Nr. 294b
12. Mai 1947

Beratung des Sekretariats mit Otto Grotewohl vom SED-Parteivorstand über Werner Eggerath als neuen Innenminister und Marie Torhorst als neue Volksbildungsministerin

Sekretariatssitzung am 12. Mai 1947
Anwesend: Grotewohl, Eggerath, Hoffmann, Kops, Eyermann, Lehmann, Busse,
Heilmann, Sachse, Paul, Wolf, Vellermann, Appell, Wachtel, Böhme, Doerr,Frölich, Wagner, Eberling, Klaus.[…]Vorsitz: Genosse Kops.
[…]
Zu Punkt 2: [Regierungsangelegenheiten.] a) Genosse Hoffmann : Zur Information der Sekretariatsmitglieder, die an der Zusammenkunft beim General 1 nicht teilgenommen haben, muß noch folgendes erwähnt werden: Der General hat Bedenken gegen die Kandidatur Böhme’s geäußert. Wir hätten darauf bestehen können und würden uns wahrscheinlich mit Hilfe der Unterstützung des Zentralsekretariats durchgesetzt haben; aber wir können einen Genossen nicht in diese schwere Lage bringen. Es ist für Böhme und die Partei besser, den Beschluß zu revidieren. Es muß ein neuer Vorschlag gemacht werden. Busse wird Vizepräsident einer Zentralverwaltung, Eggerath wird Innenminister. Die Angelegenheit muß aber bis 29.5.cr. zurückgestellt werden. Am 14.5. wird nur die Rückkehr Pauls behandelt. Genosse Böhme : Eine Erklärung meinerseits ist nicht notwendig. Ich habe keine Ambitionen. Kann das, was der General gesagt hat, nicht auch für meine jetzige Tätigkeit zutreffend sein? Er hat gesagt, ich wäre nicht stark genug, um mich durchzusetzen. Genosse Grotewohl : Genosse Böhme, Deine letzte Bemerkung ist nicht richtig. Wir haben gestern im Zentralsekretariat 2 nochmals Stellung genommen. Man sollte Thüringen die Entscheidung lassen. Das Zentralsekretariat stimmte der Kandidatur Böhme zu bis auf mich. Ich habe Deine erfolgreiche Arbeit auf kommunalem Gebiet verfolgt und habe es bedauert, daß Du von dieser Tätigkeit zu einer anderen übergehen solltest. Aber niemand im Zentralsekretariat zieht solche Schlussfolgerungen wie Du. Es besteht gegen Dich kein Anlaß zu Bedenken. Ich werde den General besuchen und ihn entsprechend aufklären. Wenn wir an unserem Wunsch festgehalten hätten, hätten wir ihn durchsetzen können, aber es wäre keine erfreuliche Zusammenarbeit für Dich gewesen. Die Frage lautet: Wen nimmt man nun? Ich schlage Euch die Genossin Dr. T[h]orhorst vor. Sie ist sachlich, qualifiziert und lebendig. Genosse Hoffmann : Ist die Genossin T[h]orhorst in Kreisen der SPD so bekannt, daß sie den gewünschten Erfolg erreichen kann? Andere Gründe müßte man ablehnen. Übrigens war die Übersetzung beim General schlecht. Der General sagte nicht, daß Böhme unfähig ist, sondern er sagte, Böhme hätte nicht die richtige Eignung für Volksbildung. Genosse Eggerath : Die Einschätzung des Genossen Grotewohl übernehmen wir. Die Übersetzung beim General war keine Herabsetzung des Genossen Böhme. In Jena hat gestern ein Kampf der Jungen gegen die Alten stattgefunden. 3 Genosse Böhme hätte es schwer gehabt, dort zu bestehen. Genosse Hoffmann machte in Schierke 4 einen Vorschlag, der gut ist. Er kommt von Käte Kern. Genossin Dr. T[h]orhorst ist eine Figur im geistigen Leben. Sie ist Schulfachmann und Studienrätin. Sie war früher Beigeordnete für das Schulwesen der Stadt Düsseldorf. Diese Aufgabe hat sie sehr gut erfüllt. Es stehen zwei Fragen:1) Sie wäre der erste weibliche Minister für Deutschland.2) Ist sie ein bekanntes Mitglied der SPD? 1931 trat sie bereits zur KPD über. Genosse Frölich : Böhme sollte sich nicht weiter darüber aufhalten. Die Angelegenheit ist erledigt. Aber hat sich die Genossen T[h]orhorst in der Nazizeit gut gehalten? Genosse Doerr : Wolf soll sein Ministerium aufgeben, weil ein SPD-Genosse an seine Stelle treten soll. Im Westen wird man die Genossin T[h]orhorst nicht als SPD-Genossin anerkennen. Genosse Kops : Wolf geht. Ein neuer Minister kommt und zwar von der LDP. Das ist die Meinung der Universität Jena. Unsere Gegner nehmen dort eine drohende Haltung gegen die Arbeiterstudenten ein. Es gibt starke Diskussionen. Genosse Grotewohl : Wenn eine Genossin schon 2 Jahre vor Hitler die Vereinigung mit der anderen Partei vollzogen hat, die wir später alle vollzogen haben, kann das für uns kein Hindernisgrund sein. Ich will Euch aber die Genossin nicht aufzwingen. Ihr habt noch 14 Tage Zeit. Genosse Eyermann : Ich brachte in Berlin meine Bedenken zum Ausdruck. Die Genossen der SPD werden die Genossin Torhorst nicht als SPD-Genossin anerkennen. Wir finden dann keinen Grund, warum Wolf gehen soll. 5 Genosse Busse : Große innerparteiliche Diskussionen werden sich ergeben. Warum geht Wolf weg? Die Genossin Torhorst kann sicher ganz gut sein, aber das begründet den Weggang von Wolf nicht. Genosse Böhme ist stark empfindlich gegen Angriffe von außen. Man soll ihn nicht auf dieser besonderen Ebene verwenden. Ich muß nach Berlin und werde mich der Parteidisziplin fügen, aber sollte man nicht einen anderen Genossen suchen und Genosse[n] Eggerath wieder in die Partei zurücknehmen? Genosse Eberling : Die Stellungnahme des Genossen Grotewohl zur Frage der SPD-Zugehörigkeit vor und nach 1933 ist eine fortschrittliche. Die Universität in Jena will etwas bei der Angelegenheit profitieren. Wenn Wolf in Jena ist und Torhorst hier, so ist das eine Verstärkung in unserem Kampf gegen die Reaktion. Es wäre bedauerlich, wenn man die Frage der Parität von einer taktischen zu einer grundsätzlichen Frage machen würde. Genosse Frölich : Es kann nicht einer Vorsitzender und Minister zugleich sein. Ich bin dafür, daß Eggerath Innenminister wird und seine Vorsitzendentätigkeit ruht. Genosse Hoffmann : Wolf wird nicht ausgewechselt wegen der Parität und um einen Kommunisten auszubooten, sondern wegen der Wichtigkeit des Instituts für dialektischen Materialismus. Genosse Heilmann : Ich möchte eine Erklärung abgeben: Mit der Genossin Torhorst wird man die gewünschte Verstärkung nicht erreichen, da die Partei darüber anders denkt. Bösartige SPD-Genossen, und solche gibt es sichere auch noch, werden schnell herausfinden, daß sie keine alte SPD-Genossin ist. Man soll also Wolf an seiner Stelle belassen. Genosse Kops : Nachdem die Kandidatur Böhme erlegt ist und ein Beschluß des Zentralsekretariats vorliegt, daß Wolf gehen muß, ein besserer Vorschlag aber nicht da ist, bleibt vorläufig nur der Vorschlag des Genossen Grotewohl. Man sollte das Protokoll der vorigen Sitzung vorlesen, um festzustellen, wie die Beschlüsse gefaßt wurden.(Genosse Klaus verliest das Protokoll, soweit es sich auf die Formulierung der Beschlüsse bezieht.) Genosse Frölich : Gerade ich als alter SPD-Mann bin für die abberufenen Minister eingetreten. Wir müssen einmal endlich darüber hinwegkommen, daß man immer wieder von Parität spricht. Genosse Hoffmann : Gerade die KPD-Leute haben die Abberufung verlangt. Genosse Grotewohl : Von Eurer Diskussion gewinnt man den Eindruck, daß irgendwelche Kommunisten an die Wand gedrückt werden sollten. Es wird in nächster Zeit noch oft vorkommen, daß man Leute wegnimmt, da neue Institutionen in Berlin entstehen. Busse wird weggeholt, weil er eine große Aufgabe in Berlin erfüllen muß. Genau so sachlich ist die Entscheidung in Bezug auf Wolf. Sie ist nicht gefaßt, um in erster Linie die Parität zu verstärken. Hochschulpolitik erfordert, daß man an der Universität selbst lebt, daß man direkt darinnen sitzt. Wolf hat die Kenntnisse der Personen und der Verhältnisse. Sollte die Mitgliedschaft bei der KPD ein Hindernisgrund für die Berufung der Genossin Torhorst sein, so wäre das eine gefährliche Diskussion. B e s c h l u ß : 1.) Nach einer nochmaligen Überprüfung der Beschlüsse des Sekretariats wird die Aufhebung des Beschlusses der Berufung des Genossen Böhme als Volksbildungsminister einstimmig beschlossen.2.) Die Genossin Torhorst wird vorbehaltlich ihrer Zustimmung einstimmig als Volksbildungsminister vorgeschlagen.[…]

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Bezirksparteiarchiv der SED Erfurt, IV/L/2/3-031, Bl. 103r-107r (ms. Ausfertigung).

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