Nr. 291
28. April 1947

Schreiben des Umsiedlerausschusses Paulinzella an Louise Paul als Protektorin des Kinderheimes Paulinzella zu den aus dem Schloss an Neubürger vergebenen Möbeln

Paulinzella, den 28. April 1948

Umsiedlerausschuss
der Gemeinde P a u l i n z e l l a Herrn Minist. Dr. Hossinger zur Klärung der Rechtslage L. Paul
An den
Protektor des Kinderheimes PaulinzellaFrau P a u ldch. D. Sekretariat des HerrnMinisterpräsidenten Dr. P a u l W e i m a r

Betr.: Instandsetzung des Kindererholungsheimes Paulinzella.

Am 3. ds. Mts. brachte die Heimleiterin des neu zu errichtenden Kindererholungsheimes in Paulinzella folgendes Schreiben zum Aushang, das wir Ihnen zu Ihrer Orientierung wörtlich wiedergeben:
„Das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr – Amt für Arbeit und Sozialfürsorge – hat mich als Heimleiterin des Kindererholungsheimes Paulinzella, welches unter dem Protektorat der Gattin des Ministerpräsidenten Dr. Paul stehen soll, angestellt. Es handelt sich hier um Kinder – wahrscheinlich von 5-14 Jahren – die nach ärztlichem Befund für erholungsbedürftig ausgesucht werden und sich hier auf 4-6 Wochen erholen sollen. Niemals kommen hier tuberkulöse oder gar schwer erziehbare Kinder her, hierfür sind andere, abseitsgelegene Heime ausgesucht. Für mich ist es nun unmöglich, in diesem völlig ausgeplünderten Schloss gemütliche Schlaf- und Wohnräume herzurichten. Ich bitte daher die Bevölkerung mit Rücksicht auf unsere Jugend – es handelt sich doch nur um die Ärmsten der Armen – alle ausgeborgten Gegenstände umgehend zum Schloss zurückzubringen. Da das Haus wieder belegt wird, muss Staatseigentum auch wieder aus den Privathaushaltungen zurückgeholt werden. Bei Nichteinsicht muss ich den mir vorgeschriebenen Weg einschlagen und die bereits vorliegenden Adressen melden. Um diesen unliebsamen Behördengang zu meiden, bitte ich die Dorfbewohner, verständnisvoll meine Bitte zu beachten.
gez. H e r m a n n
Heimleiterin.“
Zur Klärung der Sachlage diene Ihnen folgende Ausführung:
Die kleine Waldgemeinde Paulinzella zählt zurzeit 207 Einwohner, darunter fallen 70 Ostumsiedler und 10 Westevakuierte. Demnach beläuft sich die Ansiedlung von Neubürgern in dieser Gemeinde auf rund 38,6 %, während die anderen Gemeinden durchschnittlich nur 31 % aufweisen. Bedingt durch diesen verhältnismässig hohen Prozentsatz ist natürlich im Hinblick auf die niedrige Alteinwohnerzahl die Not der Flüchtlinge in Bezug auf Betten, Möbel, Hausrat usw., usw.Als seinerzeit nach dem Zusammenbruch Deutschlands das Schloss geräumt wurde, übergab die derzeitige Heimleitung das Schloss als herrenlos der Bevölkerung zur Ausräumung. Die schönsten und wertvollsten Gegenstände wurden unkontrollierbar nach auswärts abtransportiert, der minderwertigere Rest verblieb der Gemeinde. Der damalige Bürgermeister, Herr Krausse, übernahm dann in seiner Eigenschaft als Ortsvorsteher bei seinem Amtsantritt die inventarmässige Verwaltung des Schlosses.Als dann im Jahre 1945 die ersten, und in kurzen Zeitabständen weitere Flüchtlinge hier in Paulinzella eintrafen, stand die Gemeinde vor dem örtlich unlösbaren Problem der ausreichenden Hausratsbeschaffung für dieselben. Bürgermeister Krausse ergriff dann die Initiative und half mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, wo er nur konnte. Er gab an diese Leute, die zum größten Teil nichts weiter als ihr nacktes Leben aus dem Chaos des vernichteten Hitlerdeutschlands davongetragen hatten, die im Schloss derzeitig nutzlos herumstehenden Betten, Stühle, Tische, Schränke usw. Über den Bestand der Mobilien wurde nun seitens der Bürgermeisterei nach der Inventaraufnahme ein einwandfreier Nachweis geführt.Dank der Tatkraft des damaligen Bürgermeisters wurde den um Heimat, Haus und Hof Gekommenen hier eine menschenwürdige Behausung zuteil, so dass sie, die bis dahin ruhelos umhergetriebenen, endlich zur Ruhe und zur Empfindung des Friedens kamen. Gestärkt in dem Bewusstsein des Verständnisses für unsere Notlage und der Mithilfe der eingesessenen Bevölkerung gingen wir Umsiedler ausnahmslos freudig daran, unseren Teil zum Wiederaufbau eines neuen Deutschlands im Sinne der Demokratie beizutragen.Es ist uns ein Herzensbedürfnis, Ihnen einmal an dieser Stelle zu sagen, wie dankbar wir Umsiedler es immer wieder empfinden, wenn seitens der Landesregierung, der Partei und anderer Organe so verständnis- und einsichtsvoll auf die Not – und mitunter auf das jammervollste Elend der Flüchtlinge eingegangen wird. Es ist ein erhebendes Gefühl der Genugtuung, wenn wir es erleben dürfen, das die vorgenannten Stelen immer wieder bei der Bevölkerung um Einsicht, Mitgefühl und tatkräftige Mithilfe zur Verbesserung unseres Loses werben.In diesem Sinne wenden wir uns nun vertrauensvoll an Sie und bitten Sie darauf hinzuwirken, dass man uns die Betten, Stühle, Tische und Schränke, – die ja doch nur einen ganz minimalen Prozentsatz der benötigten Einrichtung ausmachen würden – und damit die durch diese Mobilien errungene menschenwürdige Lebensmöglichkeit lässt. Wir bitten um Genehmigung zum käuflichen Erwerb dieser Gegenstände und möchten hierbei ausdrücklich betonen, dass die sich zurzeit in unserem Besitz befindlichen Mobilien nicht, wie von Frau Hermann in dem Aushang angegeben, von uns geplündert, sondern durch den Bürgermeister gegen Quittungsabgabe verteilt wurden. Andererseits verkennen wir nicht die zeitbedingten Schwierigkeiten, mit denen die Heimleiterin zu kämpfen hat und sind daher gern dazu bereit, sie in allen Arbeiten, bei denen sie unsere Hilfe brauchen kann, tatkräftig zu unterstützen. Mit dem Erlös aus dem Verkauf dieser Sachen könnten wir dann ja auch indirekt zur Verschönerung und Inneneinrichtung des neuen Heimes beitragen, was wir gern und freudig tun, da diese Einrichtung letztenendes ja wieder auch unseren und den Kindern unserer Schicksalsgenossen zugute kommt.Wir appellieren nun an Ihr Mitgefühl und Verständnis für unsere Notlage und hoffen, keine Fehlbitte getan zu haben, zumal Sie ja sicher die Möglichkeit haben, mit der Herstellung der erforderlichen Inneneinrichtung – wir denken an die Massenherstellung von Lagerbetten, Tischen, Stühlen usw. – eine Möbelfirma zu beauftragen, während wir im Falle einer zwangsweisen Abnahme mit unseren Frauen und Kindern wieder einmal vor dem Nichts stehen und nicht wissen würden, wo wir schlafen, wo sitzen und woran wir essen sollten.Eine Durchschrift dieses Schreibens geht dem Kreis- bezw. Landessekretär für das Flüchtlingswesen zur Kenntnisnahme zu.Im Vertrauen zu Ihnen und im Glauben an Ihre Hilfe sehen wir Ihrem Entscheid erwartungsvoll entgegen.
Mit sozialistischem Gruß!
Der Umsiedlerausschuss der GemeindeP a u l i n z e l l a [ Unterschriften ] Stellungnahme des Ortsgruppenleiters der Sozialistischen Einheitspartei : Ich befürworte hiermit, dass die aus dem Schlosse an Neubürger und Westevakuierte ausgegebenen Möbel diesen auch weiterhin zur Verfügung gestellt oder nach Möglichkeit käuflich übereignet werden, da diese Menschen doch alles verloren haben. Für die Bereitstellung der lebensnotwendigen Haushaltungsgegenstände fühlten wir uns moralisch verpflichtet und haben auch dementsprechend gehandelt.
Paulinzella, den 28. April 1947
Ortsgruppenleiter. [Stempel] [ Unterschrift ]
Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 1074, Bl. 214r-215r (ms. Ausfertigung mit hs. Einträgen).