Nr. 303d
22. Mai 1947

Erhard Hübener (Sachsen-Anhalt) (2)


Charakteristik über Prof. Dr. E. H ü b e n e r, Ministerpräsident Provinz Sachsen-Anhalt 1

Hat sich seit dem Beginn der deutschen Selbstverwaltung in der Provinz Sachsen Anhalt im Juli 1945 sehr gut auf dem linken Flügel der LDP für die Durchführung der Blockpolitik bewährt. – Seine Durchführung der Blockpolitik mit den Resultaten, wie sie unter unserer Führung bisher erzielt wurden, war natürlich nicht ohne Hemmungen und Bedenken. Z.B. der Bodenreform stimmte er nicht zu, als sie unter den 5 Personen des Präsidiums zur Abstimmung stand. Sie wurde nur von 3 derselben angenommen. Nach der so erfolgten Annahme und einer 2 Protokollerklärung seitens Hübener, daß er sie für überstürzt halte und die örtlichen Bodenkommissionen für so einschneidende Maßnahmen nicht geeignet wären, hat er die Durchführung derselben sowie alle Aufrufe zu derselben bis zum heutigen Tag unterzeichnet und vertreten.
Dieses Verhalten ist typisch für ihn: an seiner bürgerlichen Vergangenheit hält er ganz bewußt und gewollt fest, so sehr er anerkennt, daß in der heutigen Zeit nach dem Hitlerfaschismus und nach den Opfern, die gerade die Kommunisten und Sozialdemokraten, wie überhaupt die Arbeiterbewegung gebracht haben, diese unbedingt als die stärksten Kräfte der Nation angesehen werden müssen. Er arbeitet ohne größere 3 innere Hemmungen mit den Ministern und anderen Vertretern der SED zusammen. Er freut sich über den Arbeitsgeist und die große und richtige politische Initiative derselben. Er ist verwundert, daß die Arbeiterbewegung solche Entwicklung und Fortschritte gezeitigt hat, wie er sie in der Ostzone ständig erlebt, daß sie ein so positiver Faktor im Leben geworden ist. 4 Da er schon weit über 60 Jahre ist und eine starke Persönlichkeit aus gut bürgerlicher Erziehung, so bedarf es von unseren Genossen, die mit ihm arbeiten, immer eines bestimmten Taktes und manchmal größerer Geduld, um ihn für bestimmte neue Aufgaben zu gewinnen, die an den liberalen Traditionen rütteln.Er erkennt die entscheidende Bedeutung der arbeitenden Massen unbedingt an, ist dabei sehr stark künstlerisch und geistig interessiert, so daß er dabei immer geneigt ist, das Zurücktreten der Intelligenz bei öffentlichen Anerkennungen zu bedauern. Er entschuldigt solche "Schwächen" dann mit der gegenwärtigen Zeit und geht damit zur Tagesordnung über.Es ist eine gute Eigenschaft, daß er seine Meinung sagt und eine eigene Meinung hat.Er ist ein sehr tüchtiger Verwaltungsfachmann alter Schule und hat gegenwärtig einige Schwierigkeiten, sich mit der stärkeren Kontrolle durch den Landtag abzufinden.
Unterschrift
/Bernhard Koenen/ 5 22. Mai 1947.

Quelle: Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR, Zentrales Parteiarchiv [der SED], NY 4090, Nr. 303, Bl. 24r, 25r (ms. Ausfertigung); abgedr. in: Tullner/Lübeck: Erhard Hübener (2001/D), S. 317.

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