Qualle – seine Einschätzung durch die NKWD hiess: er ist teuer, aber er leistet gute Arbeit – zu wählen hatte. Die Auseinandersetzung zwischen dem Administrationschef und mir über den Kriminellen Qualle wird in beiderseitiger Unnachgiebigkeit geführt. Endlich, es waren wohl zwei Stunden verstrichen, ruft der General: "Schmeissen Sie den Kerl hinaus, es ist jedes Wort über ihn zu schade". "Das ist auch meine Meinung, Herr General, aber die Landesvorsitzenden der SED behaupten, und damit begründen sie die Einsetzung der Untersuchungskommission gegen den Ministerpräsidenten, dass Sie selbst durch einen Major das Verbleiben dieses Verbrechers im Amt verlangt haben". Pause. – – "Nein". – – Wo liegt die Wahrheit? – Am Nachmittag hatte der Kriminelle nach den mir werdenden Informationen eine mehrstündige Unterredung mit demselben Chef der Sowjetischen Militär-Administration, der wenige Stunden zuvor gesagt hatte: Schmeissen Sie den Kerl hinaus, es ist jedes Wort über ihn zu schade. – – Muss ich es sagen? Qualle erhielt nach meinem Weggang eine führende Stelle im Lande 296 . – "Um den Präsidenten herum muss ein Kahlschlag gemacht werden", ist die von der Kommune ausgegebene Parole. Männer meines Vertrauens sind diesen Herrschaften in meiner Umgebung nicht genehm. Durch sie kommt Post an mich durch, erfahre ich wahre Klagen aus dem Land. Einen nach dem andern brachten sie zur Strecke, einem nach dem andern musste ich sagen: Gehen Sie weg, hier sind Sie gefährdet, ich weiss nicht, wie lange ich Sie noch schützen kann. Ich soll durch die Kommune isoliert und in dieser Isolierung von allen Seiten her leicht bespiegelt werden können. Mit der Ausführung dieser Strategie ist der neue kommunistische Innenminister beauftragt, in Tuchfühlung mit ihm stehen NKWD und Ulbricht 297 : Er soll mich auf die Schiene Deutsch-Moskau bringen und zugleich mich mehr als bisher beschatten. Als politischer Schwachkopf verletzt er ständig eine bekannte Instruktion der NKWD, nicht in Gegenwart des Beschatteten Äusserungen von diesem zu notieren, um diesen nicht misstrauisch zu machen. – Einprägen, unauffällig hinausgehen und draussen schnell notieren, heisst das Rezept. Das ist zu viel für 298 kurzhirniges Denken. So notiert er in den Regierungssitzungen immer dann, wenn ein Satz von mir für seine Auftraggeber aufschlussreich zu sein scheint. Bei der Beschränktheit solcher Gegenüber, welche glauben, fehlende Intelligenz durch sowjetische Ergebenheit ausgleichen zu können, wird die Fadenführung ihres Netzes leicht sichtbar. In meinem Vorzimmer haben sie eine Sekretärin als Horchposten und Aktenstöberer gewonnen. Laufend erstattet sie den Kommunisten Bericht und steht durch einen Schwager als Mittelsmann – – was zählt Amtsgeheimnis – mit Oberst Tulpanow und mit einer westlichen Zeitung Berlins in Verbindung. "Ihr seid die vorderste konsequente Linie der Partei um den Präsidenten", hiess die kommunistische Instruktion an zwei hohe Mitarbeiter meiner Umgebung. – – Ich sah nicht zu. Der Horchposten und das Auge der KPD und des Obersten Tulpanow 299 wurde aus meinem Vorzimmer abgeschoben. Die eine Säule aus der "konsequenten Linie" brach ich heraus. Die zweite und letzte Säule, ich gab ihr im Amt den Beinamen: "Wie verrate ich meinen Herren", sitzt mir in ministerialdirektorlicher Einsamkeit gegenüber. Er kommt vom Sudentengau, er wähnt ihn weitab und macht in wildem Kommunismus. Er ist ein Doktor der Rechte. Ich weiss von ihm mehr. – Er trägt mir dieses, er trägt mir jenes vor, Konzessionslosigkeit gegen alles, was nicht KPD ist; Konjunkturritter akademischer Ausgabe. "Jeder Mensch durchläuft einen Entwicklungsgang mit Wandlungen verschiedener Art", – hinter seinen Brillengläsern sieht er mich scharf an, er erkennt nicht, was ich anschlage, – "in Prag, als Student" – und ich nenne ihm den Zirkel, dessen Name mir heute nicht mehr gegenwärtig ist, – "haben Sie in der vordersten Linie für den Nazismus gestanden. Ich hörte es auf der Administration". Zwischen zwei feuerroten Ohren steht ein wächsern werdendes Gesicht. "Bitte fahren Sie fort, Herr Ministerialdirektor". – Mir gegenüber ist diese Säule angeschlagen. – Die SED allein erweist sich im Kampf gegen den Ministerpräsidenten zu schwach, sie holt ihre Schwester im Kampfe gegen deutsche Menschen: die NKWD. Selbstverständlich wurden schon immer Angehörige der Landesverwaltung der verschiedensten Dienstgrade bis hinunter zum Hausmann von der NKWD da und dort vernommen und dabei auch über mich befragt. Jetzt wird meine Umgebung systematisch durch Vernehmungen und Drohungen unter Druck gesetzt. Ein Ministerialdirektor, ein Ministerialrat, Oberregierungsräte, Regierungsräte und ein Assessor meines Amtes fliehen nach dem Westen. Manche zugestellte Nachricht sagt: Man wolle an mir nicht zum Schurken werden. Soweit haben es die SED-Verräter in Deutschland schon gebracht. "Herr General, ich nehme es nicht mehr hin, dass die NKWD meine Umgebung ständig vernimmt; mein Amt ist fast verwaist, jetzt vernimmt man gerade ...". "Glauben Sie, daß ich weniger beschattet werde?" 300 Der Administrationschef will für Abstellung besorgt sein. Besorgt? Er wusste eher als ich um dieses Treiben. Er kennt das Netz der NKWD, ich kenne es zu einem guten Teil auch. Das Regierungshotel Augusta 301 das in der ersten Amtszeit so viele Besuche und Gäste des 302 Landes sah, kann man seit über einem Jahr unbelauscht nicht mehr besuchen. Jede vertrauliche Besprechung, alle Besuche musste ich in mein Haus legen. Durch das Hotel zieht sich beginnend bei dem kleinen Hilfsportier, über die Kellner und über die Zimmermädchen hinweg die Agentenschnur der NKWD. Ich weiss, dass man alle meine Dolmetscher, männlichen und weiblichen Geschlechts, zu Agenten der NKWD gemacht hat. Ich weiss darum, dass eine Kleine von ihnen mit einem grösseren Geldbetrag ausgestattet worden ist, um sich elegantere Garderobe zu kaufen, da sie mehr als bisher als Dolmetscherin in meine Nähe gebracht und in der Kleidung dem von der NKWD geplanten Wirkungsrahmen anpasst werden soll. Ich habe in den ersten Augusttagen von auswärts eine Warnung bekommen. Durch sie wurde mir bekannt, dass eine Agentin mich in unmittelbarer Linienführung zur NKWD-Spitze in Moskau beschattet. Das Ganze ist im Augenblick und noch für längere Zeiträume ungefährlich. Die Öffentlichkeit, der von den Sowjets so sehr gefürchtete Prestigeverlust und ihre Absicht, mich auszunutzen, sind zunächst noch zuverlässiger Schutz. Ein Lichtblick in dieser widerlichen Atmosphäre scheint mir wert, erwähnt zu werden. Eine Frau will mich dringend sprechen, – Der Borkenkäfer, die Futternot, die Demontagen der Eisenbahnen schienen mir vordringlicher zu sein, als ein Einzelfall; die Frau aber hat sich nicht abweisen lassen. Jetzt sitzt sie mir gegenüber. Ich kenne sie kaum. Ihr Gesicht ist vor Erregung weiss, zwei grosse Augen sind auf mich gerichtet, die Lippen können beim Sprechen das Zittern nicht verbergen. – Eine Frau, mir durch nichts verpflichtet, fand den Mut, ohne jeden Vorbehalt zu sprechen. Für einen kurzen Augenblick schiesst es mir durch den Kopf: Falle – Provokateurin? – Die hochangespannten Nerven dieser Frau arbeiten äusserst empfindsam. Sie hat diesen den Bruchteil einer Sekunde andauernden Gedanken sofort gefühlt: "Drücken Sie auf den Knopf, Herr Präsident, ich weiss dann, was mit mir geschieht ...". Dann spricht sie das aus, was ich seit Monaten weiss: Sie werden missbraucht, der grösste Teil der Bevölkerung glaubt an Sie, durch Ihren Namen führt man die Menschen irre, und zur selben Zeit, in der man Sie vorschiebt, wühlen hinter Ihrem Rücken die Kommunisten ... die Russen wollen Sie zur Spaltung Deutschlands benutzen; hier können Sie nicht mehr helfen. Wir werden verraten, die Kommune will ans Ruder!''... Tapfere Frau. – – Noch einen letzten Versuch will ich machen, bevor ich den Schritt tue, zu dem der Verstand mich schon des öfteren gemahnt hat. Ich greife eine an mich herangekommene Anregung aus dem Westen auf. In einer Zeit, in der im Osten unter Terror die letzten Funken eines Rechtsstaates erstickt zu werden drohen, in einer Zeit, in der im Westen die Unterschiede der Länder zu stark zum Schaden des gemeinsamen Vaterlandes in den Vordergrund treten, will ich den Versuch unternehmen, wenigstens die Einheitlichkeit der deutschen Rechtsprechung in Gestalt eines obersten Gerichtshofes zu retten. Im Westen scheinen berechtigte Hoffnungen dafür zu sprechen, diese eine Stufe der Einheit, um die in Deutschland fast zweitausend Jahre gerungen wurde, retten zu können. Da ein Vorstoss von dorther automatisch die Ablehnung der Sowjets auslösen würde, will ich das Pferd, taktisch gesehen, vom Osten her aufzäumen. Mein Vortasten bei der sowjetischen Spitze und dann meine ersten Verhandlungen mit ihr eröffnen auch Hoffnungen. Dasselbe gilt für die ersten Besprechungen mit einzelnen Mitgliedern des Zentral-Sekretariats. Selbst Ulbricht 303 schien zunächst 304 nicht völlig abgeneigt zu sein. Dagegen hämmerte seine ihm angeschattete 305 Frau, während ich mit ihm spreche, in russisch auf den sowjetischen Administrationschef ein, mir in Nichts nachzugeben. Ich lasse Marschall Sokolowski 306 dieserhalb um eine Unterredung bitten und suche tags zuvor das Zentral-Sekretariat auf. Es tagt in seiner Gesamtheit und ist über meinen Plan unterrichtet. So brauche ich nur kurz vorzutragen. In totaler Einmütigkeit – als erste Redner werden die von der SPD kommenden vorgeschickt – lehnt das Zentral-Sekretariat die Schaffung eines obersten deutschen Gerichts ab. Es sind dieselben Männer, die nahezu tagtäglich von deutscher Einheit sprechen und mit gleichem unwahren Geschreibe die Zeitungen des Ostens füllen. Die Länge der Diskussion über einen solchen Punkt von grösster Tragweite für das Deutschland der nächsten Jahre überschreitet im Zentral-Sekretariat der SED kaum die Lebensdauer eines Fünfminutenbrenners. Ich sehe deutlich: hier ist keiner mehr, der den Mut zur Auflehnung gegen die KPD aufbringt, aufzubringen wagen kann. Ich selbst bin zum Kämpfen zu müde geworden, sinnlos scheint mir jedes längere Verweilen in solcher Umgebung. Maske, man lächelt, und das Innere sagt: "Ihr habt mich zum letzten Mal gesehen!" Als ich von dieser Sitzung aus Berlin zurückkomme, liegen auf meinem Amtstisch Aktenstücke, die mit letzter Deutlichkeit das Hochkommen der Kriminellen in der Ostzone und ihre Verfilzung mit der NKWD anzeigen, der Rechtsstaat steht vor dem Untergang. Ein kommunistischer Landrat hat über eine Million Zigaretten seines Landkreises nach Berlin verschoben. Vor diesem Kriminellen, der mit Zuchthaus zu rechnen hat, stellen sich das Zentral-Sekretariat der SED, das Landessekretariat der SED und der kommunistische Innenminister. Der kommunistische Innenminister hatte, bevor ich von der Sache erfuhr, bereits sieben Monate auf den Akten der Staatsanwaltschaft Meiningen 307 gesessen, um die Strafverfolgung zu verhindern. Mein Hinweis, dass er sich dadurch wegen Begünstigung strafbar mache, hat die Akten des Meininger Oberstaatsanwaltes wieder in den Geschäftsgang kommen lassen. Jetzt stellen sich die Spitzen der SED allesamt vor den Rechtsbrecher. Sie haben auch Grund dazu, denn der "verdiente Genosse" vergaß selbstverständlich nicht, seiner geliebten KPD 55 000 Mark zu schenken und dabei "70 000 Mark aus dem Bademantel zu verlieren". – Das zweite Strafaktenstück auf meinem Tisch betrifft den 308 Lizenzträger jener "überparteilichen Zeitung", der wegen eines erwiesenen Verbrechens auf Grund richterlichen Haftbefehls verhaftet werden soll. Das verbietet die NKWD. "Ich falle der Justiz nicht in den Arm, Herr General", hatte ich vor einiger Zeit zum Administrationschef gesagt, "der Mann gehört hinters Gitter ...". Die NKWD korrigiert meinen westeuropäischen Rechtsstandpunkt durch das Verbot der Verhaftung dieses, ihres bewährten Mitarbeiters. – Mögen sich Andere auf diesen Stuhl eines Ministerpräsidenten setzen! –

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Ich gehe

Klar und eindeutig steht in den letzten Augusttagen des Jahres 1947 vor mir das Bild.
Die kriminelle Unterwelt wird von der Kommune und deren Herren mit allen Mitteln geschützt. Und nicht nur das, diese zu jeder Niedrigkeit gefügigen Werkzeuge werden bewusst nach oben gedrückt. Mit Terror soll alles bisher Gültige: Recht, Moral, Sitte, Kultur und letzte Freiheit unterdrückt und zerstört werden. Ich bin der Amtsinhaber der obersten Stelle des Landes. Nach der Verfassung zeichne ich für seine Politik verantwortlich. Eine solche Politik mitmachen heisst mitschuldig werden. In der politischen Linie zur Einheit setzt die Kommune die Zerschneidung Deutschlands durch. – Das Amt niederlegen? Ich habe es wiederholt versucht, und es wäre jetzt 309 so erfolglos wie zuvor. So bleibt nur der sie alle überraschende Weggang. In der kleinen Landeshauptstadt ist meine Beschattung sehr einfach. Jede meiner Handlungen, ich möchte fast sagen jede Stimmung, ist von Spähern leicht zu beobachten. 54 Jahre lebte ich in diesem Lande. Seit hunderten von Jahren lebten in ihm meine Vorfahren. Ich liebe meine Heimat über alles. Ich kenne besser als irgendeiner ihre grossen Nöte. Ich weiss aber auch, dass ich sowjetische Befehlsdiktate nicht aufzuheben vermag. Ich bin den Demontagen, dem erbarmungslosen Abtransport von Fleisch, Fett und Feldfrüchten nach dem Osten, ich bin der Bolschewisierung gegenüber machtlos geworden. Deutsche Verräter verraten das Land. Es ist trotz allem 310 schwer, dieser Erkenntnis zu folgen und zu gehen. In dieser Heimat war ich Schüler, Student, Referendar, Assessor, Staatsanwalt; hier begründete ich meine Anwaltspraxis und musste deren Zerschlagung unterm Nazismus erleben. Dann folgten zwölf Jahre auf dem Dorf, zwölf schwere Jahre körperlicher Arbeit, vermischt mit einer Fülle von Verfolgungen und Sorgen. – Oben an der Saale liegt der zweihundert Jahren und mehr aus der Familie stammende Besitz, auf dem ich das Alter verbringen wollte. Ich stehe inmitten aller der Dinge, an die sich so viele Erinnerungen verflossener Zeiten eines arbeitsreichen Lebens knüpfen, die Bibliothek, die Bilder –, – wie lange lebte ich zwischen ihnen, lebte ich in meinem Zuhause. Bald werden sich deutsche Verräter, werden diebische Hände sich daran vergreifen. "Auf diesen drei Stühlen sitzt er fest", hat hämisch der sowjetische Administrationschef im Glauben an solche Fesseln für einen Bourgeois geäussert. Wenn ich gehe, muss von allem geschieden sein. Nur Flüchtlingsgepäck kann ich mitnehmen. Zu stark bin ich beschattet. Im Garten, meiner Wohnung gegenüber, stehen sowjetische Wachposten. Sie stehen dort zum Schutze einer Villa, die für einen Generalobersten bestimmt ist, und in die er seit über einem Jahr einzuziehen vergass. So haben die Posten Zeit. Sie stehen da drüben und sehen jede Bewegung in meinem Grundstück, beobachten jedes Kommen und Gehen. Das ist eine erkennbare Form des Beobachtetwerdens. Zu ihr gesellen sich getarnte. Wohin ich gehe, wo ich bin, soll der deutschen und der sowjetischen Polizei jederzeit bekannt sein, zu meinem Schutze, – und aus anderen Gründen. Was mich an Unbekanntem umkreist, wer weiss es? So gibt es nur eine Chance: Tarnen, Handeln – und das Ganze schnell! Noch drei Tage hat die Woche, sie müssen durchgestanden und genutzt werden. Amts- und Lebensführung und äussere Haltung dürfen sich in nichts vom bisherigen unterscheiden. Der geplante Empfang der Gäste aus dem Westen muss stattfinden. Er ist nach einem Höhenkurort verlegt worden. Das passt zur Verschleierung sehr gut. – Von dort werde ich zur Messe nach Leipzig fahren ……………………. In meinem Arbeitszimmer empfange ich noch den Besuch eines Bischofs. Viele Sorgen hat er vorzutragen. Es ist nicht einfach, Oberhaupt der Kirche im Osten zu sein. Allerorts macht die Kommune Schwierigkeiten. Bei der Fülle der Bitten um Unterstützung nimmt der Vortrag kein Ende. – Ich kann nicht sagen: "Hochwürdiger Herr Bischof, in meinem Innern brennt es ebenso stark, ich kann Ihnen nicht mehr helfen. Ich gehe ..." – – Minute schleppt sich um Minute. Ich muss den Ausführungen folgen, Rede stehen und Antwort geben, und zur gleichen Zeit arbeitet das Gehirn in ganz anderer Richtung, begleitet es in Gedanken die Fahrt meiner 311 Frau nach Berlin, um dort das Letzte vorzubereiten. – In solchen Gedanken bleiben meine Augen am grossen goldenen Kreuz auf der Brust des hohen kirchlichen Würdenträgers haften. Unsere Rollen entsprechen nicht der wahren Lage; heute müsste ich meine Sorgen ihm ausdrücken können. Doch wie darf man mit solchem Plan einen Mitmenschen belasten. Der Mund bleibt von selbst stumm. Noch schnell einige vordringliche Sachen, die Unterschriften, dann nach Hause zurück; tarnen auch hier, denn auch hier darf für die Folge niemand belastet werden. Wieder zurück ins Amt. Besprechungen, Maske, Besprechungen. Noch einmal habe ich, es ist mein letzter Amtstag, aus dem Lande die Vertreter der Regierung, der Wirtschaft, des Handels und Gewerbes, der Ernährung, der Finanzen, der Gewerkschaften, der Parteien zusammen gerufen. Einige Hauptnöte sind Gegenstand von Referaten und der Diskussion. Ich eröffne die Konferenz und leite sie. Alle, die der grosse Sitzungssaal umschliesst, sind mir bekannt. Manche von ihnen gingen ein gutes Stück Weg zusammen mit mir. Einigen von ihnen sage ich in Gedanken Lebe wohl; andere kenne ich als devote Knechte des uns volksfremden Systems. Balsamhafte Heuchelei überzieht das Gehabe und Gerede dieser Verräter. Wie anders ist das Bild einer solchen Konferenz geworden! Vor zwei Jahren wurde gearbeitet, wer dachte damals an Parteiphrasen, daran, dass dieses Grüppchen Kommune die Sklavenhalterschaft über die deutsche Bevölkerung gewinnen würde? Heute bin ich noch hier und habe die Konferenz in der Hand. Aber übermorgen und später, da bin ich nicht mehr da; dann werden sie Mut haben, dann werden sie Schlamm werfen; Zeugen pressen, Urkunden fälschen; es war ja schon alles da! Dann ist auch der letzte Damm gegen die Linksradikalen, die Kriminellen und die Sowjets dahin. Ganz wie in München sitzt rechts von mir einer, der bei der NKWD hoch im Kurse steht. "Die SED ist eine deutsche Partei" ist einer der Brusttöne dieses kommunistischen Landesvorsitzenden und jetzigen Innenministers. Ich weiss: das wird Dein Nachfolger werden. Arme, belogene, betrogene und verratene Heimat. Ich kann es nicht aufhalten. – Ihn und seine Clique wohl, mit ihnen würde ich schnell fertig, stünden hinter ihnen nicht die Sowjets! Unverkennbar, wie sich die radikale Linke in den letzten Monaten stärker in den Vordergrund geschoben hat; nicht durch Können oder Fleiss, darauf kommt es nicht mehr an. Dunkelrot-vaterlandslos legitimiert bei den Sowjets, und alle bürgerlichen und alle gemässigten SED-Elemente tragen dieser unausgesprochenen, durch gegenwärtige Gewalt geschaffenen Tatsache in Haltung und Rede Rechnung. Offene Auflehnung bedeutet jetzt Gefahr, in einiger Zeit vermutlich die Auslöschung. Während ich nach aussen die Konferenz lenke, arbeitet anderes in meinem Innern. Immer wieder taucht die Frage auf: muss es wirklich sein? – Der Gedanke vom "Vorposten", von einer Mission, die man durch Aushalten im Osten zu erfüllen hat, ist durch die Entwicklung in sein Gegenteil, in ein Irreführen der Bevölkerung verkehrt worden. Ich habe bisweilen Mühe, meine Gedanken zu verbergen und mich an Haltung zu gemahnen. Die politische Bilanz, die vor mir liegt, ihre Auswirkung ist zu erschütternd: Alle Arbeit, alles Wollen von mehr als zwei Jahren war im wesentlichen umsonst. Der Bolschewismus ist im Lande verankert. Ich schliesse die Konferenz. Maske, Händeschütteln, konventionelle Redensarten. Noch eine tarnende Dienstanweisung für einen grösseren Kreis vernehmbar: "Herr Oberregierungsrat, morgen habe ich im Golf-Hotel den Empfang der Gäste aus dem Westen. Am Montag will ich mit ihnen noch zusammenbleiben, bestellen Sie die nächste Regierungssitzung auf Donnerstag, Dienstag und Mittwoch bin ich auf der Messe in Leipzig." Der Empfang der westlichen Gäste im Golfhotel Oberhof 312 lässt mich zum letzten Mal das Wirken der NKWD erkennen. So wie es das Privileg schlechter Kriminalbeamter ist, durch Haltung und Kleidung ihre Zunft zu offenbaren, sind in diesem Falle die Werkzeuge der NKWD zu sichtbar von ihr aufs Parkett gestellt worden. Sieh, da! Der Herr Oberstaatsanwalt aus der Landeshauptstadt 313 hat einen Ausflug zum Wochenende in dieses Hotel unternommen. Ich kenne ihn seit zwei Jahren. Seine frische Art gefiel mir zunächst gut. Dann erfuhr ich, dass er trotz Mitgliedschaft in der NSDAP von den Sowjets in der Justiz geduldet und von der NKWD sogar gefördert wurde. Der letzte Schleier fiel, als mir bekannt wurde, dass er sogar Staatsanwalt am Sondergericht in Berlin gewesen war. – Auch sonst sind Spitzel im Hotel, ist unter ihnen ein übereifriger Kriminalbeamter, der durch zu viele Fragen seine Fakultät verrät. Es hiesse die Engmaschigkeit der Ostzone leugnen, hätte man anderes erwartet. Die politischen Taktiken der NKWD wirken nachgerade plump. Man tanzt, man gibt sich froh und aufgeschlossen. – Spät in der Nacht rufe ich meine beiden Fahrer Urbschat und Bielinski 314 : "Stehen Sie morgen früh um acht Uhr mit den beiden Wagen vorm Hotel. Ich möchte einen Tag eher nach Leipzig. Sprechen Sie nicht darüber" … Sie schöpfen keinen Verdacht; sie glauben mir aufs Wort; auf ihre Verschwiegenheit kann ich bauen. – "Jungens", habe ich sie immer gerufen und das in der Anrede liegende für sie empfunden. Sie waren nie nach dem Geschmack der Sowjets und der kommunistischen Polizeileitung. Sie sind gediente Soldaten und für Verräterei nicht zu haben. Sie stehen in Treue zu mir und sind in einer Zone, in der genau vor acht Tagen sowjetische Uniformträger, "Deutsche in russischer Uniform", sagen die Sowjets, mit der Maschinenpistole in der Nacht auf meinen Wagen schossen, die richtige Begleitung. – Hart, solche Menschen im Unklaren halten zu müssen. – – – Mehr als 300 Kilometer sowjetisch kontrollierte Strassen müssen durchfahren werden. Mit beiden Wagen fahre ich am frühen Morgen im Thüringer Wald ab. Zwei Wagen, dicht hintereinander, und in beiden Wagen Gepäck, mehr, als man für einige Tage braucht, laufen Gefahr aufzufallen. Jede Kontrolle könnte zur Aufdeckung werden. So fährt mein grosser Dienstwagen mit meiner Frau 315 am Montag morgen in aller Öffentlichkeit zur Tarnung 316 wieder in Weimar ein, um mehrere Stunden dort zu warten. Inzwischen fahre ich in meinem kleinen 317 Privatwagen nach Berlin voraus. Die Saalebrücke mit dem Polizeiposten darauf wird passiert. Nicht nach links sehen, dort liegt Jena mit der Universität meiner Jugend. Ich durchfahre das Holzland, halbrechts am Horizont liegen die Felder meines Hofes … vorbei. – Militärkontrollen passieren den Wagen. – An einer Stelle der Autobahn hat die NKWD-Polizeitruppe eine Sende- und Empfangsstelle aufgebaut. Sie ist neu. Warum? – Eine lange Wegstrecke ist die Autobahn von Zivilfahrzeugen ausgestorben. Ich kenne die Sowjets; bisweilen blockieren sie alle Zufahrtswege und jede Weiterfahrt auf der Autobahn ab. Haben sie das heute auch getan? Und warum? Die Nerven sind seit Tagen aufs höchste angespannt, die Einbildung arbeitet. Haben die Sowjets Witterung bekommen und lassen mich in eine Falle fahren? – Endlich ein entgegenkommender Wagen, ein zweiter behebt diese überwache Sorge. – Die Einfahrt Leipzig kommt, mein Fahrer stellt den Winker … "Fahren Sie geradeaus", gebe ich als Anweisung, "wir fahren heute nach Berlin und erst morgen oder übermorgen nach Leipzig auf die Messe". – Die 300 Kilometer laufen zu langsam ab. Auf der Höhe von Beelitz begegnet mir der Wagen mit Ministerialdirektor Bachem 318 . Er firmiert bürgerlich, aber ich weiss, er arbeitet für die NKWD. Ich sollte ihn auf Verlangen der Sowjets zum Minister machen und habe es nicht getan. Heute Abend, spätestens morgen früh wird er der NKWD berichten, dass er mich weit hinter Leipzig und kurz vorm Berliner Ring getroffen hat. Die Gedanken fliegen zurück: Ist zuhause alles gut gegangen, hat man keinen Verdacht geschöpft? Sowjetische Militärpatrouille auf dem Motorrad. Erst scheint es, als wolle sie uns abstoppen, dann fährt sie weiter. – "Geben Sie mehr Gas drauf." Bielinski 319 sieht mich von der Seite an, er fährt schon lange für den Wagen eine zu hohe Geschwindigkeit. Seit einiger Zeit fühlt er, heute ist es anders als sonst. Vorsichtig bemühe ich mich, ihn vorzubereiten. Endlich ist das Ende der sowjetischen Zone da! Der Schlagbaum, der hinter meinem Rücken niedergeht, ist mehr als ein äusserer Vorgang. Ein Leben von 54 Jahren erhält seinen Zerschnitt. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Unter der Losung: Freiheit der Völker! standen die westlichen Demokratien im Kriege gegen den Nazismus. "Freiheit der Völker" rief auch der neue Demokrat des Ostens, der Sowjet, und kam zu einem guten Teil auf den Stelzen westlicher Technik bis ins geographische Herz Deutschlands hinein. "Der Westen hat uns schon zweimal geholfen, er wird es auch noch ein drittes Mal tun", ist ein Satz sowjetischer Generäle und sowjetischer Hoffnung. Wird er das? Wird der Westen sich selbst meucheln? – Die militärischen Füsse der Bolschewiken reichen zu kurzen Seifenblasen-Siegen aus, für eine Weltauseinandersetzung sind sie noch zu schwach. Das wissen die Sowjets auch. Doch in ihrem Kampf, – und Kampf ist ihre konsequente Politik zur Gewinnung der Herrschaft in der Welt, – darf es keine Ruhepause geben. So führen sie den Krieg auf kalte Weise: Spitzel Agenten, 5. Kolonne und KPD-Verräter. Gestützt auf formelle Staatszugehörigkeit heissen diese Landesverräter Deutsche, Italiener, Franzosen, Engländer und sind – Moskau in unseren Mauern. Mit den Besatzungen dieser trojanischen Pferde ist fertig zu werden. Man muss den Kampf gegen sie mit den Mitteln führen, deren Sprache sie kennen und als einzige verstehen: Konsequenz und klare Härte. Ein Appell an Demokratie und Christentum ist Heuchlern gegenüber fehl am Platz. Noch nie wurde ein Amokläufer durch den Zuruf des 5. Gebotes: Du sollst nicht töten, zur Besinnung gebracht. Für kommunistische Fanatiker gilt dasselbe. Von einem amerikanischen Präsidenten stammt der Satz: "Es hat noch niemals einen guten Krieg und noch niemals einen schlechten Frieden gegeben". Nahe Geschichte wird darüber entscheiden, ob die zweite Hälfte dieses Satzes angesichts dessen, was sich seit Jahren in Mittel- und Osteuropa abspielt, als allgemein gültig anerkannt werden kann. Tausendjährige Kultur und Zivilisation sollen ausgelöscht und durch markschreierisch laute, oberflächlichste, ja sogar unwahre Grössen eingetauscht werden: Massenaufmärsche, Massenbegeisterung, Massentraum, 320 Massenproteste, und in der Kehrseite: Massenbetrug und Massenelend. In Millionen geht die Zahl der Versklavten, Verschleppten und Ausgelöschten. – Zum zweiten Male innerhalb eines Menschenalters soll uns Deutschen die Demokratie als Staatseinrichtung nahe gebracht werden. Die Begleitumstände sind in beiden Fällen die denkbar ungünstigsten! Ohnmachts- und Elendsstaat scheinen nach dem äusseren Bild, – und wann vermag die Allgemeinheit tiefer zu sehen –, bei uns 321 von der Demokratie nicht zu trennen zu sein. In der Geschichte anderer Völker war das Pflanzen des Baumes der Demokratie sehr oft ein Fest der Freude, der Beginn von Aufbau, der Erweckung und Belebung stärkster innerer Kräfte. Der junge Baum, dieser neuen Demokratien war zum Teil sogar wohlwollend von den Sonnen benachbarter Staaten bestrahlt. Wie ganz anders verlief das Pflanzen der beiden deutschen Bäume. Der eine hatte zu wachsen auf dem harten, steinigen Boden von Versailles, zum zweiten stand die bedingungslose Kapitulation neben dem Pflanzloch. Die politische Sonne der Welt hat es mit keinem der beiden jungen Bäume absonderlich gut gemeint. Sie haben recht viel Schatten abbekommen; die kärglichen Früchte ihres Ertrages dienten zu einem guten Teil der Erfüllung. Für uns Deutsche muss gelten, dass wir die Verantwortung für das Heute und das Morgen nicht auf die Schultern Anderer legen, sondern sie auf die eigenen zu nehmen haben. Spenglers "Untergang des Abendlandes" scheint dreissig Jahre nach seinem Erscheinen vor unserer Tür zu stehen. Es ist an Westeuropa, dieser Gefahr zu begegnen und sie abzuwenden. Im Osten Europas steht der Block im wesentlichen fest, ist die Linie klar: Welteroberung um jeden Preis und mit jedem Mittel. Im westlichen Europa dagegen, im bedrohten Lager, widmet man vielfach seine Zeit noch Dingen, die in keinem Verhältnis zur Anballung der vom Osten her drohenden Gefahr stehen. – Vergleichbar mit kurzsichtigen Greisen, die in einem brennenden Hause darüber streiten, ob die Kommode in der rechten oder linken Ecke des Zimmers stehen soll, und von denen jeder in erstarrter Greisenhaftigkeit seinen Standpunkt als den einzig wahren ansieht, bleibt engstes Zusammenwirken zur Überwindung innerer Not und äusserer Gefahr nahezu aus. Als die Memoiren über den greisen Kaiser Franz Joseph 322 davon erzählten, dass er zwar vom frühen Morgen am Amtspult gestanden, viel Zeit aber damit verbracht habe, den Verbrauch an Kerzen, silbernen Knöpfen für Lakaien und ähnliche Kleinigkeiten nachzuprüfen, während zur selben Zeit um ihn herum ein ihm gehöriges Weltreich sich aufzulösen begann, haben die meisten Leser bei solcher Lektüre überlegen den Kopf geschüttelt. Und das greise Europa ? – – Die eine Vermögensmasse möchte es noch dahin ziehen, die andere dort verkürzen. – – Kein denkender Mensch wird sein und seiner Familie Leben dem Zufall anvertrauen. Gilt das Leben von Völkern weniger? – Darum beiseite mit dem Trennenden und vorangestellt sei das Verbindende: der Wille zu einem Leben Westeuropas und zur Abwehr der ihm drohenden Gefahr. Eine in Hass und Verbissenheit geführte durch Terror gehaltene und durch den Druck auf einen Knopf in Bewegung zu bringende stumpfe Masse schiebt sich vom Osten her vor. Zum dritten Male ist die abendländische Kultur von dorther bedroht. Besitz lockt! Die Abwehrfront gegen den Osten ist mangelhaft. In ihrer räumlichen Mitte stehen zwei Völker, Frankreich und Deutschland, in deren Schulen Jahrzehnte hindurch die Jugend von der sogenannten Erbfeindschaft des Nachbarn unterrichtet wurde. Unter dem Gefahrenhimmel, der sich über die Restgebiete westeuropäischer Kultur spannt, dürfte es verfehlt sein, über Vergangenes zu recht abzuzählen, wie oft der eine und wie oft der andere mit Kriegshandlungen begann. Menschen lebten noch niemals unter dem Gesichtswinkel der langen Sicht. Die Gegenwart ist gegenständlicher, und in ihr ist die Besorgnis und der Wille Frankreichs, einer erneuten Ueberflutung seiner Grenzen durch militärische Formationen seines deutschen Nachbarn vorzubeugen, verständlich. Fehler wurden in den Spitzen beider Länder gleichermassen gemacht, gleichermassen Leidtragende davon waren nicht minder die Einwohner beider Länder. Die vom Osten herannahende Gefahr ist mehr als ein blosses Gespenst. Für die Augen sichtbar arbeitet sie mit der Vermessung. Unterirdisch wühlt sie an der inneren Aushöhlung der verbliebenen Westländer. Frankreich, ohne dessen frühzeitige Kultur Europa um so sehr vieles ärmer wäre, hat es in der Hand, zum Mittelpunkt und Widerstandszentrum unserer bedrohten Kultur zu werden. – Durch Vereinigung von Römer-, Franken- und Germanentum wurde schon einmal der gefährlichste Mongoleneinfall der europäischen Geschichte, bei dem neben den Hunnen vasallitische Oststämme auf mongolischer Seite mitkämpften, auf den Katalaunischen Feldern zerschlagen. – Geschichte sollte nicht ohne Beachtung bleiben. – Westeuropa ersehnt den Frieden. Der Wunsch allein bringt ihn nicht. Gegenmacht und Risiko für den Friedensstörer sind im Völkerleben erprobte Pfeiler. Um sie zu schaffen, bedarf es zwischen den Völkern Westeuropas engsten Zusammenschlusses, letzter Einmütigkeit in Hilfsbereitschaft und Abwehr. Jede Begrenztheit, die in dem egoistischem 323 Satze "das Geld des Dorfes dem Dorfe" ihren Gipfelpunkt fand, muss der Vergangenheit angehören, soll nicht unter blutrotem Fahnen das "vae victis" zum gequälten Ruf des Abendlandes werden. Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar , Nach lass Rudolf Paul (ms. Ausfertigung mit hs. Korrekturen).

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