Nr. 300b
27. Mai 1947

Reisebericht Erich Roßmanns an das Coordinating Office Stuttgart


Nr. 1
z.d.A. desStreng vertraulich!Sekretariats des LänderratesNur für die Hand des Empfängers!

Reise in die russische Zone 1

Im Zusammenhang mit der geplanten Konferenz der Ministerpräsidenten aller deutschen Länder in München wurde aus den Kreisen der Beteiligten die Anregung an mich herangetragen, meine Beziehungen zu einflußreichen Kreisen der Ostzone zugunsten der Beteiligung der Ministerpräsidenten der Ostzone an der Konferenz auszuwerten. Ich entschloß mich daher zu einer Reise in die Ostzone, die ich am 15. Mai 2 im Pkw antrat. Etwa 25 km vor Stein bei Nürnberg wurde ich einer Kontrolle der MP unterworfen, die, obwohl ich den amtlichen Charakter meiner Reise deutlich nachwies, in geradezu empörenden Formen durchgeführt wurde. Das gesamte Gepäck des Wagens wurde durchwühlt. Die Koffer mussten teilweise auf offener Straße geöffnet werden. Die bescheidenen Lebensmittelvorräte, mit denen ich mich im Hinblick auf die Schwierigkeiten, die die Ernährung in der russischen Zone verursacht, vorsorglich ausgestatte hatte, wurden beanstandet; wegen zweier Gegenstände amerikanischen Ursprungs (1 Päckchen Zigaretten und 1 Stück Seife), die aus Care-Paketen amerikanischer Freunde stammten, wurde ich heftig zur Rede gestellt.
Im Gegensatz hierzu verlief die zweite amerikanische Kontrolle kurz vor der Zonengrenze bei Probstzella in angenehmen Formen. Die gleich darauf folgende russische Kontrolle war betont höflich und zurückhaltend. Bei der Rückkehr in die amerikanische Zone, die sich am gleichen Übergang vollzog, ging die russische und amerikanische Kontrolle in derselben höflichen Form vor sich wie bei der Einreise. Der kontrollierende russische Major behielt für sich allerdings ein kleines pyramidenförmiges Prisma, das als Briefbeschwerer dienen sollte und mir von dem mir befreundeten Direktor der Zeiss-Werke als Andenken an meinen Besuch geschenkt worden war. Ein bitteres Gefühl bewegte mich, daß ich meine thüringische Heimat unter Beobachtung solcher Formalitäten betreten und verlassen mußte. Es stärkte meinen Entschluß, alles aufzubieten, um im Rahmen meiner bescheidenen Kräfte zum Fallen der Zonengrenzen beizutragen. Dieser Aufgabe galt meine Reise. Sie war nicht leicht zu erfüllen. In Stuttgart hatten mich nur die Zusagen des Ministerpräsidenten Dr. Hübener , 3 Halle, und des Oberbürgermeisters von Berlin erreicht. Für die ersten zwei Tage hatte ich mein Standquartier in Pößneck – meiner Vaterstadt – aufgeschlagen. Von dort aus versuchte ich, Tag und Stunde zu ermitteln, die den Ministerpräsidenten für meinen Besuch angenehm waren. Die Telefonverbindung funktionierte jedoch so mangelhaft, daß Blitzgespräche 6 bis 8 Stunden nach ihrer Anmeldung nicht zustande kamen. Ich entschloß mich am 17. Mai, aufs Geratewohl nach Weimar zu fahren, und hatte das Glück, von Ministerpräsident Dr. Paul sofort empfangen zu werden 4 und von Ministerpräsident Dr. Hübener von Sachsen-Anhalt die Bereitwilligkeit zu einer Unterredung am gleichen Tag zu erfahren. Bei meinem Eintreffen in Thüringen war die politische Atmosphäre der Münchener Konferenz nicht günstig. Es war bereits durchgedrungen, daß die SPD von Hannover aus sich quergelegt und den Ministerpräsidenten das Recht abgesprochen hatte, Deutschland den Fragen des Friedens und der Außenpolitik zu vertreten. Im weiteren Verlauf meiner Reise gewann ich jedoch den Eindruck, daß gerade diese Haltung führender Kreise der SPD dazu beitrug, die pessimistische, ja mancherorts eisige und vorurteilsvolle Einstellung in der Ostzone gegenüber der Münchener Konferenz aufzulockern. Die SED, die anfangs eine ähnlich schroffe Ablehnung an den Tag gelegt hatte wie die SPD, hatte auf der Konferenz in Schierke im Harz 5 eine offenkundige Schwenkung im Sinne der Beteiligung an der Konferenz vorgenommen. Zwar bezeichnete sie die Konferenz im Vergleich zu anderen Fragen als zweitrangig, stellte jedoch die unmittelbare Beantwortung der Einladung in das Ermessen der Ministerpräsidenten. In Weimar wirkte noch die gegen die Konferenz gerichtete Erklärung des stellvertretenden Ministerpräsidenten Eggerath 6 nach. Diese Erklärung verlor jedoch viel von ihrem negativen Gewicht durch die Tatsache, daß unmittelbar nach ihrer Abgabe sich eine bedeutsame Veränderung in der Zusammensetzung des thüringischen Kabinetts vollzogen hatte. Ministerpräsident Dr. Paul , mit dessen Rückkehr nach monatelanger Abwesenheit wegen Krankheit aus politischen Gründen niemand mehr gerechnet hatte – sein nächster Mitarbeiter, Präsidialdirektor Dr. Staas , war während der Abwesenheit von Dr. Paul entlassen worden 7 – wurde jetzt plötzlich wieder in sein Amt eingesetzt. Gleichzeitig wurden die Minister Busse (früher KPD) und Dr. Wolf (früher KPD) ihrer Ämter enthoben und sollten durch frühere SPD-Persönlichkeiten ersetzt werden. 8 Als ein weiteres Faktum, das einen Stimmungsumschlag einleitete, verdient die Einstellung der Bevölkerung zur Münchener Konferenz vermerkt zu werden. Ich hatte schon in den ersten Tagen meines Aufenthalts in der russischen Zone Gelegenheit, mit zahlreichen mir bekannten Persönlichkeiten aus allen Kreisen der Bevölkerung zu sprechen – auch mit Mitgliedern der SED -, die mir durchaus den tiefen Eindruck bestätigten, den die Einladung der Bayerischen Regierung in der Öffentlichkeit gemacht hat. In einer Situation der Verzweiflung und Resignation hat die Einladung wie ein wohltuender Hoffnungsstrahl gewirkt. Ich fand bei Ministerpräsident Dr. Paul , Weimar, eine überraschende Aufgeschlossenheit gegenüber der Konferenz, ihren Aufgaben und Zielen. Diese erfreuliche Tatsache führe ich darauf zurück, daß Dr. Paul durch seine vorjährige Reise nach Stuttgart 9 und durch die häufigen Aussprachen, die er mit politischen Persönlichkeiten aus dem Westen (besonders aus Hessen) hatte, weniger Vorurteile gegen den Westen hegt als ich sie sonst angetroffen habe. Schon in der Unterredung mit Dr. Paul sind die Tatbestände hervorgetreten, denen ich im weiteren Verlauf meiner Reise bei allen Besprechungen begegnet bin und zwar[:]
I.
Die Tatsache, daß die Konferenz auf eine bayerische Initiative zurückgeht, hat in gewissen politischen Kreisen der Ostzone starkes Mißtrauen erregt. Dieses Mißtrauen wird verstärkt durch die Wahl des Tagungsortes. Man glaubt nicht an die Ehrlichkeit der bayerischen Versicherung, daß man für die Einheit des Reiches sei. Bayern sei der Hort des Partikularismus und Separatismus. Vielfach vermutet man hinter der Konferenz ein Komplott, das möglicherweise von Bevin oder Marshall gegen Rußland angezettelt sein könnte, die sich Bayerns nur zur Förderung ihrer besonderen politischen Ziele bedienten. Soweit Bayern selbst in Betracht komme, bestehe der Verdacht, daß es aus einem wahrscheinlichen Scheitern der Konferenz die Legitimation ableiten wolle, nun seine partikularistischen und separatistischen Ziele selbständig zu verfolgen. Alle diese Ressentiments, bei deren Erwähnung die Ministerpräsidenten offenließen, inwieweit sie sie sich persönlich zu eigen machen, wurden auf den Nenner gebracht: Vorstoß der von USA unterstützten kapitalistischen Reaktion des Westens gegen die in einer sozialistischen und wahrhaft demokratischen Entwicklung befindlichen Ostzone. Dieser Einstellung bin ich überall, wo sie mir begegnete, höflich aber mit aller Energie mit der Bemerkung entgegengetreten, daß keinerlei Grund bestehe, an der absoluten Loyalität der gegenwärtigen Bayerischen Regierung, insbesondere ihres Ministerpräsidenten, zu zweifeln. Die Anwesenheit der bayerischen Sozialdemokratie in der Regierung bürge dafür, daß weder an der Ehrlichkeit der Erklärung hinsichtlich der Einheit des Reiches noch an der Abwesenheit von partikularistischen oder gar separatistischen Hintergedanken zu zweifeln sei. Die Tatsache, daß sich die Ministerpräsidenten von Württemberg-Baden und Hessen und der Senatspräsident von Bremen der geplanten Aktion als erste angeschlossen hätten, sei ein weiterer Beweis für die Abwesenheit von Nebengedanken. Der Einfluß dieser Länder, die unbedingte Anhänger der Reichseinheit seien, sei groß genug, um solchen Tendenzen vom Süden her wirksam zu begegnen. Wenn ein solches Mißtrauen, das ich für unberechtigt hielte, unüberwindbar sei, dann sei es um so notwendiger, auf der Konferenz zu erscheinen, um alle gegen Separatismus und Partikularismus wirkenden Kräfte in Deutschland zu vereinen. In Süddeutschland habe man – im Gegensatz zu der in der russischen Zone vielfach vertretenen Auffassung – die Tatsache, daß gerade von Bayern ein solcher Schritt erfolgte, als ein erfreuliches Symptom für die innerliche Verbundenheit des gesamten deutschen Volkes empfunden. Ich setzte weiter auseinander, daß es nicht geleugnet werde, daß partikularistische und separatistische Strömungen in Bayern zu beobachten seien – auch anderwärts, z. B. in Südbaden –, aber es handele sich um hoffnungslose kleine Minderheiten, die nur dann einen gewissen Auftrieb erhalten könnten, wenn die Konferenz bewußt zum Scheitern gebracht werde. Die Reaktion, die hierauf zu erwarten sei, würde möglicherweise sehr schwere Folgen für Gesamtdeutschland haben. Die verantwortlichen politischen Kreise Bayerns seien sich des unlöslichen Zusammenhangs ihres Landes mit dem Reich durchaus bewußt. Natürlich erhoffe Bayern die Erfüllung gewisser Wünsche bezüglich der künftigen staatsrechtlichen Konstruktion Deutschlands, aber ich sähe hier keine unlösbaren Widersprüche. Ich bemerke hier vorweg, daß sich alle Ministerpräsidenten der russischen Zone bei der Unterhaltung über diese Frage als Anhänger einer mehr oder weniger föderativen Form der künftigen Verfassung bekannten. Sie machten mich mit einer Reihe von Vorgängen vertraut, bei deren Abwicklung sowohl sie selbst als auch die Landtage, die eifersüchtig über ihre Kompetenzen wachten, ihre Zuständigkeiten gegenüber den Zentralstellen verteidigt hätten. In diesem Kampf hätten sie übrigens vielfach die regionale SMA auf ihrer Seile gehabt. In den Gedanken, die die Ministerpräsidenten zu dieser Frage entwickelten, gingen die Begriffe Föderalismus und Zentralismus häufig ineinander über. Gefordert wird eine scharfe Abgrenzung der gegenseitigen Kompetenzen. Die Landtagspräsidenten von Thüringen, Sachsen und Brandenburg, mit denen ich sprechen konnte, vertraten die gleichen Auffassungen. Sie alle betonten zugleich, daß die Beziehung der Landtagspräsidenten zur Münchener Konferenz notwendig sei, schon wegen der viel stärkeren Stellung, die die Landtage der Ostzone nach den dort angenommenen Verfassungen gegenüber den Regierungen hätten als vergleichsweise der Landtag in Bayern. Ich bestritt diese Auffassung und wies nach, daß auch in der US-Zone die Landtage die oberste politische Instanz seien und in der britischen Zone die Entwicklung in der gleichen Richtung verlaufe. Ministerpräsident Dr. Paul verwies in diesem Zusammenhang auf die Haltung Molotows auf der Moskauer Konferenz, in der sich dieser deutlich von dem reinen Zentralismus der SED entfernt und die Weimarer Verfassung als Diskussionsgrundlage empfohlen habe. Molotow habe in vielen Fragen Anhaltspunkte gegeben, deren man sich aus psychologisch/politischen Gründen bedienen sollte. Tue man das, so sei der Erfolg der Konferenz so gut wie sicher. Ich selbst betonte im übrigen mit allem Nachdruck, daß die Konferenz ausschließlich der Initiative der Bayerischen Regierung entsprungen und in keiner Weise von der Militärregierung angeregt worden sei. Diese stehe, wie ich bestimmt versichern könne, der Konferenz mit absoluter Neutralität gegenüber. Sie habe sich von Anbeginn den deutschen Wünschen auf Abhaltung solcher Konferenzen wohlwollend gezeigt und aus dieser Grundstellung heraus auch der Münchener Konferenz nicht widersprochen. Der wahre Einberufer der Konferenz, so sagte ich, sei die grauenvolle Not des deutschen Volkes, die sich ins Unerträgliche zu steigern drohe, wenn nicht zwischen Moskau und London etwas Entscheidendes geschehe. In diesem Zusammenhang wies ich auch darauf hin, daß die deutschen politischen Kreise des Westens infolge zweijähriger Nichterfüllung des Potsdamer Protokolls sich unter Umständen der Gewalt einer wirtschaftlichen und politischen Entwicklung gegenübergestellt sehen könnten, der sie sich nicht erwehren dürfen, die aber eine Gefahr für die Einheit des Reiches in sich schließe. Diese Gefahr zu bannen und laut in die Welt hinauszurufen: „Wir gehören zusammen und wollen zusammen bleiben!“ sei eine der wesentlichsten Aufgaben der Konferenz.
II.
Meine Reise hat mich fast durch die gesamte Ostzone geführt. In allen Städten – auch in kleineren – begegnet man an öffentlichen Gebäuden, Fabrikeingängen oder über die Straße gespannt riesigen Transparenten mit der Aufschrift: „Wir kämpfen für die Freiheit der Arbeiterklasse, für die Einheit des Reiches, für die Demokratie und für den Sozialismus.“ Niemand kann diesem enormen agitatorischen Aufwand für die genannten Ziele entgehen. Demgegenüber besteht in einem großen Teil der Bevölkerung die durch die SED-Presse genährte Auffassung, daß man im Westen die Ostzone bereits abgeschrieben habe, und zwar treffe dies nicht nur für die amerikanische Regierung, sondern auch für die deutsche Seite in den Westzonen zu. Man beruft sich zur Begründung dieser Auffassung z. B. auf die wirtschaftliche Vereinigung der Westzonen und auf Äußerungen gewisser deutscher Politiker, z. B. des Herrn Euler in Frankfurt a. M. Im Lichte dieser völlig schiefen Auffassung erscheint die plötzliche Einberufung der Münchener Konferenz vielen Menschen in der Ostzone als ein Mysterium, hinter dem der Versuch zu erblicken sei, die Verantwortung für eine eventuelle Teilung Deutschlands in eine westliche und östliche Sphäre nach Osten abzuschieben.Es war selbst Ministerpräsidenten und Landtagspräsidenten gegenüber nicht ganz leicht, den absoluten Irrtum einer solchen Auffassung nachzuweisen. Natürlich standen die Unterhaltungen hierüber auch unter dem Motto: „Wenn zwei dasselbe sagen, so ist es nicht dasselbe“. Es wäre verhängnisvoll, sich darüber zu täuschen. Jede Seite spricht von der Einheit, und jede versteht im konkreten Fall etwas anderes darunter. Hier brach die Wirkung der grundverschiedenen Ideologien mit aller Gewalt durch. Ich glaube, es müßte eine Aufgabe der Münchener Konferenz sein, genau festzustellen, inwieweit man sich wirklich einig ist. Auf der so gewonnenen Plattform müßte aufgebaut werden, ehe sich die Sonderentwicklung in der Ostzone in verhängnisvoller Weise fortsetzt. Diese Sonderentwicklung hat bereits einen so tiefen Graben gezogen, daß es aller diplomatischen und politischen Kunst bedarf, um im Interesse der Erhaltung der Einheit Deutschlands eine Brücke über ihn zu bauen. Es ist vielleicht nicht uninteressant, hier zu bemerken, daß eine der Persönlichkeiten, mit denen ich sprach und die politisch nicht zur SED gehört, der Meinung Ausdruck gab, daß man, wenn die Konferenz erfolgreich sein solle, der SED eine Möglichkeit bieten sollte zu hoffen, daß sie innerhalb der wirtschaftlichen und politischen Einheit ihre Ziele verfechten und verwirklichen könne. Das sei gewiß eine große Geste, die Mut erfordere, zugleich erfordere sie aber auch Vertrauen, daß das deutsche Volk immun genug sei, neuen Fehlentwicklungen in seiner politischen und wirtschaftlichen Geschichte nicht mehr zu erliegen.Das Entstehen so grober Irrtümer wie in der Stellung der Westzonen zur wirtschaftlichen und politischen Einheit wird begünstigt durch die gegenseitige Absperrung der Presse und das durch mangelnde persönliche gegenseitige Fühlungnahme begünstigte Auseinanderleben der politischen Kräfte. Der Anregung, der SED in den Westzonen eine Chance zu geben, bin ich sofort mit der Forderung begegnet, daß der SPD in der Ostzone dieselbe Chance durch ihre garantierte und geschützte Zulassung gegeben werden müsse. Niemand könne bestreiten, daß durch die Abwesenheit der SPD in der Ostzone das politische Bild, das diese gegenwärtig darbiete, nicht echt sei. Die Zulassung der SPD nach Beseitigung der Zonengrenzen wurde mir gegenüber durchweg als selbstverständlich bezeichnet. Eine Stelle freilich verheimlichte mir nicht, daß eine solche Zulassung vom objektiven Standpunkt aus gesehen als unerfreulich hingenommen werde, weil sie die politische Einheit der Arbeiterschaft in der Ostzone, die sich segensreich ausgewirkt habe, wieder in Frage stelle.Beiläufig sei bemerkt, daß die Furcht vor einer endgültigen Abspaltung der Ostzone in der Bevölkerung, besonders in der Bevölkerung von Berlin, geradezu pathologische Züge angenommen hat. Ich bin kaum einem Menschen begegnet, der eine irgendwie hervortretende Rolle im wirtschaftlichen Leben der russischen Zone einnimmt, der nicht im Geheimen mit dem Gedanken spielt, bei passender Gelegenheit in die Westzone hinüberzuwechseln; viele haben in der Westzone irgendwo einen Pfahl eingeschlagen, an dem sie eine bescheidene Existenz anzubinden hoffen. Die Westzonen wären aber gar nicht imstande, eine Invasion aufzunehmen, die mit Sicherheit eintreten würde, wenn es zur Teilung Deutschlands kommt. Die Ausblutung der Ostzone, die damit droht, muß vom Standpunkt Gesamtdeutschlands aus gesehen geradezu als eine Katastrophe empfunden werden. Hier winkt der Münchener Konferenz die große Aufgabe, durch geschickte Verhandlungen und kluge Beschlüsse zu einer Beruhigung in der Ostzone beizutragen.
III.
Neben den bereits geschilderten Einwänden gegen die Münchener Konferenz wurden, je weiter ich nach Norden kam, stärker in den Vordergrund gestellt die Frage der Zuziehung der Landtagspräsidenten und der Vertreter der Parteien und der Gewerkschaften sowie die unvermittelte Einladung ohne den Versuch einer vorherigen Verständigung über Zeit und Ort der Konferenz. Ministerpräsident Dr. Steinhoff in Potsdam erklärte mir z. B., er glaube, daß es ihm ohne Konzessionen zugunsten dieser Einwände kaum möglich sein werde, nach München zu gehen. Wenn Bayern zwar auch eingeladen, aber als Tagungsort beispielsweise Berlin vorgeschlagen hätte, so würde dies als eine große psychologische Geste im Norden den günstigsten Eindruck hervorgerufen haben. Bedenken dieser Art kamen nicht nur von Seiten der SED, sondern auch von Frau Oberbürgermeister Schroeder , dem Berliner Stadtverordnetenvorsteher Dr. Suhr und dem Herausgeber des ,,Telegraf“ Paul Löbe . Mit allen diesen Persönlichkeiten habe ich die Einwände durchgesprochen. Ich sicherte zu, geäußerte Bedenken der Bayerischen Regierung zur Kenntnis zu bringen. Die Eile, mit der die Konferenz einberufen worden sei, werde durch die Not entschuldigt, die rasches Handeln gebiete. Es sei aber zu hoffen, daß dieser Konferenz bald eine weitere folgen werde. Der Wunsch, eine zweite Konferenz in Berlin stattfinden zu lassen, könne dann vielleicht erfüllt werden. Ich sagte dies ohne jede Verbindlichkeit, lediglich als meine persönliche Meinung. Den Streit darüber, ob in der Frage der Repräsentanz des Reiches den Parteien oder den Ministerpräsidenten der Vorrang gebühre, hielte ich für theoretisch. Die Ministerpräsidenten seien aktionsfähig, die Parteien seien es leider im Augenblick noch nicht; die Ministerpräsidenten stünden auf einer anderen Ebene als die Parteien. Die SPD habe vollkommen recht, wenn sie erkläre, sie könne sich mit der SED solange nicht an einen Tisch setzen, als die Freiheit ihrer Freunde in der Ostzone mißachtet und sie als Partei nicht zugelassen sei. Bis zur Klärung dieser schwerwiegenden Differenzen könne aber mit der deutschen Initiative nicht gewartet werden. Von besonderem Interesse war meine Unterredung mit Ministerpräsident Dr. Hübener von Sachsen-Anhalt. Dr. Hübener ist der einzige Ministerpräsident der Ostzone der nicht der SED angehört. Seine Einstellung zur Konferenz war unbedingt positiv. Er erklärte, er werde unbeschadet der Stellungnahme der Parteien oder seiner Kollegen zur Konferenz gehen, es sei denn, daß ihm die Teilnahme direkt verboten werde. Er riet dringend, die wirtschaftlichen Schwierigkeiten und die Lösungsversuche in den Vordergrund der Konferenz zu stellen. Nach seiner Meinung sei es jedoch unmöglich konstruktiven Fragen auszuweichen. Die Notwendigkeit, wieder ein völkerrechtliches Subjekt zu werden, sei zu betonen. Dazu sei notwendig, daß man die Grundzüge einer Staatskonstruktion entwerfe. Geschehe das, so schließe es alle Fragen, die sich um den Begriff des Besatzungsstatuts gruppierten, das als Stichwort bedenklich sei, mit ein. Die positive Forderung nach Wiedererlangung völkerrechtlicher Selbständigkeit schließt ein Vertragsverhältnis zu den Besatzungsmächten notwendig ein. Die Notwendigkeit, die Entnazifizierung zu erörtern, bejahte er, wies aber darauf hin, daß es ein gefährliches Thema sei.Zu begrüßen sei die Absicht, einen Überblick über die gesundheitliche Lage zu geben, besonders auch deshalb, weil die Zuständigkeit und die Sachkunde der Ministerpräsidenten auf diesem Gebiet besonders existent sei. Dasselbe gelte für die Flüchtlingsfrage.Bei einer Darstellung der Größe der Opfer, die der Nazismus Deutschland auferlegt habe, müsse man versuchen, als Referenten einen der besten Männer aus der Organisation der rassisch und politisch Verfolgten zu gewinnen.Mit großer Vorsicht sei die Reparationsfrage zu behandeln. Der Versuch einer exakten Feststellung des Geschehenen würde nach seiner Ansicht geradezu Gefahren heraufbeschwören. Bei aller Bedeutung, die den Grenzfragen zukomme, halte er sie für weniger wichtig als die Frage, was in den nächsten Jahrzehnten in dem Raume zwischen der Oder und der Maaß geschehe. Die Frage sei für die Ostzone ein schwieriges Thema. Dr. Hübener hielt auch eine breitere Erörterung der Lage von Japan, Italien usw. als stark verfrüht. Eine Erörterung würde voraussetzen, daß wir völkerrechtlich existent seien.Bezüglich der Aussichten der Beteiligung der Ministerpräsidenten der Ostzone an der Münchener Konferenz machte mir Dr. Hübener die Mitteilung, daß Ministerpräsident Dr. Friedrichs – Sachsen – der federführende Ministerpräsident in Sachen der Münchener Konferenz sei. Die Ministerpräsidenten hätten bereits den Entwurf einer Kollektiv-Antwort signiert. Er sei allerdings nicht berechtigt, mir den Inhalt der geplanten Antwort mitzuteilen. Ich entnahm jedoch seinen Bemerkungen, daß die Antwort wenn nicht ablehnend, so doch hinhaltend gedacht war. Ich bat Herrn Dr. Hübener am späten Abend des 17. Mai, Herrn Dr. Friedrichs durch dringendes Staatsgespräch zu veranlassen, die Absendung der Antwort aufzuschieben, bis er mich am 19. Mai selbst gesprochen habe. Dr. Hübener hat meiner Bitte sofort entsprochen. Ich hatte in diesem Augenblick das Gefühl, daß die Beteiligung der Ministerpräsidenten der Ostzone an einem seidenen Faden hing.Ministerpräsident Dr. Friedrichs, den ich am Nachmittag des 19. Mai in Dresden sprechen konnte, zeigte die gleiche grundsätzliche Bereitwilligkeit, wie die Herren, die ich bisher gesprochen hatte. Er stimmte fast in allen Punkten, bei denen eine Aussprache in München in Aussicht genommen war, zu, vertrat aber z. B. in der Reparationsfrage einen stark abweichenden Standpunkt. Wenn die Reparationsfrage klar und folgerichtig behandelt werde, könne sie nach seiner Ansicht sogar eine Brücke zur Verständigung werden. Er halte die Reparationen für eine Hoffnung für Deutschland, weil sie den wirtschaftlichen Wiederaufbau zur unerläßlichen Voraussetzung haben.Die Währungsfrage sei für die Ostzone eine Frage sekundärer Art, da das Einfrieren der Konten ab 8. Mai 1945 in der Ostzone den Geldüberhang weitestgehend beseitigt und den Regierungen die vollkommene Herrschaft über den Kapitalmarkt garantiert habe. Ich stellte in Aussicht, daß man bei etwaigen Wünschen bezüglich der Fragen, die auf der Konferenz Gegenstand der Verhandlungen werden sollen, auf die Situation in der Ostzone weitgehend Rücksicht nehmen werde. Dr. Friedrichs gab zu verstehen, daß er eine Aussprache mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Ehard für sehr erwünscht halte, bevor die endgültige Entscheidung über die Beteiligung seiner Kollegen falle. Ich sagte zu, daß ich mit allen Kräften versuchen würde, eine solche Zusammenkunft zustande zu bringen; ich schlug Hof oder Plauen als Ort der Zusammenkunft vor. Dr. Friedrichs meinte, es würde einen sehr günstigen Eindruck machen, wenn Ministerpräsident Dr. Ehard sich zu einem Besuch in Dresden entschließen könnte. Ich versprach, auch diesen Wunsch zu fördern. Dr. Friedrichs erklärte mir, daß er beabsichtige, am nächsten Morgen nach Berlin zu fahren, um eine letzte Information zu erlangen, aber ich könne schon jetzt mit höchster Wahrscheinlichkeit mit der Teilnahme der Ministerpräsidenten der Ostzone an der Münchener Konferenz rechnen. Er werde mich über die Länderratsvertretung in Berlin informieren. Die Zusammenkunft zwischen Herrn Dr. Friedrichs und Herrn Dr. Ehard hat dann in Hof stattgefunden. In Berlin erfuhr ich leider weder Ort noch Zeit der Zusammenkunft, an der ich mich gern beteiligt hätte. Allerdings hatte mich ein Wagendefekt und eine persönliche Unpäßlichkeit während zweier Tage stark gehemmt, so daß ich den geplanten Besuch in Schwerin aufgeben mußte. Ich habe jedoch das Notwendige in einem persönlichen Schreiben an den Ministerpräsidenten von Mecklenburg-Schwerin niedergelegt und dieses Schreiben in der Länderratsvertretung nach Schwerin telefonieren lassen. Alsbald nach meinem Eintreffen in Berlin am 20. 5. erfuhr ich von informierter Seite, daß die SMA den Ministerpräsidenten freigestellt habe, sich an der Münchener Konferenz zu beteiligen. Auch sei nicht beabsichtigt, den Herren Spezial-Instruktionen mitzugeben.Ich hatte Gelegenheit, durch Vermittlung einer einflußreichen französischen Persönlichkeit die Fühler zur französischen Militärregierung in Frohnau auszustrecken. Mein Vertrauensmann hat mir mitgeteilt, daß die Teilnahme der Ministerpräsidenten der französischen Zone gesichert sei. Eine amtliche Mitteilung hierüber sei unmittelbar nach Pfingsten zu erwarten.Auf Grund meiner Eindrücke, die ich im allgemeinen und im speziellen während meiner Reise durch die russische Zone empfangen habe, glaube ich, der bayerischen Regierung empfehlen zu müssen, alle Fragen – insbesondere die wirtschaftliche Not –, in denen keine oder nur geringe Meinungsverschiedenheiten vorliegen, an erster Stelle auf das Programm der Münchener Konferenz zu setzen, damit die Konferenz nicht von vornherein an einer Frage, wie z. B. der Grenzfrage, scheitert, bei der grundsätzliche Verschiedenheiten in der Auffassung kaum oder nur schwer zu überbrücken sind.
Stuttgart, 27. 5. 1947
[gez.] Roßmann 10
Verteiler:
1. z.d.A. d. Länderrats2. H. Min.Präs. Dr. Ehard3. H. Min.Präs. Dr. Maier4. H. Min.Präs. Stock5. H. Senatspräs. Kaisen, Bremen6. H. Gen.Sekr. Roßmann

Quelle: Bundesarchiv Koblenz, N 1011, Nr. 30, Bl. 110r-121r (ms. Ausfertigung); abgedr. in: Overesch: Die Reise (1975/F), S. 458-466; Werner: Akten (1989/D), Bd. 2, S.444-454.

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